Später, am selben Nachmittag, parkte Jake seinen Truck mit dem Pferdeanhänger vor dem bescheidenen Haus seiner Mutter, das sich am östlichen Rand von Ruidoso befand.
Clara saß bei seiner Ankunft auf der Veranda, und als er die Stufen hinaufkam, stand sie auf, um ihn zu begrüßen.
Heute wirkte sie etwas lebendiger. Jake war erleichtert, dass sie nicht nur auf der Couch herumlag und ihren Gesundheitszustand beklagte.
„Was für eine nette Überraschung“, sagte sie und hielt ihm die Wange für einen Begrüßungskuss entgegen. „Was führt dich in die Stadt? Bist du auf dem Weg auf die Apache Wells?“
„N… nein“, meinte er zögernd. „Ich treffe mich mit … einer Frau. Mit Gertie O’Dells Nichte.“
Clara warf einen Blick an ihm vorbei auf den Anhänger. „Und da bringst du ein Pferd mit?“ Sie ließ sich wieder auf den Weidenstuhl nieder und bedeutete ihm, auf der nächsten Sitzgelegenheit Platz zu nehmen.
Jake ließ seine große Gestalt in den Stuhl sinken und streckte die Beine aus. „Das ist richtig. Ich dachte, Rebecca hätte vielleicht Spaß an einem Ausritt. Sie hat selbst ein Pferd, das ich noch einmal untersuchen muss.“
Der skeptische Blick verschwand aus Claras Gesicht. „Oh. Wegen der Hufeisen, meinst du?“
„Nein, ich muss überprüfen, ob die Stute für einen Ausritt bereit ist.“
„Ich wusste gar nicht, dass du dich noch immer als Pferdetrainer anheuern lässt, Jake. Du bist so beschäftigt, dass du kaum noch zum Durchatmen kommst.“
„Ich weiß, Mom, aber Rebecca heuert mich nicht als Pferdetrainer an. Ich tu ihr nur einen Gefallen.“
Clara rollte die Augen und stöhnte missbilligend. „Sag jetzt bitte nicht, dass du dich mit diesem Mädchen aus Texas eingelassen hast. Gibt es nicht genug hübsche Frauen hier in der Gegend?“
„Es ist nicht so, wie du denkst, Mom.“
Sie warf ihm denselben angewiderten Blick zu, den Jake schon Hunderte Male gesehen hatte. „Diese Frau gehört nicht einmal hierher. Früher oder später geht sie dorthin zurück, woher sie gekommen ist. Das verrät mir, dass du es nicht ernst mit ihr meinen kannst. Aber du meinst es ja nie ernst, nicht wahr?“ Sie schüttelte den Kopf, blickte zum Dach der Veranda auf und seufzte. „Du wirst immer so sein wie dein Vater.“
Jake beugte sich vor und betrachtete ihr trauriges Gesicht. „Warum tust du mir das an? Ich bin nicht Lee Rollins. Ich habe keine Ehefrau mit Kind verlassen.“
„Nein“, entgegnete sie verbittert. „Das ist das Einzige, worüber ich mir keine Sorgen machen muss. Du willst ja keine Familie haben.“
Jake fluchte vor sich hin. „Ich weiß nicht, was du von mir erwartest, Mom. Erst sagst du, ich sei genau wie Lee und nicht zum Vater und Ehemann geschaffen. Und im nächsten Moment wirfst du mir vor, dass ich keine Familie habe. Kannst du vielleicht auch mal irgendetwas Positives an deinem Sohn, dir selbst oder deinem Leben entdecken?“
Sie drehte sich ruckartig zu ihm um und starrte ihn entsetzt an. „Das ist schrecklich, so etwas zu sagen.“
„Tatsächlich? Ich hätte schon längst den Mund aufmachen sollen.“
„Jake …“
„Nur weil du allein und verbittert sein willst, heißt das nicht, dass ich das auch will.“
„Wovon redest du, Jake? Du bist allein“, schnappte sie zurück. „Und das werden wir beide auch immer bleiben. Dein Vater hat uns zu dem gemacht, was wir sind.“
Jake stand abrupt auf. „Nur, weil wir es zugelassen haben.“ Er stürmte los.
