Stürmisches Wiedersehen mit Dr. Jameson

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Chloe ist fassungslos: Vier Jahre nach einer Nacht voll Leidenschaft steht der attraktive Arzt Xander Jameson wieder vor ihr und will nicht glauben, dass sie gemeinsam eine kleine Tochter haben! Damals wirkte er nicht so verbittert wie jetzt. Was mag nur mit ihm passiert sein?


  • Erscheinungstag 13.08.2026
  • ISBN / Artikelnummer 9783751543002
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

Emily Forbes

Stürmisches Wiedersehen mit Dr. Jameson

1. KAPITEL

„Happy Birthday, liebe Lily! Happy Birthday to you!“

Chloe Larson blinzelte ein paar Tränen weg, während Lily die Kerzen auf ihrer Geburtstagstorte auspustete. Ihre kleine Tochter war schon drei Jahre alt!

Nachdem sie die Kerzen aus der Schokosahne gezupft hatte, griff Chloe nach dem Messer. „Wollen wir sie anschneiden?“

„Granny soll mir helfen“, piepste Lily.

Chloe versuchte, nicht gekränkt zu sein. Seit sie mit vierundzwanzig schwanger geworden war und sich entschlossen hatte, ihr Kind allein großzuziehen, unterstützte ihre Mutter sie, wo sie nur konnte. Ohne deren Hilfe hätte sie es nicht geschafft. Da war es kein Wunder, dass Lily an Susan genauso hing wie an Chloe. Natürlich sollte ihr das nichts ausmachen, aber manchmal wünschte sich Chloe, ihr Leben wäre anders verlaufen.

Sie unterdrückte ein Seufzen und reichte das Messer an ihre Mum weiter. Welchen Sinn hatte es, bedauernd zurückzublicken? Manches war eben nicht zu ändern.

„Wünsch dir etwas, Lily“, forderte Susan ihre Enkelin auf, während sie die kleine Hand mit dem Messer führte, um in die Regenbogentorte zu schneiden.

Konzentriert hob Lily ein Stück nach dem anderen auf die Teller. „Zuerst Onkel Tom“, verkündete sie. „Wann kommt Onkel Guy?“

„Er hat dir ja heute Morgen schon gratuliert, Lily, da er Spätdienst hat. Wir heben ihm ein Stück auf.“

Lily hatte ihren Kuchen schnell verputzt. „Kann ich noch mal mit dir Rad fahren, Onkel Tom?“, bat sie.

Chloes Brüder hatten der Kleinen ein rosa Fahrrad mit Stützrädern und bunten Lenkerfransen geschenkt, und Lily hatte einen Großteil des Tages damit verbracht, auf der Auffahrt ihre Runden zu drehen. Immer unter den wachsamen Augen ihres jüngsten Onkels.

„Klar doch.“

Mit einundzwanzig verfügte Tom neben seiner Arbeit als Rettungssanitäter über genug Energie, um mit seiner Nichte herumzutoben, zu spielen und ihr so gut wie jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Wie alle in der Familie vergötterte er das Mädchen. Chloe wusste, dass sie großes Glück hatte. Sagte man nicht, es brauche ein Dorf, um ein Kind großzuziehen? Sie konnte gar nicht dankbar genug sein für die Unterstützung ihrer Mutter und Brüder. Und natürlich ihrer Freundinnen.

„Komm mit, Granny, guck mal, was ich schon kann!“

Lily hüpfte nach draußen, gefolgt von Susan und Tom, und Chloe blieb mit zwei ihrer besten Freundinnen zurück.

„Okay, wer trinkt zur Feier des Tages ein Glas Wein mit mir oder einen Gin Tonic? Du, Esther?“

„Wein, bitte“, antwortete Esther.

