Mit dem Boss ins Bett? - Kapitel 2

In der Hoffnung, rasch in der Menschenmenge verschwinden zu können, betrat Jaci den überfüllten Ballsaal. Ihr Herz schlug noch immer zum Zerspringen. Was sie soeben erlebt hatte, erinnerte sie an eine Achterbahnfahrt. Alles ging furchtbar schnell, und man wusste kaum, wo oben und unten war. Ja, sie wollte Ryan noch einmal küssen. Sie wollte den sanften Druck seiner festen Lippen spüren. Sie wollte ihn schmecken, sich an ihn schmiegen, seine Erregung fühlen. Nie zuvor hatte ein Kuss eine solche Wirkung auf sie gehabt. Und obwohl Ryan doch nicht einmal wusste, wer sie war, hatte sie die ganze Zeit über das Gefühl gehabt, dass seine Leidenschaft und Zärtlichkeit niemand anderem als ihr galt.

    Verflixt, es war fast, als hätte er nach ihrem Herzen gegriffen und hielte es fest in seiner Hand.

    Nun, zweifellos spielten ihre Hormone verrückt. Eine andere Erklärung gab es nicht. Als Schriftstellerin wusste sie, dass sie vorsichtig sein musste, damit die Fantasie nicht mit ihr durchging. Hier handelte es sich schließlich um das wahre Leben und nicht um eine romantische Komödie. Ryan war männlich, sexy, stark und hilfsbereit. Zumindest wirkte er so. Aber das mochte eine Maske sein. Mit Masken kannte Jaci sich aus. Manchmal verbargen sie etwas Harmloses – so wie ihr fehlendes Selbstvertrauen –, und manchmal kam hinter den Masken das Schlimmste eines Menschen hervor … so wie bei ihrem Exverlobten.

    Clive und seine Geheimnisse … Es war furchtbar gewesen zu erleben, wie diese Geheimnisse aufgedeckt wurden. Dass Clive nicht nur sie, sondern auch ihre Familie hinters Licht geführt hatte, war nun wirklich kein Trost. Anfangs – das war nun drei Jahre her – hatten ihre Verwandten sich gefreut, dass Jaci statt eines Künstlers oder Musikers ohne Einkommen endlich einen intellektuellen, erfolgreichen Mann mit nach Hause gebracht hatte. Einen Politiker!

    Sie war stolz darauf gewesen, eine solche Eroberung gemacht zu haben. Ihr gefiel, wie aufmerksam und zuvorkommend man sie plötzlich überall behandelte. Selbst die Presse interessierte sich für sie. War es da nicht normal, dass sie sich mit Clives Fehlern abfand? Seine Vernachlässigung, sein Kontrollzwang, sein Mangel an Respekt. Sie wurde ja dafür entschädigt, indem sie neben ihm im Scheinwerferlicht stand. Aus dem hässlichen Entlein schien über Nacht ein Schwan geworden zu sein.

    Zum Schluss jedoch hatte sie das alles kaum noch ausgehalten, und das Scheinwerferlicht war beinahe unerträglich geworden. Also hatte sie England verlassen und war nach New York gekommen. Hier wollte sie sich ihrem beruflichen Fortkommen widmen, und dabei würde jede Beziehung zu einem Mann nur stören.

    Jemand rief ihren Namen. Sie schaute sich um und entdeckte ihre neuen Freunde. Erleichtert bahnte sie sich einen Weg durch die Menge. Wes schenkte ihr ein warmes Lächeln, und Shona reichte ihr ein Glas Champagner.

    „Ich mag Champagner nicht besonders“, meinte Jaci. Doch irgendwie hatte sie das Gefühl, dass etwas Alkohol ihr guttun würde.

    „Trinken in England nicht alle schicken It-Girls Champagner?“, fragte Shona ohne jede Bosheit.

