Hörst du die Brandung des Meeres? - Kapitel 3

Den ganzen Tag über herrschte Hochbetrieb in ihrer Buchhandlung, sodass Ellie keine Zeit zum Grübeln fand. Die Einheimischen versuchten, ihr oder Mrs. Trelawney Informationen über Max Loveday zu entlocken. Fast alle kauften etwas, und wenn es nur eine Tasse Kaffee war.

Dann war endlich Feierabend. Ellie ließ sich viel Zeit beim Aufräumen. Normalerweise liebte sie die Ruhe in ihrer Wohnung, an diesem Abend aber fürchtete sie sich davor. Sie wusste, sie würde an ihre Begegnung mit Max Loveday denken, an jede schneidende Bemerkung, jeden scharfen Blick – und sich anschließend an die Jahre mit ihrem Exverlobten erinnern. Davor grauste ihr.

Das tägliche Ritual zum Ladenschluss beruhigte sie. Ihr Geschäft war von Anfang an ihr Zufluchtsort gewesen. Sie hatte die Einrichtung geplant, die Wände eigenhändig in bunten Farben gestrichen, Bilder und Poster aufgehängt und die Bücher persönlich eingeräumt. Niemand redete ihr hier rein oder unterstellte ihr mangelnden Ordnungssinn.

Schließlich stand jedes Buch am rechten Platz, selbst die Kinderbücher waren in alphabetischer Reihenfolge sortiert, was der nächste Dreijährige in Sekundenschnelle zunichte machen würde. Sämtliche Regale waren abgestaubt, die Kissen auf Sofas, Stühlen und Bänken ausgeschüttelt, der Boden gewischt und die übrig gebliebenen Kuchen in Frischhalteboxen verstaut. Es gab nichts mehr zu tun.

Ellie schaltete die Lichter aus und sah sich ein letztes Mal um. „Danke“, flüsterte sie. Hätte Demelza Loveday sie nicht ermutigt, ihre Träume zu verwirklichen, hätte sie ihr das Ladenlokal nicht vermietet, wo wäre Ellie heute?

Mit ihrem Testament hatte Miss Loveday sogar sichergestellt, dass Ellie für immer bleiben konnte. Der Laden und die Wohnung gehörten ihr – zu Ellies großer Überraschung. Es war ein wunderschönes, durchdachtes Geschenk und der einzige Lichtblick in den grauen Wochen nach Miss Lovedays Tod gewesen.

Als es an der Tür klopfte, zuckte Ellie zusammen. Das Geschlossen-Schild hing bereits an der Tür, nur wäre es nicht das erste Mal, dass jemand ein Geschenk in letzter Minute brauchte.

„Ich komme“, rief sie, ging zur Tür, schob die Riegel zurück und öffnete einen Spalt weit. Verblüfft registrierte sie die hochgewachsene Gestalt mit dem kurz geschorenen dunklen Haar und dem Bartschatten am Kinn. „Wollten wir uns nicht erst morgen treffen?“

„Ich möchte mich noch einmal bei Ihnen entschuldigen.“ Max hielt eine Flasche Rotwein hoch. „Die stammt aus Großtante Demelzas Weinkeller. Ihre Sammlung ist eindrucksvoll.“

„Jetzt gehört sie Ihnen.“ Ellie griff nicht nach der Flasche, stattdessen hielt sie sich am Türrahmen fest.

Max schnitt eine Grimasse. „An den Gedanken kann ich mich so schnell nicht gewöhnen. Beim Duschen bin ich mir vorgekommen wie ein Eindringling. Ich kannte Großtante Demelza ja nicht einmal.“

Duschen? Vor ihrem geistigen Auge sah Ellie ihn unter der Brause stehen, das Wasser lief an seinem sonnengebräunten Körper herab … Ihr Magen tat einen Satz. Hastig verdrängte sie das Bild. Ihre Libido hatte jahrelang auf Eis gelegen. Warum musste sie ausgerechnet in diesem unpassenden Moment erwachen?

