Mit dem Boss ins Bett? - Kapitel 4

Jaci saß im Schneidersitz auf dem Sofa, als es schellte. Sie schaute auf die Uhr. Zehn Uhr abends, viel zu spät für einen unangekündigten Besuch. Im Übrigen wusste kaum jemand, wo sie wohnte. Sie runzelte die Stirn, beschloss dann aber zumindest herauszufinden, wer sie so spät noch störte.

    „Hallo?“, sagte sie in die Gegensprechanlage.

    „Ich bin’s, Ryan.“

    Was, um Himmels willen, wollte er von ihr? Seit sie sein Büro verlassen hatte – was nun schon vier Tage zurücklag –, hatte sie nichts von ihm gesehen und gehört. Deshalb hatte sie gehofft, die Idee, sie müsse sich als seine Freundin ausgeben, sei vom Tisch.

    „Kann ich hochkommen?“

    Jaci sah an sich hinab. Sie trug eine alte Jogginghose mit einem Riss am Knie, ein T-Shirt, das ihr zwei Nummern zu groß war, und Kunstfellhausschuhe in Katzenform, die ihre Freundin Bella ihr geschenkt hatte.

    „Kann das nicht bis morgen warten? Ich habe mich schon bettfertig gemacht.“ Tatsächlich hatte sie sich nach dem Duschen weder frisiert noch geschminkt. So wollte sie Ryan nicht gegenübertreten. Sollte er ruhig denken, sie trüge ein sexy Negligé …

    „Jaci, es ist mir vollkommen egal, was du anhast. Mach die Tür auf. Wir müssen reden.“

    Ryans Stimme klang so entschlossen, dass Jaci nicht daran zweifelte, dass er, wenn nötig, den Finger eine Stunde lang auf der Klingel lassen würde. Im Übrigen war sie neugierig, was er ihr zu sagen hatte.

    Doch wenn sie ehrlich war, musste sie zugeben, dass sie nur aus einem Grund den Türöffner betätigte: Sie wollte Ryan sehen. Sie wollte seinen männlichen Duft einatmen, sie wollte seine Stimme hören, sie wollte dieses Prickeln spüren, das seine Nähe in ihr hervorrief.

    Sie holte tief Luft und bemühte sich, ihr heftig klopfendes Herz zur Vernunft zu bringen. Ein paar Sekunden blieben ihr noch, während Ryan die Eingangshalle durchquerte, auf den Fahrstuhl wartete und nach oben fuhr.

    Er war attraktiv, ja. Genau deshalb konnte er ihr gefährlich werden – besonders, wenn sie hier mit ihm allein war. Ihr Apartment lag in Manhattan, wo die Mieten hoch und die Wohnungen klein waren. Ein Besucher würde mit wenigen Schritten in ihrem Schlafzimmer sein.

    Du ziehst doch nicht wirklich in Erwägung, mit deinem Boss ins Bett zu gehen, Jaci?

    Es klopfte. Jaci zuckte zusammen und ließ ihn ein. Er trug Jeans und T-Shirt, sein Haar war wie üblich ein wenig zerzaust, unter seinen Augen lagen dunkle Schatten. Der Dreitagebart stand ihm gut, stellte sie fest.

    „Hallo!“ Er schaute ihr in die Augen und nicht auf ihr Outfit, wofür sie dankbar war.

    „Hallo! Ist es nicht ein bisschen spät für einen Besuch?“ Wie schaffte er es bloß, so sexy auszusehen?

    „Leroy Banks hat sich gemeldet.“ Damit trat Ryan an ihr vorbei ins Wohnzimmer, ließ den Blick über die einfache Möblierung gleiten, betrachtete die abstrakten Bilder an der Wand und stellte fest: „Dies erinnert nicht gerade an das Haus deiner Eltern.“

    Jaci lachte. „Stimmt.“ Ihr Elternhaus war mehr als zweihundert Jahre alt, prächtig ausgestattet und sehr vornehm. Dennoch war es Priscilla und Archie gelungen, es zu einem echten Heim zu machen. Trotz all der Antiquitäten hatte es nie wie ein Museum gewirkt, auch weil Bücher auf dem Fußboden neben den Sesseln lagen, benutzte Tassen auf den Tischen standen und Hunde durch die Zimmer tobten.

