Zeit der Zärtlichkeit, Zeit der Liebe – Kapitel 8

Später, am selben Nachmittag, parkte Jake seinen Truck mit dem Pferdeanhänger vor dem bescheidenen Haus seiner Mutter, das sich am östlichen Rand von Ruidoso befand.

Clara saß bei seiner Ankunft auf der Veranda, und als er die Stufen hinaufkam, stand sie auf, um ihn zu begrüßen.

Heute wirkte sie etwas lebendiger. Jake war erleichtert, dass sie nicht nur auf der Couch herumlag und ihren Gesundheitszustand beklagte.

„Was für eine nette Überraschung“, sagte sie und hielt ihm die Wange für einen Begrüßungskuss entgegen. „Was führt dich in die Stadt? Bist du auf dem Weg auf die Apache Wells?“

„N… nein“, meinte er zögernd. „Ich treffe mich mit … einer Frau. Mit Gertie O’Dells Nichte.“

Clara warf einen Blick an ihm vorbei auf den Anhänger. „Und da bringst du ein Pferd mit?“ Sie ließ sich wieder auf den Weidenstuhl nieder und bedeutete ihm, auf der nächsten Sitzgelegenheit Platz zu nehmen.

Jake ließ seine große Gestalt in den Stuhl sinken und streckte die Beine aus. „Das ist richtig. Ich dachte, Rebecca hätte vielleicht Spaß an einem Ausritt. Sie hat selbst ein Pferd, das ich noch einmal untersuchen muss.“

Der skeptische Blick verschwand aus Claras Gesicht. „Oh. Wegen der Hufeisen, meinst du?“

„Nein, ich muss überprüfen, ob die Stute für einen Ausritt bereit ist.“

„Ich wusste gar nicht, dass du dich noch immer als Pferdetrainer anheuern lässt, Jake. Du bist so beschäftigt, dass du kaum noch zum Durchatmen kommst.“

„Ich weiß, Mom, aber Rebecca heuert mich nicht als Pferdetrainer an. Ich tu ihr nur einen Gefallen.“

Clara rollte die Augen und stöhnte missbilligend. „Sag jetzt bitte nicht, dass du dich mit diesem Mädchen aus Texas eingelassen hast. Gibt es nicht genug hübsche Frauen hier in der Gegend?“

„Es ist nicht so, wie du denkst, Mom.“

Sie warf ihm denselben angewiderten Blick zu, den Jake schon Hunderte Male gesehen hatte. „Diese Frau gehört nicht einmal hierher. Früher oder später geht sie dorthin zurück, woher sie gekommen ist. Das verrät mir, dass du es nicht ernst mit ihr meinen kannst. Aber du meinst es ja nie ernst, nicht wahr?“ Sie schüttelte den Kopf, blickte zum Dach der Veranda auf und seufzte. „Du wirst immer so sein wie dein Vater.“

Jake beugte sich vor und betrachtete ihr trauriges Gesicht. „Warum tust du mir das an? Ich bin nicht Lee Rollins. Ich habe keine Ehefrau mit Kind verlassen.“

„Nein“, entgegnete sie verbittert. „Das ist das Einzige, worüber ich mir keine Sorgen machen muss. Du willst ja keine Familie haben.“

Jake fluchte vor sich hin. „Ich weiß nicht, was du von mir erwartest, Mom. Erst sagst du, ich sei genau wie Lee und nicht zum Vater und Ehemann geschaffen. Und im nächsten Moment wirfst du mir vor, dass ich keine Familie habe. Kannst du vielleicht auch mal irgendetwas Positives an deinem Sohn, dir selbst oder deinem Leben entdecken?“

Sie drehte sich ruckartig zu ihm um und starrte ihn entsetzt an. „Das ist schrecklich, so etwas zu sagen.“

„Tatsächlich? Ich hätte schon längst den Mund aufmachen sollen.“

„Jake …“

„Nur weil du allein und verbittert sein willst, heißt das nicht, dass ich das auch will.“

„Wovon redest du, Jake? Du bist allein“, schnappte sie zurück. „Und das werden wir beide auch immer bleiben. Dein Vater hat uns zu dem gemacht, was wir sind.“

Jake stand abrupt auf. „Nur, weil wir es zugelassen haben.“ Er stürmte los.

