Romana Extra Band 174

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WIEDERSEHEN UNTER GRIECHISCHEN STERNEN VON EMILY LARK

Eine einzige Nacht als Escort-Boy in London: Für den griechischen Unternehmer Dimitri ist es nur eine verrückte Wette. Doch dann trifft er die bezaubernde Maya. Auf keinen Fall darf sie erfahren, wer er wirklich ist! Aber unerwartet sieht er sie in seinem Hotel auf Zakynthos wieder …

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  • Erscheinungstag 04.07.2026
  • Bandnummer 174
  • ISBN / Artikelnummer 9783751539319
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Wie, du bist seit zwei Tagen in London und sagst uns erst jetzt Bescheid?

Dimitri Angelopoulos starrte auf die Nachricht, die sein bester Freund Tom ihm geschickt hatte, und musste widerwillig grinsen. Obwohl seit ihrem gemeinsamen BWL-Studium sechs Jahre vergangen waren, hatte sich an ihrer Freundschaft nicht viel geändert. Es genügte eine kurze Nachricht in die Messenger-Gruppe, damit die Truppe bereitstand, um sich mit ihm ins Nachtleben zu stürzen.

Neben Tom und ihm war auch Max der Beerpongcrew treu geblieben. Der harte Kern der ehemals acht Mitglieder, der trotz neuem Job und neuen Freunden in Kontakt blieb.

Sorry, hatte viel zu tun.

Dass er sich nur bei den Jungs gemeldet hatte, weil einer der wichtigsten Redner des Tourismuskongresses plötzlich krank geworden war und die Programmpunkte deshalb verschoben worden waren, verriet er ihnen nicht. Seine Freunde beschwerten sich ohnehin schon darüber, dass er zu viel arbeitete und sich keine Zeit für sein Privatleben nahm. Da musste er das Thema nicht weiter befeuern.

Wenn er in absehbarer Zeit den Vorsitz der Olympus Luxe Holdings übernehmen wollte – und mit seinen dreiunddreißig Jahren war das doch endlich an der Zeit –, musste er eben Prioritäten setzen. Das hatte ihm sein Vater von klein auf beigebracht. Ihm und seinem Halbbruder Nicholas.

Bei dem Gedanken an Nicholas verzog Dimitri das Gesicht. Noch war nicht geklärt, wer die Nachfolge seines Vaters Basileios Angelopoulos antreten sollte. Der Senior tat sich schwer damit, in aller Stille abzutreten, und mischte sich permanent in die Angelegenheiten der Firma ein, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, exklusive Resorts in ganz Griechenland aufzubauen. Das war das Vermächtnis seines Vaters, das der ihm zumindest auf dem Papier noch nicht übertragen hatte.

Als wäre dieses Problem nicht gravierend genug, hatte sich jüngst Nicholas ins Gespräch gebracht. Dabei war der gerade erst mit dem BWL-Studium fertig. Warum ausgerechnet sein jüngerer Bruder die bessere Wahl für den Vorsitz sein sollte, wollte sich ihm nicht erschließen. Schließlich hatte er, Dimitri, als erstgeborener Sohn sein bisheriges Leben danach ausgerichtet, eines Tages die Firma zu übernehmen, in die er nicht nur Zeit, sondern auch Herzblut investierte.

Es sollte eigentlich bloß reine Formsache sein, endlich auch offiziell den Vorsitz übertragen zu bekommen, den er aus Sicht der Mitarbeiter schon seit Monaten innehatte. Doch aus irgendeinem unerfindlichen Grund schien sein Vater plötzlich nicht abgeneigt von der Idee, dem Grünschnabel den Vortritt zu lassen. Seinem Lieblingssohn, den er mit der anderen Frau gezeugt und von Anfang an besonders gefördert hatte, obwohl Nicholas überwiegend Partys und schöne Frauen im Kopf hatte.

Eine neue Nachricht ging ein und holte ihn aus seinen düsteren Gedanken.

Max schrieb: In einer Stunde in unserer Stammkneipe?

