Zwei Herzen vor Gericht

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Vor Gericht sind sie erbitterte Gegner. Doch insgeheim findet Anwältin Maeve Eddington den gegnerischen Anwalt Victor Cortez unwiderstehlich. Auf gar keinen Fall darf sie sich auf ihn einlassen, wenn sie den wichtigen Prozess nicht verlieren will. Aber das Schicksal hat andere Pläne …


  • Erscheinungstag 05.11.2026
  • ISBN / Artikelnummer 9783751548090
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Leseprobe

Zuri Day

Zwei Herzen vor Gericht

1. KAPITEL

Nach ihrem Abschluss an der Harvard Law School kehrte Maeve Eddington nach Chicago zurück, um für Eleanor Buchanan zu arbeiten – die Koryphäe im Gesellschaftsrecht war nun ihre Mentorin. Buchanans Motto war: „Sei stark, damit die Männer vergessen, dass du eine Frau bist“. Sie gab sich als „eine von den Jungs“, und ihr Kleiderschrank war voll mit schlichten, weiten Hosenanzügen in Marineblau, Grau, Braun und Schwarz. Keine anderen Farben. In den ersten beiden Jahren bei Buchanan & Bausch folgte Maeve diesem konservativen Kleidungsstil. Als sie eines Morgens mit ihrer Mutter Mona bei einer Tasse Tee zusammensaß, bevor sie ins Büro ging, fragte ihre Mutter, ob sie den Beruf gewechselt hätte.

„Was meinst du damit?“, fragte Maeve verwirrt.

Mona musterte sie von oben bis unten, ihren schwarzen Hosenanzug, den schwarzen Rollkragenpullover, die Perlenkette, die flachen schwarzen Pumps und den tiefsitzenden Dutt im Nacken.

„Du bist Anwältin, siehst aber eher so aus, als ob du auf eine Beerdigung gehen würdest.“

„Das nennt man Anpassung“, antwortete Maeve und lachte erleichtert auf. „Laut Eleanor ist es wichtig, sich optisch den Männern anzupassen.“

Mona nickte langsam und nippte nachdenklich an ihrem Tee. „Ich bin keine Rechtsexpertin, aber ich weiß so einiges über Männer und was es heißt, die einzige Frau unter ihnen zu sein.“

Sie legte ihre Hand auf die ihrer Tochter und sah ihr direkt in die Augen. „Dein Name ist nicht Eleanor, sondern Maeve. Du bist eine wunderschöne Frau, die stolz auf ihre Weiblichkeit sein sollte, anstatt sie zu verstecken. Sie ist eine starke Waffe, eine Stärke und keine Schwäche. Wie sagt man so schön: Die Hand an der Wiege regiert die Welt. Und mit ein bisschen Geschick auch Chefetagen und Gerichtssäle.“

Mona sprach das Thema nie wieder an. In der darauffolgenden Woche hing jedoch ein neuer Kleidersack an der Tür von Maeves begehbarem Kleiderschrank. Darin fand sie einen taubenblauen Anzug mit einem eleganten, sexy Schlitz bis knapp unter den Oberschenkel. Unter der Tasche standen ihre geliebten High Heels, marineblau mit roter Sohle, kristallbesetzen Schleifen und zwölf Zentimeter hohen Absätzen. Ihre Mutter kannte ihren Geschmack. Maeve war begeistert von dem Outfit und trug es am nächsten Tag. Als sie den Besprechungsraum betrat, um am Firmenmeeting teilzunehmen, fingen die Frauen an, leise zu tuscheln, und alle Männer verstummten. Maeve zog die ganze Aufmerksamkeit auf sich, ohne auch nur ein Wort zu sagen. Ihre Kollegen machten ihr Komplimente und waren sogar noch aufmerksamer. Eleanor missbilligte ihr Verhalten, das sie für den falschen Schritt hielt. Doch das machte nichts. Am Wochenende verabschiedete sich Maeve von ihrer trüben Garderobe und machte Platz für ihren neuen, weiblichen Look.

Und nebenbei wurde sie zu einer ausgezeichneten Anwältin.

