Zärtlicher Eroberer – Kapitel 16

Valerian erhob sich, legte die Arme um die Besucher und sah Philippa und Beldon an. „Ich freue mich, euch Beldon Stratten, Lord Pendennys, und Philippa Lytton, Dowager Duchess of Cambourne, vorstellen zu dürfen.“

          Anerkennend verfolgte er, wie Lilya artig knickste und Konstantin sich leicht verneigte. Es war unglaublich, dass sie hier waren. Auch wenn Lilya noch so findig sein mochte, so musste die Reise doch sehr beschwerlich gewesen sein. Für ein junges Mädchen und einen kleinen Jungen ohne Begleitung war dies beinahe unvorstellbar. Sie hatten gewiss nicht die Mittel gehabt, um bequem in einer privaten Kutsche reisen oder in einem besseren Gasthof übernachten zu können. Erst jetzt fiel ihm auf, wie schmal Lilya war, obwohl das ihrer zarten Schönheit keinen Abbruch tat. Nun, das spielte alles keine Rolle. Jetzt waren sie da, und von nun an würde er sich um die beiden kümmern.

          Valerian musste sich zügeln, damit seine Pläne nicht mit ihm durchgingen. Vielleicht sollte er erst einmal das gegenseitige Vorstellen zu Ende bringen. „Philippa, Beldon, das sind Miss Lilya Stefanov und ihr Bruder Konstantin. Die beiden sind meine Mündel. Ihr Vater war einer meiner engsten Freunde während meiner Zeit auf dem Balkan.“ Ihm war klar, dass er über das ganze Gesicht strahlte, aber es war einfach zu überwältigend, zu wissen, dass sie nach Jahren der Trennung wieder bei ihm waren.

          Er beobachtete Beldons und Philippas Reaktionen. Beldon verfügte normalerweise über ausgezeichnete Manieren, aber nun wirkte er etwas sprachlos, als er Lilya begrüßte. Philippas Reaktion war schwerer einzuschätzen. Sie schien – erleichtert? Schockiert? Doch dann trafen sich ihre Blicke, und sie schenkte ihm ein warmherziges Lächeln. Was immer sie bedrückt haben mochte, musste warten, bis sie allein waren. Nun galt es, Fragen zu beantworten und zu erzählen.

          Beldon hatte bereits damit begonnen. „Wie kommt es, dass Valerian Ihr Vormund ist?“, fragte er Lilya.

          Lilya sah Valerian Rat suchend an, und er hatte ein schlechtes Gewissen, weil er das noch nie erwähnt hatte. „Ich bin ihr Vormund in Abwesenheit ihrer zahlreichen Tanten und Onkel“, erklärte er und verschwieg die Angst, die Dimitris dazu veranlasst hatte, die Kinder seiner Obhut anzuvertrauen. Dimitris hatte befürchtet, dass die Türken seine ganze Familie auslöschen würden und die Kinder dann als Waisen zurückblieben, falls sie überhaupt überlebten. Und Valerian hatte gewusst, dass in diesem Teil der Welt Waisen fast immer dem Tod geweiht waren.

          Lilya ergriff nun doch das Wort. „Meine Tanten und Onkel haben uns in den letzten Jahren großzügig bei sich aufgenommen, aber nun ist ein neuer Krieg zwischen den Türken und den Russen ausgebrochen. Jetzt ist es nirgends mehr sicher. Dieser Krieg wird nicht der letzte sein, aber auch er wird nichts verändern. Nicht für Menschen wie uns.“ Sie sah Valerian mit ihren dunklen Augen um Verständnis bittend an. „Ich weiß, es ist die Rede von Frieden, aber Krieg kann viele Gesichter haben. Ich musste einfach versuchen, für ein besseres Leben für uns beide zu sorgen.“ Sie zeigte auf den schweigenden Konstantin.

          „Ihr beide seid hier willkommen“, versicherte Valerian ihr. Ihm war nur allzu gut bekannt, was die Folgezeit nach einem sogenannten Frieden mit sich brachte. Frieden auf dem Balkan bot den westlichen Mächten die Chance, dort ihre eigenen ökonomischen Interessen durchzusetzen. Nur deshalb hatte der Westen sich überhaupt in die Konflikte eingemischt. Es würde noch jahrelang „Krieg“, wie Lilya das genannt hatte, auf gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Ebene geben. Doch vielleicht ließ das Blutvergießen irgendwann nach, und dann wurde womöglich auch die Lebensqualität besser. Ein Mann konnte ein Vermögen in dieser Nachkriegszeit machen, aber Frauen und Kinder waren an solchen Orten nicht sicher.

