Mit dem Boss ins Bett? - Kapitel 10

Meredith tanzte nun schon seit einer Weile mit einem Cousin der Braut. Und sie sah glücklich aus. Das freute Jaci, die ihre Schwester stets für zu ernst gehalten hatte. Merry brauchte jemanden, der ein wenig Leichtigkeit in ihr Leben brachte. Spaß und heißen Sex. Ja, etwas heißer Sex konnte nie schaden.

    Obwohl … Es war nicht gut, sich in den Mann zu verlieben, mit dem man heißen Sex gehabt hatte – sofern es für ihn nur um heißen Sex ging.

    Jaci ließ den Kopf sinken. War sie selbst wirklich so dumm gewesen, tiefere Gefühle für Ryan zu entwickeln? Oder verwechselte sie erotische Anziehung mit Liebe?

    Der Sex mit ihm war unfassbar gut gewesen. Vermisste sie Ryan, weil sie die wundervollen Empfindungen vermisste, die seine Zärtlichkeiten in ihr geweckt hatten? Vermisste sie ihn, weil kein Mann vor ihm ihr derart himmlische Höhepunkte verschafft hatte?

    Sie biss sich auf die Unterlippe. Es war sinnlos, sich etwas vorzumachen. Für sie ging es nicht nur um Sex. Es war sogar mehr als Freundschaft. Sie wünschte sich, sie könnte Ryans Leben heller, schöner, glücklicher machen. Sie war tatsächlich im Begriff, ihm ihr Herz zu schenken. Dabei wusste sie doch, dass er es nicht einmal wollte. Sie musste vernünftig sein, wenn sie sich nicht selbst ins Unglück stürzen wollte.

    Eine starke Hand legte sich auf ihre Schulter, und der Duft von Kaffee stieg ihr in die Nase. Jaci schaute auf – und blickte in Ryans graublaue Augen.

    „Ich dachte, du gehst mir aus dem Weg“, platzte sie heraus. Und dann: „Danke für den Kaffee.“

    „Ich habe versucht, mich von dir fernzuhalten, aber“, er blickte kurz auf die Uhr, „es ist mir kaum sechs Stunden lang gelungen.“

    „Du meinst acht Tage und sechs Stunden.“

    „Ich hatte einiges in L. A. zu erledigen. Aber die meiste Zeit habe ich dummerweise damit verbracht, an dich zu denken. Immer wieder habe ich mir vorgestellt, wie du nackt in meinem Bett liegst.“

    Einen Moment lang war ihr schwindelig vor Verlangen. Er wollte sie. Und sie wollte ihn. Nur zu gern hätte sie sich ihm hingegeben – was natürlich gar nicht gut gewesen wäre. Erstens war er ihr Boss. Zweitens fühlte er für sie nicht das Gleiche wie sie für ihn.

    „Du hast dich ziemlich lange mit deinem Ex unterhalten“, stellte Ryan fest.

    Ziemlich lange? Nein, mit anderen Gästen und einigen ihrer Verwandten hatte sie bedeutend länger geplaudert.

    „Du überlegst doch hoffentlich nicht, ihm eine zweite Chance zu geben?“ Ein seltsames Feuer brannte in Ryans Augen.

    Kein Anruf, keine Mail, keine SMS – und jetzt dumme Fragen. Ärger wallte in Jaci auf. Sie funkelte ihn böse an. Keine normale Frau würde einen Mann wie Clive wählen, wenn sie jemals Sex mit einem so guten Liebhaber wie Ryan gehabt hätte. Aber das würde sie ihm gegenüber ganz bestimmt nicht erwähnen. Er war schon eingebildet genug!