Für das heutige Meeting hatte sie ihre Garderobe mit besonderer Sorgfalt ausgewählt. In Anspielung auf das kühle Herbstwetter kombinierte sie einen maßgeschneiderten rostfarbenen Blazer mit einem figurbetonten Designerkleid aus Merinowolle, das mit auffälligen geometrischen Mustern bedruckt war. Dazu trug sie klobigen Goldschmuck und ein Paar hochhackige Wildlederstiefel, die sie kürzlich bei der New York Fashion Week erstanden hatte. Die Stiefel waren ein Unikat und passten genau zur Farbe ihres Blazers. Als sie mit ihrem perlweißen Aston Martin vor den heiligen Hallen des exklusiven Country Clubs von Point du Sable hielt, fuhr sie sich noch einmal durch ihre Locken und prüfte ihr Make-up im Spiegel. Makellos.

„G-g-guten Morgen, Ms. Eddington.“ Der Mitarbeiter des Parkdienstes eilte herbei, um ihr die Tür zu öffnen, und stolperte dabei über seine Worte, als er sie anerkennend musterte. „Sie sehen … umwerfend aus.“

„Danke schön.“

„Ihr Parfüm riecht großartig.“

„Danke.“

„Ihr Auto ist bei mir in sehr guten Händen!“, rief er ihr hinterher, als sie bereits losgelaufen war.

Sie winkte ihm kurz zu, betrat das Hauptgebäude und eilte einen Gang gesäumt von Séparées entlang. Maeve setzte einen selbstsicheren Gesichtsausdruck auf, legte ihre Hand auf den Türgriff und atmete tief ein. Dies war Neuland für Eddington Enterprise. Die Abteilung für Nachfolgeplanung des Finanzdienstleistungsunternehmens war verklagt worden. Den Fall zu verlieren, kam für Maeve nicht in Frage.

Sie öffnete die Tür und betrat den Raum. Und schaute dabei direkt in die Augen des Mannes, mit dessen Anwesenheit sie nicht einmal im Traum gerechnet hätte – Victor Cortez.

Maeve wurde vor Schreck beinahe ohnmächtig.

Innerlich. Nach außen hin verzog sie ihren vor Überraschung verkniffenen Mund schnell zu einem Lächeln und ging auf den Tisch mit den drei Männern zu, die sich nun erhoben, um sie zu begrüßen. Ganz bewusst ignorierte sie Victor und wandte sich stattdessen einem der beiden Männer zu, deren Anwesenheit sie erwartet hatte.

„Hallo, Joel“, begrüßte sie ihn und griff nach seiner ausgestreckten Hand.

„Guten Tag, Maeve.“ Joels Gesichtsausdruck zeigte seine unverhohlene Bewunderung. „Sie sehen wie immer bezaubernd aus.“

„Danke.“ Sie nickte dem Mann an seiner Seite zu, bevor sie seine eifrig ausgestreckte Hand schüttelte. „Patrick.“

„Hallo, Maeve. Schön, Sie zu sehen.“

„Unter anderen Umständen würde ich dasselbe sagen.“ Sie lächelte, um die kleine Stichelei abzumildern, und zeigte dabei ihre perfekten weißen Zähne. „Wo ist Cornelius?“

Cornelius Bond lebte schon sein ganzes Leben lang in Point du Sable, war ein langjähriger Freund, Kollege und Anwalt der Familie, die ihre Firma verklagte. Der Anwalt, den sie heute erwartete hatte. Nicht … ihn.

Joel trat von einem Bein auf das andere. „Er, ähm, hat gerade sehr viel zu tun und kann dem Fall nicht die Aufmerksamkeit geben, die er verdient. Außerdem hat er eine persönliche Beziehung zu den Mandanten und möchte nicht, dass ein potentieller Interessenkonflikt entsteht.“ Er nickte dem Mann zu, der noch attraktiver war, als Maeve ihn in Erinnerung hatte. „Er hat den Fall an diesen sehr fähigen jungen Mann übergeben.“

Joel wandte sich dem Mann zu, von dem er offenbar annahm, dass er Maeve noch nie begegnet war. „Victor Cortez. Er hat auch in Harvard studiert. Cornelius dachte, dass Sie sich bereits kennen.“

„Es ist möglich, dass ich ihn ein- oder zweimal auf dem Campus gesehen habe.“

Maeve wappnete sich und ließ erst jetzt ihren Blick zu diesem Inbegriff absoluter Männlichkeit gleiten, der ganz in ihrer Nähe stand. Viel zu nah.

„Victor.“

Im Gegensatz zu den anderen beiden Männern bot Victor ihr nicht eifrig seine Hand an. Sein Blick wanderte langsam über ihren Körper – eigentlich nur wenige Sekunden, die Maeve wie in Zeitlupe erlebte –, bevor er ihre Hand nahm und sie, als ob er das Recht dazu hätte, an seine vollen, weichen Lippen führte.

