Mit dem Boss ins Bett? - Kapitel 11

Ryan fühlte sich schlecht, als er seinen Mietwagen vor Jacis Elternhaus abstellte. Dass er Jaci von Kelly und Ben erzählt hatte, belastete ihn, statt ihn zu erleichtern. Wie viel einfacher wäre doch alles gewesen, wenn er Sex mit Jaci gehabt hätte. Ihren Körper konnte er einschätzen, konnte ihre Reaktionen vorhersehen. Und es war bedeutend leichter, den eigenen Körper zu entblößen als die eigene Seele. Er konnte noch immer nicht glauben, dass er eine Frau an seinen Hoffnungen, Enttäuschungen und Gefühlen hatte teilhaben lassen.

    Nun, immerhin war Jaci anders als alle Frauen, für die er sich in den Jahren nach Kelly interessiert hatte. Jaci war etwas Besonderes. Was die Sache nicht unbedingt einfacher machte …

    Ryan schloss einen Moment lang die Augen. Die vergangene Woche war anstrengend gewesen, in jeder Beziehung. Die Hoffnung, Jaci vergessen zu können, wenn nur genug Kilometer zwischen ihnen lagen, hatte getrogen. Während seines Aufenthalts ins Los Angeles hatte er Jaci furchtbar vermisst. Weil seine Gedanken ständig um sie kreisten, hatte er sich kaum auf seine geschäftlichen Angelegenheiten konzentrieren können, was besonders unangenehm war, da so viel auf dem Spiel stand. Würde er „Blown Away“ verwirklichen können oder nicht?

    Ich muss mich endlich entscheiden, wie es mit Jaci und mir weitergehen soll. Sie tut so cool und unabhängig, aber ich weiß, dass sie eine Frau ist, die Liebe und Zuwendung braucht, eine feste Beziehung. Und, so unglaublich sich das auch anhörte, er könnte sich beinahe vorstellen, ihr genau das zu bieten.

    Er holte tief Luft, griff nach seinem Handy und stieg aus. Sein Leben war so unkompliziert gewesen, ehe Jaci auftauchte. Langweilig, aber unkompliziert.

    Im Vorgarten stieß er auf Jacis Vater. „Guten Morgen, Mr. Brookes-Lyon“, begrüßte er ihn. „Wissen Sie, wo ich Jaci finde?“

    Archie überlegte. „Ich glaube, sie ist mit diesem Politiker in ihrem Zimmer.“

    Ryans Herzschlag setzte einen Moment lang aus. In seinen Ohren rauschte das Blut. Hatte Jaci die Nacht etwa mit Mr. Fesseln-und-Peitsche verbracht?

    „Hallo!“, rief eine fröhliche Stimme. An der Seite ihres ehemaligen Verlobten trat Jaci aus der Haustür.

    Clive hatte ihr den Arm um die Schulter gelegt. Und der Blick, den er Ryan zuwarf, sprach Bände. An liebten hätte Ryan dem Kerl einen Kinnhaken versetzt.

    Jaci löste sich von Clive und lief die Treppe herunter. Himmel, dachte Ryan. Ich könnte ihr für immer dabei zusehen, wie sie so auf mich zukommt. Sie war so wunderschön. Humorvoll, klug, passioniert. Selbstbewusst und so sexy. Sie schien von innen heraus zu strahlen.

    War das etwa die Folge davon, dass sie guten Sex mit dem Ex gehabt hatte?

    Ryan fühlte sich elend.

    Lächelnd winkte Jaci ihm zu. Es fiel ihm schwer, ihr Lächeln zu erwidern. Sehr wahrscheinlich hatte sie die Nacht mit Clive verbracht. Vor einigen Monaten war sie noch mit dem Mann verlobt gewesen, also musste sie ihn wohl geliebt haben. Vielleicht war noch etwas von dieser Liebe übrig? Der Kerl hatte sie hintergangen und gedemütigt, aber aus eigener Erfahrung wusste Ryan, dass Liebe viele Kränkungen überlebte. Liebte er selbst seinen verstorbenen Bruder und Kelly nicht auch immer noch, obwohl sie ihn belogen und betrogen hatten?

