Mit dem Boss ins Bett? - Kapitel 3

In der offenen Tür zu Ryans Büro blieb Jaci unschlüssig stehen. Sollte sie dieses Chaos wirklich betreten? Überall – auf dem Tisch, auf den Stühlen, in den Regalen und auch auf dem Fußboden – lagen Ordner, Manuskripte, Drehbücher und andere Papiere herum.

    Ryan war vor sich hin fluchend in dem kleinen Badezimmer verschwunden, das offenbar zu dem Büro gehörte.

    Jaci kam sich dumm vor. Und ausgeschlossen. Sie hatte nicht verstanden, warum und worüber die Starfish-Leute sich so aufgeregt hatten. Es war ihr vorgekommen, als sei sie in einen fremdsprachigen Film geraten. Und es gab nicht einmal Untertitel, an denen sie sich hätte orientieren können! Eines allerdings war ihr unmissverständlich klar geworden: Jax und Ryan – der Ryan, den sie seit Jahren kannte – waren dieselbe Person. Gleichzeitig war Jax der Besitzer von Starfish. Und somit ihr Chef. Und gerade jetzt war er sauer, genau wie all jene Leute, die an der merkwürdigen Besprechung teilgenommen hatten.

    Jaci seufzte. Alle Welt schien ihr zu zürnen, weil sie Ryan geküsst hatte, um diesen ekligen Leroy loszuwerden. Wie hätte sie ahnen können, dass dieser Kuss irgendwelche unangenehmen Folgen für Starfish haben würde? Sie begriff noch immer nicht ganz, wo das Problem lag.

    Die Badezimmertür öffnete sich, und Ryan trat mit nacktem Oberkörper ins Büro. In der Hand hielt er ein frisches Hemd. Noch immer sah er ziemlich finster drein, doch das tat seiner Attraktivität keinen Abbruch. Fasziniert betrachtete Jaci seine Muskeln. Ryan hätte als Model für ein Fitnessmagazin arbeiten können! Die breiten Schultern, die kräftigen Oberarme, der flache, muskulöse Bauch … all das war ein Kunstwerk, das eine Woge der Lust über Jaci zusammenschlagen ließ.

    Küss mich, wollte Jaci sagen. Doch das wagte sie nicht, obwohl oder vielleicht gerade, weil die Atmosphäre im Raum plötzlich von erotischer Spannung erfüllt war.

    „Wieso nennst du dich jetzt Jackson?“, stieß sie hervor.

    Ryan runzelte die Stirn. „Ich hieß nie Bradshaw“, gab er zurück, während er das Hemd überzog und die Knöpfe schloss. „Du hast angenommen, Bradshaw sei mein Nachname, weil du wusstest, dass Chad mein Vater ist.“

    „Aber …“ Sie beschloss, nun doch in den Raum zu treten. Entschlossen zog sie die Tür hinter sich zu. „Warum …“

    „Ich habe Chad zum ersten Mal getroffen, als ich vierzehn war. Meine Mutter war gestorben, und das Vormundschaftsgericht hatte beschlossen, ich solle zukünftig bei meinem Vater leben. Chad hatte sich nie zuvor um mich gekümmert. Er war nie mit meiner Mutter verheiratet gewesen. Als sie ihm gestand, dass sie schwanger war, verließ er sie. Ich hatte bereits sie verloren. Um nichts in der Welt hätte ich auch ihren Namen aufgegeben.“

    Jaci nickte, obwohl es ihr schwerfiel, Ryans in hektischem Tempo vorgebrachter Erklärung zu folgen.

    Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar. „Doch eigentlich tut das alles nichts zur Sache.“

    Schade. Jaci hätte gern mehr über seine Kindheit erfahren, über die Beziehung zu seinem Vater und seinem Halbbruder Ben, die, seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, keine gute gewesen war.

