Ein Boss, ein Deal – ein Heiratsantrag?

– oder –

Im Abonnement bestellen
 

Rückgabe möglich

Bis zu 14 Tage

Sicherheit

durch SSL-/TLS-Verschlüsselung

Um einen milliardenschweren Deal zu besiegeln, braucht Leo Zanetti eine Ehefrau. Ohne Gefühle, denn sein Herz hält der stolze Italiener sorgfältig unter Verschluss. Aber woher nimmt er die passende Frau für eine Vernunftehe? Ganz einfach – aus seinem Vorzimmer! Denn dort sitzt seine unscheinbare Assistentin Simone. Doch schon bei der Hochzeit in New York beginnt es zwischen ihnen zu knistern. Und als sie gemeinsam nach Mailand fliegen, lodert zwischen ihnen ein gefährliches Feuer, das sie beide nicht wollen – aber auch nicht löschen können …


  • Erscheinungstag 07.07.2026
  • Bandnummer 2761
  • ISBN / Artikelnummer 9783751541961
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Kali Anthony

Ein Boss, ein Deal – ein Heiratsantrag?

1. KAPITEL

Leo wusste, es waren nicht die geladenen Gäste, die eine Hochzeit zu einem Ereignis machten, über das geredet wurde. Es waren die Menschen, die man von der Gästeliste gestrichen hatte. Und zu seiner Hochzeit am heutigen Tag hatte er gleich eine ganze Reihe Leute nicht eingeladen.

In den Zeitschriftenredaktionen und Lifestyle-Blogs hatte man mit mehreren Hundert Gästen gerechnet – und damit ganz schön danebengelegen. Unter den wenigen, aber sorgfältig ausgewählten Anwesenden waren Adlige und ganz normale Menschen, einige Kunden und langjährige Zulieferer. Jede einzelne Einladung machte Leonardo Zanettis Stellung in der Welt deutlich, zeigte, wer ihm dorthin verholfen hatte und wo er noch hinwollte. Das war einer der Gründe, warum gerade über kaum etwas mehr gesprochen wurde als über seine Heirat mit Simone Taylor.

Und dieses große öffentliche Interesse war Leo sehr wichtig.

Denn auch eine entscheidende geschäftliche Vereinbarung hing davon ab. Er war fest entschlossen, das Textilunternehmen Tessitore zu kaufen und damit zwei verhassten Menschen einen schweren Schlag zu versetzen: Vito und Rocco Silvestri. Vater und Sohn. Sein Vater und sein Halbbruder. Die beiden stellten weltberühmte, maßangefertigte Möbel her, die von Prinzen gekauft und von weniger Wohlhabenden heiß begehrt und schlecht nachgebaut wurden. Und wenn es nach Leo ging, würden sie bald nie wieder auch nur einen Quadratzentimeter Tessitore-Stoff für ihre Möbel verwenden können.

Ging sein Plan auf, würde er damit seine Mutter auf geradezu perfekte Weise rächen. Ihr und ihm hatte sein Vater Vito alles genommen. Leos Mutter hätte noch am Leben sein können.

Schuldgefühle erfassten Leo, als würde ihm jemand ein kaltes Messer ins Herz stoßen – so kalt wie das Blitzeis, das seine Mutter vor vielen Jahren das Leben gekostet hatte. Damals war Leo Teenager gewesen, wütend darüber, dass sie so arm waren, weil seine Mutter fürs Putzen nur einen kargen Lohn bekam. Doch statt bei ihr in Mailand zu bleiben, war er nach Rom geflüchtet, um dort sein Glück zu machen – und hatte erleben müssen, was es wirklich bedeutete, wenn Körper und Seele Hunger litten.

Mittellos hatte er auf der Straße gelebt, war jedoch zu stolz gewesen, um reuig nach Hause zurückzukehren. Stattdessen hatte er sich mit Menschen eingelassen, die ihm das Gefühl gaben, wichtig und fähig zu sein. In Wirklichkeit hatten sie ihn nur für ihre illegalen Machenschaften eingespannt.