    Ryan überlegte, ob er eventuell zu viel in die Situation mit Jaci hineininterpretiert hatte. War es für sie vielleicht wirklich nur Sex gewesen? Hatte sie ihm je ein Zeichen gegeben, dass sie mehr wollte?

    Die Vorstellung, Jaci könne mit Clive das Bett geteilt haben, war unerträglich für ihn. Eifersucht quälte ihn. Er hatte bereits einmal unwissend eine Frau mit einem anderen geteilt – bei Gott, er würde alles tun, damit dergleichen sich nicht wiederholte! Einen Moment lang war ihm so schlecht, dass er fürchtete, er müsse sich übergeben.

    Zum Glück wurde er durch sein klingelndes Handy abgelenkt. Seltsam, die Nummer auf dem Display kannte er nicht. Neugierig geworden nahm er ab.

    „Jax? Hier ist Simons.“

    Der aufdringliche Reporter? Ryan hätte am liebsten gleich wieder aufgelegt. Stattdessen fragt er: „Woher haben Sie meine Nummer?“

    „Von einer Quelle, die ich nicht nennen möchte. Kommen wir gleich zur Sache: Es heißt, Ihre Verlobung mit Jaci Brookes-Lyon sei nur Theater, damit Banks die Finger von dem Mädchen lässt, das ihn im Übrigen – ich zitiere – ‚für einen schleimigen Frosch hält‘.“

    Ryan stieß einen Fluch aus, besann sich dann darauf, dass jede Erklärung dem Journalisten Auftrieb geben würde, und meinte kalt: „Kein Kommentar.“ Sein Blick wanderte zu Jaci. Niemand außer ihr hatte Leroy als Frosch bezeichnet. Wie also kam Simons zu seinen Informationen?

    Er fragte ihn danach.

    Simons lachte. „Ein Anruf aus England. Sagen Sie Jaci, dass es noch nie klug war, Politikern zu vertrauen.“

    Ärger und ein Anflug von Verzweiflung ergriffen Ryan. Wieder einmal hatte man ihn hintergangen. Offenbar hatte Jaci ein paar vertrauliche Dinge mit ihrem Ex im Bett geteilt.

    Er warf ihr einen bösen Blick zu, und sie blieb ein paar Schritte von ihm entfernt stehen. Sie sah so unschuldig aus, was seinen Zorn noch vergrößerte. Schlimm genug, dass sie seine Gefühle so durcheinandergebracht hatte. Dass sie jetzt auch noch seine geschäftlichen Beziehungen ruinierte, war zu viel!

    Wann würde die Geschichte in der Zeitung zu lesen sein? Wann würde Leroy sein wackeliges Angebot, „Blown Away“ zu finanzieren, endgültig zurückziehen?

    „Wann bringen Sie den Bericht?“, fragte Ryan.

    „Gar nicht. Banks hat dem Boss mit einer Klage gedroht. Er verlangt, dass sein Name auf keinen Fall in der Zeitung erwähnt wird.“

    „Sie haben mit Banks gesprochen?“ Ryan hätte Simons am liebsten erwürgt, Clive niedergeschlagen und Jaci angebrüllt.

    „Ja. Meine Fragen haben ihn zur Weißglut gebracht.“

    Ryan konnte deutlich hören, wie amüsant der Reporter es fand, so viel Zweitracht gesät zu haben.

    „Banks meinte, Sie sollten sich Ihren Film nehmen und ihn sich … irgendwohin stecken.“

    Mit einem lauten Fluch unterbrach Ryan die Verbindung und warf das Handy durchs offene Fenster des Mietwagens auf den Beifahrersitz.

    „Was ist los?“, fragte Jaci besorgt.

    „Du musst ja eine tolle Nacht mit deinem Ex verbracht haben.“

    Sie runzelte die Stirn. „Ich verstehe nicht …“

    „Was du ihm im Bett erzählt hast, ist Banks zu Ohren gekommen. Und nun weigert der sich, auch nur einen Cent in ‚Blown Away‘ zu stecken.“

    „Wem soll ich was im Bett erzählt haben?“ Sie wirkte ratlos. „Wovon sprichst du? Und hast du gerade gesagt, dass der Frosch sich entschieden hat, den Film nicht zu finanzieren?“