    „Jetzt geht es darum“, meinte er, „einen Ausweg aus dem Schlamassel mit Leroy zu finden.“

    „Es tut mir aufrichtig leid, dass ich dich in Schwierigkeiten gebracht habe, indem ich dich geküsst habe“, gab Jaci zurück. „Es schien mir eine gute Lösung zu sein, um dem ekligen Frosch zu entkommen.“

    Ryan schaute sie unentwegt vorwurfsvoll an. Wollte er ihr ein schlechtes Gewissen machen? Nun, das hatte sie schon. Aber dieser Leroy war wirklich unerträglich gewesen. „Der Kerl war aufdringlich“, rechtfertigte sie sich. „Und schleimig.“ Ein Schauer überlief sie. „Ich habe ihm mehrfach versichert, dass ich nicht an ihm interessiert sei. Aber er ließ mich einfach nicht in Ruhe. Wer hätte gedacht, dass irgendjemand uns beim Küssen fotografieren würde? Das war wirklich ein unglücklicher Zufall. Ich weiß, wie unangenehm es ist, wenn die Presse derart in deine Privatsphäre eindringt.“

    Ryan warf noch einmal einen Blick auf die aktuelle Zeitung, die nun vor ihm auf dem Tisch lag. „Du scheinst ja so deine Erfahrung damit gemacht zu haben. Sexskandal? Verlobung?“

    Sie hob herausfordernd ihr Kinn. „Wenn es dich interessiert, findest du im Internet alle möglichen Einzelheiten darüber.“

    „Ich lese keine Klatschgeschichten.“

    „Und ich denke nicht daran, dir mehr darüber zu erzählen.“

    „Habe ich dich etwa darum gebeten?“

    Nein, das hatte er nicht. Er hatte sie zwar geküsst – leidenschaftlich geküsst –, aber das bedeutete nicht, dass er an ihr und ihrem Schicksal interessiert war. Er hatte über etwas anderes mit ihr reden wollen. Über Leroy und über die Probleme, die der ihm bereitete.

    „Selbstverständlich bin ich bereit, deiner Freundin oder Ehefrau alles zu erklären und mich zu entschuldigen“, sagte sie. Beinahe hätte sie hinzugefügt, dass sie auch nicht erwähnen würde, dass er derjenige gewesen war, der sie dann noch einmal geküsst hatte, und zwar bedeutend wilder und hungriger.

    „Ich bin weder verheiratet noch in einer festen Beziehung“, erklärte Ryan. „Das ist so ziemlich das einzig Positive an der ganzen Geschichte.“

    Jaci hob die Hand, um sich ein paar Ponyfransen aus der Stirn zu streichen. „Dann begreife ich wirklich nicht, wo das Problem liegt. Wir sind Singles. Wir haben uns geküsst. Wir sind dabei fotografiert worden. Na und?“

    Ryans Gesicht war ausdruckslos, doch seine Augen zeigten in rascher Folge eine ganze Reihe von Gefühlen. Deutlich erkannte Jaci Zorn und Sorge. Weshalb, um alles in der Welt, mochte Ryan besorgt sein?

    „Ich möchte aus ‚Blown Away‘, aus deiner Idee, einen großen Film machen. Aber um dem Drehbuch gerecht zu werden, brauche ich Geld. Viel Geld. Millionen. Das bedeutet, dass ich Investoren finden muss. Ich persönlich arbeite nicht gern mit mehreren Investoren, denn jeder einzelne glaubt, er habe ein Recht, Einfluss auf den Film zu nehmen. Es gibt aber nur wenige Menschen, die die erforderliche Summe für ‚Blown Away‘ allein aufbringen können. Leroy Banks gehört zu ihnen. Also hängt es letztendlich von ihm ab, ob ‚Blown Away‘ jemals in die Kinos kommt.“

    Jaci nickte.