    „Wurde die kaputte Treppe jemals repariert? Ich erinnere mich, dass deine Mutter monatelang verlangt hat, die müsse repariert werden. Sagte sie nicht, sie würde seit zwanzig Jahren darauf drängen?“

    Hörte sie da einen sehnsüchtigen Ton? Ryan war immer ein verschlossener Mensch gewesen. Also war es durchaus denkbar, dass sie sich die Wehmut in seiner Stimme nur einbildete. „Die Treppe knarrt noch genauso wie damals“, sagte sie. „Sie wird vermutlich nie repariert werden. Das weiß Mama auch. Es macht ihr einfach Spaß, meinen Vater wegen seiner fehlenden handwerklichen Fähigkeiten zu necken.“ Sie deutete einladend aufs Sofa. „Möchtest du etwas trinken? Tee? Kaffee? Wein?“

    „Schwarzer Kaffee wäre gut. Kaffee mit einem Schluck Whiskey noch besser.“

    „Okay.“ Sie verschwand in der winzigen Küche.

    Anstatt sich zu setzen, folgte Ryan ihr. „Macht dir die Arbeit bei Starfish Spaß?“, erkundigte er sich.

    Die unerwartete Frage entlockte Jaci ein strahlendes Lächeln. „Ich liebe die Arbeit, aber um die Änderungen zu schreiben, die du angeregt hast, müsste ich einiges mit dir besprechen. Dein Assistent behauptet allerdings, es gebe nicht eine freie Minute in deinem Terminkalender.“

    „Ich werde dafür sorgen, dass wir in den nächsten Tagen ein paar Dinge klären können“, versprach er.

    Jaci wandte ihm den Rücken zu und stellte sich auf die Zehenspitzen, um die Whiskeyflasche vom obersten Regalbrett zu nehmen. Als Nächstes spürte sie Ryans muskulöse Brust an ihrem Rücken. Mühelos griff er nach der Flasche. Sie rechnete damit, dass er gleich wieder Distanz zwischen sie bringen würde, stattdessen presste er sein Gesicht in ihr Haar und legte ihr seine freie Hand auf die Hüfte.

    Mit angehaltenem Atem wartete sie auf das, was als Nächstes geschehen würde. Würde Ryan sie küssen? Würden seine Hände zu ihren Brüsten wandern? Würde …

    Es klirrte leise, als er die Flasche abstellte. Die Wärme seines Körpers verflog, als er nun doch einen Schritt zurückmachte. Sie wandte sich um. Ihre Hände zitterten ein wenig, als sie die Flasche öffnete und einen guten Schluck Whiskey erst in Ryans und dann in ihre eigene Tasse goss.

    „Ich kann noch immer kaum glauben, dass ausgerechnet die Schwester meines ältesten Freundes das beste Drehbuch seit Langem bei uns eingereicht hat“, meinte Ryan, der nun in der Tür stand, die Fingerspitzen oben auf den Rahmen gelegt, was sein T-Shirt ein wenig hochrutschen ließ, sodass es den Blick auf seinen flachen muskulösen Bauch freigab.

    Jaci hätte beinahe bewundernd aufgeseufzt. Stattdessen sagte sie: „Mich wundert es nicht, dass ‚Blown Away‘ dir gefällt. Die Idee dazu habe ich schließlich von dir.“

    „Von mir?“

    Sie goss Kaffee zu dem Whiskey und hielt Ryan seine Tasse hin. In der kleinen Küche war sie sich seiner Präsenz zu gewahr, schien sich seiner erotischen Ausstrahlung nicht entziehen zu können. Sie brauchte definitiv ein paar Meter Distanz zwischen ihnen! „Wollen wir uns nicht setzen?“

    Zum Glück ließ Ryan sich bereitwillig im Wohnzimmer auf dem Sofa nieder. Jaci nahm ihm gegenüber auf dem einzigen Stuhl Platz.

    „Das musst du mir erklären!“, verlangte Ryan, nachdem er vorsichtig einen Schluck getrunken hatte.

    Jaci pustete in ihren heißen Kaffee. „Du hast uns einmal besucht, kurz bevor du dein Studium abgebrochen hast …“

    „Ich hatte mein Studium beendet, nicht abgebrochen“, korrigierte er.

    „Das kann nicht sein. Du bist genauso alt wie Neil, und er hatte gerade mal zwei Semester hinter sich gebracht.“

    „Ich habe in der Schule mehrere Klassen übersprungen“, meinte Ryan schulterzuckend.

    „Du Glücklicher!“ Jaci selbst hatte – anders als ihre Geschwister – in der Schule hart arbeiten müssen und nach einiger Zeit an der Uni erkannt, dass ein Studium nicht das Richtige für sie war. Bisher hatte sie geglaubt, Ryan sei es ähnlich ergangen. Und nun stellte sich heraus, dass er offenbar ein Überflieger war. Wieder einmal war sie die am wenigsten begabte. Nur gut, dass sie daran gewöhnt war.