    „Ich bin kein It-Girl.“

    „Immerhin warst du mit einem aufstrebenden Politiker verlobt. Außerdem entstammst du einer alten, vornehmen Familie. Hast du nicht sogar hin und wieder dieselben Gesellschaften besucht wie die Prinzen William und Harry?“

    „Du hast im Internet nach Informationen über mich gesucht!“

    „Natürlich.“ Shona wischte die Bemerkung mit einer Handbewegung weg. „Dein Exverlobter hat was von einem Pferd.“

    Jaci musste lachen. Ja, Clives Gesicht hatte tatsächlich etwas Pferdeartiges.

    „Wusstest du von seinen … Wie soll ich es ausdrücken?“ Shona runzelte die Stirn. „Von seinen seltsamen Vorlieben?“

    „Nein.“ Jaci verspürte nicht die geringste Lust, über Clives ungewöhnliche Interessen zu reden. Sie hatte nicht einmal mit ihrer Familie darüber gesprochen. Glücklicherweise neigten alle Brookes-Lyons dazu, unangenehme Themen einfach auszusparen.

    „Wie bist du zu dem Job bei Starfish gekommen?“, wechselte Wes das Thema.

    „Vor über einem Jahr hat mein Agent einen Entwurf für ein Drehbuch an Starfish verkauft. Vor sechs Wochen rief Thom an, um mir mitzuteilen, die Idee solle ausgebaut werden und ich könne an dem Drehbuch mitarbeiten, wenn ich wolle. Natürlich sagte ich Ja. Ich habe einen Vertrag für sechs Monate.“

    „Und du schreibst unter dem Pseudonym JC Brookes, weil du nach dem Skandal die Aufmerksamkeit der Presse nicht erneut auf dich ziehen möchtest?“

    Jaci zuckte die Schultern. Es war einfacher, unter einem Pseudonym zu schreiben, wenn die eigene Mutter eine erfolgreiche Autorin war, deren historische Romane unter ihrem wirklichen Namen veröffentlicht wurden.

    „Wir dachten, JC Brookes wäre ein Mann.“ Wes zwinkerte ihr zu. „Shona und ich haben uns darauf gefreut, mit dem Neuen zu flirten.“

    „Tut mir leid, wenn ich euch enttäuscht habe.“ Jaci leerte ihr Glas und stellte es auf einem Stehtisch ab. „Warum erzählt ihr mir nicht ein bisschen mehr über Starfish? Und über Thom. Wann wird er wieder im Büro sein? Ich bin gespannt, endlich den Mann kennenzulernen, der mich eingestellt hat.“

    „Er ist zurück“, informierte Shona ihn. „Und angeblich soll er heute Abend sogar hier sein. Er und Jax, der Eigentümer von Starfish, werden die Macher der Branche treffen wollen. Wir werden sie vermutlich nur von Weitem sehen. Als Drehbuchautoren sind wir nicht wichtig genug.“ Sie unterbrach sich, als ein Kellner mit einem Tablett vorbeikam. „Hm, das sieht lecker aus!“ Sie nahm sich eine Frühlingsrolle, biss hinein und kaute genüsslich.

    „Ach, Thom ist nicht der Eigentümer von Starfish?“

    „Er ist Jax’ rechte Hand“, erklärte Wes. „Jax bleibt lieber im Hintergrund, aber letztendlich hält er alle Strippen in der Hand. Er ist der Produzent. Es heißt, dass Regisseure und Schauspieler gleichermaßen gern mit ihm zusammenarbeiten. Und es heißt auch, dass er es sich leisten kann, wählerisch zu sein.“

    „Mit Chad Bradshaw arbeitet er zum Beispiel nicht zusammen“, fiel Shona ein. Dabei wies sie mit ihrem Champagnerglas auf einen gut aussehenden älteren Mann, der gerade an ihnen vorbeieilte.