„Hallo, Maeve.“

Mhm.

Seine Stimme war ruhig und tief, wie der Ozean, mit einem Hauch der Melodie, die seine karibischen Wurzeln verriet. Seine Haut war weich, sein Griff fest. Selbst mit den zehn Zentimeter hohen Absätzen ihrer Stiefel musste sie mit ihren eins fünfundsiebzig den Blick zu seinem perfekten Gesicht heben, um in seine tiefbraunen Augen zu sehen. Er roch nach Macht und Gefahr, und nach der Fantasie einer jeden Frau. Um nicht der schieren Anziehungskraft zu erliegen, die von seiner Person ausging, würde sich Maeve voll und ganz konzentrieren müssen.

Dann stiegen der Schmerz und die Erniedrigung wieder in ihr auf, die sie – auch drei Jahre nachdem ihre damalige Highschool-Liebe sie verlassen hatte – immer noch spürte. Eine schmerzhafte Erinnerung daran, dass diese Art von Spiel für sie gestorben war.

„Wir haben uns lange nicht gesehen.“

„Ja, das stimmt.“

„Um die fünf Jahre?“

„Das kommt hin.“

„Die Zeit hat dir gutgetan. Du hast das Unmögliche geschafft und bist noch umwerfender geworden, als du es in Harvard warst. Und damals warst du bereits die mit Abstand schönste Frau auf dem Campus!“

Joel lachte leise. „Pass gut auf, Maeve. Dieser Typ ist ein echter Schmeichler.“

„Tja, gewisse Dinge ändern sich wohl nie“, sagte sie mit der erzwungenen Leichtigkeit einer Frau, die versucht, die Schmetterlinge in ihrem Bauch und die sich immer weiter ausbreitende Hitze zwischen ihren Oberschenkeln zu unterdrücken. „Schmeicheleien bringen dir vielleicht ein paar Komplimente, aber den Fall wirst du damit nicht gewinnen.“

Maeve nahm mit wackeligen Beinen Platz. „Meine Herren.“

Auch die Männer setzten sich. Zum Glück befand sich jetzt ein Tisch zwischen ihr und Victor. Sein unbeirrter Blick fühlte sich dennoch wie eine Umarmung ihrer innersten Weiblichkeit an. Entschlossen zog sie ein Tablet aus ihrer Hermès-Tasche hervor und legte es auf den Tisch. „Sie alle wissen, warum wir heute hier sind. Um die Forderungen Ihrer Mandanten zu hören, die dieser unbegründeten Klage zugrunde liegen.“

Victor lehnte sich selbstsicher mit einem amüsierten Gesichtsausdruck zurück. „Wie Sie mit Erhalt des erwähnten Forderungsschreibens, das uns hierhergebracht hat, erfahren haben“, begann er ohne Computer oder Notizen, „vertrete ich den Nachlass von Lillian Agnes Duberry im Namen der Begünstigten Hubert III., Agnes und Adele, die glauben, dass nicht nur das beträchtliche Anlagenportfolio ihrer Großmutter falsch verwaltet wurde, sondern auch Gelder von mehreren Konten verschwunden sind.“

„Wie es im Schreiben heißt, fordern die Enkelkinder eine vollständige und zeitnahe Wiedergutmachung. Aufgrund der Vorgeschichte zwischen Ihren Familien und der Freundschaft, die zwischen den Duberrys und den Eddingtons bestand, sind sie bereit, auf weitere rechtliche Schritte zu verzichten – sofern die Gelder innerhalb von 30 Tagen zurückgezahlt werden.“

„Gelder in Höhe von …“ Maeve tippte auf das Tablet und scrollte nach unten. „Ungefähr zehn Millionen Dollar, richtig?“

„Neun Millionen sechshundertzweiunddreißigtausend, um genau zu sein.“

„Wie machen Sie das?“, fragte Joel erstaunt. „Wie behalten Sie all diese Zahlen im Kopf?“

„Er hat einen großen Kopf“, erwiderte Maeve, ohne nachzudenken. „Da passt eine Menge hinein.“

„Ein großer Kopf für einen großen Mann, der Großes vorhat,“ gab Victor offensichtlich unbeeindruckt zurück. „Und jeder weiß, dass die Größe zählt.“

Auch wenn die Bemerkung ganz nebenbei fiel, hatte Maeve das Gefühl, dass alle Anwesenden die Doppeldeutigkeit verstanden. Sie war daran gewöhnt, dass Männer sie auf diese Weise zu verunsichern versuchten.

