Verzeih mir, Prinzessin meines Herzens

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Kapitän Luke Bannock hat der englischen Krone einen unschätzbaren Dienst erwiesen. Dafür erbittet er die Ehe mit Danielle, einer französischen Prinzessin im Exil. Nicht, weil er sie liebt. Er kennt sie ja nicht einmal! Vielmehr will er mit der Heirat seinem Erzfeind einen Strich durch die Rechnung machen. Die Bitte wird ihm gewährt, und Luke reist in das Dorf, in dem die junge Frau lebt. Zwei Überraschungen erwarten ihn. Erstens: Danielle hat keine Ahnung von ihrer Herkunft. Und zweitens: Er ist auf den ersten Blick von ihrer Schönheit und ihrem Witz hingerissen. Aber wie wird sie reagieren, wenn sie von seinen wahren Absichten erfährt?


  • Erscheinungstag 08.08.2026
  • Bandnummer 430
  • ISBN / Artikelnummer 9783751540308
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Charis Michaels

Verzeih mir, Prinzessin meines Herzens

Charis Michaels

Schon auf der Highschool verschlang Charis Michaels unzählige Romances, und jetzt lebt sie ihren Traum und schreibt Bücher über Leute, die in Kutschen fahren, auf Bälle gehen und sich unsterblich verlieben. Die gebürtige Texanerin lebt mit ihren Kindern, ihrem Mann und ihren zwei Hunden in Washington, D.C.

1. KAPITEL

St. James’s Palace

London, England

April 1813

„Bist du bereit, dir eine Ehefrau zuzulegen, Bannock?“

„Nein“, erwiderte Luke Bannock. Das war die Wahrheit.

„Bist du wenigstens bereit, den Prinzregenten zu treffen?“

„Ebenfalls nein“, gab Luke zurück. Ebenfalls die Wahrheit.

„Aber was ist mit …?“

„Um Himmels willen, Fernsby“, fuhr Luke ihn an. „Können wir vielleicht schweigend über Ehefrauen und Regenten nachdenken? Nur für fünf Minuten? Bitte.“

Fernsby räusperte sich. „Du bist kein bisschen nervös, Bannock? Wirklich gar nicht?“

„Nein“, antwortete Luke. „Wirklich gar nicht.“

„Na dann. Umso besser für dich.“

„In der Tat, umso besser für mich. Bist du denn nervös, Fernsby?“ Luke wusste, er sollte zumindest so tun, als hätte er Interesse an ihm. Fernsby war schließlich auf seiner Seite.

„Nun ja, der Prinzregent ist ein Cousin zweiten Grades“, überlegte Fernsby laut.

„Ist er auch Cousin genug, um mir meine Belohnung zu geben? Habe ich dich etwa aus dem Atlantischen Ozean gefischt, nur damit ich jetzt mit dummen Fragen gelöchert werde?“

„Es war nur ein Scherz“, erwiderte Fernsby breit grinsend. „Und du bist doch nervös! Ich plappere vielleicht etwas viel, aber du wirst gleich ausfallend. Aber keine Sorge, Bannock. Prinz George ist Cousin genug. Er wird einer dankbaren Nation das geben wollen, was sie verlangt.“

Luke legte die Stirn in Falten. Das war keineswegs beruhigend. Für Prinz George, der jetzt Prinzregent war, stand das Bei-Laune-Halten der Nation nur knapp über der Belohnung für Schmuggler und entfernte Cousins, und das stand schon sehr weit unten.

„Ich kenne den Prinzen natürlich persönlich“, prahlte Fernsby. Sie gingen hinter einem Diener her, der zügig ohne Rücksicht durch die düsteren Marmorkorridore von St. James’s Palace schritt. „Von Familienfeiern und Ähnlichem. Er ist ein guter Freund meiner Mutter.“

Ah, ja, Fernsbys Mutter. Luke erinnerte sich daran, wie der Mann bei dem nächtlichen Angriff nach ihr geschrien hatte.

„Ich vermute übrigens, dass die Audienz folgendermaßen ablaufen wird“, redete Fernsby weiter. „Als Erstes wird man mich bitten, meinen Bericht über die Rettung laut vorzutragen. Dann wird der Prinz dich fragen, wie die Krone sich für deine Dienste erkenntlich zeigen kann. Du erklärst, dass du die junge Französin zur Frau möchtest, und er wird so etwas sagen wie ‚So soll es sein‘, und schon sind wir wieder draußen. Das Ganze ist eine reine Formalie, er will dich einfach nur kennenlernen. Alle wollen dich kennenlernen, Bannock.“

„Musst du wirklich den ganzen Angriff beschreiben, James?“ Luke war klar, dass Fernsby die Rettung schildern würde, aber er konnte es nicht ertragen, dass die Ereignisse immer wieder wie ein dramatisches Bühnenstück vorgetragen wurden. Die Leute konnten gar nicht genug davon bekommen und sogen jedes Detail begierig auf, während Lukes Mannschaft wieder und wieder vor seinem inneren Auge ertrank.

Immer noch quälten ihn Albträume von dem Angriff und jedes Mal, wenn er gezwungen war, sich die Bilder in aller Ausführlichkeit vor Augen zu führen, waren sie besonders grausam.

„Aber natürlich müssen wir den Angriff schildern“, sagte Fernsby. „Was du getan hast, war nicht weniger als ein Wunder, Bannock, der Inbegriff von Heldentum.“ Inzwischen standen sie vor dem Thronsaal und warteten darauf, dass der Prinz sie hereinrufen würde. „Das Land braucht einen Helden, Bannock“, fuhr Fernsby fort. „Natürlich wird mein Bericht laut vorgelesen. Ich habe wochenlang daran gearbeitet.“

Bevor Luke etwas dazu sagen konnte, öffneten sich die hohen Türen und ein Herold verkündete laut ihre Namen. Fernsby war nicht zu halten und marschierte über den langen Teppich, als handle es sich um ein Wettrennen. Luke lockerte seine Schultern, richtete die viel zu enge Binde um seinen Hals und setzte sich ebenfalls in Bewegung.

Der Prinzregent – mit geröteten Bäckchen, aufgedunsenem Gesicht und völlig übertrieben gekleidet – fläzte sich in einem goldenen Sessel am anderen Ende des Raumes. Hinter ihm hatten sich seine Berater in Samtroben versammelt und kritzelten etwas in Akten. Das Podest, auf dem der Thron stand, war umringt von einem ganzen Wald aus Kerzenständern. Diener huschten hin und her und bereiteten auf einer Anrichte ein duftendes Festmahl vor. In den dunklen Ecken lagen mehrere Jagdhunde, die Fernsbys hektischen Gang aufmerksam beobachteten.

Luke versuchte, sich bewusst zu werden, wie einzigartig es war, was er gerade erlebte, durch die Halle des Königs zu schreiten, in der Anwesenheit des leibhaftigen Prinzen, der ihn über den Rand seines Kelches musterte. Aber in seinen Gedanken war kein Platz dafür. Er konnte nur an eines denken: die französische Prinzessin zu gewinnen.

„Denk daran, dass du mich korrekt ansprichst, wenn wir in der Gegenwart des Prinzen sind“, flüsterte Fernsby ihm zu. „Niemals ‚James‘ oder ‚Lieutenant‘. Rede mich immer mit meinem Titel an. Wir sind hier in einem Palast, nicht auf einem Schiff.“

„Sehr wohl, Mylord“, seufzte Luke.

Fünf Minuten später nach unzähligen Verbeugungen und Ehrbekundungen wurde Lord Lieutenant James Roundhouse, Viscount Fernsby, gebeten, sein Anliegen vor Prinz George vorzubringen.

„Wenn Eure Königliche Hoheit uns die Ehre gewährt“, begann er, „möchte ich darlegen, mit was für einem Mut und was für einem Geschick Captain Bannock in der Nacht des zwölften September 1812 seine unerschütterliche Loyalität zu Krone und Vaterland bewiesen hat. Als einziger weiterer Überlebender dieser schrecklichen Nacht“, an dieser Stelle neigte er bescheiden das Haupt, „will ich versuchen, dem Mann und seinen Taten gerecht zu werden.“

Luke musterte den Prinzen. Seiner Erfahrung nach bevorzugten Männer von hohem Rang eher Geschichten über ihre eigene Tapferkeit und Klugheit.