    Das erklärt, warum Ryan hier ist, dachte sie. Chad Bradshaw, legendärer Schauspieler, hatte an diesem Abend einen Preis gewonnen. Es machte nur Sinn, dass sein Sohn dies mit ihm feiern würde. Chad war hochgewachsen wie sein Sohn und hatte dieselben graublauen Augen.

    Sie unterdrückte ein Seufzen. Ryan erinnerte sich zwar nicht an sie. Aber sie hatte nie vergessen, wie umwerfend er ausgesehen hatte, als er zum ersten Mal ihr Elternhaus betrat. Neil hatte ihn mitgebracht, sie waren Studienkollegen. Alle Brookes-Lyons waren fasziniert gewesen, wenn Ryan von seinem Leben in Hollywood und von seinem Vater und seinem älteren Bruder Ben erzählte, der als aufgehender Stern am Kinohimmel galt.

    Tatsächlich war Ben im Begriff gewesen, der Liebling von Kinofans auf der ganzen Welt zu werden, als er bei einem Autounfall ums Leben kam. Sein Tod hatte tagelang für Schlagzeilen gesorgt. Zu jenem Zeitpunkt studierte Ryan allerdings längst nicht mehr in London, sodass Jaci die Tragödie wie der Rest der Welt über die Medien verfolgte.

    Während seiner Studienzeit – einige Jahre vor Bens Tod – hatte Ryan ihrem Elternhaus aber ziemlich regelmäßig Wochenendbesuche abgestattet und für frischen Wind in den alten Mauern gesorgt. Dann hatte er die Universität verlassen, um in die USA zurückzukehren und dort einen Beruf zu ergreifen, der nichts mit der Filmindustrie zu tun hatte. Und obwohl seine Freundschaft mit Neil nie zerbrochen war, hatte Jaci ihn seitdem nicht wiedergetroffen – bis er ihr vorhin mit seinem Kuss beinahe den Verstand geraubt hatte.

    Unwillkürlich fuhr sie sich mit der Zunge über die Lippen. Ob er Frauen, deren Namen er kannte, ebenso küsste? Oder war er dann noch leidenschaftlicher, zärtlicher, überzeugender? Wenn ja, gehörte er zweifellos zu denen, die Pole zum Schmelzen bringen konnten.

    Warum zum Teufel hatte er sie so aus dem Gleichgewicht gebracht? Warum konnte sie nicht aufhören, an ihn und seinen Mund zu denken, den sie so gern wieder auf dem ihren gespürt hätte?

    Verflixt, sie hatte ein Problem!

Ryan „Jax“ Jackson trank einen Schluck Whiskey und wünschte sich, er wäre daheim in seiner Wohnung, um es sich auf seinem Sofa bequem zu machen und auf dem Flachbildschirm, der den größten Teil der Wand einnahm, Sport zu schauen.

    Er unterdrückte ein Seufzen. Was für ein Abend! Zuerst der Streit mit Leroy und dann der Kuss dieser attraktiven Frau. Der Gedanke an ihr Temperament, an ihren Duft und daran, wie ihr Körper sich an den seinen geschmiegt hatte, genügte, um sein Verlangen aufs Neue zu wecken. Er musste nicht lange nachdenken, um zu wissen, dass er sie noch nie zuvor geküsst hatte. Also wer, um alles in der Welt, war sie?

    Ob sie sich noch im Ballsaal befand? Suchend schaute er sich um, konnte sie aber nirgends entdecken. Er beschloss, sie zu suchen und Antworten von ihr zu verlangen. Er musste herausfinden, woher sie ihn kannte. Sonst würde er die ganze Nacht kein Auge zumachen.

    Sein Blick fiel auf einen blonden Haarschopf – und schon schlug sein Herz schneller. Seine Hose schien plötzlich zu eng geworden zu sein. Was zum Teufel war nur mit ihm los?