    „Jaci?“ Komisch, jetzt klang seine Stimme bittend. „Jaci, sprich mit mir!“

    „Glaubst du wirklich, ich würde dich in meine Geheimnisse einweihen, nachdem du mich eine ganze Woche lang ignoriert hast? Und das, nachdem wir diese …“ Nein, „diese wundervolle Nacht“ würde sie nicht sagen. „Nachdem ich die Nacht bei dir verbracht habe?“

    „Es tut mir leid.“

    „Aber du würdest es wieder tun, nicht wahr?“

    „Du fragst mich, ob ich noch andere Nächte mit dir verbringen möchte? Natürlich! Ich bin ein Mann. Und du bist die Frau, mit der ich den besten Sex meines Lebens gehabt habe.“

    Den besten Sex seines Lebens?

    „Verdammt, Jaci, du hast mein Leben völlig durcheinandergebracht!“

    Erwartete er etwa, dass sie sich dafür entschuldigte? Himmel, seit sie denken konnte, hatte sie sich immer wieder für irgendwelche vermeintlichen Fehler entschuldigt. Damit musste nun wirklich Schluss sein. Zumal es kein Fehler sein konnte, einem Mann den besten Sex seines Lebens zu bescheren.

    Mit gespieltem Selbstbewusstsein schlug Jaci die Beine übereinander. Ihr Rock rutschte nach oben und gab den Blick auf ihren wohlgeformten Oberschenkel frei. Sie kümmerte sich nicht darum. Aber sie bemerkte sehr wohl, dass Ryan ihre Beine betrachtete und dass an seinem Hals eine Ader klopfte.

    Sie rechnete damit, dass er sie berühren würde. Doch stattdessen setzte er sich, trank einen Schluck von ihrem Kaffee und sagte: „Ich bin nicht gut darin, meine Gedanken und Gefühle mit anderen zu teilen.“

    Das war vermutlich noch untertrieben.

    „Die Beziehungen zu meinen Verwandten sind kompliziert, zu den verstorbenen ebenso wie zu den lebenden.“ Während er sprach, schaute er Jaci nicht an. „Meine Mutter ist tot. Mein Vater interessiert sich nicht für mich. Ich sage das nicht, weil ich Mitleid erwarte, sondern weil es zu meiner Geschichte gehört.“

    Jacis Herz klopfte jetzt schneller. Wollte Ryan sich ihr wirklich anvertrauen? Sie wagte es kaum zu hoffen.

    „Normalerweise rede ich nicht über mich, denn ich mag es nicht, wenn die Leute zu viel über mich wissen.“ Er holte tief Luft. „Die junge Frau auf dem Foto ist zusammen mit Ben bei dem Unfall ums Leben gekommen.“

    „Bens Verlobte?“ Warum hatte Ryan ein Bild von ihr in seinem Schlafzimmer?

    Es fiel ihm sichtlich schwer, weiterzusprechen. „Alle Welt hielt sie für Bens Verlobte, weil sie einen Verlobungsring trug. Aber …“ Seine Stimme war so leise geworden, dass Jaci sich vorbeugen musste, um ihn zu verstehen. Der Tod seines Bruders musste ihm noch immer schrecklich nahegehen. „Aber nicht Ben hatte ihr den Ring geschenkt, sondern ich.“

    Jaci griff nach Ryans Hand und hielt sie fest.

    Er hob den Kopf, und ihre Blicke trafen sich. Nie hatte Jaci einen so gequälten Ausdruck in den Augen eines Menschen gesehen. „Zwei Wochen zuvor hatten wir uns heimlich verlobt.“

    Es dauerte einen Moment, bis Jaci die Tragweite dieser Eröffnung begriff. In der Presse war zu lesen gewesen, dass Ben und die junge Frau ein romantisches Wochenende miteinander verbracht hatten. Es hatte Beweise dafür gegeben.

    „Sie hat dich betrogen“, flüsterte sie. „Oh, Ryan …“ Übelkeit stieg in ihr auf. Sein Bruder und seine Verlobte hatten eine Affäre miteinander gehabt. Und es war herausgekommen, als die beiden in einen Autounfall verwickelt worden und gestorben waren.

    Welch schreckliche Vorstellung!