Zuerst schien es so, als würde sich Verbrechen durchaus lohnen! Wenn auch in geringerem Ausmaß, als Leo erhoffte, denn trotz seiner Unterstützung konnte seine Mutter ihre Arbeit noch nicht aufgeben. Als dann das Unglück geschah, wurde Leo von schrecklichen Schuldgefühlen niedergedrückt. Denn an einem Wintermorgen rutschte seine Mutter auf dem Weg von der Arbeit auf einer vereisten Treppe aus – und stürzte in den Tod.

Leos Leben hatte sich danach für immer verändert.

In den folgenden Jahren war er wie ein Phönix aus der Asche seiner Wut und seiner Trauer aufgestiegen.

„Ist alles in Ordnung?“, fragte Simone, seine Assistentin – und seit heute seine Ehefrau.

Sie saßen bei Gästen am Tisch, die er in einer Welt voller Rivalen mit altem Geld als seine engsten Verbündeten betrachtete.

Mit der Hochzeit wollte Leo der Welt zeigen, dass sein Playboyleben vorbei war. Die Ehe diente rein geschäftlichen Zwecken, das war auch Simone bewusst. Aber es war nicht gut, wenn er sich weiter in seinen Gedankenspielen verlor und sie vernachlässigte. Denn natürlich wurde erwartet, dass sie als glücklich verliebtes Paar auftraten.

Liebe! Allein bei diesem Gedanken drehte sich ihm der Magen um. Denn mit Liebe verband Leo, ausgenutzt, hintergangen und verlassen zu werden. Das hatte er von seinem Vater gelernt, als dieser sich von ihm abgewandt hatte. Und nichts, was er seitdem erlebt hatte, konnte ihn vom Gegenteil überzeugen.

„Ja. Alles ist perfekt.“ Abgesehen von seinen dunklen Gedanken. Doch Leo war geübt darin, sich zu verstellen. Und so lächelte er jenes strahlende Lächeln, dank dem er mit neunzehn das erste Mal eine Million Dollar verdient hatte. Er war kurz nach der Beerdigung seiner Mutter in Mailand auf der Straße von einem Model-Scout entdeckt worden. Ein mittlerweile legendärer Werbespot für ein Aftershave hatte ihn innerhalb kürzester Zeit reich und berühmt gemacht. Dann hatte er das alles hinter sich gelassen und ein eigenes Interieur- und Design-Unternehmen gegründet, Circolo. Mit seinem perfekten Stilempfinden hatte er die Reichen und Berühmten beraten und noch vor seinem dreißigsten Geburtstag seine erste Milliarde verdient.

Diese fast märchenhafte Erfolgsgeschichte wurde immer wieder in der Presse breitgetreten. Für Leo hatte damals jedoch nur gezählt, dass er endlich zu mehr in der Lage war, als Frauen zu betören oder Besitzern kleiner Unternehmen in Rom Angst einzujagen.

Simone zog eine Augenbraue hoch. Meist schminkte sie sich nur sehr dezent, doch heute wirkte sie mit ihrem Smokey-Eyes-Make-up und dem rosa Glanz ihrer üppigen Lippen unglaublich sexy. Ihre intensive Ausstrahlung hätte besser in ihre luxuriöse Hotelsuite gepasst. Doch leider hatten sie sich auf getrennte Schlafzimmer geeinigt ...

Verdammt, dachte Leo und wurde von einem heißen Begehren erfasst, das ihn erschreckte. Nur dank absoluter Selbstbeherrschung gelang es ihm, sich nichts anmerken zu lassen.

„Du hast wieder diesen Gesichtsausdruck“, sagte sie leise. „Als ob du dir über etwas Gedanken machst.“

Leo fühlte sich merkwürdig entblößt. Doch genau, weil Simone immer wusste, was in ihm vorging, war sie die beste Assistentin, die je für ihn gearbeitet hatte. Sie nahm seine Bedürfnisse wahr, noch bevor er selbst sie bemerkte.

Sein plötzliches Verlangen, das so fehl am Platze war, musste er aber unbedingt vor ihr verbergen. Und es war ja auch nur zu verständlich, dass der große Umbruch, den er durchlebte – vom erklärten Junggesellen zum pflichtbewussten Ehemann, für den es nur noch eine einzige Frau gab –, ihn etwas durcheinanderbrachte.

Mehr konnte und durfte es nicht bedeuten. Niemals.