Dimitri schickte einen Daumen nach oben. Das Vergnügen konnte beginnen.

Als er zwei Minuten vor der verabredeten Zeit im Daìmon ankam, war der Laden bereits brechend voll. Nur von seinen beiden Freunden war noch nichts zu sehen. Dafür entdeckte er Denise hinter der Theke. Die Barkeeperin hatte seit jeher eine besondere Schwäche für ihn. Mit einem gewinnenden Lächeln ging er auf sie zu. „Kalispéra, theá!

„Dimitri, du Charmeur.“ Ihre Augen leuchteten auf, als sie ihn in der Menge erkannte. „Dass du dich mal wieder hier blicken lässt.“

„Du weißt ja, die Arbeit.“ Er beugte sich vor und hauchte ihr einen Kuss auf die Wange. „Ich hatte gehofft, dass du ein wenig Zeit für mich hast. Aber hier brennt die Hütte, wie mir scheint.“

„Allerdings.“ Sie schob bedauernd die Unterlippe vor. „Heute Abend kann ich nicht weg. Aber wenn du möchtest, kann ich dir einen freien Tisch besorgen.“

„Ich wusste doch, dass du meine Göttin bist!“

Röte stieg ihr ins Gesicht, und ehe er sichs versah, hatte sie ihm einen Platz in einer Ecke freigeräumt. Er bedankte sich mit einem Kuss auf die Wange, setzte sich und zog die Karte zu sich heran. Dabei wusste er längst, was er bestellen wollte.

„Drei Alpha, bitte“, rief jemand über seinen Kopf hinweg. „Ich hoffe, du trinkst noch Bier?“

Als er aufsah, stand Max vor ihm. „Klar, was denkst du denn?“ Dimitri musterte seinen Freund, der sich in den vergangenen Jahren kaum verändert hatte. Ein wenig an Umfang hatte er zugelegt, okay. Anscheinend bewegte er sich in seinem Job als Unternehmensberater nicht genug, aber das machte der schicke Anzug wieder wett, wenn man die Blicke der anwesenden Frauen richtig interpretierte.

Max boxte ihn freundschaftlich in die Seite. „Könnte ja sein, dass dir dein Erfolg zu Kopf gestiegen ist. Ich habe euren Jahresbericht im Handelsanzeiger gelesen. Scheint gut zu laufen, dein Hotelimperium.“

Das Brennen in seiner Kehle ignorierend, das die Aussage bei ihm auslöste, nickte Dimitri, ohne darauf einzugehen, dass noch lange nicht von seinem Hotelimperium die Rede sein konnte.

Auch wenn es von außen so aussehen mochte, seit sein Vater sich mehr und mehr aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hatte, mischte sich der Senior immer noch bei wichtigen Entscheidungen ein. Ein Umstand, der sich endlich ändern musste. „Kann mich nicht beklagen. Wir haben gerade zwei neue Hotels bauen lassen. Luxus pur. Die Gäste werden begeistert sein.“ Er zog einen Flyer aus der Tasche und legte ihn auf den Tisch. „Was hältst du davon? Eröffnung ist in ein paar Wochen.“

Max nickte beeindruckt. „Sehr edel. Aber nicht für den kleinen Geldbeutel gedacht, oder?“

„Das Suitenhotel Moonlight & Spa richtet sich an Gäste der Oberklasse“, betätigte Dimitri. „Wir legen Wert auf kompromisslose Eleganz und zeitlose Raffinesse mit Stil.“ Eine der liebsten Floskeln, die sein Vater bei Geschäftsterminen von sich gab. Grundsätze, die ihm selbst längst in Fleisch und Blut übergegangen waren.

„Bin ich zu spät?“ Tom platzte in ihr Gespräch.

Schwer atmend ließ er sich auf den letzten freien Stuhl sinken und strich sich mit einer lässigen Geste die etwas zu langen Haare zurück.

