Jaci erwachte, als Sonnenstrahlen ihren Nacken kitzelten. Sie lag auf dem Bauch, wie es ihre Gewohnheit war. Und sie war nackt, was überhaupt nicht ihrer Gewohnheit entsprach. Dann wurde ihr klar, dass sie nicht allein war. Neben ihr lag Ryan.
Auch im Schlaf war sein Körper beeindruckend stark und männlich. Sein Gesicht allerdings wirkte jünger, weicher, verletzlicher. Und zufrieden. Ryan sah aus wie ein Mann, der kürzlich atemberaubend guten Sex gehabt hatte.
Jaci errötete. Sie selbst jedenfalls hatte in Ryans Armen den besten Sex aller Zeiten erlebt. Aber das war kein Grund, jetzt noch neben ihm zu liegen. Es wäre viel vernünftiger gewesen, sich mitten in der Nacht mit einem Kuss von ihm zu verabschieden und nach Hause zu fahren.
Sie unterdrückte ein Seufzen und streckte vorsichtig die Hand aus. Ryans Haut war warm, seine Muskeln fest. Dieser Mann hatte ihr so viele unglaubliche Höhepunkte beschert, dass es ihr noch immer wie ein Traum vorkam. Und es war wundervoll gewesen, sich schließlich vollkommen befriedigt und erschöpft an ihn zu schmiegen und einzuschlafen. Jaci hatte es genossen, in seinen Armen zu liegen, zu spüren, wie er ihren Nacken mit ein paar letzten kleinen Küssen liebkoste und dann sein Gesicht in ihrem Haar barg. Sie hatte nicht auf dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit verzichten wollen.
Wie hatte sie nur so dumm sein können?
Sex, einfacher, unkomplizierter Sex war gut. Er half, Bedürfnisse zu befriedigen, die eine gesunde Frau nun einmal hatte. Aber Gefühle waren gefährlich. Das hatte Jaci in London lernen müssen.
Ryan ist nicht wie Clive, versuchte sie, sich zu beruhigen.
Zweifellos hatte Ryan ihr mehr Zärtlichkeit entgegengebracht, als nötig gewesen wäre, um sie zu verführen und zu befriedigen. Er hatte sich von seiner leidenschaftlichsten Seite gezeigt. Er hatte sie mit Lippen und Händen verwöhnt, und ihr so den Weg gewiesen, auf dem sie ihm bereitwillig gefolgt war, zu dem magischen Ort, wo die Zeit stehen blieb. Aus seinen Blicken, seinen geflüsterten Worten, seinen Liebkosungen hatte zudem tiefe Zuneigung gesprochen. Zuneigung, die Jaci nicht mehr missen wollte.
Verflixt! Sie durfte sich nicht selbst belügen. Zwischen ihr und Ryan hatte sich nichts geändert. Sie hatten Sex gehabt und ihn genossen. Aber Ryan war noch immer ihr Boss und nicht ihr Verlobter. Dass er ihr tiefere Gefühle entgegenbrachte, war nichts als ein dummer Wunschtraum. Ein sehr, sehr dummer Wunschtraum. Sex war Sex und durfte nicht mit Zuneigung oder gar Liebe verwechselt werden! Diese Lektion hatte sie in London ein für alle Mal gelernt!
Immerhin konnten sie vielleicht Freunde sein. Ja, das wäre schön.
Sie stand auf und schaute sich nach ihrer Kleidung um, entschied sich dann aber, lieber in Ryans Hemd vom Abend zuvor zu schlüpfen. Es war ihr natürlich viel zu groß, die Ärmel musste sie aufkrempeln. Und dann musste sie lächeln. Da stand sie nun, das brave Mädchen im Schlafzimmer des bösen Jungen, und trug nichts als sein Hemd. Es hätte eine Szene aus einem Drehbuch sein können!
Da Ryan noch immer schlief, schaute Jaci sich erst einmal in Ruhe um. Der Raum wurde von dem riesigen Bett dominiert. Außerdem gab es einen Schaukelstuhl und eine Spiegelkommode. Während sie ihr Spiegelbild kritisch musterte – ihr Haar war eine Katastrophe! –, bemerkte Jaci mehrere silberne Bilderrahmen auf der Kommode, die allerdings nicht aufgestellt waren, sondern mit dem Bild nach unten lagen. Neugierig trat sie näher. Sie schob sich ein paar Ponyfransen aus der Stirn, verzog unwillig das Gesicht, weil sie so übermüdet aussah, und griff dann nach dem ersten Bilderrahmen.
Er enthielt ein Foto von Ben. Ryans verstorbener Bruder wirkte so lebendig, so sexy und lebenslustig, dass Jaci einen Moment lang glaubte, er würde gleich aus dem Rahmen heraustreten. Es war einfach unvorstellbar, dass er tot war. Und doch war es die grausame Wirklichkeit. Kein Wunder, dass Ryan es nicht ertrug, dieses Foto anzuschauen.