    „Leroy hatte die Finanzierung bereits mündlich zugesagt. Doch jetzt will er mich unter Druck setzen.“

    „Aber warum?“

    „Wahrscheinlich schämt er sich, weil ich ihn dabei erwischt habe, wie er meine Freundin belästigt hat. Und jetzt will er mir beweisen, dass er die Kontrolle hat.“

    Oh Gott! Mit einem Kuss hatte sie ein Millionengeschäft zwischen Ryan und dem Frosch gefährdet! Sie starrte Ryan an. „Er hat verlangt, die für ‚Blown Away‘ wichtigen Leute kennenzulernen. Und als Drehbuchautorin gehöre ich dazu.“

    „Genau“, seufzte Ryan. „Wir können ihm nicht sagen, dass du dich mir nur an den Hals geworfen hast, weil du ihn widerwärtig findest.“

    „Natürlich nicht! Aber könnte ich mich nicht einfach im Hintergrund halten? Er weiß ja nicht, dass ich das Drehbuch geschrieben habe.“ Das würde sie tun, wenn die Finanzierung sich nur so retten ließe. Obwohl sie natürlich viel lieber aller Welt stolz verkündet hätte: „Seht her, ich hatte die Idee zu diesem Film und habe das Drehbuch geschrieben!“

    „Das wäre eine Möglichkeit“, stimmte Ryan widerwillig zu. „Aber ohne dich würde es ‚Blown Away‘ nicht geben. Ich finde, du solltest den dir zustehenden Ruhm ernten. Außerdem hasse ich jede Art von Lüge.“

    Ein durch und durch ehrlicher Mann? Sie hatte geglaubt, diese Spezies sei längst ausgestorben. Jaci ließ sich auf einen Stuhl sinken. „Was also sollen wir tun?“

    „Ich möchte, dass du als Drehbuchautorin dabei bist. Du bist wichtig für den Film. Andererseits brauche ich auch Leroy, damit das Projekt verwirklicht werden kann. Somit sehe ich nur eine Lösung.“

    „Nämlich?“

    „Wir müssen als Liebespaar auftreten, so wie Leroy es von uns erwartet. Wenn die Finanzierung unter Dach und Fach ist, können wir uns offiziell trennen.“

    Jaci schüttelte den Kopf. Sie hatte gerade eine sehr unerfreuliche Beziehung hinter sich. Auf keinen Fall wollte sie sich direkt in eine neue stürzen – selbst wenn die nicht echt wäre. „Ich kann das nicht“, verkündete sie.

    Ryan hob die Brauen. „Du hast uns in diese Situation gebracht. Du musst …“

    „Tut mir leid“, unterbrach sie ihn, „aber ich kann das nicht.“

    Zorn blitzte in seinen Augen auf. „Wenn ich mich nicht täusche, habe ich deinen Vertrag noch nicht unterschrieben.“

    Im ersten Moment begriff sie nicht, womit er ihr drohte. Dann wurde sie blass. „Du willst meinen Vertrag platzen lassen?“

    „Ja. Die Rechte an deiner Idee gehören mir. Ich kann also mit ‚Blown Away‘ tun und lassen, was ich will. Shona oder Wes könnten die notwendigen Änderungen am Drehbuch vornehmen.“

    „Das ist Erpressung!“, schrie Jaci. Sie war außer sich vor Wut. Gerade noch hatte sie Ryan für seinen moralischen Grundsatz, nicht zu lügen, bewundert. Jetzt musste sie feststellen, dass er sich nicht scheute, andere Menschen zu manipulieren und zu erpressen.

    „Dass Leroy mich unter Druck setzt, hast du zu verantworten“, stellte er nachdrücklich fest. „Nur deshalb sehe ich mich gezwungen, neu mit dir über deinen Vertrag zu verhandeln. Also: Dass du meine Freundin spielst, gehört seit heute zu deinem Job.“

    „Ich bin nicht allein schuld an dem Schlamassel!“

    Erstaunen huschte über sein Gesicht. „Und wer sonst?“

    „Der erste Kuss sollte nur ein flüchtiger Kuss sein. Doch dann hast du mich an dich gezogen und mich beinahe bis zur Besinnungslosigkeit geküsst!“, rief Jaci frustriert.