„Für mich nicht“, meinte Carly, die seit Kurzem schwanger war. „Aber zu einem zweiten Stück Torte sage ich nicht Nein.“

„Was würdest du dir wünschen, wenn heute dein Geburtstag wäre?“, fragte Esther, als Chloe mit der Weinflasche und zwei Gläsern zurückkam. Carly schnitt unterdessen noch mehr Kuchen ab. „Wie sieht dein Happy End aus?“

Chloe warf Esther einen Seitenblick zu. Sie waren befreundet, seit sie zusammen am Queen Victoria die Hebammen-Ausbildung gemacht hatten. Zusammen mit Isabella, der Vierten im Bunde, die zurzeit in Übersee lebte, waren sie sich so nahe, dass Chloe oft das Gefühl hatte, sie könnten gegenseitig Gedanken lesen. Aber Esther konnte doch bestimmt nicht ahnen, dass Chloe sich gerade ein anderes Leben gewünscht hatte!

„Ich bin schon glücklich“, entgegnete sie. Genau das sagte sie sich selbst auch oft. Schließlich war es allein ihre Entscheidung gewesen, ihr Kind zu bekommen, und sie bereute es nicht, auch wenn es seitdem nicht immer einfach gewesen war.

„Bist du auch zufrieden? Wie wäre es mit einem Traumprinzen, der auf seinem weißen Pferd in deine Welt geritten kommt?“

Das war das Problem. Seit sich Carly und Esther unsterblich verliebt hatten und bald heiraten würden, wollten sie das ganz große Glück auch für alle anderen. Aber ernsthafte Beziehungen waren nichts für Chloe. Ihrer Erfahrung nach endeten sie mit Kummer und Herzschmerz.

„Mir geht es gut, wirklich“, bekräftigte sie.

Ihr Alltag war ausgefüllt, sie war selten allein, und nur manchmal fühlte sie sich ein bisschen einsam. Ihre Tage verbrachte sie entweder im Queen Victoria Hospital in der Notaufnahme oder zu Hause bei ihrer Tochter.

Zu Hause war das Haus, in dem sie aufgewachsen war und in dem sie zusammen mit ihrer Mutter und ihrem jüngsten Bruder Tom wohnte. Obwohl sie es vorgehabt hatte, war sie nie ausgezogen. Die unerwartete Schwangerschaft warf all ihre Pläne über den Haufen, und nun lebte sie, drei Jahre später, immer noch in ihrem Elternhaus.

Was sich deprimierend anhörte, weil es so aussah, als wäre sie keinen Schritt weitergekommen und hätte nichts im Leben erreicht. Allerdings bezahlte sie Miete und beteiligte sich an den Lebenshaltungskosten. Damit war sie eher eine Mitbewohnerin als die Tochter, die ihrer Mutter noch mit knapp Ende zwanzig auf der Tasche lag. Außerdem verstand sie sich mit ihrer Mum wunderbar, und Lily tat es gut, Familie um sich zu haben. Sie liebte ihre Granny und ihre beiden Onkel heiß und innig. Chloe war froh darüber.

Aber sie konnte nicht leugnen, dass sie sich manchmal einen Mann an ihrer Seite wünschte, und ja, ihr fehlten Berührungen, Zärtlichkeit, Sex. Da sie jedoch einerseits von One-Night-Stands nichts hielt und es andererseits nicht für möglich hielt, dass Menschen in festen Beziehungen immer treu waren, blieb sie für sich. Es musste schon ein ganz besonderer Mann daherkommen, damit sie wieder an das Märchen vom Happy End glaubte. Wahrscheinlich hatte sie ihre Chance, den Richtigen zu finden, längst verpasst.

„Wann hattest du dein letztes Date?“, fühlte Esther ihr auf den Zahn.

„Ist schon eine Weile her.“

„Geht es etwas genauer?“ Carly lächelte.

„Im November.“

November? Wir haben März!“

„Ich weiß. Aber um Weihnachten herum sind alle beschäftigt, und mitten im Winter habe ich keine Lust, auszugehen.“

„Vielleicht solltest du Online-Dating versuchen“, schlug Carly vor. „Du fängst schon mal zu Hause an, dich umzusehen. Da kannst du die Speisekarte praktisch im Pyjama studieren.“

Diese Dating-Plattformen waren ihr nicht ganz geheuer. Chloe hatte schon zu viele üble Geschichten gehört. Sie wollte das erregende Knistern, wenn sie jemandem gegenüberstand, ihm in die Augen sah und seine Nähe spürte. So etwas gab es ja. Es war ihr schon einmal passiert. Auf keinen Fall wollte sie sich durch Webseiten scrollen, Männer begutachten, die ihre Profile frisierten und ihre Fotos mit Photoshop bearbeitet hatten. Und vor allem wollte sie sich nicht einer Masse anonymer Gesichter aussetzen. Abwehrend schüttelte sie den Kopf.