Der Prinz schlürfte aus seinem juwelenbesetzten Becher und sagte: „Na, dann mal los, Jamie.“

Fernsby atmete tief durch, entrollte ein Stück Pergament, räusperte sich und begann seinen Vortrag: „Sir, der Mann, der heute vor Euch steht, Euer treuer Untertan Captain Lucas Michael Bannock, ist nicht weniger als ein Nationalheld.“

Um Himmels willen, dachte Luke.

„Ich kann bezeugen, dass er im Angesicht grausamster Angriffe Ehre, Tapferkeit und außerordentlichen Mut bewiesen hat. Die Berichte über seine Tapferkeit und Furchtlosigkeit sind, das kann ich mit Stolz sagen, nicht übertrieben.“

Nun mach schon, trällerte Luke stumm in seinem Kopf.

„Mr. Bannock stammt aus dem Dorf Helford, nahe Falmouth in Cornwall“, las Fernsby weiter. „Von Beruf Seemann, weithin bekannt und geschätzt in der Grafschaft und mit familiären Verbindungen zum Earl of Canham, ebenfalls aus Cornwall.“

Luke konnte grobe Ungenauigkeiten nicht ertragen, stellt er, was Fernsby sagte, richtig. Der Mann, der hier so ungeduldig vor Ihnen steht, ist Luke Bannock. Sollte er jemals auch nur einen Gedanken an König und Vaterland verschwendet haben, dann aus Sorge, den Zollbeamten in die Arme zu laufen. Er ist gebürtig aus Cornwall und Schmuggler von Beruf, außerdem ist er der uneheliche Sohn der ältesten Tochter des Earl of Canham. Den meisten der anständigen Leute von Cornwall ist er gänzlich unbekannt, und das darf auch gern so bleiben.

„Von Beginn der Kämpfe gegen die französischen Truppen in Spanien an“, fuhr Fernsby derweil fort, „hat Mr. Bannock seine Zeit, seine Mittel und sein Hab und Gut für die Sache der Krone auf der spanischen Halbinsel geopfert, nicht zuletzt hat er außerdem sein Leben riskiert. Um genau zu sein hat er über hundert Fahrten durch das Keltische Meer unternommen, um Depeschen des Kriegsministeriums zu den Offizieren auf dem Schlachtfeld in Nordspanien zu bringen.“

Luke lockerte wieder seine Schultern. Fernsbys Hang zur Übertreibung war geradezu schmerzhaft. Warum konnte er nicht einfach sagen, was wirklich geschehen war? Seit Beginn der Kämpfe in Spanien, hatte die Royal Navy Captain Bannock mit Geld überhäufen wollen, um sich seine widerwilligen Dienste zu sichern. Als die Beträge, die die Navy ihm bot, schließlich seine Schmuggelgewinne übertrafen, hatte Luke zugestimmt, Mitteilungen des Kriegsministeriums zwischen England und Spanien hin und her zu fahren.

„Als Kapitän seines eigenen Schiffes – eines Schoners von fünfunddreißig Fuß, getauft auf den Namen Phoenix – hat Captain Bannock mit der Hilfe seiner Mannschaft aus fünfundzwanzig Männern“, erzählte Fernsby weiter, „französische Kriegsschiffe und Blockaden, Piraten und Freibeuter, Winterstürme und Sommergewitter durchsegelt, durchkämpft oder durchschlichen. Dadurch wurden Bannock und seine mutige Mannschaft zu einem unersetzlichen Bestandteil der Kommunikation zwischen dem Kriegsministerium und der Armeeführung in Spanien und sie haben damit zahllosen englischen Soldaten das Leben gerettet.“

Luke blinzelte und versuchte sein Gesicht völlig ausdruckslos zu halten. Musste Fernsby wirklich mehrmals seine „treue Mannschaft“ erwähnen?

Die Männer waren kein namenloser Haufen gewesen, blind vor Loyalität. Jeder für sich war ein Freund, junge Männer, die mit der Schmuggelei von Branntwein gutes Geld verdienen wollten und auf einmal zu Erledigungen für den König abgestempelt worden waren. Und zum Dank schließlich ertranken.

„Ich hatte die große Ehre, Captain Bannock als Attaché des Kriegsministeriums auf fünf Fahrten zu begleiten“, fuhr Fernsby fort. „Und dass ich heute lebendig und nicht als Geist vor Ihnen stehen kann, verdanke ich einzig und allein seinen Taten auf unserer fünften und letzten Fahrt. Es darf nicht unerwähnt bleiben, dass Bannock mein Leben rettete, während alle sechs Marinesoldaten meiner Einheit und seine gesamte Mannschaft entweder in Gefangenschaft gerieten oder …“

An dieser Stelle hörte Luke auf, den Bericht in Gedanken richtigzustellen. Seine Erinnerungen überkamen ihn wie eine eiskalte Welle, seine Brust verkrampfte sich und seine Kehle zog sich zu. Er presste die Lippen aufeinander und kämpfte gegen den Drang, einfach davonzugehen und diesen unnötigen Bericht ebenso wie den ganzen Saal und den Palast hinter sich zu lassen. Natürlich konnte er nicht einfach gehen, nicht wenn er die französische Prinzessin für sich gewinnen wollte, nicht wenn er für all jene, die nicht überlebt hatten, Rache üben wollte.

„Die Phoenix war schnell und wendig und in jener Nacht schnitt sie eine gerade Linie durch den dichten Nebel, gejagt von schweren Regenfronten von Westen“, las Fernsby weiter. „Kein Mond am Himmel und die See aufgewühlt. In der schlechten Sicht und im aufkommenden Wind verbarg sich ein lauerndes Kanonenboot der Franzosen, die Kersaint. Sie waren stärker bewaffnet und die Mannschaft war doppelt so groß wie unsere. Das Kommando hatte der hochdekorierte französische Kapitän Vincent Surcouf, auch bekannt als Comte d’Moulac. Wir waren etwa fünfzig Seemeilen östlich der spanischen Küste, als die Kersaint uns sichtete. Der französische Kapitän näherte sich mit seinem Schiff und platzierte es längsseits steuerbord. Ohne Vorwarnung oder einen Kampf forderte er unsere Kapitulation. Captain Bannock aber würde eher sterben als zu kapitulieren und so nahm er den Kampf auf und rief seine Kanoniere zusammen. Aber Surcouf hatte sein Kanonenboot so dicht heranfahren lassen, dass unsere Geschütze nicht tief genug ausgerichtet werden konnten. Als klar war, dass die Kanonen nutzlos waren, befahl Captain Bannock seiner Mannschaft das französische Schiff zu entern und Mann gegen Mann zu kämpfen.“

Fernsby holte Atem.

„Die Mannschaft der Phoenix bestand aus erfahrenen Kämpfern, die, ohne zu zögern, nach ihren Säbeln und Enterhaken griffen. Doch als sie gerade die Kersaint entern wollten, ließ das Kanonenboot die Segel herabsausen, in Sekundenschnelle fing sich der Wind in ihnen und das Schiff entfernte sich ebenso schnell wieder, wie es herangekommen war. Bannocks Männer versuchten noch, zu ihren Kanonen zu gelangen, aber die Kersaint hatte bereits genug Abstand gewonnen, um selbst zu schießen, und ließ eine Salve Kanonenkugeln auf die Phoenix los. Die Einschläge zerschmetterten den Hauptmast und töteten die Hälfte der Männer, die gerade noch zum Entern hatten ansetzen wollen. Die Phoenix war jetzt manövrierunfähig und neigte sich vom gefällten Mast nach unten gezogen zur Seite. Noch bevor Captain Bannock den Mast sichern und selbst die Segel herablassen konnte, näherte sich Surcouf wieder, diesmal um selbst zu entern. Französische Seeleute stürmten schwerbewaffnet die Phoenix. Captain Bannock und seine Mannschaft, gemeinsam mit mir und meiner Marineeinheit, zogen ihre Waffen und kämpften um ihr Leben. Eine halbe Stunde stellten wir uns erbittert gegen die Franzosen, die uns doppelt überlegen waren, dann übernahmen sie die Kontrolle über die Phoenix. Bannock, fünfzehn seiner Männer, zwei meiner Marinesoldaten und ich selbst wurden gefangen genommen.“

Fernsby legte eine dramatische Pause ein, ehe er weiterlas.