    Am besten würde es sein, an etwas anderes zu denken. An Leroy zum Beispiel, der sich plötzlich so stur stellte. Dabei hatte er doch bereits so gut wie zugesagt, dass er den Film finanzieren würde. Was wollte er denn jetzt noch? Ryan hasste die Spiele der Superreichen. Sie hatten zweifellos Spaß daran, andere unter Druck zu setzen. Seit jeher träumte er davon, einen Investor zu finden, der keine unnötigen Fragen stellte. Aber er wusste natürlich, dass es wahrscheinlicher war, von Aliens entführt zu werden.

    Nur gut, dass Leroy verschwunden war. Ryan presste die Lippen zusammen. Schlimm genug, dass er sich im selben Raum aufhalten musste wie sein biologischer Vater. Tatsächlich gab es etwas, das Leroy und Chad, jene beiden ansonsten so unterschiedlichen Männer, verband: Sie hielten sich für unwiderstehlich und schafften es einfach nicht, ihr Eheversprechen zu halten. Vermutlich versuchten sie es nicht einmal. Warum, fragte Ryan sich zum hundertsten Mal, haben sie dann überhaupt geheiratet?

    Jemand legte ihm die Hand auf die Schulter. „Du siehst irgendwie grimmig aus.“

    „Hallo, Thom. Ich bin einfach nur müde und möchte nach Hause.“

    „Da brauchst du auch nicht zu fürchten, deinem alten Herrn zu begegnen.“

    „Ist er noch hier?“

    „Er unterhält sich an der Bar mit einer umwerfenden Rothaarigen. Das hat ihn aber nicht davon abgehalten, mich zu bitten, bei dir ein gutes Wort für ihn einzulegen. Er möchte sich mit dir versöhnen.“

    „Das teilt er mir seit Jahren bei jedem Anruf und in jeder E-Mail mit. Aber ich bin sicher, dass es ihm letztendlich nur darum geht, mich dazu zu bringen, ihm eine schöne Rolle in einem Starfish-Film zu geben.“

    „Er wäre grandios als Tompkins.“

    Ryan verzog zynisch den Mund. „Keine Chance …“

    „Aber er ist dein Vater.“

    Das, fand Ryan, entsprach nicht wirklich der Wahrheit. Chad war sein Erzeuger, mehr nicht. Eine Zeit lang war er sein Vormund gewesen; ansonsten hatte er überwiegend durch Abwesenheit geglänzt. Tatsächlich hatte Chad nie ein Hehl daraus gemacht, dass der Tod von Ryans Mutter, die eine seiner vielen Geliebten gewesen war, ihm äußerst ungelegen kam. Das gemeinsame Kind war erst vierzehn und musste versorgt werden. Also hatte Chad den Jungen kurzerhand in sein Haus geholt. Dort hatte Ryan mit Chads ehelichem Sohn, Ben, und einer Haushälterin zusammengelebt, während Chad von einem Drehort zum nächsten gereist war. Ben allerdings hatte seinen jüngeren Halbbruder mit offenen Armen willkommen geheißen. Und Ryan hatte ihn dafür geliebt. Der Altersunterschied zwischen ihnen betrug nur sechzehn Monate, und rasch waren die beiden einsamen Jungen beste Freunde geworden. Ryan war sich sicher gewesen, dass Ben ihn nie im Stich lassen oder hintergehen würde.

    Komisch, wie sehr man sich täuschen konnte!

    Noch immer hatte Ryan einen dicken Kloß im Hals, wenn er an Ben dachte. Wahrscheinlich würde sich das nie ändern. Das bedrückende Bewusstsein, betrogen worden zu sein, mischte sich mit Trauer und Wut.

    Ryan schluckte und hob den Blick, gerade als die Menge vor ihm sich teilte. Und da war sie! Er betrachtete den Mund, den er noch vor Kurzem geküsst hatte, und dann die ganze Frau. Sie war nicht besonders groß, aber gut proportioniert. Ihr blondes, modisch geschnittenes Haar umrahmte ihr Gesicht, das ein wenig an das einer Elfe erinnerte und das von großen, erstaunlich dunklen Augen dominiert wurde.

