In der offenen Tür zu Ryans Büro blieb Jaci unschlüssig stehen. Sollte sie dieses Chaos wirklich betreten? Überall – auf dem Tisch, auf den Stühlen, in den Regalen und auch auf dem Fußboden – lagen Ordner, Manuskripte, Drehbücher und andere Papiere herum.
Ryan war vor sich hin fluchend in dem kleinen Badezimmer verschwunden, das offenbar zu dem Büro gehörte.
Jaci kam sich dumm vor. Und ausgeschlossen. Sie hatte nicht verstanden, warum und worüber die Starfish-Leute sich so aufgeregt hatten. Es war ihr vorgekommen, als sei sie in einen fremdsprachigen Film geraten. Und es gab nicht einmal Untertitel, an denen sie sich hätte orientieren können! Eines allerdings war ihr unmissverständlich klar geworden: Jax und Ryan – der Ryan, den sie seit Jahren kannte – waren dieselbe Person. Gleichzeitig war Jax der Besitzer von Starfish. Und somit ihr Chef. Und gerade jetzt war er sauer, genau wie all jene Leute, die an der merkwürdigen Besprechung teilgenommen hatten.
Jaci seufzte. Alle Welt schien ihr zu zürnen, weil sie Ryan geküsst hatte, um diesen ekligen Leroy loszuwerden. Wie hätte sie ahnen können, dass dieser Kuss irgendwelche unangenehmen Folgen für Starfish haben würde? Sie begriff noch immer nicht ganz, wo das Problem lag.
Die Badezimmertür öffnete sich, und Ryan trat mit nacktem Oberkörper ins Büro. In der Hand hielt er ein frisches Hemd. Noch immer sah er ziemlich finster drein, doch das tat seiner Attraktivität keinen Abbruch. Fasziniert betrachtete Jaci seine Muskeln. Ryan hätte als Model für ein Fitnessmagazin arbeiten können! Die breiten Schultern, die kräftigen Oberarme, der flache, muskulöse Bauch … all das war ein Kunstwerk, das eine Woge der Lust über Jaci zusammenschlagen ließ.
Küss mich, wollte Jaci sagen. Doch das wagte sie nicht, obwohl oder vielleicht gerade, weil die Atmosphäre im Raum plötzlich von erotischer Spannung erfüllt war.
„Wieso nennst du dich jetzt Jackson?“, stieß sie hervor.
Ryan runzelte die Stirn. „Ich hieß nie Bradshaw“, gab er zurück, während er das Hemd überzog und die Knöpfe schloss. „Du hast angenommen, Bradshaw sei mein Nachname, weil du wusstest, dass Chad mein Vater ist.“
„Aber …“ Sie beschloss, nun doch in den Raum zu treten. Entschlossen zog sie die Tür hinter sich zu. „Warum …“
„Ich habe Chad zum ersten Mal getroffen, als ich vierzehn war. Meine Mutter war gestorben, und das Vormundschaftsgericht hatte beschlossen, ich solle zukünftig bei meinem Vater leben. Chad hatte sich nie zuvor um mich gekümmert. Er war nie mit meiner Mutter verheiratet gewesen. Als sie ihm gestand, dass sie schwanger war, verließ er sie. Ich hatte bereits sie verloren. Um nichts in der Welt hätte ich auch ihren Namen aufgegeben.“
Jaci nickte, obwohl es ihr schwerfiel, Ryans in hektischem Tempo vorgebrachter Erklärung zu folgen.
Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar. „Doch eigentlich tut das alles nichts zur Sache.“
Schade. Jaci hätte gern mehr über seine Kindheit erfahren, über die Beziehung zu seinem Vater und seinem Halbbruder Ben, die, seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, keine gute gewesen war.