Dimitri sah demonstrativ auf die Uhr und runzelte die Stirn. „Pünktlichkeit ist eine Tugend.“

„Ach, nun sei nicht so ein Spießer. Bei mir auf der Arbeit ist gerade die Hölle los.“

„Proben die Damen etwa den Aufstand?“ Dimitri wechselte einen Blick mit Max und beide prusteten sie los.

Tom löste seinen Schal, legte ihn über die Stuhllehne und verschränkte die Arme vor der Brust. „Macht euch ruhig lustig über mich, aber der Erfolg gibt mir recht. Secret Time zu gründen, war das Beste, was ich nach dem Studium machen konnte.“

„Das kann ich mir vorstellen.“

Max grinste anzüglich und Tom rollte mit den Augen, die im Gegensatz zu früher nun hinter einer markanten Brille mit schwarzem Rahmen steckten.

„Jetzt tu nicht so, als ob du nicht auch deinen Spaß hättest“, sagte Dimitri beschwichtigend. Ein Kellner bracht das Bier und Tom nahm einen großen Schluck.

„Natürlich gefällt es mir, mit dem Escortservice dafür zu sorgen, dass Frauen mit meiner Hilfe einen unvergleichlichen Abend genießen, sonst hätte ich die Begleitagentur nicht gegründet, aber nicht auf die Art, die ihr erwartet. Zumal ich seit einem Jahr vermehrt Angestellte einsetze und mich mehr um die administrativen Aufgaben kümmere.“

„Ja, es ist schon wichtig, auf die Verhütung zu achten“, warf Max ein. „Sonst musst du nachher für einen ganzen Kindergarten aufkommen.“

Tom boxte ihn in die Seite. „Meine Güte, ihr benehmt euch wie Schüler, die zum ersten Mal Sexualkunde im Unterricht haben. Werdet endlich erwachsen.“

„In Wirklichkeit sind wir nur neidisch.“ Dimitri grinste breit. „Wer kann schon von sich behaupten, sein Hobby zum Beruf gemacht zu haben?“

„Wie oft denn noch? Der Begleitservice ist eine verantwortungsvolle Aufgabe.“ Tom sah auf die Uhr. „Und weil ich mich um meine Kundinnen kümmere, muss ich in einer halben Stunde leider wieder verschwinden.“

„Jetzt schon?“ Dimitri runzelte die Stirn. „Du bist doch gerade erst gekommen.“

„Und das ganz ohne Dame“, flachste Max, der es nicht lassen konnte, Witze auf Toms Kosten zu machen.

„Einer meiner besten Escorts ist ausgefallen“, sagte Tom, ohne auf Max’ Bemerkung einzugehen. „Und da die Dame die Dienste von Secret Time heute zum ersten Mal in Anspruch nimmt, möchte ich ihr nicht direkt absagen müssen. Das wäre schlecht für meinen Ruf.“

„Kann ich verstehen“, spottete Dimitri. „Bei so einem Angebot können wir natürlich nicht mithalten.“

„Zum letzten Mal – in meiner Agentur geht es um so viel mehr als um körperliche Nähe. Es geht um geheime Sehnsüchte, die Stärkung des Selbstwertes und manchmal auch um ehrliche Gespräche. Körperlicher Kontakt ist eher die Ausnahme und von der jeweiligen Situation abhängig! Und genau diese Seriosität wissen die Kundinnen zu schätzen.“

„Und trotzdem glaube ich, dass es nicht wirklich schwer ist, diesen Job auszuüben.“ Dimitri lehrte sein Glas und wischte sich mit dem Handrücken über die Lippen.

Tom starrte ihn an. „Was du aus deinem Elfenbeinturm beurteilen kannst, ja? Würde mich wundern, wenn du außer zur Führungsriege bei euch noch zu anderen Menschen Kontakt hast.“

„Du meinst, ich bin abgehoben und habe den Bezug zur Realität verloren?“ Dimitri kniff die Augen zusammen und starrte Tom verärgert an.

„Wollt ihr euch in unserer kurzen gemeinsamen Zeit wirklich streiten?“, fragte Max, doch Dimitri hob eine Hand.