    Wenn die Vorstellung schon für sie so furchtbar war, wie unerträglich musste sie dann für Ryan sein! Er hatte die beiden Menschen verloren, die er am meisten liebte. Und er hatte feststellen müssen, dass beide ihn hintergangen hatten. Wie konnte er mit diesem Wissen, mit diesem Schmerz weiterleben? Kein Wunder, dass es ihm schwerfiel, Vertrauen zu anderen zu fassen.

    Jacis Entsetzen schlug in Zorn um. Welcher Mann tat seinem Bruder so etwas an? Welche Frau kam auf die Idee, ihren Verlobten mit seinem eigenen Bruder zu betrügen? Zur Hölle mit ihnen! „Ich könnte sie eigenhändig umbringen!“, stieß sie hervor.

    Erstaunt bemerkte sie, dass Ryans Mundwinkel sich ein wenig hoben. Der trostlose Ausdruck in seinen Augen verschwand. „Es ist schon sehr lange her, Schatz.“ Vorsichtig entzog er ihr seine Hand, bewegte die Finger, die Jaci mit erstaunlicher Kraft zusammengepresst hatte.

    „Ich kann nicht glauben, dass jemand so rücksichtslos und … und gemein sein kann! Jeder, der …“

    Ryan legte ihr zwei Finger auf den Mund. Sie verschluckte den Rest des Satzes und seufzte. Ihre Gefühle spielten verrückt. Sie wollte Ryan trösten, ihn vor weiteren Schmerzen schützen, ihn in die Arme schließen und ihn nie mehr loslassen. „Tut mir leid“, murmelte sie.

    „Mir auch.“ Er zog seine Hand zurück. „Zum Glück wusste niemand von unserer Verlobung. Kelly hatte mich gebeten, sie noch eine Weile geheim zu halten.“

    „Wahrscheinlich, weil sie …“ Jaci unterbrach sich.

    „Natürlich …“ Ryan nickte. „Du jedenfalls bist außer mir der einzige lebende Mensch, der davon weiß. Dabei wollte ich es dir gar nicht erzählen. Denn das würde das zwischen uns nur …“

    „Real machen?“

    Ryan nickte. „Ja. Wenn ich dir alles erzählen würde, würde ich mir nicht länger vormachen können, dass wir nur … Freunde sind.“

    Ihr Herz machte einen Sprung. Wollte Ryan ihr tatsächlich zu verstehen geben, dass er ihr tiefe Gefühle entgegenbrachte? Dass er sich womöglich eine gemeinsame Zukunft mit ihr vorstellen konnte? Zu gern hätte sie ihn danach gefragt. Aber sie wagte es nicht. Denn wenn er ihre Hoffnungen enttäuschte … Wenn er ihr das Herz brach …

    Er schloss die Augen, rieb sich mit beiden Händen die Schläfen und stöhnte: „Oh Gott, ich bin so entsetzlich müde.“

    „Dann geh in dein Hotel und leg dich schlafen.“

    „Kommst du mit?“

    Nachdenklich runzelte sie die Stirn. Die Vorstellung, die Nacht mit Ryan zu verbringen, war verführerisch. Er war ein wunderbarer Liebhaber und gerade hatte er ihr mehr Vertrauen entgegengebracht, als sie je zu hoffen gewagt hatte. Er hatte sogar von mehr als Freundschaft gesprochen. Aber eben nicht von Liebe.

    Sie allerdings – es war zwecklos, es zu leugnen – liebte ihn inzwischen mehr als je einen Menschen zuvor. Und dieses Wissen machte ihr Angst. Wie sollte sie weiterleben, wenn er ihre Liebe zurückwies?

    Er stand auf und hielt ihr die Hand hin. „Kommst du, Jaci?“

    Sie schüttelte den Kopf.

    Enttäuscht wandte er sich ab – und bemerkte Clive, der ein paar Meter entfernt stand und zu ihnen herschaute.

