Verflixt, es war fast, als hätte er nach ihrem Herzen gegriffen und hielte es fest in seiner Hand.
Nun, zweifellos spielten ihre Hormone verrückt. Eine andere Erklärung gab es nicht. Als Schriftstellerin wusste sie, dass sie vorsichtig sein musste, damit die Fantasie nicht mit ihr durchging. Hier handelte es sich schließlich um das wahre Leben und nicht um eine romantische Komödie. Ryan war männlich, sexy, stark und hilfsbereit. Zumindest wirkte er so. Aber das mochte eine Maske sein. Mit Masken kannte Jaci sich aus. Manchmal verbargen sie etwas Harmloses – so wie ihr fehlendes Selbstvertrauen –, und manchmal kam hinter den Masken das Schlimmste eines Menschen hervor … so wie bei ihrem Exverlobten.
Clive und seine Geheimnisse … Es war furchtbar gewesen zu erleben, wie diese Geheimnisse aufgedeckt wurden. Dass Clive nicht nur sie, sondern auch ihre Familie hinters Licht geführt hatte, war nun wirklich kein Trost. Anfangs – das war nun drei Jahre her – hatten ihre Verwandten sich gefreut, dass Jaci statt eines Künstlers oder Musikers ohne Einkommen endlich einen intellektuellen, erfolgreichen Mann mit nach Hause gebracht hatte. Einen Politiker!
Sie war stolz darauf gewesen, eine solche Eroberung gemacht zu haben. Ihr gefiel, wie aufmerksam und zuvorkommend man sie plötzlich überall behandelte. Selbst die Presse interessierte sich für sie. War es da nicht normal, dass sie sich mit Clives Fehlern abfand? Seine Vernachlässigung, sein Kontrollzwang, sein Mangel an Respekt. Sie wurde ja dafür entschädigt, indem sie neben ihm im Scheinwerferlicht stand. Aus dem hässlichen Entlein schien über Nacht ein Schwan geworden zu sein.
Zum Schluss jedoch hatte sie das alles kaum noch ausgehalten, und das Scheinwerferlicht war beinahe unerträglich geworden. Also hatte sie England verlassen und war nach New York gekommen. Hier wollte sie sich ihrem beruflichen Fortkommen widmen, und dabei würde jede Beziehung zu einem Mann nur stören.
Jemand rief ihren Namen. Sie schaute sich um und entdeckte ihre neuen Freunde. Erleichtert bahnte sie sich einen Weg durch die Menge. Wes schenkte ihr ein warmes Lächeln, und Shona reichte ihr ein Glas Champagner.
„Ich mag Champagner nicht besonders“, meinte Jaci. Doch irgendwie hatte sie das Gefühl, dass etwas Alkohol ihr guttun würde.
„Trinken in England nicht alle schicken It-Girls Champagner?“, fragte Shona ohne jede Bosheit.
„Ich bin kein It-Girl.“
„Immerhin warst du mit einem aufstrebenden Politiker verlobt. Außerdem entstammst du einer alten, vornehmen Familie. Hast du nicht sogar hin und wieder dieselben Gesellschaften besucht wie die Prinzen William und Harry?“
„Du hast im Internet nach Informationen über mich gesucht!“
„Natürlich.“ Shona wischte die Bemerkung mit einer Handbewegung weg. „Dein Exverlobter hat was von einem Pferd.“
Jaci musste lachen. Ja, Clives Gesicht hatte tatsächlich etwas Pferdeartiges.
„Wusstest du von seinen … Wie soll ich es ausdrücken?“ Shona runzelte die Stirn. „Von seinen seltsamen Vorlieben?“
„Nein.“ Jaci verspürte nicht die geringste Lust, über Clives ungewöhnliche Interessen zu reden. Sie hatte nicht einmal mit ihrer Familie darüber gesprochen. Glücklicherweise neigten alle Brookes-Lyons dazu, unangenehme Themen einfach auszusparen.
