Wiedersehen in Christmas Bay

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Kaum kehrt Kyla nach Christmas Bay zurück, läuft sie Ben Martinez über den Weg. Ihre Gefühle für ihn sind wie früher: heftiger Ärger – und heimliche Sehnsucht!


  • Erscheinungstag 05.11.2026
  • ISBN / Artikelnummer 9783751548120
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Leseprobe

Kaylie Newell

Wiedersehen in Christmas Bay

1. KAPITEL

„Was kosten die Wunderbälle?“

Kyla Beckett lächelte dem Teenager in dem verblassten Hoodie und den abgetragenen Converse All Stars zu. Er wirkte erschöpft und traurig, und etwas an ihm erinnerte sie an sie selbst im gleichen Alter, obwohl ihre Sachen nie so gut ausgesehen hatten wie seine. Ihre Mutter hatte sie immer zwei Nummern zu groß gekauft, damit sie nicht so schnell herauswuchs.

„Fünfzig Cent pro Stück“, erwiderte sie von hinter dem altmodischen Verkaufstresen.

Er nickte, und seine blauen Augen richteten sich auf das Glas für die Trinkgelder.

Der Junge war ihr erster Kunde des Tages. Coastal Sweets war an diesem Morgen leer. Draußen nieselte es leicht, und der Pazifik war aufgewühlt, grau und melancholisch, passend zu den dunklen Wolken am Himmel. Aber dank der bunten Blumenampeln, die vor den Schaufenstern hingen, sah die Main Street immer noch fröhlich aus, und die Frühaufsteher unter den Touristen schlenderten mit Kaffeebechern in der Hand umher.

Kyla hatte fast vergessen, wie reizvoll Christmas Bay sein konnte.

Der Junge trat von einem Fuß auf den anderen und wirkte plötzlich nervös.

Oh, oh. Sie half in Frances’ Geschäft nur über den Sommer aus, aber sie war auch Lehrerin an der Highschool und kannte den Blick. Er wollte etwas Dummes sagen. Oder etwas Dummes tun. Und als er sich die Kapuze über den Kopf zerrte, hätte sie auf Letzteres wetten können.

Aber bevor sie eingreifen konnte, schnappte er sich das Trinkgeldglas. Es war randvoll, denn Frances hatte gestern Abend vergessen, es zu leeren. Und Kyla hatte den Laden aufgeschlossen, ohne selbst daran zu denken.

„Hey!“

Blitzschnell schob er sich das Glas unter den Hoodie und rannte zur Tür.

Kyla schwang sich über den Tresen. Frances hatte ein gutes Herz, war freundlich zu allen und verdiente es nicht, bestohlen zu werden. Sie hätte dem Jungen das Geld für die Bonbons gegeben, wenn er einfach nur gefragt hätte.

„Hey, komm zurück!“

Glaubte sie ernsthaft, er würde gehorchen? Aber sie war schon vor dem Geschäft und rief es noch mal.

Er blickte über die Schulter, und bevor sie die Szene richtig verarbeiten konnte, stieß er mit einem uniformierten Polizisten zusammen. Der Junge ging mit einem verblüfften Laut zu Boden. Das Trinkgeldglas rutschte aus dem Hoodie und rollte über den nassen Gehsteig.

Kyla ging langsamer und beobachtete, wie er aufsprang. Aber er war nicht schnell genug. Der Polizist hielt ihn am Hoodie fest.

„Wow, wow, wow. Wo willst du hin?“

Der Junge wehrte sich nicht.

Trotz ihrer Empörung tat er ihr leid. Vielleicht gab er so schnell auf, weil er nie ein Kämpfer gewesen war.

Sie schlang die Arme um sich. Der feine Regen haftete an ihrem Haar und den Wimpern. Der Polizist hob den Blick, als sie näher

kam. Mitte dreißig. Groß, dunkles Haar, dunkle Augen. Breite Brust, muskulöse Oberarme.

Er sah gut aus, kein Zweifel. Aber das war nicht der Grund, aus dem Kylas Mund plötzlich trocken wurde. Er war älter und reifer, aber das Gesicht war unverkennbar. Die Augen, der Mund, alles war ihr so vertraut, dass sie fast vergaß, wie sehr sie ihn hasste.