    „Der Frosch weiß sogar, dass du ihm diesen Spitznamen gegeben hast. Dein toller Exverlobter und aktueller Bettpartner hat Simons angerufen und ihm alles erzählt: dass du Banks ekelig findest und dass unsere Beziehung nur gespielt ist. Damit hat er all meine Pläne effektiv durchkreuzt! Was natürlich auch bedeutet, dass deine Karriere als Drehbuchautorin ein vorzeitiges Ende nimmt. ‚Blown Away‘ wird in der Schublade verschwinden.“

    Ryan wusste, dass seine Worte Jaci kränken mussten. Aber er selbst war so verletzt, dass er am liebsten alles kurz und klein geschlagen hätte. Dabei schien die Tatsache, dass Jaci mit ihrem Ex geschlafen hatte, ihn sogar mehr zu stören als die verlorenen Millionen.

    Jaci schaute ihn entsetzt an. „Hast du den Verstand verloren?“, flüsterte sie schließlich.

    „Den Verstand muss ich verloren haben, als ich dir vertraut habe.“ Er riss die Tür des Wagens auf. „Was du auch anfasst, es geht in die Brüche!“

    Er sah, dass seine giftigen Worte sie trafen, dass sie blass wurde und schwankte. Beinahe wäre er aus dem Auto gesprungen, um sie in die Arme zu schließen. Er liebte sie, ja. Dennoch hatte er das Bedürfnis, ihr wehzutun. Nie wieder wollte er sich so hilflos fühlen wie nach Kellys Tod. Damals hatte der Tod ihm jede Möglichkeit genommen, die Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen. Wer ihn jetzt verletzte – so wie Jaci es getan hatte, indem sie die Nacht mit Clive verbrachte –, musste damit rechnen, dass er sich wehrte. Oh, es tat gut, sich nicht als Opfer zu fühlen!

    „Warum bist du so gemein zu mir?“, fragte Jaci. „Es stimmt, ich habe Clive von Banks erzählt. Nachdem er sich bei mir entschuldigt hatte, glaubte ich, wir könnten Freunde sein. Ich hätte nicht erwartet, dass er sich an die Presse wenden würde.“

    „Musst du mit jedem Freund gleich ins Bett hüpfen?“

    „Ich habe nicht mit ihm geschlafen!“, schrie Jaci.

    Das sagen sie alle, dachte Ryan und ließ den Motor an. Als er den ersten Gang einlegte, sah er, dass Jaci weinte. In ihren tränennassen Augen lag ein Ausdruck der Verzweiflung. Doch davon durfte er sich jetzt nicht beeinflussen lassen! Er hatte seine Lektion gelernt. Die Tränen einer Frau waren trügerisch. Ja, offenbar steckte in jeder Frau eine Betrügerin.

    „Danke, Schatz, dass du mein Leben ruiniert hast!“, rief er und raste los.

 

„Bist du gefeuert worden?“, fragte Shona, die dazukam, als Jaci ihren Schreibtisch bei Starfish räumte.

    Jaci war schon seit zwei Tagen wieder in New York. Sie hatte Ryan mehrere Mails geschickt und ihm mehr als eine Nachricht auf der Mailbox hinterlassen. Aber er hatte sich nicht bei ihr gemeldet.

    „Ich gehe freiwillig, um ihnen die Mühe einer Kündigung zu ersparen“, erklärte Jaci. „Es gibt niemanden, der ‚Blown Away‘ finanzieren würde. Also gibt es auch keine Arbeit für mich.“

    Shona hob die Brauen. „Soweit ich weiß, hat Jax die letzten achtundvierzig Stunden unentwegt versucht, einen anderen Investor zu finden.“

    Das Gerücht kannte Jaci ebenfalls. Sie schenkte ihm allerdings keinen Glauben. In ihren Ohren klangen noch Ryans boshafte Abschiedsworte: „Danke, Schatz, dass du mein Leben ruiniert hast.“

    Ryan musste ein Idiot sein, wenn er wirklich glaubte, sie habe mit Clive geschlafen. Ausgerechnet mit Clive! Und ausgerechnet, nachdem sie ihre wahren Gefühle für Ryan entdeckt hatte! Sicher, es war ein Fehler gewesen, ihrem Ex von dem Frosch zu erzählen. Sie hätte wissen müssen, dass Clive nachtragend war und auf Rache sann, weil sie sich von ihm getrennt hatte. Sie war wütend auf sich selbst. Und auf Clive. Und auf Ryan, der ihr wenigstens ein bisschen Vertrauen hätte schenken sollen.