„Sorry, aber das will ich jetzt wissen.“

Tom zuckte mit den Schultern. „Ich finde schon, dass du dich seit dem Studium verändert hast. Und das nicht gerade zu deinem Vorteil. Geld und Macht – mehr zählt doch nicht für dich, seit du in die Manageretage aufgerückt bist. Wann warst du das letzte Mal hier, um mit uns einen draufzumachen? Gib es zu, wenn dieser Redner auf dem Kongress nicht zufällig abgesagt hätte, hättest du die Stadt verlassen, ohne uns auch nur ein Wort davon zu erzählen, dass du hier warst.“

„Woher …“, begann Dimitri, kam aber nicht weit.

Tom sah ihn provozierend an. „Ob du’s glaubst oder nicht – auch ich lese die Zeitung und habe meine Kontaktleute in der Stadt, denn meine Agentur ist ein Unternehmen, das am Markt bestehen muss. Und das funktioniert hervorragend.“

„Tom, ich wollte dich nicht …“

Nun hob Tom abwehrend eine Hand. „Nein, lass mich aussprechen. Ich bin es leid, von dir von oben herab behandelt werden. Von euch beiden, um genau zu sein. Denn ich bin stolz auf das, was ich in den letzten Jahren geleistet und aufgebaut habe. Ich wette, dass ihr den Job nicht mal einen Abend lang durchhalten würdet. Und nicht jeder, der bei mir anfangen will, schafft es in die nähere Auswahl der Bewerber.“

„Also mit Verlaub gesagt …“ Dimitri strich sich über den Nacken. „Bisher bin ich bei Frauen immer gut angekommen.“ Er sah zu Denise hinüber, die ihm von der Bar aus zuzwinkerte.

Tom wiegelte ab: „Das ist nicht dasselbe. Es geht darum, sich voll und ganz auf die jeweilige Situation einzulassen. Herauszufinden, was die Bedürfnisse des Gegenübers sind.“

„Und du meinst, das kann ich nicht?“

„Ich wage es zu bezweifeln.“

„Gut, dann ist das ein Deal.“ Dimitri streckte eine Hand aus.

Tom sah ihn verwirrt an. „Wie bitte?“

„Ich übernehme eine deiner Kundinnen und beweise dir, dass ich nicht der aalglatte, kühle Geschäftsmann bin, für den du mich anscheinend hältst.“

Tom rückte seine Brille zurecht. „Das kann ich den Damen unmöglich antun.“

„Ach komm schon.“ Dimitri legte den Kopf schief und grinste unverblümt. „Kannst du diesen Augen widerstehen?“

Tom erwiderte seinen Blick und seufzte. „Und wenn es schiefgeht? Der Ruf meines Unternehmens steht auf dem Spiel.“

„Also ehrlich, es geht um ein Date.“

„Du meinst, einen Termin als Escort.“

„Genau.“ Dimitri nickte betont ernst, zwinkerte dann aber Max zu. „Falls du für meine Arbeit eine schlechtere Bewertung als vier Sterne bekommst, lade ich dich eine Woche gratis ins Moonlight & Spa ein.“ Er wedelte mit dem Flyer vor Toms Nase herum. „Schau dir das an. Palmen, Sonne – was will man mehr?“

Tom stöhnte beim Anblick der verführerischen Bilder auf. „Bei dem grauen Londoner Wetter sind diese Poolbilder durchaus ein Argument. Und diese Liegen erst. Sehen bequem aus.“

„Oh ja. Und das exquisite Buffet. Massagen sind im Preis natürlich ebenfalls enthalten.“

„Das ist nicht fair.“ Tom zögerte noch kurz, dann schlug er ein. „Ach, verdammt, ich werde es bereuen. Das weiß ich jetzt schon.“

Dimitri grinste herausfordernd. „Werden wir ja sehen.“

2. KAPITEL

Nein, sie konnte das nicht. Es war absolut unmöglich.

