Wohin die Leidenschaft uns führt

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"Wilde Hengste zu zähmen, ist immer eine Herausforderung." Bei der dunklen, männlichen Stimme läuft Nina ein Schauer der Erregung über den Rücken. Das geht ja gut los! Keine halbe Stunde ist sie auf der Hidden Gem Ranch, wo ihr kleiner Sohn eine Woche lang reiten wird. Und schon ist sie im Bann eines sexy Cowboys, der sie daran erinnert, was sie in der kurzen Ehe mit ihrem vermögenden, betrügerischen Exmann nicht hatte. Nina ahnt nicht, dass sie mit dem reichen Ranchbesitzer flirtet. Der einen Hintergedanken hat, seit ihr Name auf der Anmeldeliste steht …


  • Erscheinungstag 17.05.2016
  • Bandnummer 1925
  • ISBN / Artikelnummer 9783733721800
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Nina Lowery stand einfach nicht auf Cowboys.

In dieser Hinsicht war es ein Vorteil, dass sie in Texas lebte. Da sie dort hauptsächlich von Cowboys umgeben war, bestand keine Gefahr, sich neu zu verlieben. Denn darauf war sie nach dem Scheitern ihrer Ehe ganz bestimmt nicht aus. Umso besser, dass sie auch beim einwöchigen Camp für ihren kleinen Sohn nicht über einen Mangel an Cowboys klagen konnte.

Sie befestigte ihr Namensschild an ihrer Bluse. Den Faltenrock und die Lederstiefel hatte sie sich extra fürs Camp gekauft. Sie kniete sich hin und reichte ihrem vierjährigen Sohn seine kleine Fransenweste, in die sein Name eingenäht war.

„Cody, du musst die hier tragen, damit jeder weiß, zu welcher Gruppe du gehörst. Wir wollen schließlich nicht, dass du verloren gehst, okay?“

Cody starrte stumm zu Boden, sodass Nina nur seinen blonden Scheitel sah. Immerhin hob er die Arme ein wenig, was Nina als Zustimmung deutete. Als sie ihm half, in die Weste zu schlüpfen, leistete er keinen Widerstand. Die Fransen der Lederweste schwangen bei jeder Bewegung hin und her. Ein Geruch nach Sommer und Heu lag in der Luft. Er vermischte sich mit dem süßen Duft nach kleinem Jungen, Schweiß und Ahornsirup. Zum Frühstück hatte es Pfannkuchen gegeben, so wie jeden Morgen.

Sie waren heute allerdings so spät dran gewesen, dass sie ihr Frühstück im Auto essen mussten. Cody hatte seine Pfannkuchen in eine Tasse mit Ahornsirup getunkt. Der Großteil davon war auf dem Autositz gelandet. Aber nachdem sie ihren Sohn schon um vier Uhr morgens hatte wecken müssen, um rechtzeitig von San Antonio nach Fort Worth zu kommen, hatte sie einfach nicht die Nerven für einen weiteren Tobsuchtsanfall gehabt. Denn Cody reagierte auf Störungen seiner täglichen Routine äußerst sensibel. Außerdem konnte man Autositze ja reinigen lassen.

Eine Ameisenplage im Wagen war wirklich nicht ihre größte Sorge.

Für ihren kleinen Jungen würde sie einfach alles tun. Ihm zuliebe war sie sogar bereit, für die nächsten sieben Tage in die fremde Welt aus Stiefeln und Sporen einzutauchen.

Vor ungefähr einem Monat hatten sie einen Ausflug zu einer Farm gemacht. Zu ihrer großen Verblüffung war Cody begeistert gewesen. Seine Augen hatten geleuchtet, so sehr hatten ihn die Pferde fasziniert. Danach hatte sich Nina fest vorgenommen, zur Pferdeexpertin zu werden. Alles was ihr half, die unsichtbare Mauer zu durchbrechen, die ihren autistischen Sohn umgab, war ihr willkommen.

Niemals hätte sie sich träumen lassen, dass es gerade die wilde, raue Welt der Cowboys sein könnte, die Cody anzog. Normalerweise reagierte er verstört, wenn zu viele Eindrücke auf ihn einprasselten. Dann schrie und weinte er nur noch und wiegte seinen kleinen Körper vor und zurück.

