Jaci war nicht zum ersten Mal in New York. Doch bei ihren früheren Besuchen hatte sie sich nicht die Zeit genommen, die Stadt wirklich kennenzulernen. Daher war sie jetzt angenehm überrascht von der eleganten Architektur im Stadtteil SoHo und der ungezwungenen, künstlerischen Atmosphäre. Allerdings spürte sie auch, dass sie so, wie sie angezogen war, nicht hierherpasste. Früher, ehe sie Clive getroffen hatte, war sie am liebsten in Jeans, bunten T-Shirts und Doc Martens herumgelaufen. Diese Jaci hätte hier wunderbar reingepasst. Ganz in Schwarz gekleidet, fühlte sie sich jedoch fehl am Platz und fremd in ihrer eigenen Haut.
Ryan mit seinem zerzausten Haar und seinem Dreitagebart wiederum schien überall in seinem Element zu sein. Er hatte die Ärmel seines dunklen Sweatshirts hochgeschoben und sah – wie üblich – selbstsicher und sexy aus. Er hatte Jaci eine Hand auf den Rücken gelegt, um sie zielstrebig zu einer Boutique zu schieben, in der Abendkleider verkauft wurden. Die im Schaufenster ausgestellten Modelle gefielen Jaci nicht, zu langweilig. Was ihr jedoch viel zu sehr gefiel, war die Wärme, die Ryans Hand ausstrahlte.
Zuvorkommend hielt er ihr die Tür auf. Doch als sie im Begriff waren, das kleine Geschäft zu betreten, hielt er sie zurück. „Warte“, sagte er leise, „niemand hier will dich quälen. Wenn du also schon jetzt weißt, dass du nichts Passendes findest, dann können wir gleich anderswo suchen.“
Jaci biss sich auf die Unterlippe. „Gail, meine Stylistin, hätte hier sicherlich etwas nach ihrem Geschmack gefunden.“
„Aber nicht nach deinem?“
„Nicht wirklich“, gestand sie. „Nicht mehr. Andererseits … Wir gehen mit einem superreichen und superunsympathischen Finanzier ins Ballett. Vielleicht sollte ich mich also doch umschauen.“
„Unsinn!“ Ryan zog sie zurück auf den Gehsteig. Lächelnd hob er die Hand und strich sanft mit dem Daumen über ihre Wange. „Hier ist eine völlig neue Idee: Wie wäre es, wenn du etwas kaufst, was dir wirklich gefällt, und nicht etwas, von dem du glaubst, du solltest es tragen.“
Ach, wenn das nur möglich wäre! Leider entsprach ihr eigener Geschmack nicht den Vorgaben, die die Gesellschaft machte. „Mein Stil von damals hat nicht ganz zu Clives Stellung gepasst. Ich hätte wohl kaum irgendwo in einem engen Nirvana-T-Shirt aufkreuzen können“, erklärte sie Ryan.
„Was für ein Trottel!“ Einen Moment lang ließ Ryan den Blick auf ihren Brüsten ruhen. Verlangen flammte in seinem Blick auf. Seine Stimme klang rau, als er feststellte: „Ich hätte nichts dagegen einzuwenden, wenn du ein sehr, sehr enges T-Shirt trügest.“
„Du bist auch kein aufstrebender Politiker, und wir sind nicht verlobt.“
Er lachte laut auf. „Und du bist nicht mehr in England und nicht mehr mit diesem Idioten zusammen. Du kannst tun und lassen, was du willst. Niemand hat dir etwas vorzuschreiben. Zieh an, was dir gefällt – auch bei den Terminen, die wir als Paar wahrnehmen.“
Es hörte sich so einfach an. Aber Jaci bezweifelte, dass es tatsächlich so leicht war. Zwar war sie unter anderem nach New York gekommen, weil sie hoffte, sich dort nicht verstellen und verkleiden zu müssen. Leider verspürte sie trotzdem noch immer den Wunsch, es anderen recht zu machen. Ja, sie wollte allen gefallen: ihren Eltern, ihren Freunden, ihren Kollegen und Geschäftspartnern. Es fiel ihr schwer, sich von der Vorstellung zu lösen, man müsse tun, was andere von einem erwarteten. Wenn sie sich daheim „richtig“ angezogen und benommen hatte, waren ihre Eltern und Geschwister mit ihr zufrieden gewesen. Wenn sie jedoch aus der Reihe getanzt war, hatte man ihr zu verstehen gegeben, dass sie der ganzen Familie schadete. Sie wollte nicht das schwarze Schaf der Brookes-Lyons sein. Aber das musste sie wohl, wenn sie ihr innerstes Wesen und ihr ureigenen Wünsche nicht verleugnen wollte.
„Jaci?“ Ryan berührte leicht ihren Arm. „Wo bist du mit deinen Gedanken?“
„Oh! Entschuldige.“
„Komm, lass uns nach einem Kleid suchen, das dir gefällt. Wenn du tatsächlich etwas wählst, was ich unpassend finde, dann mache ich dich darauf aufmerksam. Okay?“
Sie nickte. Und plötzlich freute sie sich auf die Shoppingtour. Das war ihr seit ewigen Zeiten nicht mehr passiert. Sie hob den Blick, und einen Moment lang war ihr, als würde sie in Ryans blauen Augen versinken. Unwillkürlich griff sie nach seiner Hand. Es fühlte sich so gut an, bei ihm zu sein. Sie wollte ihn küssen und …
Er beugte sich zu ihr herab und kam ihrem stummen Wunsch nach.
