Du sollst meine Prinzessin sein - Kapitel 5


~ Kapitel 5 ~

Fassungslos starrte Rico seinen Bruder an. Bereits am folgenden Morgen war er von ihm nach San Lucenzo zurückbeordert worden. Und gerade hatte Luca seine Bombe platzen lassen.

    „Das ist ein Scherz, nicht wahr? Und er ist überhaupt nicht lustig.“

    Der Kronprinz von San Lucenzo sah ihn mit leidenschaftslosen Augen an. Distanz aufbauen kann er gut, dachte Rico wütend. Er ist großartig darin, irrsinnige Ideen als Banalität zu verkaufen.

    „Es würde unser Problem lösen.“

    „Bist du verrückt? Es geht dabei nicht darum, ein Problem zu lösen, sondern um mein Leben! Und ich werde es nicht aus diesen Gründen opfern.“

    „Es ist ja kein dauerhaftes Opfer. Außerdem hast du doch gesagt, du magst den Jungen.“

    Ricos Augen blitzten vor Zorn. „Das bedeutet nicht, dass ich …“

    Sein Bruder hob eine Hand. „Ja, ich verstehe. Aber hör mir zu, Rico … welche andere Möglichkeit bleibt uns? Sie ist der gesetzliche Vormund von Paolos Sohn, und sie wird das Kind nicht aufgeben. Die einzige Chance, unseren Neffen zu bekommen, ist, sie ebenfalls aufzunehmen. Aber wie? Es ist unmöglich, dass eine englische unverheiratete Mutter, eine Bürgerliche, hier im Palast wohnt und die Verantwortung für ein Kind hat, das zufällig unser Neffe und demnach ein königlicher Prinz ist.“ Seine Miene verhärtete sich. „Das würde ernsthafte Probleme mit dem Protokoll und der Sicherheit bedeuten. Mein Vorschlag umgeht all diese Schwierigkeiten.“ Dann änderten sich sein Tonfall und sein Gesichtsausdruck. „Ich muss dir nicht erst sagen, dass unser Vater deine Kooperationsbereitschaft sehr schätzen würde. Wir sprechen über ein Jahr, Rico, vielleicht achtzehn Monate. Das ist alles. Genug, um den Schein zu wahren und alles abzusichern.“

    Sein Blick ruhte auf seinem jüngeren Bruder.

    „Du wolltest immer einen aktiveren Part in den Angelegenheiten von San Lucenzo übernehmen, wolltest Verantwortung. Dein ganzes Leben lang hast du dich darüber beschwert, lediglich der Stellvertreter zu sein. Jetzt ist es so weit. Niemand außer dir kann es tun, Rico. Nur du. Und du weißt es.“

    Einen endlosen Moment erwiderte Rico den durchdringenden Blick seines Bruders, dann wandte er den Kopf ab.

    „Dafür sollst du in die Hölle kommen, Luca.“

    Spöttisch hob Luca die Augenbrauen. „Verfluch mich, soviel du magst – aber tu es für uns“, erwiderte er kühl.

    „Ich tue es für Paolo“, entgegnete Rico frostig.

 

Der schnittige Wagen legte die Meilen zwischen Flughafen und dem gemieteten Haus mit hohem Tempo zurück. Aber für Rico war es immer noch zu langsam. Er wollte schneller fahren, viel schneller.

    Und in die andere Richtung.

    Stattdessen steuerte er direkt auf einen Käfig zu. Er würde seinen Kopf in eine Schlinge stecken und zulassen, dass sie zugezogen wurde.

    Seine Stimmung war finster. Auf dem Beifahrersitz saß Captain Falieri und schwieg. Rico war dankbar dafür. Entweder Luca oder sein Vater hatten den Captain in ihre Pläne eingeweiht, deshalb wusste er genau, was Rico vorhatte.

    „Sagen Sie mir, dass ich verrückt bin“, befahl er.

    „Was Sie zu tun gedenken, macht durchaus Sinn“, erwiderte Falieri ruhig.