„Komm zurück, Jake! Ich bin noch nicht fertig!“, rief Clara ihm hinterher.

Jake trat von der Veranda und sah seine Mutter über seine Schulter hinweg an. „Ich bin aber fertig, Mom. Und zwar mit dem ganzen verfluchten Lee-Rollins-Schlamassel.“

    Eine halbe Stunde später ließ Jake seinen Wagen hinter Rebeccas altem Truck ausrollen.

Sie war also zu Hause. Deshalb stieg er aus und begann, das Pferd aus dem Anhänger zu holen.

Als er Banjo zum Stall geführt und ihn in einem kleinen Gatter von den Zügeln gelassen hatte, war Rebecca immer noch nicht aufgetaucht. Schnell ging er zum Haus zurück und klopfte an die Vordertür.

Von drinnen war kein Geräusch zu hören, und Jake glaubte schon, dass Abe oder Maura sie auf einen nachbarschaftlichen Besuch mitgenommen hatten. Doch dann hörte er endlich Schritte.

Rebecca tauchte hinter der Fliegengittertür auf, und Jake lächelte sie erleichtert an. „Rebecca! Einen Moment lang dachte ich schon, du seist gar nicht da.“

Sie stieß die Tür auf und fiel ihm wortlos schluchzend in die Arme.

„Liebes, was ist denn los? Tut dir etwas weh? Bist du krank?“

Sie hob den Kopf und versuchte zu sprechen, brachte jedoch nur weitere Schluchzer über die Lippen.

Jake schlang einen Arm um ihre Taille und führte Rebecca ins Haus.

Als er sie auf die Couch gesetzt hatte, ließ er sich neben ihr nieder und nahm ihre Hände fest in seine. „Atme tief durch, Becca. Beruhige dich. Was hat dich denn so aufgeregt?“

Sie nickte fahrig. „Es tut mir schrecklich leid, Jake. Ich wollte keine Szene machen. Aber als ich dich gesehen habe … ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.“

Wieder rollten ihr Tränen über die Wangen. Jake nahm ein Taschentuch und wischte sie ihr ab. Als er fertig war, lächelte sie dankbar. „Bist du krank, Rebecca?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Aber was ich erlebt habe, könnte man eher … als Schock bezeichnen.“ Sie wand ihre Hände aus seinem Griff und strich sich eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht. „Heute Nachmittag habe ich mir Gertrudes Briefe angesehen und ganz zufällig herausgefunden, dass sie … meine Mutter war!“

Jake starrte sie fassungslos an. „Habe ich gerade richtig gehört? Sagtest du Mutter?“

Rebecca nickte und stieß einen langen, schaudernden Seufzer aus. „Ganz richtig. Gertrude war meine Mutter.“

„Aber wie? Bist du dir sicher?“

Sie sprang auf und begann, im Wohnzimmer auf und ab zu gehen. „Ich habe Briefe gefunden, die mein Vater an Gertrude geschrieben hat. Er nannte sie Gerta und beklagte die Tatsache, dass sie nicht zusammen sein konnten.“ Sie sah Jake traurig an. „Und was er geschrieben hat … es ist eindeutig, dass er sie liebte. Ich bin noch immer ganz durcheinander.“ Sie verbarg das Gesicht in ihren Händen.

Jake fühlte mit ihr. „Bist du ganz sicher, Rebecca? Nur weil er Gertrude geliebt hat, macht sie das nicht gleich zu deiner Mutter. Und wenn sie wirklich deine Mutter war, warum hat sie dich dann nicht großgezogen?“

Sie ließ die Hände wieder sinken und starrte ihn hilflos an. „Ich werde noch verrückt, Jake. Das muss ich alles herausfinden, Jake. Nichts von all dem ergibt einen Sinn.“

„Weiß deine Mutter – die dich großgezogen hat – dass du die Briefe gefunden hast?“

Sie nickte eifrig. „Gleich, nachdem ich die Briefe entdeckt habe, rief ich meine … rief ich Gwen an und habe sie mit dem Inhalt konfrontiert. Sie hat nicht versucht, irgendetwas zu leugnen, sondern sagte nur, sie würde versuchen, für morgen einen Flug nach Ruidoso zu bekommen.“

