Hörst du die Brandung des Meeres? - Kapitel 1

Max Loveday stürmte ins Büro seines Vaters und hielt ihm die neueste Pressemitteilung unter die Nase. „Was soll das? Wozu braucht DL Media eine Dating-App?“

Vor einem Jahr hatte sein Vater die Geschäftsleitung übernommen und befand sich seither in einem Kaufrausch, der die Firma finanziell stark belastete.

„Max, was für eine nette Überraschung“, begrüßte Steven Loveday seinen Sohn. Seine imposante Erscheinung und die tiefe Stimme verliehen ihm auf den ersten Blick eine seriöse Ausstrahlung. „Seit wann bist du zurück aus Sydney?“

Entnervt runzelte Max die Stirn. Er hatte seinem Vater direkt nach der Landung eine E-Mail geschrieben. „Seit zwei Stunden.“

„Du hättest nicht gleich hierherkommen müssen. Nimm dir doch den Tag frei und besuche deine Mutter.“ Steven strahlte, als erwiese er Max einen großen Gefallen.

„Keine Zeit.“ Max deutete auf das Blatt, das seine Assistentin ihm bei der Ankunft in die Hand gedrückt hatte. „Wieso hast du das nicht mit mir abgesprochen?“

Theatralisch stützte sein Vater die Ellbogen auf den Schreibtisch und legte den Kopf in die Hände. Nun wirkte er wie der weise Patriarch in einem alten Film. „Dein Großvater hat dir freie Hand gelassen. Inzwischen gehört die Firma aber mir.“

Das war nur zum Teil korrekt. Steven und Max besaßen jeweils ein Drittel der Anteile. Über das letzte, entscheidende Drittel durfte Steven so lange verfügen, bis er in den Ruhestand trat. Danach sollte es an Max fallen – sofern die Firma dann überhaupt noch existierte, oder Max den Vorstand nicht vorher zu einem Misstrauensvotum bewegen konnte …

„Großvater hat meinem Urteil vertraut.“ Frustriert zerknüllte er die Pressemitteilung in seiner Hand. Im Gegensatz zu dir, dachte er. „Unser Fünfjahresplan hat uns sicher durch die Finanzkrise gebracht. Wir müssen uns auf unsere Kernkompetenzen konzentrieren und dürfen uns nicht ablenken lassen von …“ Max suchte nach der richtigen Bezeichnung. Neuen Spielsachen, schoss ihm durch den Sinn. „Von verlockenden Investitionsmöglichkeiten.“

Steven Loveday seufzte. „Leider war dein Großvater kein Visionär. Er verstand sich aufs Publizieren, nur haben Bücher längst ausgedient. Wir müssen expandieren, die digitale Welt erobern.“

Max starrte seinen Vater verblüfft an. Glaubte er wirklich, dass es seinem Großvater an Weitsicht gefehlt hatte?

„Er hat DL weltweit ein hervorragendes Renommee verschafft“, protestierte er. Aber nun stand sein Vater im Begriff, den guten Ruf der Firma zu verspielen. Wie hieß es doch: Die erste Generation baut auf, die zweite erweitert und die dritte verprasst alles. Steven Loveday war auf dem bestem Weg, das alte Sprichwort in Rekordzeit zu bestätigen.

Wütend ballte Max die Hände. Aber nicht mit mir!

„Alle haben sich um diese App gerissen, Max. Hast du das Konzept nicht gelesen? Es ist genial. Wenn du dich langweilst und nicht alleine ausgehen willst, loggst du dich einfach ein, knüpfst online Kontakte, reservierst einen Tisch im Restaurant, buchst ein Taxi und sogar ein Hotelzimmer, falls der Abend gut läuft. Das ist die Revolution des Online-Dating!“

Und was hat das mit dem Verlagswesen zu tun? fragte sich Max. Er begann, aufgebracht hin- und herzulaufen. „Wir können uns die App nicht leisten. Sie passt auch nicht ins Kerngeschäft.“

„Euer Fünfjahresplan hat längst ausgedient. Wir müssen mit der Zeit gehen.“

„Deswegen haben wir ja E-Books groß herausgebracht. Unsere interaktiven Reise- und Sprachführer sind Marktführer, sogar unsere Zeitschriften machen Profit.“ Wieso erkläre ich dir das überhaupt? überlegte Max. Sein Vater hatte sich nie wirklich für die Firma interessiert. Aus diesem Grund hatte sein Großvater lange mit sich gerungen, ob er ihn zugunsten seines Enkels übergehen sollte. Letztendlich jedoch hatte er es nicht übers Herz gebracht, sein einziges Kind öffentlich zu demütigen. Nun musste DL Media den Preis zahlen.

