Hochzeitsnacht mit dem Ex

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„Sieh mal einer an, Annie Langley. Und ich dachte, ich bin dich für immer los.“ Seine Worte schneiden wie ein Messer. Natürlich hat Annie nicht erwartet, dass ihr Ex, der Selfmade-Milliardär Theo Leonidas, sich freut, sie zu sehen. Dazu war das Ende ihrer Liebe zu schmerzhaft – für sie beide. Aber sie will ihm einen geschäftlichen Vorschlag machen, um den Konkurs ihres Vaters abzuwenden. Und bekommt am nächsten Tag Theos Angebot. Unter ungeheuerlichen Auflagen! Ja, er hilft ihr. Aber nur, wenn sie ihn heiratet, Flitterwochen und spätere Scheidung inklusive …


  • Erscheinungstag 21.07.2026
  • Bandnummer 2762
  • ISBN / Artikelnummer 9783751541978
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Clare Connelly

Hochzeitsnacht mit dem Ex

PROLOG

Der Hunger war unbeschreiblich. Theodoros Leonidas würde sich wohl nie an das nagende Gefühl gewöhnen, das ihn – bis auf wenige Ausnahmen – seit dreizehn Jahren und damit praktisch sein ganzes Leben begleitete. Es schien ihn von innen heraus zu zerfressen und ließ, obwohl er vollkommen kraftlos und erschöpft war, eine erlösende Bewusstlosigkeit nicht zu.

Theo kauerte in einer geschäftigen Straße von Athen, während die Leute einfach an ihm vorbeiliefen, als wäre er unsichtbar. Niemand beachtete den abgemagerten, schmuddeligen Straßenjungen mit dem eingefallenen Gesicht und der zerschlissenen Kleidung.

Doch sein Blick war wachsam. Und obwohl er vor Hunger kaum einen klaren Gedanken fassen konnte, verstand Theo, was er sah.

Das Elend. Die soziale Ungerechtigkeit. Die wachsende Schere zwischen Arm und Reich.

Jeden Tag beobachtete er, wie sich die wohlhabendsten Mitglieder der Gesellschaft in einem nie enden wollenden Strom durch die Straßen schoben, bevor sie durch die Drehtüren eines der vielen Luxushotels der Stadt verschwanden. Innerlich verfluchte er jeden Einzelnen von ihnen. Wieso musste er unter diesen Bedingungen leben, während andere immer mehr Reichtum anhäuften?

Trotzdem war es besser als die Alternative. Theo war in wechselnden Pflegefamilien aufgewachsen, und obwohl die meisten davon es gut mit ihm gemeint hatten, wollte er nie wieder dahin zurück. Ihm war bewusst, dass er als „schwierig“ galt – es war ihm in der Vergangenheit oft genug gesagt worden. Mit seiner mürrischen, abweisenden Art hatte er sich schon oft genug Ärger eingehandelt. Doch wenn er zwischen einem fremden Zuhause auf Zeit und einem Leben auf der Straße wählen müsste, würde er sich immer für Letzteres entscheiden.

Selbst wenn er deshalb Hunger leiden müsste.

Theo schloss die Augen und versuchte, die Außenwelt so gut es ging auszublenden. An Schlaf war nicht zu denken – dafür war er viel zu hungrig. Nach Sonnenuntergang würde er sich auf den Weg machen und irgendwo etwas zu essen mitgehen lassen. Nur so viel, dass er die Nacht überstand. Ihm blieb keine andere Wahl. Er war völlig auf sich allein gestellt.