„Wie bist du zu dem Job bei Starfish gekommen?“, wechselte Wes das Thema.
„Vor über einem Jahr hat mein Agent einen Entwurf für ein Drehbuch an Starfish verkauft. Vor sechs Wochen rief Thom an, um mir mitzuteilen, die Idee solle ausgebaut werden und ich könne an dem Drehbuch mitarbeiten, wenn ich wolle. Natürlich sagte ich Ja. Ich habe einen Vertrag für sechs Monate.“
„Und du schreibst unter dem Pseudonym JC Brookes, weil du nach dem Skandal die Aufmerksamkeit der Presse nicht erneut auf dich ziehen möchtest?“
Jaci zuckte die Schultern. Es war einfacher, unter einem Pseudonym zu schreiben, wenn die eigene Mutter eine erfolgreiche Autorin war, deren historische Romane unter ihrem wirklichen Namen veröffentlicht wurden.
„Wir dachten, JC Brookes wäre ein Mann.“ Wes zwinkerte ihr zu. „Shona und ich haben uns darauf gefreut, mit dem Neuen zu flirten.“
„Tut mir leid, wenn ich euch enttäuscht habe.“ Jaci leerte ihr Glas und stellte es auf einem Stehtisch ab. „Warum erzählt ihr mir nicht ein bisschen mehr über Starfish? Und über Thom. Wann wird er wieder im Büro sein? Ich bin gespannt, endlich den Mann kennenzulernen, der mich eingestellt hat.“
„Er ist zurück“, informierte Shona ihn. „Und angeblich soll er heute Abend sogar hier sein. Er und Jax, der Eigentümer von Starfish, werden die Macher der Branche treffen wollen. Wir werden sie vermutlich nur von Weitem sehen. Als Drehbuchautoren sind wir nicht wichtig genug.“ Sie unterbrach sich, als ein Kellner mit einem Tablett vorbeikam. „Hm, das sieht lecker aus!“ Sie nahm sich eine Frühlingsrolle, biss hinein und kaute genüsslich.
„Ach, Thom ist nicht der Eigentümer von Starfish?“
„Er ist Jax’ rechte Hand“, erklärte Wes. „Jax bleibt lieber im Hintergrund, aber letztendlich hält er alle Strippen in der Hand. Er ist der Produzent. Es heißt, dass Regisseure und Schauspieler gleichermaßen gern mit ihm zusammenarbeiten. Und es heißt auch, dass er es sich leisten kann, wählerisch zu sein.“
„Mit Chad Bradshaw arbeitet er zum Beispiel nicht zusammen“, fiel Shona ein. Dabei wies sie mit ihrem Champagnerglas auf einen gut aussehenden älteren Mann, der gerade an ihnen vorbeieilte.
Das erklärt, warum Ryan hier ist, dachte sie. Chad Bradshaw, legendärer Schauspieler, hatte an diesem Abend einen Preis gewonnen. Es machte nur Sinn, dass sein Sohn dies mit ihm feiern würde. Chad war hochgewachsen wie sein Sohn und hatte dieselben graublauen Augen.
Sie unterdrückte ein Seufzen. Ryan erinnerte sich zwar nicht an sie. Aber sie hatte nie vergessen, wie umwerfend er ausgesehen hatte, als er zum ersten Mal ihr Elternhaus betrat. Neil hatte ihn mitgebracht, sie waren Studienkollegen. Alle Brookes-Lyons waren fasziniert gewesen, wenn Ryan von seinem Leben in Hollywood und von seinem Vater und seinem älteren Bruder Ben erzählte, der als aufgehender Stern am Kinohimmel galt.
