In den Armen meines sexy Feindes

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Künstlerin Willow sollte Leo Stanhope hassen, nicht sich nach seinen Küssen verzehren! Schließlich will der reiche Grieche ihre Karriere sabotieren …


  • Erscheinungstag 16.07.2026
  • ISBN / Artikelnummer 9783751542272
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Leseprobe

Lucy King

In den Armen meines sexy Feindes

PROLOG

„Sie macht was?“

Leonidas Stanhope lehnte sich entgeistert in seinem Sessel hinter dem riesigen Glasschreibtisch zurück. Sein Magen zog sich zusammen und sein Kopf begann schmerzhaft zu pochen. Die Neuigkeit seiner jüngeren Schwester hatte wie eine Bombe eingeschlagen!

„Sie lässt sich malen“, wiederholte Daphne auf Griechisch und starrte durch das Fenster auf das von der Maisonne beschienene London hinunter. „Nackt. Für Lazlo. Als Geburtstagsgeschenk, sagte sie. Er wird nächste Woche siebzig.“

„Siebzig?“

„Ich weiß“, sagte Daphne. „Ich verstehe nicht, warum sie nicht einfach einen Geschenkgutschein für ihn besorgt hat.“

„Das wäre viel zu unspektakulär gewesen.“

Seine Schwester nickte zustimmend, und Leo schloss gequält die Augen. Er versuchte seit Jahren, die Flammen zu löschen, die die Skandale seiner Mutter entfachten, und zwar seit er nach dem plötzlichen Tod seines Vaters vor zwölf Jahren zum Haupt der Familie geworden war. Damals war er gerade neunzehn gewesen.

Würde das Drama, das diese Frau veranstaltete, denn nie enden? Sie wurde bald sechzig. Wann würde sie sich endlich ihrem gediegenen Alter entsprechend verhalten und ihm eine Atempause gönnen? Nicht so bald, wie es aussah.

„Ich dachte, sie und Lazlo hätten sich getrennt.“

Daphne wandte sich vom Fenster ab und ging zur anderen Seite des Schreibtisches. „Das war vor zwei Monaten“, sagte sie niedergeschlagen und ließ sich in den champagnerfarbenen Sessel fallen. „Inzwischen haben sie sich wieder vertragen. Sie meinte, der Sex habe ihr gefehlt.“

Leo zuckte zusammen.

Seine Schwester seufzte. „Das Porträt soll Teil einer Ausstellung für junge, aufstrebende Talente in der Tate Modern werden. In zwei Wochen. Drei Tage vor meiner Hochzeit. Ist das zu fassen?“

„Leider ja. Bei ihr nur zu sehr. Sie ist so mit sich selbst beschäftigt, dass ihr das schlechte Timing wahrscheinlich gar nicht aufgefallen ist.“

Daphnes dunkle Augen schimmerten verdächtig. „Ein gefundenes Fressen für die Klatschblätter. Lieber Gott. Jeder, der zu unserer Hochzeit kommt, wird darüber reden und sie anstarren. Als wäre das Outfit, das sie tragen will, nicht schon schlimm genug. Ich meine, weiß? Im Ernst jetzt? Ich glaube nicht, dass ich es ertragen kann, Leo, aber was soll ich tun? Ari hat sie angefleht, wenigstens einige Wochen zu warten, aber sie sagte, sie würde sich von einem Kellner keine Vorschriften machen lassen, und legte einfach auf.“

„Ich kanns mir vorstellen“, brachte Leo mit zusammengebissenen Zähnen hervor.

„Kannst du nicht etwas unternehmen?“

Natürlich konnte er das. Probleme zu lösen und Menschen zu beeinflussen, war Bestandteil seiner DNA, ob nun als CEO des Stanhope-Kallis Bank- und Reederei-Imperiums oder als ältester Sohn seiner großen, geliebten Familie.

Wichtiger aber war, dass er auf keinem Fall tatenlos mitansehen würde, wie seine Schwester litt. Die Tränen und der Schmerz, die sie zu verbergen versuchte, waren für ihn, als würde man ihm ein Messer ins Herz stoßen.

Daphne hatte so viel durchmachen müssen, um an diesen Punkt zu kommen. Vor acht Jahren, als sie gerade vierzehn gewesen war, hatte man bei ihr akute myeloische Leukämie diagnostiziert. Danach hatte sie mehr Zeit im Krankenhaus verbracht als außerhalb. Sie hatte Bluttransfusionen erhalten und gegen Infekte gekämpft, sie hatte Chemo- und Strahlentherapien mit den bekannten Nebeneffekten durchmachen müssen. Die ursprüngliche Prognose war nicht günstig gewesen, und dennoch hatte Daphne selbst in den zermürbendsten Zeiten nie ihre Zuversicht verloren.