„In den folgenden Stunden vergaß der französische Kapitän alle Regeln des Krieges und jede Ahnung von Ehre als Offizier und Gentleman, ich kann es nur als grausam, brutal und demütigend beschreiben. In all meinen Jahren als …“

Hier hörte Luke auf zuzuhören. Er würde sich das alles nicht noch einmal anhören und es noch einmal durchleben. Fernsby würde auch den Rest erzählen und kein noch so schreckliches Detail auslassen, während der Prinz und seine Berater sich das Grauen in ihren weichen Samtsesseln vorstellten.

Und er würde heute Nacht wieder von Albträumen gequält werden, aber Luke würde ausharren, bis er seine Belohnung bekam.

Warte, bis du deine Belohnung hast, wiederholte er immer und immer wieder in seinem Kopf. Nur darum ging es noch, das war der einzige Grund, jetzt weiterzuatmen. Er musste nur noch diese Kriegsgeschichten ertragen und dem Prinzen sagen, was er wollte.

„Während sein Schiff sank und seine Mannschaft tot oder in Gefangenschaft war, gelang es Bannock in den eisigen Atlantik zu entkommen, in dem es von Haien nur so wimmelte. Er schwamm hinaus in die Dunkelheit und trug meinen bewusstlosen Körper auf seiner gebrochenen Schulter. Nachdem wir zwei Nächte ziellos auf dem Meer getrieben waren“, Fernsby kam endlich zum Ende, „erblickte Captain Bannock die HMS Tribute, ein Linienschiff, und konnte sich dem Ausguck bemerkbar machen. Nur durch ein Wunder wurden wir gerettet. Die Geschichten, die die Mannschaft der Tribute verbreitet hat, von Bannock, wie er sich mit letzter Kraft, voller Blut und halb erfroren an den treibenden Mast der Phoenix klammerte, sind wahr. Dafür stehe ich mit meinem Namen ein. Um das noch einmal deutlich zu sagen, Sir, Captain Bannock hat in jener Nacht nicht nur mein Leben gerettet, sondern auch die Depesche des Kriegsministeriums in Sicherheit gebracht. Er weigerte sich nach Cornwall zurückzukehren, bevor er nicht sichergehen konnte, dass ich wieder bei Kräften und die Befehle auf dem Weg nach Spanien waren.“

Luke ergänzte Fernsbys Bericht in Gedanken: Und nachdem er sich zwei Nächte und einen Tag durch das Wasser des Atlantiks gestrampelt hatte, war sich Bannock sicher, dass er keinen Lohn sehen würde, falls Fernsby sterben würde, bevor er die ach so wichtige Depesche an seine Kameraden in Spanien überliefern konnte. Außerdem hätte ihm wohl niemand geglaubt, was geschehen war, wenn es nicht einen überlebenden Marineoffizier gab, der es bezeugen konnte.

„Mitreißend, Jamie“, sagte Prinz George.

Fernsby strahlte förmlich vor Stolz und warf Luke einen verschwörerischen Blick zu.

„Und Ihnen danke ich, Captain Bannock“, hob der Prinz nun an Luke gerichtet an, „für Ihren Mut und Ihre selbstlosen Dienste für meinen Cousin … und natürlich für das Kriegsministerium. Wir möchten uns Ihnen selbstverständlich für Ihren Dienst an Krone und Vaterland erkenntlich zeigen. Sagen Sie uns, was dürfen wir Ihnen als Zeichen unseres Dankes für Ihre Heldentaten gewähren?“

„Eure Hoheit“, sagte Luke und verneigte sich kurz. „Ich danke Euch.“ Er räusperte sich. „Wenn Ihr gestattet, so bitte ich um die Hand einer französischen Prinzessin, die seit zwanzig Jahren unter Eurem Schutz im englischen Exil lebt. Prinzessin Danielle Allard d’Orleans.“

„Was Sie nicht sagen“, murmelte der Prinz. „Man hat mir bereits mitgeteilt, dass Sie darum bitten würden. Ich habe den Namen Orleans seit vielen Jahren nicht mehr gehört, aber ich erinnere mich gut an sie, an die Familie meine ich, nicht an Prinzessin Danielle selbst. Nach der Revolution fanden drei Geschwister der Familie Orleans in England Zuflucht, sie war die Jüngste. Meine Berater haben mir versichert, dass Prinzessin Danielle immer noch hier in England ist. Sie lebt bei einer Ersatzfamilie in einem Dorf in Kent, und eine Verlobung kann arrangiert werden. Ihre Schwester und ihr Bruder haben den königlichen Diensten den Rücken gewandt und englische Staatsbürger geheiratet. Ihre ältere Schwester ist gar die Ehefrau eines Burgverwalters oder, besser gesagt, eines besseren Wachmanns. Er war schon als Söldner in Diensten meines Vaters. Ich sehe daher keinen Grund, warum die jüngere Schwester nicht einen Nationalhelden heiraten sollte. Ihre Mutter war nach Spanien geflohen und ist dort gestorben. Ihr Vater wurde während der Schreckensherrschaft der Revolution enthauptet. Sie würden mir ehrlich gesagt einen Gefallen tun, wenn Sie sie heiraten. Wir hätten unsere Verpflichtungen gegenüber der Familie Orleans längst abwickeln und sie sich selbst überlassen sollen. Aber, Captain Bannock, sagen Sie mir, warum bitten Sie ausgerechnet um eine Verlobung? Und warum mit dieser jungen Frau?“

Luke warf Fernsby einen skeptischen Blick zu. Doch der gab nur ein aufmunterndes Nicken zurück.

Also wandte er sich wieder dem Thron zu.

„Ich möchte Prinzessin Danielle heiraten“, erklärte Luke, „weil mein Feind sie ebenfalls heiraten will. Aber wenn sie bereits mit mir vermählt ist, kann er sie nicht haben.“

Das war nur die halbe Wahrheit.

„Ah. Daher weht der Wind“, erwiderte der Prinz. „Und wer ist besagter Feind?“

„Der bereits erwähnte französische Kapitän Vincent Surcouf. Der Mann, der meine Mannschaft gequält und getötet und einen mir teuren Freund, einen alten Mann, gefangen genommen hat. Wenn Ihr gestattet, Sir, etwas, das im Bericht Eures Cousins nicht vorkam, ist, dass Fernsby übel zugerichtet wurde, bevor man ihn in den Atlantik warf. Es war Kapitän Surcouf höchstpersönlich, der ihn wieder und wieder schlug und dabei nach dem Verbleib einer vermissten französischen Prinzessin fragte, die unter dem Schutz der britischen Königsfamilie stünde. Die Uniform Eures Cousins entlarvte ihn als Offizier und sein Akzent sowie sein Verhalten ließen erkennen, dass er von Adel ist, deswegen glaubte Surcouf, Fernsby könnte etwas über diese junge Frau wissen. Natürlich hatte James …“ Luke räusperte sich. „Natürlich hatte Lord Fernsby noch nie von Prinzessin Danielle d’Orleans gehört. Wie Ihr selbst sagtet, sind sie und ihre Familie offenbar weitgehend in Vergessenheit geraten. Nicht aber von jenem französischen Kapitän. Surcoufs Bestreben, sie ausfindig und zu seiner Frau zu machen, grenzt offensichtlich an Besessenheit.“

„Warum will dieser französische Kapitän sie unbedingt haben?“, fragte Prinz George verwundert.

„Meinen Nachforschungen zufolge besitzt seine Familie ein heruntergekommenes Schloss in Frankreich. Zur Mitgift der Prinzessin gehören die Ländereien, die an seine grenzen. Würde er sie heiraten, würde sich sein Anwesen vervierfachen.“

„Es geht immer um die Mitgift, nicht wahr? Nun gut, eine französische Prinzessin für den Helden aus Cornwall, so soll es sein. Wir haben Ihrer Bitte bereits stattgegeben, wie man Ihnen vielleicht schon mitgeteilt hat. Aber ich schätze Ihre Offenheit.“

„Ich danke Euch, Hoheit“, sagte Luke. Sein Herz schlug schneller. Es passierte wirklich. Sie würden sie ihm zur Frau geben.