„Ich denke über ... Geschäftliches nach.“

Ganz falsch war das nicht. Alle hielten sein Leben für absolut perfekt, doch in Wirklichkeit war in letzter Zeit kaum etwas so gelaufen wie geplant. Leo hatte zwar die Familien in Rom ausfindig gemacht, denen er als Jugendlicher Schaden zugefügt hatte. Aber sein Vorhaben, sie auf diskrete Weise zu entschädigen, gestaltete sich als weitaus schwieriger als gedacht. Dabei wollte er diese Phase seines Lebens und die großzügige Wiedergutmachung doch unbedingt geheim halten!

Und dann war da das Textilunternehmen Tessitore, das er unbedingt kaufen wollte, seit er wusste, dass auch sein Vater und sein Halbbruder es auf das Unternehmen abgesehen hatten. Auch hier ging es nicht wirklich voran ...

Als Simone sich die Hand aufs Herz legte, glitzerten Verlobungs- und Ehering im Kerzenlicht. „Sogar bei unserer Hochzeit denkst du an deine Geschäfte? Mein Ehemann ist so ein Romantiker!“

Ehemann. Noch vor einem Jahr hätte Leo jeden für verrückt erklärt, der ihm eine Heirat prognostizierte. Und doch saß er jetzt hier, mit einem Ehering am Finger, im luxuriösesten Ballsaal New Yorks – der Stadt, die niemals schlief.

Früher hatte er Eheringe immer für Henkersschlingen gehalten. Doch dieser Ring fühlte sich angenehm an, glänzte dezent und fiel zum Glück nicht sonderlich auf. Simone hatte ihm den Ring auf den Finger geschoben, mit kühlen, leicht bebenden Händen.

Nun trat der Conférencier ans Mikrofon. Leo, der den Ablauf des Tages minutiös durchgeplant hatte, wusste, dass jetzt der erste Tanz als Mann und Frau anstand.

„Ich werde dir zeigen, wie romantisch ich sein kann“, flüsterte er.

Schließlich hörten die Leute ihnen zu. Und die Anwesenden waren zwar alle auf ihrer Seite, trotzdem war es wichtig, dass die richtigen Kommentare über die Hochzeit gemacht wurden, vor allem darüber, was für ein perfektes Paar Leo Zanetti und Simone Taylor waren. Sie hatten sich ja erst vor wenigen Monaten verlobt und kaum Gelegenheit gehabt, sich als „verliebtes“ Paar zu präsentieren. Schließlich hatte Leo nicht nur die Hochzeit des Jahres organisieren müssen. Er hatte sich zugleich um sein geheimes Entschädigungsprojekt in Rom gekümmert – und viele Stunden darüber nachgedacht, wie er Tessitore übernehmen konnte.

Das glückliche Paar spielten sie eigentlich erst ab heute, und schon geriet er ins Stolpern. Die Gespräche mit Simone waren befangen, weil er sich beobachtet fühlte. Und die Rolle des liebevollen Partners war ungewohnt für Leo.

Er stand auf und reichte ihr die Hand. Als Simone die Hand in seine legte, fühlte diese sich noch immer kühl an, zitterte aber nicht mehr, was ein gutes Zeichen war. Als er sie auf die Tanzfläche führte, gab es lauten Beifall. Dann stimmte die Band ein romantisches Lied an.

Leo zog Simone an sich und hielt sie, als wäre sie etwas sehr Wertvolles. Als er ihr tief in die schiefergrauen Augen sah, wurden ihre Pupillen groß.

„Du siehst wunderschön aus.“ Das war endlich mal eine Wahrheit, die er offen aussprechen konnte. Der Satin ihres Hochzeitskleids aus den 1930ern fühlte sich an wie flüssige Wärme und schmiegte sich verführerisch um ihren Körper. In den kalten Nächten auf den Straßen Roms hatte er oft von solch duftender weicher Wärme geträumt, die die Kälte vertrieb und ihn den Müllgestank der dunklen Gassen vergessen ließ ...

Energisch verdrängte Leo die Erinnerung an längst vergangene Zeiten und konzentrierte sich darauf, Simone seine ungeteilte Aufmerksamkeit zu widmen – wie man es bei seiner Hochzeit ja auch von ihm erwartete.