Rebecca schluchzte kurz auf. „Dort soll ich sie treffen, damit wir uns unterhalten können. Offenbar hat sie jetzt begriffen, dass sie die Wahrheit nicht länger geheim halten kann. Was das jedoch ist … ich kann mir nicht vorstellen, was sie mir zu erzählen hat. Ich weiß nur, dass meine leibliche Mutter tot ist. Und dass ich nie die Möglichkeit hatte, sie kennenzulernen, sie zu berühren oder ihre Stimme zu hören. Und das macht mich fertig, Jake.“

Der Schmerz in ihrer Stimme brachte Jake dazu aufzustehen, Rebecca in seine Arme zu schließen und ihren Kopf tröstend an seine Brust zu betten.

„Die Wahrheit, wie auch immer sie aussieht, ändert nichts daran, dass du ein wundervoller Mensch bist. Die Zeit heilt alle Wunden. Vertrau mir.“

Sie legte den Kopf zurück und sah ihn mit tränenverschleiertem Blick an. „Oh, Jake, ich bin froh, dass du da bist“, flüsterte sie heiser. „Ich brauche dich. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr.“

Brauchen. Nicht wollen. Brauchen.

Die Vorstellung, dass diese Frau ihn auf irgendeine Weise brauchte, erstaunte Jake und erfüllte sein Herz mit einer Wärme wie nie zuvor. Und als er sah, wie der dunkle Schmerz in ihren Augen einem weicheren, lieblicheren Ausdruck wich, da konnte er nicht mehr anders, als sie zu küssen.

Ein schwaches Stöhnen erklang tief in ihrer Kehle. Oder war es ein kapitulierendes Seufzen? Was es auch war, das Geräusch ließ ihn vergessen, dass er sie eigentlich trösten sollte.

Hitze wallte in ihm auf, als er Rebecca fester an sich zog und sie sich an ihn schmiegte.

Der Geschmack ihrer Lippen glich dem eines kostbaren Weins, von dem er niemals genug bekommen konnte.

Gleichzeitig bog sie sich ihm entgegen und streichelte seine Brust.

Das Spiel seiner Lippen wurde heftiger und dringlicher, und sie erwiderte jede seiner verzweifelten Bewegungen mit fieberhaftem Verlangen – bis sein ganzer Körper danach schrie, wieder mit ihr zu schlafen.

„Ich bin wohl ein Mistkerl, Rebecca, weil ich dich so sehr begehre – jetzt, in diesem Moment. Du brauchst …“

„Ich brauche dich. Nur dich“, unterbrach sie ihn flüsternd. „Nimm mich, Jake. Lass mich alles andere vergessen. Ich will nur ganz nahe bei dir sein.“

Er küsste sie wieder, dieses Mal zärtlicher, und dann ergriff sie seine Hand und führte ihn den kurzen Gang entlang bis zu ihrem Schlafzimmer.

Der kleine Raum besaß nur ein Fenster zum Hof. Es hatte keine Vorhänge und war in der kühlen Brise geöffnet.

Als sie Jake neben sich auf ihr Bett zog, strich die nach Salbei duftende Brise über ihre erhitzten Körper und zerzauste die blonde Haarsträhne, die über ihrer Schulter lag.

Augenblicke später lagen sie nebeneinander, ihre Gesichter nur Zentimeter voneinander entfernt. Jake fragte sich, wie lange er Rebecca wohl noch so für sich selbst haben konnte. Sie hatte einen Wendepunkt in ihrem Leben erreicht. So viel war ihm klar. Und den Weg, den sie am Ende einschlagen würde, führte mit hoher Wahrscheinlichkeit weg von Lincoln County – und damit auch weg von ihm.

Dieser Gedanke ließ ihn frösteln, und er versuchte, ihn beiseitezuschieben, während er sie umarmte und an sich presste, als wollte er sie nie wieder loslassen.

    Am darauffolgenden Nachmittag fuhr Rebecca zum Flughafen von Ruidoso und wartete auf die Landung von Gwen Hardaways kleinem Flieger.