„Sagen Sie mir noch“, bat der Prinz, „was wissen Sie von der jungen Frau, Bannock, abgesehen von ihrer Mitgift? Haben Sie sie einmal gesehen, mit ihr gesprochen?“

„Nein, Eure Hoheit“, gab Luke vorsichtig zu. „Sie wurde gut versteckt. Über sie persönlich weiß ich so gut wie nichts.“

„Offensichtlich sehr gut versteckt. Wie gesagt, ich hatte sie längst vergessen. Anscheinend wurde sie von zwei Bediensteten adoptiert und seitdem hat man nichts mehr von ihr gehört. Ich glaube, man kann davon ausgehen, dass niemand hier in St. James’s Palace die junge Frau vermissen wird, wenn Sie sie zu sich nehmen. Allerdings handelt es sich hierbei nicht um eine übliche Belohnung, oder was sagen Sie?“

Luke erstarrte. Und jetzt, dachte er, kommt die Bedingung oder eine Forderung.

„Haben Sie noch einen Wunsch, Captain?“, fragte Prinz George. „Wir können dem Volk ja schlecht sagen, dass wir unseren Nationalhelden mit einer unbedeutenden französischen Prinzessin abgespeist haben. Schließlich sind wir, wie Sie sehr wohl wissen, im Krieg mit Frankreich. Ich muss Sie deshalb bitten, eine zweite Belohnung zu nennen, etwas, das wir in den Zeitungen berichten können, einen Titel, eine Bezahlung, ein neues Schiff vielleicht?“

Luke zögerte. Keine Bedingung, ein weiteres Geschenk. Er kam wieder zu Atem. Doch in seinem Kopf drehte sich alles. Er hatte nie einen Gedanken daran verschwendet, mehr zu verlangen, als eine verdammte Prinzessin heiraten zu dürfen.

„Eure Großzügigkeit kennt keine Grenzen, Hoheit“, brachte Luke hervor. Da sein erster Wunsch so freigiebig gewährt worden war, nahm er jetzt seinen Mut zusammen und bat um das, was ihm wirklich am Herzen lag. „Wenn Ihr gestattet, Eure Hoheit, so bitte ich um taktische Unterstützung für eine Rettungsmission, um einen meiner Männer zurückzuholen, der in der Nacht des Angriffs in Gefangenschaft geraten ist.“

„In Gefangenschaft, sagen Sie?“, fragte der Prinz. „Ein englischer Soldat?“

Und genau das war das Problem. Luke hatte die gleiche Bitte bereits dem Kriegsministerium vorgetragen und dieselbe Antwort erhalten.

„Nein, Eure Hoheit“, erwiderte er. „Ein alter Mann in meinen Diensten.“

Linus Welty war in Wahrheit weit mehr als nur ein Mitglied von Lukes Besatzung, aber Prinz George würde sich nicht für einen Ersatzvater interessieren, ganz zu schweigen von Lukes elender Kindheit, bevor er Linus getroffen hatte, oder ihrer jahrelangen Freundschaft.

„In Gefangenschaft wo genau?“, fragte der Prinz.

„In einem Burgverlies, Eure Hoheit, in der Region Hauts-de-France im Norden von Frankreich.“

Der Prinz schüttelte den Kopf. „Diese Bitte ist weitaus komplizierter. Ich habe mich mit militärischen Vorschlägen schon einmal zu weit vorgewagt, und es wäre derzeit unklug, im Kriegsministerium für Aufruhr zu sorgen. Ganz zu schweigen davon, dass in der derzeitigen Phase des Krieges sowohl Soldaten als auch Kriegsmaterial ein rares Gut sind. Können Sie mit Sicherheit sagen, dass dieser Mann noch am Leben ist, Bannock? In diesem französischen Verlies?“

Der Prinz hatte seine Entscheidung offenbar bereits gefällt.

„Ich gehe davon aus, dass er noch am Leben ist“, erwiderte Luke dennoch. Seit fast einem Jahr versuchte er Linus Welty aus Surcoufs Verlies herauszuflehen, herauszuverhandeln oder herauszuschmuggeln. Wenn Linus tatsächlich sterben würde, wäre das Spielchen vorbei. Und der Franzose spielte nur zu gern Spielchen. Surcouf liebte es, Luke dabei zuzusehen, wie er immer mehr Gold bot, in der Hoffnung, irgendwann die Menge erreicht zu haben, die seinem Freund die Freiheit schenken würde. Wenn Luke jedoch die Prinzessin besaß, würde Gold überflüssig sein.

Wenn er die Prinzessin hatte, hätte er die eine Sache, die Surcouf am meisten wollte.

Und das war das Einzige, worum es Luke bei der ganzen Belohnungssache ging.

„Ich kann Ihnen keine militärische Unterstützung gewähren, Captain“, sagte der Prinz schließlich, „aber ich kann Ihnen etwas anderes anbieten: Wie wäre es mit einem Stück Land?“

„Verzeiht, Eure Hoheit?“

„Ein Haus und Ländereien, Bannock“, sagte der Prinz. „Um es Ihnen mit der Prinzessin, die Sie so sehr begehren, etwas leichter zu machen.“

Luke starrte ihn an und hoffte, dass es ihm gelang, seine Undankbarkeit zu verbergen. Er war ein Kapitän zur See. Er lebte einzig und allein dafür, seinen Freund zu zurückzuholen und seine Mannschaft zu rächen. Um nichts anderes ging es ihm. Er schlief deswegen kaum noch. Was sollte er mit einem Haus und Ländereien?

Der Prinz lächelte wissend. „Gestatten Sie mir, dass ich Ihnen einen unaufgeforderten Rat gebe, Captain. Prinzessinnen können eine echte Herausforderung sein, sogar wenn sie im Exil leben. Ich selbst muss mich mit ermüdender Regelmäßigkeit mit einer ganzen Schar von Prinzessinnen herumschlagen. Ich habe unzählige Schwestern, Tanten und gar mögliche Ehefrauen, die unter diese Bezeichnung fallen. Sie werden sich selbst dankbar sein, wenn Sie dieser jungen Dame einen Rückzugsort bieten können.“

„Einen Rückzugsort?“, fragte Luke.

„Eine Villa, ein Schloss, was auch immer, ein Turm wäre besonders passend für eine Prinzessin im Exil, würde ich sagen.“ Der Prinz gluckste über seinen eigenen Witz. „Ich nehme an“, fuhr er dann fort, „die Ländereien in Frankreich als Teil ihrer Mitgift sind für Sie nicht von Interesse?“

„Ich will mit Frankreich nichts zu tun haben, Hoheit.“

„Guter Mann! Also, wo gedenken Sie die junge Frau unterzubringen, wenn Sie sie geheiratet haben?“

Luke hatte sich darüber bereits Gedanken gemacht. Nachdem er die Prinzessin als Druckmittel gegen Surcouf eingesetzt hatte, würde er sie nach Paris bringen und dort zurücklassen. Wenn sie erst einmal in Paris war, würde sie die Ehe für nichtig erklären lassen, sich von ihm scheiden lassen können oder, wenn es nach ihm ginge, einfach so tun, als habe er nie existiert. Es war ihm herzlich egal.

Aber vorher? Es würde Wochen dauern, die Rettungsmission vorzubereiten. Luke hatte bisher keinen Gedanken daran verschwendet, wo er sie währenddessen unterbringen würde. Wenn er ehrlich war, hatte er nie wirklich daran geglaubt, dass man ihm diese Verlobung gewähren würde.

Er wollte vom Prinzen nichts weiter als diese junge Frau. Und wenn er sie erst einmal hatte, konnte er sie als Köder benutzen, um seinen alten Freund zu retten.

Aber Luke konnte gerade zu spüren, wie Fernsby neben ihm unruhig wurde und ihn stumm dazu drängte, die Großzügigkeit des Prinzen anzunehmen.

Und verdammt noch mal, Prinz George hatte nicht unrecht.

„Ihr seid sehr weise, Hoheit“, sagte Luke schließlich. „Und großzügig. Vielleicht wäre ein Anwesen tatsächlich sinnvoll, um die Prinzessin angemessen unterzubringen. Wenn Ihr es mir gewährt, Sir.“

„Hervorragend“, erwiderte der Prinz. „Wilcox?“, wandte er sich an einen seiner Berater. „Sorgen Sie dafür, dass die Verlobung zwischen Captain Bannock und der französischen Prinzessin so schnell wie möglich vollzogen wird, und kümmern Sie sich darum, dass er ein Stück Land für seine Gemahlin erhält, das sich in der Nähe ihres derzeitigen Zuhauses befindet.“

„Ich danke Euch, Hoheit“, sagte Luke, überrascht, wie leicht das alles vonstattenging, nachdem er fast gestorben war, nachdem er seine gesamte Mannschaft verloren hatte und nachdem er hatte mitansehen müssen, wie sein ältester Freund in Gefangenschaft geriet, während sein Schiff in die Luft gejagt und versenkt wurde. Die Verlobung mit der französischen Prinzessin hingegen war nun erstaunlich leicht gewesen.