Aber hier schien es ihm zu gefallen. Er machte einen konzentrierten und zugleich entspannten Eindruck. So sah sie ihn normalerweise nur, wenn er zeichnete. Seine Bilder waren wunderschön. Alles konnte ihm als Leinwand dienen – Steine, Schuhkartons und gelegentlich auch Wände. Einmal hatte er die Wand in ihrem Flur mit einem Blumengemälde verziert, das in seinem Stil an Monet erinnerte.

Anscheinend besaß er auch ein besonderes Gespür für Pferde.

Sie hielt ihm seinen kleinen Cowboyhut hin und ließ ihn selbst entscheiden, ob er ihn nehmen wollte oder nicht. Stoffe waren ein schwieriges Thema. Manchmal konnte ein rauer Stoff eine Überreizung hervorrufen, besonders an Tagen, an denen er sowieso schon besonders vielen neuen Eindrücken ausgesetzt war. Und hier wimmelte es von Pferden und Menschen.

Nina trat einen Schritt zur Seite, um einem Vater auszuweichen, der seine kleine Tochter im Rollstuhl vor sich herschob. Die Kleine schwenkte die Arme durch die Luft und stieß einen Freudenschrei aus.

Zögerlich griff Cody nach seinem Mini-Stetson. In diesem Moment lief ein hochgewachsener Farmhelfer an ihnen vorbei. Fasziniert blickte Cody ihm nach. Dann setzte er den Hut auf, ein bisschen schräg, so wie er es bei dem jungen Mann gesehen hatte. Nina seufzte vor Erleichterung. Es war richtig gewesen herzukommen.

Das Cowboy-Sommercamp für Kinder mit besonderen Bedürfnissen war wie für ihren Sohn gemacht. Obwohl das Programm erst in diesem Sommer begonnen hatte, wurde es überall sehr gelobt. Die McNairs, eine wohlhabende Familie, der das Anwesen gehörte, hatte das HorsePower Cowkid Camp auf ihrer Ferienranch Hidden Gem eröffnet. Den Großteil ihres Umsatzes machten sie jedoch mit ihrem Schmuckunternehmen, das rustikale Stücke im Westernstil herstellte.

Cody spielte jetzt mit den Fransen an seiner Weste.

Nina hatte schon vor langer Zeit gelernt, keine überzogenen Erwartungen zu hegen. Es machte das Leben leichter, wenn man auch kleine Erfolge zu schätzen wusste, wie Codys Interesse an diesem Cowboy. Ein Pferd wieherte, und ihr Sohn lächelte. Das bedeutete ihr mehr als die tausend Umarmungen, die sie nie von ihm bekommen würde.

„Cody, komm, wir wollen uns umsehen und die Gegend erkunden. Uns bleiben noch ein paar Stunden, bevor das Programm losgeht.“ Sie hatte sich angewöhnt, eine Menge zu reden, um das Schweigen zu füllen. Ihr Sohn konnte zwar sprechen, tat es aber nur selten. Die Sprachtherapeuten hatten ihr geraten, keine Antworten von ihrem Sohn zu erwarten, sondern es eher als schöne Überraschung zu betrachten, wenn er sprach.

Cody streckte ihr die Hand hin. Es freute sie, denn es kam nicht oft vor, dass er freiwillig ihre Nähe suchte. Wie immer, wenn er es dann doch tat, wurde ihr warm ums Herz. Sie beschloss, dem Cowboy zu folgen. Auf diese Weise konnten sie die Farm kennenlernen. Wenn Cody ihn mochte, würde sie diesem breitschultrigen Cowboy bis ans Ende der Welt folgen.

Sie kamen an einigen anderen Familien vorbei. Nina versuchte nicht darauf zu achten, wie viele Kinder von beiden Elternteilen begleitet wurden.