1. KAPITEL

Annie Langley verharrte im Eingangsbereich der schicken Bar und lugte durch die schweren Samtvorhänge. Der Mann, nach dem sie Ausschau hielt, hätte früher keinen Fuß hier hineingesetzt, aber fünf Jahre waren eine lange Zeit. Mittlerweile besuchte Theo die Bar, die zu den angesagtesten Hotspots in ganz Sydney gehörte, angeblich häufiger, wenn er in Australien auf Geschäftsreise war. Und tatsächlich – da saß er, allein in einem Separee im hinteren Bereich der Bar. In einem anderen Leben hatte Theo Luxus jeder Art verabscheut. Damals, als sie noch jung und „verliebt“ gewesen waren, bestellte er lieber Essen vom Lieferdienst, und sie verbrachten den Abend auf dem Sofa in seinem Apartment. Annie war klar gewesen, dass ihre überfürsorglichen Eltern die Beziehung zu Theo niemals gutheißen würden – er war älter und erfahrener als sie und hatte sogar eine Zeitlang auf der Straße gelebt. Es kam ihr also ganz gelegen, dass Theo einen weiten Bogen um teure Restaurants und dergleichen machte. Da sie so weder von Paparazzi fotografiert noch von Freunden und Bekannten aus gehobenen Kreisen gesehen wurden, konnten sie ihre Beziehung geheim halten.

Nun, die Zeiten hatten sich geändert.

Beim Gedanken an die einschneidenden Veränderungen der letzten Jahre wurde Annie schwer ums Herz. Nach dem Tod ihrer Mutter war ihr Vater in eine tiefe Depression gestürzt. Da er sich nicht mehr ums Tagesgeschäft kümmern konnte, war Annie ins Familienunternehmen eingestiegen – mit katastrophalen Folgen. Deshalb war sie einmal um die halbe Welt geflogen: um dem Mann gegenüberzutreten, mit dem sie einst den Rest ihres Lebens verbringen wollte.

Zumindest, bis sie mit ihm Schluss gemacht und sich geschworen hatte, nie wieder ein Wort mit ihm zu wechseln.

Annie versteckte sich hinter der Schlange, die sich am Eingang gebildet hatte. Während die betuchten Gäste darauf warteten, zu ihrem Tisch gebracht zu werden, nahm Annie all ihren Mut zusammen. Sie musste über ihren Schatten springen – daran führte kein Weg vorbei.

Ohne fremde Hilfe drohte dem Unternehmen der Bankrott. Alles, was ihre Eltern sich dank jahrzehntelanger harter Arbeit aufgebaut hatten, wäre mit einem Schlag zunichtegemacht. Und das ihretwegen.

Annie spürte einen Kloß im Hals, aber sie schluckte ihn herunter. Sie musste gleich stark und selbstbewusst auftreten und durfte keine Schwäche zeigen. Auch wenn sie jeden Grund hatte, traurig zu sein.

Die Hände zu Fäusten geballt, blickte sie auf ihre bewegte Geschichte zurück. Alles begann an dem Tag, als Theo nebenan eingezogen war. Als Annie ihn mit gerade mal elf Jahren zum ersten Mal vom englischen Rasen ihres Vorgartens aus erspähte, stieg er ins Auto der Nachbarn, die ihn als Pflegekind bei sich aufgenommen hatten. Von da an war es um sie geschehen. Sie hatte sich hoffnungslos in ihn verknallt.

Ihre Welt drehte sich nur noch um Theo. Einerseits sehnte sie sich nach seiner Aufmerksamkeit, andererseits ging sie ihm aus dem Weg und himmelte ihn vorwiegend aus der Ferne an. Denn wann immer er sie ansprach, brachte sie kaum ein Wort heraus. Zum ersten Mal in ihrem noch jungen Leben war ihr etwas wichtiger als die Meinung ihrer Eltern. Tagsüber dachte sie an ihn, nachts träumte sie von ihm.

All das war furchtbar lange her. Erst viel, viel später, an ihrem einundzwanzigsten Geburtstag, erwiderte Theo ihre Gefühle. Als Annie ihn um ein Geschenk für ihr jüngeres Ich bat – einen einzigen Kuss ... So begann das turbulenteste, aufregendste und glücklichste Jahr ihres Lebens. Zum ersten Mal fühlte Annie sich gesehen. Theo liebte sie, so wie sie war – und nicht die Maske, die sie für die Außenwelt aufsetzte.

Damals versprach er ihr, immer für sie da zu sein. Er war ihr Rettungsanker. Ihr Fels in der Brandung.

