Tödliche Gebote

– oder –

 

Rückgabe möglich

Bis zu 14 Tage

Sicherheit

durch SSL-/TLS-Verschlüsselung

Esme Stuarts zweiter Fall: Atemberaubend spannend und mörderisch gut!

Die Gebote:
Vernichte Leben.
Vernichte alles,
was auf dieses Leben hinweist.

Wer verbirgt sich hinter Cain42? Auf seiner Website erklärt der mysteriöse "Professor" seinen Schülern den perfekten Mord. Die FBI-Profilerin Esme Stuart ist schockiert, als sie die Gebote liest. Erst glaubt sie noch, es handle sich nur um die Ausgeburt eines kranken Hirns. Dann aber wird der Fall schnell persönlich: Cains Musterschüler tötet eine alte Freundin von Esmes Mann. Und er droht, ein entführtes Baby grausam zu ermorden, wenn Polizei und FBI die Ermittlungen nicht sofort einstellen. Doch Esme kann nicht tatenlos zusehen, wie Cain seine Schüler öffentlich zum Amoklauf aufruft...


  • Erscheinungstag 10.05.2012
  • Bandnummer 2
  • ISBN / Artikelnummer 9783862784066
  • Seitenanzahl 336
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Joshua Corin

Tödliche Gebote

Roman

Aus dem Amerikanischen von

Rainer Nolden

image

MIRA® TASCHENBÜCHER

erscheinen in der Harlequin Enterprises GmbH,

Valentinskamp 24, 20354 Hamburg

Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright © 2012 by MIRA Taschenbuch

in der Harlequin Enterprises GmbH

Titel der nordamerikanischen Originalausgabe:

Before Cain Strikes

Copyright © 2011 by Joshua Corin

erschienen bei: MIRA Books, Toronto

Published by arrangement with

HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner gmbh, Köln

Umschlaggestaltung: pecher und soiron, Köln

Redaktion: Bettina Steinhage

Titelabbildung: pecher und soiron, Köln

Autorenfoto: © by Harlequin Enterprises S.A., Schweiz / Mariya Marvakova

Satz: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN (eBook, PDF) 978-3-86278-407-3
ISBN (eBook, EPUB) 978-3-86278-406-6

www.mira-taschenbuch.de

Werden Sie Fan von MIRA Taschenbuch auf Facebook!

eBook-Herstellung und Auslieferung:
readbox publishing, Dortmund
www.readbox.net

PROLOG

Wir sind eine Nation von Gesetzlosen.

Es liegt an unserer Geschichte. Es liegt in unserem Blut.

Unsere erste Kolonie in Massachusetts wurde als Zufluchtsort für jene tapferen Seelen gegründet, die sich gegen die anglikanische Kirche auflehnten. Diese Männer und Frauen waren die ersten amerikanischen Helden – und samt und sonders Rebellen. Es war unvermeidlich, dass ihre Nachkommen hundertfünfzig Jahre später die Fesseln der britischen Tyrannei abwarfen. Und auch der Bürgerkrieg war im Grunde doch nichts anderes als eine Revolution. Aus der Sicht der Südstaaten zumindest.

Wir gehören nicht zu den Menschen, die sich bereitwillig Autoritäten unterwerfen.

Verwundert es daher, wem unsere Sympathien gehören? Selbstverständlich haben die Chronisten des Wilden Westens den Mörder Billy the Kid seinem Jäger Pat Garrett vorgezogen. Selbstverständlich kennen wir alle die Geschichte der Viehdiebe und Bankräuber Butch Cassidy und Sundance Kid. Aber wie viele von uns kennen die Detektive der Pinkerton-Agentur, die hinter ihnen her waren?

Schaut euch doch nur unsere Literatur an! Betrachtet unsere Theaterstücke! Immer wieder sind wir fasziniert von den Schurken, schlagen wir uns auf die Seite der Gauner und Kriminellen.

Wer ist die populärste amerikanische Comicfigur? Die Verkaufszahlen sprechen eine klare Sprache. Auf keinen Fall dieser pfadfinderbrave „Superman“. Ebenso wenig der schuldbeladene Spider-Man. Nein, die höchsten Verkaufszahlen im zwanzigsten Jahrhundert hatte Batman. Selbstverständlich war es der zwielichtige Batman!

Es überrascht wenig, dass unsere gesamte Nation von Serienmördern in den Bann geschlagen wird. Während eine verschwenderische Regierung versucht, unsere Überzeugungen auszulöschen und unsere Leidenschaften abzutöten, sehen wir im Serienmörder einen Menschen von unbändigem Freiheitsdrang – und fühlen uns ihm nahe.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Mord ist abscheulich. In diesem Artikel geht es um den Mythos des Gesetzlosen. Und um eine wissenschaftliche Analyse der Morde, die Henry „Galileo“ Booth begangen hat. Falls Sie eine Verteidigung von Booth erwarten, muss ich Sie enttäuschen. Es gibt eine Grenze zwischen der Anziehungskraft und der Billigung des Bösen.

John Dillinger ist viel verlockender, wenn man ihn bloß aus der Ferne betrachtet.

In „Jenseits von Gut und Böse“ hat Nietzsche geschrieben: „Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“ Ergreifen Sie meine Hand. Holen Sie tief Luft. Der Abgrund, in den wir jetzt hineinschauen werden, lässt uns direkt in das dunkle Herz Amerikas blicken – und seine Aufrichtigkeit ist das Ergebnis einer Reinigung mit Säure.

Sind Sie bereit?

Dann lassen Sie uns beginnen.1


1  Kirk, Grover: Galileos Ziele: Die Morde, die eine Nation fasziniert haben. New York, Barrow Press, 2012:ii-iv. (posthum veröffentlicht)

1. KAPITEL

Timothys erstes Haustier war ein Hamster, der Dwight hieß und gelbes Fell hatte. Dwight lebte in einem gläsernen Käfig mit einem Hamsterrad. Timothys Eltern hatten den Käfig auf einen Klapptisch vor das Fenster des Kinderzimmers gestellt. Timothy war damals sechs Jahre alt, und Dwight war sein Geburtstagsgeschenk. Am nächsten Morgen, nachdem er Dwight zusammen mit seiner Mutter das Frühstück gegeben hatte (ein Salatblatt), blieb Timothy mit dem Tier allein. Mit Dwight in der Hand machte er es sich mitten auf dem pfefferminzgrünen Teppich im Schneidersitz bequem. Neugierig strich er mit dem Finger über die Wirbelsäule des Nagetiers. Die Wirbelknochen erinnerten ihn an einen Pfeifenreiniger. Im Kindergarten hatte er einen Mann und eine Frau aus Pfeifenreinigern geformt. Timothy bog das Rückgrat des Hamsters in alle Richtungen. Dabei trat und strampelte das Tier, sodass Timothy ihn mit der linken Hand festhalten musste, während er mit den Fingerspitzen der Rechten über die harten Ausbuchtungen unter dem gelben Fell strich. Auch diese Hubbel fühlten sich so biegsam wie ein Pfeifenreiniger an – aber wie biegsam waren sie tatsächlich? Timothy packte Dwights Hinterteil und drehte es. Dwight trat und trat und trat und trat mit seinen Pfötchen. Dann hörte er auf einmal auf zu treten, und Timothy hatte seine Antwort.

Er öffnete das Fenster und warf den leblosen Körper hinaus. Seinen Eltern erzählte er schluchzend, dass Dwight hingefallen sei. Sie trösteten ihn. Sein Vater, ein Reisebürokaufmann, half Timothy, das Tier zu begraben, und danach ging er mit seinem Sohn Eis essen. Drei Wochen später schenkte ihm seine Mutter, eine überzeugte Vegetarierin, ein getigertes Kätzchen. Timothy nannte die Katze Boots. Zu seiner Ehre sei gesagt, dass die Katze Dwight um viele Monate überdauerte – bis Timothy endlich groß genug war, um an die Werkzeugkiste seines Vaters zu gelangen, die auf einem Wandregal in der Garage stand. Timothy wählte den Tischlerhammer, der in doppelter Hinsicht nützlich war, weil er ihn später als Schaufel benutzen konnte, um Boots im Garten der Nachbarn zu vergraben.

Also kauften ihm seine Eltern eine neue Katze.

Und noch eine.

Danach einen Welpen.

Anschließend einen Wellensittich.

Und schließlich zwei Fische in einem Aquarium.

Die Fische vergiftete er mit Abflussreiniger. Damals war er neun Jahre alt. Die Goldfische waren für lange Zeit seine letzten Haustiere.

Bis jetzt.

Dieser Tag war ein sehr besonderer Tag – nicht nur, weil er zum Geburtstag wieder einmal ein neues Haustier bekommen hatte, sondern weil er sich dieses Geschöpf ganz allein besorgt hatte. Niemand wusste etwas davon, was ihm sehr recht war. Haustiere waren schließlich etwas sehr Persönliches. Und dieses hier gehörte ihm ganz allein.