„Ich nehme an, das gehört Ihnen?“

Sie hob das Kinn und fühlte, wie alles wieder auf sie einstürmte. Der Zorn, der Schmerz, der Panzer um ihr Herz, damit niemand ihr wehtun konnte. Wie leicht es doch war, wieder das kleine Mädchen zu werden.

„Nein. Na ja, irgendwie schon.“

Er zog die Augenbrauen hoch.

Offensichtlich erkannte er sie nicht. Kein Wunder. Als er sie das letzte Mal gesehen hatte, war sie in der sechsten Klasse gewesen, winzig für ihr Alter und schmal wie ein Zaunpfosten. Eine schiefe Brille, weil Kontaktlinsen nie eine Option gewesen waren. Die Erinnerung tat unerwartet weh.

Sie atmete tief durch. Sie würde nicht weinen, nicht hier auf dem Gehweg und erst recht nicht vor diesem Mann, der ihr Leben für immer verändert hatte.

„Wollen Sie Anzeige erstatten?“, fragte er.

Christmas Bay war ein Touristenort, voller kleiner Geschäfte wie Coastal Sweets. Ladendiebstähle waren ein Problem, und soweit sie wusste, wurden die Täter immer bestraft, schon um andere abzuschrecken. Trotzdem brachte sie es nicht fertig, sich sofort zu entscheiden.

„Wie lange habe ich Zeit, Officer?“, entgegnete sie. Seinen Namen sprach sie nicht aus, obwohl er auf dem goldenen Abzeichen stand. Martinez.

Er runzelte die Stirn und sah auf den Jungen hinab, den er noch am Hoodie festhielt. „Nun ja, Sie können sich Zeit lassen. Wenn Sie das wollen.“

Sein Tonfall verriet, was er davon hielt. Natürlich. Der Ben Martinez, an den sie sich erinnerte, hatte sich immer an die Regeln gehalten. Das tat sie sonst auch, aber der Junge in den abgetragenen Sachen ging ihr ans Herz.

„Wie heißt du?“, fragte Kyla ihn.

„Hunter.“

„Wie alt bist du, Hunter?“

„Fünfzehn.“

„Das Geld im Trinkgeldglas spenden wir jede Woche für die Tafel hier im Ort. Du bist alt genug, um zu verstehen, wie falsch es ist, etwas zu stehlen. Und wie es sich auf andere Leute auswirkt.“

Hunter errötete und starrte auf seine Schuhe, als Ben ihn losließ und den Hoodie glatt strich.

„Es tut mir leid“, murmelte er.

Kyla atmete auf. Er schien es zu bereuen, und das war ein Anfang.

„Ich weiß, wer dein Dad ist“, sagte Ben. „Also weiß ich auch, wo du wohnst. Ich melde mich, aber bis dahin machst du keinen Ärger mehr – verstanden?“

Hunter nickte. Aber die Erwähnung seines Vaters ließ ihn plötzlich aussehen, als läge die Last der Welt auf seinen Schultern.

Kyla trat einen Schritt zurück, überwältigt vom Anblick des Jungen. Von seinem niedergeschlagenen Gesicht und dem Herzklopfen, das der Mann neben ihr auslöste. Sie sehnte sich nach der Wärme und Geborgenheit des kleinen Süßwarengeschäfts – einem

Ort, an dem sie sich sicher genug fühlte, um über die Ereignisse der letzten Minuten nachzudenken.

„Ich muss zurück in den Laden, Officer“, sagte sie. „Danke.“ Sie drehte sich um, ging davon und hoffte, dass er den Schmerz in ihren Augen nicht gesehen hatte.

Ben schaute der Frau nach, aber es war nicht ihre Figur, die ihn im Moment interessierten. Es waren ihre taubengrauen Augen. Er kannte sie irgendwoher.

„Warten Sie!“, rief er. „Warten Sie kurz …“

Er eilte ihr nach. Sie hatten denselben Weg. Das Polizeirevier war nur drei Türen weiter als Coastal Sweets.