    „Was ist nun mit dem Drehbuch?“, drängte Ryan.

    „Ja, also: Du kamst mit Neil zu Besuch. Es regnete Bindfäden. Ihr habt eine Partie Schach gespielt, und ich las.“ Tatsächlich hatte sie nur hin und wieder eine Seite umgeblättert, während sie Ryan aus den Augenwinkeln beobachtete. Damals war sie schrecklich verliebt in ihn gewesen, aber das musste er ja nicht erfahren. „Irgendwann fragte Neil dich, ob du wie dein Vater und dein Bruder ins Filmgeschäft einsteigen wolltest. Du hast gesagt, das würdest du nie tun, da du nicht in einen Wettstreit mit deinen Verwandten eintreten wolltest.“ Sie hatte das schon damals gut verstanden, da sie ihr Leben lang das Gefühl gehabt hatte, im Schatten ihrer klügeren Geschwister zu stehen.

    Ryan lachte. „Wie du siehst, bin ich meinem Vorsatz untreu geworden.“

    „Das hat Neil dir schon damals geweissagt. Er meinte, es läge dir im Blut, Filme zu machen.“

    „Klug beobachtet!“

    „Um dich ein wenig aufzuziehen, begann Neil, Ideen für Filme zu entwerfen. Eine war schlimmer als die andere. ‚Lächerlich‘ hast du sie genannt und dann erklärt, wenn du einen Film drehen würdest, dann müsste der Held ein ausgebrannter Polizist sein, der von einer temperamentvollen Kollegin unterstützt einen Bombenleger jagt, der die Bewohner einer ganzen Stadt als Geisel genommen hat. Nun, die Idee ist bei mir hängen geblieben, obwohl ich mich damals hauptsächlich an romantischen Liebesgeschichten versuchte. Später habe ich einige humorvolle Elemente hinzugefügt und ein Drehbuch aus der Geschichte gemacht.“ Sie warf ihm einen langen Blick zu. „Dass du das Drehbuch gekauft hast, wundert mich also nicht. Dass du allerdings deine eigene Produktionsfirma hast, erstaunt mich beinahe ebenso sehr wie die Tatsache, dass ich jetzt für dich arbeite.“

    „Ich kann es selbst kaum glauben. Wo wir schon von der Arbeit reden …“

    Jaci seufzte. „Der Frosch …“

    „Hat seine erste idiotische Forderung gestellt, ja. Leroy möchte, dass wir beide ihn zur Premiere einer Ballettaufführung begleiten.“

    Jaci stöhnte.

    „Magst du Ballett etwa nicht? Ich dachte, deine Familie hätte Jahreskarten für das Royal Opera House in London.“

    „Stimmt. Und mich hat man dorthin mitgenommen, um mich zu foltern. Ich ziehe Rockkonzerte dem Ballett vor.“

    „Aber du lässt mich doch jetzt nicht im Stich?“

    „Wann will Mr. Gruselig uns sehen?“

    „Morgen Abend. Leroy hat mich extra darauf hingewiesen, dass es eine Kleiderordnung gibt: schwarzer Anzug und Krawatte für mich, Abendkleid für dich.“ Stirnrunzelnd musterte er den Riss in Jacis Jogginghose.

    „Er will uns schon morgen treffen?“ Sie schlug die Hände vors Gesicht. „Unmöglich! Ich habe nichts anzuziehen! Das Kleid, das ich bei der Preisverleihung anhatte, war so ziemlich das einzige, das ich mitgebracht habe!“

    Ryan leerte seine Tasse und meinte dann gelassen: „Es gibt viele Modeboutiquen in New York.“

    Sie hatte sich nach der Trennung von Clive geschworen, sich von niemandem mehr vorschreiben zu lassen, was sie zu tragen hatte. Sie wollte sich nicht mehr verkleiden, selbst wenn eine Stylistin ihr zu einem bestimmten Stil riet. Sie wollte anziehen, was ihr gefiel. Das war einer der Gründe, warum der größte Teil ihrer Garderobe sich noch in London befand. Sie war entschlossen, bei jedem neuen Stück, das sie sich anschaffte, darauf zu achten, dass es ausgefallen, vielleicht sogar ein wenig Avantgarde war. Ein konventionelles Ballkleid würde sie nur anziehen, wenn man ihr eine Pistole an den Kopf hielt.