„Danke – du hast ja das Outfit für mich ausgesucht.“

Ihre sanfte Stimme klang ein wenig rauer als sonst. Leo hatte Simone schon so oft sprechen hören, und dennoch schien der Klang ihrer Stimme jetzt wie ein Pfeil tief in sein Inneres zu dringen.

Amors Pfeil, würden manche vielleicht sagen.

Nein, dachte Leo.

Auf Amor konnte er verzichten, denn er hatte schließlich miterlebt, wie seine Mutter wegen der Liebe schwer gelitten hatte. Erst hatte man ihr die Ideen geraubt, dann alles andere – als sein Vater sie wegen einer Frau verlassen hatte, die ihn und seine Träume finanzieren konnte. Er hatte die Möbelentwürfe von Leos Mutter als seine eigenen verkauft und damit viel Geld gemacht.

„Ich hatte dich aber ermuntert, deine eigenen Wünsche und Ideen zu äußern!“ Sie machten eine elegante Drehung, dann zog Leo sie wieder zu sich.

Simones Körper war nun noch enger an seinen geschmiegt. Sie hatten extra Tanzstunden genommen, um sich perfekt aufeinander einzustellen. Das hatte sich sehr steif und unnatürlich angefühlt, doch heute Abend waren sie wie verwandelt. Zum ersten Mal fiel Leo auf, wie perfekt Simone in seine Arme passte. Sie duftete wie Zitrusblüten im italienischen Frühling. Vielleicht war das noch der Duft ihres Straußes? Am liebsten hätte Leo die Augen geschlossen und den so vertrauten, betörenden Duft eingeatmet.

Stattdessen wich er unauffällig ein wenig zurück.

„Im Ernst? Mr. Zanetti hätte freiwillig darauf verzichtet, die Kontrolle über alles zu haben?“ Ihr Lachen klang ein wenig zynisch, was Leo nicht entging. Zynismus war schließlich seine zweite Natur.

„In einer Ehe muss man eben Kompromisse eingehen. Und ich habe dir immer mehrere Möglichkeiten zur Auswahl gestellt.“

Damit, dass Simone so gar kein Interesse an ihrem Kleid oder der Hochzeitsplanung zeigte, hatte er nicht gerechnet. Doch sie hatte alle endgültigen Entscheidungen bereitwillig ihm überlassen. Einschließlich der Stylistin, die sie für die Hochzeit frisiert und geschminkt hatte.

„Die Alternativen hast du mir sicher nur äußerst widerstrebend angeboten“, sagte sie jetzt. „Da erschien es mir einfacher, dir gleich ganz die Zügel zu überlassen. Ich spare mir meine Energie lieber für Fragen auf, die mir wirklich wichtig sind. Denn wie du schon sagtest: In einer Ehe muss man Kompromisse eingehen.“

Wieder durchzuckte ihn ein merkwürdiges Gefühl und dazu die Erkenntnis, dass Simone ihn ein wenig zu genau durchschaute. Die Bekanntgabe ihrer Verlobung hatte für jede Menge Tratsch und Gerüchte gesorgt – man war „überrascht“ über seine Auserwählte gewesen. Bei jeder anderen Frau, mit der er sich mal in der Öffentlichkeit gezeigt hatte, war sofort von Heirat die Rede gewesen – ganz egal, ob es sich um eine Geliebte oder lediglich um eine Bekannte gehandelt hatte. Society-Girls, Models, Filmstars ... Immer perfekt zurechtgemacht, wenn sie sich mit ihm gezeigt hatten. Die Frau, die stets an seiner Seite gewesen war, hatte dagegen nie jemand erwähnt: Simone Taylor.

Simone, die als seine Assistentin seit zwei Jahren eng mit ihm zusammenarbeitete, kannte ihn besser als irgendein anderer Mensch. So hatte er es den Medien erklärt. Dann noch ein paar Kommentare dazu, wie sie ihn „erdete“, und schon hatte die Presse begeistert die vermeintliche Lovestory verbreitet, die im Konferenzsaal ihren Anfang genommen hatte.

Alle hatten ihm diese Geschichte abgenommen, sogar Mitarbeiter von Circolo, die sich sehr für ihn gefreut hatten. Doch die Wahrheit war deutlich nüchterner.