„Komm zurück, Jake! Ich bin noch nicht fertig!“, rief Clara ihm hinterher.
Jake trat von der Veranda und sah seine Mutter über seine Schulter hinweg an. „Ich bin aber fertig, Mom. Und zwar mit dem ganzen verfluchten Lee-Rollins-Schlamassel.“
Eine halbe Stunde später ließ Jake seinen Wagen hinter Rebeccas altem Truck ausrollen.
Sie war also zu Hause. Deshalb stieg er aus und begann, das Pferd aus dem Anhänger zu holen.
Als er Banjo zum Stall geführt und ihn in einem kleinen Gatter von den Zügeln gelassen hatte, war Rebecca immer noch nicht aufgetaucht. Schnell ging er zum Haus zurück und klopfte an die Vordertür.
Von drinnen war kein Geräusch zu hören, und Jake glaubte schon, dass Abe oder Maura sie auf einen nachbarschaftlichen Besuch mitgenommen hatten. Doch dann hörte er endlich Schritte.
Rebecca tauchte hinter der Fliegengittertür auf, und Jake lächelte sie erleichtert an. „Rebecca! Einen Moment lang dachte ich schon, du seist gar nicht da.“
Sie stieß die Tür auf und fiel ihm wortlos schluchzend in die Arme.
„Liebes, was ist denn los? Tut dir etwas weh? Bist du krank?“
Sie hob den Kopf und versuchte zu sprechen, brachte jedoch nur weitere Schluchzer über die Lippen.
Jake schlang einen Arm um ihre Taille und führte Rebecca ins Haus.
Als er sie auf die Couch gesetzt hatte, ließ er sich neben ihr nieder und nahm ihre Hände fest in seine. „Atme tief durch, Becca. Beruhige dich. Was hat dich denn so aufgeregt?“
Sie nickte fahrig. „Es tut mir schrecklich leid, Jake. Ich wollte keine Szene machen. Aber als ich dich gesehen habe … ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.“
Wieder rollten ihr Tränen über die Wangen. Jake nahm ein Taschentuch und wischte sie ihr ab. Als er fertig war, lächelte sie dankbar. „Bist du krank, Rebecca?“
Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Aber was ich erlebt habe, könnte man eher … als Schock bezeichnen.“ Sie wand ihre Hände aus seinem Griff und strich sich eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht. „Heute Nachmittag habe ich mir Gertrudes Briefe angesehen und ganz zufällig herausgefunden, dass sie … meine Mutter war!“
Jake starrte sie fassungslos an. „Habe ich gerade richtig gehört? Sagtest du Mutter?“
Rebecca nickte und stieß einen langen, schaudernden Seufzer aus. „Ganz richtig. Gertrude war meine Mutter.“
„Aber wie? Bist du dir sicher?“
Sie sprang auf und begann, im Wohnzimmer auf und ab zu gehen. „Ich habe Briefe gefunden, die mein Vater an Gertrude geschrieben hat. Er nannte sie Gerta und beklagte die Tatsache, dass sie nicht zusammen sein konnten.“ Sie sah Jake traurig an. „Und was er geschrieben hat … es ist eindeutig, dass er sie liebte. Ich bin noch immer ganz durcheinander.“ Sie verbarg das Gesicht in ihren Händen.