    „Wirklich?“, entgegnete Rico bitter. „Bitte erinnern Sie mich ab und zu daran.“

    „Sie tun es für den Jungen“, meinte Falieri. „Und für Ihren verstorbenen Bruder.“

    „Erinnern Sie mich auch daran …“

    Er trat heftig auf die Bremse, legte einen anderen Gang ein und lenkte den Wagen um eine Kurve.

    Weiter auf die Schlinge zu.

 

Ben begrüßte ihn mit einem freudigen Aufschrei. Rico hob ihn hoch. Der Junge legte die Arme um seinen Nacken und drückte sich gegen seine Brust. Das harte, enge Band um sein Herz schien sich ein wenig zu lösen.

    Ich kann es tun. Für Paolo. Für Ben, schoss es ihm durch den Kopf.

    Vorsichtig ließ er seinen Neffen wieder zu Boden gleiten. Sein Blick wanderte an ihm vorbei zu der Gestalt, die hinter dem Jungen stand und die wie immer völlig fehl am Platz wirkte.

    Dio, sie sah furchtbarer aus denn je. Ihre Haut war gerötet, das Haar spröde und krisslig. Sie trug verschlissene Hosen aus Baumwolle und ein schlecht sitzendes Top.

    Widerwille stieg in ihm auf.

    Doch er schob das Gefühl beiseite. Er hatte dem Plan zugestimmt, und nun gab es kein Entkommen mehr. Vielleicht war er verrückt, aber er hatte es versprochen.

    Und es machte keinen Sinn, es noch länger hinauszuzögern. Er musste es jetzt tun, bevor er kalte Füße bekam. Also sah er sie direkt an.

    „Wie geht es Ihnen?“, fragte er.

    Sie zuckte halbherzig mit den Schultern und wich seinem Blick aus. Sie schaut mir nie in die Augen, fiel ihm auf. Außer, als sie ihn angeschrien hatte, dass sie Bens Mutter war und niemals zulassen würde, dass man ihr Ben wegnahm.

    „Wie hat Ihr Vater die Nachricht aufgenommen?“, Lizzy schluckte. „Dass ich mich niemals von Ben trennen werde?“

    „Eine andere Lösung der Situation ist gefunden worden.“

    Ihre Augen blitzten auf. „Alles, was eine Trennung von mir und Ben beinhaltet …“

    Er hob eine Hand und brachte sie zum Schweigen.

    „Das wird nicht passieren. Jedoch ist hier nicht der richtige Ort, um die Angelegenheit zu besprechen.“ Er warf einen vielsagenden Blick auf Ben, der zurück zu seiner Eisenbahn gegangen war und sich mit den Gleisen beschäftigte. „Haben Sie schon zu Abend gegessen?“

    „Ja, mit Ben zusammen.“

    „Nun, ich noch nicht. Also schlage ich vor, ich hole das nach, während Ben sein Bad nimmt. Sobald er eingeschlafen ist, werden wir uns über seine Zukunft unterhalten.“

    In ihren Augen erschien ein nervöser Ausdruck, und sie wandte den Kopf ab. In diesem Moment meldete sich Ben zu Wort.

    „Die neue Strecke ist fertig. Komm und spiel mit mir“, lud der Junge seinen Onkel ein. „Fahren wir ein Rennen.“

    Rico grinste, seine Miene hellte sich auf. „Ein Rennen? Dann mach dich darauf gefasst zu verlieren, junger Mann.“

    Er erntete einen schiefen Blick. „Du Dummer. Ich habe doch den Schnellzug“, erklärte Ben ihm mitleidig.

    Aus dem Augenwinkel sah Rico, wie Lizzy aus dem Zimmer schlüpfte. Er setzte sich auf den Boden, um mit seinem Neffen zu spielen. Alles war viel einfacher, wenn sie nicht in der Nähe war.

    Dann fiel ihm sein Versprechen wieder ein. Sein Herz wurde schwer wie ein Stein.

 

Ben war eingeschlafen. Normalerweise würde Lizzy jetzt ebenfalls ein Bad nehmen und dann in ihrem Bett lesen, bis der Schlaf sie übermannte. Ben war ein Frühaufsteher, also kam Ausschlafen sowieso nicht infrage.

    Heute Abend jedoch musste sie wieder nach unten gehen.

    Und mit dem Prinzen sprechen.