Am Ende hatte sie die Krankheit gegen alle Erwartung besiegt, war seit drei Jahren in Remission und die Prognose klang sehr vielversprechend. Und jetzt hatte sie sich verliebt, und Leo würde nicht zulassen, dass irgendetwas ihren großen Tag überschattete! Ein Tag, von dem niemand zu hoffen gewagt hatte, er könnte je Wirklichkeit werden.

„Keine Sorge, Schwesterherz! Ich werde mich darum kümmern!“

1. KAPITEL

Unter der glitzernden Oberfläche des herrlich kühlen Wassers erreichte Willow Jacobs das Ende des Pools, vollzog eine gemächliche Rollwende und kam mit kaum einem Spritzer wieder hoch, um eine weitere Bahn zu kraulen.

Das Wasser wirkte wie ein flüssiges Schmerzmittel auf ihren Körper. Die Hitze der Sonne im frühen griechischen Sommer erwärmte ihre Haut wie Balsam. Die Anspannung in ihren Händen, Armen und Schultern ließ immer mehr nach. Die Schmerzen, die davon kamen, dass sie zu lange in derselben Haltung saß, lösten sich auf wie Wasserfarben im Regen.

Sie arbeitete seit fast einem Monat zehn Stunden am Tag, aber es machte ihr nichts aus. Wie könnte es das auch, wenn sie doch dabei war, das beste Gemälde ihres Lebens zu malen? Vom Moment an, da sie das Papier mit der Pastellkreide berührt hatte, waren die Linien wie von selbst gekommen und hatten Form angenommen, als hätten Willows Hände und Finger nicht bewusst etwas dazu beigetragen.

Sie wusste, dieser seltene, kostbare Zauber kam nicht von ihrer Umgebung, so luxuriös sie auch war. Und es lag auch nicht an einem plötzlichen Überschäumen ihres Talents, weil sie davon bereits mehr als genug besaß. Der Grund war ganz allein ihr Modell, eine ebenso faszinierende, reizende wie auch vollkommen egozentrische Frau.

Selene Stanhope war mit ihrem rabenschwarzen Haar und den dunklen Augen nicht nur außergewöhnlich schön. Sie besaß nicht nur einen atemberaubenden Körper, der nicht ahnen ließ, dass sie sechs Kinder zur Welt gebracht hatte, sie war auch eine prominente Griechin, die ein abenteuerliches, schillerndes Leben hinter sich hatte. Wenn sie sich nicht gerade über ihren ältesten Sohn beschwerte – dass er enttäuschend bieder und verklemmt sei und sein einziges Ziel im Leben es wohl sei, seiner Mutter jeden Spaß zu verderben –, gefiel es ihr, in Erinnerungen zu schwelgen.

Was für ein Jammer, dass das Porträt schon fast fertig ist, dachte Willow, während sie wieder wendete. Sie könnte Selenes Abenteuern bis in alle Ewigkeit lauschen – wilde Partys, Reisen zu privaten Inseln in der Karibik in der Gesellschaft schillernder Berühmtheiten …

Die Geschichten waren kühn, schillernd und leidenschaftlich, aber auch bittersüß, da sie Willow an ihre Mutter erinnerten, die vor zehn Jahren gestorben und das genaue Gegenteil von Selene gewesen war.

Doch das Beenden des Gemäldes bedeutete auch, dass sie bald bezahlt werden würde. Es bedeutete, sie würde es rahmen, verpacken und an die Ausstellung schicken. Ihr Werk in dieser prominenten Galerie würde aus einer unbekannten Malerin eine erfolgreiche Künstlerin machen. Es würde mehr und vielleicht sogar bessere Aufträge für Willow einbringen. Sie würde ihre Zeit freier einteilen können und dadurch besser mit der Krankheit fertigwerden, die ihr ganzes Leben beherrschte: Endometriose.

Ihre Zeit in der Villa in Kifissia kam also langsam zu ihrem Ende, und Willow würde immer dankbar sein, denn Selene hatte Interesse an ihr gezeigt und ihr eine Chance gegeben, obwohl Willow damals nur als Kellnerin unter vielen bei einem Londoner Event gejobbt hatte. Dank der Aufgeschlossenheit und der Verbindungen ihrer jetzigen Auftraggeberin lag nun eine sehr viel glänzendere und hoffnungsvollere Zukunft vor ihr. Nach all den schwierigen Jahren, in denen sie hatte lernen müssen, die monatlichen Schmerzen zu bewältigen und sich gleichzeitig einen Namen in der Kunstwelt zu machen, wurde endlich alles besser.