 

„Verdammt!“, stieß sie hervor. Der drohende Verlust von Leroy Banks Millionen war schlimmer als eine vorgehaltene Waffe.

    „Was ist?“, wollte Ryan wissen. „Die meisten Frauen gehen doch gern shoppen.“

    „Typisch Mann!“, schimpfte sie. „Ich weiß ja nicht einmal, was ich kaufen soll. An was hattest du gedacht?“

    „Ich?“ Er sah verwirrt aus.

    „Ja, du. Schließlich geht es um dein Geschäft mit dem Frosch. Willst du mich elegant, extravagant, sexy?“

    „Lass den Quatsch. Zieh ein Abendkleid an, begleite uns zum Ballett und lächle. Irgendwas wirst du doch haben, das du bei dieser Gelegenheit tragen kannst.“

    Er hatte wirklich gar nichts verstanden! „Komm“, forderte sie ihn auf, „ich möchte dir etwas zeigen.“

    Gehorsam folgte er ihr ins Schlafzimmer, wo sie die Türen des Kleiderschranks aufriss. „So!“ Sie trat einen Schritt zurück. Außer ein paar dunklen Kleidungsstücken war der Schrank leer.

    „Bist du ausgeraubt worden?“

    „Sehr witzig. Ich habe mehr Kleider, als ich tragen kann. Allerdings habe ich sie nicht mitgebracht.“

    „Warum nicht?“

    „Weil ich sie nicht mehr anziehen möchte.“

    Ungläubig schüttelte er den Kopf. „Warum hast du sie dann gekauft?“

    Sie verschränkte die Arme vor der Brust und starrte auf den Boden. Nach einer Weile legte Ryan ihr zwei Finger unters Kinn und zwang sie sanft, den Kopf zu heben. „Bitte, sag’s mir.“

    „Ich habe nur das Nötigste mitgebracht, weil ich sowieso vorhatte, mich hier neu einzukleiden. Ich bin die sogenannte zeitlose Eleganz satt. Ich möchte ausgefallene Sachen tragen statt Kleidern, in denen ich mich unwohl fühle. Das sollte endlich vorbei sein. Und nun bin ich gezwungen, ein langweiliges, biederes Ballkleid zu kaufen, das ich danach nie wieder tragen werde.“

    „Warum muss es langweilig und bieder sein?“

    „Weil du im Licht der Öffentlichkeit stehst. Weil viel von Mr. Gruseligs Laune abhängt. Weil ich einen guten Eindruck machen muss.“

    Um Ryans Mundwinkel zuckte es. „Wenn die Finanzierung von ‚Blown Away‘ davon abhängt, was du anhast, dann stecke ich in noch größeren Schwierigkeiten, als ich dachte“, meinte er mit einem amüsierten Blick auf ihre Jogginghose. „Zieh um Himmels willen an, was auch immer dir gefällt. Kein Mensch interessiert sich für dein Abendkleid. Ich jedenfalls wüsste lieber, was sich darunter befindet.“

    Er nahm sie nicht ernst! „Ryan“, sagte sie eindringlich, „der Eindruck, den ein Mensch hinterlässt, ist wichtig!“

    „Für einen Politiker mit Doppelleben bestimmt!“

    „Nicht nur …“ Woher sollte Ryan wissen, wie es sich anfühlte, wenn die Presse sich darüber ausließ, wie unpassend man sich kleidete? Ihm war noch nie gesagt worden, er würde den Anforderungen nicht gerecht werden. Sie aber wollte das nie, nie wieder hören! Aus diesem – und anderen – Gründen hatte sie England verlassen. Hier in Amerika wollte sie auf keinen Fall noch einmal ähnliche Erfahrungen machen wie in London. Und jetzt sollte sie in ein paar Stunden mit Ryan und dem Frosch eine Ballettaufführung besuchen. Sie war fest entschlossen, sich nicht in den Vordergrund zu drängen. Es war am besten, wenn ihr niemand besondere Beachtung schenkte. Wenn sie nicht auffallen wollte, musste sie sich also ein langweiliges Abendkleid besorgen.

    „Ich kaufe mir morgen etwas Passendes“, verkündete sie, um das leidige Thema zu beenden.

    Doch plötzlich war Ryan misstrauisch. „Ich möchte nicht, dass du etwas schwarzes Tristes anziehst.“

    Sie lachte. Na ja, das war tatsächlich ihr Plan gewesen.