„Jetzt geht es darum“, meinte er, „einen Ausweg aus dem Schlamassel mit Leroy zu finden.“
„Es tut mir aufrichtig leid, dass ich dich in Schwierigkeiten gebracht habe, indem ich dich geküsst habe“, gab Jaci zurück. „Es schien mir eine gute Lösung zu sein, um dem ekligen Frosch zu entkommen.“
Ryan schaute sie unentwegt vorwurfsvoll an. Wollte er ihr ein schlechtes Gewissen machen? Nun, das hatte sie schon. Aber dieser Leroy war wirklich unerträglich gewesen. „Der Kerl war aufdringlich“, rechtfertigte sie sich. „Und schleimig.“ Ein Schauer überlief sie. „Ich habe ihm mehrfach versichert, dass ich nicht an ihm interessiert sei. Aber er ließ mich einfach nicht in Ruhe. Wer hätte gedacht, dass irgendjemand uns beim Küssen fotografieren würde? Das war wirklich ein unglücklicher Zufall. Ich weiß, wie unangenehm es ist, wenn die Presse derart in deine Privatsphäre eindringt.“
Ryan warf noch einmal einen Blick auf die aktuelle Zeitung, die nun vor ihm auf dem Tisch lag. „Du scheinst ja so deine Erfahrung damit gemacht zu haben. Sexskandal? Verlobung?“
Sie hob herausfordernd ihr Kinn. „Wenn es dich interessiert, findest du im Internet alle möglichen Einzelheiten darüber.“
„Ich lese keine Klatschgeschichten.“
„Und ich denke nicht daran, dir mehr darüber zu erzählen.“
„Habe ich dich etwa darum gebeten?“
Nein, das hatte er nicht. Er hatte sie zwar geküsst – leidenschaftlich geküsst –, aber das bedeutete nicht, dass er an ihr und ihrem Schicksal interessiert war. Er hatte über etwas anderes mit ihr reden wollen. Über Leroy und über die Probleme, die der ihm bereitete.
„Selbstverständlich bin ich bereit, deiner Freundin oder Ehefrau alles zu erklären und mich zu entschuldigen“, sagte sie. Beinahe hätte sie hinzugefügt, dass sie auch nicht erwähnen würde, dass er derjenige gewesen war, der sie dann noch einmal geküsst hatte, und zwar bedeutend wilder und hungriger.
„Ich bin weder verheiratet noch in einer festen Beziehung“, erklärte Ryan. „Das ist so ziemlich das einzig Positive an der ganzen Geschichte.“
Jaci hob die Hand, um sich ein paar Ponyfransen aus der Stirn zu streichen. „Dann begreife ich wirklich nicht, wo das Problem liegt. Wir sind Singles. Wir haben uns geküsst. Wir sind dabei fotografiert worden. Na und?“
Ryans Gesicht war ausdruckslos, doch seine Augen zeigten in rascher Folge eine ganze Reihe von Gefühlen. Deutlich erkannte Jaci Zorn und Sorge. Weshalb, um alles in der Welt, mochte Ryan besorgt sein?
„Ich möchte aus ‚Blown Away‘, aus deiner Idee, einen großen Film machen. Aber um dem Drehbuch gerecht zu werden, brauche ich Geld. Viel Geld. Millionen. Das bedeutet, dass ich Investoren finden muss. Ich persönlich arbeite nicht gern mit mehreren Investoren, denn jeder einzelne glaubt, er habe ein Recht, Einfluss auf den Film zu nehmen. Es gibt aber nur wenige Menschen, die die erforderliche Summe für ‚Blown Away‘ allein aufbringen können. Leroy Banks gehört zu ihnen. Also hängt es letztendlich von ihm ab, ob ‚Blown Away‘ jemals in die Kinos kommt.“
Jaci nickte.