Das hatte Victor mit Bravour geschafft, aber er würde es nie erfahren.

Um die heißen, unanständigen Gedanken zu überspielen, die seine Bemerkung auslöste, schenkte sie sich ein Glas Zitronenwasser mit Minze ein.

„Die Verpackung kann noch so groß sein, wenn der Inhalt klein ist.“

Victor zuckte mit den Schultern. „Nicht, dass ich wüsste.“

„Genauso wenig wie unsere Firma etwas mit verlorenen, gestohlenen oder anderweitig vermissten Geldern der Duberry-Erben zu tun hat. Die Integrität unserer hochqualifizierten und erfahrenen Mitarbeiter ist über jeden Zweifel erhaben. Das Team, das für das Portfolio von Mrs. Duberry verantwortlich ist, hat mir die Richtigkeit der Angaben versichert. Sie stellen derzeit alle Finanzunterlagen zusammen, die Sie zusammen mit meiner Antwort im Laufe der Woche erhalten werden. Ich bin mir sicher, dass, sobald Ihnen diese Unterlagen vorliegen und Sie mit Ihren Mandanten gesprochen haben, diese ihren Irrtum erkennen werden und wir diese unglücklichen Anschuldigungen schnell hinter uns lassen können.“

„Hoffentlich meinen Sie damit nicht die Unterlagen der Buchhaltung, die den Besitz mit einem Wert von etwas mehr als drei Millionen beziffern.“

„Ich bin zuversichtlich, dass die Ihnen vorliegenden Unterlagen korrekt sind. Für das Protokoll möchte ich deswegen im Namen von Eddington Enterprise mit einem eindeutigen Nein auf Ihre Forderungen antworten.“

„Ich bin ebenso sicher, dass Sie mir einen Scheck in Höhe der geforderten Summe zusenden werden, und nicht einen Stapel Papierkram mit willkürlichen Zahlen, sobald Ihr Team unsere Unterlagen gesichtet hat.“

Die anderen Männer gaben ebenfalls ihre Kommentare ab, aber das spielte kaum eine Rolle. Für Maeve schien es, als ob sie und Victor allein im Raum waren.

Das waren sie also, die Spielregeln. Victor, selbstsicher. Maeve, selbstbewusst und unnachgiebig.

Für beide war klar, dass es bei diesem Rechtsstreit nun um alles ging.

2. KAPITEL

Victor streckte seine Beine aus und überkreuzte die Füße, während er mit der Visitenkarte spielte, die Maeves Namen und Telefonnummer trug. Der Schock, sie zu sehen, war verflogen, aber wie gut sie ausgesehen und gerochen hatte, blieb ihm noch fest im Gedächtnis. Da der Fall das milliardenschwere Unternehmen ihrer Familie betraf, hatte er gewusst, dass die Chance bestand, Maeve in Point du Sable zu treffen. Aber nicht als Anwältin der Gegenseite. Soweit er wusste, arbeitete sie für eine Anwaltskanzlei aus Chicago. Außerdem hatte Cornelius ihm den Namen eines anderen Anwalts gegeben, der – wie er glaubte – für die Rechtsstreitigkeiten von Eddington Enterprise und ähnliche Angelegenheiten zuständig war. Als Maeve den kleinen Meeting-Raum betrat, verschlug es ihm die Sprache. Er wollte sofort mit ihr zusammen sein. Nichts Ernstes. Langfristige Beziehungen waren überbewertet und nach seiner persönlichen Erfahrung auch beinahe unmöglich aufrechtzuerhalten. Aber während er in Chicago war, das für seinen bitterkalten Wind bekannt war, könnte sie ihm definitiv dabei helfen, die Kälte zu vertreiben.

Soll ich sie anrufen?

Victor warf die Karte auf den Tisch und ging nachdenklich zum Fenster. Er war Stammgast im Four Seasons und nur das Beste gewohnt. Als er durch die Panoramafenster der Ecksuite schaute, sah Victor weder den malerischen Michigansee noch den atemberaubenden Blick auf die Stadt. In Gedanken war er wieder in Harvard und fragte Cornelius nach der langbeinigen Schönheit, die gerade den Raum betreten hatte.

„Wer ist das?“ Zum ersten Mal an diesem Abend zeigte Victor Interesse an den anderen Gästen auf der Geburtstagsparty eines Freundes, zu der er mitgeschleppt worden war.