Oh Gott, dieser Mund, diese Lippen, und dann seine Hand an ihrer Wange. Jaci schloss die Augen. Mit Ryan an diesem sonnigen Morgen irgendwo in SoHo zu stehen und ihn zu küssen: Es war ein perfekter Moment!
Sie schlang die Arme um Ryans Nacken und öffnete den Mund ein wenig weiter. Ryan vertiefte den Kuss, erforschte mit der Zunge jeden Winkel ihres Mundes. Langsam, verführerisch, sexy … Er schmeckte nach Kaffee und Pfefferminz. Er duftete nach Zedernholz und Mann. Jaci konnte nicht anders: Sie schmiegte sich enger an ihn, sodass sie seine starken Muskeln spürte. Es kümmerte sie nicht, dass die Fußgänger einen Bogen um sie machen mussten, dass einige dumme Bemerkungen machten, während andere verständnisvoll lächelten. Ryan küsste sie, und das war gut so.
Irgendwann allerdings hob er den Kopf und trat einen Schritt zurück.
Sag jetzt nicht, dass es dir leidtut, flehte Jaci innerlich. Sag nicht, dass es ein Fehler war!
Er schwieg, musterte sie nachdenklich und meinte schließlich: „Ich sollte wirklich aufhören, das immer wieder zu tun.“
Warum? Ihr gefiel es.
„Auf die Art werden wir nie ein Kleid für dich finden.“
Sie nickte zustimmend. Sie wagte nicht, ihm zu sagen, dass sie viel lieber mit ihm ins Bett gegangen wäre als in irgendeine Boutique.
Wieder verließen sie ein Geschäft, ohne etwas gekauft zu haben. Jaci ging mit müden Schritten zu einer Bank und ließ sich darauf fallen. Ihre Fußsohlen brannten. Außerdem war sie halb verdurstet und sehnte sich nach einem großen Glas Wasser und einem Cheeseburger.
Ryan hatte in jeder der mehr als zehn Boutiquen, die sie aufgesucht hatten, den Kopf geschüttelt, wenn Jaci ein Kleid hatte kaufen wollen. Sie war mehr als frustriert.
Jetzt, als er neben ihr auf der Bank Platz nahm, meinte sie vorwurfsvoll: „Wer hätte gedacht, dass du es genießt, mich von Geschäft zu Geschäft zu zerren, nur um jedes Kleid abzulehnen, das mir gefällt. Ich weigere mich, auch nur eine weitere Boutique zu betreten.“
„Gib zu, dass nicht ein einziges Kleid wirklich deinem Geschmack entsprach!“, gab er zurück. „Und glaub mir: Ich hasse es, zu shoppen.“
„Selbst schuld. Wir hätten das schwarze Etuikleid nehmen sollen. Es war genau das Richtige fürs Ballett.“
„Aber nicht das Richtige für dich. Man konnte sehen, dass du dich in dem Kleid nicht schön und sexy gefühlt hast.“
Sexy würde ich mich fühlen, wenn du mich nackt in den Armen hieltest und …
Sie zwang sich, den Gedanken nicht zu Ende zu denken. Dann erklärte sie mit leichtem Spott: „Sexy würde ich mich in Shorts, einem Ramones-T-Shirt und Cowboystiefeln fühlen.“
Ryan lächelte. Es war ein Lächeln, das Jacis Hormone auf Trab brachte. Verflixt, er hatte kein Recht, so anziehend auf sie zu wirken! „Ich freue mich schon jetzt, dich bald einmal in diesem Outfit zu sehen!“, sagte er neckend.
Sie schlug die Beine übereinander und wandte sich so weit zu Ryan um, dass sie ihm in die Augen schauen konnte. Hoffentlich gelang es ihr, das Thema zu wechseln. Sie war es leid, über Kleidung zu reden. „Seit wann bist du der Besitzer von Starfish?“, fragte sie. „Wie ist es überhaupt dazu gekommen?“
Er schwieg, und Jaci glaubte schon, er würde ihr überhaupt nicht antworten. Doch schließlich meinte er leise: „Erinnerst du dich, was Neil damals gesagt hat? Dass das Filmgeschäft mir – ebenso wie Chad und Ben – im Blut läge? Nun, er hatte recht. Ich habe es mit verschiedenen Tätigkeiten am Filmset probiert, aber nichts entsprach wirklich meinen Wünschen. Trotzdem musste ich meine Nase immer wieder in Drehbücher stecken, mit Regisseuren und Schauspielern reden oder Kulissen begutachten. Ich fürchte, ich habe mich nicht gerade beliebt gemacht, und schließlich erklärte mir der Besitzer eines Filmstudios, ich solle verschwinden und meine eigene Firma gründen.“
Ungeduldig wartete Jaci auf die Fortsetzung der Geschichte. Doch Ryan schwieg lange.