    „Eben hast du noch gesagt, du wünschst dir etwas Ausgefallenes, Avantgardistisches.“

    „Stimmt. Da sprach ich aber von den Kleidungsstücken, die ich zu meinem Vergnügen trage. Dieses Abendkleid gehört nicht dazu. Ich muss es kaufen, weil Mr. Frosch so boshaft ist.“

    „Unsinn!“

    Jaci zuckte die Schultern.

    „Ich begleite dich auf deiner Shoppingtour.“

    „Was?“, fragte sie fassungslos. Ryan wollte mit ihr einkaufen gehen? Er würde nach ein paar Minuten die Geduld verlieren und …

    „Du brauchst ein Abendkleid. Und ich werde dafür sorgen, dass du eins aussuchst, das zu dir passt und nicht zu einer grauen Maus oder einer alten Jungfer. Morgen gehen wir shoppen.“

    „Es wäre einfacher, wenn du mich bei Banks entschuldigen würdest.“

    „Niemals!“ Er schaute sie an. Dann wanderte sein Blick unwillkürlich zum Bett. Und plötzlich waren das Ballett, Leroy und die Kleiderfrage vergessen. Verlangen stieg in ihr auf. Sie sah, wie sich seine Augen verdunkelten, und wusste, was er sich vorstellte – weil sie dasselbe überlegte: Wie würde es sein, zusammen in diesem Bett zu liegen, die Lippen des anderen zu kosten, seine Haut auf der eigenen zu fühlen und …

    „Jaci?“

    Sie zuckte zusammen. Als sie ihren Blick wieder auf ihn fokussierte, bemerkte sie die Begierde in seinen Augen. Und als wäre das nicht eindeutig genug, sprach auch die verräterische Ausbeulung in seiner Hose Bände.

    „Was du anhast“, sagte er, „interessiert mich nur insofern, als ich dich möglichst rasch davon befreien möchte. Ich möchte dir dieses absurde T-Shirt vom Leib reißen und deine alte Hose in irgendeine Ecke werfen, um zu sehen, was du darunter trägst.“

    Nichts! Sie trug nichts darunter. Nervös fuhr Jaci sich mit der Zunge über die Lippen und erntete ein Stöhnen von Ryan.

    Als er erneut das Wort ergriff, klang seine Stimme heiser vor Verlangen: „Ich brenne darauf, das zu tun, woran wir beide denken. Aber wahrscheinlich ist es besser, wenn ich mich jetzt verabschiede.“

    Besser? Besser für wen? Ganz sicher nicht für ihre brennende Libido, die nach mehr verlangte. Jacis Herz raste, ihre Haut kribbelte, doch kein Wort kam über ihre Lippen.

    Und dann stand Ryan auch schon an der Tür zum Flur. „Gleich um die Ecke gibt es ein Café“, sagte er hastig. „Lainey’s. Dort treffen wir uns morgen um neun, um einkaufen zu gehen.“

    „Okay.“

    Er schenkte ihr ein kleines Lächeln. „Du solltest wissen, Jaci, dass mir Individualität lieber ist als Angepasstheit.“

Ryan verließ das Café mit zwei großen Bechern Coffee to go und sah sich suchend nach Jaci um. Die Sonne schien und verlieh der Stadt eine Feiertagsatmosphäre. Tatsächlich hatte Ryan eine Menge zu tun. Aber statt sich seiner Arbeit zu widmen, würde er mit Jaci shoppen gehen. Das sah ihm gar nicht ähnlich. Normalerweise beendete er jede Beziehung nach spätestens sechs Wochen, er blieb nie über Nacht bei seinen Geliebten, und er achtete darauf, nichts mit ihnen zu unternehmen, was Pärchen im Allgemeinsan gemeinsam taten. Shoppen zum Beispiel.

    Nur, dass es in diesem Fall um die Finanzierung von „Blown Away“ ging.

    Es war Ryan gleichgültig, was Leroy von ihm dachte, wenn der nur den Film finanzierte. Seiner Meinung nach hätte Jaci zur Ballettaufführung ruhig in Hotpants erscheinen können. Allerdings schien ihr ihre Garderobe Sorgen zu bereiten. War es denkbar, dass diese schöne Frau, die so unglaublich sexy wirkte und so weltgewandt und selbstbewusst auftrat, insgeheim unsicher war? Wer zum Teufel mochte ihr eingeredet haben, sie würde den Ansprüchen nicht genügen? Allein die Vorstellung machte ihn wütend.