Sie hieß Lynette. Sie hatte gelbes Haar – fast so wie Dwight – und Augen, die so blau waren wie die Adern an Timothys Handgelenken. Seine Adern traten derart deutlich hervor, dass er sich manchmal fragte, ob er wirklich genauso viele Hautschichten wie andere Menschen hatte. Ein kleiner Schnitt mit einer Rasierklinge (vom Rasierapparat seines Vaters) und ein Mikroskop (aus seiner ehemaligen Schule) halfen ihm bei der Rätsellösung.

Lynettes Glieder waren fleischig – wie übrigens ihr ganzer Körper. Wer immer sie vor ihm besessen hatte, hatte sie gut ernährt. Sie zu fangen war eine Kleinigkeit, aber der Transport war eine große Herausforderung gewesen. Timothy hatte sie schließlich in einen strapazierfähigen Seesack gestopft, den er in einem Armyshop gekauft hatte, und sie hinter sich hergeschleift. Niemand hatte ihm Fragen gestellt. Warum auch? Als er sie endlich über die Holztreppe in den nicht ausgebauten Keller hinuntergezogen und in einer Ecke abgelegt hatte, raste sein Herz, und die Sicht verschwamm ihm vor Augen. Deshalb ließ er Lynette zunächst in ihrem Sack liegen, stieg hinauf in die Küche und trank ein großes Glas Eiswasser. Danach fühlte er sich wieder besser.

Anschließend ging er zurück in den Keller und öffnete den Verschluss. Lynette war immer noch bewusstlos. Ihre nackte Brust, genauso unförmig wie der Rest von ihr, hob und senkte sich langsam. Timothy vergewisserte sich, dass der Elektroschocker keine Verbrennungen am Nacken hinterlassen hatte. Bei dieser Gelegenheit entdeckte er das centgroße Muttermal an der Krümmung von Lynettes linkem Schlüsselbein. Vorsichtig berührte er das schwammige Gewebe. Hmm. Vielleicht würde er mit ihr zum Arzt gehen müssen. Das Muttermal konnte Krebs sein. Das musste er sich für später merken. Er schnallte die Ledermanschette um ihren fetten Hals und zerrte den Seesack unter ihrem Körper hervor. Mit dem Sack unter dem Arm stieg er die Holzstufen hinauf. Auf halber Höhe hörte er ein Geräusch aus Lynettes Richtung.

Stöhnte sie, weil sie zu sich gekommen war? Er war sich nicht sicher. Reglos blieb Timothy auf der Treppe stehen und betrachtete sie aufmerksam. Sie war knapp fünf Meter von ihm entfernt und … ja, sie wachte tatsächlich auf. Gut. Sehr gut. Behutsam legte er den Seesack auf eine der oberen Treppenstufen, ohne den Blick von ihrem Körper zu wenden. Sie bewegte die Arme. Streckte die Beine aus. Öffnete die Augen. Diese Augen, die so blau waren wie die Adern an seinem Handgelenk. Und jetzt gehörten sie ihm. Es war Zeit, sich vorzustellen.

„Hallo“, sagte er. Seine Stimme zitterte eine wenig. War er nervös? Natürlich war er das. Lynette war das erste Haustier, das er wirklich besaß. „Ich bin Timothy. Ich habe heute Geburtstag. Willkommen in deinem neuen Zuhause.“

Ihre blauen Augen wurden groß. Sie sah ihn vor sich stehen. Mit den Lippen formte sie unhörbare Worte, und ihre Augenbrauen zogen sich verwirrt zusammen. Ihr Blick wanderte von Timothy zu den nackten Zementwänden um sie herum, zu der vier Meter langen schweren Kette, die am einen Ende an ihrem Hals und am anderen an einem wuchtigen Holzbalken drei Meter über ihr befestigt war, und schließlich zu ihren nackten Schenkeln und Brüsten und zu ihren Armen, die in schönen Händen mündeten, aber nun abrupt …

Na ja, er hatte ihr die Hände abgehackt.

Gott, wie sie schrie. Und schrie und schrie und schrie.

„Armes Ding“, murmelte Timothy. „Du musst erst noch stubenrein werden.“

Verzweifelt zerrte sie an ihrer Kette. Schon wieder versuchte sie sich zu befreien. Natürlich erfolglos. Sie bleckte die Zähne. Sie schrie so etwas wie „Was tust du mit mir?“, aber Timothy beachtete sie nicht. Er hatte inzwischen den obersten Treppenabsatz erreicht und schlug die Kellertür hinter sich zu.

Zeit fürs Mittagessen.

Der beste Weg, ein Tier zu zähmen, war Futter. Hatten seine Eltern ihn nicht auf die gleiche Weise zu zähmen versucht? Timothy leerte den Seesack und warf ihn achtlos beiseite. Der Inhalt bestand größtenteils aus Kleidungsstücken, die Lynette gehörten. Später würde er sie vielleicht noch gebrauchen können; im Moment freilich waren sie nutzlos. Deshalb faltete er sie sorgfältig zusammen, wie man es ihm beigebracht hatte, und stapelte sie auf dem Seesack. Er hatte noch nie einen Büstenhalter zusammengelegt. Das war gar nicht so einfach. Schließlich stülpte er die Körbchen einfach übereinander. So machte man es wohl. Dann ging er in die Küche, wo er die restlichen Sachen aus dem Seesack holte und auf die Küchentheke legte.

Es war nicht sein Haus; deshalb musste er erst nach einer Pfanne und anderen Kochutensilien suchen. Nachdem er gefunden hatte, was er brauchte, stellte er die Pfanne auf den Gasherd. Kurz bevor er das Feuerzeug an den Brenner hielt, fiel ihm ein, dass er einen wichtigen Schritt ausgelassen hatte. Seine Mutter wäre sehr böse mit ihm gewesen. Ehe er das Fleisch briet, musste er zunächst den Knochen entfernen.

Dafür brauchte er eine Weile – nicht weil er damit keine Erfahrung gehabt hätte, sondern weil es so viele kleine Knochen gab, die er herausschneiden musste. Allmählich füllte sich der Abfalleimer unter der Spüle mit dünnen Knochen und Sehnen, während die ganze Zeit Lynettes gedämpfte Schreie von unten heraufdrangen. Ein schuhkartongroßer Fernsehapparat war unter einem der Hängeschränke befestigt. Timothy schaltete ihn ein. Lynettes Stimme, die schon heiser geworden war, wurde übertönt von der Wiederholung einer Folge von „Die Aufrechten“. Zu Beginn der Gerichtssitzung zischten das Maisöl und die Sojasoße in der Bratpfanne. Als das schockierende Urteil verkündet wurde, hatte Timothy das Fleisch braun gebraten.

In der Küche roch es nach Sommer.

Aufgeregt drehte Timothy das Gas ab. Mit der Gabel arrangierte er mehrere Scheiben auf einen grünen Teller, streute ein paar Kräuter darüber, die er in dem Schrank über dem Fernseher gefunden hatte, und trug das Essen und Besteck zur Kellertür. Lynette musste hungrig sein, und das gebratene Fleisch duftete so köstlich, dass selbst ein Veganer nicht hätte widerstehen können. Nicht dass Lynette eine Veganerin gewesen wäre – danach sah sie nun wirklich nicht aus. Timothy öffnete die Kellertür und begann in ihr neues Zuhause hinunterzusteigen.

Sie lag zusammengekrümmt auf dem Boden in der Ecke. Ihr langes blondes Haar war schweißnass und klebte an ihrem Gesicht. Durch die feuchten Strähnen musterte sie ihn mit ihren blauen Augen. Er erkannte den Hass in ihrem Blick. Das würde sich ändern.

„Ich habe dir dein Mittagessen gebracht“, erklärte er. „Riecht es nicht köstlich?“

„Lass … mich … gehen“, krächzte sie mit rauer Stimme. Das Schreien hatte seinen Tribut von ihren Stimmbändern gefordert. Timothy bedauerte, dass er ihr kein Glas Wasser zum Essen mitgebracht hatte. Wie gedankenlos! Aber jetzt war keine Zeit, sich deswegen Vorwürfe zu machen. Das verschob er auf später.

„Hast du keinen Appetit auf ein leckeres Steak, Lynette? Ich habe es extra für dich gebraten.“

„Woher … kennst du meinen … Namen?“

„Warum sollte ich ihn nicht kennen? Du gehörst mir schließlich.“ Er lächelte sie an. „Außerdem habe ich in deinem Portemonnaie nachgesehen.“

Sie warf einen kurzen Blick auf das Fleisch. Dann schaute sie zu ihm zurück.

„Warum … tust du das?“

Timothys Lächeln erstarb. Hatte er vielleicht doch die falsche Wahl getroffen? Als er sie zum ersten Mal in der Bibliothek bemerkt hatte, die blauen Augen auf ein dickes Buch gerichtet, hatte sie klug gewirkt. Das Letzte, was er wollte, war ein dummes Haustier.