    „Du hast wohl etwas Besseres zu tun?“ Ryans Augen verrieten, wie eifersüchtig er war.

    „Unsinn“, gab Jaci gereizt zurück. „Wie kannst du nur so ein Idiot sein?!“

    Einen Moment lang war sie versucht, doch mit ihm zu gehen. Dann rief sie sich in Erinnerung, dass ihre Liebe umso tiefer werden würde, je mehr Zeit sie mit Ryan verbrachte. Und da er ein so wunderbarer Liebhaber war, würde sie auch immer weniger auf seine Zärtlichkeiten verzichten können.

    Nein, sie wollte sich das Leben nicht noch schwerer machen, als es schon war. Aber sie wollte ihn nach seinem Vertrauensbeweis auch nicht einfach gehen lassen. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und gab ihm einen Kuss auf die Wange. „Danke, dass du mir das alles erzählt hast.“

    Er legte ihr die Hände auf die Hüften, zog sie an sich und seufzte. „Du treibst mich in den Wahnsinn.“

    „Das ist ein Vorwurf, den ich dir auch machen kann“, gab sie mit einem kleinen Lachen zurück. „Kommst du morgen zum Frühstück?“

    „Ja.“ Er drückte ihr einen Kuss auf die Stirn, drehte sich zu Clive um, warf ihm einen warnenden Blick zu und wandte sich dann noch einmal an Jaci. „Lass dich nicht einwickeln von ihm. Nach allem, was man hört, ist er ein guter Politiker, jemand, der mit Worten umzugehen weiß und gleichzeitig …“

    „Ich weiß nicht, worauf du hinauswillst.“

    „Er hat dich hintergangen. Vergiss das nicht.“

    Ryans Worte kränkten sie. Glaubte er, sie sei ein Kind? Oder zu dumm, um Konsequenzen aus dem zu ziehen, was sie erlebt hatte? Dachte er, sie brauche jemanden, der sie vor Clive schützte? Himmel, sie war eine erwachsene Frau, die selbst auf sich achtgeben konnte! Aber anscheinend schien niemand das zu merken. Für ihre Eltern war sie immer noch das unselbstständige kleine Mädchen. Auch für Neil und Meredith war sie nach wie vor die naive kleine Schwester. Sie hatte gehofft, dass wenigstens Ryan erkannt hatte, dass sie mutiger, stärker und selbstbewusster geworden war.

    Sie brauchte keinen Ritter, der ihr zu Hilfe eilte! Sie konnte ihre Drachen selbst erschlagen.

 

Am nächsten Morgen saßen Priscilla und ihre Töchter auf der Terrasse und beobachteten, wie die Leute vom Catering aufräumten und das Zelt abbauten.

    Wenn Ryan auftauchte, wollten die drei Brookes-Lyon-Frauen das Familienoberhaupt Archie aus seinem Büro locken und gemeinsam mit den Männern frühstücken. Bis dahin genügte es ihnen, die Frühlingssonne zu genießen.

    „Das erste Kind ist also endgültig aus dem Haus und unter der Haube“, stellte Priscilla beinahe wehmütig fest. In den Händen hielt sie das Manuskript, an dem sie arbeitete, aber mit den Gedanken war sie offensichtlich anderswo.

    Jaci seufzte. „Meine Hochzeit hätte in ein paar Wochen stattfinden sollen.“

    „Ich habe gesehen, dass du dich gestern mit Clive unterhalten hast“, meinte Merry. „Wie schaffst du es nur, so freundlich zu ihm zu sein? Ich an deiner Stelle hätte ihm die Augen ausgekratzt.“

    „Seine Augen interessieren mich nicht mehr, ebenso wenig wie der Rest. Er kommt später vorbei, um ein paar Dinge zu holen, die ich noch von ihm hatte. Ich bin froh, ihn endlich ganz und gar los zu sein.“