          Philippa zeigte zur Treppe und schlug freundlich vor, dass sich jetzt alle erst einmal für das Abendessen umzogen. Valerian war ihr dankbar für ihr umsichtiges Eingreifen. In der allgemeinen Aufregung hatte er ganz vergessen, dass sie noch immer mitten in der Eingangshalle standen.

 

Valerian wusch sich und zog sich so schnell um, wie sein Lakai es zuließ. Er musste Philippa noch unbedingt vor dem Essen sprechen, er konnte damit nicht warten, bis sie sich für die Nacht zurückgezogen hatten.

          Philippa saß vor ihrem Spiegeltisch und ließ sich gerade von ihrer Zofe frisieren, als er eintrat. Sie trug ein salbeigrünes Seidenkleid, das ihre runden, straffen Brüste gut zur Geltung brachte, und das wiederum erinnerte ihn daran, wie verführerisch ihr Körper war. Sein Verlangen regte sich. Am liebsten hätte er die Zofe fortgeschickt und seinem Begehren nachgegeben. Trog der Spiegel, oder sahen ihre Brüste wirklich voller aus? Er verspürte das unwiderstehliche Bedürfnis, seine Hände um sie zu legen und sich selbst zu vergewissern.

          „Val.“ Philippa wandte sich vom Spiegel ab und flüsterte der Zofe etwas zu.

          „Du hast es mir erspart, das selbst tun zu müssen“, scherzte Valerian und setzte sich auf das Bett, nachdem die Zofe gegangen war.

          „Ich nahm an, du wolltest mit mir reden.“

          Valerian nickte. „Ich möchte dir danken für alles, was du heute getan hast. Mein Butler bestand darauf, mir alle deine Bemühungen einzeln zu schildern. Wie er selbst von Mrs. Wilcox gehört hat, hast du nicht das geringste Detail übersehen, vom Menü heute Abend bis zum Herrichten der Zimmer, einschließlich des Kinderflügels.“ Er griff nach ihrer Hand. „Steves ist der Ansicht, du hättest dich vorbildlich verhalten und die Gäste nichts entbehren lassen, selbst als darüber spekuliert wurde, ob der Junge wohl mein unehelicher Sohn sei.“ Er äußerte das ganz freundlich, dennoch spürte er Philippas Anspannung.

          Er hatte seinem Butler das Geständnis förmlich aus der Nase ziehen müssen. Dieser war irgendwann in der durchaus einseitigen Unterhaltung verstummt, als wäre ihm bewusst geworden, dass er schon zu viel gesagt hatte. Doch Valerian hatte darauf bestanden, dass er weiterredete. Und dann hatte er schließlich die Erklärung für Philippas seltsamen Gesichtsausdruck unten in der Halle gefunden. Sie hatte die Möglichkeit ebenfalls in Betracht gezogen.

          „Sein dunkles Haar und sein Alter ließen durchaus eine solche Schlussfolgerung zu“, antwortete sie schließlich, „und wenn Konstantin dein Sohn wäre, könnte ich dir das nicht zum Vorwurf machen, Val. Ich hatte keinen Anspruch auf dich in all den Jahren. Es wäre nicht realistisch gewesen, zu erwarten, dass du in der ganzen Zeit keinerlei Verbindungen eingehst.“

          „Du bist zu gütig, Philippa, ich habe das kaum verdient.“ Vor allem, fügte er in Gedanken hinzu, wenn man bedachte, dass sie ihn in der Zeit für einen vollkommen anderen Mann gehalten und geglaubt hatte, er hätte sie wirklich bewusst abgewiesen.

          „Hast du noch weitere Geheimnisse, Val?“, wollte Philippa von ihm wissen.

          „Im Moment fällt mir keins ein.“ Er zog sie zu sich auf seinen Schoß. „Aber es ist auch äußerst schwierig nachzudenken, wenn ich derart abgelenkt werde.“ Er küsste sie auf den Nacken und machte sich am Verschluss ihres Kleides zu schaffen. Sein Verlangen nach ihr war so stark geworden, dass er wusste, er würde sich nicht den ganzen Abend über beherrschen können. Er musste sie haben, auf der Stelle, wenn er sich nicht irgendwann im Lauf der nächsten Stunden mit ihr für ein kurzes

 

Liebesspiel auf einem der Billardtische davonstehlen wollte.

          Philippa lachte zwischen seinen heißen Küssen. „Glaubst du, wir haben noch Zeit dafür?“

          „Ohne uns können sie mit dem Essen nicht anfangen“, erwiderte er grinsend und ließ sich mit ihr auf das Bett fallen.

 

Sie kamen zwanzig Minuten zu spät in den Salon, wo die anderen geduldig warteten, und wenn jemandem auffiel, dass Valerians Halstuch nicht ganz so sorgfältig gebunden war wie sonst, verlor derjenige kein Wort darüber.