Die spannungsgeladene Stille wurde unvermittelt durch laute Hip-Hop-Musik unterbrochen, und Steven griff nach seinem Handy. Als er auf das Display sah, leuchteten seine Augen auf. „Hallo, Schatz!“

Max brauchte das Kichern am anderen Ende nicht zu hören, um zu wissen, wer anrief. Insgeheim wunderte er sich, dass die jüngste Affäre seines Vaters nach sechs Monaten noch immer nicht zu Ende war. Statt wie sonst eine kurze, intensive Beziehung im Verborgenen zu führen, hatte Steven seine Frau verlassen und seiner Geliebten ein Liebesnest eingerichtet.

„Mandy lässt dich grüßen.“

Max murmelte etwas Unverständliches. Er hatte der Geliebten seines Vaters nichts zu sagen. Sie war etliche Jahre jünger als er und einmal seine eigene Assistentin gewesen.

Um nicht dem Liebesgeplänkel seines Vaters zuhören zu müssen, zog er sein Handy hervor und arbeitete sich durch die lange Liste von E-Mails, die sich wie die Köpfe der Hydra zu vermehren schienen: Löschte er eine, gingen sofort zehn neue ein. Sein Vater war Chef des Konzerns, den Großteil der Arbeit erledigte allerdings Max. Doch so fleißig er auch war, es wurde einfach nicht weniger.

Löschen, weiterleiten, markieren, löschen, auf jeden Fall löschen … Kopfschüttelnd überflog er die neueste Mail von Ellie Scott. Was wollte die alte Jungfer nun schon wieder?

Er kannte sie zwar nur durch ihre Mails, hatte sich aber bereits innerlich ein Bild von ihr gemacht. Sie musste so alt sein wie seine kürzlich verstorbene Großtante, trug Tweedkostüme, Hornbrille und vernünftige Schuhe, spielte Bridge und Golf und aß zum Frühstück Bückling mit trockenem Toast, genau wie die unverheirateten alten Damen in englischen Fernsehserien. Der herrische Tonfall ihrer Mails schien seine Meinung zu bestätigen.

Seit Wochen drangsalierte sie ihn mit E-Mails, forderte Informationen, Unterschriften, Beiträge und, was noch schlimmer war, seine Anwesenheit in England. Das Vermächtnis seiner Großtante, in dem kleinen Dorf am Ende der Welt ein Literaturfestival ins Leben zu rufen, lag ihr offensichtlich sehr am Herzen. Dummerweise hatte Max Wichtigeres zu tun. Er würde die Aufgabe delegieren oder ganz ablehnen – und jemanden finden, der das Haus auflöste, das Großtante Demelza ihm hinterlassen hatte.

Zuvor musste er allerdings das Chaos ordnen, das sein Vater angerichtet hatte.

Max löschte die Mail und arbeitete sich durch die folgenden. Plötzlich erstarrte er. Er blinzelte und las noch einmal:

 

    Anteile an der Firma …

    Ihre Großtante …

    Fünfundzwanzig Prozent…

 

Das kann doch nicht wahr sein! Max warf seinem Vater einen verstohlenen Blick zu. Hatte seine Großtante Demelza tatsächlich noch fünfundzwanzig Prozent der Anteile an DL Media besessen, obwohl sie sich vor Jahren schon im Streit von Firma und Familie getrennt hatte? Wenn ja, würde das seine Situation bei DL Media grundlegend verändern, denn sie hatte ihm neben ihrem Haus ihren gesamten Besitz vermacht.

Miss Scott, heute ist Ihr Glückstag! dachte Max. Er würde schnellstmöglich nach England, genauer nach Cornwall, aufbrechen.

„Entschuldige.“ Steven warf ihm einen kleinlauten Blick zu. „Ich wäre dir dankbar, wenn du gelegentlich mit deiner Mutter reden würdest.“

Max seufzte. Offenbar sollte er wieder einmal den Mittler im ständigen Ehekrieg seiner Eltern spielen. Jedes Mal nahm er sich fest vor, sich zu weigern, doch wer außer ihm konnte seine Eltern zur Vernunft bringen? Schon als Kind hatte er diese Rolle übernehmen müssen. „Sie würde dich sicher lieber persönlich sprechen.“

Verlegen senkte sein Vater den Blick und spielte mit einer Büroklammer auf seinem Schreibtisch. „Mein Anwalt hat mir von direktem Kontakt abgeraten.“

Max erstarrte. „Anwalt? Wozu brauchst du denn einen Anwalt?“

„Du wirst bald großer Bruder.“

 

Vor Schreck verschlug es Max den Atem.