Als Willow diese Bedeutung zum ersten Mal richtig klar wurde, war ihre Erleichterung so groß, dass ihr schwindlig wurde. Sie holte im falschen Moment Luft, keuchte, hustete und schlug unruhig um sich. Dann tauchte sie kurz unter und wollte gerade wieder hochkommen, als sie plötzlich von einer Welle erfasst und abrupt von hinten gepackt und gegen etwas Hartes gerissen wurde.

Instinktiv wand sie sich und schlug und trat wild um sich, aber das Stahlband um ihre Taille ließ nicht locker.

„Lassen Sie mich los!“, keuchte sie. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, als ihr bewusst wurde, dass ein unbekannter Mann sie umfangen hielt.

„Halten Sie still!“, hörte sie eine tiefe männliche Stimme auf Englisch sagen, und Willow fiel ein leichter Akzent auf. „Sie sind in Sicherheit.“

Aber sie war auch ohne ihn in Sicherheit gewesen! „Lassen Sie mich sofort los!“, stieß sie atemlos hervor und wehrte sich heftig.

„Hören Sie auf, so zu zappeln. Sie machen alles nur schlimmer.“

Ich mache alles schlimmer?“

„Ich versuche, Sie vor dem Ertrinken zu retten.“

„Wieso? Ich bin nicht am Ertrinken!“

„Sie können von Glück sagen, dass ich gerade vorbeikam.“

Glück? Ha!

„Lassen. Sie. Mich. Los!“

Die Zähne wütend zusammengebissen, trommelte Willow auf seinen Unterarm ein, aber empört und auch ziemlich beunruhigt stellte sie fest, dass der dickköpfige Trottel sie einfach ignorierte. Er ließ noch immer kein bisschen locker, sosehr sie auch versuchte, ihm mit dem Ellbogen in die Seite zu stoßen. Stattdessen wurde sein Griff sogar noch fester – und nahm ihr die Luft zum Atmen, wie es der harmlose Schluck Wasser vorhin nicht getan hatte.

Aber vielleicht hatte er doch recht, was ihr Zappeln anging. Wenn sie den Kampf kurz aufgeben würde, um ihre Kraft zu schonen, und ihn seine völlig unnötige Rettungsaktion zu Ende führen ließe, wäre es viel schneller vorbei. Und das konnte nur gut sein.

Also gab Willow es auf, um sich zu schlagen, und ließ sich von ihm weiterziehen. „So ist es schon besser“, knurrte er daraufhin.

Aber Willow war sich da plötzlich gar nicht so sicher. Zwar konnte sie leichter atmen, aber ihr wurde bewusst, dass sie einem Mann noch nie so intim nahegekommen war wie jetzt ihrem unerwünschten Retter.

Natürlich war sie schon geküsst worden, immerhin war sie vierundzwanzig Jahre alt, aber weiter als das war sie nicht gegangen. Bei ihrem Zustand, hatte sie gehört, konnte Sex qualvoll sein, und sie musste auch so schon genug Schmerzen ertragen, ohne sich freiwillig noch mehr zumuten zu wollen. Noch war sie jedenfalls keinem Mann begegnet, für den sie das Risiko eingehen wollte.

Aber waren die Oberkörper aller Männer so hart? Alle Arme so unerbittlich? Jetzt hatte er seinen Griff geändert, und sie stieß zum Glück nicht mehr gegen ihn. Aber sie spürte seinen Atem an ihrer Wange, was sich ziemlich beunruhigend anfühlte, um es milde auszudrücken.

Zu ihrer Erleichterung erreichten sie gleich darauf den Poolrand. Kaum lockerte sich der Griff um ihre Taille, da löste Willow sich auch schon von dem Mann und hielt sich an der Einfassung fest. Sie holte tief Luft, wischte sich das Wasser aus dem Gesicht und drehte sich zu ihrem vermeintlichen Retter um, mehr als begierig zu erfahren, wer er war und was er sich eigentlich dabei gedacht hatte.