    „Ach?“, spottete Merry. „Dafür, dass er dir gleichgültig ist, hast du aber ziemlich lange mit ihm geredet.“

    Fanden denn alle, sie würde zu viel Zeit mit Clive verbringen? Jaci überlegte kurz, ob sie ihrer Schwester erzählen sollte, dass sie sich in Ryan verliebt hatte. Aber dann zuckte sie nur die Schultern. „Clive hat sich bei mir entschuldigt. Angeblich fehle ich ihm. Er bedauert sehr, was geschehen ist.“

    „Das hast du ihm hoffentlich nicht geglaubt?“ Merry hatte seit der „Peitschen-Affäre“, wie sie es nannte, keine hohe Meinung mehr von Clive.

    „Er hat sogar versucht, mich zu einem Neuanfang zu überreden. Natürlich habe ich Nein gesagt. Als ich ihm ein bisschen von New York, meiner Arbeit und den interessanten Menschen, die ich kennengelernt habe, erzählte, sah er schließlich ein, dass ich ihm keine zweite Chance geben würde. Er hat mir viel Glück für die Zukunft gewünscht.“

    „Erstaunlich. Ich hätte angenommen, dass er zu den Männern gehört, die ein Nein nicht akzeptieren. Nimm dich vor ihm in acht, Jaci.“

    „Ja, ja, schon gut.“

    Meredith musterte ihre Schwester nachdenklich. „Und wie steht es mit Ryan?“

    „Ich mag ihn.“ Das war die Untertreibung des Jahrhunderts. „Aber ich weiß nicht, ob wir je mehr als Freunde sein werden.“

    „Für mich sah es nicht so aus, als wäret ihr nur Freunde.“

    „Das muss daran liegen, dass wir sensationell zusammen im Bett sind.“ Jaci warf ihrer Mutter einen kurzen Blick zu. „Tut mir leid, Mum.“

    „Ich weiß, dass ihr Sex hattet. Solche Dinge sind offensichtlich für jemanden, der selbst noch ein aktives Sexualleben führt.“

    Jaci hielt sich in gespieltem Entsetzen die Hände vor die Augen und Merry stöhnte. „Diese Information hättest du uns ersparen können.“

    „Ryan ist ein sehr verschlossener Mensch“, kam Jaci auf das ursprüngliche Thema zurück. „Aber möglicherweise haben wir uns gestern Abend etwas besser kennengelernt.“

    „Also soll es doch mehr als Sex und Freundschaft werden?“

    Verlegen zupfte Jaci am Saum ihrer Bluse. „Ich fürchte, ich bin keine gute Menschenkennerin. Vielleicht habe ich falsche Schlüsse daraus gezogen, dass er sich mir ein wenig geöffnet hat.“

    „Jeder von uns zieht hin und wieder falsche Schlüsse.“

    „Ach“, klagte Jaci, „niemandem passiert es so oft wie mir! Ich bin furchtbar dumm, wenn …“ Sie zuckte zusammen, weil das Manuskript ihrer Mutter mit einem Knall auf dem Boden landete. Schon trieb der Wind einzelne Blätter davon. Jaci sprang auf, um sie einzufangen, ehe Priscilla hysterisch wurde.

    „Setz dich, Jacqueline!“

    Verwirrt starrte sie ihre Mutter an.

    „Setz dich!“, wiederholte diese. Dabei geriet sie sonst sofort außer sich, wenn ihren Manuskripten irgendetwas zustieß. Priscilla fuhr sich mit der Hand durchs Haar und schaute ihre jüngste Tochter ernst an. „So etwas möchte ich nie wieder aus deinem Mund hören.“

    „Was denn?“ Jaci konnte nicht genau sagen, womit sie den Zorn ihrer Mutter erregt haben könnte.

    „Dass du dumm bist. Du bist nämlich keineswegs dumm. Hast du mich verstanden?“

    Jaci wurde blass. Sie musste sich verhört haben. Oder vielleicht träumte sie.