„Bitte, iss etwas“, bat er. „Das Essen ist nicht vergiftet – falls du das vermutest.“ Er teilte ein Stück mit der Gabel ab und steckte sich das fettglänzende Fleisch in den Mund. Es schmeckte ein wenig nach Wildbret, aber die Sojasoße und die Kräuter überdeckten das. Er kaute, schluckte und lächelte. „Siehst du?“

Schwoll ihr Hals, weil sie den Atem anhielt? Der Lederriemen war so eng geschnallt, dass er es nicht erkennen konnte. Timothy trat einen Schritt näher. Er teilte ein weiteres Stück Fleisch ab und hielt es ihr dicht vor die Nase.

Sie starrte es an.

Timothy war sicher, dass Lynette Appetit hatte. Es hatte nichts mit ihrem Körperumfang zu tun. Sie war durch die Hölle gegangen, und Tiere verarbeiteten Stress entweder, indem sie sich paarten oder fraßen. Er versuchte gerade, es ihr so angenehm wie möglich zu machen. Er wollte, dass diese Beziehung funktionierte. Nach Dwight und dem Welpen und …

Sie beugte sich nach vorn, nahm die Gabel in den Mund und zog das Fleisch mit den Zähnen ab. Timothy hätte am liebsten in die Hände geklatscht, aber dafür hätte er den Teller abstellen müssen. Stattdessen trat er noch einen Schritt näher. Jetzt war er noch etwa dreißig Zentimeter von ihr entfernt.

„Danke“, murmelte sie. Ihre Lippen waren blutverschmiert. „Was ist es?“

„Das solltest du aber wissen, du Dummerchen. Es ist deine linke Hand. Dummes, dummes Tier. Möchtest du noch mehr?“

Mit der linken Hand lud er ein weiteres Stück auf die Gabel und führte sie zu ihrem Mund. Fast hätte er dabei das Geräusch eines Flugzeugs nachgeahmt.

Für einen kurzen Moment spürten sie den Atem des anderen. Endlich kam so etwas wie Intimität auf. Timothy wurde es ganz warm in den Eingeweiden. So fühlte sich die wahre Liebe zwischen einem Tier und seinem Besitzer an.

Mit voller Kraft schlug sie die Zähne in sein Handgelenk. Timothy machte einen Satz rückwärts, aber sie ließ nicht los. Ihre Schneidezähne bohrten sich in sein papierdünnes Fleisch und in die Venen seines Unterarms. Blut spritzte ihr in den Mund und löste einen Würgereiz bei ihr aus. Aber sie biss nur noch fester zu. Sie wollte seine Knochen knacken hören. Sie hörte tatsächlich ein Geräusch, aber das war nur der Teller mit den Stücken ihrer Hand, ihrer Hand …

Sie öffnete kurz den Mund, um nach Luft zu schnappen – sie musste atmen, sie musste sich übergeben –, und das war der Moment, in dem Timothy mit der Gabel in eines der tiefblauen Augen stach, von dem er so fasziniert gewesen war.

Er bohrte so tief, bis er das weiche Gewebe des Stirnlappens erreichte. Das Blau zerlief im Roten. Das Blau zerlief im Roten …

Timothy trat einen Schritt zurück, das verwundete Handgelenk gegen seinen Oberkörper gepresst. Er würde einen Druckverband anlegen müssen. Zunächst jedoch betrachtete er Lynette sehr lange. Was für eine Enttäuschung! Wirklich schade, dass sie sich als ein so ungezogenes Haustier entpuppt hatte.

Im Bad neben dem Schlafzimmer fand er einen Erste-Hilfe-Kasten. Nachdem er beißendes Jod über sein Handgelenk geträufelt hatte, wickelte er zunächst Toilettenpapier um die Wunde und darüber eine elastische Binde. Es war nur ein provisorischer Verband, aber fürs Erste musste er reichen. Wo er nun schon einmal im obersten Stockwerk war, warf er einen Blick in sämtliche Räume. Dies war nicht sein Haus, aber er wusste, dass die Besitzer erst in zwölf Tagen zurückkehrten. Er testete jedes der drei Betten. Das Doppelbett im Elternschlafzimmer war das komfortabelste – feste, aber nicht zu harte Matratzen. Timothy hätte gern ein wenig geschlafen. Seine linke Hand fühlte sich … nun ja, eigentlich fühlte er gar nichts, und das war kein gutes Zeichen. Unwillig richtete er sich auf und ging zurück nach unten in die Küche. Es wurde Zeit, zu verschwinden.

Aber zuerst die Fotos.

Er zog ein iPhone aus der Tasche seiner Jeans. Fotografieren war eigentlich nicht sein Ding, aber Cain42 hatte genaue Anweisungen gegeben, und Timothy würde sie genauestens befolgen. Natürlich hatte er nicht damit gerechnet, dass es bereits heute so weit war. Zu gerne hätte er sich noch ein bisschen mehr Zeit mit seinem Haustier gegönnt. Aber c’est la vie! Er schlenderte die Kellertreppe hinunter und richtete die Kamera seines Smartphones auf sein ehemaliges Haustier. Sie lag zusammengekrümmt in der Ecke. Ihr Kopf war zur Seite gerollt wie bei einem Baby. Rasch machte Timothy eine Reihe von Aufnahmen und begutachtete sie auf dem LCD-Bildschirm der Kamera. Es waren nicht gerade die tollsten Fotos der Welt. Zum einen war die Sechzigwattbirne viel zu schwach, zum anderen warf das Licht einen ungünstigen Schatten über Lynettes Leiche. Aber es würde genügen müssen. Timothy schob sein iPhone zurück in die Hosentasche, winkte der einäugigen Blondine zum Abschied zu und kehrte in die Küche zurück. Nun war es aber wirklich Zeit zu gehen.

Er drehte am Regler des Gasherds. Mit einem Zischen erwachte er zum Leben. Dann öffnete er die Tür der Mikrowelle neben dem Herd, nahm sechs Suppendosen von Campbell’s vom Küchenregal und stellte sie auf die Glasplatte. Als er die Klappe der Mikrowelle schloss, ertönte ein beruhigendes Klicken. Klicken. Zischen, klicken. Was für angenehme Geräusche eine Küche doch machen konnte! Nachdem er die Zeituhr auf dreißig Minuten gestellt hatte, flitzte er zur Hintertür. Er wusste nicht, wie lange es dauern würde, bis die Blechdosen Funken sprühen und sich entzünden würden, aber er wollte kein Risiko eingehen.

Er schaffte es bis zum Ende des Häuserblocks, ehe die Küche explodierte. Eines der obersten Gebote von Cain42 lautete: Nur ein vollkommen zerstörter Tatort ist ein sauberer Tatort. Glassplitter wirbelten über den Rasen im Vorgarten. Die Flammen schlugen aus den offenen Fenstern und über die anheimelnd grüne Fassade des Hauses. Aus dem Grün wurde Schwarz. Bald würde alles auf dem Grundstück – das Schlafzimmer, das Gras, die Überbleibsel von Timothys Haustier – pechschwarz sein.

Feuer malte immer einfarbig.

Unauffällig mischte Timothy sich unter die Schaulustigen, die gekommen waren, um die fauchenden und zischenden Flammen zu betrachten. Es waren nicht viele Leute. Die meisten Bewohner dieses stillen Vororts waren bei der Arbeit, aber die Menge reichte aus, um in ihr unterzutauchen – zumindest so lange, bis der Bus der Linie M7 vorfuhr und Timothy weit weg vom Brand brachte. Der Bus fuhr los, als die ersten Feuerwehrautos eintrafen. Timothy hoffte, dass keiner der Feuerwehrleute verletzt wurde. Feuerwehrleute waren gute Menschen.

Er wickelte die Ohrhörer auseinander, steckte sie in sein iPhone und lauschte einer Aufnahme von Brahms’ Wiegenliedern, während der Sullivan-County-Bus in die nächste Stadt fuhr. Dort stieg er in einen Überlandbus, der ihn in das ein paar Dutzend Meilen entfernte New Paltz brachte. Als er dort eintraf, dämmerte es bereits. Sein Geburtstag würde nur noch wenige Stunden dauern. Im Bahnhof von New Paltz nahm Timothy ein wenig Bargeld aus Lynettes Geldbörse, die er in seine andere Tasche gesteckt hatte, um das Taxi nach Hause zu bezahlen.

Noch eines der Gebote von Cain42: Jage immer weit entfernt von dem Ort, an dem du schläfst.

Timothys Haus lag in der Nähe der historischen Huguenot Street, ein kleines Stück koloniales Amerika im Herzen von New Paltz. Als er jünger gewesen war – irgendwann zwischen den Katzen und dem Goldfisch –, waren Timothys Eltern mit ihm in die Huguenot Street gefahren, um ihm die Locust-Lawn-Farm und das Ellis House mit der Queen-Anne-Einrichtung zu zeigen. Überall liefen Männer und Frauen in historischen Kostümen herum. Viele von ihnen waren Studenten von der örtlichen Universität, die sich ein paar Dollar verdienen wollten. Selbst als Kind fand Timothy die ganze Atmosphäre herrlich gruselig. Er hatte sich gewünscht, im Ellis House zu leben, und sich oft gefragt, ob es wohl schwer sei, dort einzubrechen und ein Nickerchen auf dem kleinen rechteckigen Bett mit der gestärkten Bettwäsche zu halten.