Doch bei seinem Anblick blieben ihr die Worte im Hals stecken, ihr Herz setzte einen Schlag aus und ihr fiel es schon wieder schwer zu atmen. Seine Augen hatten den Ton von ungebrannter Umbra und seine Haut schimmerte in einem wundervollen Bronzeton. Beides waren Kennzeichen einer mediterranen Herkunft, und sein Gesicht wies eine Knochenstruktur auf, die Michelangelo vor Entzücken zum Weinen gebracht hätte. Sein Haar war lampenschwarz mit einem Hauch von Ocker. Er sah unglaublich gut aus – und sehr ernst. Genau wie seine Mutter ihn beschrieben hatte.

Denn dass es sich bei ihrem übereifrigen Retter um Leonidas Stanhope handeln musste, daran gab es keinen Zweifel.

Selene hatte ihr erzählt, wie sehr er das Porträt missbilligen würde, wenn er davon wüsste, und Willow fragte sich mit ängstlich klopfendem Herzen, wessen Freude er diesmal vergällen wollte?

Während Willow offensichtlich verärgert aus dem Pool kletterte, schüttelte Leo sich das Wasser aus dem Haar und hievte sich mit einer einzigen kräftigen Bewegung aus dem Pool, noch immer benommen von den Ereignissen der letzten fünf Minuten.

Er war vor einer Viertelstunde in der Villa in einem der exklusivsten und teuersten Vororte von Athen angekommen. Sofort nachdem Daphne gestern sein Büro verlassen hatte, war er in Aktion getreten. Doch der Direktor der Tate Modern hatte nicht wunschgemäß auf seine Forderung, die Ausstellung abzusagen, reagiert. Da weder Lazlo noch seine Mutter seine Anrufe annehmen wollten, blieb ihm nur noch, sich direkt an die Künstlerin zu wenden, und so hatte er den Familienjet bestellt und war heute Morgen von London aus herübergeflogen.

Selene hatte ihm mitgeteilt, dass Willow auf der Terrasse sein musste, und so war er hinausgegangen und hatte sie im Pool entdeckt. Und dann war sie plötzlich mitten im Pool untergegangen, und er hatte alle Zweifel vergessen und war seinem Instinkt gefolgt, um ein Menschenleben zu retten.

Leo bereute nichts, sosehr Willow auch darauf bestanden hatte, seine Hilfe gar nicht zu brauchen. Im Geschäftsleben mochte er ja skrupellos sein, und auch jetzt war er entschlossen, die Bedrohung auszuschalten, die diese Frau für Daphnes Glück darstellte, aber er würde natürlich nie so weit gehen, einen Menschen ertrinken zu lassen.

Allerdings bedauerte er seinen jetzigen Zustand – nass bis auf die Haut und ohne Schuhe und Jacke, die er ausgezogen hatte, bevor er ins Wasser gesprungen war. Das Hemd klebte an seiner Haut, die Hose schmiegte sich an seine Schenkel, sodass er alles andere als das Bild eines beherrschten, Respekt einflößenden Mannes abgab, das er in dieser Situation bei Weitem vorgezogen hätte.

Aber wenigstens konnte er durch Größe und Stärke punkten. Willow hatte sich entschieden zierlich angefühlt in seinen Armen, und nachdem sie sich entspannt hatte, auch sehr sanft und weich.

Nicht, dass er sich für ihren Körper interessierte. Natürlich nicht. Aber er konnte nicht übersehen, dass ihre großzügigen Rundungen von ihrem winzigen Bikini kaum gebändigt wurden und ihre Beine sonnengebräunt und wohlgeformt waren. Allerdings hatte er sich noch nie von der Schönheit einer Frau von wichtigeren Dingen ablenken lassen, und er würde ganz bestimmt jetzt nicht damit anfangen. Schließlich war er nicht wie seine Mutter, die sich von ihren Launen, ihren Gefühlen und ihrer Libido leiten ließ.

Jedenfalls nicht mehr.

Als sehr junger Mann hatte Leo ein genusssüchtiges, unbekümmertes Leben geführt. Er hatte das Vermögen und die Privilegien seiner Familie als selbstverständlich betrachtet und seine Liebe fürs Segeln ausgekostet. Doch seit dem tödlichen Herzinfarkt seines Vaters, der ihm eine Rolle aufgezwungen hatte, für die er damals noch nicht bereit gewesen war, hatte er sich zu einem wahren Vorbild an Stärke und Zurückhaltung entwickelt. Jetzt konzentrierte er sich nur noch auf das Wesentliche – den Erfolg. Er war es gewohnt, dass man ihm gehorchte – wenn man von einigen aufsässigen Familienmitgliedern absah –, und schaffte es im Allgemeinen, sein Ziel zu erreichen.