Mehrere Ställe und Scheunen sowie einige Reitplätze und Pferdekoppeln befanden sich in fußläufiger Entfernung vom Hauptgebäude. Es war beeindruckend, ein riesiges Farmhaus mit zwei Seitenflügen. Einer der Flügel war für Urlauber gedacht, im anderen wohnte die Familie McNair. Über die Jahre hatte sich die Ranch von einem bescheidenen Bed and Breakfast zu einer richtigen Ferienranch mit einem großen Freizeitprogramm entwickelt. Man konnte reiten, den Wellnessbereich nutzen, Fischen gehen und Abenteuerausflüge unternehmen, aber auch Pokern lernen. Außerdem wurden auf Wunsch Feiern ausgerichtet, von Geburtstagen bis hin zu Hochzeiten.

Und jetzt gab es auch noch ein Sommercamp für Kinder mit besonderen Bedürfnissen.

Trotzdem wollte Nina sich nicht von dieser Familie beeindrucken lassen. Diesen Fehler hatte sie schon einmal gemacht. Damals hatte sie sich von der charmanten Art ihres Exmanns blenden lassen. Sie hatte von einem schönen Leben an der Seite dieses attraktiven Mannes geträumt. Alles war ihr wie ein Märchen vorgekommen. Deswegen hatte sie nur gesehen, was sie sehen wollte. Doch das Märchen war schnell vorbei gewesen. Und ihr Möchtegern-Prinz hatte sich als Kröte entpuppt.

Nina lief an einem Grüppchen Kinder vorbei, das einen Clown umringte. Der Clown verteilte Spielzeugpferde, und die Kinder schrien vor Begeisterung wild durcheinander.

„Ich möchte ein geflecktes Pony haben.“

„Bitte, bitte, das braune mit der Reiterin.“

„Ich mag das da vorne, das so schön funkelt am Sattel.“

Doch Codys Blick war noch immer fest auf den Cowboy gerichtet. Sie selbst kannte Männer in Lederhosen bislang nur aus der Rasierschaumwerbung. Sogar in Texas liefen sie einem nicht allzu häufig über den Weg. Die Lederhosen dieses Kerls jedoch wirkten staubig und abgenutzt. Offensichtlich trug er sie zur Arbeit. Das ist mal ein richtiger Kerl, dachte Nina, kein verwöhnter Krötenprinz wie ihr Exmann.

Sie konnte nicht leugnen, dass dieses ganze Cowboy-Ding doch einen gewissen Reiz hatte.

Mit einem geschmeidigen Satz schwang sich Codys Cowboy über einen Lattenzaun. Erstaunlicherweise rutschte ihm sein hellbrauner Stetson dabei nicht vom Kopf. Entschlossenen Schrittes lief er auf ein geschecktes Pferd zu, das mit geblähten Nüstern und scharrenden Hufen auf dem Sandplatz des Paddocks herumtänzelte. Offensichtlich war das Tier ganz und gar nicht mit dem Sattel auf seinem Rücken einverstanden. Es musterte den sich nähernden Mann argwöhnisch, trabte nervös hin und her, und die kräftigen Muskeln an seinen Hinterbacken zuckten.

Nina hörte, wie ihr Sohn neben ihr vor Aufregung nach Luft schnappte. Obwohl auch sie nervös war, trat sie näher an den Zaun.

Seit sie als Kind einmal heruntergefallen war, war sie keine große Pferdeliebhaberin mehr. Sie hatte ihre Lektion gelernt.

Der Mann vor ihr wirkte vollkommen ruhig, während er mit leiser Stimme auf das Tier einredete. Sanft strich er ihm über den Hals. Und dann, mit einem Satz, schwang er sich plötzlich auf den Rücken des Pferdes. Ninas Magen krampfte sich zusammen.

Das Pferd hatte die Ohren angelegt und zerrte heftig an den Zügeln. Nun war es wirklich sauer.

Cody zog seine Hand weg. Erst da wurde ihr klar, wie fest sie die Hand ihres Sohnes umklammert gehalten hatte. „Entschuldige, Liebling.“

„Oh-oh.“ Ihr Sohn trat noch näher an den Zaun. Wieder hatte sie Angst, diesmal um Cody. Er hatte kein Gespür für Gefahren.