„Eine letzte Frage noch, Captain“, rief der Prinz.

Luke erstarrte. Oder vielleicht war es doch etwas zu einfach gewesen.

„Haben Sie denn keinerlei Bestrebungen, später im Leben zu heiraten? Ich meine, eine Frau, die vielleicht keine vollkommen Fremde ist?“, fragte Prinz George.

Luke blinzelte. Er war nicht darauf vorbereitet gewesen, seine grundsätzlichen Ansichten zur Ehe erklären zu müssen. Nicht zuletzt, weil seine einzige grundsätzliche Ansicht zur Ehe in der Frage „Wozu das alles?“ bestand. Andererseits gab der Mann ihm die Hand einer Prinzessin und ein Haus, also konnte Luke wenigstens seine Neugier befriedigen.

„Wenn ich ehrlich bin, Eure Hoheit, verspüre ich nicht den geringsten Wunsch, irgendwann einmal zu heiraten, nicht einmal jetzt. Ich habe nur wenige Verbindungen zwischen Mann und Frau erlebt, die wirklich glücklich waren, und als Kapitän zur See gebe ich einen miserablen Mann für ein Leben mit Haus und Hof ab. Aus strategischen Gründen zu heiraten, ist mehr Anreiz, als ich es mir vorstellen kann. So geht es mir zumindest.“

„Hm,“ brachte der Prinz nachdenklich hervor. „Was Sie nicht sagen. Wenn ich doch nur selbst in der Lage wäre, so ungezwungen auf die Sache zu blicken. Nun ja, jetzt gehen Sie aber. Oh, allerdings, Jamie?“ Der Prinz wandte sich an Lieutenant Fernsby.

Fernsby machte einen Satz nach vorn. „Ja, Eure Hoheit?“

„Wir sind sehr glücklich über Ihre Befreiung und Rückkehr. Genießen Sie diesen Triumph, das haben Sie sich verdient. Und richten Sie Ihrer Mutter aus, dass ich damit meine Schulden beglichen habe.“

Fernsby entglitten die Gesichtszüge, aber er sagte nur: „Sehr wohl, Hoheit.“

Luke warf dem Prinzen einen Blick zu, aber der hatte sich schon abgewandt und holte einen Diener herbei.

Ein Bediensteter erschien und bugsierte Luke und Fernsby zügig aus dem Saal.

2. KAPITEL

Danielle Allard nahm die Bücher aus ihrem Marktkorb und legte stattdessen Aprikosentörtchen hinein. Vielleicht würde sie später Zeit zum Lesen finden oder vielleicht auch nicht – ganz sicher nicht –, aber das Komitee würde sich über die Törtchen freuen, das war sicher. Jeder liebte Miriams Törtchen, vor allem Dani selbst, und sie steckte sich schnell eines in den Mund, als sie aus dem Schlafzimmer eilte.

„Dani?“, rief jemand aus der Küche. Es war Whittle, seine Stimme war freundlich, aber bestimmt. Mit ihrem vollen Mund brachte Dani lediglich ein undeutliches „Auf Wiedersehen“ hervor.

„Würdest du uns kurz dein Ohr leihen?“, drängte Whittle.

Dani aber winkte ihm schon im Lauf, sie war entschlossen, vor den anderen bei der St. Andrews Kirche einzutreffen. Sie hatte keine Zeit irgendjemandem ihr Ohr zu leihen. Giles Stinchcomb würde heute bei dem Treffen dabei sein, und Dani sollte sich am Kopfende des Tisches platzieren, bevor die große Schlacht begann. Gelassene Autorität war immer eine Frage von Haltung und Vorbereitung.

„Kleines?“, rief Whittle erneut, diesmal deutlich lauter.

Dani wandte sich um und ließ das Törtchen, das sie bereits im Mund gehabt hatte, unauffällig verschwinden. Dann sah sie die beiden, ihre Adoptiveltern, gedrängt in der Küchentür. Ihre Gesichter waren aschfahl und unter ihren Augen zeichneten sich dunkle Ringe ab. Sie hielten sich am Türrahmen fest, als müssten sie gegen schweren Wind ankämpfen.

Dani hielt inne. „Was ist los?“

„Setz dich bitte hin, Kleines“, bat Whittle.

„Genau“, bestätigte Miriam eindringlich. „Wir sollten uns alle setzen.“

Setzen?

Dani warf einen verwirrten Blick auf das Sofa und die vier Stühle in dem kleinen Wohnzimmer ihres Cottages. Hinsetzen? Es war ganz und gar nicht üblich, dass an so einem geschäftigen Morgen auf einmal die Arbeit unterbrochen wurde, um sich hinzusetzen. Überhaupt setzte man sich in dieser Familie nicht ordentlich zusammen. Man rief durch Fenster hindurch, stand an die Küchenanrichte gelehnt oder saß auf dem Teppich vor dem Kamin. Sogar Ermahnungen – und in seltenen Fällen ernster Tadel – wurden nicht angekündigt und schon gar nicht sitzend ausgesprochen. Besonders Miriam war eine Meisterin darin, Dani aus dem Stand heraus einen belehrenden Vortrag zu halten, dazu brauchte sie keinen Stuhl.

Aber jetzt setzen sich Miriam und Whittle Dinwiddie unsicher auf das Sofa, als wären sie Gäste in ihrem eigenen Zuhause.

„Ist jemand gestorben?“, fragte Dani vorsichtig.

„Nein“, sagte Miriam und dehnte das Wort vorsichtig, „niemand ist gestorben.“

Aaaaber? Dani zog fragend die Augenbrauen hoch.

Die beiden schauten sie nicht an, stattdessen starrten sie auf den Stuhl gegenüber und warteten offensichtlich darauf, dass sie sich setzte. Doch da fläzte sich gerade noch ein Kater namens Lemonade auf einem der gemütlichen Kissen, eines seiner orangefarbenen Beine in die Luft gestreckt, und putzte sich. Lemonade hatte das Recht, immer und überall zu sitzen, aber er war schließlich auch ein Kater.

Mit einem Seufzer scheuchte Dani den Kater weg und ließ sich auf den Stuhl fallen. Sie hatte durchaus einen starken Willen, aber sie war nicht trotzig. Sie lehnte sich zurück und leckte einige Krümel von ihren Fingern.

„Hier bin ich“, seufzte sie und blickte die Reste des Törtchens an. „Ich höre, ich sitze.“

Misty, eine zweite Katze, grau, mit kurzen Haaren, sprang jetzt auf Miriams Schoß, aber sie setzte das Tier sofort wieder auf den Boden. Mit eine Hand faltete sie abwesend ein rechteckiges Stück Pergament. „Wir müssen dir etwas sehr Wichtiges mitteilen, Danielle“, setzte Miriam an. Dani hielt inne, das restliche Törtchen schon auf dem Weg in den Mund. Nur sehr selten wurde sie mit vollem Namen angesprochen, und niemals, wirklich niemals, scheuchte Miriam Dinwiddie eine Katze weg. Was immer sie Dani auch mitzuteilen hatten, es musste ernst sein.

„Wir haben einen Brief erhalten“, fuhr Miriam fort, „mehrere Briefe, um genau zu sein …“ Sie zog noch weitere Pergamentstücke aus den Tiefen ihrer Schürzentasche und starrte den Stoß an wie einen toten Vogel, den sie gerade aufgelesen hatte.

„Wollt ihr, dass …“, fragte Dani zögernd, „wollt ihr, dass ich sie lese? Sind sie von eurer Cousine aus Bedfordshire? Es geht nicht wieder um ihr Rheuma, hoffe ich …“

„Du sollst verheiratet werden, Dani“, stieß Miriam hervor. Kaum hatte sie es ausgesprochen, kniff sie die Augen zusammen.