    Es waren diese Augen, die seiner Erinnerung auf die Sprünge halfen und seine Gedanken zu seiner Zeit in England springen ließen. Die Brookes-Lyons! Hatte Neil nicht in seiner letzten E-Mail erwähnt, dass seine kleine Schwester für einige Zeit nach New York kommen würde? Wie hieß das Mädchen bloß? Josie? Jackie? Nein. Jaci! Ja, das musste sie sein.

    Er musterte sie erneut. Fast zwölf Jahre waren vergangen, seit er Jaci zuletzt gesehen hatte. Und damals hatte er ihr nicht allzu viel Beachtung geschenkt. Sie war ja noch so jung und zudem schüchtern gewesen. Ihr hellblondes Haar war ihr bis auf die Taille gefallen, und sie hatte eine typische Teenagerfigur mit Rundungen an den falschen Stellen gehabt. Aber diese Augen …

 


Oh Gott, ich habe Neils kleine Schwester geküsst!

    Ryan fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. In all dem Durcheinander der letzten Tage hatte er vollkommen vergessen, dass Neil ihn gebeten hatte, sich ein wenig um Jaci zu kümmern, wenn sie in New York war. Sicher, er hatte vorgehabt, sich mit ihr in Verbindung zu setzen. Allerdings erst, wenn ein paar andere wichtige Dinge erledigt waren. Dass er Jaci hier auf der großen Party treffen würde, hatte er absolut nicht erwartet.

    Noch weniger hatte er damit gerechnet, dass der scheue Teenager sich in eine hinreißend schöne Frau mit unglaublichem Sex-Appeal verwandeln würde. In eine Frau, zu der er sich mit unwiderstehlicher Macht hingezogen fühlte. Vor seinem inneren Auge lief ein kurzer Film ab: Jaci nackt, gegen eine Wand gelehnt, und er selbst vor ihr stehend. Er hob sie hoch, sie schlang die Beine um seine Hüften, und …

    Verflucht, so etwas durfte er sich nicht vorstellen! Als Filmproduzent malte er sich oft Szenen aus – aber noch nie waren sie so sinnlich, so voller Lust gewesen. Und mit der Schwester seines Freundes in der Hauptrolle! Das war definitiv ein No-Go.

    Als hätte sie sein Starren gespürt, drehte Jaci ihren Kopf und sah zu ihm herüber. Ihre Blicke trafen sich. Sie schien zu wissen, dass er sich wieder daran erinnerte, wer sie war.

    Ich werde diesem Unsinn ein Ende machen, beschloss er. Er hatte keine Zeit für eine verrückte Affäre. Sein Leben war auch so schon kompliziert genug.

Um fünf nach neun am nächsten Morgen betrat Jaci das Starfish-Gebäude. In der einen Hand trug sie ihre Einkaufstasche und zwei Drehbücher, in der anderen balancierte sie einen großen Milchkaffee und ihr Handy. Den Kaffee würde sie brauchen, wenn sie den Tag durchstehen wollte. Denn leider hatte sie einsehen müssen, dass ihr drei Stunden Schlaf nicht mehr reichten. Sie fühlte sich miserabel – und sah im Moment wahrscheinlich auch so aus.

    In England hatte sie sich geschworen, sich nie wieder von einem Mann um den Schlaf bringen zu lassen. Doch sie hatte vergeblich versucht, Ryan zu vergessen. Immer wieder hatte sie sich an diesen unglaublichen Kuss erinnert, an Ryans starke Arme, die sie hielten, an das Gefühl seines Oberkörpers an ihrem.

    Himmel, selbst der Skandal um ihren Verlobten Clive hatte sie nicht dazu bringen können, sich nachts schlaflos von einer Seite auf die andere zu wälzen. Es gefiel ihr gar nicht, dass das erotische Erlebnis mit Ryan sie so aus der Bahn geworfen hatte. Er war sexy, ja. Aber sie hatte kein Interesse an Männern. Nicht einmal an solchen, die wunderbar dufteten, aussahen wie ein Filmstar und küssten wie ein Gott.