Sie stellte sich neben ihn. „Cody wir müssen auf dieser Seite des Zauns bleiben. Wir dürfen den Mann nicht bei der Arbeit stören.“

„Okay …“ Ihr Sohn nickte, noch immer völlig gebannt.

Das Pferd bäumte sich auf, doch es gelang ihm nicht, seinen geschickten Reiter abzuwerfen. Lediglich der Stetson des Cowboys segelte zu Boden. Die Vormittagssonne schimmerte im dichten schwarzen Haar des Mannes.

Mit einem Mal war Nina neugierig, wie sich dieses Haar wohl anfühlte.

Was für ein absurder Gedanke. Sie erschrak über sich selbst mindestens ebenso sehr wie über das Geräusch der Hufe, die auf den Boden trommelten.

Sie hatte diese Begeisterung für Cowboys nie nachvollziehen können. Doch jetzt konnte sie den Blick nicht von diesem Mann wenden. Er schien komplett eins zu sein mit dem Pferd, ging mit den rasenden Bewegungen des Tieres mit, ohne sich von ihm beherrschen zu lassen. Instinktiv schien er die abrupten, unberechenbaren Sprünge vorauszuahnen. Nina konnte sich kaum vorstellen, wie viel Körperbeherrschung und Selbstdisziplin nötig waren, um dabei so entspannt auszusehen.

Sie selbst quälten ständig Ängste. Sie hatte Angst, dass sie sich als Alleinerziehende nicht gut genug um ihren Sohn kümmerte. Sie hatte Angst, wieder einem Mann zu vertrauen. Doch all das war nichts im Vergleich zu den Angstzuständen, die ihren Sohn oft heimsuchten.

Irgendwie hatte sie das Gefühl, dass der Cowboy diese Angst verstand. Dass er für sich selbst einen Weg gefunden hatte, sie zu überwinden. Kein Wunder, dass Cody so fasziniert war von dem Mann.

Sie war es auch.

Nina hatte keine Ahnung, wie lange sie dagestanden hatten, als das Pferd endlich in einen rastlosen Trott verfiel. Schnaubend lief es immer im Kreis. Erst jetzt merkte Nina, dass sie die ganze Zeit über den Atem angehalten hatte.

Cody kniete sich hin, hob den Hut des Mannes auf, der zu ihnen an den Zaun gerollt war, klopfte den Staub ab und reichte ihn ihm. „Mister. Ihr Stetson.“

Die Stimme ihres Sohnes klang ein bisschen heiser, vermutlich, weil er sie so selten benutzte. Der Cowboy sah sie an. Die Sonne schien ihm ins Gesicht, und er musste blinzeln.

Oh mein Gott.

Dieser Mann hätte einem Werbeplakat für einen Western entstiegen sein können. Mit seinen markanten, hohen Wangenknochen und seinem kantigen Kinn strahlte er eine kraftvolle Männlichkeit aus.

Er saß ab, führte das Pferd an den Zaun, und in Ninas Bauch begann es zu kribbeln. Sicher lag es am Pferd, das sie nervös machte. Das zumindest versuchte sie sich einzureden.

Na klar.

Der Cowboy beugte sich zu Cody herunter und nahm seinen Hut entgegen. „Danke, kleiner Mann.“ Seine tiefe Stimme erinnerte Nina an Southern Comfort auf Eis, samtig und gleichzeitig etwas rau. „Der Weste nach zu schließen, nimmst du an dem Sommercamp teil. Hast du Spaß?“

Cody nickte, sah ihm aber nicht in die Augen. „Es ist fan-tas-tisch.“

Ob der Mann begriff, was mit Cody los war? Immerhin musste er wissen, dass es sich um ein Camp für Kinder mit besonderen Bedürfnissen handelte.

Der Cowboy tätschelte den Hals des Pferdes. „Wie ich sehe, magst du Diamond Gem. Er ist ein gutes Pferd, aber ein bisschen zu groß für dich. Die Campleiterin wird euch erst mal auf Ponys reiten lassen. Und bevor du dich versiehst, bist du bereit für die großen Pferde.“

Cody zupfte aufgeregt an den Fransen seiner Weste und trat von einem Bein aufs andere.