Das war der Mann, in den sie sich verliebt hatte. Und ihn wollte sie heute Abend um Hilfe bitten. Nicht den Mann, den sie zuletzt am Tag ihrer Trennung gesehen hatte. Schaudernd dachte Annie an jenen Morgen zurück. An Theos eiskalten Blick, als sie ihm verkündete, ihre Beziehung sei vorbei. An die schrecklichen Dinge, die er ihr an den Kopf geworfen hatte, bis sie wie ein Häufchen Elend vor ihm stand.

Allein beim Gedanken daran wollte sie vor Scham im Erdboden versinken.

Trotz weicher Knie schob sie sich an der Menschentraube vorbei, strich sich nervös das champagnerfarbene Cocktailkleid zurecht und näherte sich langsam seinem Tisch.

Das hier war ihre Welt. Annie stammte aus einem wohlhabenden Elternhaus und genoss seit ihrer Kindheit viele Privilegien, die anderen verwehrt blieben. Ihre Mitschüler an der renommierten Privatschule im Ausland, die sie bis zu ihrem Abschluss besucht hatte, gehörten allesamt ebenfalls zur Oberschicht. Trotzdem hatte Annie sich in diesen Kreisen nie wohl gefühlt. Sie kam sich vor wie eine Schauspielerin, die in die Rolle der reichen Erbin schlüpfte, weil es von ihr erwartet wurde.

Mit Theo war es anders, flüsterte eine leise Stimme in ihrem Kopf. Plötzlich spulte sich ein Film vor ihrem geistigen Auge ab, in dem Annie sich in ausgebeulter Jogginghose und Theos viel zu großem T-Shirt an ihren Freund kuschelte, auf dem Wohnzimmertisch Essen vom Lieferdienst, im Fernsehen irgendein seichter Actionfilm. Sie hatten einfach Zeit miteinander verbracht, ohne Erwartungen und ohne Druck. Als wären sie wie jedes andere unbeschwerte, verliebte Pärchen. Bei Theo konnte Annie sie selbst sein – anders als zu Hause. Seit sie klein war, überwachten ihre Eltern sie mit Argusaugen, als lauerte der Tod hinter jeder Ecke. Hätten sie jemals Wind davon bekommen, dass Theo ihre geliebte Tochter regelmäßig zum Jetskifahren, Klettern und Paragliding einlud, wären sie vermutlich in Ohnmacht gefallen.

Sein Tisch war nur noch wenige Schritte entfernt. Annie nahm noch einmal all ihren Mut zusammen und holte tief Luft, als Theo plötzlich von den Unterlagen vor sich aufsah. Ihre Blicke trafen sich, und die Zeit schien für einen Augenblick stillzustehen. Mit einem gewaltigen Ruck hörte die Erde auf, sich zu drehen. Das Universum stürzte in sich zusammen – es gab nur noch sie und ihn. Plötzlich wollte Annies Körper ihr nicht mehr gehorchen, also blieb ihr nichts anderes übrig, als stehenzubleiben.

Wie durch einen Schleier beobachtete sie, wie der Mann aus ihrer Erinnerung sich vor ihren Augen in sein heutiges Ich verwandelte. Theo war nicht sichtlich gealtert, aber seine markanten Züge hatten eine ungewohnte Härte angenommen. Sein Blick wirkte kalt, fast zynisch, und seine dunkelgrauen Augen waren beinahe schwarz. Nach einer gefühlten Ewigkeit verzog er höhnisch den Mund, als wäre sie ihm kein Lächeln wert.

Annie rief sich ins Hier und Jetzt zurück. Sie konzentrierte sich auf ihr Ziel und setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen, bis sie endlich an seinem Tisch angelangt war. Theo trug einen Anzug ohne Krawatte, das Jackett hatte er sorgfältig auf dem samtenen Hocker neben sich abgelegt. Die oberen zwei Knöpfe seines Hemds waren aufgeknöpft und die Ärmel bis zum Ellenbogen hochgekrempelt. Annies Blick blieb erst an seiner gebräunten Haut und dem Ansatz dunkler Brusthaare hängen, bevor er zu seinen muskulösen Unterarmen glitt. Sie hatte fast vergessen, wie gut gebaut er war.

Von sich selbst erschrocken, wandte sie rasch den Blick ab.