Timothy hatte eine Vorliebe für die Betten anderer Leute.

Sein eigenes Bett befand sich in einem quadratischen zweistöckigen Haus in einer Straße mit lauter anderen quadratischen zweistöckigen Häusern. Ihre Ziegel- und Gipsfassaden ließen sie alle sehr gedrungen wirken. Die meisten hatten identische Säulen, die die Eingangstüren flankierten – Türen, die in unterschiedlichen Weißtönen gestrichen waren. Seine eigene Haustür würde Timothy im Schlaf finden. Er gab dem Taxifahrer ein bescheidenes Trinkgeld und betrat den makellos geschnittenen Rasen des Vorgartens. Kniehohe Büsche säumten die beiden niedrigen Stufen, die vom Garten auf die Terrasse führten. In der Erde unter den Büschen hatte Timothy manches seiner Haustiere begraben. Jedes Mal, wenn er die Haustür öffnete, dachte er voller Zuneigung an sie.

„Da ist er ja!“, hörte er seine Mutter rufen, was ihn davon abhielt, die Treppe zu seinem Zimmer hinaufzupoltern. Stattdessen ging er ins Wohnzimmer. Mutter saß in ihrem Sessel und war wie immer mit ihrer Stickerei beschäftigt. Momentan arbeitete sie an einem lilafarbenen Kissen mit einem lächelnden Jesusgesicht. Alles, was sie stickte, schenkte sie der Heilsarmee, wo sie jeden Samstag ehrenamtlich von zehn bis vierzehn Uhr arbeitete.

Mitten im Wohnzimmer blieb Timothy stehen. Sie sah nicht von ihrer Handarbeit auf. „Dein Vater und ich waren uns nicht sicher, ob du noch nach Hause kommen würdest. Und das an deinem Geburtstag!“

Timothy fiel auf, dass sie ihn gar nicht fragte, wo er gewesen war oder was er getan hatte. Schon seit Langem erkundigten sich seine Eltern nicht mehr danach.

Der Druckverband an seinem linken Handgelenk war inzwischen blutgetränkt. „Ich bin von einem Hund gebissen worden“, erklärte er.

Bei diesen Worten schaute sie nun doch von ihrer Stickerei hoch. „Oh Timothy, komm zu mir.“ In ihrer Stimme lag keine Besorgnis, nur Enttäuschung.

Zögernd trat er näher. Timothys Mutter nahm den Verband ab und untersuchte die Wunde.

„Hast du sie desinfiziert?“, wollte sie wissen.

„Jawohl.“

Sie roch das Jod und nickte. „Guter Junge. Trotzdem wirst du sie nähen lassen müssen.“

„Jawohl.“

Sie schaute in sein Gesicht und versuchte darin zu lesen. Was konnte sie sehen? Was wusste sie? Es spielte nicht wirklich eine Rolle, denn in diesem Augenblick wurde das Garagentor mit einem ratternden Geräusch geöffnet. Vater war nach Hause gekommen.

Rasch führte sie Timothy in das Badezimmer im Erdgeschoss, reinigte sein Handgelenk unter fließendem Wasser und griff nach dem Verbandszeug im Schrank unter dem Waschbecken. Sie hatte einen großen Vorrat: Antiseptika, Mullbinden, Wundklammern und vieles mehr. Als Besitzerin einer Tierarztpraxis bekam sie Rabatt. Ein angenehmer Vorteil, den ihr Beruf mit sich brachte, denn Timothy neigte dazu, sich zu verletzen.

„Hallo!“, rief der Vater mit dröhnender Stimme. „Ich bin wieder zu Hause.“

„Einen Moment“, antwortete sie. Obwohl die Haut auf dem Unterarm ihres Sohnes eine hässliche dunkelrote Farbe angenommen hatte, war das Blut aus der zertrennten Arterie bereits geronnen. Mit dem Nähen konnte sie bis nach dem Abendessen warten. Sie legte ihm einen neuen Verband an, befestigte das lose Ende mit einer kleinen Klammer und führte Timothy zurück ins Wohnzimmer.

Vater hielt eine große Schachtel in den Händen.

„Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag“, verkündete er.

„Danke, Sir!“

Er stellte die Schachtel auf den Esstisch, während Mutter in der Anrichte nach Kerzen suchte. Um sie anzustecken, musste sie noch einmal in den ersten Stock laufen, wo sie die Streichhölzer versteckt hatte.

„Hattest du einen schönen Tag, mein Junge?“

„Jawohl, Sir!“

„Gut, sehr gut.“

Sie sahen einander niemals in die Augen. Falls Timothys Vater den Verband bemerkt hatte, sagte er nichts dazu. Timothy hatte auch nicht damit gerechnet.

Als Mutter mit den Streichhölzern zurückkehrte, wurde der rechteckige Kuchen aus der Schachtel gehoben. Ein Schokoladenkuchen mit einem Überzug aus Kokos- und Pekannüssen. Sein Lieblingskuchen. Mutter arrangierte die rosafarbenen Geburtstagskerzen willkürlich auf dem Kuchen, entzündete eine davon und benutzte sie, um die anderen anzustecken.

„Du darfst dir etwas wünschen, Junge.“

Timothy schloss die Augen. Er dachte an Lynette. Er überlegte, was schiefgelaufen war. Er dachte an ihre blauen Augen. Er dachte an Cain42. Er konnte es kaum abwarten, ihm die Fotos zu schicken.

Er dachte an sein nächstes Haustier.

Es gab so viele Möglichkeiten.

Timothy holte tief Luft und blies in die Flammen. Mit einem Schlag erloschen die Kerzen auf seinem Kuchen. Dieses Jahr waren es 14. Happy birthday!

2. KAPITEL

„Und genau das ist der Punkt, Esme“, sagte Rafe Stuart. „Darauf wollte ich die ganze Zeit hinaus. Du bist drauf und dran, unsere Familie zu zerstören – und zwar mit voller Absicht.“

Ehe Esme etwas erwidern konnte, räusperte sich Dr. Rosen ein paarmal. Sie war eine winzige Frau mit einem faltenzerknitterten Babygesicht. Heute trug sie ein Kostüm aus grünem Cord. Und wie so häufig zupfte Dr. Rosen auch nun wieder an ihrem linken Ohrläppchen. Angeblich half das gegen ihren Bluthochdruck, an dem der Heuschnupfen schuld war, und – nun ja, ihre achtundsiebzig Jahre. Trotzdem genoss Dr. Rosen einen ausgezeichneten Ruf als Eheberaterin.

Geduldig wartete Esme, bis Dr. Rosen sich ausgeräuspert hatte. Am liebsten hätte sie der kleinen alten Dame irgendetwas gegeben, um ihre Beschwerden zu lindern. Aber schon bei ihrer ersten Sitzung vor vielen Wochen hatte Dr. Rosen das Päckchen mit den Antihistaminika vehement zurückgewiesen. Hilfe war nur etwas für Patienten.

Dr. Rosens Praxis lag in einem zweistöckigen Haus ohne Fahrstuhl im Zentrum von Syosset, zwanzig Minuten vom Haus der Stuarts entfernt. Jenem Zuhause also, das Esme mit voller Absicht zerstören wollte, weil sie … als Beraterin für das FBI arbeitete?

„Blödsinn“, entgegnete Esme.

Dr. Rosen beugte sich vor. In dem schwarzen Ledersessel schien ihre winzige Gestalt fast vollständig zu verschwinden. „Ich glaube, diese Antwort müssten Sie ein wenig genauer erläutern, Esme.“

Esme warf ihrem Mann am anderen Ende des langen Sofas einen Blick zu. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt und die Kinnladen zusammengepresst. Hätte sie ein Bild von Rafe malen müssen, das ihn während der letzten Monate zeigte, hätte sie ihn exakt so porträtiert: Arme verschränkt, Kinnladen zusammengepresst. Es war vermutlich eine Verteidigungshaltung, aber das hieß, dass sie die Angreiferin war. Und das stimmte einfach nicht. In diesem Stück gab es keine Bösewichte.

Sie zählte bis zehn. „Ich will damit sagen“, erwiderte sie betont ruhig, „dass ich ja wohl kaum vorsätzlich anderen schade. Schaffe ich etwa die Konflikte sehenden Auges ins Haus?“

„Du hast Galileo ins Haus gebracht.“

Da war er. Galileo. Der Stein des Anstoßes.

Rafe war nicht wütend, dass sie wieder zu arbeiten begonnen hatte. So entsetzlich vorgestrig war er nun doch nicht. Vielmehr war er wütend auf Henry Booth, einen durchgeknallten Heckenschützen, der sich Galileo nannte.