„Mandy ist schwanger. Wir haben uns verlobt und werden heiraten, sobald ich von deiner Mutter geschieden bin. Wirst du mein Trauzeuge sein?“

„Scheidung?“ Fassungslos schüttelte Max den Kopf. Den Gedanken an das Baby schob er weit von sich. „Du hast dich schon so oft verliebt und dann gemerkt, dass du keine andere als Mom willst!“ Max hätte auf Anhieb acht Fälle aufzählen können. Von Scheidung war niemals die Rede gewesen.

„Deine Mutter verlangt den Gegenwert von fünfzig Prozent meiner Firmenanteile – und zwar in bar! Sprich du mit ihr. Auf dich hört sie.“

Eine kostspielige, öffentliche Scheidung könnte den Ruin der Firma bedeuten. Max sah nur zwei Möglichkeiten: Er musste seinem Vater helfen oder den Vorstand einberufen und ihm die Kontrolle entziehen lassen. Beides würde öffentliches Aufsehen erregen, der Firma großen Schaden zufügen – und seine Familie zerreißen. Das war nicht im Sinne seines Großvaters, doch einen anderen Weg sah er im Moment nicht.

Eine Ader pochte an Max’ Schläfe. Er würde mit seiner Mutter, seinem Vater und dem Vorstand reden müssen, die Bücher prüfen und sich einen klugen Plan zurechtlegen.

Nachdenklich betrachtete er das Aquarell an der gegenüberliegenden Wand. Es hatte seinem Großvater gehört und als einziges von dessen Besitztümern die Modernisierung des Büros überstanden. Unter einem blauen Himmel lag die aufgewühlte See, dahinter ragten schroffe Klippen auf, die zu grünen Wiesen hin abfielen. Im Hintergrund lag der Hafen von Trengarth, dem Dorf, das sein Urgroßvater vor vielen Jahren verlassen hatte. Max meinte fast, die salzige Meeresbrise zu riechen, die Wellen an die Küste schlagen zu hören.

„Ich verreise für zwei Wochen. Das Londoner Büro hat um Hilfe gebeten, außerdem muss ich Großtante Demelzas Nachlass regeln. Diesmal musst du dich selbst um Mom kümmern, Dad. Wirf nicht alles Gute fort, nur wegen einer kurzfristigen Besessenheit.“

Damit machte er auf dem Absatz kehrt und reagierte auch nicht, als sein Vater ihm hinterherrief: „Diesmal ist es anders. Ich liebe Mandy aufrichtig.“

Das hatte Max schon viel zu oft gehört. Sein Vater machte dem Namen Loveday wirklich alle Ehre!

Max dagegen hatte mit Liebe nichts im Sinn. Er glaubte genauso wenig daran wie an den Weihnachtsmann. Für ihn standen Familie, gesellschaftliche Stellung und die Firma an erster Stelle.

 

„Ellie, ich habe über das Literaturfestival nachgedacht.“

Ellie Scott schaffte es gerade noch, die Augen nicht zu verdrehen. Sie hatte nichts gegen selbständiges Denken, auch nicht bei ihrer Mitarbeiterin. Zum Reiz eines Buchladens gehörte es ja gerade, zu erleben, wie Menschen ihren Horizont erweiterten und sich neue Welten erschlossen. Sobald ihre überaus fleißige, freundliche und kompetente Assistentin jedoch auf das Festival zu sprechen kam, wäre sie am liebsten davongelaufen.

„Prima. Merken Sie sich alles gut, Mrs. Trelawney. Ich beginne so schnell wie möglich mit der Vorbereitung.“

Die ältere Frau legte den Staubwedel beiseite, mit dem sie gerade die Bücherregale bearbeitete, und seufzte. „Das sagen Sie ständig, Ellie. Und ich verteidige Sie nach Kräften. Sie ist halt neu zugezogen, sage ich den Leuten, und es ist zwar seltsam, dass Miss Loveday ihr das Geld hinterlassen hat und keinem Einheimischen, aber Trengarth liegt ihr am Herzen.“

Ellie seufzte. „Mrs. Trelawney, Sie wissen so gut wie ich, dass die zwei Kuratoren gemeinsam handeln müssen. Mir sind die Hände gebunden, bis Miss Lovedays Neffe uns die Ehre gibt. Und ja“, kam sie einem Einwand zuvor. „Ich habe ihm geschrieben und auch die Anwälte gebeten, ihn zu kontaktieren. Ich möchte genauso gern loslegen wie Sie.“

„Wieso wollen Sie unbedingt ein kleines Vermögen loswerden?“

Mrs. Trelawney wollte einfach nicht begreifen, dass Ellie kein Geld geerbt hatte. Dabei war der Wortlaut des Testaments eindeutig: Ellie und der zweite Kurator waren angewiesen, mit dem Barvermögen der Verstorbenen ein jährliches Literaturfestival in dem kleinen Dorf in Cornwall zu etablieren.