Das erste Treffen in der Ankunftshalle verlief mehr als steif. Obwohl Rebecca der Frau, die sie immer für ihre Mutter gehalten hatte, erlaubte, sie kurz zu umarmen, war auf dem Weg zum Parkplatz eine gewisse Kälte zwischen ihnen zu spüren.

Sie fuhr mit Gwyn ins Hotel, wo diese eincheckte. Dann betraten sie das Hotelrestaurant und suchten sich einen Tisch direkt neben dem großen Panoramafenster.

Nachdem die Kellnerin ihre Getränkebestellungen aufgenommen hatte, starrte Gwyn durch die Scheibe. „Ich frage mich, was Gertrude bloß an diesem Ort gefunden hat“, murmelte sie. „Zugegeben, er hat einen gewissen antiquierten Charme, aber er ist so … wildwestartig.“

Gwyn war ein Großstadtmensch durch und durch. Sie liebte das rege Treiben, die Geschäfte, die Kunstausstellungen und das gesellschaftliche Leben, das damit einherging.

Nach allem, was Rebecca über Gertrude herausgefunden hatte, war sie das genaue Gegenteil gewesen. Eine ruhige Einzelgängerin, der ihre Tiere genügten. „Weißt du, warum sie sich entschieden hat hierherzuziehen?“, fragte Rebecca.

Gwyn hielt den Blick auf das Fenster gerichtet. „Keine Ahnung. Nachdem wir uns trennten, wusste ich nie, wo sie sich gerade aufhielt. Und das wollte ich auch gar nicht“, fügte sie verbittert hinzu.

„Warum nicht?“

Jetzt wandte sich Gwyn zu ihr um, und Rebecca sah den hasserfüllten Ausdruck in ihren Augen. Der Anblick schockierte sie zutiefst und machte ihr klar, dass diese Frau Seiten besaß, die ihr völlig fremd waren.

„Müssen wir das wirklich alles durchkauen, Rebecca? Genügt es dir nicht, zu wissen, dass sie deine leibliche Mutter war? Alles andere ist … unwichtig.“

Unwichtig? Rebecca hätte Gwyn am liebsten angeschrien. Bevor Jake gestern vor ihrer Tür aufgetaucht war, hatte sie alle Briefe aus der Schmuckschatulle gelesen. Und sie hatten ihr bittersüße Einblicke in die Beziehung ihrer Eltern gegeben. Die Worte ihres Vaters an Gertrude waren voller Trauer, voller Liebe und Schmerz und Bedauern. Er hatte sich zwischen zwei Frauen und einem Kind fast zerrissen. Woher hatte Gwyn nur den Nerv, zu sagen, das sei unwichtig?

„Ich bin kein Kind mehr, Mom. Bitte beleidige nicht meine Intelligenz. Ich habe mich nicht mit dir getroffen, nur um dich weiter herumdrucksen zu hören. Wenn du mir nicht die Wahrheit sagen willst, gehe ich wieder.“

„Wenn du jetzt gehst, Rebecca, wirst du nie die Wahrheit erfahren.“ Es klang fast wie eine Drohung.

„Da irrst du dich aber gewaltig. Ich habe Daddys alte Briefe, die eine ganze Menge erklären.“

„Oh, ja“, entgegnete Gwyn verbittert. „Diese Briefe, die du gefunden hast. Ich habe nie erwartet, dass du auf … so etwas stoßen würdest.“

„Warum nicht? Du wusstest, dass ich in Gertrudes Haus eingezogen bin. Du musstest doch davon ausgehen, dass ich sie irgendwann finde.“

Gwyns Kopf ruckte herum, und Rebecca sah, dass ihr Gesicht nun mit roten Flecken übersät war. „Ich … wusste nicht, dass Vance und Gertrude noch Kontakt zueinander hatten.“

Oh, Gott, das war ja noch schlimmer als alles, was Rebecca erwartet hatte.