„Danke“, sagte Nina. „Cody redet nicht viel. Aber er versteht jedes Wort.“

Der Mann sah sie direkt an. Seine Augen waren von einem kühlen, klaren Blau. Unwillkürlich lief ein Zittern durch ihren Körper. Musste dieser Cowboy so verdammt attraktiv und charismatisch sein?

Er lächelte, und in seiner Wange zeigte sich ein Grübchen. „Ich rede selbst nicht viel.“

Er hatte heute mehr Verständnis für Cody gezeigt als ihr Exmann in seinem ganzen Leben. Warren war charmant gewesen, und sie hatte sich blenden lassen von seinen großen Gesten und extravaganten Geschenken. Sie hatte fest daran geglaubt, mit ihm ihr Happy End gefunden zu haben, bis …

Warren war nichts weiter gewesen als ein oberflächliches, verwöhntes Muttersöhnchen mit zu viel Geld und zu wenig Ehrgeiz. Stets war er nur auf den nächsten Kick aus gewesen. Als bei ihrem Sohn Autismus diagnostiziert worden war, hatte er sich ganz schnell aus dem Staub gemacht. Und dann war er gestorben. Bei einem blödsinnigen Motorradunfall.

Cody scharrte mit seinen kleinen Stiefeln im Sand. Seine Lippen bewegten sich, während er immer wieder die Worte wiederholte: „Rodeo-Mann, Rodeo-Mann.“

Der Cowboy nickte. „Früher mal. Aber jetzt nicht mehr.“

Cody verstummte, und Nina überlegte fieberhaft, was sie sagen sollte. Natürlich nur, weil sie das Gespräch ihrem Sohn zuliebe am Laufen halten wollte. Nicht weil sie sich danach sehnte, seine raue Southern-Comfort-Stimme noch einmal zu hören. „Was machen Sie dann hier?“

„Das ist mein Job, Ma’am. Eigentlich war das gerade noch ziemlich harmlos.“ Der Cowboy schwang sich wieder auf sein Pferd, sodass sie seine muskulösen Oberschenkel direkt vor Augen hatte. Das Pferd schüttelte unwillig den Kopf und zerrte heftig an den Zügeln. „Diamond Gem und ich arbeiten erst seit ein paar Wochen zusammen.“

Das hier war harmlos?

„Vermissen Sie Ihre Tage beim Rodeo?“, fragte sie. Warren hatte stets darüber geklagt, wie langweilig das Leben nach der Hochzeit geworden war.

Der Cowboy kratzte sich am Kopf, bevor er seinen staubverkrusteten Hut aufsetzte. „Nein. Heutzutage arbeite ich lieber mit den Tieren zusammen, als den Leuten eine Show zu liefern.“

„Was heißt das, Sie arbeiten mit den Tieren zusammen?“

„Dieses Pferd wurde vom Tierschutz wegen Vernachlässigung aufgegriffen und …“ Er warf ihrem Sohn einen Blick zu. „Und aus anderen Gründen. Also lebt er jetzt bei uns. Er ist noch ziemlich grün hinter den Ohren und misstrauisch, aber wir haben schon Fortschritte gemacht.“

Also hatte er die Fähigkeiten, die er beim Rodeo erworben hatte, genutzt, um dem Pferd zu helfen. Gab er sich extra Mühe, um sie zu beeindrucken? Gehörte das zum Programm? „Das ist wirklich bemerkenswert“, sagte Nina. „Sie riskieren, sich ein paar Rippen zu brechen oder Schlimmeres, nur um diesem Pferd zu helfen.“

Es zuckte um seine Mundwinkel. Wieder erschien das Grübchen in seiner Wange. „Es macht mir auch Spaß …“ Sein Blick wanderte zu ihrem Namensschild. „Nina.“

Sie spürte ein Kribbeln auf der Haut, und ihr wurde ganz warm, als sie hörte, wie er ihren Namen aussprach. Was war eigentlich so schlimm daran, sich auf einen kleinen Flirt mit einem ganz normalen Kerl einzulassen? Es war ja kein Risiko dabei. Schließlich war sie nur eine Woche hier. Aber war er überhaupt interessiert an ihr? Oder bildete sie sich das nur ein?