„Ich wollte Ihnen auch noch Pralinen mitbringen, aber der Lebensmittelladen ist geschlossen.“ Er deutete auf den kleinen Supermarkt ein Stück die Straße hinunter. „Heute Morgen war er auch zu. Ist er überhaupt irgendwann geöffnet?“

Dankbar griff Ellie das unverfängliche Thema auf. „In den Schulferien macht er länger auf, ansonsten sind die Öffnungszeiten begrenzt. Es ist okay, wenn man sie kennt, kann für Touristen aber frustrierend sein. Dann fahren sie zum großen Supermarkt in die Nachbarstadt, worüber sich wiederum der Ladenbesitzer beklagt.“

Sie konzentrierte sich darauf, nicht auf die sonnengebräunten Arme unter dem T-Shirt oder seine breite Brust zu starren. „Sie hätten mir nichts mitbringen müssen“, fuhr sie rasch fort, riss ihre Augen los und sah stattdessen vorsichtshalber auf sein Ohr.

„Da bin ich anderer Meinung.“ Max lächelte reumütig. „Nach einigen Stunden Schlaf ist mir klar, wie abscheulich ich mich verhalten habe. Mein Großvater hat mir bessere Manieren beigebracht.“

Großvater? Nicht die Eltern? Wie interessant …

„Ich wollte Abbitte leisten und außerdem frische Luft schnappen und mir das Städtchen ansehen. Hätten Sie vielleicht Lust, es mir zu zeigen?“

Im ersten Moment wollte Ellie schon ablehnen. Andererseits hatte sie für den Abend nichts geplant, und was sollte schon passieren, wenn sie einen Abendspaziergang mit ihm unternahm?

Ihre geliebte Patin Demelza hätte gewollt, dass sie ihren Großneffen willkommen hieß. Max hatte sich immerhin entschuldigt, und das war für Ellie eine ganz neue Erfahrung. Jahrelang war jedes Missgeschick ihr angekreidet worden, ob es ihre Schuld war oder nicht.

Ein seltsames Gefühl breitete sich in ihrem Magen aus. Sie zog ein wenig verlegen die Tür weiter auf und trat einen Schritt zurück. „Kommen Sie rein. Ich muss mir andere Schuhe anziehen und meine Tasche holen.“

Ellie trug graue Jeans und eine purpurne Tunika, war ungeschminkt und hatte ihr Haar im Nacken mit einem Clip hochgesteckt. Plötzlich wünschte sie, sie hätte wenigstens Wimperntusche aufgelegt.

Sie überlegte, ob sie Max in ihre Wohnung bitten sollte, in die sie nur selten Gäste einlud. Letztendlich erschien es ihr unhöflich, ihn im Laden warten zu lassen, bis sie fertig war. „Kommen Sie mit“, forderte sie ihn daher wenig charmant auf.

Max folgte ihr wortlos durch das Hinterzimmer des Ladens ins Treppenhaus. Es war eng und niedrig, und er musste beim Treppensteigen seinen Kopf einziehen. Ellies Schlafzimmer lag im obersten Geschoss, sie führte Max jedoch in den Flur eine Etage tiefer, der sparsam möbliert war. Ein Läufer im selben Olivton wie die Wände bedeckte die Holzdielen, das Giebelfenster bot einen guten Ausblick auf die Straße. An einer Reihe von Haken hing ein buntes Sortiment an Jacken, Schals und Mänteln, darunter standen Stiefel und Schuhe.

Die Küchentür zur Rechten stand einen Spalt weit offen, sodass das ungespülte Frühstücksgeschirr zu sehen war. Ellie hätte die Tür am liebsten zugezogen. Ihr Exverlobter Simon hatte darauf bestanden, dass sie jegliche Unordnung sofort beseitigte. Seither empfand Ellie es geradezu als Akt der Befreiung, ungespülte Teller, wenn auch nur für einige Stunden, stehen zu lassen. Dadurch machte sie sich die Wohnung ganz zu eigen, löste sich von Simons Kontrollwahn.