„Hattest du nie den Verdacht, dass er noch irgendetwas für Gertrude empfand?“

„Nein. Ich dachte, das sei alles vorbei. Nachdem …“

Als sie nicht weitersprach, drängte Rebecca sie: „Nachdem was? Nachdem ich gezeugt wurde? Du solltest von vorne beginnen. Uns beiden zuliebe.“

Seufzend hob Gwyn den Kopf. Ihr Gesicht war inzwischen sehr bleich, und der rote Lippenstift bildete einen grellen Kontrast zu der blassen Haut. „Wie du willst. Schon von Anfang an waren meine Schwester und ich sehr unterschiedlich. Nicht einmal äußerlich ähnelten wir uns. Gertrude war groß und blond, ich dagegen dunkel und klein.“

„War sie hübsch?“

Gwyn zuckte die Achseln – eine Geste, die sie bei Rebecca immer kritisiert hatte. „Ja, man konnte sie als hübsch bezeichnen. Sie war sehr naturverbunden. Ein Mädchen von nebenan. Und so ruhig und zurückhaltend, dass ich sie oft am liebsten angebrüllt hätte. Doch als Kinder liebten wir einander und standen uns sogar sehr nahe.“

„Das kann ich kaum glauben.“

„So war es aber. Auch wenn wir gelegentlich unsere Differenzen hatten. Als Teenager habe ich sie immer dazu gedrängt, etwas kontaktfreudiger zu werden. Ich wollte, dass sie sich verabredet und ihren Spaß hat. Ich wollte stolz auf sie sein können.“ Gwyn seufzte tief auf.

„Stattdessen war sie ein Bücherwurm. Meistens wies sie die Avancen der Jungs zurück. Sie sagte, sie fühle sich nicht wohl dabei, und dass sie erst dann eine Beziehung eingehen würde, wenn es sich richtig für sie anfühlte. Damals kannten wir Vance noch nicht. Das geschah erst viel später, als wir schon über zwanzig waren und unsere Eltern – deine Großeltern – nicht mehr lebten.“

„Du hast mir erzählt, dass du Daddy auf einer Dinner-Party kennengelernt hast. Hat Gertrude ihn da auch getroffen?“

Gwyn verzog das Gesicht. „Ja. Zu diesem Zeitpunkt dachte ich jedoch, sie habe ihn kaum bemerkt. Das lag vielleicht auch daran, dass ich zu sehr damit beschäftigt war, seine Aufmerksamkeit zu erregen“, fügte sie nachdenklich hinzu.

„Wie dem auch sei, danach begannen wir, uns zu verabreden. Als er mich fragte, ob ich ihn heiraten wolle, schwebte ich wie auf Wolken. Dein Vater war ausgesprochen attraktiv. Und obwohl er keineswegs reich war, so hatte er doch gute Aussichten. Alles zusammen machte ihn in unseren Kreisen zu einem der begehrtesten Junggesellen. Nachdem er um meine Hand anhielt, plante ich sofort unsere Hochzeit. Und da meine Mutter nicht mehr lebte, bat ich Gertrude, mir bei den Vorbereitungen zu helfen.“

„Und das tat sie?“

Gwyns Miene verhärtete sich. „Oh, ja. Sie schien sich sogar für mich zu freuen. Ich ahnte ja nicht, dass sie selbst ein Auge auf meinen Verlobten geworfen hatte.“

„Wann hast du davon erfahren?“

„Erst ein paar Monate nach unserer Hochzeit. Gertrude kam zu mir und gestand, dass sie von Vance ein Kind erwartete. Und dass dieser … Fehltritt bereits vor der Hochzeit geschehen war. Eigentlich hatte sie vorgehabt, ihr Techtelmechtel geheim zu halten, doch die Schwangerschaft zwang sie dazu, mit der Wahrheit herauszurücken. Ich war am Boden zerstört. Schließlich war ich sowohl von meinem Ehemann als auch von meiner Schwester betrogen worden.“

Rebecca klammerte sich an ihrer Kaffeetasse fest, als sie den Schmerz auf Gwyns Gesicht sah. „Ich verstehe, dass es dir schwerfällt, mir das alles zu erzählen. Es ist auch nicht leicht für mich, die Geschichte anzuhören. Mir ist klar, dass du schäbig behandelt worden bist. Sogar sehr. Das rechtfertigt jedoch nicht, dass du eine Lüge gelebt hast.“

Gwyn starrte sie mit offenem Mund an. „Eine Lüge? Wie meinst du das? Ich bin doch nicht die Betrügerin!“

„Du hast mich betrogen, indem du mir die Chance genommen hast, meine richtige Mutter kennenzulernen. Auf die schlimmste Art und Weise hast du mich hintergangen. Ich begreife bloß nicht, weshalb Gertrude und mein Vater das zugelassen haben.“