„Denk ruhig mal darüber nach, Chloe“, meinte Esther. „Ich würde mich irre freuen, wenn du jemanden zu meiner Hochzeit mitbringst.“

Ihre Freundin sagte es nicht zum ersten Mal, aber Chloe kannte niemanden, der dafür infrage kam.

„Vielleicht kennt Harry jemanden, den wir dir vorstellen können. Oder du lernst jemanden auf der Hochzeit kennen.“ Esther drehte sich zu Carly um. „Vielleicht hat Adem nette Freunde, die noch Single sind?“

Chloe überlief es kalt, als sie sich ausmalte, wie sie ständig mit alleinstehenden Männern bekanntgemacht wurde. „Ich weiß, ihr meint es gut, aber ich komme sehr gut allein zurecht. Wirklich.“

Ihre Freundinnen machten betretene Gesichter. „Entschuldige“, sagte Carly. „Du weißt, wir haben dich lieb und wollen nur, dass du glücklich bist.“

„Das bin ich doch“, betonte sie. „Bitte deutet weder bei Harry noch bei Adem irgendetwas in der Richtung an. Aber ich verspreche, euch Bescheid zu sagen, falls ich es mir anders überlege. Okay?“

Vielleicht sollte sie sich doch nach einer Begleitung umsehen. Als eine Art Schutzschild, um andere Männer abzuhalten. Leider hatte sie keine Ahnung, wo sie jemanden für diesen Zweck auftreiben sollte.

Chloe legte Lilys Lieblingsbuch auf den Nachttisch und schob sich langsam aus dem Bett, damit ihre Tochter ungestört weiterschlief. Sie deckte sie sorgsam zu und betrachtete sie.

Lily sah genauso aus wie sie damals mit drei Jahren. Dichte rotblonde Locken rahmten das runde Gesichtchen, freche Sommersprossen tanzten auf ihrer Nase, dunkle Pünktchen, die sich deutlich von der hellen Haut abhoben. Einen Arm hatte sie hinter den Kopf gelegt, und Chloe wusste, dass eine Schramme quer über den schmalen Ellbogen verlief und eine zweite am rechten Knie.

Liebevoll berührte sie die Lockenpracht. Sie selbst hatte ihr lockiges Haar gehasst, vor allem als Teenager. Sobald sie genug Taschengeld gespart hatte, kaufte sie sich ein Glätteisen und färbte sich die Haare blond. Doch sie liebte die rötliche Mähne ihrer kleinen Tochter.

Chloe färbte sich noch immer die Haare, benutzte das Glätteisen jedoch nur zu besonderen Anlässen. Krauses Haar zu glätten, brauchte Zeit, und den Luxus konnte sie sich nicht mehr leisten.

Der einzige Unterschied zu ihr im Alter von drei Jahren war die Augenfarbe. Chloes waren dunkelbraun, Lilys dagegen grau.

Sie suchte im Gesicht ihrer Tochter nach Ähnlichkeiten mit dem Mann, der sie gezeugt hatte. Lily musste etwas von ihm haben, aber je mehr Zeit verging, umso schwieriger fand sie es, sich an alle kleinen Details zu erinnern. Auf jeden Fall hatte Lily die grauen Augen ihres Vaters geerbt, doch im Schlaf waren sie geschlossen. Chloe fragte sich, ob Lily sich je gewünscht hatte, ihren Vater um sich zu haben. Fehlte er ihr? Sie wirkte glücklich, ein fröhliches, munteres Kind, das genug männliche Bezugspersonen hatte. Aber war es wirklich das Gleiche?

Nein, war es nicht, das wusste Chloe. Ihr Vater war gestorben, als sie sieben war, und ihre Mutter hatte sie und die Brüder allein großgezogen. Chloe liebte ihre Mum sehr und bewunderte sie dafür, wie sie ihren drei Kindern ein liebevolles Zuhause geschaffen hatte. Trotzdem hatte sie ihren Dad vermisst. Vielleicht fehlte Lily nichts, weil sie ihren nie kennengelernt hatte.