„Leroy hatte die Finanzierung bereits mündlich zugesagt. Doch jetzt will er mich unter Druck setzen.“
„Aber warum?“
„Wahrscheinlich schämt er sich, weil ich ihn dabei erwischt habe, wie er meine Freundin belästigt hat. Und jetzt will er mir beweisen, dass er die Kontrolle hat.“
Oh Gott! Mit einem Kuss hatte sie ein Millionengeschäft zwischen Ryan und dem Frosch gefährdet! Sie starrte Ryan an. „Er hat verlangt, die für ‚Blown Away‘ wichtigen Leute kennenzulernen. Und als Drehbuchautorin gehöre ich dazu.“
„Genau“, seufzte Ryan. „Wir können ihm nicht sagen, dass du dich mir nur an den Hals geworfen hast, weil du ihn widerwärtig findest.“
„Natürlich nicht! Aber könnte ich mich nicht einfach im Hintergrund halten? Er weiß ja nicht, dass ich das Drehbuch geschrieben habe.“ Das würde sie tun, wenn die Finanzierung sich nur so retten ließe. Obwohl sie natürlich viel lieber aller Welt stolz verkündet hätte: „Seht her, ich hatte die Idee zu diesem Film und habe das Drehbuch geschrieben!“
„Das wäre eine Möglichkeit“, stimmte Ryan widerwillig zu. „Aber ohne dich würde es ‚Blown Away‘ nicht geben. Ich finde, du solltest den dir zustehenden Ruhm ernten. Außerdem hasse ich jede Art von Lüge.“
Ein durch und durch ehrlicher Mann? Sie hatte geglaubt, diese Spezies sei längst ausgestorben. Jaci ließ sich auf einen Stuhl sinken. „Was also sollen wir tun?“
„Ich möchte, dass du als Drehbuchautorin dabei bist. Du bist wichtig für den Film. Andererseits brauche ich auch Leroy, damit das Projekt verwirklicht werden kann. Somit sehe ich nur eine Lösung.“
„Nämlich?“
„Wir müssen als Liebespaar auftreten, so wie Leroy es von uns erwartet. Wenn die Finanzierung unter Dach und Fach ist, können wir uns offiziell trennen.“
Jaci schüttelte den Kopf. Sie hatte gerade eine sehr unerfreuliche Beziehung hinter sich. Auf keinen Fall wollte sie sich direkt in eine neue stürzen – selbst wenn die nicht echt wäre. „Ich kann das nicht“, verkündete sie.
Ryan hob die Brauen. „Du hast uns in diese Situation gebracht. Du musst …“
„Tut mir leid“, unterbrach sie ihn, „aber ich kann das nicht.“
Zorn blitzte in seinen Augen auf. „Wenn ich mich nicht täusche, habe ich deinen Vertrag noch nicht unterschrieben.“
Im ersten Moment begriff sie nicht, womit er ihr drohte. Dann wurde sie blass. „Du willst meinen Vertrag platzen lassen?“
„Ja. Die Rechte an deiner Idee gehören mir. Ich kann also mit ‚Blown Away‘ tun und lassen, was ich will. Shona oder Wes könnten die notwendigen Änderungen am Drehbuch vornehmen.“
„Das ist Erpressung!“, schrie Jaci. Sie war außer sich vor Wut. Gerade noch hatte sie Ryan für seinen moralischen Grundsatz, nicht zu lügen, bewundert. Jetzt musste sie feststellen, dass er sich nicht scheute, andere Menschen zu manipulieren und zu erpressen.
„Dass Leroy mich unter Druck setzt, hast du zu verantworten“, stellte er nachdrücklich fest. „Nur deshalb sehe ich mich gezwungen, neu mit dir über deinen Vertrag zu verhandeln. Also: Dass du meine Freundin spielst, gehört seit heute zu deinem Job.“
„Ich bin nicht allein schuld an dem Schlamassel!“
Erstaunen huschte über sein Gesicht. „Und wer sonst?“
„Der erste Kuss sollte nur ein flüchtiger Kuss sein. Doch dann hast du mich an dich gezogen und mich beinahe bis zur Besinnungslosigkeit geküsst!“, rief Jaci frustriert.
„Was sonst hätte ich tun sollen, nachdem du dich mir in die Arme geworfen und deine Lippen auf meine gepresst hattest?“
„Du hättest deine Zunge in deinem Mund lassen können! Oder verschlingst du jede fremde Frau, die in deine Nähe kommt, mit Haut und Haar?“
„Unsinn! Erstens war mir klar, dass wir uns kennen. Zweitens habe ich dich nicht verschlungen“, gab er wütend zurück. Mit großen Schritten ging er zum Fenster und starrte hinaus. Nur seine Schultern verrieten, wie er mehrmals tief ein- und ausatmete.
Jaci wunderte sich, wie sehr es ihr gefiel, sich mit ihm zu streiten. Sie fühlte sich ihm nicht unterlegen, sie fühlte sich nicht schuldig, und sie hatte auch nicht das Gefühl, etwas Falsches zu tun. Das alles war ungewohnt und neu. Konnte New York sie so verändert haben?
Eine Zeit lang sagte niemand etwas. Jaci wusste, dass sie um nichts in der Welt auf den Vertrag mit Starfish verzichten wollte. Sie würde nicht nach London zurückkehren, ohne sich selbst und aller Welt bewiesen zu haben, dass sie in der Lage war, aus eigener Kraft etwas zu leisten.
„Was nun?“, fragte sie deshalb schließlich.
