Jaci saß im Schneidersitz auf dem Sofa, als es schellte. Sie schaute auf die Uhr. Zehn Uhr abends, viel zu spät für einen unangekündigten Besuch. Im Übrigen wusste kaum jemand, wo sie wohnte. Sie runzelte die Stirn, beschloss dann aber zumindest herauszufinden, wer sie so spät noch störte.
„Hallo?“, sagte sie in die Gegensprechanlage.
„Ich bin’s, Ryan.“
Was, um Himmels willen, wollte er von ihr? Seit sie sein Büro verlassen hatte – was nun schon vier Tage zurücklag –, hatte sie nichts von ihm gesehen und gehört. Deshalb hatte sie gehofft, die Idee, sie müsse sich als seine Freundin ausgeben, sei vom Tisch.
„Kann ich hochkommen?“
Jaci sah an sich hinab. Sie trug eine alte Jogginghose mit einem Riss am Knie, ein T-Shirt, das ihr zwei Nummern zu groß war, und Kunstfellhausschuhe in Katzenform, die ihre Freundin Bella ihr geschenkt hatte.
„Kann das nicht bis morgen warten? Ich habe mich schon bettfertig gemacht.“ Tatsächlich hatte sie sich nach dem Duschen weder frisiert noch geschminkt. So wollte sie Ryan nicht gegenübertreten. Sollte er ruhig denken, sie trüge ein sexy Negligé …
„Jaci, es ist mir vollkommen egal, was du anhast. Mach die Tür auf. Wir müssen reden.“
Ryans Stimme klang so entschlossen, dass Jaci nicht daran zweifelte, dass er, wenn nötig, den Finger eine Stunde lang auf der Klingel lassen würde. Im Übrigen war sie neugierig, was er ihr zu sagen hatte.
Doch wenn sie ehrlich war, musste sie zugeben, dass sie nur aus einem Grund den Türöffner betätigte: Sie wollte Ryan sehen. Sie wollte seinen männlichen Duft einatmen, sie wollte seine Stimme hören, sie wollte dieses Prickeln spüren, das seine Nähe in ihr hervorrief.
Sie holte tief Luft und bemühte sich, ihr heftig klopfendes Herz zur Vernunft zu bringen. Ein paar Sekunden blieben ihr noch, während Ryan die Eingangshalle durchquerte, auf den Fahrstuhl wartete und nach oben fuhr.
Er war attraktiv, ja. Genau deshalb konnte er ihr gefährlich werden – besonders, wenn sie hier mit ihm allein war. Ihr Apartment lag in Manhattan, wo die Mieten hoch und die Wohnungen klein waren. Ein Besucher würde mit wenigen Schritten in ihrem Schlafzimmer sein.
Du ziehst doch nicht wirklich in Erwägung, mit deinem Boss ins Bett zu gehen, Jaci?
Es klopfte. Jaci zuckte zusammen und ließ ihn ein. Er trug Jeans und T-Shirt, sein Haar war wie üblich ein wenig zerzaust, unter seinen Augen lagen dunkle Schatten. Der Dreitagebart stand ihm gut, stellte sie fest.
„Hallo!“ Er schaute ihr in die Augen und nicht auf ihr Outfit, wofür sie dankbar war.
„Hallo! Ist es nicht ein bisschen spät für einen Besuch?“ Wie schaffte er es bloß, so sexy auszusehen?
„Leroy Banks hat sich gemeldet.“ Damit trat Ryan an ihr vorbei ins Wohnzimmer, ließ den Blick über die einfache Möblierung gleiten, betrachtete die abstrakten Bilder an der Wand und stellte fest: „Dies erinnert nicht gerade an das Haus deiner Eltern.“
Jaci lachte. „Stimmt.“ Ihr Elternhaus war mehr als zweihundert Jahre alt, prächtig ausgestattet und sehr vornehm. Dennoch war es Priscilla und Archie gelungen, es zu einem echten Heim zu machen. Trotz all der Antiquitäten hatte es nie wie ein Museum gewirkt, auch weil Bücher auf dem Fußboden neben den Sesseln lagen, benutzte Tassen auf den Tischen standen und Hunde durch die Zimmer tobten.