„Sieh mal einer an, Annie Langley“, begrüßte Theo sie nonchalant. Der vertraute Akzent ließ ihr Herz augenblicklich schneller klopfen. Falls er überrascht war, sie zu sehen, zeigte er es nicht. Seine Gesichtszüge verrieten keine Regung. „Und ich dachte schon, ich bin dich für immer los.“

Die Worte versetzten ihr einen Stich ins Herz. „Furchtbar“ wurde der Trennung nicht einmal ansatzweise gerecht, aber im Moment wollte Annie gar nicht so genau darüber nachdenken. Die Entscheidung war ihr damals unheimlich schwergefallen, und der darauffolgende Streit gehörte mit Sicherheit zu den schlimmsten Erfahrungen ihres Lebens.

„Schön, dich zu sehen“, presste sie mit krächzender Stimme hervor, die größtenteils in der dröhnenden House-Musik aus den Lautsprechern unterging.

Theo musterte sie eindringlich. „Das kann ich leider nicht zurückgeben“, erwiderte er.

Annie straffte die Schultern und reckte das Kinn vor, um ihre wachsende Unsicherheit zu überspielen. „Ähm, wie dem auch sei ... Hast du kurz Zeit?“

Theo starrte sie an, die Lippen fest zusammengepresst. Was, wenn er Nein sagt? Gut möglich, auch wenn Annie den Gedanken daran bis jetzt bewusst ausgeblendet hatte. Sie wollte sich nicht ausmalen, welche Folgen es hätte, wenn ihr Plan scheiterte und Theo ihr das Gespräch verweigerte.

„Ich warte auf jemanden“, sagte er barsch und warf einen Blick auf seine goldene Armbanduhr.

„Es dauert wirklich nicht lange“, beteuerte Annie, und da ihr in ihrer Verzweiflung eigentlich nichts anderes übrigblieb, rutschte sie ungefragt auf die Sitzbank ihm gegenüber – was sie sofort bereute, als sich ihre Knie berührten und ihr Puls augenblicklich in die Höhe schnellte. Schlagartig fühlte sie sich in die Vergangenheit zurückversetzt. Sie war wieder einundzwanzig, eine verliebte junge Frau, die sich mit jeder Faser ihres Körpers nach diesem Mann sehnte, aber nie die Gelegenheit dazu bekommen hatte, ihr Verlangen zu stillen.

Er verzog die Lippen zu einem süffisanten Lächeln und winkte eine Kellnerin in weißer Seidenbluse und schwarzer Stoffhose an den Tisch.

Theo deutete auf sein Glas. „Noch einen Scotch und was auch immer die Lady möchte.“ In seiner Betonung schwang so viel Verachtung mit, dass Annie augenblicklich der Kopf schwirrte.

„Selbstverständlich. Was darf ich Ihnen bringen, Ma’am?“

Annie wollte schon dankend ablehnen, doch vielleicht war es gar keine schlechte Idee, sich ein wenig Mut anzutrinken. „Ähm, ein Glas Weißwein.“

„Sauvignon Blanc?“

„Warum nicht“, antwortete Annie schnell. Es war ihr völlig egal.

Als Theo einen bestimmten Jahrgang vorschlug, schenkte ihm die Kellnerin ein strahlendes Lächeln. „Exzellente Wahl, Sir.“

Annie hätte am liebsten mit den Augen gerollt, verkniff es sich aber. Sie war auf Theos Hilfe angewiesen und wollte ihn auf keinen Fall verärgern. Wie immer, wenn sie nervös war, warf sie die langen dunklen Haare über die Schulter und strich sich die seidig glänzenden Locken zurecht, die sie sich nur für diesen Anlass gedreht hatte. Sie verschränkte die Finger fest im Schoß, während Theo sie aufmerksam musterte.

„Also, was führt dich nach Sydney, Annie?“, fragte er mit ausdrucksloser Stimme. „Bist du zufällig hier?“

„Nein“, gab sie zu. „Ich versuche schon seit Längerem, dich zu erreichen. Hast du meine Nachrichten und E-Mails nicht bekommen?“

Wieder kräuselte er die vollen Lippen, die sie früher um den Verstand gebracht hatten.