Ihr dunkles Haar war jetzt feucht und begann sich am Hals zu ringeln. Sie drückte das Trinkgeldglas an den Bauch und sah zu ihm hoch, und das gereckte Kinn kam ihm irgendwie bekannt vor.

„Sie arbeiten also im Laden?“, fragte er und versuchte, entspannt zu klingen. Es gelang nicht recht, denn sie sah aus, als würde sie ihm am liebsten ein Messer zwischen die Rippen rammen.

„Ja.“

„Ich wusste nicht, dass Frances jemanden eingestellt hat. Das freut mich. Sie hat viel zu tun.“

„Stimmt.“

Lächelnd streckte er die Hand aus. Freundlichkeit brachte Leute dazu, ihm zu vertrauen und sich zu öffnen.

„Ben Martinez. Polizeichef von Christmas Bay.“

Ihr Blick fiel auf seine Hand, aber sie ergriff sie nicht. Sie schaute wieder hoch, die Lippen gespitzt. „Ich weiß, wer Sie sind“, sagte sie.

Er ließ die Hand sinken. „Da haben Sie mir etwas voraus. Ich frage mich seit fünf Minuten, wer Sie sind.“

Sie schaute zum Laden. „Ich sollte jetzt gehen. Falls ein Kunde kommt.“

„Arbeitet Frances heute nicht?“

„Nein“, erwiderte sie. „Ich habe sie überredet, sich einen freien Tag zu gönnen.“

„Oh, das ist großartig …“ Über ihnen kreischte eine Möwe, und eine Frau kam an ihnen vorbei, an der Leine einen Hund mit Pullover. Er schnüffelte an Bens Stiefel, und sie zog ihn weiter. Ben nahm es kaum wahr.

„Wissen Sie“, begann er. „Ich muss sagen, ich spüre bei Ihnen eine gewisse Feindseligkeit.“

Sie schluckte und schaute zum Ozean.

„Sind Sie das?“, fragte er.

„Bin ich was?“

„Feindselig. Mir gegenüber.“

Sie sah ihn an. „Ein wenig.“

„Darf ich fragen, warum?“

„Sie haben keine Ahnung, wer ich bin?“, fragte sie. „Nicht die geringste?“

„Im Moment nicht“, antwortete er. „Aber Sie sind aus Christmas Bay, oder? Waren Sie hier auf der Highschool?“

„Ja, aber Sie waren älter als ich.“ Sie holte Luft und packte das Trinkgeldglas fester. „Ich war mit Isabel befreundet. Ich habe in der Nähe gewohnt. In der Poppy Lane …“

Sein Herz schlug schneller. Diese Augen. Er kannte diese Augen.

„Ich bin Kyla Beckett“, sagte sie ruhig.

Ben starrte sie an, als hätte sie ihn gerade geohrfeigt.

Kyla konnte es ihm nicht verdenken. Ihr ging es genauso. Sie hatte noch immer Mühe, diesen erwachsenen Ben mit dem kleinen Jungen, den sie gekannt hatte, in Verbindung zu bringen – charismatisch, süß, beschützend. Der älteste Bruder ihrer besten Freundin. Ein Footballstar, der mit einem vollen Stipendium aufs College gehen würde. Und ihre erste Liebe, obwohl er das natürlich nicht gewusst hatte.

Und der Grund, aus dem man sie ihrer Mutter weggenommen und bei Frances untergebracht hatte, hoch über Cape Longing. Sie war nie zurückgekehrt. Ihre Mutter war gestorben, bevor sie die Chance dazu bekam.

Ben hatte die Vernachlässigung gemeldet. Und für Kyla hatte er sie damit auf die schlimmste Weise verraten. Jedenfalls hatte sie als Mädchen so empfunden. Jetzt, als erwachsene Frau, wusste sie nicht mehr, wie sie sich fühlte. Traurig. Wütend darüber, dass sie nicht mehr Zeit mit ihrer Mutter gehabt hatte. Er hatte nicht verstanden, dass ihre Mutter eine gute Mom war. Eine, die einfach nur überfordert war.