„Wer?“, fragte Cornelius und versuchte, den lauten Bass eines beliebten Hip-Hop-Songs zu übertönen.

Victor deutete mit dem Kopf in Richtung Tür.

„Oh, sie. Das ist Maeve Eddington. Absolut tabu.“

Victor zog eine Augenbraue hoch und verschlang sie langsam mit seinen Augen. Hoher Pferdeschwanz. Skinny Jeans. Schulterfreier Mohair-Pullover. Absatzstiefel bis über die Knie.

In der Lendengegend verspürte er das dringende Bedürfnis nach einem hautnahen Stelldichein. Zu sagen, diese Frau sei attraktiv, käme einer Beleidigung gleich. Ihre Schönheit spielte in einer ganz anderen Liga, einer anderen Stratosphäre.

„Ihr Bruder Desmond war ein Überflieger an der Columbia University, ein echtes Wirtschaftsgenie. Er arbeitet jetzt zusammen mit ihrem Vater Derrick bei Eddington Enterprise, einem der erfolgreichsten Finanzdienstleistungsunternehmen weltweit. Beide sind Mitglied der Ma’at Society, einer exklusiven Wirtschaftsvereinigung. Macht. Einfluss. Sowohl für Maeve als auch für ihre ebenso atemberaubende Schwester Reign gilt: ‚Anschauen, aber nicht anfassen.‘“

Victor hörte Cornelius’ Warnung kaum noch. Seine Beine bewegten sich wie von selbst in Maeves Richtung.

Und dann stand er neben ihr. „Hallo, hübsche Frau.“

Sie schaute ihn mit ihren faszinierenden braunen Augen an, die mit kleinen goldenen Punkten gesprenkelt waren, und musterte ihn von oben bis unten. „Hi.“

„Mein Name ist Victor.“ Er streckte ihr seine Hand entgegen. Sie schüttelte sie. „Victor Cortez.“

„Ah, der Victor.“

„Oh, oh. Was soll das heißen?“

„Ich habe von dir gehört. Du warst mit Felicity Noble verlobt, hast sie betrogen und ihr das Herz gebrochen.“

Victor war nicht überrascht, dass sie die Geschichte gehört hatte. Seine Ex hatte allen außer den großen Boulevardzeitungen ihre Version der Ereignisse erzählt, die zu ihrer Trennung geführt hatten. Eine Geschichte, die wenig mit der eigentlichen Wahrheit gemein hatte. Er widersprach nicht, damit seine Ex ihr Gesicht wahren konnte. Seine Familie und Freunde wussten, was wirklich geschehen war. Das war alles, was zählte. Victor hatte es nicht nötig, den gesamten Campus vom Gegenheil zu überzeugen oder sich als Gutmenschen darzustellen. Diejenigen, die das Schlimmste von ihm denken wollten, sollten das ruhig tun. Victor Cortez litt nicht an mangelndem Selbstwertgefühl.

„Man sollte nicht alles glauben, was man hört“, gab er schließlich zurück.

Maeve neigte den Kopf zur Seite. „Du bist also kein lügender und betrügerischer Playboy?“

„Nicht, dass ich wüsste. Obwohl ich zugeben muss, dass ich nichts dagegen einzuwenden habe, wenn zwei Menschen eine gute Zeit miteinander verbringen wollen.“

„Ah, eine gute Zeit. So nennst du es. In einer festen Beziehung ist die treffendere Bezeichnung dafür wohl eher Affäre.“

„Die einzig treffende Bezeichnung für sie und mich ist aus und vorbei.“ Er hielt sein Glas hoch. „Möchtest du etwas trinken?“

Maeve verengte ihre Augen, hob ihr Kinn leicht an und öffnete den sündhaft vollen Mund. „Nein, danke, Victor Cortez.“

Sie bedachte ihn mit einem katzengleichen Lächeln, bevor sie in der Menge der Partygäste verschwand. Victor ertappte sich dabei, wie er den Rest des Abends nach ihr Ausschau hielt und seine Gedanken um sie kreisten. Er redete sich ein, dass es an ihrem Desinteresse lag. Victor liebte die Herausforderung. Doch selbst als er sich dies einzureden versuchte, wusste er, dass sein Herz beim Anblick von Maeve schneller schlug als bei anderen schönen Frauen. Maeve Eddington – sie hatte etwas an sich.