„Doch.“

Ihr wurde schwindlig. Er hatte sie absichtlich ignoriert. „Oh, verstehe.“

„Vielleicht hast du vergessen, dass du dich nie wieder bei mir melden solltest?“

„Ich weiß“, flüsterte sie und räusperte sich. „Aber ich weiß auch, dass du mir versprochen hast, immer für mich da zu sein.“

Für den Bruchteil einer Sekunde blitzte etwas in seinen Augen auf – Reue? Sorge? Anteilnahme? –, aber es war so schnell wieder verschwunden, dass Annie es sich vermutlich nur eingebildet hatte.

„Das ist lange her.“

„So lange nun auch wieder nicht“, antwortete Annie schnippisch, als die Kellnerin ihnen die Getränke brachte. Dankbar für die Ablenkung nippte Annie an ihrem Wein.

„Eine Ewigkeit.“

„Knapp sechs Jahre.“

Theo zog eine Augenbraue hoch. „Hast du unserem letzten Gespräch etwas hinzuzufügen? Bist du deshalb hier?“

„Nein“, antwortete sie kleinlaut und senkte den Blick. Es gab nichts mehr zu sagen. Annie hatte sich von ihm getrennt, weil ihre Eltern darauf bestanden hatten. Theo war außer sich gewesen, wollte um ihre Beziehung kämpfen, aber Annie hatte ihn abblitzen lassen. Sie waren nicht im Guten auseinandergegangen, ganz im Gegenteil.

Annie nahm noch einen nervösen Schluck von ihrem Wein, auch wenn sie den erlesenen Geschmack kaum würdigen konnte.

„Worum geht es dann? Wie schon gesagt, ich erwarte jemanden. Und es wäre mir ganz recht, wenn sie uns nicht zusammen sieht.“

Sie.

Annie ignorierte das bohrende Gefühl in ihrer Magengrube.

Natürlich wusste sie, dass Theo sich regelmäßig mit Frauen traf. Man brauchte nur die Zeitung aufzuschlagen, um alles über ihn zu erfahren. Theodoros Leonidas zählte zu den reichsten Männern der Welt. Als international erfolgreicher Unternehmer realisierte er spektakuläre Bauprojekte – von Sydney über Dubai bis hin zu Shanghai oder Paris – und trieb Innovationen in der Technologiebranche voran. Wie hatte er es geschafft, aus dem nicht unbeträchtlichen Erbe seiner Pflegeeltern ein globales Imperium aufzubauen?

Auch darauf kannte Annie die Antwort nur aus der Presse.

Denn für jedes Foto, das ihn mit einer bildhübschen Begleitung an seiner Seite zeigte, gab es mindestens einen Bericht über den skrupellosen Geschäftsmann, der sich mit offensiven Verhandlungsstrategien und wirtschaftlichem Kalkül den Weg an die Spitze erkämpft hatte.

Dann hat er eben eine Verabredung. Na und? Das ging Annie überhaupt nichts an. Sie war aus rein geschäftlichen Gründen hier.

„Ich habe ein Angebot für dich“, stieß sie hervor und nahm noch einen großen Schluck Wein.

„Verstehe“, antwortete er mit spöttischem Unterton. „Dabei war ich der Auffassung, ich hätte dir nichts zu bieten.“

Annie zuckte kurz zusammen. „Vielleicht sollten wir die Vergangenheit ruhen lassen.“

Er nickte stumm, und Annie fuhr fort: „Es geht um eine ... Investitionsmöglichkeit.“

Theo lachte höhnisch auf. „Danke, aber ich komme in dieser Hinsicht sehr gut allein zurecht.“

Selbst wenn er wüste Beschimpfungen in Großbuchstaben auf die Tischplatte kritzeln würde, könnte er nicht deutlicher machen, wie sehr er sie hasste.