Als Galileo seine mörderische Spur quer durch die USA gelegt hatte, war Esme schon längst nicht mehr für das FBI tätig gewesen. Nach der Geburt von Sophie hatte sie sich fest vorgenommen, sich ganz auf die Erziehung ihrer kleinen Tochter zu konzentrieren. Doch Galileo konnte einfach nicht gefasst werden, und immer mehr Menschen fielen dem verrückten Mistkerl zum Opfer. Irgendwann hatte dann Special Agent Tom Piper bei Esme angerufen und sie um Hilfe gebeten. Gemeinsam war es Tom und Esme gelungen, Galileo das Handwerk zu legen.

Viele Menschen waren gerettet worden, und Esme bereute ihre Entscheidung nicht. Oder etwa doch? Die Zeit, die sie dem Fall widmete, konnte sie nicht zu Hause sein. Sie war nicht da für Rafe und ihre sechsjährige Tochter. Und schließlich, bittere Ironie des Schicksals, war Galileo sogar in Esmes Haus eingebrochen und hatte Rafe und Sophie als Geiseln genommen. Nur dank eines genialen Einfalls in letzter Minute konnten sie Booth überwältigen, aber ihr Mann und ihre Tochter hätten um ein Haar ihr Leben verloren.

Das waren Esmes Vergehen.

Dennoch …

„Sollen wir lieber nach Island ziehen?“, fragte sie.

Rafe zog eine Augenbraue hoch. „Island?“

„Da gibt es zwar nur eine einzige Stadt, und sechs Monate lang steht das Thermometer unter null, aber es gibt praktisch keine Verbrechen. Also sollten wir nach Island ziehen. Natürlich müssten wir Sophie aus der Schule nehmen und sie von ihren Freunden trennen, aber ihr Leben wäre auf jeden Fall sicherer. Warum ziehen eigentlich nicht alle Menschen nach Island?“

„Esme …“

„Oder in den Jemen. Die Kriminalitätsrate ist da sogar noch niedriger als auf Island. Kaum zu glauben, was? Dort haben zwar die Sunniten das Sagen, aber ich glaube, eine Burka stünde mir ganz gut, meinst du nicht, Rafe?“

„Es gibt einen Unterschied zwischen vernünftigen Vorsichtsmaßnahmen und Hysterie.“

„Ich verhalte mich vernünftig. Weißt du überhaupt, wie viele Menschenleben das FBI in den sechs Monaten gerettet hat, seit ich wieder als Beraterin dort arbeite? Wissen Sie das, Dr. Rosen? Nein, das wissen Sie nicht, denn wenn wir unseren Job anständig erledigen, taucht das nicht in den Schlagzeilen auf. Es war verdammt schwer für mich, Familie und Job unter einen Hut zu bekommen. Aber das Ergebnis zeigt, dass es die richtige Entscheidung war. Und du erzählst mir etwas von vernünftigem Verhalten, Rafe! Ich liebe meine Familie! Dass du das bestreitest, macht mich unglaublich wütend. Manchmal würde ich dir am liebsten den Hals …“

„Schön“, warf Dr. Rosen ein. „Damit wäre die wöchentliche Sitzung beendet.“

Sie rutschte aus ihrem Sessel und streckte die Arme aus. Am Ende jeder Sitzung umarmte sie ihre Klienten, und anschließend bestand sie darauf, dass die Ehepartner sich ebenfalls in die Arme nahmen. Dr. Rosen war ein großer Fan von Ritualen. Esme und Rafe musterten sich argwöhnisch. Wer würde den Anfang machen? Es war ein Machtspiel. Aber nach den letzten fünf Minuten stand Esme nicht der Sinn nach Spielen.

Sie erhob sich. Ihr Schatten fiel auf Rafe, als sie ihre winzige Therapeutin umarmte, deren Knochen so zerbrechlich wirkten, und ihr vorsichtig auf die Schulter klopfte. Als Esme beiseitetrat, war Rafe ebenfalls aufgestanden, und nun war er an der Reihe. Sein schwarzer Bart, struppiger als sonst, kratzte über Dr. Rosens weiße Haare.

Und dann waren sie beide dran.

Sie legten die Arme umeinander und drückten sich. Es war linkisch und emotionslos und dauerte gerade einmal drei Sekunden. Anschließend wandten sie sich erleichtert Dr. Rosen zu.

Dr. Rosen seufzte. Es hörte sich an wie ein Ballon, dem die Luft entwich. „Meine Mutter, sie ruhe in Frieden, hat mich immer gelehrt, sparsam zu sein. ‚Verschwende nichts‘, pflegte sie zu sagen.

Sie war eine gute Frau.“

Rafe und Esme sahen sich verwirrt an.

„Sie hat zwei Töchter großgezogen, mich und meine Schwester Betty. Sie war alleinerziehend – und das in einer Nachbarschaft, in der Frauen zwei Töchter nicht einfach allein erzogen. Meine Mutter hatte für jedes Problem die gleiche Lösung: Vorsorge. Sorge als Erstes dafür, dass das Problem überhaupt nicht auftritt. Sie war also sogar sparsam, wenn es darum ging, Fehler zu machen.“

Rafe sagte so etwas wie „Hm?“.

Aber Dr. Rosen fuhr unbeirrt fort: „Betty und ich hatten verschiedene Ansichten darüber, wie man Probleme löst. Keine von uns besaß den Weitblick unserer Mutter, also haben wir mehr reagiert. Ich kam zu dem Schluss, dass Probleme am besten mit Kompromissen zu lösen sind. Betty dagegen vertrat mehr … nun, sagen wir mal, die Philosophie der verbrannten Erde. Also wurde ich Eheberaterin – und welchen Beruf hat Betty gewählt?“

„Anwältin“, flüsterte Esme. „Scheidungsanwältin.“

Manchmal hatte sie überhaupt keine Freude an ihrem Talent, Rätsel zu lösen.

„Richtig.“ Dr. Rosen lächelte. „Sehr gut. Und das ist der Punkt, an dem wir jetzt stehen.“

Rafe zog eine Augenbraue hoch. „Was wollen Sie damit sagen?“

„Dass wir zur falschen Schwester gegangen sind“, antwortete Esme. „Oder etwa nicht?“

Dr. Rosen hob ihre winzigen Schultern.

„Moment mal – Sie geben uns also auf?“

„Sagen Sie’s mir, Rafe. Warum sollte ich Zeit und Energie investieren, wenn Sie und Ihre Frau nicht bereit sind, dasselbe zu tun?“

„Weil wir Sie bezahlen.“

„Wie kann ich guten Gewissens weiterhin Ihr Geld annehmen, wenn ich genau weiß, dass es aus dem Fenster geworfen wird?“

„So sehen Sie das also?“ Esmes Stimme klang immer noch eingeschüchtert. „Es besteht keine Hoffnung?“

Wieder zuckte Dr. Rosen mit den Schultern.

„Das ist Blödsinn“, brummte Rafe.

„Dann beweisen Sie mir das Gegenteil“, forderte die Ärztin ihn auf. „Ich gebe Ihnen noch zwei Wochen. Heute ist Mittwoch, der 10. November. Kommen Sie am Mittwoch, den 24. November, wieder, und zeigen Sie mir, dass ich mich geirrt habe. Ich werde mich gerne bei Ihnen entschuldigen. Sollte ich aber recht behalten, gebe ich Ihnen die Telefonnummer meiner Schwester, und das war’s dann.“

„Sie stellen uns ein Ultimatum.“

„Ich tue Ihnen einen Gefallen. Zwei Wochen, Jungs und Mädels. Viel Glück. Und kommen Sie gut nach Hause. Es soll heute Abend unter null Grad werden.“

Sie fuhren schweigend nach Hause – wie nicht anders zu erwarten. Dr. Rosen hatte recht gehabt: Es war sehr kalt geworden. Rafe konzentrierte sich auf die vereiste Fahrbahn. Esme hatte weniger Glück. Die kahlen Bäume, an denen sie auf dem Highway vorbeifuhren, konnten sie nicht von ihren trüben Gedanken ablenken.

Acht Jahre Ehe. Liebe, eine Familie. Ein Leben.

Ein wunderbares Kind.

Esme wusste, dass sie Probleme hatten, aber standen sie wirklich schon so nahe am Abgrund? Konnten sechs Monate diese acht Jahre mit einem Federstrich zunichtemachen? Die Rechenaufgabe ergab wenig Sinn, aber alles andere war ebenfalls sinnlos. Warum konnte Rafe sie nicht einfach unterstützen? Sie hatte zu ihm gehalten, als er seine Doktorarbeit schrieb, als er einen Job suchte, als er versuchte, im Beruf Fuß zu fassen. Sie hatte niemals von ihm verlangt, sich weniger zu engagieren. Sie würde niemals von ihm verlangen, seinen Beruf und seine Interessen an den Nagel zu hängen.

Und jetzt saß er neben ihr, eine Armeslänge entfernt. Hatte er sie auch nur einmal angesehen, seitdem sie die Praxis der Therapeutin verlassen hatten? Was dachte er? Sie hätte ihn fragen können. Aber sie wusste bereits, dass seine Antwort „Nichts“ lauten würde, und das wäre es dann.

