Jaci fand, sie könne stolz sein auf ihr Herz. Es war so schlecht behandelt worden, dass es schließlich brach, aber es erfüllte immer noch seine Aufgabe. Es pumpte zuverlässig Blut durch ihren Körper. Allerdings gab es ihr auch mit jedem Schlag zu verstehen, dass sie Ryan noch immer liebte. Himmel, wie sehr er ihr fehlte!
Sie schalt sich selbst einen Dummkopf, denn in den vergangenen zehn Tagen hatte Ryan sich nicht bei ihr gemeldet – was nur heißen konnte, dass er mit ihr gespielt hatte. Er hatte den Sex mit ihr genossen, ihr aber keine tiefergehenden Gefühle entgegengebracht. Sonst hätte er sich längst mit ihr in Verbindung gesetzt.
Mit dieser schmerzlichen Tatsache musste sie sich wohl abfinden. Im Übrigen gab es genug andere Probleme, mit denen sie sich beschäftigen konnte. Ihre Karriere als Drehbuchautorin hatte ein vorzeitiges Ende genommen, und es gab nichts, was sie dagegen tun konnte. Ehe sie ihren Schreibtisch bei Starfish geräumt hatte, waren ihr eine Menge Gerüchte zu Ohren gekommen. Selbst wenn sich nur ein Zehntel davon als wahr erwies, gingen die Chancen, dass „Blown Away“ je gedreht würde, gegen null. Der Film hätte ihr Durchbruch als Autorin werden können. Wenn er nicht in die Kinos kam, würde sie sich vorerst keinen Namen machen. Sie konnte nur hoffen, dass sie irgendwann mit einem anderen Drehbuch Erfolg haben würde.
Jaci seufzte. „Blown Away“ wäre ein Kassenschlager geworden, dessen war sie sich sicher. Zusammen mit dem Film wären auch die Schauspieler, der Produzent, der Regisseur und die Drehbuchautorin berühmt geworden. Somit hätte sie das Ziel erreicht, nach dem sie sich immer gesehnt hatte.
Seltsamerweise war der berufliche Erfolg ihr jetzt nicht mehr besonders wichtig. Seit jenem Gespräch mit ihrer Mutter und ihrer Schwester auf der Terrasse ihres Elternhauses war Jacis Bedürfnis, sich zu beweisen, beinahe verschwunden. Die unerwartete Anerkennung vonseiten ihrer Familie hatte ihr gutgetan. In Zukunft würde sie schreiben, weil es ihre Berufung war und weil es sie glücklich machte. Natürlich war es ihr nicht plötzlich gleichgültig, ob sie Erfolg hatte. Doch sie wusste nun, dass sie gut in ihrem Job war. Das war die Hauptsache.
Ein weiterer Seufzer, ein Seufzer der Erleichterung. Es fühlte sich gut an, nicht mehr von dem verzweifelten Wunsch, sich zu beweisen, getrieben zu werden.
Ich bin ich, und das ist genug. Wenn dieser idiotische, wunderbare Mann meine Qualitäten nicht zu schätzen weiß, dann ist er selbst schuld.
Es schellte.
Ein Blick auf die Uhr zeigte Jaci, dass es auf Mitternacht zuging. Viel zu spät für einen Höflichkeitsbesuch. Wer also mochte es sein? Gab es irgendetwas, das nicht bis zum nächsten Morgen warten konnte?
Da der späte Besucher den Finger nicht von der Klingel nahm, erhob Jaci sich schließlich und drückte den Knopf der Gegensprechanlange. „Hallo?“
Niemand antwortete. Hatte ein Betrunkener die falsche Klingel erwischt? Jaci zuckte die Schulter und beschloss, ins Bett zu gehen. Mit etwas Glück würde sie rasch einschlafen und nicht von Ryan träumen.
Sie hatte die Tür zum Schlafzimmer bereits geöffnet, als jemand laut an die Wohnungstür klopfte. Jaci fuhr herum. Zögernd ging sie zurück, um durch den Spion zu schauen.
Verflixt, es war Ryan! Was dachte er sich dabei, mitten in der Nacht bei ihr aufzutauchen? Hätte er sich nicht eine bessere Zeit für ein Gespräch aussuchen können? Er musste verrückt sein!