„Kyla …“

Seine tiefe Stimme löste ein warmes Gefühl in ihr aus. Sie schob es von sich. Sie musste nicht mehr beschützt werden. Frances hatte sie und ihre Pflegeschwestern zu starken, unabhängigen Frauen erzogen. Aber manchmal hatte sie das Bedürfnis, sich wieder bei Menschen anlehnen zu können.

„Es ist lange her“, sagte sie.

Er nickte.

„Wie geht es Isabel?“, fragte sie.

Er schluckte. Ihr Blick fiel auf seinen Mund, sein Kinn, den Bartschatten. Er sah gut aus in seiner dunklen Uniform.

„Der geht es gut“, antwortete er. „Sie ist die Einzige meiner Geschwister, die noch hier lebt. Sie ist Krankenschwester, verheiratet, Kinder.“

Kyla lächelte. Sie hatte Isabel Martinez wirklich gerngehabt, und bevor sie bei Stella und Marley gelebt hatte, war Isabel die einzige Schwester für sie gewesen.

„Grüß sie von mir.“

„Gern. Aber wundere dich nicht, wenn sie herkommt, sobald sie hört, dass du wieder da bist.“

Kyla nickte und machte einen Schritt zurück. Sein Duft, von Seife oder Shampoo, war ihr in die Nase gestiegen, und sie wollte mit diesem Mann nichts zu tun haben.

Er musste es bemerkt haben, denn seine Miene entspannte sich. Aber er war anständig genug, ihre Mutter nicht zu erwähnen. „Es nicht das erste Mal, dass der junge Mohatt unangenehm aufgefallen ist.“

„Der junge Mohatt?“

Er zeigte auf das Glas. „Unser Freund, der es sich ausgeliehen hat. Er ist ein schwieriger Bursche.“

„Na ja, die bin ich gewöhnt. Ich bin Lehrerin.“

Er musterte sie.

„An der Highschool“, fuhr sie fort. „Deshalb kann ich Frances im Geschäft helfen. In den Sommerferien.“

„Also reist du danach wieder ab. Zurück nach …“

Die Wahrheit war, es gab kein Zurück. Sie hatte vor ein paar Wochen ihre Stelle in Portland gekündigt, ihre Sachen aus dem gemieteten Cottage geholt und war nach Christmas Bay gefahren, ohne zu wissen, wie lange sie bleiben würde. Sie war hier, um bei Frances im Laden auszuhelfen, aber Frances würde viel mehr brauchen.

Es gab es für sie und ihre Pflegeschwestern viel zu bereden. Sie mussten sich etwas einfallen lassen. Was das Süßwarengeschäft und das Haus betraf. Und Frances’ Zukunft.

„Ich sollte jetzt wirklich gehen“, sagte sie.

Er nickte. Seine Augen sagten alles, auch wenn er es nicht aussprach. Dieses Mal würde sie nicht vor ihm davonlaufen können. Schließlich arbeitete er nur ein Stück die Straße entlang.

„Ich bin hier, falls du etwas brauchst“, sagte er. „Und, Kyla …“

An der Ladentür drehte sie sich zu ihm um.

„Es tut mir leid“, sagte er. „Alles.“

Sie zögerte eine Sekunde, bevor sie hineinging. Mir auch.

„Nimmst du ihn pur, Süße?“, rief Frances aus der Küche. „Oder mit Zucker? Ich kann mich nicht erinnern.“

Kyla saß im Wintergarten der alten viktorianischen Villa, die seit der sechsten Klasse ihr Zuhause gewesen war, und schaute aufs Meer hinaus. Zu dieser Jahreszeit erinnerte der Garten sie immer an etwas aus einem Märchen – smaragdgrünes Gras, Zwergrosen, goldbrauner Besenginster, der wild am Zaun mit der abblätternden Farbe wuchs. Alles bis dorthin, wo das Grundstück am Rand der Klippen oberhalb des blaugrauen Pazifikwassers endete.

Die Abendsonne wärmte Kylas Gesicht. Sie lehnte sich in dem alten Polstersessel zurück, in dem sie als Kind am liebsten gelesen hatte, und lächelte.