„Bitte gehen Sie geradeaus durch ins Wohnzimmer.“ Der längliche Raum nahm den gesamten Rest der Etage ein. Durch ein großes Fenster fiel das Abendlicht herein, an einem Ende des Zimmers stand ein rotes Sofa mit passenden Sesseln. Gegenüber gab es einen kleinen Esstisch mit vier Stühlen. Die weißen Wände waren mit bunten Postern zu Ellies Lieblingsbüchern der vergangenen Jahre geschmückt.

Max sah sich neugierig um. „Keine Bücher?“, fragte er erstaunt.

Ellie lachte. „Doch, jede Menge. Sie stehen auf den Treppenabsätzen nach oben und im Arbeitszimmer. Wenn ich mich überall damit umgäbe, würde ich bald komplett zur Einsiedlerin.“

„Hier.“ Max drückte ihr den Wein in die Hand. „Bitte nehmen Sie ihn.“

Ellie betrachtete die Flasche. Bevor sie jedoch ein Geschenk von ihm akzeptierte, musste sie ihm ihre Position klarmachen. Bevor sie ihm das Dorf zeigte und bevor der Anblick seiner muskulösen Arme oder Visionen seines Körpers unter der Dusche ihr erneut die Sinne verwirrten. Nach der Trennung von Simon hatte sie sich geschworen, immer ihre Meinung zu äußern. Nie mehr würde sie sich in die Rolle der stillen Jasagerin drängen lassen, die er ihr aufgezwungen hatte. Doch einfach war das nicht.

Sie schöpfte tief Atem. „Ich will offen sein, Mr. Loveday …“

Max sah sie überrascht an, sagte aber nichts, sondern lehnte sich nur mit verschränkten Armen gegen die Wand.

„Ihr Verhalten heute Morgen war ausgesprochen unhöflich. Sie kennen mich nicht und haben keinerlei Beweis für Ihre Vorwürfe. Ginge es nach mir, wären Sie längst wieder auf dem Weg nach New York. Doch es war der Wunsch Ihrer Großtante, dass wir zusammenarbeiten. Ich respektiere ihn. Sollten Sie allerdings noch einmal grob werden, finde ich einen Weg, Sie von Ihrem Kuratorenamt zu entbinden.“

Nachdem sie diese Worte hervorgebracht hatte, suchte sie in seiner Miene mit heimlicher Angst nach verräterischen Anzeichen: zusammengekniffenen Augen, zusammengepressten Lippen, geblähten Nüstern. Doch er wirkte nicht verärgert, stattdessen glomm so etwas wie Respekt in seinen Augen auf.

„Okay, das ist fair. Ich hätte allerdings drei Einwände. Erstens, wollen wir uns nicht duzen? Wir arbeiten schließlich zusammen. Zweitens lebe ich nicht in New York, sondern in Connecticut. Schick mich also bitte in den richtigen Staat. Und drittens …“ Er hielt kurz inne. „Du hast absolut recht, ich war unhöflich – aus Gründen, die nichts mit dir zu tun haben. Ich kann mich nur noch einmal entschuldigen.“ Er legte eine kurze Pause ein. „Zu Hause passiert gerade vieles, das es mir schwer macht, an Altruismus zu glauben. Und schließlich hat meine Großtante dir dieses Haus hinterlassen.“

„Ich habe sie nicht darum gebeten.“

„Betrachte es doch einmal von meinem Standpunkt: Ich kenne dich nicht, nur die Fakten. Eine vermutlich einsame, verletzliche alte Frau hat ihr Vermögen in deine Hände gelegt – in unsere – und dir Heim und Lebensunterhalt gesichert. Auf dem Papier wirkt das irgendwie verdächtig.“