„Jaci, bitte, mach auf!“
Ihr Herz machte einen Sprung, als sie Ryans Stimme hörte. Dummes Herz! „Nein.“
„Jaci, wir müssen reden.“
Sie vergaß, dass sie nichts als ein uraltes Rugby-Shirt ihres Bruders trug und dass ihr Haar aussah, als hätte ein Vogel darin genistet. Wütend riss sie die Tür auf, schaute Ryan böse an und sagte: „Lass mich in Ruhe!“
Er öffnete den Mund.
„Verschwinde!“ Sie wollte die Tür zuschlagen, doch Ryan war schneller. Er schob Jaci einfach zurück in ihr Apartment, zog die Tür hinter sich ins Schloss und schlüpfte aus seiner Lederjacke.
Schatten lagen unter seinen Augen, und er wirkte ungewöhnlich blass. Ja, er sah erschöpft aus. Die letzten Tage schienen auch für ihn nicht leicht gewesen zu sein.
Geschieht ihm recht, dachte Jaci, schämte sich aber sofort für ihre Rachsucht. Eigentlich hätte sie Ryan am liebsten in die Arme genommen, um ihn zu trösten. Sie liebte ihn. Würde es wahrscheinlich immer tun. Verdammt!
Doch das zu zeigen verbot ihr ihr Stolz. Also kreuzte sie die Arme vor der Brust und sagte kühl: „Was willst du?“
Ryan schob die Hände tief in die Taschen seiner Jeans. „Ich bin hier, um dir mitzuteilen, dass ich jemanden gefunden habe, der ‚Blown Away‘ finanziert.“
Ach, wirklich? Wer hätte das gedacht!
Jaci wurde klar, dass Ryan nichts von ihren sarkastischen Gedanken ahnte. Also warf sie ihm einen weiteren bösen Blick zu. „Deshalb bist du hier?“
Er sah verwirrt aus. „Ja, ich nahm an, dass du dich freuen würdest.“
Sie schob sich an ihm vorbei, öffnete die Tür zum Flur und befahl: „Raus!“
„Es ist nicht Banks, der uns das Geld für den Film zur Verfügung stellt, sondern …“ Er zögerte. „Sondern jemand anderes.“
„Es wäre mir selbst dann egal, wenn ein Kobold es dir gegeben hätte!“
„Jaci …“ Ryan hatte sich noch immer nicht von der Stelle gerührt. „Was ist verdammt noch mal los mit dir? ‚Blown Away‘ wird dein Durchbruch. Ich dachte, das wäre es, was du dir wünschst.“ Seine Miene verriet, dass er nicht nur verwirrt, sondern auch ein wenig verärgert war. „Ich habe mir den Hintern aufgerissen, um einen Finanzier zu finden. Und du hast mir nichts anderes zu sagen, als …“
„Als dass du verschwinden sollst, ja. Schließlich habe ich dich nicht darum gebeten, irgendetwas wegen des Films zu unternehmen. Du hattest tagelang Zeit, dich bei mir zu melden. Aber du hast mich komplett ignoriert.“
„Du hast wahrscheinlich recht. Ich hätte dich anrufen sollen.“
„Wahrscheinlich?“ Sie merkte, dass sie beinahe schrie, und schloss die Tür mit einem Fußtritt. Was sie Ryan zu sagen hatte, ging die Nachbarn nichts an. „Du hättest unbedingt anrufen müssen. Du kannst dich nicht nach Lust und Laune in mein Leben drängen und dann ohne ein Wort wieder verschwinden. Ich bin keine Puppe, die man einfach in die Ecke schmeißt, wenn man gerade keine Lust hat, mit ihr zu spielen.“
„Stimmt, du bist keine Puppe, sondern eine unerträgliche Nervensäge.“ Er streckte die Hände aus. Und ehe Jaci begriff, was er vorhatte, zog er sie auch schon an sich. Sie spürte deutlich, wie erregt er war.
„Du treibst mich in den Wahnsinn“, warf er ihr vor. „Mein erster Gedanke am Morgen und der letzte am Abend gilt dir. Und ärgerlicherweise auch jeder Gedanke in den Momenten dazwischen.“ Er beugte sich zu ihr hinab, presste seine Lippen auf ihre und drang mit der Zunge in ihren Mund ein.
Jacis Knie wurden weich. Ryans Nähe, die Wärme seines Körpers, sein männlicher Duft, der Geschmack seiner Küsse, das alles wirkte auf sie wie eine Droge. Es war berauschend, und es machte abhängig.