Trotz allem liebte sie ihn immer noch.

Seine Brillengläser waren verschmiert. Nur selten putzte er sie selber – weniger aus Faulheit, sondern aus Gleichgültigkeit. Konnte er überhaupt noch etwas erkennen? Am liebsten hätte sie nach seinem Brillenetui gegriffen, das Mikrofasertuch herausgenommen und seine Gläser geputzt, während er am Steuer saß. Vor sechs Monaten hätte sie es getan. Er hätte protestiert und dann so getan, als sei er blind und sie gebeten, das Steuer zu übernehmen. Sie hätten ihren Spaß gehabt.

Vor gerade einmal sechs Monaten!

Schweigend setzten sie ihre Fahrt fort, bis sie die wohlhabende Gegend erreichten, in der sie wohnten. Die Digitaluhr auf dem Armaturenbrett des Prius zeigte 21.22 Uhr. Sophie müsste jetzt schon im Bett liegen. Während der Sache mit Galileo war Lester, Rafes grantiger Vater, aus dem Norden des Bundesstaats zu ihnen gekommen, um sie zu unterstützen – und war nicht mehr ausgezogen. Einerseits bedeutete das, einen Babysitter zu haben, wann immer sie und Rafe etwas allein unternehmen wollten. Andererseits hieß es, dass sie sich jeden Tag die kritischen Äußerungen des alten Mannes anhören musste. Er mochte sie nicht – er hatte sie nie gemocht, und er dachte nicht im Traum daran, sich mit ihr zu arrangieren.

Als sie sich ihrem einstöckigen Haus im Kolonialstil näherten, spürten sie instinktiv, dass etwas nicht stimmte. In der Auffahrt stand ein Wagen – nicht Lesters alter Cadillac, sondern ein ausladender, glänzend weißer Studebaker. Er blockierte die Einfahrt zu Rafes Seite der Garage. Im Haus brannte Licht, aber die Vorhänge waren zugezogen.

„Erwarten wir Gäste?“, wunderte Esme sich.

Rafe schüttelte den Kopf und parkte neben dem Studebaker.

In der unteren Schublade von Esmes Nachttisch lag eine Pistole.

Sie verjagte den Gedanken – eine typische Überreaktion – und stieg aus dem Wagen. Hier in Oyster Bay waren sie sicher. Ihr Haus war zwar schon einmal Schauplatz eines Verbrechens gewesen, aber das war ein besonderer Fall. Wenn sie jetzt in Panik geriet, würde das nur ihrem absurden Verlangen, nach Island zu ziehen, neue Nahrung geben. Sie warf Rafe einen Blick zu.

Er blieb im Wagen sitzen.

„Es ist alles in Ordnung“, beruhigte sie ihn.

„Woher willst du das wissen?“, entgegnete er.

Es war keine Feigheit. Das war ein typisches posttraumatisches Stresssyndrom. Rafe wäre beinahe ermordet worden. Am liebsten hätte sie sich zu ihm hinuntergebeugt und ihren Ehemann umarmt – eine schützende Umarmung, die die Dämonen fernhielt. Aber sie brachte es nicht fertig.

Stattdessen ging sie zur Haustür.

Wer würde sie um halb zehn an einem Mittwochabend besuchen? Auf dem Studebaker war ein Nummernschild aus Florida. Wer immer es sein mochte – der Fahrer hatte einen weiten Weg zurückgelegt. Niemand fuhr tausend Meilen, um einen Überraschungsbesuch zu machen – nicht einmal einer von Lesters alten Kumpeln.

Esme dachte noch einmal an die Pistole in ihrem Nachttisch.

Sie drehte sich um und warf einen Blick auf den Prius. Rafe blieb stocksteif sitzen. Vermutlich würde er gern aussteigen. Er wollte seine Muskeln bewegen, aber sie reagierten nicht. Wahrscheinlich dachte er an Sophie und an seinen Vater, die im Haus waren, möglicherweise in Gefahr. Vielleicht dachte er auch an sie, die unbewaffnet war. Jetzt griff sie nach dem Türknauf, doch seine Hände blieben reglos auf dem Lenkrad liegen, und seine Beine bewegten sich keinen Zentimeter. Nein, sie war nicht wütend auf ihn. Sie bemitleidete ihn. Die kalte Luft machte weiße Wolken aus ihrem Atem, die um ihre Lippen flatterten, und durch den verwehenden Nebel drehte sie am Knauf und stieß die unverschlossene Tür auf.

Ein Fremder war im Wohnzimmer. Er hatte ein Weinglas in der Hand, und sein Kopf erinnerte Esme an einen Penis. Er war kahl, gerötet, länglich und ragte aus einem braunen Rollkragenpullover heraus, der kratzig und fusselig aussah. Der Mann war riesig, fast zwei Meter groß, und sein Körper hatte die Form eines Bierfasses.

„Grover Kirk“, stellte der Fremde sich vor und streckte eine Hand aus, die schweißfeucht zu sein schien. „Ich habe Ihnen mehrere Nachrichten hinterlassen.“

Grover Kirk?

„Ich schreibe dieses Buch über die Galileo-Morde. Schon seit Längerem versuche ich ein Interview mit Ihnen und Ihrer Familie zu bekommen.“

Richtig. Grover Kirk. Esme ließ ihren Blick über seine Schultern und sein Gesicht wandern. Eindeutig ein Idiot.

„Mr Kirk, wer hat Sie in mein Haus gebeten?“

„Ihr Schwiegervater. Ein sympathischer Kerl. Hat mir ein paar fantastische Einzelheiten erzählt. Im Moment ist er gerade im Badezimmer. Ich fürchte, er hat ein bisschen zu viel Rotwein getrunken. Ich habe eine Flasche aus meinem Weingut in Florida mitgebracht. Möchten Sie auch ein Glas?“

Er griff nach einer halb leeren Flasche auf dem Couchtisch. Die Flasche hatte einen roten Ring auf einem von Esmes Sudoku-Büchern hinterlassen.

Sie kannte vierundvierzig Methoden, mit denen sie ihn innerhalb von fünf Sekunden bewusstlos schlagen konnte.

„Mr Kirk“, begann sie. „Sie erinnern sich sicher daran, dass ich auf Ihren ersten Anruf geantwortet habe. Ich habe Ihnen gesagt, dass ich kein Interesse an Ihrem Buch habe. Und ich habe Ihnen gesagt, dass meine Familie ebenfalls kein Interesse an diesem Buch hat.“

„Ihr Schwiegervater schien aber sehr interessiert zu sein.“ Er bot ihr die Flasche an. „Wie war die Eheberatung?“

Die Haustür wurde geöffnet. Es war Rafe. Endlich.

„Ich … Wer ist das?“

Erneut streckte Grover seine Hand aus und stellte sich vor. „Er schreibt dieses Buch über berühmte Mörder.“

„Und über alle, die mit ihnen zu tun hatten“, fügte Grover hinzu.

„Mein Buch wäre unvollkommen ohne eine ausführliche Darstellung von Ihnen und Ihrer Frau. Es ist mir eine besondere Ehre, Sie kennenzulernen.“

Esme knirschte mit den Zähnen. „Mörder sind keine Superstars, Mr Kirk. Meine Familie versucht gerade, alles zu vergessen, was damals passiert ist.“

„Sie können der Vergangenheit nicht entfliehen, Mrs Stuart. Das müssten Sie doch am besten wissen.“

Sie hätte ihn gern gefragt, was er damit meinte, aber noch lieber hätte sie ihm den Schädel eingeschlagen. Gerade als sie einen Schritt vortrat, rauschte die Wasserspülung der Toilette im Erdgeschoss. Nichts lockerte die Anspannung einer Situation so sehr wie dieses Geräusch.

„Gehen Sie“, murmelte Rafe. „Sofort.“

Grover sah ihn an, dann Esme und schließlich seine Flasche. „Nun gut“, meinte er. „Ich weiß, wann man Schluss machen muss. Meine Karte liegt auf dem Tisch. Ich wohne im Days Inn in Hicksville. Grüßen Sie Ihren Schwiegervater von mir. Ein netter Kerl.“

Er wartete darauf, dass sie beiseitetraten.

Sie traten beiseite.

„Bis bald.“ Er zwinkerte ihnen zu und verschwand.

Rafe schloss die Tür.

„Was für ein Idiot“, knurrte er.

„Ich fand ihn sympathisch.“ Lester schlurfte ins Zimmer. „Moment mal … Wo ist denn die Flasche Wein, die er mitgebracht hat?“

„Er hat sie wieder mitgenommen.“

Lester runzelte die Stirn. „Wieder mitgenommen? Was für ein Blödmann.“

Da es keinen Grund mehr gab, Konversation zu betreiben, ging der alte Mann in sein Zimmer. Esme zählte die Sekunden, bis sie die Tür ins Schloss fallen hörte.