„Ohne Zucker, Frances!“, rief sie zurück. „Danke.“

Es war gut, zurück zu sein. Wie ihre Schwestern hatte sie geglaubt, Abstand von ihrer Vergangenheit zu brauchen, und war fortgeblieben. Aber irgendwann hatte sie angefangen, ihre Pflegemutter schrecklich zu vermissen. Telefonate und kurze Besuche hatten die Leere in ihrem Herz nicht füllen können. Irgendwann war ihr die Entscheidung, nach Hause zu kommen, nicht mehr so kompliziert erschienen.

Zu Hause.

Frances kam mit zwei Gläsern Eistee herein.

„Lass es dir schmecken, Schatz.“

Ihre Pflegemutter setzte sich in den Korbsessel ihr gegenüber. Ihr blondes Haar schimmerte in der Sonne wie Platin. Sie war immer eine schöne Frau gewesen, mit glatter, strahlender Haut und großen blauen Augen unter dichten Wimpern. Die Augen waren es gewesen, die Kyla dazu gebracht hatten, ihr zu vertrauen.

Auch jetzt strahlten sie die charakteristische Wärme aus. Aber in ihnen nahm Kyla auch etwas Beunruhigendes wahr. Frances war erst zweiundsechzig. Viel zu jung, um so schnell ihr Erinnerungsvermögen zu verlieren. Ihr Arzt hatte Alzheimer vermutet, aber Frances hatte die Tests verweigert und jetzt ging sie gar nicht mehr zum Arzt.

Nach dem Tod ihres Mannes hatte sie allein zurechtkommen müssen. Sie hatte aus Coastal Sweets ein florierendes Geschäft gemacht und sich um das hübsche alte Haus gekümmert, das seit drei Generationen ihrer Familie gehörte.

Kyla wurde warm ums Herz, als sie beobachtete, wie Frances einen Schluck Tee nahm und das Glas neben ihrem Kater abstellte. Jacques, der die meisten Tage im Laden verbrachte, in seinem pinkfarbenen Bett neben der Kasse. Aber heute hatte er frei und schlief in der Sonne.

„Erzähl mir noch mal, was mit dem Chief war“, bat Frances. „Er hat einen Ladendieb geschnappt?“

„Ja“, bestätigte Kyla. „Aber ich habe keine Anzeige erstattet. Jedenfalls noch nicht.“

„Warum nicht?“

Kyla zuckte mit den Schultern. „Du weißt ja, wie verloren und traurig sie manchmal aussehen.“

„Ja. Aber vielleicht brauchen sie eine Lektion.“

„Das stimmt …“

Frances lehnte sich zurück. „Du weißt, was ich von liebevoller Strenge halte.“

Das war nicht ganz richtig. Frances hatte ein weiches Herz.

„Manchmal ist es das Beste“, fuhr Frances fort. „Aber es ist deine Entscheidung, Honey. Ich mache mir nur Sorgen, wenn du ganz allein im Laden bist. Heute war es nur das Trinkgeldglas, aber morgen?“

„Ich passe auf mich auf, Frances. Versprochen.“

Frances tastete nach den Süßwasserperlen an ihrem Hals. Ein Geschenk von Kyla in ihrem ersten Jahr als Lehrerin. „Ich würde mich besser fühlen, wenn ich den Chief bitte, ab und zu nach dir zu sehen.“

„Ben?“ Sie schüttelte den Kopf. „Niemals. Dann lieber ein bewaffneter Räuber.“

„Honey …“

Kyla schüttelte erneut den Kopf.

„Kyla Anne, sieh mich an.“

Nach ein paar Sekunden gehorchte sie.

„Wann wirst du ihm endlich verzeihen?“, fragte Frances leise. „Er hat nur getan, was er für richtig hielt. Und er konnte nicht wissen, was aus deiner Mutter werden würde. Er wollte dich bloß beschützen.“

Kyla schluckte schwer. Im Herzen wusste sie, dass Frances recht hatte. Aber das änderte nichts an der Tatsache, dass sie nie nach Hause hatte zurückkehren dürfen. Dass ihre Mutter allein gestorben war. Und Ben war schuld.