Als Ryan begann, ihre Brüste zu streicheln, überlief Jaci ein heißer Schauer. Oh ja, sie wollte das. Sie wollte alles, was er ihr zu geben hatte. Wenigstens dieses eine Mal noch wollte sie eins werden mit ihm. Danach würde sie ihn aus ihrer Wohnung und ihrem Leben verbannen.
„Wie gut es sich anfühlt, dich in den Armen zu halten“, flüsterte Ryan, als er den Kuss beendete. „Es hat mir gefehlt …“
Im ersten Moment machten seine Worte sie glücklich. Doch dann wurde ihr klar, was er gesagt hatte. Es hatte ihm gefehlt, nicht sie. Er hatte den Sex mit ihr genossen. Und auf diesen Genuss wollte er nicht verzichten. Deshalb war er hier. Nicht weil er sie liebte.
Es kostete sie enorme Willenskraft, aber es gelang ihr, Ryan ein Stückchen fortzuschieben. „Lass mich los!“, zischte sie.
Er gab sie frei, trat einen halben Schritt zurück, schaute sie überrascht an. „Jaci, was …“
Sie schüttelte heftig den Kopf, entfernte sich rasch von Ryan und blieb schließlich neben dem Tisch stehen. Sie brauchte diesen räumlichen Abstand, wenn sie klar denken wollte. Ryan wollte Sex. Sie wollte mehr. Jaci holte tief Luft. Es war an der Zeit, nicht nur sich selbst gegenüber ehrlich zu sein, sondern auch Ryan die Wahrheit zu sagen. Sie würde ihm sagen, dass sie ihn liebe. Und er würde gehen. Weil er kein Interesse an mehr hatte. Ihre Zeit mit ihm war abgelaufen.
Du schaffst das, sagte sie sich selbst. Du bist stärker, als du glaubst.
Sie schaute Ryan fest an. Er sah zerzaust aus. Verwirrt. Und sexy. Unglaublich sexy.
So erschöpft er auch sein mag, es fehlt ihm nicht an Selbstbewusstsein, fuhr es Jaci durch den Kopf. Und warum verdammt noch mal war er so attraktiv? Verflixt, sie sehnte sich mit jeder Faser ihres Körpers nach ihm. Aber sie musste standhaft bleiben.
„Ich mache das nicht länger mit“, stieß sie hervor.
Er legte den Kopf schief, und um seinen Mund spielte ein Lächeln. Sie hätte ihn umbringen können für seine Überheblichkeit!
„Tatsächlich?“, meinte er vollkommen gelassen. Seine muskulösen Arme hatte er vor der Brust gekreuzt. Er sah umwerfend aus. Stark, männlich, vertrauenerweckend.
Aber sie durfte ihm nicht vertrauen! „Ja, tatsächlich“, schrie sie ihn an. „Ich werde New York verlassen, ich werde dich verlassen.“
„Ganz bestimmt nicht.“
Ihr Herz klopfte zum Zerspringen, und sie fühlte sich so schwach, dass sie sich Halt suchend an die Tischkante klammerte. „Ich weigere mich, dein Teilzeitspielzeug zu sein.“
„Du bist nicht mein Spielzeug. Und da du mir ständig im Kopf herumspukst, kann auch von ‚Teilzeit‘ keine Rede sein.“
„Ach? Wie kommt es dann, dass du nie da bist, wenn ich dich brauche?“
Er senkte den Blick, und ein schuldbewusster Ausdruck trat auf sein Gesicht. „Ich habe Angst“, gestand er. „Wegen dir habe ich eine Heidenangst, Jaci.“
„Wieso?“
„Weil ich dich liebe.“
Er lügt! Es kann gar nicht sein, dass er mich liebt.
Ihre Stimme bebte, als sie sagte: „Wenn ich dir wirklich etwas bedeuten würde, hättest du dich anders verhalten. Du hättest mir nicht unterstellt, eine Affäre mit Clive zu haben. Du hättest mich nicht tagelang alleingelassen. Du hättest mich nicht derart verletzt.“
Entsetzt schaute er sie an. „Ich wollte dir nie wehtun. Es tut mir so leid, Jaci. Bitte, glaub mir! Als du mit Clive aus dem Haus kamst, sahst du so glücklich aus. Was sollte ich denn daraus schließen, außer dass du dich mit ihm versöhnt hattest?“
Sie schüttelte den Kopf.