Jake fühlte mit ihr. „Bist du ganz sicher, Rebecca? Nur weil er Gertrude geliebt hat, macht sie das nicht gleich zu deiner Mutter. Und wenn sie wirklich deine Mutter war, warum hat sie dich dann nicht großgezogen?“
Sie ließ die Hände wieder sinken und starrte ihn hilflos an. „Ich werde noch verrückt, Jake. Das muss ich alles herausfinden, Jake. Nichts von all dem ergibt einen Sinn.“
„Weiß deine Mutter – die dich großgezogen hat – dass du die Briefe gefunden hast?“
Sie nickte eifrig. „Gleich, nachdem ich die Briefe entdeckt habe, rief ich meine … rief ich Gwen an und habe sie mit dem Inhalt konfrontiert. Sie hat nicht versucht, irgendetwas zu leugnen, sondern sagte nur, sie würde versuchen, für morgen einen Flug nach Ruidoso zu bekommen.“
Rebecca schluchzte kurz auf. „Dort soll ich sie treffen, damit wir uns unterhalten können. Offenbar hat sie jetzt begriffen, dass sie die Wahrheit nicht länger geheim halten kann. Was das jedoch ist … ich kann mir nicht vorstellen, was sie mir zu erzählen hat. Ich weiß nur, dass meine leibliche Mutter tot ist. Und dass ich nie die Möglichkeit hatte, sie kennenzulernen, sie zu berühren oder ihre Stimme zu hören. Und das macht mich fertig, Jake.“
Der Schmerz in ihrer Stimme brachte Jake dazu aufzustehen, Rebecca in seine Arme zu schließen und ihren Kopf tröstend an seine Brust zu betten.
„Die Wahrheit, wie auch immer sie aussieht, ändert nichts daran, dass du ein wundervoller Mensch bist. Die Zeit heilt alle Wunden. Vertrau mir.“
Sie legte den Kopf zurück und sah ihn mit tränenverschleiertem Blick an. „Oh, Jake, ich bin froh, dass du da bist“, flüsterte sie heiser. „Ich brauche dich. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr.“
Brauchen. Nicht wollen. Brauchen.
Die Vorstellung, dass diese Frau ihn auf irgendeine Weise brauchte, erstaunte Jake und erfüllte sein Herz mit einer Wärme wie nie zuvor. Und als er sah, wie der dunkle Schmerz in ihren Augen einem weicheren, lieblicheren Ausdruck wich, da konnte er nicht mehr anders, als sie zu küssen.
Ein schwaches Stöhnen erklang tief in ihrer Kehle. Oder war es ein kapitulierendes Seufzen? Was es auch war, das Geräusch ließ ihn vergessen, dass er sie eigentlich trösten sollte.
Hitze wallte in ihm auf, als er Rebecca fester an sich zog und sie sich an ihn schmiegte.
Der Geschmack ihrer Lippen glich dem eines kostbaren Weins, von dem er niemals genug bekommen konnte.
Gleichzeitig bog sie sich ihm entgegen und streichelte seine Brust.
Das Spiel seiner Lippen wurde heftiger und dringlicher, und sie erwiderte jede seiner verzweifelten Bewegungen mit fieberhaftem Verlangen – bis sein ganzer Körper danach schrie, wieder mit ihr zu schlafen.
„Ich bin wohl ein Mistkerl, Rebecca, weil ich dich so sehr begehre – jetzt, in diesem Moment. Du brauchst …“
„Ich brauche dich. Nur dich“, unterbrach sie ihn flüsternd. „Nimm mich, Jake. Lass mich alles andere vergessen. Ich will nur ganz nahe bei dir sein.“
Er küsste sie wieder, dieses Mal zärtlicher, und dann ergriff sie seine Hand und führte ihn den kurzen Gang entlang bis zu ihrem Schlafzimmer.
Der kleine Raum besaß nur ein Fenster zum Hof. Es hatte keine Vorhänge und war in der kühlen Brise geöffnet.
Als sie Jake neben sich auf ihr Bett zog, strich die nach Salbei duftende Brise über ihre erhitzten Körper und zerzauste die blonde Haarsträhne, die über ihrer Schulter lag.
Augenblicke später lagen sie nebeneinander, ihre Gesichter nur Zentimeter voneinander entfernt. Jake fragte sich, wie lange er Rebecca wohl noch so für sich selbst haben konnte. Sie hatte einen Wendepunkt in ihrem Leben erreicht. So viel war ihm klar. Und den Weg, den sie am Ende einschlagen würde, führte mit hoher Wahrscheinlichkeit weg von Lincoln County – und damit auch weg von ihm.
Dieser Gedanke ließ ihn frösteln, und er versuchte, ihn beiseitezuschieben, während er sie umarmte und an sich presste, als wollte er sie nie wieder loslassen.
Am darauffolgenden Nachmittag fuhr Rebecca zum Flughafen von Ruidoso und wartete auf die Landung von Gwen Hardaways kleinem Flieger.