Vielleicht waren die Angestellten ja darauf gedrillt, höflich und charmant zu den Gästen zu sein.

„Nun, meinem Sohn hat es auf jeden Fall Spaß gemacht, Ihnen zuzusehen. Vielen Dank. Wir sollten langsam auspacken, sonst verpassen wir den Lunch.“

„Das würde ich nicht wollen.“ Zum Abschied tippte er sich an die Hutkrempe. „Genießen Sie Ihre Zeit im HorsePower Cowkid Camp.“

Nina konnte nicht verhindern, dass sie errötete.

Zum ersten Mal seit Monaten spielte Alex McNair wieder mit dem Gedanken, mit einer Frau auszugehen. Seit sein Cousin Stone sich mit Johanna verlobt hatte, war sein Leben aus den Fugen geraten. Zumal Johanna die einzige Frau war, mit der er sich je eine Zukunft hatte vorstellen können. In der Zwischenzeit hatte er zwar einige One-Night-Stands gehabt. Aber im Grunde wusste er, dass ihn das nicht weiterbrachte.

Alex nahm Diamond Gem den Sattel vom Rücken und reichte ihn an den Stallburschen weiter. Das Pferd warf Alex über die Boxentür hinweg einen Seitenblick zu und gab ein langgezogenes Wiehern von sich. Normalerweise rieb er sein Pferd selbst trocken, aber seine Verantwortung für die Leitung der Hidden Gem Ranch ließ ihm nur wenig Zeit. Dabei liebte er es, im Sattel zu sitzen. Doch im Moment war sein akademischer Abschluss mehr gefragt als sein Gespür für Pferde.

Außerdem war er gleich mit seiner Großmutter zum Lunch verabredet. Das war ihm wichtiger als alles andere. Schließlich wusste er nicht, wie oft er noch die Gelegenheit haben würde, mit ihr zusammen zu sein. Seine Großmutter litt an einem inoperablen Hirntumor.

Mariah McNairs Tod würde eine riesige Lücke hinterlassen. Und es war seine Aufgabe, diese Lücke zu füllen. Deswegen war es vermutlich ein schlechter Zeitpunkt, um über eine neue Beziehung nachzudenken, selbst wenn es sich nur um eine kurze Affäre handelte. Aber diese Frau – Nina – ging ihm einfach nicht aus dem Kopf. Mit ihren roten Locken und der schönen kurvigen Figur war sie ihm sofort aufgefallen.

Und wie liebevoll sie mit ihrem Sohn umgegangen war.

Er hatte eine Weile gebraucht, um über Johanna hinwegzukommen. Aber er hatte keine Wahl gehabt. Schließlich würde Johanna nach der Hochzeit zur Familie gehören.

Und die Familie musste zusammenhalten, besonders jetzt, wo seine Großmutter im Sterben lag. Sie mussten sie unterstützen und dafür sorgen, dass das Unternehmen der McNairs die schwierige Phase des Übergangs heil überstand. Er wollte, dass seine Großmutter in Frieden sterben konnte.

Trotzdem konnte er nicht aufhören, an diese Frau zu denken – Nina. Er kannte noch nicht einmal ihren Nachnamen, Herrgott. Wo sie wohl lebte? Die Leute, die am Sommercamp teilnahmen, kamen aus allen Teilen des Landes. Aber die meisten stammten hier aus der Gegend.

Für seine Familie waren Entfernungen allerdings kein Thema, denn ihnen stand ein Privatjet zur Verfügung. Trotzdem konnte ihnen all das Geld, das sie besaßen, nicht die eine Sache kaufen, die sie sich am meisten wünschten.

Mariahs Genesung.

Alex lief auf den Familienflügel des imposanten Farmhauses zu, wo er sich mit seiner Großmutter auf der Veranda verabredet hatte.

Seine Stiefel knirschten auf dem Kiesweg. In der Ferne hörte man Kindergeschrei, und irgendwo spielte jemand auf einem Banjo. Alex ließ die Bäume hinter sich, auf die er als Kind geklettert war, und stieg die wenigen Stufen zur Veranda hoch.