„Du hast mir also ‚die Zügel überlassen‘?“, wiederholte er. „Lag ich denn irgendwo daneben?“

Meistens wusste Leo, dass seine Entscheidungen richtig waren. Manchmal bot er den wenigen Kunden, mit denen er noch persönlich zu tun hatte, trotzdem mehrere Alternativen an – um ihnen den Eindruck zu vermitteln, sie hätten die Wahl. Und immer entschieden sie sich für die erste Option. Auch Simone. Nur dass er bei ihr plötzlich den Drang hatte, sich zu vergewissern.

„Natürlich nicht, wie du sehr wohl weißt. Man nennt dich nicht umsonst den ‚Sultan des Stils‘.“

In seiner Jugend in Rom hatte er auch weniger schmeichelhafte Spitznamen gehabt. Damals hatte er von Inhabern kleiner Unternehmen Schutzgeld eingetrieben. Bei Nichtzahlung wurden andere Bandenmitglieder losgeschickt. Doch zum Glück hatten sich die meisten gleich geschlagen gegeben.

Die meisten ...

Er schnaubte verächtlich. „Sultan des Stils. So ein alberner Name.“

Wieder zog sie eine Augenbraue hoch und bedachte ihn mit einem Blick, der tief in sein Inneres zu dringen schien. Zum Glück ahnte selbst Simone nichts von seinen schweren Sünden. Und Leo würde alles dafür tun, dass das auch so blieb.

„Aber der Name ist gut fürs Geschäft, und die Presse liebt ihn – sie liebt dich.

Einige Zeitungen hatten nach der Verlobung sehr gehässig über Simone geschrieben. „Sultan des Stils heiratet graue Maus!“, hatte eine beliebte Schlagzeile gelautet. Eine Reporterin, mit der Leo nie wieder reden würde, hatte Simones Stil als „Bestatterinnen-Chic“ bezeichnet. Er selbst sprach lieber von „Business-Stil mit minimalistischer Ästhetik“. Doch darauf hatte die Presse sich nicht eingelassen.

Simone hatte höflich, aber bestimmt sämtliche seiner Versuche abgewehrt, ihr Designeroutfits zu schenken – bis auf das Vintage-Kleid anlässlich ihres Verlobungs-Dinners. Was wahrscheinlich daran lag, dass er es nicht nur als echtes Schnäppchen, sondern auch als besonders nachhaltig betitelt hatte. Ihr Äußeres schien Simone einfach nicht so wichtig zu sein. Außerdem gefiel es ihr offenbar besser, selbst für die Dinge zu zahlen, die sie brauchte.

Das war bei den Frauen, mit denen er sonst zu tun gehabt hatte, anders gewesen. Und Leo war gerne großzügig. Er hatte die Jahre auf der Straße nie vergessen – und wusste noch gut, was eine freundliche Geste bedeuten konnte. Was über ihn geschrieben wurde, interessierte ihn nur wenig. Darum kümmerte sich sein PR-Team. Aber wie empfand wohl Simone die kritischen Kommentare über sie?

„Du siehst wirklich wunderschön aus.“ Obwohl sie ja eine Zweckbeziehung führten, machte Leo ihr nur zu gern dieses ehrliche Kompliment. Und Simone reagierte darauf mit einem Strahlen, wie er es noch nie erlebt hatte. Ihre grauen Augen wurden ein wenig größer, und ihre glänzend geschminkten Lippen öffneten sich leicht.

Sein Herz schlug schneller, als hätten sich plötzlich unendliche Möglichkeiten eröffnet. Doch in Wirklichkeit gab es nur eine einzige: Sie würden ihre Arbeitsbeziehung fortsetzen, mehr nicht.

„Und bald werden das auch alle anderen sehen“, versprach er mit etwas heiserer Stimme. Auf dieses Ziel arbeitete er beharrlich hin. Die Exklusivrechte zur Berichterstattung über die Hochzeit waren an ein Lifestyle-Magazin verkauft und die gesamten Einnahmen für einen guten Zweck gespendet worden. Alle würden sehen, was Simone normalerweise verbarg und was er in diesem Moment wahrnahm. Wie die elfenbeinfarbene Seide ihres Kleides bei jeder Bewegung über ihre Kurven strich. Ihr goldblondes Haar, das sie sonst zu einem strengen Knoten frisierte, wurde mit glitzernden Kämmen aus ihrem Gesicht gehalten und fiel ihr in glänzenden Wellen auf die Schultern – wie bei einem Filmstar aus den 40er-Jahren. Wenn der eigens engagierte weltberühmte Fotograf dann noch die perfekt ausgeklügelte Beleuchtung lieferte, würde sie endlich als das gesehen werden, was sie war.