„Wurde die kaputte Treppe jemals repariert? Ich erinnere mich, dass deine Mutter monatelang verlangt hat, die müsse repariert werden. Sagte sie nicht, sie würde seit zwanzig Jahren darauf drängen?“
Hörte sie da einen sehnsüchtigen Ton? Ryan war immer ein verschlossener Mensch gewesen. Also war es durchaus denkbar, dass sie sich die Wehmut in seiner Stimme nur einbildete. „Die Treppe knarrt noch genauso wie damals“, sagte sie. „Sie wird vermutlich nie repariert werden. Das weiß Mama auch. Es macht ihr einfach Spaß, meinen Vater wegen seiner fehlenden handwerklichen Fähigkeiten zu necken.“ Sie deutete einladend aufs Sofa. „Möchtest du etwas trinken? Tee? Kaffee? Wein?“
„Schwarzer Kaffee wäre gut. Kaffee mit einem Schluck Whiskey noch besser.“
„Okay.“ Sie verschwand in der winzigen Küche.
Anstatt sich zu setzen, folgte Ryan ihr. „Macht dir die Arbeit bei Starfish Spaß?“, erkundigte er sich.
Die unerwartete Frage entlockte Jaci ein strahlendes Lächeln. „Ich liebe die Arbeit, aber um die Änderungen zu schreiben, die du angeregt hast, müsste ich einiges mit dir besprechen. Dein Assistent behauptet allerdings, es gebe nicht eine freie Minute in deinem Terminkalender.“
„Ich werde dafür sorgen, dass wir in den nächsten Tagen ein paar Dinge klären können“, versprach er.
Jaci wandte ihm den Rücken zu und stellte sich auf die Zehenspitzen, um die Whiskeyflasche vom obersten Regalbrett zu nehmen. Als Nächstes spürte sie Ryans muskulöse Brust an ihrem Rücken. Mühelos griff er nach der Flasche. Sie rechnete damit, dass er gleich wieder Distanz zwischen sie bringen würde, stattdessen presste er sein Gesicht in ihr Haar und legte ihr seine freie Hand auf die Hüfte.
Mit angehaltenem Atem wartete sie auf das, was als Nächstes geschehen würde. Würde Ryan sie küssen? Würden seine Hände zu ihren Brüsten wandern? Würde …
Es klirrte leise, als er die Flasche abstellte. Die Wärme seines Körpers verflog, als er nun doch einen Schritt zurückmachte. Sie wandte sich um. Ihre Hände zitterten ein wenig, als sie die Flasche öffnete und einen guten Schluck Whiskey erst in Ryans und dann in ihre eigene Tasse goss.
„Ich kann noch immer kaum glauben, dass ausgerechnet die Schwester meines ältesten Freundes das beste Drehbuch seit Langem bei uns eingereicht hat“, meinte Ryan, der nun in der Tür stand, die Fingerspitzen oben auf den Rahmen gelegt, was sein T-Shirt ein wenig hochrutschen ließ, sodass es den Blick auf seinen flachen muskulösen Bauch freigab.
Jaci hätte beinahe bewundernd aufgeseufzt. Stattdessen sagte sie: „Mich wundert es nicht, dass ‚Blown Away‘ dir gefällt. Die Idee dazu habe ich schließlich von dir.“
„Von mir?“
Sie goss Kaffee zu dem Whiskey und hielt Ryan seine Tasse hin. In der kleinen Küche war sie sich seiner Präsenz zu gewahr, schien sich seiner erotischen Ausstrahlung nicht entziehen zu können. Sie brauchte definitiv ein paar Meter Distanz zwischen ihnen! „Wollen wir uns nicht setzen?“
Zum Glück ließ Ryan sich bereitwillig im Wohnzimmer auf dem Sofa nieder. Jaci nahm ihm gegenüber auf dem einzigen Stuhl Platz.
„Das musst du mir erklären!“, verlangte Ryan, nachdem er vorsichtig einen Schluck getrunken hatte.
Jaci pustete in ihren heißen Kaffee. „Du hast uns einmal besucht, kurz bevor du dein Studium abgebrochen hast …“
„Ich hatte mein Studium beendet, nicht abgebrochen“, korrigierte er.
„Das kann nicht sein. Du bist genauso alt wie Neil, und er hatte gerade mal zwei Semester hinter sich gebracht.“
„Ich habe in der Schule mehrere Klassen übersprungen“, meinte Ryan schulterzuckend.
„Du Glücklicher!“ Jaci selbst hatte – anders als ihre Geschwister – in der Schule hart arbeiten müssen und nach einiger Zeit an der Uni erkannt, dass ein Studium nicht das Richtige für sie war. Bisher hatte sie geglaubt, Ryan sei es ähnlich ergangen. Und nun stellte sich heraus, dass er offenbar ein Überflieger war. Wieder einmal war sie die am wenigsten begabte. Nur gut, dass sie daran gewöhnt war.