          Die Unterhaltung drehte sich um Lilyas Reise und um Neuigkeiten von Leuten, die Valerian kannte. Irgendwann lehnte er sich zu Konstantin, der links von ihm saß, und sagte etwas auf Koine-Griechisch zu ihm, der Sprache der Fanarioten. Er wollte sich umgehend nach einem Hauslehrer umsehen, damit Konstantin anfangen konnte, Englisch zu lernen. Er fragte sich, wo er einen finden konnte, der eine der Balkansprachen beherrschte. Konstantin konnte sich immerhin auch in Türkisch und Russisch verständigen. Es musste doch in London oder an einer der Universitäten jemanden geben, der in der Lage war, sich mit ihm zu verständigen!

          „Du kannst es noch!“ Lilya war begeistert, Koine-Griechisch zu hören. Sie wandte sich an die Runde am Tisch. „Valerian ist so außergewöhnlich sprachbegabt. Er hat Koine gelernt, als er bei uns war, aber er spricht auch Französisch, Deutsch, Türkisch und Russisch.“

          Valerian fühlte sich etwas unbehaglich bei so viel Lob, aber Philippa lächelte ihn an. „Ich hatte keine Ahnung davon, bis auf das Französische.“

          „Es schien mir das Nützlichste für meine Arbeit zu sein“, erwiderte er. „Man kann sich nie ganz sicher sein, ob Verhandlungen wirklich fair geführt werden, auch nicht mit einem Dolmetscher, wenn man die Sprache nicht beherrscht.“ Konstantin, der neben ihm saß, fing nun zu gähnen an. Valerian war dankbar für diese Unterbrechung im genau richtigen Augenblick.

          Die Frauen erhoben sich. „Lass uns Konstantin für die Nacht fertig machen, während die Herren ihren Portwein trinken“, schlug Philippa Lilya vor, und gemeinsam führten sie den schläfrigen Jungen aus dem Zimmer.

          Einen Moment lang überließ Valerian sich der Fantasie, dass das sein Sohn und seine Frau waren, die gerade die Treppe hinaufgingen. Solchen Wunschvorstellungen gab er sich in letzter Zeit ziemlich häufig hin. Immer wenn er Philippa in ihrem kleinen Arbeitszimmer, beim Arrangieren von Blumen in den überall herumstehenden Vasen oder beim Besprechen des Tagesablaufs mit der Haushälterin beobachtete, konnte er sich Roseland ohne sie nicht mehr vorstellen.

          „Deutsch? Du hast tatsächlich Deutsch gelernt?“, fragte Beldon.

          „Ja. Es war gar nicht so schwer, denn es ist mit dem Englischen verwandt.“ Valerian zwang sich, in die Gegenwart zurückzukehren.

          Beldon dachte eine Weile nach und betrachtete seinen Freund prüfend. „Warst du deswegen über Weihnachten in London?“

          „Wie bitte? Ich verstehe die Frage nicht ganz.“ Valerian machte ein betont verwirrtes Gesicht, so als könnte er keinen Zusammenhang zwischen seinen Deutschkenntnissen und seinem Aufenthalt in der Landeshauptstadt sehen.

          Aber Beldon ließ sich nicht hinters Licht führen. „Es stimmt also. Es gab Gerüchte, die Russen und die Türken wären bereit, einen Frieden auszuhandeln. England und Frankreich sollten als Vermittler fungieren. Diese Verhandlungen finden zurzeit statt; die Zeitungen nennen sie das ‚Londoner Protokoll‘.“

          „Dazu braucht man wohl kaum Deutschkenntnisse“, erwiderte Valerian und griff nach der Brandykaraffe. Es machte ihn immer befangen, über seine diplomatischen Fähigkeiten zu reden. Er wollte die Leute nicht zu der irrigen Annahme verleiten, er sei so etwas wie ein neuzeitlicher Ritter gewesen, der durch zerstörte Königreiche ritt und allein durch Diplomatie wieder für Frieden sorgte.