    „Du bist ein kluges Mädchen“, sagte Priscilla in eindringlichem Ton. „Manchmal denke ich sogar, dass du klüger bist als wir anderen zusammengenommen.“

    Unvorstellbar, dass ihre Mutter das wirklich gesagt hatte!

    „Niemand von uns hätte den Skandal um Clive mit so viel Würde und Selbstbeherrschung ertragen wie du. Wir anderen haben gehofft, dass die Sache einfach in Vergessenheit geraten würde. Du ganz allein musstest dich mit der Presse auseinandersetzen und damit, dass dein Leben in die Brüche gegangen war. Wir hätten dich unterstützen müssen, statt den Kopf in den Sand zu stecken.“

    „Mach dir keine Sorgen, Mum, und keine Vorwürfe. Alles ist okay.“

    „Nein, das ist es nicht. Du bist ein mutigerer Mensch als wir. Und wir haben dir das Gefühl gegeben, schlechter zu sein, nur weil du anders bist.“

    „Aber ich bin wirklich nicht so klug wie ihr.“

    „Auf deine Art bist du viel klüger“, stellte nun auch Meredith fest. „Und tapferer! Du hast wegen Clive einen schrecklichen Schlag einstecken müssen. Doch statt zu jammern, hast du dir den Staub von den Kleidern geklopft, bist nach New York gegangen und hast dir ein neues Leben aufgebaut.“

    Fassungslos schaute Jaci von einer zur anderen. „Jetzt übertreibt ihr aber“, murmelte sie schließlich.

    „Leider ist mir viel zu spät klar geworden, dass du großes Talent als Drehbuchautorin hast“, erklärte Priscilla. „Ich schäme mich, weil du dachtest, du könntest nicht mit uns darüber reden. Ich bin eine schlechte Mutter.“

    „Und ich bin eine schlechte Schwester. Als du mich brauchtest, Jaci, war ich nicht für dich da.“

    Tränen der Rührung traten in Jacis Augen. Solche Geständnisse hatte sie weder von ihrer Mutter noch von Meredith erwartet. Zum ersten Mal fühlte sie sich als vollwertiges Mitglied ihrer Familie.

    „Ich hoffe sehr“, sagte Priscilla in diesem Moment, „dass Ryan erkennt, welch wundervoller Mensch du bist.“

    Wenn sie ihrer Mutter und Merry doch von Ben und Kelly erzählen könnte! Aber das war Ryans ganz private Geschichte. Deshalb würde Jaci den Mund halten.

    Seit Ryan sich ihr anvertraut hatte, fühlte sie sich ihm näher als je zuvor. Aber ob er sie liebte, wusste sie dennoch nicht. Eines allerdings war ihr klar: Sie wollte mehr als eine Affäre. Sie wünschte sich eine gemeinsame Zukunft mit ihm. Eine Zeit lang im Bett mit ihm glücklich zu sein, das genügte ihr nicht.

    „Ich habe keine Ahnung, was er wirklich für mich empfindet“, gestand sie.

    „Ich mag ihn“, erklärte Priscilla. „Aber wie es mit euch weitergehen soll, das müsst ihr selbst herausfinden.“

    Jaci seufzte. Ihr war klar, dass sie Ryan zu nichts drängen konnte. Leider war Geduld nicht gerade ihre Stärke. Es würde ihr schwerfallen, einfach abzuwarten, wie sich Ryans Beziehung zu ihr entwickelte. Nun, vermutlich blieb ihr gar keine andere Wahl, als sich zumindest eine Weile zurückhaltend zu benehmen.

    Vor dem Haus kam ein Auto zum Stehen.

    „Das wird Ryan sein!“, rief Jaci, sprang auf und lief zur Straße. „Verflixt, es ist nur Clive!“

    Merry und ihre Mutter wechselten einen Blick.

    „Das höre ich gerne“, stellte Merry fest.

    Priscilla grinste. „Und ich erst!“

 


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