    Das einzig Wichtige ist meine Arbeit. Sie würde vielleicht nicht so berühmt wie ihre Mutter werden, aber ihr Erfolg wäre allein ihrer.

    Verwirrt sah sie sich im leeren Büro um. Jaci stellte den Kaffee auf den Schreibtisch, legte das Handy und die beiden Drehbücher daneben und runzelte die Stirn. Ja, New York war eine Herausforderung. Es wäre einfacher gewesen, in London zu bleiben. Doch „einfach“ hatte sie nicht gewollt. Sie hatte sich frei machen wollen – von ihrer Familie, von ihrer Vergangenheit, von allem. Starfish hatte ihr die Chance dazu geboten. Eine Chance, die sie unter allen Umständen zu nutzen gedachte. Sie war hier, weil sie ihr Leben in die eigene Hand nehmen wollte. Weil sie ihren Traum verwirklichen wollte. Weil sie wusste, dass ihre Drehbücher gut waren, und weil sie das aller Welt beweisen wollte.

    Davon würde sie sich auch von einem Mann mit graublauen Augen nicht abhalten lassen.

    „Kein guter Tag, um zu spät zu kommen“, sagte Shona hinter ihr. „Im Konferenzraum findet eine Besprechung statt. Also beeil dich, Schätzchen.“

    „Eine Besprechung?“ Sie schrieb Drehbücher. Was sollte sie bei einer Besprechung?

    „Die Chefs sind zurück und wollen wissen, was wir während ihrer Abwesenheit getan haben.“

    Widerwillig folgte Jaci ihrer Kollegin einen langen Flur entlang, eine Treppe hinauf und einen weiteren langen Flur entlang. An den Wänden hingen Filmposter aus den Vierziger- und Fünfzigerjahren.

    „Da sind wir“, verkündete Shona. „Und da zweifellos alle etwas übermüdet sind, wird es sicher ein ziemlich ungemütliches Treffen werden.“

    Jaci zögerte.

    Shona gab ihr einen kleinen Schubs durch die offene Tür, und Jaci konnte nicht verhindern, mit einem Mann, der direkt im Eingang zum Konferenzraum stand, zusammenzustoßen. Durch die Bewegung ergoss sich heißer Kaffee aus der Tasse, die er hielt, über sein Hemd.

    Der Mann stieß einen Fluch aus.

    Jaci wurde blass. Das darf doch nicht wahr sein! Aber es war kein Irrtum. Sie kannte diesen sinnlichen Mund, dieses Gesicht, diese graublauen Augen. Ryan! Ihr Puls beschleunigte sich, und das Blut stieg ihr in die Wangen.

    „Jaci?“, fragte Ryan ungläubig. Kaffee tropfte von seiner nassen Hand auf den Boden.

    „Jax“, meinte Thom, „darf ich dir unsere neue Drehbuchautorin vorstellen?“

„Wir sind uns bereits begegnet“, unterbrach Ryan seinen Freund. Er brauchte jetzt vor allem ein Aspirin und ein trockenes Hemd! Vermutlich wäre es auch hilfreich gewesen, wenn er sich etwas ausgeschlafener gefühlt hätte. Aber die Nacht hatte er hauptsächlich damit verbracht, sich erotischen Fantasien hinzugeben. Vergeblich hatte er sich bemüht, die Erinnerung an jene bezaubernde junge Frau zu vertreiben, die ihn mit einem Kuss völlig aus dem Gleichgewicht gebracht hatte.

    Und eben jene Frau, die er sich immer wieder nackt vorgestellt hatte, sollte die neue Drehbuchautorin sein? Erlaubte das Leben sich wirklich so geschmacklose Scherze?