Dani hörte auf zu kauen und schluckte den Rest des Gebäcks im Ganzen herunter. Ganz langsam setzte sie sich gerade hin. „Wie bitte?“

„Verzeih mir, Kleines“, flüsterte Miriam unter Tränen. „Whittle und ich haben selbst erst vor zwei Tagen die Nachricht erhalten und wir wussten nicht, wie wir es dir sagen sollen. Wir konnten es selbst nicht begreifen. Dieser Tag würde kommen, das wussten wir.“

Jetzt schloss Dani die Augen. Hinter ihren Lidern flackerten schmerzhaft helle Lichter. Ihr Kopf schien in Flammen zu stehen.

„Verheiratet? Verheiratet mit wem? Um warum, um Himmels willen?“

Miriam presste die Lippen aufeinander und schüttelte den Kopf. Ganz anders Dani, sie konnte kaum verhindern, dass ihr Mund offen stehen blieb. Sie rutschte zur Stuhlkante.

„Entschuldigt bitte. Noch einmal von vorn“, sagte Dani. „Tief durchatmen, Miriam. Genau so. Und jetzt wiederhole noch mal, was du gerade gesagt hast. Bitte.“

„Was wir versuchen, dir zu sagen, Kleines“, sagte Whittle, „ist, dass eine Ehe arrangiert wurde. Dass deine Ehe arrangiert wurde. Du musst uns verlassen. Es ist offenbar nicht weit, aber doch …“

„Sag nicht noch einmal das Wort Ehe, ohne zu sagen, wen ich zu heiraten habe“, schnitt ihm Dani das Wort ab.

Sie blickte sich um, um sicherzugehen, dass sie tatsächlich zu Hause war, mit den ihr vertrauten Eltern und Katzen, dass das tatsächlich ihr Leben war. Es war kein Traum.

„Und wer hat das angeordnet?“, fragte sie schließlich. „Wer hat diese Heirat bestimmt? Und warum habt ihr per Post davon erfahren?“

Auf diese Fragen wussten Miriam und Whittle offenbar keine Antwort. Eng aneinandergedrängt saßen sie auf dem Sofa und starrten Dani schweigend an. Sie sahen elend aus, als wäre jemand, den sie sehr liebten, auf See verschollen.

„Miriam?“, drängte Dani. „Miriam! Mit wem soll ich verheiratet werden? Was ihr sagt, ergibt überhaupt keinen Sinn!“

Dani hatte keine Verehrer. Annäherungsversuche von Männern aus dem Dorf waren stets von Miriam und Whittle unterbunden worden, aus bestenfalls schwammigen Gründen, die irgendetwas mit Danis gesellschaftlichem Stand und dem Mangel an geeigneten Männern in der Umgebung zu tun hatten. Tatsächlich war das Einzige, was noch schwammiger war als der offenbare Mangel an geeigneten Männern, Danis gesellschaftlicher Rang. Niemand hatte je genauer darüber gesprochen, sie wusste lediglich, dass sie aus irgendeinem Grund höhergestellt war, aber darum war stets ein solches Geheimnis gemacht worden, dass Dani irgendwann aufgehört hatte, sich dafür zu interessieren.

Der ganzen Situation kam sehr entgegen, dass sie ebenfalls einen Mangel an Interesse für die jungen Männer von Ivy Hill besaß. Die Bauern, Handwerker und auch die gebildeten Söhne der wohlhabendsten Kaufleute des Dorfes waren zwar anständig und freundlich, aber eben auch ungemein langweilig. Sie hatte bisher keinen Gedanken an eine Heirat verschwendet, weil sie schlicht noch niemanden getroffen hatten, den sie hätte heiraten wollen.

Jahrelang hatten Miriam und Whittle vage Versprechungen gemacht, dass sie mit Dani zu einer gesellschaftlichen Saison gehen würden, aber im Frühjahr hatte sie ihren zweiundzwanzigsten Geburtstag gefeiert, und damit war die Zeit für ein Debüt in Londoner Kreisen vergangen. Wenn sie ehrlich war, war der einzige Grund, warum Dani gelegentlich über „Ehe“ nachdachte, die Unabhängigkeit von ihren Zieheltern, die damit einherging, nicht der Mann, der sie ihr gewähren würde. Sie sehnte sich danach, einen Haushalt zu führen, unabhängiger zu sein und mehr Verantwortung im Komitee tragen zu dürfen. Wenn in diesen Überlegungen ein Ehemann vorkam, dann nur als namen- und gesichtsloses Mittel zum Zweck. Und jetzt das? Es ergab einfach keinen Sinn.

„Du weißt doch, Liebes“, begann Whittle, „wir haben immer gesagt, dass deine leiblichen Eltern …“ Er machte eine Pause und wischte sich die Stirn.

Dani wandte sich ihm zu, sichtbar überrascht, dass er sich nun auch zu Wort gemeldet hatte. Silas „Whittle“ Dinwiddie war kein Mann vieler Worte und er war ein Mann besonders weniger Worte, wenn es um ernste Gespräche und emotionale Themen ging. Wenn er einmal etwas mehr redete, dann um Lob auszusprechen, Dani zu necken oder um in „den guten alten Zeiten“ in St. James’s Palace zu schwelgen.

Von Danis leiblichen Eltern war kaum je geredet worden. In den seltenen Fällen, da man auf sie zu sprechen kam, wurde in ehrfürchtigen Andeutungen über sie geredet, als seien sie längst verstorbene Heilige.

Dani hatte man lediglich erklärt, dass ihre leiblichen Eltern hochangesehen waren und dass dieses Ansehen aus irgendeinem Grund gefährlich für sie war. Zu gefährlich jedenfalls für ein Kleinkind. Als Dani dann älter gewesen war, war es auch zu gefährlich für ein kleines Mädchen. Irgendwann wurde klar, dass dieses vage Ansehen ihrer leiblichen Eltern grundsätzlich eine Gefahr für sie darstellte, egal in welchem Alter. Das führte dazu, dass Dani nichts weiter über sie wusste, zu ihrer eigenen Sicherheit.

Miriam und Whittle, die kinderlos gewesen waren, aber sich nach einer Familie gesehnt hatten, waren als Ersatzeltern ausgewählt worden. Sie waren die einzigen Eltern, die Dani je gekannt hatte, ihre wahren Eltern. Da Dani überaus pragmatisch war und stets zufrieden mit dem Hier und Jetzt, war ihre leibliche Familie einfach irgendwann kein Thema mehr gewesen. Miriam und Whittle wollten darüber nicht sprechen und Dani hatte Zeit gehabt, sich mit Eltern zu befassen, die sie zurückgelassen hatten.

Wenn man es genau nahm, sprach man so selten von ihren leiblichen Eltern, dass Dani sogar häufiger an eine Heirat dachte als an sie, und das wollte etwas heißen.

Aber jetzt hakte sie nach. „Was ist mit meinen leiblichen Eltern?“, fragte sie Whittle mit leiser Stimme. Sie holte Luft. Sie würde niemanden beschuldigen. Sie würde nur wieder und wieder fragen, bis sie verstand, was hier gerade vor sich ging.

Eine weitere Katze, Pebble, strich um ihre Beine, Dani hob sie hoch und begann sie mit schnellen, heftigen Zügen zu streicheln.

„Was Whittle dir sagen will“, sagte Miriam, „ist …“

„Klopf, klopf?“, hörte man plötzlich eine fröhliche Stimme durch die Tür und alle drei fuhren zusammen.

„Dani? Du bist ja noch gar nicht unterwegs?“ Amelia Broom, Danis Nachbarin und beste Freundin lächelte durch die obere Hälfte der geteilten Klöntür. „Ich war mir sicher, ich hätte dich schon verpasst. Ich bin nur schnell vorbeigekommen, um …“

„Amelia“, brachte Dani mit heiserer Stimme hervor, es klang fast flehend. Der Anblick ihrer Freundin war mit einem Mal das einzig Vertraute in einer Welt, die ihr auf einen Schlag fremd geworden war.

„Liebes, du könntest doch vielleicht schon vorgehen“, wandte sich Miriam eindringlich an Amelia. „Wir haben hier gerade wichtiges Gespräch in der Familie. Dani kommt nach, sobald wir fertig sind.“

„Miriam, Liebes, eigentlich“, Whittle unterbrach seine Frau sanft, „glaube ich, dass Dani ihre Freundin gerade gut gebrauchen könnte.“

Dani drehte sich überrascht um und blickte Whittle an. Es kam so gut wie nie vor, dass Silas Dinwiddie seiner Frau widersprach.