    „Was sonst hätte ich tun sollen, nachdem du dich mir in die Arme geworfen und deine Lippen auf meine gepresst hattest?“

    „Du hättest deine Zunge in deinem Mund lassen können! Oder verschlingst du jede fremde Frau, die in deine Nähe kommt, mit Haut und Haar?“

    „Unsinn! Erstens war mir klar, dass wir uns kennen. Zweitens habe ich dich nicht verschlungen“, gab er wütend zurück. Mit großen Schritten ging er zum Fenster und starrte hinaus. Nur seine Schultern verrieten, wie er mehrmals tief ein- und ausatmete.

    Jaci wunderte sich, wie sehr es ihr gefiel, sich mit ihm zu streiten. Sie fühlte sich ihm nicht unterlegen, sie fühlte sich nicht schuldig, und sie hatte auch nicht das Gefühl, etwas Falsches zu tun. Das alles war ungewohnt und neu. Konnte New York sie so verändert haben?

    Eine Zeit lang sagte niemand etwas. Jaci wusste, dass sie um nichts in der Welt auf den Vertrag mit Starfish verzichten wollte. Sie würde nicht nach London zurückkehren, ohne sich selbst und aller Welt bewiesen zu haben, dass sie in der Lage war, aus eigener Kraft etwas zu leisten.

    „Was nun?“, fragte sie deshalb schließlich.

 

„Liegt dir etwas daran, dass ‚Blown Away‘ produziert wird? Liegt dir etwas daran, dass dein Name im Abspann zu lesen ist?“ Ryan wandte ihr noch immer den Rücken zu.

    „Natürlich.“ Vor ein paar Wochen hatte sie erkennen müssen, dass sie fast immer getan hatte, was andere von ihr erwarteten. Nie hatte sie die Initiative ergriffen. Bis zu dem Tag, an dem sie beschloss, England zu verlassen, um in New York etwas aus ihrem Leben zu machen. Diese Chance würde sie sich nicht entgehen lassen.

    „Dann brauchen wir Leroys Geld.“

    „Es muss doch noch andere Investoren geben!“

    „Nein. Ich habe viel Zeit und viel Energie gebraucht, um ihn so weit zu bringen, einen Vertrag mit Starfish aufsetzen zu lassen, der auch mir gefällt. Wenn er jetzt nicht unterschreibt, dann ist ‚Blown Away‘ gestorben.“

    „Und damit dieses Ekel keinen Rückzieher macht, müssen wir ein Paar werden.“

    „Wir müssen so tun, als wären wir ein Paar“, korrigierte Ryan sie. „Ich will keine Beziehung!“

    Gut. Denn sie wollte auch keine.

    „Leroy wird uns beide zu ein paar Partys einladen“, fuhr Ryan fort. „Einige Theaterbesuche, ein paar Abendessen in beliebten Restaurants. Um mir zu beweisen, wie wichtig er ist. Und um dir zu zeigen, was er dir bieten könnte, wenn du dich für ihn entscheiden würdest.“

    „Wundervolle Zukunftsaussichten …“

    „Wir haben keine Wahl.“

    Jaci ließ den Kopf sinken. Ryan hatte leider recht. Ihnen blieb keine Wahl. Verflixt, wer hätte gedacht, dass ein unüberlegter Kuss so weitreichende Folgen haben würde? Wer hätte gedacht, dass sie sich gleich zu Beginn ihres Aufenthalts in New York in einen solchen Schlamassel manövrieren würde?

    Sie hatte bereits viel Arbeit in „Blown Away“ gesteckt, ebenso wie Ryan und auch Thom. Es war zu befürchten, dass keiner der beiden je wieder mit ihr würde arbeiten wollen, wenn das Projekt jetzt platzte.