Das würde sich bestimmt ändern, wenn sie älter wurde.

Was wohl aus ihm geworden ist? Dem Mann, der ihr vor Jahren im australischen Outback das Herz gestohlen hatte. Wie oft hatte sie sich diese Frage schon gestellt?

Xander … Mit seinen blonden Haaren und dem breitschultrigen athletischen Körper hatte er ausgesehen wie ein nordischer Gott. Doch vom ersten Moment ihrer Begegnung an spürte sie eine leichte Melancholie an ihm, eine Verletztheit, wie sie Menschen ausstrahlten, die Schweres hinter sich hatten. Aber sie war überzeugt, dass sie damit zurechtkam. Damals arbeitete sie im Rahmen eines Austauschprogramms bei den Flying Doctors mit und hatte nichts gegen eine Urlaubsromanze.

Anfangs war alles in Ordnung gewesen. Sie war jung und ungebunden, und Xander hatte gerade einen Scheidungskrieg hinter sich. Ihre Affäre dauerte keine vier Wochen. Mehr Zeit blieb ihr in Australien nicht. Genug, um sich zu amüsieren, und zu wenig, um sich Liebeskummer einzuhandeln.

Am Ende des Monats fiel es ihr schwer, sich von ihm zu trennen, aber sie war überzeugt, ihn mit der Zeit zu vergessen. Eine Urlaubsaffäre war nicht für die Ewigkeit gedacht, und obwohl sie ihn vermisste, sagte sie sich, dass sie darüber hinwegkommen würde.

Sie wollte sich auf ihre Karriere konzentrieren, beim Luftrettungsdienst arbeiten und vielleicht gelegentlich an Xander Jameson denken. An die kurze leidenschaftliche Begegnung, die sie zwar genossen hatte, die aber nun der Vergangenheit angehörte.

Mit dem Gefühl der Leere, das an ihr nagte wie eine unerfüllte Sehnsucht, hatte sie allerdings nicht gerechnet. Auch nicht mit dem Schmerz, der sich anfühlte wie ein Klumpen Blei in der Brust. Chloe hatte noch nie ihr Herz verschenkt. Ihrer Erfahrung nach konnten Männer nicht treu bleiben, sodass sie immer auf der Hut war. Bei Xander versagte ihr Schutzmechanismus jedoch.

Natürlich hatte sie nicht vorgehabt, sich zu verlieben. Liebe war ein unzuverlässiges Gefühl, vor allem bei Männern nicht von Dauer. Die Ehe ihrer Eltern scheiterte an der Untreue ihres Vaters, und mit einundzwanzig wurde Chloes Eindruck bestätigt: Ihre halb ernsthafte Beziehung erlitt das gleiche Schicksal. Liebe, das bedeutete letztendlich nur Kummer. Leider bewahrte diese Erkenntnis sie nicht davor, dass es ihr auch passierte.

Mit Xander hatte sie nicht gerechnet.

Damit, dass sie schwanger wurde, auch nicht.

Chloe war schon einen Monat wieder in London gewesen, als sie es bemerkte. Wenigstens erklärte das ihre seltsamen, für sie so ungewöhnlichen Gefühle. Sie hatte sich nicht verliebt, sondern wurde von Hormonen geflutet, die ihre Emotionen auf den Kopf stellten.

Dazu gehörten die Träume, in denen sie sich trotz ihrer Vorbehalte ein märchenhaftes Happy End vorstellte.

Sie hatte versucht, Xander ausfindig zu machen. Schließlich konnte sie ihm nicht vorenthalten, dass er Vater wurde. Aber er war spurlos verschwunden. Während ihrer erfolglosen Suche stellte sie bald fest, wie wenig sie von ihm wusste. Er war in Adelaide, im Süden Australiens, aufgewachsen, in keinem der sozialen Medien aktiv, und seine Arbeitskollegen wollten oder konnten ihr keine Informationen geben. Ihre Briefe kamen ungeöffnet zurück. Der Mann schien wie vom Erdboden verschluckt.