Seine Großmutter saß bereits in ihrem Schaukelstuhl und erwartete ihn. Auf dem Tisch neben ihr standen ein Tablett mit Sandwiches und ein Krug Eistee.

Sein Magen krampfte sich zusammen bei dem Gedanken daran, dass dieser Schaukelstuhl bald leer sein würde.

Mariah trug, wie immer, Jeans und Stiefel. Doch die Kleider schlotterten an ihr. Auch ihr Haar war jetzt kürzer. Solange er zurückdenken konnte, hatte seine Großmutter ihr Haar in einem langen, geflochtenen Zopf getragen. Doch ein paar Monate zuvor hatte ein Blutgerinnsel behandelt werden müssen, das sich in ihrem Kopf gebildet hatte. Für die Operation hatte man ihr das Haar kurz geschoren.

Es war das erste Mal, dass die Krankheit seiner Großmutter für ihn wirklich real geworden war.

„Du bist pünktlich“, sagte sie. „Komm, nimm dir einen Teller, und setz dich zu mir, dann können wir reden.“

„Ich gehe kurz duschen. Dann komme ich gleich zu dir runter.“ Bei dem ganzen Schmutz, der an ihm klebte, war das wohl besser.

„Nein, das bisschen Dreck kann mir nichts anhaben. Außerdem habe ich dich schon dreckiger gesehen.“

„Das ist wahr.“ Er nahm seinen Hut ab und setzte sich in den Schaukelstuhl neben ihrem. Unruhig drehte er seinen Hut in den Händen. Unwillkürlich musste er an den kleinen Jungen von eben denken, der den Stetson für ihn aufgehoben hatte. „Wie fühlst du dich, Grandma? Hättest du gern mehr Eistee?“

Er griff nach dem Krug. Ein flüchtiger Blick auf ihren Teller verriet ihm, dass sie ihr Sandwich kaum angerührt hatte.

„Es geht mir gut, Alex. Vielen Dank. Ich genieße die Sonne, ein Glas Eistee und die Gesellschaft meines Enkelsohns. Alles ist in bester Ordnung.“

Doch er wusste, dass es nicht so war. Sie würde sterben. Und zwar schon sehr bald.

Er häufte Sandwiches auf seinen Teller, obwohl er nicht den geringsten Hunger verspürte. Sein Magen fühlte sich an, als wäre er mit Steinen gefüllt. „Danke für die Einladung zum Lunch. Heute geht es auf der Ranch ziemlich chaotisch zu. Das Camp hat gerade begonnen.“

„Stone hat uns mit seiner Entscheidung, dieses Camp zu eröffnen, alle überrascht“, sagte seine Großmutter und schüttelte nachdenklich den Kopf. „Ich dachte immer, er würde das Schmuckunternehmen übernehmen. Aber es ist gut so, wie es jetzt ist.“

Alex nickte. „Das stimmt.“

„Johanna hat ihm geholfen, seinen Weg im Leben zu finden, als sie ihm bei seiner Prüfung geholfen hat.“ Mariah stellte ihren unberührten Teller beiseite. „Alex, ich möchte mit dir nun über deine Prüfung sprechen.“

„Meine Prüfung?“ Die Steine in seinem Magen verwandelten sich in Eisklumpen. „Ich dachte, das Ganze wäre nur ein Manöver gewesen, um Stone und Johanna wieder zusammenzubringen.“

Zumindest hatte er das gehofft. Doch laut Mariah sollten ihre Enkel bei den Prüfungen beweisen, dass sie sich ihren Anteil am Besitz der McNairs verdient hatten. Und nach seinem Cousin Stone waren nun wohl er und seine Schwester Amie an der Reihe.

Ihm selbst bedeutete Geld nicht viel, doch das Land lag ihm am Herzen. Es war seine Heimat. Auf keinen Fall durfte sein Anteil irgendwelchen Betreibern von Massentourismusunternehmen in die Hände fallen.