So ungern Ellie es zugab, er hatte recht. Ihre Rolle in dem Testament hatte sie ja selbst überrascht. Nur in einem Punkt irrte er. „Du hast deine Tante wirklich nicht gekannt. Sie hat sich von niemandem zum Narren halten lassen!“

„Nein, leider habe ich sie nie kennengelernt. Sie ist nach England gezogen, ehe ich zur Welt kam. Heute bedauere ich, dass ich mir nie die Mühe gemacht habe, sie zu besuchen.“

„Sie war ein ganz besonderer Mensch.“ Ellie wies nach oben. „Ich bin gleich zurück. Mach es dir so lange gemütlich.“ Sie würde das Haus nicht verlassen, ohne zuvor ihr Haar zu kämmen und sich das Gesicht zu waschen. Vielleicht noch ein wenig Wimperntusche, damit sie etwas wacher wirkte. Das war es dann aber auch. Schließlich hatte sie nicht vor, Max zu beeindrucken. Oder etwa doch?

Interessiert sah Max sich in Ellies Wohnung um. So lebendig und fröhlich ihr Wohnzimmer mit den Postern und bunten Kissen auf dem Sofa auch wirkte, irgendetwas fehlte.

Fotos! Nirgends gab es Fotografien. Nicht an den Wänden, nicht auf dem Sideboard, nicht auf dem Sims über dem gemütlichen Ofen. Alle Frauen, die er kannte, dekorierten ihre Wohnungen mit Familienporträts, Bildern von Freunden, Haustieren und dergleichen. Auch auf seinem Schreibtisch stand ein Bild seiner Eltern, und in seiner Wohnung gab es etliche Fotos aus seiner Kindheit. Am liebsten mochte er das Bild, das ihn im Alter von etwa zehn Jahren auf dem Boot seines Großvaters zeigte, einen riesigen Fisch im Arm.

Unwillkürlich fragte er sich, woher Ellie eigentlich kam und was sie dazu gebracht hatte, in ein winziges, abgeschiedenes Dorf zu ziehen und dort zu bleiben.

„Ich bin fertig. Hoffentlich habe ich dich nicht zu lange warten lassen“, riss Ellie ihn aus seinen Überlegungen. Sie war kaum fünf Minuten fort gewesen und hatte in der Zeit eine lässige, hellgraue Strickjacke über ihre Tunika gezogen, die Pumps gegen Turnschuhe getauscht und ihr Haar gekämmt.

Sie sah frisch aus wie ein Frühlingsmorgen, ganz anders als die aufgedonnerten Frauen in Designerkleidung, mit denen Max zusammenarbeitete, ausging oder schlief. Ellies Anblick verschlug ihm den Atem, dabei hatte er sich noch nie für natürliche Mädchen vom Land mit pfirsichgleicher Haut interessiert. Er kannte schließlich keines.

„Gehen wir.“ Verlegen wandte er sich ab und schimpfte sich insgeheim, weil er sie angestarrt hatte wie ein verliebter Teenager.

 

Morgens hatte noch eine kalte Brise geweht, inzwischen war es angenehm warm. Die Abendsonne überzog das Dorf mit einem goldenen Schimmer. Nach der sommerlichen Wärme zu Hause und der feuchten Kälte in Sydney war Max die mäßige Temperatur gerade recht.

„Dort oben gibt es eine Wohnsiedlung, die Schule, einen Spielplatz und nützliche Dinge wie eine Arztpraxis und die Bushaltestelle, die uns mit der nächsten Stadt verbindet.“ Ellie deutete den Hügel hinauf. „Aber das interessiert dich sicher nicht.“

„Nicht, solange ich nicht hierher ziehe.“

„Was wirst du mit dem Haus anfangen?“ Sie wandte sich um und begann, den Hügel hinab Richtung Meer zu gehen.