Bis heute fragte sie sich, wie ihr Leben verlaufen wäre, wenn sie ihn gefunden hätte.

Wollte er überhaupt eine Familie?

Er hatte ihr erzählt, dass seine Ehe bitter geendet hatte, weil seine Frau sich Kinder wünschte. Obwohl er es nicht ausdrücklich sagte, nahm Chloe an, dass er keine wollte.

Vielleicht war es gut, dass sie ihn nicht wiedergesehen hatte. Sie konnte nicht wissen, wie er zu Lily stehen würde. Chloe allein hatte entschieden, ihr Kind zu bekommen, und die Träume vom Glück blieben, was sie waren: Träume.

Als Lily auf der Welt war, hatte sie keine Zeit mehr, ihre Nachforschungen fortzusetzen. Chloe verabschiedete sich endgültig von ihren Träumen und konzentrierte sich auf das Naheliegende und Wichtigste in ihrem Leben: ihre Tochter großzuziehen.

Dennoch vergaß sie ihn nie.

Sie seufzte.

Wie könnte sie auch, wurde sie doch Tag für Tag an ihn erinnert? Jedes Mal, wenn sie ihrer Tochter in die Augen blickte.

Ja, sie hatte versucht, ihn zu vergessen und sich zu sagen, dass sie nicht in ihn verliebt gewesen war. Die große Liebe, die ein Leben lang hielt, die gab es für sie nicht. Das hatte die Episode mit Xander nur bestätigt.

Sie hatte ihre Tochter, ihr geliebtes Wunder, ihre kostbare kleine Lily. Das musste genügen.

Chloe ließ das Nachtlicht an und die Tür einen Spalt offen und schlüpfte aus dem Zimmer. Ihre Gedanken kreisten immer noch um die Vergangenheit. Hätte sie sich die Folgen ihrer Affäre deutlich bewusst gemacht, wäre sie dann vorsichtiger gewesen?

Sie liebte ihr Kind und bereute es nicht, sich für das Baby und ein Leben als alleinerziehende Mutter entschieden zu haben. Im Grunde hatte sie keine Sekunde gezögert. Ihre Mum hatte ohne große Unterstützung drei Kinder großgezogen, was war dagegen ein einziges?

Was wäre gewesen, wenn … Dass sie sich das in letzter Zeit öfter fragte, hatte vielleicht damit zu tun, dass ihre besten Freundinnen dem Traummann begegnet waren und bald glücklich verheiratet sein würden. Chloe überlegte, ob sie tatsächlich wieder mehr ausgehen, sich nicht nur den gelegentlichen Drink oder ein Dinner mit Carly und Esther gönnen sollte. Nichts Ernstes, natürlich. Sie und Lily kamen sehr gut allein zurecht. Außerdem blieb sie lieber allein, als sich mit jemandem einzulassen, der nicht perfekt zu ihr passte. Und zu Lily.

Wieder fragte sie sich, ob Xander dieser Mann gewesen wäre.

Seit Lily auf der Welt war, hatte sie ein paar Dates gehabt, doch keiner der Männer konnte sich mit Xander vergleichen. Sicher, im Lauf der Zeit verklärten sich Erinnerungen. Und auch, wenn sie sich nur an das Gute erinnerte, sah sie ihn im Nachhinein bestimmt durch eine rosarote Brille. Kein Mensch war vollkommen. Vier Wochen reichten eben nicht, um am anderen die weniger sympathischen Seiten zu entdecken.

Aber wenn sie ihn gefunden hätte?

Wo würden sie heute stehen?

Chloe schüttelte den Kopf. Was wäre gewesen, wenn …? Solche Fragen brachten sie nicht weiter. Damit konnte niemand zufrieden leben. Die Chemie zwischen Xander und ihr hatte zwar gestimmt, knisternd und funkelnd, aber wer sagte, dass es für eine lange, glückliche Beziehung gereicht hätte?

Sicher gab es eine einfache Erklärung dafür, dass Xander wie vom Erdboden verschluckt schien. Welcher Grund auch immer dahintersteckte, inzwischen waren vier Jahre vergangen, sie war immer noch Single und Lily ohne Vater.