    Anscheinend kannte er sie überhaupt nicht! Sonst hätte er gewusst, dass sie niemals jemandem absichtlich so wehtun, jemanden so hintergehen würde. Natürlich war ihr klar, wie schwer es ihm nach der Enttäuschung mit Ben und Kelly fallen musste, einer Frau zu vertrauen. Trotzdem hätte er spüren müssen, dass sie ihn liebte!

    „Gehst du zurück nach London?“, fragte Shona.

    Jaci zuckte die Schultern. Momentan kam ihr alles sinnlos vor. Sie hatte keine Pläne. Weder konnte sie Ryan dazu bringen, ihre Liebe zu erwidern, noch würde sie ihn mit ihrer Liebe verfolgen. Wenn sie sich jemals wieder auf eine Beziehung einließ, dann mit einem Mann, der ihr vertraute und der sie über alles liebte. Mit weniger würde sie sich nicht zufriedengeben. Nie mehr!

    Ihr Entschluss stand fest, auch wenn die Trennung von Ryan ihr das Herz brach. Sie hatte aus ihren Erfahrungen gelernt. In Zukunft würde sie ihr Herz besser schützen. Oh ja, sie konnte die Zukunft allein meistern. Schließlich war sie nicht mehr die unsichere Jaci, die es allen recht machen wollte.

 

Ryan war es leid, immer wieder die gleichen Worte zu hören. Gleichgültig, an wen er sich wandte, immer hieß es: „Tut uns leid, wir können uns an der Finanzierung dieses Films nicht beteiligen. Das Risiko ist zu groß.“

    Nachdem er jeden, der seiner Meinung nach infrage kam, angesprochen hatte, wusste er nicht mehr weiter.

    Nein, das ist nicht wahr, gestand er sich ein. Eine Möglichkeit gab es noch. Sein Vater hatte ihm in den letzten Jahren immer wieder Unterstützung angeboten. Allerdings wollte er Chads Angebot jetzt ebenso wenig annehmen wie zuvor. Nicht einmal, um Jacis Karriere zu retten.

    Tatsächlich war ihre Karriere bereits zu Ende. Jaci hatte gekündigt. Und er war froh, dass sie im Begriff war, aus seinem Leben zu verschwinden. Das würde ihm die Chance geben, zur Normalität zurückzufinden. Wenn er nur vergessen könnte, wie verzweifelt sie nach ihrem Streit in London gewirkt hatte! Und wenn er nicht immer daran denken müsste, wie hinreißend sie in dem pinkfarbenen Kleid ausgesehen hatte, das sie auf Neils Hochzeitsfeier getragen hatte.

 

Fasziniert hatte er sie beobachtet. Deshalb erinnerte er sich auch daran, dass Clive im Festzelt immer näher an sie herangerückt war, während sie immer wieder von ihm abgerückt war.

    Je länger er darüber nachdachte, desto deutlicher sah Ryan die Situation vor sich. Clive hatte sich schließlich verdrießlich dreinblickend zurückgezogen. Jaci wiederum hatte glücklicher gewirkt, als Ryan sich zu ihr gesetzt hatte. All ihre Aufmerksamkeit hatte ihm gegolten. Clive war vergessen gewesen.

    Wie hat sie sich nach dem Gespräch mit mir dazu entschließen können, die Nacht mit Mr. Peitsche-und-Fesseln zu verbringen? Oder tue ich ihr Unrecht?

    Gab es jemanden, der ihm die Wahrheit sagen konnte? Ryan runzelte die Stirn. Dann griff er nach seinem Telefon und wählte Merediths Nummer.

    „Du wagst es tatsächlich, mich anzurufen?“, sagte Merry statt einer Begrüßung.

    Ryan verschwendete keine Zeit mit Erklärungen. „Hat Jaci in der Nacht nach Neils Hochzeit …“

    „Du hast ihr das Herz gebrochen“, fiel Merry ihm ins Wort. „Jeden Abend weint sie sich in den Schlaf, wusstest du das? Du bist ein …“

    „Hat sie mit Clive geschlafen?“ Er schrie fast.