    „Okay“, sagte sie leise, „ich sehe ein, dass uns nichts anderes übrig bleibt.“

    Langsam drehte Ryan sich um. Er fuhr sich mit den Fingern durchs Haar und massierte seine Schläfen. „Mit etwas Glück vergisst Leroy seine Rachepläne. Vielleicht will er gar nicht so viel Zeit mit uns verbringen, wie wir jetzt befürchten. Sobald er das Interesse an uns verliert, trennen wir uns.“

    „Was meinst du, wie stehen die Chancen dafür?“

    „Leider kann er sehr nachtragend sein. Vermutlich wird er alles tun, um mich zu erniedrigen. Es gefällt ihm nicht, dass du ihn meinetwegen abgewiesen hast.“

    „Er hasst dich, weil du all das bist, was er so gern wäre, aber nie sein wird.“

    „Was meinst du damit?“

    Dass du groß bist, männlich und sexy. Dass du nicht nur beruflich Erfolg hast, sondern auch bei den Frauen gut ankommst. Dass man dich respektiert und sympathisch findet. Dass du Charme hast und nicht nur Geld. Er ist neidisch, weil er nur bekommt, was man sich für Geld kaufen kann.

    „Ach, ich habe nur so dahergeredet“, wich sie der Antwort auf Ryans Frage aus. Sie hatte nicht vor, ihm zu gestehen, wie anziehend sie ihn fand.

    Glücklicherweise ließ er das Thema fallen. „Ich melde mich bei dir, sobald ich von Leroy höre“, erklärte er.

    Jaci stand auf. Sie fühlte sich ausgelaugt und wäre am liebsten ohne Umschweife nach Hause gegangen, um zu schlafen. Ja, sie wollte sich die Decke über den Kopf ziehen und tagelang im Bett bleiben.

    „Jaci?“

    „Hm?“

    „Hier im Büro sollten wir weiterhin professionell bleiben. Solange wir zusammenarbeiten, bin ich dein Boss.“

    Sie nickte. Der Hinweis war vernünftig – zumindest sofern man ausblendete, dass diese sexuelle Spannung zwischen ihnen in jeder Sekunde vorhanden gewesen war und gerade jetzt einen neuen Höhepunkt erreichte. Ein heißer Schauer überlief Jaci, als sie in Ryans entschlossenes Gesicht mit den graublauen Augen und dem fein geschwungenen Mund schaute.

    „Natürlich. Ich geh dann mal wieder an die Arbeit.“ Sie wandte sich ab, um das Büro zu verlassen. Ihre Füße hatten allerdings eindeutig andere Pläne. Jaci musste all ihre Selbstbeherrschung aufbieten, um nicht zu Ryan zu rennen und sich ihm in die Arme zu werfen.

Als Jaci die Tür hinter sich geschlossen hatte, ließ Ryan sich in seinen Chefsessel sinken und stützte den Kopf in die Hände. Innerhalb weniger Stunden war sein Leben total durcheinandergewirbelt worden. Er hatte den heißesten Kuss gehabt, den ein Mann sich nur vorstellen konnte. Er hatte beinahe den Finanzier für sein bisher ehrgeizigstes Projekt verloren. Und er war gezwungen, eine Zeit lang so zu tun, als sei die kleine Schwester seines Freundes seine Freundin. Er konnte nur hoffen, dass Jaci ihre Rolle gut spielte. Denn wenn Leroy Verdacht schöpfte, wäre die Hölle los.

    Der Kerl wird außer sich sein, wenn er erfährt, dass Jaci mich nur benutzt hat, um sich vor seinen zudringlichen Händen in Sicherheit zu bringen. Er würde ihr das nie verzeihen.

    Verflucht, jener leidenschaftliche Kuss hatte sie alle in Schwierigkeiten gebracht! Aber Jaci hatte recht: Sie trug nicht allein die Schuld daran. Ihr erster Kuss war tatsächlich nur ein Hauch von einer Berührung gewesen. Doch der zweite … Die Erinnerung genügte, um Ryans Herzschlag zu beschleunigen und erregende Bilder in seinem Kopf entstehen zu lassen.