    „Du“, fragte er Jaci vorwurfsvoll, „bist JC Brookes?“

    Sie verschränkte die Arme vor der Brust und starrte ihn wortlos an.

    Wie war es möglich, dass eine derart unauffällig gekleidete Frau so sexy aussehen konnte? Nur ein türkisfarbener Schal lockerte ihre ansonsten schwarze Kleidung auf. Doch statt langweilig zu wirken, regte ihr Outfit Ryan an, sich vorzustellen, wie schlank und weiblich ihr darunter verborgener Körper sein musste. Er zwang sich, ganz still zu stehen, weil er plötzlich das unwiderstehliche Bedürfnis verspürte, Jaci an sich zu ziehen und sie zu küssen, bis sie die Besinnung verlor.

    Komm zur Vernunft, schalt er sich selbst. Laut sagte er: „Du schreibst Drehbücher? Das hast du mir nie gesagt!“

    „Es gab ja auch keinen Grund dafür. Wir haben uns seit zwölf Jahren nicht gesehen.“

    „Neil hätte es erwähnen müssen.“ Es ärgerte ihn, dass seine Stimme so wehleidig klang.

    „Konnte er gar nicht“, erklärte Jaci. „Er weiß es nämlich nicht. Ich habe ihm und meinen anderen Verwandten nur gesagt, dass ich eine Weile in New York leben möchte.“

    Ryan zupfte an seinem nassen Hemd. „Wie ist sie zu dem Job gekommen?“, wandte er sich an Thom.

    Der hob die Brauen. „Ihr Agent hat uns vor einiger Zeit ein Drehbuch geschickt. Einer unserer Lektoren hat es gelesen und ein positives Gutachten abgegeben. Daraufhin habe ich es gelesen … und dann du. Die Geschichte gefiel uns allen. Du allerdings warst regelrecht begeistert.“

    Ryan starrte aus dem Fenster. Thom hatte recht, er hatte Jacis Drehbuch geliebt. Jede Szene war voller Schwung, amüsant, gefühlvoll und mitreißend. Dennoch konnte er es nicht glauben. Jaci, die kleine Schwester seines Freundes Neil, hatte die Idee zu einer Actionkomödie entwickelt, die das Zeug zu einem Kassenschlager hatte?

    Jaci ist begabt. Beim Schreiben ebenso wie beim Küssen.

    Das hatte ihm gerade noch gefehlt!

    Sie war nicht nur die Drehbuchautorin, mit deren Hilfe er seinen größten und erfolgreichsten Film drehen wollte. Sie war auch die Frau, auf die Leroy Banks, der Finanzier eben dieses Films, scharf war.

    Und jetzt denkt das alte Ekel, dass Jaci und ich ein Paar sind. Verflucht!

    „Was für ein Durcheinander“, stöhnte Ryan und ließ sich auf den nächstbesten Stuhl sinken. Leroy gehörte nicht zu den Menschen, die eine Niederlage widerspruchslos hinnahmen. Und da Ryan selbst noch eine Weile mit Jaci zusammenarbeiten würde, konnte er Leroy auch nicht sagen, dass er sich nach einem Streit von ihr getrennt hatte. Denn Leroy hatte ja verlangt, die wichtigsten an der Entstehung des Films beteiligten Menschen näher kennenzulernen.

    „Jax“, meldete sich in diesem Moment Thom zu Wort, „was ist los mit dir? Du tust gerade so, als sei eine Katastrophe geschehen. Ihr kennt euch also von früher. Ja und? Jaci hat allein aufgrund ihres Talents die Stelle erhalten. Es wusste ja keiner von eurer Verbindung. Können wir jetzt endlich mit der Besprechung anfangen?“

    „Ich fürchte“, begann Shona, „wir müssen ein weiteres Thema auf die Tagesordnung setzen.“ Sie warf eine Zeitung auf den Tisch.

    „Happy End für preisgekrönten Filmproduzenten?“ lautete die Schlagzeile.