    Schweigen.

    „Merry?“

    Ihre Stimme klang jetzt nicht mehr ganz so eisig. „Wie kommst du auf diese absurde Idee?“

    „Am Morgen nach der Hochzeit … Also, euer Vater sagte mir, Jaci sei mit Clive in ihrem Zimmer. Und dann kam sie mit dem Kerl aus dem Haus. Sie sah so glücklich aus.“

    „Wie kann man nur so dumm sein?“, rief Merry. „Du bist wirklich ein Idiot. Clive war nur da, um seine restlichen Sachen zu holen. Und ja, Jaci hat ihm von New York erzählt, aber sie wollte ihm nur vor Augen führen, dass sie ihn nicht braucht. Dass sie ohne ihn glücklicher ist. Deshalb hat sie ihm von dir erzählt. Und auch davon, dass dieser Banks ihr nachstellt und dass ihr zwei ihn austricksen wolltet.“

    Ryan stöhnte. „Sie hat mit dir darüber gesprochen?“

    „Ja“, bestätigte Merry. „Sie war in Tränen aufgelöst, als sie mir die Geschichte erzählte. Es war sicher nicht besonders klug, mit Clive über ihre New Yorker Erlebnisse zu reden. Aber ich verstehe sie. Schade, dass ihr nicht klar war, dass Clive ein hinterhältiges, rachsüchtiges Ekel ist. Es ist typisch für sie, von allen das Beste zu denken. Sie ist nicht so zynisch wie du oder ich.“

    „Ich bin nicht zynisch“, widersprach Ryan.

    „Unsinn. Zynisch und dumm, das ist eine ganz üble Verbindung. Du dachtest, dass Jaci mit Clive geschlafen hätte, weil sie glücklich aussah. Und sie ist zu Recht gekränkt, weil du ihr einen solchen Vertrauensbruch zutraust. Außerdem glaubt sie, dass es ihre Schuld ist, wenn ‚Blown Away‘ nun nicht gedreht wird.“

    Gequält schloss Ryan die Augen. Offenbar war er selbst derjenige, der sein Leben auf dem Gewissen hatte. Und schlimmer noch: Er hatte auch Jacis Leben zerstört.

    „Du musst diese Sache in Ordnung bringen“, befahl Merry, „sonst sorge ich dafür, dass du es auf ewig bereust.“

    Er stieß einen Fluch aus und beendete den Anruf. Merry war durchaus in der Lage, ihm zu schaden. Und er war durchaus in der Lage, die Sache in Ordnung zu bringen – auch wenn es ihm überhaupt nicht gefiel, was er dafür tun musste.

 

Ryan hielt dem Blick seines Vaters stand und wehrte sich gegen den Wunsch, einfach wieder zur Tür hinauszuspazieren.

    Ich tue dies für Jaci, sagte er sich selbst, sie hat es verdient, dass ihr Drehbuch zu einem Filmerfolg wird. Deshalb war es unumgänglich, dass ein Finanzier für „Blown Away“ gefunden wurde. Wenn die Welt erst erkannte, wie begabt Jaci war, würden sich die Produzenten um sie reißen. Ryan hoffte allerdings, dass sie dann weiter mit ihm zusammenarbeiten würde, denn – das ließ sich nicht leugnen – sie fehlte ihm mehr, als er je für möglich gehalten hätte.

    Es war Liebe. Das hatte er inzwischen erkennen müssen. Er brauchte Jaci. Er wollte sie zurück. Aber er konnte sie erst dann bitten, zu ihm zurückzukommen, wenn er eine Möglichkeit gefunden hatte, „Blown Away“ zu realisieren. Leider war es selbst dann äußerst zweifelhaft, ob sie ihm verzeihen würde. Aber unabhängig davon musste er ihr ihren Traum, zu schreiben, wiedergeben. Sie war glücklich, wenn sie schrieb. Und mehr als alles andere auf der Welt wollte er, dass sie glücklich wurde.

    Mit ihm oder ohne ihn.

    „Willst du nicht endlich reinkommen?“, fragte Chad. Um seine Lippen spielte das Lächeln, für das seine Fans ihn liebten.

