Max betrat Ellie Scotts Buchhandlung mit zwei Absichten: Er wollte die Schlüssel zum Haus seiner Großtante abholen und der herrschsüchtigen Buchhändlerin klarmachen, dass er das Vermächtnis seiner Großtante nach seinem Zeitplan umsetzen würde.
Dann ging alles schief. Statt einer alten Jungfer stand er einer zierlichen, blassen jungen Frau gegenüber, die auf den ersten Blick wie eine graue Maus wirkte. Erst bei genauerem Hinsehen erkannte er ihre zarte Schönheit: die riesigen braunen Augen, das hellbraune Haar, in dem das Licht faszinierende Farbakzente aufleuchten ließ. Vor ihm stand keine abgedrehte Künstlerin, sondern eher der Typ schutzbedürftiges Reh. Oder war das etwa eine Mitleidsmasche?
Max hatte sich die zweite Treuhänderin als alte Freundin seiner Großtante vorgestellt. Die junge Frau vor ihm erinnerte ihn schmerzlich an das Chaos, das sein Vater gerade anrichtete.
„Pardon?“, riss Ellie Scott ihn aus seinen Gedanken. Ihre Stimme bebte, doch sie sah ihn unerschrocken an.
„Sie haben schon verstanden!“ Plötzlich wurde Max sich der älteren Dame in Tweed bewusst, die er zunächst für die zweite Kuratorin gehalten hatte. Sie stand an der Ladentheke und verfolgte aufmerksam das Gespräch.
„Ich wollte Ihnen Gelegenheit geben, Ihre Frage zurückzuziehen oder sich zu entschuldigen.“
Max betrachtete die junge Frau jetzt genauer. Ihr eindringlicher Blick und die geraden Augenbrauen ließen auf einen starken Charakter schließen.
„Wenn Sie das nicht tun, schlage ich vor, Sie verschwinden und kommen erst wieder, sobald Sie sich Ihrer guten Manieren besonnen haben.“
Max glaubte, sich verhört zu haben. „Was?“
„Gehen Sie und kommen Sie nicht wieder, bis Sie sich benehmen können.“
Verärgert starrte Max sie an, aber Ellie blieb standhaft. Nur ihre zu Fäusten geballten Hände zitterten fast unmerklich.
„Es ist noch nicht vorbei“, warnte er sie auf dem Weg zur Tür. „Ich finde schon noch heraus, wie Sie sich ins Herz meiner Tante geschlichen haben. Dann hole ich jeden Cent zurück, den Sie ihr abgenommen haben.“ Mit lautem Knall fiel die Tür hinter ihm ins Schloss.
Draußen wurde er von einem kühlen Windstoß empfangen. Es war bereits Juli, doch darauf nahm das Wetter in Cornwall keine Rücksicht. Max, der das mildere Klima Connecticuts gewöhnt war, reagierte mit einer Gänsehaut an den Armen. Die Kälte brachte ihn zur Besinnung.
Was hast du dir nur gedacht? fragte er sich unwillkürlich. Sein Auftritt war gründlich nach hinten losgegangen.
Er atmete tief durch, würzige Seeluft füllte seine Lungen. Es war dumm gewesen, nach der langen Anreise sofort die Buchhandlung aufzusuchen, zumal ihm die hässliche Szene mit seinem Vater immer noch im Kopf herumspukte.
Welche Dummheiten würde sein Vater wohl begehen, bis er zurückkehrte? Welchen Schaden würden die Wut und Enttäuschung seiner Mutter anrichten?
Langsam wanderte Max den steilen, schmalen Bürgersteig hinauf. Dabei sah er sich neugierig um. Er befand sich im südwestlichsten Teil Englands, an dem Ort, den sein Urgroßvater verlassen hatte, um ein neues Leben in Übersee zu beginnen.
Und jetzt bin ich hier, dachte Max.
Er drehte sich einmal im Kreis, um alles in sich aufzunehmen. Es roch wie auf Cape Cod, wo er zahlreiche Sommerferien verbracht hatte, nur die flachen Dünen fehlten. Stattdessen zog sich das Dorf terrassenförmig einen steilen Hang hinauf. Auf dem Gipfel thronte das rund gebaute weiße Haus, das Großtante Demelza ihm hinterlassen hatte. Hoffentlich gibt es dort Kaffee und etwas zu essen, dachte er. Ein Bett. Und eine Lösung für seine Probleme.
Tief unter ihm waren die Küste und die schmale Straße, die am Meer entlang führte. Zur Linken befand sich der alte Hafen mit den Fischerbooten, während weiter draußen Segelboote und Motorjachten ankerten. Oberhalb des Hafens prangten die Häuschen der Fischer in einem bunten Farb- und Stilmix.
Eine Reihe von Geschäften säumte die Küstenstraße bis zum Damm, wo sich ein breiter Strand anschloss. Trotz der Kälte bewegten sich mehrere Surfer in den Wellen. In ihren Neoprenanzügen sahen sie aus wie schlanke Seehunde.