Sollte sie wirklich zulassen, dass ihre Freundinnen ihr ein Date verschafften? Die Frage spukte ihr immer wieder im Kopf herum, so auch jetzt, während sie durch die Notaufnahme eilte, um einen Infusionsbeutel mit Kochsalzlösung zu holen.

Die Vorstellung hatte etwas, aber die Umsetzung könnte schwierig werden. An den meisten Tagen, nachdem sie nach einem langen Dienst zu einem lebhaften Kleinkind nach Hause kam, konnte sie sich kaum aufraffen, die Hausarbeit zu erledigen. Woher sollte sie die Energie nehmen, sich für ein Date zurechtzumachen?

Chloe kehrte zu ihrer Patientin in die Untersuchungskabine zurück und schob jeden Gedanken an Dating beiseite.

„Gleich werden Sie sich besser fühlen, Penny“, versprach sie und hängte den Beutel an den Infusionsständer.

„Können Sie mir noch mal erklären, was der Doktor gemeint hat?“

„Er hat bei Ihnen eine Hyperemesis gravidarum festgestellt.“ Chloe vermerkte die Infusion auf der Patientenkarte. „Das ist der medizinische Ausdruck für schwere Morgenübelkeit, die Sie leider nicht nur morgens befällt. Ich weiß, Sie fühlen sich schrecklich elend, aber der Zustand ist nicht lebensbedrohlich und wird vorübergehen.“

„Wann?“

„Normalerweise ab der zweiten Schwangerschaftshälfte.“

„Das sind noch drei Monate!“ Penny stöhnte auf, griff hastig nach der Schüssel und erbrach sich wieder. Stark dehydriert war sie am späten Nachmittag eingeliefert worden, nachdem sie sich praktisch den ganzen Tag lang übergeben hatte.

Chloe hielt ihr die Haare aus dem Gesicht, nahm ihr schließlich die Schale ab und reichte ihr ein feuchtes kühles Tuch.

„Kann ich etwas tun, damit es aufhört?“, fragte Penny matt.

„Manchen Schwangeren hilft es, wenn sie flüssige statt fester Nahrung zu sich nehmen. Also Shakes und Smoothies zum Beispiel oder eine protein- und kohlenhydratreiche Ernährung, bei der auf Fett möglichst verzichtet wird. Ingwer und Vitamin B6 haben auch schon geholfen.“

„Schadet es dem Baby, wenn ich ständig spucken muss?“

„Das Erbrechen selbst nicht. Wenn Sie jedoch keine Nahrung bei sich behalten, werden Sie und auch Ihr Kind nicht ausreichend versorgt. Mitunter nehmen die Babys nicht genug zu und kommen mit einem geringeren Geburtsgewicht zur Welt. Deshalb ist es wichtig, dass Sie gut auf sich achten.“

Chloe wollte Penny keine Angst machen, sie aber dazu bewegen, ihren Zustand nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. „Viele werdende Mütter mit ähnlichen Symptomen kommen regelmäßig zur Infusionstherapie, um einer Dehydratation vorzubeugen. Manche nehmen auch Medikamente dagegen, und einige lassen sich – auch wenn es selten vorkommt – stationär aufnehmen. Hier im Krankenhaus gibt es eine Anlaufstelle für Frühschwangere, die täglich während der Bürozeiten geöffnet ist. Dorthin können Sie sich wenden, wenn Sie sich unwohl fühlen. Sie werden schneller behandelt als in der Notaufnahme und können sich außerdem nicht so leicht irgendwelche Krankheitserreger einfangen, die hier vermehrt herumschwirren. Vielleicht lassen Sie sich morgen oder übermorgen beraten, wie Sie am besten mit der Situation umgehen können.“

Chloe fischte einen Notizblock aus ihrer Kitteltasche und schrieb Telefonnummer und weitere Informationen auf, zusammen mit dem wissenschaftlichen Ausdruck für Pennys Zustand. Gerade, als sie den Zettel in Pennys Tasche schob, streckte die Stationsleiterin den Kopf ins Zimmer.