Simone Zanetti, seine wunderschöne Frau.

Als sie zu ihm aufblickte, waren ihre Wangen leicht rosa angehaucht.

„Ich ... Danke, Leo.“

„Bitte schön, amore mio.“ Da sich mittlerweile noch ein paar andere Gäste auf der Tanzfläche befanden, probierte er diesen Kosenamen einfach mal aus – in angemessen zärtlichem Ton natürlich.

Keiner von ihnen hatte Angehörige zur Hochzeit eingeladen. Leo hatte keine Verwandten, die er gerne dabeigehabt hätte. Und bei Simone schien das ähnlich zu sein. Wie bei allen Angestellten, die in seinem Unternehmen eine wichtige Position innehatten, wusste er über ihre Eltern Bescheid. Simones wohlhabende Familie lebte in Kalifornien. Ihr Vater war an einer Ivy-League-Universität gewesen, ihre Mutter war eine bekannte Societylady und ihr Bruder Firmenanwalt. Außerdem hatte sie noch eine jüngere Schwester.

Simone hatte sich von Eltern und Bruder entfremdet und keinen davon bei der Hochzeit dabeihaben wollen. Über ihre Schwester sagte sie, diese habe ihre Hilfe gebraucht, warum und in welcher Form, wusste Leo nicht genau. Simone hatte nur angedeutet, dass es mit der Gesundheit ihrer Schwester zu tun hatte. Und Leo fragte nicht weiter nach, denn Simone hatte ein Recht auf Geheimnisse. Davon hatte er schließlich auch reichlich.

Niemand wusste, dass er Vito Silvestris Sohn war. Und Leo würde seinem Vater niemals die Genugtuung geben, sich zu ihm zu bekennen.

Amore mio?“, wiederholte Simone leise. „Ist das nicht ein bisschen übertrieben?“

Leo neigte sich zu ihr, den Mund nahe an ihrem Ohr. Hoffentlich dachten die anderen Gäste, dass sie einander zärtliche Worte zuflüsterten.

„Nimm den Kosenamen doch einfach an“, flüsterte er.

Als ihr der Atem stockte, breitete sich etwas Heißes in seinem Innern aus, als hätte er einen Grappa getrunken.

„Und wie soll ich dich anreden?“

Lange hatte sie ihn mit Mr. Zanetti oder „Sir“ angesprochen. Wenn sie jetzt seinen Vornamen sagte – Leonardo oder Leo –, klang es fast, als würde sie das genießen, was ihm sehr gefiel.

„Das überlasse ich dir.“

Simone überlegte. „Wie wäre es mit ... ‚Bärchen‘?“

Dio. Dieses eine Wort könnte sein Image schlagartig zerstören. Doch ihr neckender Tonfall verriet, dass sie lächelte. Zu schade, dass er das verpasst hatte! Simones Lächeln war nämlich etwas Seltenes, das meist anderen Menschen galt – zum Beispiel jüngeren Mitarbeitern, die ermuntert werden mussten.

Er lachte leise. Als sie lächelnd zu ihm aufblickte, funkelten ihre Augen im Licht des Kronleuchters – und Leo hatte das Gefühl, in seiner Brust würde ein Feuerwerk explodieren.

Er neigte sich zu ihr, sodass sein Mund fast ihr Ohr berührte. Plötzlich erfüllt ihn heftige Sehnsucht nach einer intensiven Verbindung und danach, sie vor Lust seufzen zu hören. Seine Reaktion überraschte ihn selbst. Schließlich hatten sie zwei Jahre lang eine reine Arbeitsbeziehung geführt.

„Belassen wir es doch bei ‚Leo‘“, schlug er vor. „Ich kann dir aber auch ein paar zärtliche Worte auf Italienisch beibringen, cara.