Max blieb an ihrer Seite. Schon beim ersten Betreten des Runden Hauses hatte er eine Verbindung gespürt. „Ich würde es ungern verkaufen. Es ist ein Bindeglied zu meiner Familie. Nur liegt es für ein Ferienhaus zu weit entfernt.“

„In Trengarth gibt es schon zu viele Wochenendhäuser. Wir brauchen junge Familien, die hier Wurzeln schlagen. Es heißt, die Grundschule soll geschlossen werden. Dann müssen die Kinder per Bus in die Nachbarstadt fahren.“ Ellie sah den Berg hinauf. „Hier befand sich früher eine richtige Hauptstraße mit Kurzwaren- und Eisenwarenhandlung, Metzgern, Bäckern, einem Spielwarengeschäft … Heute findest du nur noch Souvenirläden und Kunstgalerien, und unten am Meer gibt es nichts außer Sandspielzeug und Surfzubehör zu kaufen.“

„Bist du hierher gezogen, um Wurzeln zu schlagen?“ Wollte sie sich etwa mit einem Mann hier niederlassen? Davon hatte er in ihrer Wohnung nichts bemerkt.

„Ich bin gekommen, weil es mir sicher erschien, weil es jemanden gab, den ich geliebt und vertraut habe.“

Sie verstummte, und Max bedrängte sie nicht weiter. Nach einer Weile erreichten sie die Küstenstraße, überquerten sie und bogen in einen schmalen Pfad ein, der am Hafen entlang führte.

Die gegenüberliegende Straßenseite wurde von farbenfrohen Reihenhäuschen gesäumt, dahinter zogen sich Straßen und größere Häuser den Hang hinauf.

„In den Häusern dort drüben haben die Fischer gelebt.“

„Haben?“

„Einige tun es heute noch. Die übrigen Häuser beinhalten Seniorenresidenzen oder Ferienwohnungen. Das ist gut, solange sie ausgebucht sind. Ich bin ja selbst auf Touristen angewiesen, die Zeit und Geld zum Ausgeben haben. Wenn die Häuser zu lange leer stehen, gibt es allerdings Probleme. Umso wichtiger ist es, dass das Festival einschlägt. Es soll Menschen hierher locken.“

Sie blieb stehen und sah auf den alten Hafen hinab. „Ich liebe diesen Blick. Die Fischerboote liegen sicher im Hafen, weiter draußen ankern Motorjachten und Segelboote … Manchmal wünsche ich, ich könnte segeln, könnte einfach losfahren und mich treiben lassen.“

Verstohlen betrachtete Max ihr Profil. Sie schien in einer anderen Welt verloren, während sie sehnsüchtig auf die schaumgekrönten Wellen blickte.

„Du segelst nicht? Dann surfst du?“

Ellie schüttelte den Kopf.

„Wie ist es mit Schwimmen?“

„Nein. Ich liebe die See, betrachte sie gern und lausche den Wellen. Dennoch reizt es mich selten, etwas darauf oder darin zu unternehmen.“

Verständnislos schüttelte Max den Kopf. „Du siehst es nur an? Ich habe vor, mir ein Segelboot zu leihen. Weißt du was, ich nehme dich mit. Die Erfahrung wird dein Leben verändern.“

„Möglich.“ Lächelnd wandte sie sich um und ging weiter. „Die Straße dort drüben führt zum wichtigsten Haus in Trengarth: The Three Herrings. Es gibt zwar einen weiteren Pub im Ort mit Biergarten und Blick auf den Hafen, und er ist wirklich hübsch, aber …“ In verschwörerischem Ton fuhr sie fort: „Dorthin gehen nur Touristen und Zugezogene. Die Einheimischen besuchen The Three Herrings, obwohl die Aussicht fehlt, der Kamin raucht und das Essen schlicht ist.“

„Verstanden.“

„Gehen wir an den Strand?“

„Gerne.“

Sie machten kehrt und spazierten die Hauptstraße zurück, bis sie eine breite Promenade erreichten. Hier gab es statt Wohnhäusern Eisdielen, Cafés sowie Geschäfte für Strand- und Surfbedarf.