Gwyns Augen blitzten rachsüchtig auf. „Sie konnten nicht anders, weil ich die Zügel in der Hand hielt. Deshalb! Gertrude war eine hinterhältige Schlampe, und ich war wild entschlossen, ihren Ruf in den Schmutz zu ziehen. In der Öffentlichkeit tat sie immer so freundlich und anständig, während sie in Wahrheit ein Nichts war. Ein Niemand! Und, verdammt noch mal, ich hätte all unsere Freunde und Bekannten wissen lassen, was sie und Vance mir angetan haben!“

Rache. Daraus erwuchs nie etwas Gutes. Doch diese Lektion musste Gwyn wohl erst lernen.

„Wie wolltest du ihren Ruf zerstören, ohne Daddy mit hineinzuziehen?“

„Ich war bereit, mir eine schmutzige Geschichte über sie auszudenken. Das wäre nicht halb so mies gewesen wie das, was sie mir angetan hat. Als ich ihr damit drohte, gab sie klein bei. Du kannst mir glauben, dass ich nicht lange damit drohen musste. Gertrude hatte ein sehr schlechtes Gewissen. Sie fühlte sich höllisch schuldig und bot an, ihr Vergehen wiedergutzumachen.“ Gwyn machte eine kurze Pause.

„Vor allem wollte sie das Beste für ihr Kind. Sie wollte nicht, dass du unehelich und inmitten hässlicher Gerüchte aufwächst. Deshalb streute ich umgehend das Gerücht, dass ich schwanger war. Und ein paar Wochen später erfand ich eine hanebüchene Geschichte, in der Gertrude und ich eine verwitwete Tante in Kalifornien hatten. Diese sei erkrankt, und wir würden uns um sie kümmern, bis sie wieder selbst für sich sorgen konnte.“ Sie starrte vor sich hin.

„Gemeinsam fuhren wir dann nach Kalifornien, in eine kleine Stadt an der südlichen Küste, wo es unwahrscheinlich war, dass wir irgendwelchen Bekannten begegneten. Nach deiner Geburt kam ich als Mutter mit dir zurück. Gertrude ging ihren Weg, und seitdem habe ich nie wieder mit ihr gesprochen.“

„Und Daddy? Was hatte er zu all dem zu sagen?“

„Er zeigte sich natürlich reumütig und versicherte mir, dass das mit Gertrude eine einmalige Sache war, die ihm nicht das Geringste bedeutete. Er sei nur angesichts der bevorstehenden Hochzeit in Panik geraten, und Gertrude sei zur Stelle und willig gewesen. Außerdem wollte er sein Kind großziehen, und nachdem sich Gertrude bereit erklärt hatte, mir das Baby zu überlassen, blieb er an meiner Seite. Er hatte keine andere Wahl. Und auf lange Sicht wollte er wohl auch nicht, dass irgendjemand schlecht über Gertrude dachte. Und er wollte nicht, dass du unter bösen Gerüchten leiden musstest.“

Rebecca konnte nur noch zur Decke blicken und die Augen rollen. Je länger Gwyn sprach, desto psychotischer klang sie. „Und warum, glaubst du, war das der Fall? Wenn alles zwischen den beiden ein einmaliger Ausrutscher war, weshalb hätte es ihn dann scheren sollen, ob Gertrude verletzt wird? Könnte es vielleicht daran gelegen haben, dass er sie geliebt hat?“

Plötzlich verschwand der Zorn aus Gwyns Gesicht. An seine Stelle trat ein erschöpfter, resignierter Ausdruck. „All die Jahre habe ich in dem Glauben gelebt, dass Vance sich nie etwas aus Gertrude gemacht hat. Ich habe mir eingebildet, sein Herz gehöre wahrhaftig mir. Allerdings wusste ich nichts von den Briefen – und dass er bis zu seinem Tod mit ihr in Kontakt stand. Jetzt muss ich leider annehmen, dass sie sich weiter heimlich getroffen haben. Bis zu dem Tag von Vance’ Tod.“