„Nun, Alex, da hast du falsch gedacht“, riss ihn seine Großmutter aus seinen Gedanken. „Ich muss sichergehen, dass mein Besitz in guten Händen ist. Meine Enkelkinder sind alle so eigensinnig.“

„Das haben wir wohl von dir geerbt.“

„Das ist wahr.“ Sie lachte leise, doch im nächsten Moment bekamen ihre Augen einen wehmütigen Glanz. „Ihr seid mir ähnlicher als meine eigenen Kinder.“

Mariahs Tochter war drogensüchtig und hatte ihren Sohn – Stone – bei ihrer Mutter aufwachsen lassen. Mariahs Sohn – Alex’ Vater – wiederum verfügte über keinerlei Ehrgeiz. Sein einziger Lebensinhalt bestand darin, sein Vermögen zu verprassen und seiner Mutter aus dem Weg zu gehen.

Mariah hatte immer eine zentrale Rolle in Alex’ Leben gespielt. Das Verhältnis zu seiner Mutter hingegen war nie besonders herzlich gewesen.

Er, seine Zwillingsschwester Amie und Stone waren wie Geschwister auf der Hidden Gem Ranch aufgewachsen. Nach dem College hatten sie hart dafür gearbeitet, dass der Besitz der McNairs auch nach dem Tod ihres Großvaters profitabel blieb.

Jeder hatte eine bestimmte Aufgabe übernommen. Alex war zuständig für das Land der Familie – die Hidden Gem Ranch, auf der man auch Urlaub machen konnte. Bis vor Kurzem hatte Stone das Schmuckunternehmen der Familie geleitet. Diamonds in the Rough stellte hochwertige Schmuckstücke im typischen Westernstil her. Das Sortiment reichte von Rodeo-Gürtelschnallen über Cowboy-Krawatten bis hin zu Aztekenschmuck und war im ganzen Land sehr gefragt. Amie war als Schmuckdesignerin für einen Großteil der Entwürfe verantwortlich. Mittlerweile jedoch wurde das Unternehmen von einem neuen Geschäftsführer geleitet, den seine Großmutter angeheuert hatte.

Mariah nippte weiter an ihrem Eistee. Ihre schmalen, weißen Hände waren von blauen Venen durchzogen. „Zurück zum Thema. Ich habe mir für dich eine ganz besondere Prüfung einfallen lassen.“

Die verdammte Prüfung. Stone hatte seine bereits bestanden. Seine Großmutter hatte ihn beauftragt, zusammen mit Johanna ein gutes Zuhause für ihre Hunde zu finden. Danach hatte Stone – zu ihrer aller Überraschung – Johanna einen Heiratsantrag gemacht und seinen Job bei Diamonds in the Rough an den Nagel gehängt. Das Camp für Kinder war Stones Idee gewesen. Er hatte sein eigenes Geld in das Programm gesteckt.

Alex seufzte leise. „Ist das dein Ernst, Grandma? Du bestehst immer noch auf dieser Prüfung? Ich dachte, jetzt wo Stone freiwillig zurückgetreten ist, würdest du die Leitung Amie übertragen.“

„Und dir die Leitung der Ranch?“

Er schwieg. Er hatte seinen Schweiß und sein Herzblut in dieses Land gesteckt. Doch die Entscheidung lag bei seiner Großmutter.

Mariah stellte ihre Teetasse beiseite. „Alex, diese Prüfung ist ziemlich einfach. Wir haben einen Konkurrenten – Lowery Resorts, der über eine Kapitalgesellschaft Anteile am Unternehmen aufgekauft hat.“

In seinem Kopf schrillten sämtliche Alarmglocken los. Dafür war jetzt ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt. Die Investoren waren ohnehin schon nervös wegen der Krankheit seiner Großmutter. Sie machten sich Sorgen, wie es mit den McNairs weitergehen sollte. „Ein Prozentsatz, der es Ihnen ermöglicht, das Unternehmen zu kontrollieren?“

Autor

Catherine Mann
Bestsellerautorin Catherine Mann schreibt zeitgenössische Liebesromane, die im militärischen Milieu spielen. Ihr Mann, der bei der US Air Force arbeitet, versorgt sie mit allen nötigen Informationen, sodass sie keine Recherche betreiben muss. In der Zeit vor ihren Romanveröffentlichungen machte sie ihren Bachelor in Bildender Kunst auf dem College von Charleston...
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