„Chloe? Die Luftrettung hat eine Hebamme angefordert. Fliegst du mit?“, fragte Shirley. „Ich sorge dafür, dass sich um deine Patientin jemand kümmert.“

Chloe nickte. „Pennys Notizen sind auf dem neuesten Stand. Für den Moment ist sie versorgt.“

Sie gehörte zu den drei Hebammen, die dem Air Ambulance Service bei Bedarf zur Verfügung standen. Der Luftrettungsdienst war im obersten Stock des Queen Victoria untergebracht. Chloe liebte diesen Job und hätte ihn am liebsten in Vollzeit ausgeübt, aber dann hätte sie nur noch als Krankenschwester arbeiten können. Da sie den Hebammenberuf nicht aufgeben wollte, fand sie auf diese Weise einen Kompromiss. Das Beste aus zwei Welten, so fühlte es sich für sie an.

Rasch warf sie ihre Einmalhandschuhe in den Abfallbehälter und eilte zum Fahrstuhl, um keine Zeit zu verlieren. Der streng festgelegte Ablauf schrieb vor, dass die Crew innerhalb von vier Minuten nach Eingang des Notrufs abheben musste.

Eine Etage vor dem Dach mit dem Helikopterlandepunkt stieg sie aus und schlüpfte in den orangefarbenen Overall, den man ihr reichte. Chloe zog den Reißverschluss zu, rannte die letzten Stufen hinauf und joggte zum Hubschrauber, dessen Rotoren sich bereits knatternd drehten. Instinktiv duckte sie sich, obwohl sie nicht groß genug war, um von den wirbelnden Blättern erfasst zu werden, kletterte in die Maschine und auf ihren Sitz. Neil, einer der beiden Feuerwehrleute auf dem Landeplatz, schob die Tür hinter ihr zu.

Chloe hakte einen der Helme ab, die über ihrem Kopf hingen. Sie zog das Gummiband, mit dem sie ihre schwer zu bändigenden Locken zusammenhielt, etwas tiefer, um ihn aufsetzen zu können. Ihr gegenüber saß Rick, einer der Sanitäter.

Ihr letzter Einsatz war über einen Monat her, und sie verspürte die vertraute Mischung aus Nervosität und Erwartung, während sie den Helmgurt schloss und nach ihrem Sicherheitsgeschirr griff. Sie beeilte sich, ohne sich die Zeit zu nehmen, zu dem Sitz zu blicken, wo der Notarzt saß. Der Pilot wartete darauf, dass auch sie startklar war.

„Chloe, das ist Dr. Alexander Jameson.“ Sie schob gerade einen Arm in das Gurtsystem, als Rick ihr den neuen Arzt vorstellte. „Er vertritt Eloise, die nach ihrer Knie-OP buchstäblich für eine Weile lahmgelegt ist.“

Ein feines Prickeln rann ihr über den Rücken, und ihr Puls jagte in die Höhe. Du hast dich verhört, ganz bestimmt! Warum sollte ausgerechnet Xander mit ihr in diesem Hubschrauber sitzen? Chloe hielt den Kopf gesenkt, beschäftigte sich länger als sonst mit ihren Gurten.

„Er kommt gerade aus Wales.“

Erleichtert atmete sie aus. Der Mann war Waliser, kein Australier. Also war er’s nicht.

Doch als sie schließlich aufsah, blickte sie in sehr vertraute graue Augen.

Er war’s.

Xander.

Ihre Sicht verschwamm, als hätte sich ihre Umgebung ruckartig verschoben. Chloe kniff die Augen zusammen, aber es half nichts. Als sie sie öffnete, sah Xander sie direkt an.

Er hielt ihren Blick fest, die Welt hörte auf, sich zu drehen, und als Nächstes strömte ihr die Luft aus den Lungen, als hätte jemand sie in den Magen geboxt.

Sie starrte ihn an. Starrte auf den Helm, das markante Gesicht mit den hohen Wangenknochen. Auf seine vollen Lippen, den dunklen Bartschatten auf Kinn und Wangen, die gerunzelte Stirn. Chloe erinnerte sich an diesen Gesichtsausdruck. Xander wirkte oft ernst, als hätte er die Last der Welt auf den Schultern.

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