    Sie hatte keine Ahnung, wie seine neue Lösung aussehen sollte.

    Er erwartete sie im Salon und starrte aus dem Fenster in den nächtlichen Garten hinaus. In der Hand hielt er ein Glas Brandy, wie Lizzy bemerkte.

    Und sie bemerkte noch etwas, das sie sofort beiseiteschieben wollte. Doch das war unmöglich.

    Unmöglich für sie und jede andere Frau auf der Welt. Es war schlicht unmöglich zu ignorieren, dass er der atemberaubendste Mann war, den sie je gesehen hatte.

    Ein Gefühl der Verlegenheit breitete sich in ihr aus. Es schien falsch zu sein, dass sie sich seines Aussehens so überaus bewusst war.

    Und mit diesem nachdenklichen Gesichtsausdruck wirkte er noch anziehender.

    Er wandte sich um, als sie das Zimmer betrat. Sofort röteten sich ihre Wangen, wie sie es immer taten, wenn sie seinen Blicken ausgesetzt war.

    Sie fühlte sich hässlicher denn je, wenn er sie so ansah, und wusste nicht, was sie dagegen tun konnte. Innerlich flehte sie ihn an, seinen Blick abzuwenden.

    „Möchten Sie sich nicht setzen?“

    Unbehaglich nahm Lizzy auf dem Sofa Platz. Der Prinz durchquerte den Raum und ließ sich ihr gegenüber nieder. Einen Moment schwenkte er sein Brandyglas und blickte es aufmerksam an. Dann hob er den Kopf.

    „Ich weiß, es fällt Ihnen schwer zu akzeptieren, was passiert ist“, setzte er langsam und vorsichtig an, „aber ich hoffe, Sie begreifen allmählich die Situation, in der Sie sich befinden. Und Sie verstehen, dass Bens Leben nicht so weitergehen kann wie bisher.“

    Sie öffnete den Mund, um zu antworten, aber er war noch nicht fertig.

    „Hören Sie mich an, bevor Sie etwas sagen.“ Er atmete tief ein. „Wie gesagt, ich weiß, dass das alles schwer zu akzeptieren ist, aber Sie müssen … Ihnen bleibt keine andere Wahl. Ben ist nicht mehr der Junge, für den Sie ihn hielten. Ob es Ihnen gefällt oder nicht, Sie können seine Herkunft nicht leugnen. Ben ist ein Prinz des Hauses Ceraldi. Auf dieser Tatsache muss sich seine Zukunft gründen.“ Wieder atmete er scharf ein. „Und das bedeutet, dass sein altes Leben vorbei ist. Er muss nach San Lucenzo kommen. Mit Ihnen.“

    Sie war blass geworden. Ihr Atem ging ungleichmäßig. Zumindest unterbrach sie ihn nicht mehr. Rico nahm einen weiteren Schluck Brandy. Der Alkohol brannte in seiner Kehle.

    „Es gibt einen einfachen Ausweg. Zugegeben, es ist eine drastische Lösung, doch unter den gegebenen Umständen bleibt uns keine andere Möglichkeit.“

    Kälte stieg in ihm auf und drohte, seine Füße in Eis zu verwandeln. Er musste es sagen – jetzt. Bevor er aufstand und wegrannte. Rannte, als seien alle Teufel der Hölle hinter ihm her.

    Er blickte die Frau an, die ihm gegenübersaß. Eine Frau, die ihm völlig fremd war. Aber zu der er die folgenden Worte gezwungenermaßen sagen musste.

    „Wir heiraten“, stieß er hervor.

 

Lizzy bewegte sich nicht. Das regte ihn am meisten auf. Sie blieb einfach still sitzen, die Hände in ihrem Schoß verschränkt. Rico fühlte, wie sich sein Magen zusammenzog. Hatte er es wirklich gesagt? War er tatsächlich so verrückt gewesen?

    Und doch wusste er, dass nicht Irrsinn ihn die Worte hatte sagen lassen, sondern etwas viel Schlimmeres.