Tatsächlich war Ben im Begriff gewesen, der Liebling von Kinofans auf der ganzen Welt zu werden, als er bei einem Autounfall ums Leben kam. Sein Tod hatte tagelang für Schlagzeilen gesorgt. Zu jenem Zeitpunkt studierte Ryan allerdings längst nicht mehr in London, sodass Jaci die Tragödie wie der Rest der Welt über die Medien verfolgte.
Während seiner Studienzeit – einige Jahre vor Bens Tod – hatte Ryan ihrem Elternhaus aber ziemlich regelmäßig Wochenendbesuche abgestattet und für frischen Wind in den alten Mauern gesorgt. Dann hatte er die Universität verlassen, um in die USA zurückzukehren und dort einen Beruf zu ergreifen, der nichts mit der Filmindustrie zu tun hatte. Und obwohl seine Freundschaft mit Neil nie zerbrochen war, hatte Jaci ihn seitdem nicht wiedergetroffen – bis er ihr vorhin mit seinem Kuss beinahe den Verstand geraubt hatte.
Unwillkürlich fuhr sie sich mit der Zunge über die Lippen. Ob er Frauen, deren Namen er kannte, ebenso küsste? Oder war er dann noch leidenschaftlicher, zärtlicher, überzeugender? Wenn ja, gehörte er zweifellos zu denen, die Pole zum Schmelzen bringen konnten.
Warum zum Teufel hatte er sie so aus dem Gleichgewicht gebracht? Warum konnte sie nicht aufhören, an ihn und seinen Mund zu denken, den sie so gern wieder auf dem ihren gespürt hätte?
Verflixt, sie hatte ein Problem!
Ryan „Jax“ Jackson trank einen Schluck Whiskey und wünschte sich, er wäre daheim in seiner Wohnung, um es sich auf seinem Sofa bequem zu machen und auf dem Flachbildschirm, der den größten Teil der Wand einnahm, Sport zu schauen.
Er unterdrückte ein Seufzen. Was für ein Abend! Zuerst der Streit mit Leroy und dann der Kuss dieser attraktiven Frau. Der Gedanke an ihr Temperament, an ihren Duft und daran, wie ihr Körper sich an den seinen geschmiegt hatte, genügte, um sein Verlangen aufs Neue zu wecken. Er musste nicht lange nachdenken, um zu wissen, dass er sie noch nie zuvor geküsst hatte. Also wer, um alles in der Welt, war sie?
Ob sie sich noch im Ballsaal befand? Suchend schaute er sich um, konnte sie aber nirgends entdecken. Er beschloss, sie zu suchen und Antworten von ihr zu verlangen. Er musste herausfinden, woher sie ihn kannte. Sonst würde er die ganze Nacht kein Auge zumachen.
Sein Blick fiel auf einen blonden Haarschopf – und schon schlug sein Herz schneller. Seine Hose schien plötzlich zu eng geworden zu sein. Was zum Teufel war nur mit ihm los?
Am besten würde es sein, an etwas anderes zu denken. An Leroy zum Beispiel, der sich plötzlich so stur stellte. Dabei hatte er doch bereits so gut wie zugesagt, dass er den Film finanzieren würde. Was wollte er denn jetzt noch? Ryan hasste die Spiele der Superreichen. Sie hatten zweifellos Spaß daran, andere unter Druck zu setzen. Seit jeher träumte er davon, einen Investor zu finden, der keine unnötigen Fragen stellte. Aber er wusste natürlich, dass es wahrscheinlicher war, von Aliens entführt zu werden.
Nur gut, dass Leroy verschwunden war. Ryan presste die Lippen zusammen. Schlimm genug, dass er sich im selben Raum aufhalten musste wie sein biologischer Vater. Tatsächlich gab es etwas, das Leroy und Chad, jene beiden ansonsten so unterschiedlichen Männer, verband: Sie hielten sich für unwiderstehlich und schafften es einfach nicht, ihr Eheversprechen zu halten. Vermutlich versuchten sie es nicht einmal. Warum, fragte Ryan sich zum hundertsten Mal, haben sie dann überhaupt geheiratet?