Nervös starrte Maya auf den Eingang des Aurum. Das beliebte Restaurant im Mayfair Distrikt war gut besucht und die ausgefallene Sterneküche über die Grenzen der Stadt bekannt. Vor allem jetzt, am frühen Freitagabend, war an diesem Ort eine Menge los. Unentwegt gaben sich die Gäste der Londoner High Society die Klinke in die Hand, redeten und scherzten.

Nur sie hatte das Gefühl, nicht dazuzugehören. Viel schlimmer noch. Sie wünschte sich, niemals hier aufgetaucht zu sein. Warum nur hatte sie den Vorschlag ihrer Freundinnen nicht mit einer Handbewegung beiseitegewischt?

Statt wie sonst gemütlich vor dem Fernseher zu sitzen, stand sie nun vor diesem exklusiven, aber nach außen äußerst ungemütlichem Restaurant, wobei ihr Herz so laut gegen ihre Brust hämmerte, dass sie befürchtete, es könnte ihr hinausspringen.

Die Antwort war, ihre Freundinnen hatten ihr keinen Vorschlag unterbreitet, sondern ihr den Abend als Geschenk überreicht. Und das wies man nicht so einfach zurück, solange es nett gemeint war. Sie war sich sicher, Denise und Anna wollten nur ihr Bestes. Auch wenn das bedeutete, dass sie kurz davorstand, die Nerven zu verlieren.

Aber mal ehrlich, hatte es denn ausgerechnet ein Abend mit einem Herrn vom Begleitservice sein müssen? Schon der Gedanke, gleich einem fremden Mann gegenüberzustehen, mit dem sie nicht nur gemeinsam essen, sondern auch noch reden musste, hatte ihr den Appetit bereits im Vorfeld verdorben. Vier Jahre war es nun her, dass sie ein Date gehabt hatte. Vier Jahre, seit ihr altes Leben ohne jede Vorwarnung in sich zusammengebrochen war.

Mit Schaudern erinnerte sie sich an diese eine Nacht. Zwei Polizisten hatten an der Haustür geklingelt, ihre Mienen ernst. Es dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde, bis ihr klar war, dass ihre Welt nie wieder so sein würde wie zuvor. „Wir haben schlechte Neuigkeiten für Sie.“ Die Stimme des Polizisten klang sachlich. „Ihr Ehemann Henry Thomson ist gegen ein Uhr nachts bei einem Schiffsunglück ums Leben gekommen.“

„In New York? Aber ich wusste gar nicht, dass …“

„Nein, Madam. Hier gleich um die Ecke.“

Erst hatte sie die beiden nur angestarrt, doch dann war sie in erleichtertes, ja fast hysterisches Gelächter ausgebrochen. „Puh, da haben Sie mir aber einen Schrecken eingejagt. Aber das kann ja gar nicht sein. Sie müssen ihn verwechseln. Mein Mann ist auf einem Banker-Kongress in New York. Er kommt erst morgen wieder zurück. Also, genauer gesagt, heute.“ Sie sah auf die Uhr, um sich von der Uhrzeit zu überzeugen. „Weil ich Geburtstag habe, meinen sechsundzwanzigsten.“

Die Polizisten wechselten einen kurzen Blick. Sie sah Mitleid in ihren Augen aufflackern. „Mrs. Thomson, es deutet alles darauf hin, dass der Verunglückte Ihr Ehemann ist.“ Einer von ihnen reichte ihr einen Personalausweis und wies auf das kleine Passbild. „Den hatte er bei sich. Das ist doch Ihr Mann?“

Und da war er, Henry, das hellblonde Haar bis zum Kinn. Sein freches Grinsen, das sie vom ersten Moment an so geliebt hatte. Mit Henry an ihrer Seite war ihr das Leben heller vorgekommen, jeder Tag ein neues Abenteuer.