Rebeccas Magen rebellierte. Ihr wurde übel. So viele Menschen aus ihrer Familie, die gelogen, geliebt und verloren hatten. „Ich war ein unschuldiges Kind, und du hast mich als dein Faustpfand missbraucht. Dir war es egal, dass du mich meiner Mutter entrissen hast, oder dass ich sie vielleicht gebraucht habe. Ich war dir doch vollkommen egal, oder?“

Gwyns Gesicht wurde noch blasser, wenn das überhaupt möglich war. Sie nippte nervös an ihrem Tee, und schließlich antwortete sie mit tonloser Stimme: „Wie du willst. Du hast mich gebeten, ehrlich zu sein, also werde ich deine Bitte erfüllen. Am Anfang wollte ich dich nicht. Immer, wenn ich dich angesehen habe, hat es mich fast zerrissen. Du hast mich ständig an die Untreue meines Mannes und den Verrat meiner Schwester erinnert. Doch dann …“

Tränen stiegen ihr in die Augen, als sie Rebecca beschwörend die Hand entgegenstreckte. „Du warst ein liebreizendes Kind. Und nach einer Weile konnte ich nicht mehr anders, als mich in dich zu verlieben. Von da an war es leicht, so zu tun, als sei nichts geschehen. Als hätte ich dich wirklich ausgetragen.“

Rebecca ließ nicht zu, dass Gwyn nach ihrer Hand griff. In ihr herrschten zu viel Schmerz und Verwirrung, um liebevolle Gefühle für diese Frau zu entwickeln, die aus einer falschen Entscheidung einen lebenslangen Albtraum gemacht hatte. „Warum hast du nie wieder mit Gertrude gesprochen? Und warum hast du es nicht einmal über dich gebracht, auf ihre Beerdigung zu gehen?“

Gwyn war für einen Moment sprachlos. „Musst du mich das wirklich fragen, Rebecca? Diese Frau hat mir großes Unrecht angetan.“

„Und was hast du ihr angetan? Du hast sie genötigt, ihr Kind aufzugeben! Du hast die Identität meiner echten Mutter vor mir geheim gehalten! Das ist auch kein kleines Unrecht, sondern ein riesengroßes.“

„Schwester hin oder her … vergeben konnte ich ihr nie. Und ich frage mich ernsthaft, wie du diese Frau auch noch verteidigen kannst.“

Eine tiefe Traurigkeit ergriff Rebecca. „Ja, ich habe einen Fehler gemacht. Aber du hast dich gerächt und danach noch mehr Unrecht begangen. Wenn ein Mensch nicht vergeben kann, dann ist er nicht in der Lage zu lieben. So sehe ich das.“

Gwyn starrte sie an, und in ihren Augen war ein Hoffnungsschimmer zu sehen. „Heißt das – du bist bereit, mir zu vergeben?“

Rebecca griff nach ihrer Handtasche und stand auf. „Es ist noch viel zu früh, diese Frage zu beantworten. Wer weiß, vielleicht hat mich deine Erziehung stärker beeinflusst, als du denkst.“

Gwyn runzelte verwirrt die Stirn. „Was soll das heißen?“

„Dass ich vielleicht für den Rest meines Lebens wütend auf dich bin.“

Gwyn keuchte. „Rebecca!“

„Ich muss jetzt gehen“, sagte Rebecca schnell.

Die andere Frau stand auf, als sei sie bereit, Rebecca festzuhalten. „Du kannst doch jetzt nicht einfach verschwinden. Wann kommst du denn nach Hause zurück?“

Rebecca musste schlucken, als sie einen Kloß in ihrer Kehle verspürte. Nach Hause. Das Zuhause, in dem sie aufgewachsen war, bestand nur aus einem Lügengerüst.

Wo war jetzt ihr Zuhause? Sie wusste es nicht. In diesem Moment konnte sie nur noch an Jake denken, an seine starken, Trost spendenden Arme, an den beruhigenden Klang seiner Stimme. Er war der einzige Mensch in ihrem Leben, auf den sie sich verlassen konnte. Doch selbst er war möglicherweise nicht von Dauer.

„Das kann ich nicht beantworten. Vielleicht schon bald, vielleicht nie.“

„Rebecca, ich …“

Rebecca hatte genug gehört. Mehr als genug, um ihr Herz zu brechen.


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