Dann wandte sie sich an ihren Mann. Er stand noch immer an der Tür.

„Alles in Ordnung?“, fragte sie.

„Ich …“

Sie streckte die Hand nach ihm aus.

Doch sie wurden erneut unterbrochen. Dieses Mal war es Rafes Handy, das in seiner Hosentasche vibrierte.

„Wenn es eine Nummer aus Florida ist, geh nicht ran“, riet Esme ihm.

Rafe schaute aufs Display. „Fünf – eins – acht.“

„Eine Nummer aus dem Norden?“, vergewisserte Esme sich.

Rafe nickte und nahm das Gespräch an. „Hallo?“

Esme beobachtete ihn, während er lauschte. Er hatte mit seinen Eltern im Norden von New York State gelebt. Es war reines Glück, dass Rafe sich für eine Hochschule in Washington, D. C., entschieden hatte. Sonst wären sie einander nie begegnet.

Acht Jahre.

„Wer ist es?“, flüsterte Esme.

Mit einer Handbewegung brachte Rafe sie zum Verstummen. Er war ganz blass geworden. Was immer er erfuhr – es waren keine guten Neuigkeiten.

Sie war ein paarmal mit ihm in seinem Elternhaus gewesen. Seine Kindheit in einem Vorort der oberen Mittelklasse war ganz anders verlaufen als ihre in den Straßen von Boston. Aber Gegensätze zogen sich ja bekanntlich an.

Rafe sagte etwas zu der Person am anderen Ende der Leitung, bedankte sich und beendete das Gespräch. Er wirkte noch verstörter als auf der Heimfahrt.

„Rafe, was ist los?“

„Erinnerst du dich … an das Mädchen, das du bei meinem Klassentreffen kennengelernt hast … mit dem ich beim Abschlussball war?“

Esme erinnerte sich nur vage an die Frau. Sie war Vertreterin für eine Staubsaugerfirma. Ein wenig pummelig. Sehr schöne blaue Augen.

„Lynette irgendwas, richtig?“

„Ja. Lynette Robinson. Sie … Nun, das war mein Cousin Randy am Telefon. Die Polizei … sie haben gerade die … Überreste von … Lynettes Leiche gefunden. Im Keller eines abgebrannten Hauses.“

3. KAPITEL

Die Beerdigung war eine Veranstaltung in Schwarz und Weiß.

Schwarz war natürlich den Trauergästen vorbehalten. Mehr als hundert Menschen waren gekommen, um der Toten die letzte Ehre zu erweisen. Die Hälfte von ihnen kannte die Verstorbene nicht einmal. Sie hatten nur im Sullivan County Democrat über die Tragödie gelesen. Vertreter der regionalen Presse waren ebenfalls erschienen. Sie hielten sich am Rand des Friedhofs auf und waren so rücksichtsvoll gewesen, dunkle Kleidung zu wählen.

Der Priester war selbstverständlich ganz in Schwarz. Die Totengräber, die ein paar Meter von der Trauergesellschaft entfernt standen, trugen lange schwarze Mäntel. Zum passenden Zeitpunkt würden sie die Winden betätigen, die genauso braun waren wie die Friedhofserde, und den Sarg in die eins zwanzig mal zwei Meter vierzig breite und zwei Meter tiefe Grube hinablassen, die sie am Morgen ausgehoben hatten.

Das Wetter hatte für die weiße Farbe gesorgt. Die Erde und das Gras und Hunderte von Grabsteinen, die über den Friedhof verstreut standen, lagen unter einer weißen Schneedecke. Gut zwei Zentimeter Schnee waren gefallen, und weitere Schneefälle kündigten sich bereits an.

Selbst die Schneeflocken wollten Lynette Robinsons Begräbnis nicht verpassen.

Während der Priester, ein jugendlicher Rotschopf, mit seiner Tenorstimme aus der Heiligen Schrift las, begannen Esmes Gedanken abzuschweifen. Sie dachte an die beiden vergangenen Tage, an Grover Kirk, der die Frechheit besessen hatte, sie am Donnerstagmorgen anzurufen, und sie dachte an die lange Liste, die Lester ihnen in die Hand gedrückt hatte. Wenn sie schon in der Nähe seines Hauses waren, konnten sie ihm auch einige Dinge mitbringen. Früh am Abend waren sie und Rafe im Haus angekommen. Sofort hatten sie in sämtlichen Räumen alle Fenster aufgerissen, damit der Staub hinausgeblasen wurde, der sich im Laufe von vierzig Jahren auf und in den Polstermöbeln angesammelt hatte. Lester hatte den Wasserhahn in der Küche tröpfeln lassen, damit die Leitungen nicht einfroren, aber vorsichtshalber schaute Rafe doch im Keller nach, ob keine Rohre geplatzt waren.

Esme rief in Oyster Bay an.

„Hallo“, brummte Lester am anderen Ende.

„Hallo, Lester.“

Nachdem sie ein paar höfliche Floskeln ausgetauscht hatten, bat Esme ihn, Sophie ans Telefon zu holen. Während sie wartete, fuhr eine Windbö durch die geöffneten Fenster ins Zimmer und fächelte über Esmes Nacken.

Endlich hörte sie Sophies „Hallo, Mom!“.

„Hallo, mein Baby. Wie war’s in der Schule?“

„Zeck Portnoy hat sich in die Hose gemacht. Unter seinem Stuhl war eine riesige Pfütze. Dann ist der Hausmeister gekommen und hat alles aufgewischt. Das war eklig, Mommy.“

Esme schnitt eine Grimasse. „Das glaube ich dir gern, Schätzchen. Hast du heute denn auch etwas gelernt?“

„Man braucht viel Putzmittel, um Pipi wegzumachen.“

„Hast du sonst noch was gelernt?“

Schweigen.

„Sophie?“

„Mhhhh. Ja … Mrs Morrow hat gesagt, du darfst nicht vergessen, dass wir ins Misium …“

„Du meinst, Museum?“

„In das Naturkundemisium fahren. Und du wolltest mitkommen.“

„Freust du dich schon auf das Naturkundemuseum?“

„Oh ja! Kann ich den Blitz in der Kristallkugel anfassen?“

„Das muss Mrs Morrow entscheiden. Sie will euch bestimmt eine Menge zeigen.“

„Okay. Ach ja, Opa Les hat heute Abend chinesisches Essen gekauft. Und ich habe mit ihm gewettet, dass ich eine ganze Frühlingsrolle in den Mund stecken kann. Ich habe gewonnen!“

„Schätzchen, das ist keine gute Idee.“ Esme wusste nicht, ob sie lachen oder seufzen sollte. „Du hättest daran ersticken können.“

„Nö. Ich habe ja ein Glas Wasser gehabt, und wenn ich erstickt wäre, hätte ich die Arme hochgehalten, und dann wäre es mir wieder gut gegangen.“

Rafe betrat das Zimmer. In der linken Hand hielt er ein Paar abgewetzte Arbeitshandschuhe, die seinem Vater gehörten. „Versprich mir, dass du es nicht wieder tust, Sophie!“

Sie nannte den Namen ihrer Tochter, damit Rafe wusste, mit wem sie sprach.

Mit einer nachdrücklichen Handbewegung gab er Esme zu verstehen, dass er auch mit seiner Tochter reden wollte.

„Gut, Sophie. Ich gebe dir jetzt Daddy. Mommy hat dich lieb.“

„Ich dich auch, Mommy.“

Während der Priester niederkniete, ehe er das Podium verließ, schweiften Esmes Gedanken in die Gegenwart und zum Begräbnis zurück. Es hatte wieder zu schneien begonnen, und von allen Seiten drangen Schluchzer an ihr Ohr. Sie warf ihrem Mann einen Blick zu. Wie viele andere Trauergäste trug auch er eine dunkle Sonnenbrille. Auf dem Weg waren sie an einer Walgreens-Drogerie vorbeigefahren, um sie zu kaufen, und dabei waren sie Rafes Cousin Randy begegnet, dem schwarzen Schaf der Familie Stuart. Randy ging am Stock – nicht etwa, weil er verletzt war, sondern um allen in seiner Umgebung seine Arbeitsunfähigkeit zu demonstrieren. In der Pepsi-Fabrik am Stadtrand, in der arbeitete, war eine Kiste heruntergefallen und knapp neben seinem Fuß gelandet. Er behauptete, sie sei ihm auf den Fuß gefallen, und er wurde krankgeschrieben. Bei Walgreens hatte Rafe eine unechte Ray-Ban-Sonnenbrille und eine Tüte Bonbons gekauft.

Randy hatte Rafe und Esme über Lynette informiert. Randy trank hin und wieder mit einem der Beamten aus dem Büro des Sheriffs ein Glas, und wenn Gerüchte mit Scotch geölt wurden, machten sie besonders schnell die Runde. Randy hatte Lynette nicht persönlich gekannt, aber trotzdem war er zur Beisetzung gekommen. Jetzt stand er ein paar Meter hinter Esme und Rafe. Er wollte auch zum Empfang kommen und würde vermutlich versuchen, mithilfe seines Stocks und seiner Arbeitsunfähigkeit Eindruck zu schinden und eine der anwesenden Frauen anzubaggern, um seinen „Kummer“ zu vergessen.