Die Meinung der Dorfbewohner dazu war geteilt. Die meisten machten Ellie für Demelza Lovedays Entschluss verantwortlich, und sie begriffen nicht, dass sie das Geld nicht auf andere, aus ihrer Sicht nützlichere Weise, ausgeben durfte.

„Ich verstehe Ihre Ungeduld, und ich verspreche, dass ich Miss Lovedays Neffen persönlich in Amerika aufspüren und zur Zusammenarbeit zwingen werde, wenn er sich nicht bis nächsten Monat meldet.“ Nur wie sie das anstellen sollte, wusste Ellie nicht. Sie hatte keine Idee, wo er überhaupt lebte.

„Hm.“ Wenig überzeugt wandte Mrs. Trelawney sich wieder den ohnehin blitzblanken Regalen zu.

Ellie tat einen Schritt zurück und betrachtete kritisch die Auslage, die sie gerade mit Büchern bestückt hatte. Sie sollten zum Lesen am langen weißen Sandstrand von Trengarth animieren – oder gemütlich auf der Couch, falls das Wetter nicht mitspielte. Mit den Schulferien fing nächste Woche die allzu kurze Hochsaison an. Trengarth brauchte dringend eine Attraktion, die auch zu anderen Zeiten des Jahres über Touristen anzog – wie beispielsweise das Festival.

Wenn ich nur endlich ans Planen gehen könnte!

Verstohlen sah Ellie zu ihrer Assistentin hinüber. Mrs. Trelawney, eine Einheimische, trug das Herz am rechten Fleck. Die zahlreichen Häuser im Dorf, die von Oktober bis Ostern leer standen, waren ihr ein Dorn im Auge.

„Wenn ich nicht bald eine Antwort bekomme, lasse ich prüfen, ob nicht ein anderer seinen Platz einnehmen kann. Nur würde ich das Geld lieber nicht für Anwälte ausgeben. Vielleicht müssen wir einfach geduldiger sein.“

Von Max Loveday war Ellie nur bekannt, dass er für DL Media arbeitete, einen der sechs größten Verlage weltweit. Welche Stellung er dort innehatte, wusste sie nicht. Sie hoffte, dass er zumindest über nützliche Kontakte verfügte, die ihr als Besitzerin einer unabhängigen kleinen Buchhandlung am Ende der Welt fehlten.

Die Türklingel schlug an, und Ellie wandte sich um, dankbar für die Unterbrechung.

Ein Mann trat ein, der alles andere als freundlich wirkte. Um seinen Mund lag ein strenger Zug, er blickte sich abfällig in der gemütlichen kleinen Buchhandlung um.

Schade, dachte Ellie, denn eigentlich sah er fantastisch aus. Ihre Kundschaft bestand größtenteils aus Familien und älteren Dorfbewohnern. Junge, attraktive Männer fanden nur selten den Weg zu ihr. Sie schätzte ihn auf knapp dreißig, er war hochgewachsen und trug das dunkle Haar kurz geschnitten. Ein Bartschatten betonte die markanten Züge und die faszinierenden hellbraunen Augen – aus denen er Mrs. Trelawney wütend anfunkelte.

Unwillkürlich fragte sich Ellie, was ihre Assistentin ihm angetan haben mochte? „Miss Scott?“, fragte er kurz angebunden.

Der schneidende Tonfall ließ Ellie zusammenzucken. Sie musste sich zwingen, nicht zurückzuweichen. Das hier ist dein Laden, sagte sie sich. Niemand kann dir etwas befehlen. Jetzt nicht mehr!Ich bin Ellie Scott. Kann ich Ihnen helfen?“

„Sie?“ Verblüfft sah der Fremde sie an. „Sie sind doch kaum erwachsen!“

„Mit fünfundzwanzig Jahren bin ich das durchaus.“ Aus seinem amerikanischen Akzent schloss sie spontan, dass er der zweite Kurator sein musste. Sein unfreundliches Auftreten war womöglich den Auswirkungen des Jetlags geschuldet. Das ließ sich sicher leicht mit einer Tasse Kaffee und einem Stück Kuchen in Ordnung bringen.

Höflich reichte Ellie ihm die Hand. „Bitte nennen Sie mich Ellie. Sie sind sicher Max. Schön, Sie kennenzulernen.“

„Sie sind also die Frau, der meine Großtante ihr halbes Vermögen hinterlassen hat. Sagen Sie …“ Statt ihre Hand zu ergreifen, starrte er Ellie an, als wäre sie eine hässliche Kröte. „Was finden Sie schlimmer: Einen älteren Mann seines Geldes wegen zu heiraten, oder sich aus demselben Grund bei einer alten Dame einzuschleimen?“

 


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