Amelia stand immer noch in der Tür, deutlich verunsichert. „Oh, entschuldigt …“

„Komm rein, Amelia“, rief Whittle. „Komm rein und setz dich zu Dani.“

„Amelia“, sagte jetzt auch Dani leise, beinahe flehend. Amelia warf ihrer Freundin einen fragenden Blick zu. Es war normalerweise nicht Danielle Allards Art jemanden in dieser Art anzuflehen und die Dinwiddies widersprachen sich so gut wie nie. Die Stimmung in dem kleinen Wohnzimmer war mindestens seltsam. Vorsichtig, fast unsicher, öffnete Amelia die untere Hälfte der zweigeteilten Tür und trat ein. In der einen Hand hielt sie einen großen Krug, wahrscheinlich mit dem Apfelwein ihrer Mutter, und in der anderen eine kleine Tasche aus der Dutzende Bleistifte ragten. Außerdem trug sie ihren liebsten Strohhut, der mit frischen Blumen verziert war. Hinter ihr huschten zwei Katzen durch die Tür.

Dani, Miriam und Whittle beobachteten schweigend, wie sie in die Stube kam. Niemand stand für sie auf, nahm ihr den Krug ab oder lobte ihren Hut.

„Soll ich mich …“, begann Amelia unsicher.

Dani streckte eine Hand aus und zog sie auf den Stuhl neben sich. Dabei flüsterte sie ihr zu: „Wir erfahren hier gerade etwas über meine leiblichen Eltern. Und über meine Verlobung. Offenbar.“

„Oh!“, erwiderte Amelia leise und hörbar überrascht. Sie stellte den Krug etwas unbedacht auf den Boden, sodass die Katzen erschrocken davonstoben.

„Also“, fuhr Whittle endlich fort. „Uns ist klar, dass diese Nachricht ein gewisser Schock ist. Aber ich fürchte, uns war ebenso klar, dass dieser Tag … dass er irgendwann kommen würde.“

„Welcher Tag?“, fragte Dani. Sie griff nach Amelias Hand und drückte sie fest.

„Der Tag“, erklärte Miriam, „an dem sich deine Abstammung und deine Vergangenheit auf dein Leben hier in unserer Familie auswirken würden. Der Tag, an dem deine Vergangenheit und deine Abstammung dich … zurückfordern würden.“ Ihre Stimme brach und ihre Augen füllten sich mit Tränen.

„Abstammung, Vergangenheit, wovon sprichst du?“, fragte Dani. Panik stieg in ihr auf, Miriam weinte, sie weinte wirklich gerade und Miriam weinte nie.

„Das Leben, das ich in den vergangenen zwanzig Jahren hier geführt habe“, betonte Dani, „das ist meine Vergangenheit. Diese unbekannte Abstammung hat doch wohl weniger über meine Zukunft zu sagen als die Familie, in der ich aufgewachsen bin, unsere Familie? Warum weinst du? Wenn wir alle nicht wollen, dass ich irgendeinen fremden Mann heirate – und ich sage das klipp und klar, ich will das nicht –, dann kann mich doch niemand zwingen, oder?“

„Es geht nicht darum, dich zu zwingen, Liebes.“ Miriam schniefte. „Das sind an sich gute Nachrichten. Was wir dir sagen, ist eigentlich eine wirklich gute Nachricht.“ Sie schluchzte und verschluckte das Ende ihres Satzes.

„Offensichtlich ist hier aber niemand glücklich“, gab Dani zurück, „und ich am allerwenigsten. Ich höre, was ihr sagt, aber ihr erklärt es nicht!“

Jetzt meldete sich Whittle wieder zu Wort. „Ich verstehe, dass du verwirrt und besorgt bist, Kleines, das ist unsere Schuld, nicht wahr? Wir sind so sehr in unserer Rolle als deine Eltern aufgegangen, all die Jahre. Du bist so sehr zu unserer Tochter geworden und wir haben dich so sehr in unser Herz geschlossen, dass wir es versäumt haben, die Wahrheit über deine andere Familie und deine Verpflichtungen und Aufgaben wachzuhalten.“

„Was für Verpflichtungen? Was für Aufgaben denn?“, rief Dani. Nun war sie selbst den Tränen nahe.

„Diese Leute haben ein berechtigtes Interesse an deiner Zukunft und der Nachfolge ihrer Familie … deiner eigentlichen Familie“, fuhr Whittle fort. „Ich befürchte, sie haben ein Recht darauf, die nächsten Abschnitte deines Lebens mitzubestimmen. Es war uns eine Ehre und eine große Freude, dich großzuziehen. Aber jetzt wird jemand anderes unseren Platz einnehmen, sozusagen. Und so sollte es auch sein, würden wahrscheinlich viele sagen. Was wissen Miriam und ich schon von angemessenen Partien und feinen Herren? Auf unsere Art waren wir sehr gute Eltern, aber wir sind nicht die richtigen, um dich in die gehobene Gesellschaft einzuführen.“

„Was kümmert es mich, ob ich in die gehobene Gesellschaft komme?“, fragte Dani.

„Es spielt keine Rolle, ob es dich kümmert“, sagte Miriam traurig. „Genauso wenig spielt es eine Rolle, ob es uns kümmert. Was wir gern hätten, macht hier keinen Unterschied. Man hat uns sehr deutlich gesagt, dass ein Ehemann für dich ausgewählt wurde und dass du ihn heiraten wirst.“

„Ausgewählt von wem? Welche Zukunft?“ Es war, als führten sie unterschiedliche Gespräche. Dani stellte Fragen und ihre Eltern antworteten mit unverständlichen Ankündigungen.

„Es war immer klar, dass du nicht bei uns bleiben würdest, jedenfalls nicht für immer.“ Whittle seufzte. „Aber wir werden immer für dich da sein und dieses Cottage wird für immer dein Zuhause sein. Ivy Hill wird für immer dein Dorf sein. Du wirst jetzt nur auch noch eine Ehefrau für jemanden sein. Und dieser jemand ist dir in Rang und Stand ebenbürtig. Ivy Hill war nie groß genug für deine Voraussetzungen, das haben wir schon immer gesagt.“

„Ihr habt nie irgendwas gesagt“, protestierte Dani. Das Aprikosentörtchen in ihrem Magen drohte wieder hochzukommen.

Neben ihr räusperte sich Amelia nun vorsichtig. „Aber könnt ihr sagen, wer Danis Verlobter ist? Wie heißt er? Mr. Dinwiddie, Mrs. Dinwiddie?“ Eine Pause folgte. „Vielleicht könnten wir ja damit anfangen? Oder weiß man den Namen des Gentlemans noch gar nicht?“

„O doch, man hat uns seinen Namen genannt. Das können wir sagen, oder?“, sagte Whittle und schaute seine Frau an.

„Er heißt Captain Lucas Bannock“, las Miriam von dem Brief vor ihr ab. „Aus Cornwall.“

Feathers, noch eine Katze, sprang auf Miriams Schoß. „Offenbar hat er sich in militärischen Diensten besonders ausgezeichnet, er …“

„O mein Gott!“ Amelia unterbrach sie. Sie ließ Danis Hand los und sprang auf. „Dani! Captain Lucas Bannock! Captain Luke Bannock!“

„Wer ist Captain Lucas oder Luke Bannock?“, fragte Dani. Sie sagte den Namen wie eine Zutat in einem Rezept, die keinerlei Sinn ergab.

„Captain Luke Bannock ist natürlich ein Nationalheld“, rief Amelia aufgeregt. „Er hat einem Cousin des Prinzregenten in einer Seeschlacht das Leben gerettet. Sein Schiff wurde versenkt und seine Mannschaft gefoltert, aber er hat es geschafft, zu entkommen. Drei Tage lang hat er im offenen Meer ausgeharrt und dabei den Cousin des Prinzen vor dem Ertrinken bewahrt. Mitten im Atlantik. Er hat Haie, Hunger und die Verzweiflung bezwungen!“

„Wie genau bezwingt man Hunger?“, fragte Dani, aber sie hörte gar nicht zu. Was interessierten sie irgendwelche Seeschlachten und Haie? Sie war verlobt. Sie sollte heiraten. Einen echten Mann. Mit jedem begeisterten Satz aus Amelias Mund wurde er echter. Vielleicht war Miriams und Whittles Ansatz doch besser gewesen, vielleicht hätten sie weiter einfach Sätze austauschen sollen, ohne dass irgendjemand wusste, wovon eigentlich die Rede war. Solange das niemand wusste, war es vielleicht auch einfach nicht wahr. Aber jetzt gab es einen Namen. Und es gab einen Titel: Captain.