    Notwendigkeit. Denn sosehr er Luca auch für seinen Vorschlag verachten mochte, musste er doch den darin liegenden Nutzen einsehen. Sie steckten in einer Sackgasse fest. Ben und seine Mutter gab es nur gemeinsam. Und irgendwie mussten die beiden in die königliche Familie der Ceraldis integriert werden.

    Eine Ehe war die einzige Lösung. Es gab keine Alternative, keine andere Wahl.

    Eine funktionale Ehe aus Vernunftgründen. Praktisch für jeden, außer für ihn selbst.

    Rico spürte, wie sich seine Kiefermuskeln spannten und sein Griff um das Brandyglas fester wurde. Er wollte noch einen Schluck trinken, wusste aber, dass er das nicht tun sollte. Um sich für das Kommende zu wappnen, hatte er bereits zum Abendessen zu viel Wein getrunken.

    Warum reagierte sie nicht? Sie hatte sich immer noch nicht bewegt. Zorn wallte in ihm auf. Glaubte sie, es sei ihm leichtgefallen? Abrupt hob er das Glas an den Mund und trank einen großen Schluck.

    Etwas veränderte sich in ihren Augen. Dann, als hätte man einen Hebel umgelegt, sprang sie auf.

    „Sie sind“, sagte sie, und irgendetwas stimmte nicht mit ihrer Stimme, „völlig verrückt.“

    Ricos Augen verdunkelten sich. Vielleicht hätte er damit rechnen müssen.

    „Nicht verrückt“, erwiderte er mühsam beherrscht. „Ich stelle mich nur den Fakten. Setzen Sie sich bitte wieder.“

    Sie nahm Platz. Rico ahnte, dass sie ihm nicht wirklich gehorchte, sondern ihre Beine sie schlicht nicht länger tragen wollten.

    „Wenn Sie mich heiraten“, erklärte er, „werden viele Probleme ganz einfach verschwinden. Sie und Ben werden in die königliche Familie aufgenommen, und für Ben wäre es der leichteste Weg in sein neues Leben. Das müssen Sie doch auch so sehen.“

    „Das ist das Verrückteste und Geschmackloseste, das ich je gehört habe.“ Sie zitterte vor Wut.

    „Es ist eine Frage der Zweckmäßigkeit.“

    Sie starrte ihn an, als würde er chinesisch sprechen.

    „Die Hochzeit hätte nur die Funktion, die Existenz meines Neffen zu legalisieren. Als meine Ehefrau werden Sie zu einer Ceraldi und erhalten als Adoptivmutter des Enkelsohns des regierenden Fürsten einen Ihnen angemessenen Rang innerhalb der Familie. Sie werden bei allen Ereignissen in seinem Leben dabei sein. Die Ehe selbst ist nichts weiter als eine Formalität, das versichere ich Ihnen.“

    Sein Tonfall war schneidend geworden, und er fuhr eilig fort, bevor sie ihn unterbrechen konnte.

    „Außerdem kann ich Ihnen versichern, dass es nur eine Ehe auf Zeit sein wird. Sobald sich Ben in sein neues Leben eingefügt hat und Sie sich in Ihres, wird die Ehe annulliert. Wir müssen lediglich den Schein wahren. Mein Vater hat einer kurzen Dauer, etwas mehr als ein Jahr, bereits zugestimmt.“

    Lizzy saß immer noch da und schaute ihn an, als hätte er ihr mit einem Hammer auf den Kopf geschlagen. Was er, genau genommen, auch getan hatte. Immerhin hatte er selbst bereits achtundvierzig Stunden lang Zeit gehabt, sich an den Gedanken zu gewöhnen.

    „Das ist doch Irrsinn. Es ist einfach grotesk.“ Wieder stand sie auf.

    Ricos Miene erstarrte.

    „Grotesk?“ Das Wort hallte durch seinen Kopf, als stamme es aus einer fremden Sprache. „In welcher Hinsicht?“, stieß er hervor und erhob sich, ohne sich dessen bewusst zu sein.

    „In jeder! Der Gedanke, dass ich Sie heirate, ist absolut grotesk.“

    Kalte Wut stieg in ihm auf. In diesem Zusammenhang ein solches Wort zu gebrauchen …

    Er hatte sich eine Menge von dieser Frau gefallen lassen, hatte Zugeständnis um Zugeständnis gemacht, aber dass sie so vor ihm stand und ihm sagte, sein Angebot sei grotesk …

    „Würden Sie die Höflichkeit besitzen, mir zu erklären, warum?“ Seine Stimme war eisig.