Er war so anders als alle Männer, die sie bisher kennengelernt hatte. Bei ihm wusste man nie, was ihm als Nächstes einfiel. Mal überraschte er sie mit einem Kurztrip in die Karibik, dann, nach knapp vier Monaten, mit einer Hochzeit in Las Vegas. Hin- und Rückflug waren schon gebucht. Und auch das beste Hotel vor Ort. „Die Honeymoon-Suite, Babe. Dir soll es an nichts fehlen.“ Und obwohl sie nie der spontane Typ gewesen war, hatte sie zu ihrer eigenen Verwunderung zum ersten Mal auf ihr Bauchgefühl gehört und „Ja“ gesagt. Ein Moment, der an diesem schicksalsschweren Tag nur zehn Monate her war und ihr wie eine Ewigkeit entfernt vorkam.

Ungläubig hatte sie auf das Bild gestarrt und dabei immer wieder den Kopf geschüttelt, nicht bereit, die Aussage der Polizisten zu akzeptieren, die mit betretener Miene vor ihr standen. Weniger als vierundzwanzig Stunden war es her, dass sie und Henry telefoniert hatten. Er würde es rechtzeitig schaffen, hatte er ihr versichert, charmant, wie sie ihn kannte. „Und dann machen wir einen drauf, Babe! Du kannst dir wünschen, was du willst. Die Geschäfte in New York sind gut gelaufen. Nur noch ein Abend, dann bin ich wieder bei dir!“

Und sie? Sie hatte wie immer begeistert zugestimmt. Sie machte sich ohnehin keine Sorgen um Geld, seit sie Henry kannte. Henry, der eine Stadtvilla in Venedig und ein Urlaubsdomizil in der Dominikanischen Republik besaß. Der ihr immer die teuersten Kleider von jeder Geschäftsreise mitbrachte und ihr jeden Wunsch von den Augen ablas. Henry, der Lebemann, der Luxus und schöne Dinge liebte, passionierter Segler und Besitzer einer Segelyacht. Und ausgerechnet ihm sollte auf dem Meer etwas zugestoßen sein?

„Vielleicht … hat ihm jemand seine Brieftasche gestohlen“, wagte sie einen erneuten Vorstoß in Richtung der Polizisten. „Henry ist ein begnadeter Segler. Bei diesem Sturm wäre er niemals rausgefahren. Er ist doch nicht lebensmüde.“

Der Polizist zögerte sichtlich. „Mrs. Thomson, die Indizien sind leider eindeutig. Es deutet darauf hin, dass Henry Thomson bewusst in den Sturm hinausgefahren ist. Die Küstenwache hat mehrfach versucht, ihn per Funkgerät zu erreichen. Leider ohne Erfolg.“

„Wie bitte?“ Der Boden schwankte unter ihren Füßen, und sie konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. „Aber warum … sollte er das tun? Er ist glücklich. Wir sind es. Wir haben heute Abend ein exklusives Abendessen geplant. Danach wollen wir uns im Vier Jahreszeiten so richtig verwöhnen lassen. Er arbeitet immer so viel“, fügte sie noch hinzu, um das Bild von Henry zurechtzurücken. „Er leitet ein großes Investmentunternehmen. Namhafte Firmen sind seine Kunden. Er hat mir alles erzählt …“

„Es tut mir leid, Madam. Die Indizien werden in den kommenden Tagen noch ausgewertet, aber es sieht so aus, als ob Ihr Mann hohe Wettschulden hatte. Wir haben Hinweise, dass er Geld aus der Firma veruntreut hat und …“

Der Polizist trat einen Schritt auf sie zu. Gerade rechtzeitig, um sie aufzufangen, als sich gnädige Schwärze über sie senkte.

Autor

Justine Lewis
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Rosanna Battigelli

Schon als Teenager hat Rosanna Battigelli die Liebesromane von Mills & Boon geliebt und davon geträumt, selbst welche zu schreiben. Ihre Leidenschaft fürs Lesen und ihre Liebe zu Kindern gaben den Ausschlag für ihre Berufswahl: Sie wurde Lehrerin. Seit sie im Ruhestand ist, ist auch ihr Traum in Erfüllung gegangen,...

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