Später erfuhr er von Cornelius, dass sie im ersten Jahr an der Harvard Law School war, während er im letzten Jahr war. Als sein Freund weiter von ihr erzählte, fiel Victor etwas anderes auf. Cornelius war vernarrt in sie. Besessen. Mehr als nur verknallt. Cornelius leugnete dies und sagte, Maeve wäre eher wie eine Schwester für ihn. Ihre Familien würden sich kennen, seit er denken konnte. Victor glaubte ihm kein Wort, aber widersprach auch nicht. Seiner Meinung nach war Cornelius’ vergebene Chance ein Gewinn für jeden anderen Mann.

Nicht, dass es einen großen Unterschied gemacht hätte. Abgesehen von zufälligen Treffen auf dem Campus und hier und da auf einer Party sah er Maeve kaum. Er machte seinen Abschluss, kehrte nach Costa Rica zurück und ließ sich in seiner Heimatstadt Puerto Limón und in der Hauptstadt San José nieder, um an der Seite seines prominenten Vaters die Regierungsgeschicke in Costa Rica zu lenken. Die Tage waren lang. Die Nächte kurz. Frauen gab es im Überfluss. Schon bald verschwand Maeve Eddington aus Victors Gedanken. Doch vergessen hatte er sie nie.

Victor schnappte sich sein Telefon, ging zurück zum Tisch und nahm die Visitenkarte in die Hand. Sein Herz schlug schneller, als er ihre Nummer eingab und dem Klingeln lauschte.

Wahrscheinlich ist sie beschäftigt oder geht ihre E-Mails durch.

Victor war sich sicher, dass der Anruf an die Mailbox weitergeleitet werden würde, und legte sich in Gedanken die Nachricht zurecht, die er ihr hinterlassen wollte, als …

„Hallo?“

Ihre Stimme war tief und etwas rau. Süß wie dickflüssiger Zuckersirup, sinnlich wie eine laue Sommerbrise.

„Hi, Maeve. Ich bin’s, Victor.“

„Hallo, Victor. Was gibt’s?“

„Nichts Offizielles oder allzu Ernstes. Wir hatten vorhin gar keine Gelegenheit für ein richtiges Gespräch. Ich wollte dich zum Essen einladen, damit wir uns mal wieder austauschen können.“

Es folgte eine lange Pause, während der das Undenkbare geschah. Victor bemerkte einen Anflug von Nervosität, was er nicht mehr erlebt hatte, seit er in der vierten Klasse all seinen Mut zusammengenommen und seine hübsche Nachbarin Bonita zu einer Halloweenparty eingeladen hatte.

„Danke, Victor, aber ich muss das Angebot ablehnen. Die enge Verbindung und lange Geschichte meiner Familie mit den Duberrys macht dies bereits zu einem sensiblen Fall. In Anbetracht dessen, dass wir die jeweils gegnerische Position einnehmen, wäre das keine kluge Idee.“

„Du weißt sicherlich, dass man Geschäftliches und privates Vergnügen trennen kann.“

„Ich sehe es als wenig vergnüglich an, Zeit mit dem Anwalt zu verbringen, der mein Unternehmen verklagt.“

„Wir können über jede Menge andere Themen sprechen.“

„Die da wären …“

„Das Leben. Aktuelles. Was bei dir alles passiert ist, seit wir uns das letzte Mal vor all den Jahren gesehen haben.“

„Das ist schnell beantwortet. Ich habe gearbeitet. Die Leitung der Rechtsabteilung eines Unternehmens lässt wenig Zeit für alles andere.“

„Kein Freund, Verlobter, Ehemann, Kinder?“

„Nichts von alledem.“

„Eine dieser Karrierefrauen, die alle Männer von der Leiter zum unternehmerischen Erfolg schubsen und sich die oberste Sprosse sichern wollen.“

„Ich strebe danach, die Beste in meinem Job zu sein und alle Gegner unabhängig von ihrem Geschlecht auszuschalten.“

„Eine wahre Femme fatale“, lachte Victor. „Ich hätte es wissen müssen.“

„Hör mal, ich würde wirklich gern mit dir plaudern, aber mein Arbeitstag ist noch nicht vorbei.“

„Arbeitest du gerade an der Antwort auf mein Schreiben? Spar dir die Zeit, Darling. Sag deiner Firma, dass sie den Scheck ausstellen soll.“

„Ich bin nicht dein Darling, Süßer.“ Jedes Wort strotzte vor Herablassung.

„Ich habe es nicht böse gemeint. Wusste nicht, dass du so eine bist.“

„Was für eine?“

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