„Wenn du dich besser fühlst, kannst du ihn fragen“, gab sie nach. „Aber ich brauche keine …“

Frances hob eine Hand. „Ich weiß. Du brauchst keine Hilfe.“

„Stimmt.“

„Niemand behauptet das. Aber tu es einfach für mich, ja?“

„Das weißt du doch.“

„Oh, ich weiß es. Ich bekomme immer, was ich will. Was glaubst du, wie ich mit drei jungen Mädchen unter meinem Dach zurechtgekommen bin?“

Kyla lachte.

Frances nippte an ihrem Eistee. Vor den offenen Fenstern schlugen die Wellen gegen die Klippen. Das Meer war viel ruhiger als im Herbst, die Sonne ließ das Wasser glitzern.

Kyla sog die salzige Luft ein und lauschte den Möwen.

Frances streichelte Jacques und runzelte die Stirn. „Was war noch mit dem Ladendieb? Du hast ihn nicht angezeigt?“

Kyla ließ sich den Stich ins Herz nicht anmerken. Sie nahm die Hand ihrer Pflegemutter und lächelte.

„Nein, Frances“, antwortete sie. „Das habe ich nicht.“

2. KAPITEL

Ben saß an seinen Schreibtisch, über einen Bericht gebeugt. Wenn Kyla keine Anzeige erstattete, hatte Hunter großes Glück. Wahrscheinlich zum ersten Mal. Der Junge hatte es nicht leicht gehabt. Was mit Sicherheit an seinem Vater lag.

Gabe Mohatts Strafregister war meilenlang. Häusliche Gewalt, Körperverletzung, Diebstahl, Hausfriedensbruch, Ruhestörung, und einmal hatte er sogar in der Öffentlichkeit uriniert.

Seufzend klappte er die Akte zu. Als Frances ihn gebeten hatte, bei Kyla vorbeizuschauen, hatte er sich beherrschen müssen, um nicht sofort zum Laden zu gehen. Und das hatte weniger damit zu tun, dass er sich Sorgen um sie machte. Es lag daran, dass er sie wiedersehen musste. Um nachzusehen, wie es ihr ging. (Lügner. Du willst wissen, ob sie dich noch immer hasst.)

Und das beunruhigte ihn.

„Daddy, können wir jetzt Jacques besuchen?“

Ben lächelte. Seine Tochter trug ihr Lieblings-T-Shirt, das mit dem Einhorn, das im Neonlicht funkelte. Tabitha, ihr Babysitter, hatte heute Morgen einen Termin, also hatte er sie zur Arbeit mitgenommen. Gracie war es gewöhnt – als Baby hatte sie viel Zeit in einer Wippe in der Ecke seines Büros verbracht.

Er rieb sich die Stoppeln am Kinn. Er hatte am Morgen aufs Rasieren verzichtet, um Pfannkuchen zu machen, die wie Katzenköpfe aussahen. Er hatte es Tabitha versprochen, und sie ließ nie zu, dass er sein Wort brach – selbst wenn er den ganzen Tag aussah, als wäre er gerade erst aufgestanden.

„Ich weiß nicht, ob er heute da ist, Honey“, sagte er. „Frances lässt ihn lieber zu Hause, seit im Laden mehr Betrieb herrscht. Sie will nicht, dass er wie im letzten Sommer entwischt.“

Gracie strich sich die dunklen Haare aus den Augen. Der Pony war ein wenig schief. Ben hatte ihn ihr selbst geschnitten.

„Er wollte sich nur umschauen“, erwiderte sie. „Außerdem braucht er Bewegung. Er ist zu dick.“

Er lächelte. „Stimmt, aber er darf trotzdem nicht nach draußen. Egal, wie sehr er sich langweilt oder wie gut es für sein Herz ist.“

„Wieso ist es gut für sein Herz?“

„Weil es dann kräftiger wird.“

„Gehst du deshalb ins Fitnessstudio?“

„Genau.“

Sie nickte. „Wenn das gut für dein Herz ist, bricht es nicht so leicht?“

Er stand auf. „So funktioniert das nicht, Süße. Leider.“

„Tante Isabel hat gesagt, das mit Frances bricht ihr das Herz.“

Er drehte Funkgerät an seinem Gürtel leiser. „Warum?“

„Sie hat gesagt, Frances ist ganz allein. Aber sie hat doch Jacques.“

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