Die beiden Totengräber ließen den Sarg in die Grube hinab. Lynettes engste Angehörige saßen in der ersten Reihe – die Eltern, vier Großeltern, drei Brüder und eine Schwester. Sie hatten die beste Aussicht. Nicht zum ersten Mal dachte Esme, dass sie verbrannt werden wollte, sollte sie vorzeitig sterben.

Kaum war der Sarg am Boden der zwei Meter tiefen Grube angelangt, begann die Trauergemeinde sich wie aufs Stichwort langsam und schweigend aufzulösen.

Esme folgte Rafe zu seinem Prius. Eine dichte Schneedecke hatte sich auf den Autos angesammelt und ließ sie alle ähnlich aussehen. Ohne das Blinken der automatischen Entriegelung hätten sie vermutlich von Wagen zu Wagen gehen müssen.

Sobald sie eingestiegen waren, schaltete Rafe die Sitzheizung an. Esme liebte Sitzheizungen. Sie war der Meinung, jeder Stuhl, jede Couch und jede Bank sollte eine haben. Eine Weile blieben sie auf dem Parkplatz stehen, während die Fensterheizung den Schnee zum Schmelzen brachte. Im Rückspiegel beobachteten sie den Stau, als jeder Fahrer versuchte, sich in die Schlange einzureihen. Esme wandte den Blick vom Spiegel ab und schaltete das Radio ein.

Rafe schaltete es wieder aus.

„Sei ein bisschen respektvoller“, ermahnte er sie.

Also saß Esme schweigend und respektvoll auf dem Beifahrersitz, während der Motor des Hybridfahrzeugs im Leerlauf lief und der geschmolzene Schnee an den Scheiben herunterrann.

Das Navigationsgerät führte sie zum Haus von Lynettes Eltern. Es lag am Ende einer Sackgasse nur wenige Meter vom Monticello-Platz entfernt, in einer kleinbürgerlichen Gegend. In der Straße stand Wagen an Wagen, sodass Rafe rückwärts herausfahren musste und vor dem Gerichtsgebäude parkte. Als sie aus dem Wagen stiegen, hatte sich das Schneetreiben zu einem Sturm entwickelt. Hätten sie den Wetterbericht gehört, wüssten sie jetzt, mit wie viel Schnee zu rechnen war, dachte Esme. Nun konnten sie nur hoffen, dass es nicht zu schlimm werden würde.

Esme hätte wirklich gern mehr Mitgefühl verspürt. Ihre Distanziertheit hatte nichts damit zu tun, dass Rafe mit dem Mädchen zum Abschlussball gegangen war. Lynette schien ganz nett gewesen zu sein, und was ihr widerfahren war, war der reine Horror. Doch seit der letzten Sitzung bei Dr. Rosen und ihrem Ultimatum hatte Esme das Gefühl, mit allem nichts mehr zu tun zu haben – so als stünde sie neben sich. In den vergangenen zwei Tagen hatte sie nur ein einziges Mal emotional reagiert – als sie mit Grover Kirk aneinandergeraten war.

Mit anderen Worten – wenn es mit ihrem Job zu tun hatte.

War sie etwa ein Adrenalin-Junkie geworden? Während ihrer Zeit beim FBI hatte sie genug davon kennengelernt. Typen, die nur gezwungen lächelten. Typen, die immer größere Gefahren suchten – sei es bei einer Schlägerei in Washington oder beim Fallschirmspringen in Südamerika. Typen, die depressiv wurden, wenn ihr Herzschlag sich unterhalb der Frequenz eines Schlagzeugsolos bewegte. Aber nein, so war sie doch nicht … oder?

Wie erwartet war das Haus der Robinsons voll mit schwarz gekleideten Menschen. Lynettes engste Verwandte trafen als Letzte ein. Die Medien hatten sie in die Zange genommen, sobald sie die heilige Erde des Friedhofs verlassen hatten. Dankenswerterweise hatten sich ein paar Nachbarn bereit erklärt, alles für den Empfang vorzubereiten. Ein paar Gesichter kamen Esme irgendwie bekannt vor, aber sie hätte keinem einen Namen zuordnen können.

Viele Leute kannten Rafe. Sie schüttelten ihm die Hand, klopften ihm auf die Schultern, sagten ihm, wie glücklich sie waren, ihn wiederzusehen. Viele erkundigten sich auch nach seinem Vater. Jedes Mal machte Rafe sie artig mit Esme bekannt – oder wieder bekannt. Aber Esme sah ihm an, dass er nicht mit dem Herzen bei der Sache war. Auch er schien geistesabwesend zu sein, aber aus ganz anderen Gründen. Aus den richtigen Gründen.

Die Ortspolizei war ebenfalls erschienen und sprach ihr Beileid aus. Esme entdeckte Randy, der sich mit einem sommersprossigen Hilfssheriff in Uniform unterhielt. Das musste sein Trinkkumpan sein. Kurz darauf führte Rafe sie zum Sheriff, ein stämmiger Mann in seinen Sechzigern, der neben einem Kartentisch stand und ein Punschglas in der Hand hielt. Er wirkte wie ein Mauerblümchen beim Schulabschlussball – wenn auch ein Mauerblümchen mit ergrautem Haar und einer Waffe an seinem Gürtel. Auf seinem Namensschild stand Michael Fallon.

„Angenehm, Sheriff“, sagte Esme, während sie seine trockene warme Hand schüttelte.

„Und wie geht’s Ihrem Vater, Rafe? Hält er Sie noch immer auf Trab?“

„Oh ja, Sir!“

„Wir haben von dieser hässlichen Sache im vergangenen Frühjahr gehört.“ Bekümmert schüttelte Sheriff Fallon den Kopf. „Ich bin froh, dass Sie das alle heil überstanden haben. Geht’s Ihnen gut, Rafe?“

Rafe warf Esme einen raschen Blick zu, ehe er antwortete: „Den Umständen entsprechend, Sheriff.“

Der Mann nickte und trank einen Schluck aus seinem Glas. Aber Rafe war noch nicht fertig.

„Sie kennen meine Frau? Sie wissen, wer sie ist? Und was sie tut?“

Dieses Mal schaute Esme ihn an. Was hatte er vor …?

„Aber sicher“, antwortete Fallon.

„Seien Sie ehrlich mir gegenüber, Sheriff. Meinem Vater zuliebe.

Dieser Fall – wie überfordert sind Sie damit?“

Falls Fallon beleidigt war, ließ er es sich nicht anmerken. „Ich habe jeden Mann im County darauf angesetzt.“

„Ich bin überzeugt davon, dass Sie Ihr Bestes geben, Sheriff. Aber ich würde auch jede Wette eingehen, dass keiner von Ihnen über die Kompetenz oder Erfahrung meiner Frau verfügt.“

Jetzt kam Esme sich wie ein Mauerblümchen vor – ein verwelkendes Veilchen. Womit hatte sie dieses unerwartete Lob verdient? Rafe hatte sich niemals anmerken lassen, dass er so über sie dachte. Selbst als sie die erste Zeit miteinander gingen, hatte ihm ihre Arbeit missfallen – und jetzt das?

„Wenn wir das FBI benötigen, Rafe – falls es so weit kommen sollte –, dann werden wir Ihre Frau anrufen. Das verspreche ich Ihnen, Rafe.“

„Genau das meine ich, Sir. Sie brauchen nicht anzurufen. Sie sind schon hier. Esme ist schon hier. Und Sie werden ihre Unterstützung annehmen. Sonst erzähle ich den Presseleuten da draußen, dass Sie ihre Hilfe hätten haben können, aber abgelehnt haben. Sie wissen, wer sie ist. Sie sollten Ihren Provinzstolz überwinden und sich von ihr bei der Lösung dieses Falles helfen lassen. Haben wir uns verstanden?“

„Was zum Teufel sollte das denn?“

Sie waren in einen anderen Raum des Hauses gegangen. Rafe bedeutete Esme mit einer Handbewegung, leiser zu sprechen, ehe er die Tür hinter ihnen schloss. Es dauerte eine Weile, bis Esme dämmerte, dass dies Lynettes Zimmer sein musste. Eine Wand war mit den Flaggen verschiedener Nationen geschmückt. Etwa die Hälfte von ihnen konnte Esme zuordnen. Soweit sie wusste, war Lynette niemals außerhalb des Staats New York gewesen. Die Fahnen mussten für sie Ausdruck eines Wunschtraums gewesen sein: durch die Welt zu reisen. Auf ihrem Waschtisch lag ein geöffnetes Schmuckkästchen. Lynette vertraute den Menschen. Esme war keine ausgebildete Profilerin, aber einige dieser Schlüsse waren offensichtlich.

Lynette hatte möglicherweise auch ihrem Mörder vertraut – bis es zu spät war.

Autor