    Für einen langen Moment erwiderte sie seinen Blick, dann, wie in Zeitlupe, schien ihr Gesicht zu zersplittern.

    „Was soll es denn sonst sein?“, antwortete sie leise, aber entschieden.

    „Ich verstehe nicht, warum …“

    „Schauen Sie mich doch an“, fiel sie ihm ins Wort. „Schauen Sie mich an! Es ist grotesk zu denken, dass Sie … dass Sie … mich … heiraten …“

    Ihre Stimme versagte. Sie senkte den Kopf.

    Ricos Wut war verflogen. Stattdessen machte sich ein Gefühl in ihm breit, das er nicht gewohnt war.

    Verlegenheit. Und Mitleid.

    Ruhig sagte er schließlich: „Wir finden auch dafür eine Lösung.“

 

Lizzy lag in ihrem Bett, konnte jedoch nicht schlafen. Sie starrte in die Dunkelheit. Selbst jetzt noch brandete ein alles verschlingendes Gefühl der Demütigung in ihr auf, wenn sie an diesen Abend dachte. Der Moment war unerträglich gewesen – wie in einem Traum, in dem man nackt eine Straße entlangging –, und sie würde ihn nie im Leben vergessen.

    Grotesk hatte sie seinen Vorschlag genannt, und das war das einzige passende Wort dafür. Allein die Idee, dass jemand, der wie sie aussah, jemanden heiratete, der so gut aussah wie Rico, war lächerlich – egal aus welchem Grund.

    Und sie ahnte schon die Schlagzeilen der Zeitungen.

    Der Playboy-Prinz und die Schreckschraube.

    Prinz Enrico und Frankensteins Braut.

    Die Presse würde jubeln.

    Mit weit aufgerissenen Augen blickte sie in die Nacht. Alles, was sie vor ihrem inneren Auge sah, war ihr Spiegelbild, das sie jeden Morgen begrüßte.

    Daneben erschien plötzlich das Bild des Prinzen.

    Der Kontrast war … grotesk.

    Sie schloss die Augen, als könne sie so das Bild aus ihrem Kopf vertreiben.

    Immer schon hatte sie gewusst, dass sie hässlich war. Es war ein hartes Wort, aber wahr. Jeden Tag aufs Neue war es ihr bewiesen worden. Sie stieß die Männer ab – und sie hatte es in ihren Augen lesen können.

    Maria hatte genau die gegenteilige Reaktion hervorgerufen. Maria, groß, schlank, mit dem hübschen Gesicht und den langen goldenen Haaren.

    Lizzy war nicht eifersüchtig. Was hätte das auch für einen Sinn? Maria war die schöne Schwester, sie die hässliche. So war es schon immer gewesen.

    Mit der ihr eigenen Freundlichkeit hatte Maria ihr angeboten, etwas an ihrem Äußeren zu tun, es zu verbessern, aber Lizzy hatte das nie zugelassen. Das wäre zu peinlich geworden. Schlimmer als von Natur aus hässlich zu sein, wäre es, eine Veränderung zu versuchen und … zu scheitern.

    Denn natürlich hätte sie scheitern müssen.

    „Aus einem Schweineohr kann man keine Seidenhandtasche machen“, hatte ihre Mutter immer gesagt.

    Also hatte sie es niemals versucht. Sie hatte sich so akzeptiert, wie sie war.

    Und Ben störte ihr Aussehen nicht. Was kümmerte es ein Kind, wenn die Mutter hässlich war? Für ihn zählte nur ihre Liebe.

    Sie streckte die Hand aus und streichelte über seinen schlafenden Körper. Angst stieg in ihr auf.

    „Wir finden auch dafür eine Lösung“, hatte der Prinz gesagt.

    Die Ceraldis mussten wirklich verzweifelt sein, wenn sie sich darauf einließen – eine zeitlich begrenzte Ehe, die aus ihr eine Prinzessin und eine standesgemäße Mutter für Prinz Eduardos Enkelsohn machte.