Vermutlich hatte sie es ein klein wenig verdient. Annie konnte jeden seiner ausgesprochenen und unausgesprochenen Vorwürfe von damals nachvollziehen. Sie hatte sich gegen ihn und für ihre Familie entschieden, was in seinen Augen ein unverzeihlicher Vertrauensbruch war. Allerdings verstand er ihre wahren Beweggründe nicht. In seinen Augen hatte Annie sich getrennt, weil sie und ihre Eltern sich für etwas Besseres hielten und Theo, der bis ins Jugendalter in bitterer Armut aufgewachsen war, nicht zum gehobenen Lebensstil der Langleys passte. Während einige von Annies Freundinnen vielleicht diese Sichtweise teilten, hatte Geld nichts damit zu tun. Nein, ihre Eltern wollten Annie um jeden Preis beschützen und vor jeglichem Unheil bewahren, bevor es zu spät war. Und damit das tun, woran sie in ihren Augen bei Annies Schwester Mary gescheitert waren.

„Aber ich brauche deine Hilfe.“

„Was denn nun? Geht es um ein Angebot oder um Almosen?“

Sie hatte sich ein wenig mehr Mitgefühl erhofft, doch sein Ton blieb eiskalt.

„Beides.“

„Ach ja? Dann schlage ich vor, du redest nicht länger um den heißen Brei herum und erklärst endlich, worum es geht. Aber komm schnell zum Punkt. Sobald mein Date hier ist, ist unser Gespräch beendet.“

Annie kam sich wieder vor wie die unbeholfene Teenagerin, die den hübschen Nachbarsjungen angeschmachtet hatte. Sie wandte den Blick ab und schluckte schwer. Theos sarkastischer Unterton traf sie härter, als sie zugeben wollte. Da sie ihm kaum in die Augen sehen konnte, schaute sie auf einen Punkt knapp über seiner rechten Schulter.

„Ich bin auf der Suche nach einem Investor für fünfundvierzig Prozent der Anteile am Unternehmen meiner Eltern.“

Annie konzentrierte sich weiter auf die Stelle hinter ihm und merkte deshalb überhaupt nicht, wie Theos Blick sich verdunkelte und er seinen Drink so fest umklammerte, bis seine Knöchel weiß wurden. Doch sie konnte einfach nicht hinsehen. Das triumphierende Glänzen in seinen Augen, wenn er von ihrem Scheitern erfuhr, gäbe ihr endgültig den Rest.

„Das Unternehmen hat schon bessere Zeiten gesehen, aber das Wachstumspotenzial ist enorm. Du bekämst die Anteile zu einem günstigen Preis und wir ...“ Müssten nicht Insolvenz anmelden.

Sie brauchte nur eine kleine Finanzspritze, mehr nicht. Und ein erfolgreicher Unternehmer wie Theo als Investor wäre genau der richtige Motivationsschub für das Team. In den letzten Monaten hatten reihenweise Führungskräfte das Unternehmen verlassen. Die Lage war auf die Dauer nicht tragbar.

Theo nippte an seinem Scotch und stellte das Glas betont langsam ab. „Ich kaufe aus Prinzip keine Firmenanteile“, sagte er schließlich. Da sah sie ihm in die Augen, und ihr Herz zog sich unangenehm zusammen.

„Ich weiß.“ Sie räusperte sich. „Aber ich dachte ...“

„Dass ich für dich eine Ausnahme mache? Und warum genau sollte ich das tun, Annie?“ Theo stützte die Ellenbogen auf den Tisch und lehnte sich leicht nach vorn. Wieder wurde ihr bewusst, wie groß und muskulös er war. Annie biss sich auf die Lippe. Früher hatte sie sich in diesen Armen so sicher und geborgen gefühlt – als wäre er ein Krieger, der sie vor jeder Gefahr beschützen würde, komme, was wolle.

„Lass mich raten: Weil wir vor einer halben Ewigkeit ein Verhältnis hatten und du der Auffassung bist, ich schulde dir irgendetwas?“

Annie zuckte angesichts dieser plumpen Beschreibung ihrer Beziehung kurz zusammen. „Wir ... wir waren mehr als das“, stammelte sie.

Wieder verzog er den Mund zu einem spöttischen Lächeln. „Wenn du meinst.“

Sie wollte ihm widersprechen, hatte jedoch den Verdacht, dass er sie absichtlich in eine Diskussion verwickeln wollte, um sie von ihrem eigentlichen Ziel für den heutigen Abend abzulenken.