Jemand legte ihm die Hand auf die Schulter. „Du siehst irgendwie grimmig aus.“
„Hallo, Thom. Ich bin einfach nur müde und möchte nach Hause.“
„Da brauchst du auch nicht zu fürchten, deinem alten Herrn zu begegnen.“
„Ist er noch hier?“
„Er unterhält sich an der Bar mit einer umwerfenden Rothaarigen. Das hat ihn aber nicht davon abgehalten, mich zu bitten, bei dir ein gutes Wort für ihn einzulegen. Er möchte sich mit dir versöhnen.“
„Das teilt er mir seit Jahren bei jedem Anruf und in jeder E-Mail mit. Aber ich bin sicher, dass es ihm letztendlich nur darum geht, mich dazu zu bringen, ihm eine schöne Rolle in einem Starfish-Film zu geben.“
„Er wäre grandios als Tompkins.“
Ryan verzog zynisch den Mund. „Keine Chance …“
„Aber er ist dein Vater.“
Das, fand Ryan, entsprach nicht wirklich der Wahrheit. Chad war sein Erzeuger, mehr nicht. Eine Zeit lang war er sein Vormund gewesen; ansonsten hatte er überwiegend durch Abwesenheit geglänzt. Tatsächlich hatte Chad nie ein Hehl daraus gemacht, dass der Tod von Ryans Mutter, die eine seiner vielen Geliebten gewesen war, ihm äußerst ungelegen kam. Das gemeinsame Kind war erst vierzehn und musste versorgt werden. Also hatte Chad den Jungen kurzerhand in sein Haus geholt. Dort hatte Ryan mit Chads ehelichem Sohn, Ben, und einer Haushälterin zusammengelebt, während Chad von einem Drehort zum nächsten gereist war. Ben allerdings hatte seinen jüngeren Halbbruder mit offenen Armen willkommen geheißen. Und Ryan hatte ihn dafür geliebt. Der Altersunterschied zwischen ihnen betrug nur sechzehn Monate, und rasch waren die beiden einsamen Jungen beste Freunde geworden. Ryan war sich sicher gewesen, dass Ben ihn nie im Stich lassen oder hintergehen würde.
Komisch, wie sehr man sich täuschen konnte!
Noch immer hatte Ryan einen dicken Kloß im Hals, wenn er an Ben dachte. Wahrscheinlich würde sich das nie ändern. Das bedrückende Bewusstsein, betrogen worden zu sein, mischte sich mit Trauer und Wut.
Ryan schluckte und hob den Blick, gerade als die Menge vor ihm sich teilte. Und da war sie! Er betrachtete den Mund, den er noch vor Kurzem geküsst hatte, und dann die ganze Frau. Sie war nicht besonders groß, aber gut proportioniert. Ihr blondes, modisch geschnittenes Haar umrahmte ihr Gesicht, das ein wenig an das einer Elfe erinnerte und das von großen, erstaunlich dunklen Augen dominiert wurde.
Es waren diese Augen, die seiner Erinnerung auf die Sprünge halfen und seine Gedanken zu seiner Zeit in England springen ließen. Die Brookes-Lyons! Hatte Neil nicht in seiner letzten E-Mail erwähnt, dass seine kleine Schwester für einige Zeit nach New York kommen würde? Wie hieß das Mädchen bloß? Josie? Jackie? Nein. Jaci! Ja, das musste sie sein.
Er musterte sie erneut. Fast zwölf Jahre waren vergangen, seit er Jaci zuletzt gesehen hatte. Und damals hatte er ihr nicht allzu viel Beachtung geschenkt. Sie war ja noch so jung und zudem schüchtern gewesen. Ihr hellblondes Haar war ihr bis auf die Taille gefallen, und sie hatte eine typische Teenagerfigur mit Rundungen an den falschen Stellen gehabt. Aber diese Augen …