    Ryan beugte sich vor, um das Foto genauer zu betrachten. Es zeigte ihn und Jaci. Sie hielten einander umschlungen und küssten sich. Er hatte nicht einmal bemerkt, dass jemand ein Foto gemacht hatte! Die Bildunterschrift lautete:

 Ryan Jackson, der für seinen Film „Stand Alone“ als bester Produzent ausgezeichnet wurde, besuchte die Party nach der diesjährigen Preisverleihung gemeinsam mit der Drehbuchautorin JC Brookes, die seit Kurzem für Starfish arbeitet. JC Brookes ist die Tochter von Priscilla Brookes-Lyon, der bekannten englischen Schriftstellerin, und Archie Brookes-Lyon, einem Londoner Zeitungsverleger. JC selbst erlangte eine gewisse Berühmtheit, als sie sich kürzlich von ihrem Verlobten trennte, dem in einen Sexskandal verwickelten Politiker Clive Egglestone. In Jacksons Armen scheint sie ein neues Glück gefunden zu haben.

 Ryan presste die Lippen zusammen. Jaci war verlobt gewesen? Mit einem Mann, der mit einem Sexskandal Schlagzeilen gemacht hat? Was zum Teufel hat Neil mir sonst noch verschwiegen?

    Eine leichte Übelkeit überkam Ryan, die nichts mit der schlaflosen Nacht zu tun hatte. Schwerfällig reichte er die Zeitung an Thom weiter.

    Nachdem sein Freund den Text überflogen hatte, stieß er einen Fluch aus und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. „Was nun?“

    Jedes Augenpaar war auf Ryan gerichtet. Nur die wichtigsten Mitarbeiter von Starfish nahmen an dieser Besprechung teil. Und obwohl Ryan sonst sehr penibel darauf achtete, sein Privatleben zu Hause zu lassen, erkannte er, dass diese Menschen in diesem Fall eine Erklärung verdient hatten.

    „Jaci und ich sind alte Bekannte“, sagte er. „Wir haben uns während meiner Studienzeit in London kennengelernt. Ihr Bruder ist ein Freund von mir. Wir sind kein Paar.“

    „Das erklärt nicht den Kuss“, stellte Thom lakonisch fest.

    Ryan seufzte. „Leroy hat Jaci belästigt. Sie hat mich geküsst, weil sie hoffte, er würde sie dann in Ruhe lassen.“

    Aber das war nur die halbe Wahrheit. Zum ersten Kuss war es tatsächlich gekommen, weil Jaci auf der Flucht vor Leroy war. Doch den zweiten, viel leidenschaftlicheren Kuss hatte er initiiert. Zum Glück ging das weder Thom noch die anderen etwas an.

    „Ich sagte Leroy, dass Jaci meine Freundin sei und dass wir uns eine Zeit lang nicht gesehen hätten. Ich hatte auch schon eine Idee, wie man das Ganze wieder beenden könnte. In ein paar Tagen wollte ich Leroy mitteilen, dass wir uns nach einem Streit getrennt hätten und dass Jaci nach London zurückgekehrt sei. Natürlich habe ich nicht damit gerechnet, dass sie auch meine neue Drehbuchautorin sein würde.“

    Thom zuckte die Schultern. „Nichts hindert euch daran, an eurer Geschichte festzuhalten.“

    „Oh doch.“ Ryan holte tief Luft. „Leroy besteht nämlich darauf, alle wichtigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die am Projekt mitarbeiten würden, kennenzulernen. Dazu gehört selbstverständlich auch die Drehbuchautorin.“

    „Oh Gott!“ Thom stöhnte laut auf.

    „Auf Gottes Hilfe möchte ich mich lieber nicht verlassen“, gab Ryan zurück. Dann wandte er sich an Jaci, die schweigend gelauscht hatte. Ihre dunklen Augen wirkten noch größer als sonst. „Komm mit in mein Büro“, forderte er sie auf.

 




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