Amelia konnte sich kaum halten vor Begeisterung. „Aber erinnerst du dich denn nicht?“, drängte sie. „Ich hab dir doch vor Monaten den Bericht in der Londoner Zeitung vorgelesen?“

Dani schüttelte den Kopf. Nein, sie erinnerte sich nicht. Amelia war besessen vom Klatsch und Tratsch aus London, besonders von den Berichten über die Familie von King George und den königlichen Hof in St. James’s Palace. Ihre Freundin las ihr jedes noch so unwichtige Detail vor, aber Dani verstand nur einen Bruchteil davon und merkte sich noch weniger. Und ganz sicher konnte sie sich an keinen Captain Wasauchimmer erinnern, der tagelang geschwommen war und einen königlichen Cousin gerettet hatte.

„Das ist doch fantastisch, Dani!“, beharrte Amelia. „Du sollst einen Nationalhelden heiraten!“

Dani starrte ihre Freundin ausdruckslos an. Sie fühlte, wie ihr die Farbe aus dem Gesicht glitt und ihre Finger und Zehen zu prickeln anfingen. Sie bekam kaum Luft.

Währenddessen nahm Amelias Enthusiasmus ungekannte Ausmaße an. Dani mochte selten bis nie an eine Heirat denken, aber das Einzige, was Amelia noch mehr interessierte als eine Heirat, war der königliche Hofklatsch.

„Die Frau eines Kriegshelden“, schwärmte Amelia. „Captain Bannock ist einer der gefeiertsten Männer in ganz Britannien! Du wirst ohne Zweifel eines Tages Queen Charlotte vorgestellt! Du wirst die königliche Prinzessin kennenlernen! O Gott, Dani!“ Sie faltete ihre Hände unter dem Kinn „Kannst du dir das überhaupt vorstellen?“

„Nein“, sagte Dani hoffnungslos. „Ich kann es mir nicht vorstellen.“

Vielleicht war an diesem Morgen kein wahrerer Satz gesprochen worden.

„Aber erinnerst du dich an das Bild von Captain Bannock, das ich dir gezeigt habe? Auf der Titelseite der Times?“, redete Amelia weiter auf sie ein. „Erinnerst du dich nicht, wie ich meinte, dass er so umwerfend aussehe?“

Umwerfend? wiederholte Dani in Gedanken. Was soll ich mit umwerfend?

„Jetzt mach daraus keinen Nachteil, Dani“, warnte Amelia, „mach das nicht. Umwerfend ist besser als heruntergekommen. Oder schwächlich. Oder pickelig. Oder …“

„Ich verstehe schon, dass umwerfend einen Reiz hat, Amelia,“ sagte Dani, „aber wie sollen wir diesen Mann feiern, wer ihn mir zugewiesen hat, und vor allem warum? Es kommen für gewöhnlich nicht einfach Briefe mit der Post, die ahnungslose Frauen für den Rest ihres Lebens an fremde Männer binden, egal, wie heldenhaft sie sind.“

„Wir wissen, wie gesagt, immerhin, woher der Mann kommt“, erklärte Miriam und richtete sich etwas auf. „Aus Cornwall.“

Sie verzog das Gesicht. Alle im Raum verzogen das Gesicht. Miriam ließ den Brief sinken und sagte: „Wir sind uns doch einige, dass es eine falsche Annahme ist, dass alle aus Cornwall …“

„Es ist doch egal, ob er aus Cornwall ist“, unterbrach Dani sie. „Fang bitte von vorn an, Miriam. Erklär mir, wer diese Entscheidung über mich und meine Zukunft gefällt hat und warum. Und warum ausgerechnet er? Und wann ist das passiert, um Himmels willen?“

Als sie nach dem wann fragte, erinnerte sie sich plötzlich an den Gemeindesaal, an ihren Plan, möglichst früh da zu sein, an die Drohungen von Giles Stinchcomb.

„O nein … das Komitee“, rief sie und schlug sich mit der Hand gegen die Stirn. „Warum muss das ausgerechnet heute alles ans Licht kommen? Ich muss in zehn Minuten in St. Andrews sein, ich bin schon jetzt zu spät.“

„Aber du musst doch immer irgendwo sein, oder, Liebes?“, fragte Whittle sanft. „Es gab keinen richtigen Zeitpunkt für das alles. Deshalb haben wir es die ganze Zeit aufgeschoben. Es war nie der passende Moment.“ Seine Stimme war so unglaublich traurig.

„Nein“, sagte Dani und ließ ihre Hand sinken. „Nein, den gab es wohl wirklich nicht.“

Natürlich hatte Whittle recht. Seit das Geld zur Renovierung des Gemeindesaals bewilligt worden war, hatte Dani nichts anderes mehr im Kopf gehabt.

Und ihre Zieheltern standen offensichtlich völlig neben sich. Ihre Schultern hingen schlaff herab und ihre Gesichter angespannt und sichtbar gezeichnet. Sie presste ihre Hände aneinander oder rieben sie nervös auf der Sofalehne. Eine weitere Katze sprang auf ihren Schoß, aber beide nahmen keine Notiz davon.

Miriam und Whittle würden Dani nicht bewusst von etwas abhalten, genauso wenig würden sie sie bewusst mit einer überraschenden Verlobung überrumpeln, außer man ließ ihnen keine Wahl.

„Aber vielleicht sollte uns Amelia etwas mehr von dem umwerfenden Captain Bannock erzählen, wenn sie den Herren offenbar so gut kennt“, schlug Whittle vor. „Uns wurde ja nur sehr wenig über ihn berichtet, nicht war, Miri? Vielleicht wird uns allen etwas leichter ums Herz, wenn wir wissen, dass Dani eine Verbindung mit einem Mann mit guten Manieren und tadellosem Charakter eingehen soll. Tapfer und ehrenhaft. Wenn er tagelang geschwommen ist und seinen Freund gerettet hat, wird er wohl noch recht jung sein, oder? Amelia?“

Er schaute Amelia fast verzweifelt an. Jetzt bemerkte Dani, dass Whittle und Miriam genauso verängstigt waren wie sie selbst.

„Gebt mir die Briefe“, sagte Dani und hielt ihre Hand ausgestreckt. „Alle. Es geht um meine Zukunft, ich sollte sie lesen dürfen.“

„Lass uns dir bitte vorher erklären, wie uns die Nachricht von der Verlobung erreicht hat“, versuchte es Miriam und umklammerte den Brief krampfhaft.

„Meinetwegen“, sagte Dani. „Erklärt es mir. Ich bitte euch ja schon die ganze Zeit …“

Sie wurde von Schritten draußen unterbrochen, dann hörte man Männerstimmen und schließlich einen lauten Ausruf: „Oh!“

Dani drehte sich auf ihrem Stuhl um. Was war denn nun schon wieder?

Das helle Sonnenlicht ließ die geöffnete Tür wie einen Rahmen erscheinen, und darin sah man nun die Silhouette eines Mannes. Er war groß, hatte breite Schultern und war gut gekleidet. Haar von einem dunklen Rotbraun kam in Locken unter seinem schwarzen Hut hervor. Neben ihm stand nun ein zweiter Mann, kleiner, runder, kahler, aber ebenfalls ein gut gekleideter Gentleman.

Dani blickte von dem großen Mann zu seinem Begleiter und wieder zurück. Ihre Blicke trafen sich. Seine Augen waren von einem blassen Grün und hatten den Ausdruck eines hungrig abwartenden Raubtiers.

Raubtier? dachte Dani verwirrt. Was wusste sie schon von Raubtieren?

Sie lebte in einem grünen Dorf mit Namen Ivy Hill, wo Schwäne auf dem Teich schwammen. Hier gab es keine Raubtiere. Und dennoch, etwas löste sich aus ihrer Brust und offenbarte ein offenes Loch. Und aus diesem Loch hörte sie ihren Herzschlag.

Dani bl...

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