    Ryan nickte und ging zielstrebig ins Wohnzimmer. Viel schien sich im Haus nicht verändert zu haben, seit er als Jugendlicher hier gelebt hatte. Eines allerdings war neu: An der Wand hing ein großes gerahmtes Foto von ihm und Ben. Ben hatte ihm den Arm um die Schulter gelegt und beiden stand dasselbe Grinsen im Gesicht.

    Wie glücklich wir aussehen, dachte Ryan.

    „Wir können uns an den Pool setzen“, schlug Chad vor, „oder in mein Arbeitszimmer.“

    „Ins Arbeitszimmer.“ Scheinbar gelassen folgte Ryan seinem Vater. Unaufgefordert nahm er in dem schweren Lehnstuhl vor dem Schreibtisch Platz. Das Haus und seine Einrichtung hatte er immer gemocht, auch wenn er seinen Vater nie wirklich geliebt hatte.

    „Kaffee?“

    „Danke, gern.“

    Chad versuchte, sein Erstaunen zu verbergen. Es war Jahre her, dass Ryan mit ihm gesprochen hatte. Und nun tauchte er plötzlich hier auf und nahm sich sogar Zeit, einen Kaffee mit ihm zu trinken. Über die Sprechanlage bat Chad die Haushälterin, ihnen das Gewünschte zu bringen.

    Unterdessen hatte Ryan einen Stapel Papiere aus seiner Aktentasche geholt und auf den Schreibtisch gelegt. „Deinen E-Mails habe ich entnommen, dass du zu einer Gruppe von Investoren gehörst, die daran interessiert ist, einen meiner Filme zu finanzieren. Ich würde gerne wissen, ob ihr in ‚Blown Away‘ investieren wollt.“

    Eine Zeit lang sah Chad ihn nur an, dann nickte er langsam. „Ja.“

    „Ich brauche einhundert Millionen.“

    „Wenn du mehr brauchst, können wir die Summe erhöhen.“

    „Danke. Das wird nicht nötig sein.“ Ryan war so erleichtert, dass die Welt um ihn her sich einen Moment lang zu drehen schien. Er schloss die Augen. Um Jacis willen hatte er sich darauf vorbereitet, seinen Vater um das Geld anzuflehen. Er hätte seinen Stolz hinuntergeschluckt, um Jaci glücklich zu machen. Und nun schien alles ganz einfach zu sein. War dies womöglich ein Traum?

    „Du willst nicht einmal Näheres über das Projekt wissen, ehe du mir eine Zusage gibst?“, fragte er zweifelnd.

    „Ich weiß, dass du dir lieber die Zunge abbeißen würdest, als mich um einen Gefallen zu bitten. Dass du trotzdem hier bist, beweist mir, dass ‚Blown Away‘ etwas Großes sein muss. Trotzdem würde ich mich über ein paar Informationen freuen.“

    Ryan holte tief Luft, ehe er von Jacis erstem Zusammentreffen mit Leroy Banks und von den Folgen dieser Begegnung berichtete. Er schloss mit den Worten: „Letztendlich war ich es, der alles falsch gemacht hat. Wer würde sich schon – egal worum es geht – auf eine nur gespielte Beziehung mit einer Frau einlassen?“

    „Jemand, dem diese Frau sehr viel bedeutet, der aber Angst hat, sich das einzugestehen?“

    So viel Menschenkenntnis hätte er seinem Vater nie zugetraut. Fassungslos starrte Ryan ihn an.

    „Ich bin froh, dass du dich an mich gewandt hast“, sagte Chad. „Froh und sehr überrascht.“

    Keine Vorwürfe? Keine Kritik? „Was ist los mit dir? Früher warst du nie so nett zu mir.“

    Chad senkte den Blick. Schämte er sich etwa? „Bens Tod“, sagte er leise, „hat mich gezwungen, mir über mich und meine Familie ein paar Gedanken zu machen. Ich musste einsehen, dass ich eine Menge Fehler begangen hatte. Seitdem versuche ich, wenigstens die schlimmsten zu korrigieren.“

    „Ach? Hast du deshalb eine Gage von zehn Millionen Dollar verlangt, als es darum ging, an der Dokumentation über Ben mitzuarbeiten?“, fragte Ryan mit beißendem Spott.

    Es klopfte. Die Haushälterin brachte ein Tablett mit Kaffee und Gebäck.