Also fand er es auch nicht enttäuschend, als Willow sich abtrocknete und einen rosafarbenen Morgenmantel anzog, der ihren Körper vor ihm verbarg. Es machte ihm nicht die geringsten Schwierigkeiten, das Gefühl ihres Pos an seinem Körper und ihrer zarten Haut unter seinen Händen zu vergessen. Es war nicht wichtig, dass er jetzt nicht mehr die braunen Flecken in ihren smaragdgrünen Augen sehen konnte. Außerdem beleidigten ihre bunt lackierten Zehennägel seinen Sinn für Ordnung, also konnte er erleichtert den Blick von ihnen abwenden – ebenso wie von ihren vielen Ohrringen und dem glitzernden Nasenstecker, den sie trug.

Wichtig war nur, dass er alles tat, um die Hochzeit seiner Schwester ohne Probleme ablaufen zu lassen. Und genau das würde er auch tun, was auch immer dafür nötig war.

Wäre Willow nicht zu sehr damit beschäftigt gewesen, zu überlegen, warum Leo Stanhope seiner Mutter einen Besuch abstattete, und irgendwie zu ahnen, dass sein Hiersein nichts Gutes verhieß, hätte sie gewiss gefunden, dass es eine himmelschreiende Schande war, als er seine Jacke anzog und zuknöpfte und die muskulöse Brust darunter verbarg.

Aber wie er aussah, war natürlich genauso unwichtig wie seine imponierende Größe und die rohe, beeindruckende Kraft, die er gerade eben demonstriert hatte. Falls er durch einen unglücklichen Zufall von dem Porträt erfahren hatte und gekommen war, um sein Missfallen auszudrücken, durfte sie nicht den Kopf verlieren.

„Willow Jacobs.“ Sie hielt ihm lächelnd die Hand hin. „Sie müssen Leo sein.“

Er schüttelte ihr flüchtig die Hand, ging dann an ihr vorbei zu einem Tisch direkt am Pool und zog einen der sechs Stühle hervor.

„Ich weiß, wer Sie sind. Setzen Sie sich. Wir müssen reden.“

Willow sank der Mut. Alles klar. Also war er wirklich wegen ihr hier. „Worüber?“

„Über Ihr Porträt von meiner nackten Mutter.“

Wie sie befürchtet hatte.

„Ich ziehe es vor, zu stehen“, antwortete sie leichthin und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Schön.“ Er kam auf sie zu und blieb dicht vor ihr stehen. „Dann komme ich gleich zur Sache.“ Der Abstand zwischen ihnen war so gering, dass sie sich hätten berühren können.

Willow unterdrückte den Wunsch, zurückzuweichen. „Gern. Tun Sie das.“

„Ihr Porträt wird nicht ausgestellt.“

Was?

„Das haben nicht Sie zu entscheiden.“

Er presste kurz die Lippen zusammen. „Es darf nie ans Tageslicht gelangen.“

„Doch, das muss es.“ Sie straffte die Schultern und schob gereizt das Kinn vor. „Es ist ein außerordentliches Werk. Mein bisher bestes.“

„Das ist unwesentlich.“

Willow starrte ihn fassungslos an. Seine Unverschämtheit war unglaublich. „Nicht für mich.“

„Ich zahle Ihnen das Doppelte von dem, was meine Mutter Ihnen gibt.“

„Nein.“

„Ich verdreifache es.“

„Nein.“

„Wie viel wollen Sie?“

„Ich lasse mich nicht bestechen“, antwortete sie mit einer Unverblümtheit, die seiner nicht nachstand.

Er hob eine Augenbraue. „Es fällt mir schwer, das zu glauben.“

Einen Moment sah sie ihn nur aufgebracht an. „Und was soll das bitte heißen?“

„Sie sind keine bekannte Künstlerin“, sagte er, und Willow zuckte zusammen, da sie das nicht bestreiten konnte. „Wie kommen Sie also dazu, meine Mutter zu malen?“

„Nicht, dass es Sie etwas angeht“, antwortete sie kühl, „aber wir haben uns bei der Eröffnung einer neuen Kunstgalerie in London getroffen. Ich kellnerte. Sie bewunderte mein Haar, und wir kamen ins Gespräch. Als sie erwähnte, dass sie ein Porträt von sich machen lassen wolle, schickte ich ihr einige Fotos von meiner Arbeit. Und das wars dann.“

„Dauert es immer einen Monat?“

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