    Für sie bin ich nichts weiter als eine Unannehmlichkeit …

    Bei dem Gedanken geschah etwas in ihr, und sie riss sich zusammen. Dann war sie eben nur eine Unannehmlichkeit für die königliche Familie von San Lucenzo. Dann war sie eben ein Problem, für das man eine Lösung finden musste. Dann war ihr kostbarer Enkelsohn eben nicht ohne Mutter zu haben.

    Ein neues Gefühl keimte in ihr auf. Es ist mir egal! Die Ceraldis sind mir egal. Es kümmert mich nicht, wie ungelegen ich ihnen komme. Mich interessiert nur Ben und sein Glück. Ben braucht mich, und das ist alles, was zählt. Und für ihn würde ich alles tun – einfach alles.

    Außer seinen Onkel zu heiraten.

 

Rico stand unter der Dusche und ließ den Wasserstrahl auf seinen Kopf prasseln.

    Er sollte erleichtert sein. Er sollte sich wie ein Verurteilter fühlen, den man begnadigt hatte. Aber das tat er nicht. Stattdessen hatte ein unbehagliches Gefühl von ihm Besitz ergriffen.

    Immer wieder hörte er das Wort in seinem Kopf.

    Grotesk.

    Wie konnte eine Frau das über sich selbst sagen?

    Okay, sie war keine Schönheit. Aber das war nicht ihre Schuld. Warum also bestrafte sie sich so hart dafür?

    In seinen Gedanken ergriff eine zynische Stimme das Wort: Sie kennt die Wahrheit, das ist alles. Kein Mann wird sie jemals wollen, und sie weiß es. Und sie weiß, was für ein merkwürdiges Paar ihr abgeben würdet. Weiß um das Getuschel hinter ihrem Rücken. Die verächtlichen Blicke. Die Angebote, dich in deinem Elend, eine solche Frau heiraten zu müssen, zu trösten.

    Rücksichtslos brachte er die Stimme zum Schweigen und rief stattdessen ein anderes Bild vor sein geistiges Auge. Die Art und Weise, wie sie mit Ben umging. Unendlich geduldig, immer liebevoll und voller Zuneigung, stets unterstützend und ermutigend.

    Sie hatte ihn großartig erzogen.

    Ihr Leben könnte so viel einfacher werden. Wenn er sie doch nur dazu bringen würde, das zu erkennen.

    Rico drehte den Wasserhahn zu und trat aus der Dusche.

    Gut, vielleicht war es nicht ideal, Bens Mutter in San Lucenzo wohnen zu lassen. Aber selbst wenn sie eine Bürgerliche war, eine Engländerin, was machte das schon? Ja, sein Leben würde einige Unannehmlichkeiten erdulden müssen – Pech. War Paolos Sohn nicht ein gewisses Maß an Einschränkung wert?

    Er schlang ein Handtuch um seine Hüften und griff nach einem weiteren, um seine Haare zu trocknen.

    Sobald sie und Ben in San Lucenzo waren, konnte sie selbst sehen, dass dort ein neues Leben möglich wäre. Und er würde Luca und seinen Vater irgendwie überzeugen müssen, für die beiden eine Situation zu schaffen, mit der alle leben konnten.

    Seine Gedanken rasten weiter. Sie mussten ja nicht im Palast wohnen. Genug Grundstücke im Fürstentum gehörten den Ceraldis – eine der vielen Residenzen würde sich als angemessen erweisen.

    Eine Villa am Meer, das würde ihnen sicher gefallen.

    Er konnte Ben direkt vor sich sehen, wie er am Strand spielte, einem wärmeren, weniger windigen Strand als der in Cornwall.

    Ich könnte ihn dort besuchen. Ihn kennenlernen. Zeit mit ihm verbringen.

    Ein weiterer Gedanke kam ihm, als er in seinen Bademantel schlüpfte.

    Ich werde auch für sie etwas tun. Mit eleganten Kleidern, dem richtigen Haarschnitt und Make-up würde sie doch bestimmt viel besser aussehen.

    Er ging zu Bett und fühlte sich sehr anständig. Und endlich erleichtert.


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