    Während Ryan zwei Tassen mit Kaffee füllte, ging Chad unruhig im Raum auf und ab. Schließlich blieb er vor seinem Sohn stehen und fragte: „Wolltest du diese Doku wirklich machen? Oder hast du dich nur dazu bereit erklärt, weil Bens Freunde dich bedrängten?“

    Ryan hätte so ziemlich alles lieber getan, als eine Dokumentation mit Ben als Helden zu produzieren. Schließlich hatte er durch Bens Tod erfahren, dass dieser eine Affäre mit Kelly gehabt hatte. Dafür hatte er seinen Bruder gehasst. Aber das konnte er seinem Vater unmöglich sagen. Also meinte er nur: „Ich will nicht darüber reden.“

    „Pech. Wir reden darüber. Ich weiß, dass du diesen Film nicht machen wolltest. Nur deshalb habe ich eine Gage gefordert, die euer Budget sprengte“, erklärte Chad. „Ich wollte dir einen Ausweg geben.“

    Ryan runzelte die Stirn.

    „Ich war über die Affäre von Ben und Kelly informiert. Da ich fand, dass dein Bruder dir mehr Loyalität schuldete, sprach ich ihn darauf an. Aber …“

    „Was?“

    „Er lachte nur und meinte, es sei doch nichts Ernstes. Immerhin versprach er mir schließlich, an jenem Wochenende mit Kelly Schluss zu machen. Ich wollte dich davor warnen, sie zu heiraten, aber du hättest wohl eh nicht auf mich gehört.“

    „Da hast du wohl recht.“

    „Rückblickend wünschte ich, ich wäre euch beiden ein besserer Vater gewesen. Ich war euch ein schlechtes Vorbild. Ich schämte mich nicht, mit Frauen zu spielen – und Ben hat es mir nachgemacht.“ Chad ließ sich in seinen Stuhl fallen, leerte seine Kaffeetasse und betonte: „Nach Bens Tod wünschte ich wirklich, ich könnte die Zeit zurückdrehen. Doch da das nicht möglich war, habe ich wenigstens versucht, dich vor weiterem Schmerz zu bewahren. Deshalb habe ich die hohe Gage verlangt. Es wäre mir so grausam erschienen, wenn du die Doku hättest produzieren müssen.“

    „Du wusstest, dass ich nicht genug Geld würde aufbringen können, um einen anderen Sprecher zu engagieren?“

    Chad nickte.

    Fassungslos schüttelte Ryan den Kopf.

    „Keiner von euch – weder du noch deine Mutter – hatte es verdient, so schlecht von mir behandelt zu werden. Es tut mir leid, dass ich euch so viel Kummer bereitet habe. Ich möchte meine Fehler, so gut ich kann, wiedergutmachen.“ Er zog ein Blatt aus dem Papierstapel, überflog den Text und setzte seine Unterschrift darunter.

    „Solltest du nicht erst mit deinen Partnern sprechen, ehe du diesen Vertrag unterzeichnest?“

    „Es gibt keine Partner. Ich bin der alleinige Investor.“

    „Und deine Anwälte? Sie werden dir Ärger machen, weil du sie nicht zu Rate gezogen hast.“

    „Das ist mir gleichgültig. Du sollst nicht ohne den unterschriebenen Vertrag nach New York zurückkehren. Ich werde noch heute dafür sorgen, dass die Hälfte des Geldes auf das Konto von Starfish überwiesen wird. Über die andere Hälfte kann ich nicht so schnell verfügen. Aber innerhalb einer Woche solltest du auch die erhalten.“

    Einen Moment lang war Ryan sprachlos. „Danke“, sagte er dann. „Ich weiß nicht, was ich sagen soll …“

    „Sag einfach, dass du dir überlegst, eventuell eine Rolle in ‚Blown Away‘ für mich zu finden.“

    Ryan lachte, sein Vater hatte also nicht seine ganze Persönlichkeit von Grund auf geändert. Und das empfand er als unendlich erleichternd! „Es sollte möglich sein, dir zumindest einen Auftritt als Komparse zu verschaffen“, neckte er Chad.

    „Wie großzügig“, meinte der amüsiert und streckte seinem Sohn die Hand hin.

    Ryan schlug ein.

 


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