Leo spürte, wie sie erbebte. Was war denn los mit ihm? Simone hatte immer unmissverständlich gesagt, was sie von ihm wollte und was nicht. Und ihre Vorstellungen hatten seinen genau entsprochen.

Vom Heiraten hatte er nichts wissen wollen, doch die Berichte über seine Playboy-Vergangenheit hatte die Familie Tessitore als problematisch empfunden. Deren traditionsreiches Textilunternehmen befand sich seit Jahrhunderten im Besitz der Familie.

In Bezug auf eine mögliche Übernahme des Unternehmens war das der einzige echte Stolperstein, den Leo und seine Marketingabteilung bei ihren Recherchen ausfindig gemacht hatten. Die Tessitores hatten sich zunehmend besorgt geäußert, weil er noch immer Junggeselle war und es so auch keine Aussicht auf einen Nachfolger gab, der Circolo irgendwann weiterführen würde. Leo hatte nie den Wunsch gehabt, zu heiraten und eine Familie zu gründen. Dagegen war die Familie seines Vaters die perfekte italienische Erfolgsgeschichte. Doch niemand wusste, dass der unfassbare Erfolg der Firma Silvestri auf den Entwürfen seiner Mutter aufbaute. Entwürfe, die sein Vater stahl, als er sie und Leo verlassen hatte.

„Also gut, dann nenn ich dich einfach nur Leo“, flüsterte Simone. Er spürte ihren Atem über seine Wange streichen.

Perfetto.

Sie hatte sich während der Zusammenarbeit mit ihm etwas Italienisch angeeignet. Ihre rosa angehauchten Wangen bewiesen, dass sie ihn verstanden hatte. Dass er so eine Wirkung auf sie hatte, gefiel ihm sehr. Dabei waren sie sich einig gewesen, dass Romantik in ihrer Zweckehe keinen Platz hatte. Leidenschaft dagegen ...

Stille Wasser sind tief, sagte man ja. Wie es wohl wäre, wenn er herauszufinden versuchte, wie tief dieses Wasser war?

„Nichts ist perfekt, Leo. Nicht einmal du.“

Simones Worte riefen ihm in Erinnerung, wie sie zu ihm stand. Frühere Assistentinnen waren alle auf irgendeine Weise von ihm eingeschüchtert gewesen – ob jung oder alt, Frau oder Mann. Alle außer ihr. Nach drei Monaten Probezeit hatte sie einen festen Vertrag bekommen und ihn sofort aufgefordert, die Mitarbeitenden nicht immer so mit seinem Charme zu verwirren.

„Es lässt sich leider kaum vermeiden, Ms. Taylor“, hatte Leo lächelnd erwidert, der regelmäßig zu einem der attraktivsten Männer der Welt gekürt wurde.

Simone, die von seiner Ausstrahlung völlig unbeeindruckt zu sein schien, hatte sich einfach stumm umgedreht und das Büro verlassen ...

„Du tust meinem Ego nicht gut, Simone“, murmelte Leo jetzt.

Ihr Gesichtsausdruck blieb unverändert, doch ihre Augen funkelten. Und er konnte praktisch hören, wie sie ironisch die Augen verdrehte.

„Deinem Ego kann nichts, was ich sage, auch nur das Geringste anhaben.“

Genau dasselbe dachte Leo in Bezug auf sie: Was er auch sagte, es perlte an ihr ab.

Als seine Assistentin war Simone sowohl in seine Suche nach einer geeigneten Ehefrau als auch in seine Beweggründe eingeweiht gewesen. Sie hatte eine international renommierte Heiratsvermittlung ausfindig gemacht und in Zusammenarbeit mit seinem Anwalt einen Ehevertrag nach seinen Wünschen aufsetzen lassen.

Doch die Heiratskandidatinnen waren nie die Richtigen gewesen. Sie waren auf eine Liebesheirat aus gewesen und hatten kein Interesse an Leos Arbeit gezeigt. Dabei war seine Arbeit doch sein Leben – das, was ihn antrieb.

Die Suche nach einer Partnerin „für immer“ fiel ihm zunehmend schwer. Dauerhaftigkeit hatte in seinem Leben nie eine Rolle gespielt, und allein der Gedanke daran verursachte ein unbehagliches Gefühl. Es passte einfach nicht zu ihm.