„Hier sind die Geschäftsberichte der letzten Jahre.“ Annie schob ihm einen USB-Stick über den Tisch zu. „Das Passwort ist dein Geburtstag“, gab sie etwas verlegen zu. Es war ihr sehr wichtig gewesen, die Daten irgendwie zu schützen, falls sie in die falschen Hände gerieten, aber sie wollte nicht ihren eigenen Geburtstag als Passwort festlegen, falls Theo sich nicht daran erinnerte – sie wollte die Situation nicht unangenehmer machen, als sie ohnehin schon war.

„Danke, aber wie schon gesagt, ich kaufe grundsätzlich keine Firmenanteile. Das entspricht nicht meinem Geschäftsmodell.“

„So viel ist mir klar. Ich habe meine Hausaufgaben gemacht.“ Annie hatte nicht unvorbereitet in das Gespräch gehen wollen und sehr viel Zeit in die Recherche gesteckt.

„Anscheinend nicht besonders gründlich.“

„Sobald du dir die Unterlagen durchgelesen hast, wirst du erkennen, dass ich dir einen sehr guten Deal anbiete. Der Markt ist ...“

„Tut mir leid, aber meine Verabredung ist hier.“ Theo nahm sein Jackett und stand abrupt auf, wobei ihre Knie sich erneut für einen kurzen Moment berührten. Sofort rauschte Annie das Blut in den Ohren. Da Theo knapp zwei Meter groß war, war sie nun genau auf Augenhöhe mit seinem Schritt. Sie schnappte lautlos nach Luft und sah schnell weg. „Eigentlich würde ich sagen, dass es schön war, dich zu sehen – aber wir wissen beide, dass das gelogen wäre“, meinte er nüchtern und verschwand Richtung Eingangsbereich.

Dort begrüßte er eine Frau mit langen, seidig glänzenden blonden Haaren, die gerade hereingekommen war. Sie trug ein hauchdünnes Spitzenoberteil und einen Minirock aus Jeansstoff, der fast ihren Po entblößte.

Annie konnte förmlich dabei zusehen, wie sich Theos Körpersprache veränderte. Lächelnd zog er die Unbekannte zu sich, schloss sie in die Arme und küsste sie auf den Mund. Das Ganze dauerte nur wenige Sekunden, trotzdem hätte Annie gut damit leben können, wenn sie nie unfreiwillige Zuschauerin dieses Schauspiels geworden wäre. Die Fotos von Theo und seinen wechselnden hübschen Begleiterinnen, die sich wie Kletten an seine Seite hefteten, waren schlimm genug. Doch es war ein meilenweiter Unterschied zwischen Hochglanzmagazinen und dem echten Leben.

Aber sie durfte so kurz vorm Ziel nicht einfach aufgeben. Annie schnappte sich den USB-Stick, stürzte zum Ausgang, wobei sie geschickt mehreren Kellnerinnen auswich, und hastete Theo und seiner Freundin hinterher, die schon die Straße entlanggingen. Ohne nachzudenken, legte Annie ihm die Hand auf den Arm.

Theo warf einen kurzen Blick über die Schulter und runzelte die Stirn, als hätte er sie noch nie im Leben gesehen.

Annie schluckte den Schmerz darüber hinunter. Später im Hotelzimmer hätte sie mehr als genug Zeit, um sich ausgiebig in ihrem Elend zu suhlen und das gesamte Gespräch in seinen beschämenden Einzelheiten Revue passieren zu lassen. Aber nun musste sie zur Tat schreiten. Die Zukunft des Familienunternehmens lag allein in ihren Händen.

„Theo“, stieß sie atemlos hervor. „Sieh dir wenigstens an, was ich zusammengestellt habe. Ich bin noch zwei Tage in Sydney, meine Telefonnummer steht in den Unterlagen.“ Annie räusperte sich und wich verlegen dem Blick von Theos hübscher Begleitung aus. „Tu es für mich. Bitte.“

Theo musterte Annie eindringlich. Nach kurzem Zögern nahm er ihr wortlos den USB-Stick ab und ließ ihn in seiner Sakkotasche verschwinden.