„Das ist das Boat House“, erklärte Ellie, als sie vor einem modernen Gebäude aus Glas und Holz anhielten, das auf der Meerseite der Straße lag. „Tagsüber dient es als Café, abends als Bistro und cooler Ort zum Abhängen. Ich habe immer freitags hier mit deiner Großtante Demelza gegessen.“ Plötzlich wirkte sie traurig. „Am Freitag nach ihrem Tod bin ich ganz automatisch hierher gekommen. Mir wurde erst klar, dass sie nicht mehr ist, als ich allein am Tisch saß.“

„Ich bedauere, dass sie dir fehlt und ich sie nie kennengelernt habe. Und dass niemand aus der Familie bei ihrer Beerdigung war. Kurz zuvor haben wir meinen Großvater verloren. Seither sind die Dinge ziemlich kompliziert.“

Das war glatt untertrieben. Gleich nach der Beerdigung hatte sein Vater die Zügel von DL Media an sich gerissen und begonnen, die Firma umzukrempeln.

„Schon gut. Wirklich. Es war nicht die erste Beerdigung, die ich organisiert habe.“

Ihr bitterer Tonfall ließ Max aufhorchen.

„Sie hatte ohnehin alles geregelt. Mir blieb kaum etwas zu tun.“

Ellie ging am Boat House vorbei und betrat einen Weg, der zum Strand führte.

Max blieb kurz stehen, um den Ausblick auf sich wirken zu lassen. Ihre schmale Gestalt wurde immer kleiner, während sie auf den ausladenden goldfarbenen Strand zuging. An dieser Seite der Bucht ragten die Klippen steil empor. Sie waren überzogen von grünem und gelbem Stechginster. Darunter lagen massive Felsbrocken und dicke Kiesel, die schließlich kleineren Steinen und feinem Sand wichen.

Es herrschte gerade Flut, die See drängte mit Macht ans Ufer. Der starke Wellengang rechtfertigte die Anwesenheit von Rettungsschwimmern und Warnflaggen. Die Surfer allerdings störten sich nicht daran. Im Gegenteil.

Der Wind frischte auf, und Max fröstelte. Er sog genüsslich den vertrauten Duft nach Meer ein, lauschte den Möwen und den Rufen der Kinder, die mit einem Welpen an der Wasserlinie herumtobten. Plötzlich war ihm, als wäre eine Last von seinen Schultern genommen.

„Ellie, warte auf mich“, rief er und setzte ihr mit großen Sprüngen nach. Er genoss die Kraftanstrengung in seinen Waden und fühlte sich frei wie lange nicht mehr.

„Es ist toll hier!“ Nach Atem ringend hielt er neben ihr an. „Was für ein schöner Strand. Wenn ich hier leben würde, hätte ich zwei Hunde, ein Segelboot, und ich ginge jeden Tag Surfen.“

Ellie errötete. „Ich gehe immerhin am Strand spazieren. Außerdem überlege ich, ob ich mir ein Meerschweinchen anschaffe.“

„Mit dem kannst du doch nicht spazieren gehen!“

„Doch. Es gibt spezielle kleine Geschirre und Leinen für sie.“ Plötzlich lächelte sie strahlend, und ihr Gesicht wirkte völlig verwandelt. Die Schatten waren fort, und ihre dezente Schönheit, die man sonst allzu leicht übersah, kam richtig zur Geltung. Verblüfft starrte Max sie an.

„Geschirr. Okay.“ Verwirrt wandte er sich ab. Am liebsten wäre er in die Sicherheit des Runden Hauses geflohen.

Er war auf keinen Flirt aus, und Ellie wirkte nicht wie eine Frau für flüchtige Affären. Vergiss ihre strahlenden Augen, das verführerische Grübchen und diesen perfekt geformten Mund, ermahnte er sich.

„Lass uns zur Straße zurücklaufen. Der Verlierer gibt ein Bier aus. Auf die Plätze, los!“


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