Nach einem weiteren Mittagessen mit einer weiteren bildschönen Frau, das zu nichts geführt hatte, sagte Leo bei seiner Rückkehr ins Büro frustriert zu Simone: „Warum kann ich nicht einfach jemanden wie Sie finden?“

Sie hatte – wie heute Abend – den Kopf zur Seite geneigt und ihn prüfend angesehen. „Vielleicht können Sie das ja.“

Und plötzlich war aus seiner beiläufigen Bemerkung ein Gedanke entstanden, der sich hartnäckig in seinem Kopf einnistete: Es gab unzählige Frauen, die sich nach etwas sehnten, das er ihnen nicht bieten konnte, Simone dagegen wollte nur das, was ihm möglich war.

Anfangs hatte Leo noch gezögert. Er schätzte Simone vor allem als äußerst kompetente Assistentin, als seine rechte Hand. Doch sie hatte deutlich gemacht, dass sie sich nicht insgeheim nach Liebe sehnte. Für sie war nur ihre Arbeit wichtig – und Geld zur Unterstützung ihrer Schwester Holly. Mehr Geld, als sie mit ihrer Stelle verdiente, obwohl sie ein sehr gutes Gehalt bekam.

Nach ein paar Änderungen im Ehevertrag war alles in trockenen Tüchern gewesen. Keine sinnlosen Dinner-Dates oder Kennenlerntreffen mehr. Schließlich kannten sie einander gut genug und wussten, was zu tun war, damit es funktionierte.

Du hast mir doch ein unmoralisches Angebot gemacht“, erinnerte Leo sie. „Offenbar warst du also überzeugt, es wert zu sein.“

Simone schenkte ihm ein Mona-Lisa-Lächeln. Ob deren Erschaffer je zu ergründen versucht hatte, was das berühmteste Lächeln der Menschheitsgeschichte zu bedeuten hatte? Leo jedenfalls interessierte immer mehr, was in seiner Frau vorging.

„Und du hast meinen Vorschlag angenommen. Also war dir klar, dass ich es tatsächlich wert bin.“

Die Schlagabtausche mit Simone hatten Leo schon früher gefallen, doch bisher waren sie immer sehr sachlich-professionell miteinander umgegangen. Aber jetzt, da er sie in den Armen hielt, verhießen ihre Neckereien mehr, obwohl der Blick aus ihren grauen Augen so kühl und gelassen war wie eh und je.

Autor

Kali Anthony

Als Kali Anthony mit vierzehn ihren ersten Roman las, wurde ihr einiges klar: Es kann nie zu viele Happy Ends geben, und eines Tages würde sie diese selbst schreiben.Wie in einer perfekten Liebesromanze heiratete sie ihren eigenen großen, dunklen und gutaussehenden Helden, dann wagte sie den Sprung ins kalte Wasser...

Mehr erfahren

Das Erscheinungsbild aller Textinhalte kann verändert werden

  • Die E-Publikation schränkt die Möglichkeiten der Benutzer nicht ein, die Darstellung von Textinhalten in dem vom Lesesystem erlaubten Umfang zu verändern (z. B. Ãnderung von Textgröße oder Schriftart, Zeilenhöhe und Wortabstand, Farben). Nur zur Verwendung in ONIX 3.0 oder höher. Vergleiche mit Code 10, der für eine breitere Palette von Inhaltstypen gilt.

Gefahren

  • Dieses Produkt enthält keine bekannten Gefahren.

Kontakt zum Herausgeber für weitere Informationen zur Barrierefreiheit

  • Weitere Informationen zur Barrierefreiheit unserer Produkte erhalten Sie unter info@cora.de.

Navigation

  • Der Inhalt dieses E-Books wurde in einer logischen Lesereihenfolge angeordnet. Wenn Hyperlinks im Text vorhanden sind, die zu Stellen an einer anderen Stelle führen, sollten Links zurück zum Ausgangspunkt bereitgestellt werden.

Unterstützende Technologie

  • Kurzbeschreibungen der in diesem E-Book enthaltenen Bilder wurden bereitgestellt und können über die Text-zu-Sprache-Funktion abgerufen werden (befolgen Sie bitte die Anweisungen Ihres Anbieters für Barrierefreiheit, um die vollständigen Beschreibungen anzuhören).