    Ryan spürte, wie sein Körper erwachte. Verlangen ergriff ihn. Wenn er doch nur das, was mit Jacis Kuss begonnen hatte, zu Ende hätte bringen können!

    Er hob den Kopf und straffte die Schultern. Dummkopf, schalt er sich selbst. Ob er Sex hatte oder nicht, sollte im Moment sein kleinstes Problem sein.

    Leroy gefährdete all seine Pläne. Weil Leroy ein kleinkarierter Mann war. Weil er Jaci wollte. Weil es ihm überhaupt nicht gefallen hatte, dass die Frau, die er begehrte, einen andern leidenschaftlich küsste und so unerreichbar für ihn war.

    Verflucht! Ryan schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. Sein Vater Chad und Leroy ähnelten einander wirklich: Beide glaubten, sie hätten ein Recht, sich zu nehmen, was sie begehrten. Beide waren vollkommen rücksichtslos.

    Doch Leroy sann nicht nur auf Rache, weil er Jaci wollte. Er wollte Ryan demütigen, weil er – genau wie Jaci gesagt hat – weder das Aussehen noch das Charisma von Ryan besaß. Wegen seines Reichtums war Leroy nicht daran gewöhnt, dass man ihm seine Wünsche abschlug. Er würde alles daransetzen, um aus dem Machtkampf mit Ryan als Sieger hervorzugehen. Deshalb war zu befürchten, dass es ziemlich lange dauern würde, bis er das Interesse an Jaci verlor.

    Wir müssen sogar damit rechnen, dass er uns wochenlang nach seiner Pfeife tanzen lässt und zum Schluss den Film doch nicht finanziert.

    Leider gab es niemanden sonst, der das nötige Kapital besaß. Nun, fast niemanden. Chad Bradshaw wäre ebenfalls in der Lage, ‚Blown Away‘ zu finanzieren.

    Nur, dass er mir ebenfalls die Daumenschrauben ansetzen würde. Sein Geld würde an Bedingungen geknüpft werden. Zum Beispiel an eine Rolle im Film. Aber auch wenn er es totschweigt, habe ich nicht vergessen, worum es bei unserem letzten Streit ging.

    Nach Bens Tod hatten dessen Freunde und Bewunderer Ryan, der gerade sein Debut als Produzent gegeben hatte, vorgeschlagen, einen Dokumentarfilm über den Verstorbenen zu drehen. Die Einnahmen sollten in eine Stiftung fließen. Ryan selbst hatte wenig Lust auf das Projekt. Zu frisch war das Gefühl, verraten worden zu sein. All dieser Schmerz, all diese Trauer, all diese hilflose Wut … Dennoch erklärte er sich schließlich widerwillig bereit, den Film zu produzieren, zu dem einer von Bens Freunden bereits ein Drehbuch geschrieben hatte. Chad versprach, im Film die Rolle des Erzählers zu übernehmen. Doch dann, kurz bevor die Dreharbeiten beginnen sollten, verlangte er eine Gage von zehn Millionen Dollar. Das war das Ende des Projekts.

    In dem daraus folgenden Streit hatte Ryan seinem Vater all das an den Kopf geworfen, was er ihm schon immer hatte sagen wollen. Es war zum endgültigen Bruch gekommen. Und Ryan hatte sich ganz allein wiedergefunden. Er hatte nicht nur Ben und Kelly, sondern auch seinen Vater verloren. Was ihm blieb, war die Arbeit, in die er sich mit all seiner Energie stürzte und die ihm schon bald Erfolge lieferte. Nur selten sehnte er sich nach mehr, nach Liebe, nach einer Familie. Solche Wünsche verdrängte er schnell wieder, und so blieb es bei kurzen Affären, die nie länger als zwei Monate anhielten. Schließlich ging es ihm am besten, wenn er frei war. Was er jetzt überhaupt nicht brauchen konnte, war eine Scheinaffäre mit einer hinreißenden jungen Frau, die durch einen einzigen Blick die Lust durch seinen Körper schießen ließ.

 


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