Wer mochte auf dem zweiten Bild zu sehen sein? Jaci konnte ihrer Neugier nicht widerstehen. Stirnrunzelnd betrachtete sie das hübsche Gesicht einer dunkelhaarigen Frau. Eine Fremde, die ihr allerdings irgendwie bekannt vorkam. Wer war sie? Und warum lag ihr Foto hier auf Ryans Kommode? Um seine Mutter konnte es sich nicht handeln. Frisur und Make-up waren viel zu modern. Vielleicht war es eine von Ryans Geliebten? Er musste in den vergangenen Jahren eine Menge Affären gehabt haben, wenn man den Gerüchten glauben konnte. Aber angeblich hatte er zu keiner der Frauen eine ernsthafte Beziehung unterhalten. Seltsam …
Sie legte das Bild zurück und ärgerte sich, dass sie plötzlich einen unangenehmen Schmerz empfand. War sie etwa eifersüchtig? Himmel, das musste aufhören! Sie straffte die Schultern, hob den Blick – und sah im Spiegel, dass Ryan direkt hinter ihr stand. Er wirkte kühl, distanziert. Von dem leidenschaftlichen und zärtlichen Liebhaber der letzten Nacht war nichts übrig geblieben.
„Du brauchst gar nicht erst zu fragen.“ Obwohl er nackt war, gab es nicht den geringsten Hinweis auf Intimität zwischen ihnen. Er hätte genauso gut eine Rüstung tragen können, so fremd und feindselig wirkte er.
Sein Benehmen verletzte Jaci. War es möglich, dass sie sein Verhalten in der letzten Nacht vollkommen falsch gedeutet hatte? Hatte er wirklich nur Sex gewollt? War ihm der Mensch Jaci gleichgültig? Vielleicht war das, was sie für Zuneigung gehalten hatte, nur Berechnung gewesen. Traurig betrachtete sie seine abweisende Miene.
Die alte Jaci – die, die sie in London gewesen war – hätte sich jetzt in aller Eile angezogen, sich dafür entschuldigt, dass sie Ryan verärgert hatte, und seine Wohnung überstürzt verlassen. Die neue Jaci aber war aus anderem Holz geschnitzt.
„Ist das alles, was du zu sagen hast?“
Ryan zuckte die Schultern. „Ich werde den Tag nicht mit einer Diskussion über sie anfangen.“
„Ich weiß nicht einmal, wer sie ist.“
Jetzt funkelten Ryans Augen zornig. „Keine Diskussion! Das ist doch wohl eindeutig genug!“ Damit wandte er sich ab, griff nach einer Jeans, die über dem Stuhl hing, und schlüpfte hinein.
„Du findest es also richtig, mich nach allen schmutzigen Details über meinen Exverlobten zu fragen und mir dann nicht einmal den Namen der Frau zu verraten, deren Bild auf deiner Kommode steht. Pardon, deren Bild auf deiner Kommode liegt.“
„Allerdings.“
Sprachlos vor Entrüstung starrte sie ihn an.
„Ich habe dich nicht gedrängt, mir von Clive zu erzählen. Du selbst hast dich dazu entschieden. Ich hingegen entscheide mich, nicht über die Vergangenheit zu sprechen.“
Jaci ballte die Hände zu Fäusten. Wie hatte auf diese nahezu perfekte Nacht ein so schrecklicher Morgen folgen können? Was war geschehen? Warum war es plötzlich unmöglich, eine freundschaftliche Unterhaltung mit Ryan zu führen? Und warum kränkte es sie so sehr, dass er sich so verschlossen gab? Schließlich hatte er – das musste sie eingestehen – jedes Recht, nicht über die Vergangenheit zu reden.
Ich sollte mich nicht so albern benehmen. Diese Frau geht mich nichts an.
Auf keinen Fall wollte Jaci sich aufführen wie eine neugierige, besitzergreifende, eifersüchtige Tussi. Deshalb schenkte sie Ryan ein kühles Lächeln und sagte: „Entschuldige, ich wollte mich nicht in deine Angelegenheiten mischen.“ Sie begann, ihre herumliegenden Kleidungsstücke aufzuheben. „Darf ich dein Bad benutzen?“
„Du weißt sehr gut, dass du das Bad benutzen kannst, wann immer du willst“, fuhr er sie an.
Anscheinend konnte sie ihm heute gar nichts recht machen! Ohne ihn eines Blickes zu würdigen, verließ sie das Zimmer. Auf sich selbst war sie mindestens so wütend wie auf ihn. Es war nicht ungewöhnlich, dass der Morgen danach sich als unangenehm entpuppte. Wenn sie nur ein wenig klüger gewesen wäre, hätte sie nicht bei Ryan übernachtet, sondern wäre nach Hause gefahren, solange die Stimmung zwischen ihnen noch gut war.
Wann würde sie es endlich lernen?