    Ein ungewohnter Schmerz breitete sich in seiner Brust aus. Eine Erinnerung drängte an die Oberfläche. Die Erinnerung daran, dass sein Vater ihn nie gewollt hatte, dass er ihm nie auch nur annähernd so viel bedeutet hatte wie Ben. Seltsam, dass er ausgerechnet Jaci anvertraut hatte, wie belastend die Zeit nach dem Tod seiner Mutter für ihn gewesen war. Bisher hatte er mit niemandem darüber gesprochen. Stets hatte er versucht, nicht daran zu denken, wie es sich angefühlt hatte, den eigenen Vater mit vierzehn Jahren zum ersten Mal zu sehen und plötzlich mit einem Stiefbruder unter einem Dach zu leben.

    Chads Haus war riesig gewesen – und leer. Denn Chad hielt sich meistens an irgendeinem weit entfernten Drehort auf. Es gab niemanden, der Ben und Ryan geholfen hätte, miteinander und mit ihrer komplizierten Situation klarzukommen. Sie hatten bald herausgefunden, dass es einfacher war, einander Gesellschaft zu leisten, als sich aus dem Weg zu gehen und die ständige Einsamkeit zu ertragen. Sie waren Freunde geworden, verbunden – wie Ryan geglaubt hatte – durch ein nicht zu zerstörendes Band.

    Eine grobe Fehleinschätzung. Blicklos starrte Ryan auf den Boden. Das Band war zerrissen worden. Ben war tot, und Ryan trug seither die emotionalen Narben. Zugefügt durch einen Autounfall, zwei Todesopfer und eine aufgedeckte Affäre.

    „Hallo!“

    Jacis Stimme riss ihn aus seinen düsteren Gedanken. Überrascht darüber, dass er seine Umgebung vollkommen hatte vergessen können, schaute Ryan Jaci an und konzentrierte sich auf ein paar Sommersprossen auf ihrer Nase. Er zwang sich zu einem Lächeln und reichte Jaci einen Becher mit Kaffee.

    „Danke!“ Sie trank einen Schluck und wandte ihr Gesicht der Sonne zu. „Bei diesem Wetter würde ich mich gern mit meinem Laptop in den Park setzen und ein paar Szenen ausarbeiten. Wäre es dir nicht lieber, ich täte das, statt dich durch die Boutiquen zu schleppen?“

    „Netter Versuch!“ Ryan hatte die Fassung zurückgewonnen und lachte. „Aber wir werden jetzt genau das tun, was wir uns vorgenommen haben. Komm!“ Er legte ihr eine Hand auf den Rücken und schob sie sanft vorwärts. Durch den dünnen Stoff ihrer Jacke konnte er die Wärme ihres Körpers spüren. Verflixt, sie war wirklich sehr sexy. Warum konnte er nicht so tun, als habe er vergessen, dass sie ein Kleid brauchte? Warum konnte er nicht den Vormittag mit ihr im Bett verbringen?

    Leider gab es dafür mehr als einen Grund. Zum Beispiel, dass er ihr Chef war. Oder auch, dass man die kleine Schwester eines Freundes nicht einfach verführte. Und dann war da natürlich noch das Problem mit Leroy Banks.

    Ryan winkte ein Taxi heran. „Lafayette Street in SoHo“, sagte Ryan zum Fahrer, dann wandte er sich an Jaci: „Wenn wir dort nichts finden, können wir es noch in Nolita versuchen.“

    „Nolita?“

    „North of Little Italy, also nördlich des italienischen Viertels. Dort gibt es ein paar Boutiquen mit ungewöhnlichem Angebot.“

    „Mir wäre es lieber, wenn wir gleich zur Fifth Avenue führen. Soweit ich weiß, haben mehrere bekannte Designer dort ihre Geschäfte.“

    „Das stimmt. Aber dort wird verkauft, was alle gern tragen. Und du wünschst dir doch etwas Besonderes.“ Er betrachtete ihre schwarze Jacke, die schwarze Hose, die schwarzen Schuhe. Jedes Kleidungsstück saß hervorragend, und Jaci sah bezaubernd aus. Trotzdem dachte er mit Wehmut an den Teenager zurück, den er in London gekannt hatte. Damals hatte Jaci helle, kräftige Farben geliebt, die ihr mindestens ebenso gut gestanden hatten. Außerdem hatte sie damals glücklicher gewirkt.

    Und wenn er schon mit einer unechten Freundin zu einer Ballettaufführung gehen müsste, dann wollte er doch wenigstens die echte Jaci an seiner Seite haben.

 


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