„Mach’s gut, Annie.“

Annie sah den beiden noch eine Weile nach, bis sie hinter einer Häuserecke verschwunden waren. Ob sie wohl jemals wieder etwas von ihm hören würde?

2. KAPITEL

Theo hätte gut damit leben können, wenn er niemanden aus der Familie Langley je wieder zu Gesicht bekommen hätte. Annie war der größte Fehler seines Lebens – von denen es allerdings kaum welche gab. Theo vertraute anderen nicht leichtfertig. Außer ihr. Sie hatte ihm weismachen wollen, dass sie ganz anders war als die anderen – was ihr dank ihrer unerschütterlicher Beharrlichkeit schließlich auch gelungen war. Und so hatte Theo sie Stück für Stück näher an sich herangelassen.

Bei ihrer achtzehnten Geburtstagsparty hatte Annie ihn nach zu viel Champagner praktisch angefleht, sie zu küssen. Nur zufällig hatte Theo mitbekommen, dass eine ihrer hochnäsigen Freundinnen sie dazu angestiftet hatte – Bianca irgendwas, auf jeden Fall rothaarig. Wahrscheinlich fand die Clique es zum Schreien komisch, dass Annie sich hoffnungslos in den Straßenjungen von nebenan verknallt hatte, der nie zu ihrem elitären Zirkel gehören würde. Nein, jemand wie er wäre nie im Leben gut genug für Annie Langley.

Also hatte Theo dankend abgelehnt.

Sie war praktisch noch ein Kind, und er hatte kein Interesse daran, wie ein Zirkuspferd vorgeführt zu werden.

An ihrem einundzwanzigsten Geburtstag bat sie ihn wieder um einen Kuss. Diesmal sah die Sache schon anders aus. Annie war reifer und erfahrener, eindeutig nüchtern und sie waren allein. Mittlerweile war er der rechtmäßige Erbe seiner Pflegeeltern, die keine eigenen Kinder hatten – Mr. und Mrs. Georgiades waren so begeistert von Theos unternehmerischem Gespür, dass sie ihm ihr gesamtes Vermögen überschrieben hatten. Er war unabhängig und beruflich erfolgreich.

Also ließ er sich dazu hinreißen und küsste sie.

Mit ihrem ersten Kuss hätte ihre Geschichte enden sollen. Doch schon zu diesem Zeitpunkt konnte er einfach die Finger nicht von ihr lassen – auch wenn er sich dabei verbrennen würde. Denn aus irgendeinem Grund ließ Annie Langley ihn all seine Prinzipien über Bord werfen. Mit ihr wollte er mehr. Nähe. Liebe. Beständigkeit.

Theo hatte viel Erfahrung mit Frauen, aber mit Annie war es anders – sie war anders. Sie gab sich ihm und seinen Berührungen hin, ohne darüber nachzudenken, und folgte einfach ihrem Instinkt. Es grenzte an ein Wunder, dass sie – weder in jener Nacht noch sonst in ihrer einjährigen Beziehung – nie miteinander geschlafen hatten. Doch mit Annie fühlte sich das Warten richtig an.

Am Anfang wollte Theo die Beziehung strikt kontrollieren, so wie er jeden Aspekt seines Lebens kontrollierte. Er mochte Annie, aber sie durfte ihn auf keinen Fall von seinen ambitionierten beruflichen Zielen ablenken. Seine Entscheidungen trugen erste Früchte, das Unternehmen wuchs, und er wollte diesen Erfolgskurs fortsetzen. So viel schuldete er seinem jüngeren Ich.

Autor

Clare Connelly

Clare Connelly liebt Liebesromane – von Jane Austen bis E L James. Nachdem sie lange erfolgreich Selfpublisherin war, ging 2017 ihr Traum in Erfüllung, als ihr erstes Buch bei einem Verlag erschien. Seitdem ist sie nicht mehr zu stoppen. Clare liest und schreibt leidenschaftlich gerne, und lebt in einem kleinen...

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