„Was ist nun mit dem Drehbuch?“, drängte Ryan.
„Ja, also: Du kamst mit Neil zu Besuch. Es regnete Bindfäden. Ihr habt eine Partie Schach gespielt, und ich las.“ Tatsächlich hatte sie nur hin und wieder eine Seite umgeblättert, während sie Ryan aus den Augenwinkeln beobachtete. Damals war sie schrecklich verliebt in ihn gewesen, aber das musste er ja nicht erfahren. „Irgendwann fragte Neil dich, ob du wie dein Vater und dein Bruder ins Filmgeschäft einsteigen wolltest. Du hast gesagt, das würdest du nie tun, da du nicht in einen Wettstreit mit deinen Verwandten eintreten wolltest.“ Sie hatte das schon damals gut verstanden, da sie ihr Leben lang das Gefühl gehabt hatte, im Schatten ihrer klügeren Geschwister zu stehen.
Ryan lachte. „Wie du siehst, bin ich meinem Vorsatz untreu geworden.“
„Das hat Neil dir schon damals geweissagt. Er meinte, es läge dir im Blut, Filme zu machen.“
„Klug beobachtet!“
„Um dich ein wenig aufzuziehen, begann Neil, Ideen für Filme zu entwerfen. Eine war schlimmer als die andere. ‚Lächerlich‘ hast du sie genannt und dann erklärt, wenn du einen Film drehen würdest, dann müsste der Held ein ausgebrannter Polizist sein, der von einer temperamentvollen Kollegin unterstützt einen Bombenleger jagt, der die Bewohner einer ganzen Stadt als Geisel genommen hat. Nun, die Idee ist bei mir hängen geblieben, obwohl ich mich damals hauptsächlich an romantischen Liebesgeschichten versuchte. Später habe ich einige humorvolle Elemente hinzugefügt und ein Drehbuch aus der Geschichte gemacht.“ Sie warf ihm einen langen Blick zu. „Dass du das Drehbuch gekauft hast, wundert mich also nicht. Dass du allerdings deine eigene Produktionsfirma hast, erstaunt mich beinahe ebenso sehr wie die Tatsache, dass ich jetzt für dich arbeite.“
„Ich kann es selbst kaum glauben. Wo wir schon von der Arbeit reden …“
Jaci seufzte. „Der Frosch …“
„Hat seine erste idiotische Forderung gestellt, ja. Leroy möchte, dass wir beide ihn zur Premiere einer Ballettaufführung begleiten.“
Jaci stöhnte.
„Magst du Ballett etwa nicht? Ich dachte, deine Familie hätte Jahreskarten für das Royal Opera House in London.“
„Stimmt. Und mich hat man dorthin mitgenommen, um mich zu foltern. Ich ziehe Rockkonzerte dem Ballett vor.“
„Aber du lässt mich doch jetzt nicht im Stich?“
„Wann will Mr. Gruselig uns sehen?“
„Morgen Abend. Leroy hat mich extra darauf hingewiesen, dass es eine Kleiderordnung gibt: schwarzer Anzug und Krawatte für mich, Abendkleid für dich.“ Stirnrunzelnd musterte er den Riss in Jacis Jogginghose.
„Er will uns schon morgen treffen?“ Sie schlug die Hände vors Gesicht. „Unmöglich! Ich habe nichts anzuziehen! Das Kleid, das ich bei der Preisverleihung anhatte, war so ziemlich das einzige, das ich mitgebracht habe!“
Ryan leerte seine Tasse und meinte dann gelassen: „Es gibt viele Modeboutiquen in New York.“
Sie hatte sich nach der Trennung von Clive geschworen, sich von niemandem mehr vorschreiben zu lassen, was sie zu tragen hatte. Sie wollte sich nicht mehr verkleiden, selbst wenn eine Stylistin ihr zu einem bestimmten Stil riet. Sie wollte anziehen, was ihr gefiel. Das war einer der Gründe, warum der größte Teil ihrer Garderobe sich noch in London befand. Sie war entschlossen, bei jedem neuen Stück, das sie sich anschaffte, darauf zu achten, dass es ausgefallen, vielleicht sogar ein wenig Avantgarde war. Ein konventionelles Ballkleid würde sie nur anziehen, wenn man ihr eine Pistole an den Kopf hielt.