Das mache ich auch, nahm Max sich vor. Er würde sich ein Surfbrett mieten oder vielleicht ein Segelboot, und auf dem Meer seine Sorgen vergessen. Er würde so tun, als wäre er nichts weiter als ein amerikanischer Tourist auf der Suche nach seinen Wurzeln.
Wie hübsch es hier ist, ging es ihm durch den Sinn. Die Umgebung kam ihm vertraut vor. Ein Wunder war das nicht, die meisten Aquarelle im Arbeitszimmer seines Großvaters waren hier entstanden. Es gibt unangenehmere Orte, um Probleme zu lösen, dachte er.
Zunächst musste er allerdings erst einmal ins Haus seiner Tante gelangen – zu dem Ellie Scott die Schlüssel verwahrte. Er würde zu ihr zurückkehren und sich entschuldigen müssen, so sehr ihm das auch widerstrebte.
Beiß die Zähne zusammen und los, sprach er sich Mut zu.
Ellie rang um Fassung, gleichzeitig war sie stolz auf sich. Sie hatte nicht gekniffen, auch nicht vor Angst geschlottert, geweint oder versucht, Max Loveday zu beschwichtigen. Stattdessen war sie ihm äußerlich gefasst gegenübergetreten.
Sein schneidender Ton, seine kalten vorwurfsvollen Blicke hatten schlimme Erinnerungen in ihr geweckt. Drei Jahre lang hatte sie alles getan, um genau diesen Ton und diesen Blick zu vermeiden. Weitere drei Jahre hatte sie versucht, jene schreckliche Zeit zu vergessen. Und das war ihr auch gelungen – bis vor wenigen Minuten.
Verdammter Mistkerl, dachte sie. Gleichzeitig ärgerte sie sich über ihre bebenden Hände und Knie. Sie hatte geglaubt, stärker zu sein und die Vergangenheit überwunden zu haben.
Zum Glück war Mrs. Trelawney da. In ihrer Gegenwart musste Ellie sich zusammenreißen.
Sie warf den Kaffeeautomaten an und begann, die Kuchen auszupacken, die sie im Boat House Café am Hafen gekauft hatte. Ellies Traum war eine große Buchhandlung mit integriertem Café gewesen. Stattdessen besaß sie einen niedlichen kleinen Laden mit gerade genügend Raum für ihre Bücher. Ein Café ließ sich hier beim besten Willen nicht mehr unterbringen. Daher begnügte sie sich damit, auf einer Theke Scones und Kuchen aus der nahe gelegenen Bäckerei anzubieten. Das machte eine Küche überflüssig.
„Heute gibt es Walnuss- und Orangenscones“, erklärte sie Mrs. Trelawney, die gerade damit beschäftigt war, ihre Bekannten per SMS über den Vorfall im Buchladen zu unterrichten. „Dazu Vanillecupcakes und einen Möhrenkuchen.“
„Für Kuchen ist es mir noch zu früh, aber einen Kaffee hätte ich gerne. Bitte.“
Ellie erstarrte förmlich, als sie den amerikanischen Akzent hörte, dann riss sie sich zusammen, lächelte süß und wandte sich um. „Hier herrscht Selbstbedienung. Anschließend zahlt man an der Kasse. Für Sie gilt das allerdings nicht. Besorgen Sie sich Ihren Kaffee anderswo.“
„Können wir vielleicht irgendwo ungestört reden?“ Max sah nervös zu Mrs. Trelawney hinüber.
Unwillkürlich beschleunigte sich Ellies Pulsschlag. Mit diesem Mann würde sie nirgendwo hingehen, da mochte er so gewinnend lächeln, wie er wollte. „Sie hatten keine Skrupel, mich vor meiner Assistentin zu beschimpfen.“
„Da haben Sie recht.“
Dass er so schnell kapitulieren würde, hatte Ellie nicht erwartet. So ungern sie es sich auch eingestand, es sprach für ihn. „Sagen Sie, was Sie zu sagen haben.“
„Ich habe mich vorhin daneben benommen.“
Ellie verschränkte die Arme vor der Brust und hob die Augenbrauen. So einfach würde sie ihn nicht davonkommen lassen. „Und?“
„Es tut mir leid. Ich war außer mir wegen familiärer Probleme. Das entschuldigt mein Verhalten allerdings nicht.“
„Sagen Sie, Mr. Loveday … Was ist schlimmer? Wenn man einen Mann des Geldes wegen verführt oder eine alte Dame um ihr Vermögen bringt? Was genau werfen Sie mir eigentlich vor?“
„Ich halte beides für gleichermaßen abscheulich“, meinte er düster und warf ihr einen finsteren Blick zu.
Ellie merkte ihm an, dass er nichts bereute und seine Meinung über sie nicht geändert hatte. „Das finde ich auch. Außerdem finde ich es unverschämt, Fremden haltlose Vorwürfe zu machen und anschließend nicht ernst gemeinte Entschuldigungen vorzubringen, nur um die Schlüssel zu einem Haus und eine Tasse Kaffee zu bekommen. Möchten Sie sich dazu äußern?“