          Beldon spielte mit dem Stiel seines Brandyglases. „Es sei denn, man hätte mit Prinz Otto über die Regentschaft über ein unabhängiges Griechenland gesprochen. Dann käme dein Deutsch vielleicht ganz gelegen.“

          „Ja, gut, dabei hatte ich möglicherweise ein wenig die Hand im Spiel. Die deutschen Abgesandten brauchten eine Begleitperson, und der Zeitpunkt war nicht der schlechteste, um wieder nach Hause zurückzukehren.“

          Beldon lachte leise. „Du bist wirklich erstaunlich, Val. Warum stellst du dein Licht immer so unter den Scheffel? Warum hast du es zugelassen, dass die Gerüchte dich als ganz anderen Menschen erscheinen ließen?“

          „Das war mir damals als Tarnung ganz recht. Und die Gerüchte sind ja nicht alle falsch. Am Anfang trat ich oft für meinen Onkel als Gastgeber auf, und ich musste noch ziemlich viel über internationale Politik lernen. Ich habe sehr viel Zeit auf Festen und Bällen verbracht und dabei gut zugehört. So lernte ich viel über Bündnisse und die Leute, die dahintersteckten. Ich bin sicher, von außen betrachtet muss es so ausgesehen haben, als stürzte ich mich von einem Vergnügen ins nächste.“

          „Nun, ich bin jedenfalls stolz auf dich, und Vater wäre es ebenfalls“, erwiderte Beldon aufrichtig.

          „Ich glaube, es wird Zeit, sich wieder zu den Damen zu gesellen“, wechselte Valerian geschickt das Thema. Er wollte kein Lob, und wenn er ehrlich überlegte, war Beldon zu einem begründeten Lob gar nicht in der Lage. Sein Freund kannte nur einen winzigen Teil von den Dingen, in die er wirklich verwickelt war. Er wusste nur, dass er mehrere Sprachen beherrschte und an ein paar hochrangigen Verhandlungen teilgenommen hatte. Eine Ahnung von der Diplomatie, die mit Messern, Schwertern oder Pistolen betrieben wurde, hatte er nicht. Und Beldon wusste ebenso nichts von den Männern, die er getötet hatte.

          Er fragte sich, wie sein Freund wohl reagieren würde, wenn er von der Nacht in Negush erfuhr, als Valerian seine Waffe auf britische Verbündete gerichtet hatte, um Rebellen zu retten. Und erst Philippa – wie würde sie dazu stehen?

          Im Musikzimmer plauderte Philippa angeregt mit Lilya, und es machte Valerian von Herzen froh, dass die beiden sich so gut verstanden. Er hoffte, dass Philippa Lilya durch die kommende Saison begleiten würde. Dann war diese achtzehn, und es wurde Zeit, ihr dabei zu helfen, einen Ehemann zu finden und ihren Hausstand in England zu gründen.

          Valerian spielte eine Weile Klavier und überließ die Damen ihrem Gespräch. Beldon las ruhig in einem Buch, warf aber immer wieder verstohlene Blicke in Lilyas Richtung. Valerian hatte noch nie erlebt, dass sein Freund so angetan von einer Frau zu sein schien, und es amüsierte ihn. Beldon verbrachte viel Zeit damit, andere zu beobachten und die Dramen ihres Lebens zu analysieren; nur selten schenkte er seinem eigenen Leben die gleiche Aufmerksamkeit. Es würde ihm nur recht geschehen, wenn ihm selbst einmal etwas Aufregendes widerfahren würde. Vielleicht sollte Philippa in der kommenden Saison nicht nur Lilya, sondern auch Beldon ein wenig unter ihre Fittiche nehmen.

          Das nächste Jahr versprach äußerst interessant zu werden. Valerian verspielte sich bei einer Strophe, weil ihm einfiel, dass dazu noch ein paar Voraussetzungen erfüllt sein mussten. Er war einfach davon ausgegangen, dass Philippa bis dahin mit ihm verheiratet und nächstes Jahr um diese Zeit die Viscountess St. Just sein würde. Es wurde Zeit, ihr einen Heiratsantrag zu machen; es gab keinen Grund mehr, das noch länger hinauszuzögern. Ihr Verhalten an diesem Tag hatte bewiesen, dass sie keinerlei Vorbehalte mehr gegen ihn hegte.

          Dennoch sollte er damit aber besser noch ein paar Tage warten, bis sich die Aufregung über Lilyas und Konstantins Ankunft ein wenig gelegt hatte. Sie sollte den Antrag als etwas betrachten, das allein auf ihrer Liebe zueinander beruhte. Nicht einen Augenblick lang wollte er ihr den Eindruck vermitteln, dass er sie zu heiraten wünschte, weil er ihre Hilfe bei seinen Mündeln brauchte. Konstantin war noch klein, sie würden lange Zeit für ihn verantwortlich sein. Valerian war klar, dass er damit viel von Philippa verlangte, aber sie hatte den Jungen an diesem Tag so großherzig aufgenommen, und mit den Kindern auf dem Fest am St.-Pirans-Tag hatte sie sich aufrichtig amüsiert – wahrscheinlich würde es kein so großes Problem werden.

          Doch die Sache mit seinen Mündeln war nicht der einzige Grund, warum er noch abwarten wollte. Es gab ein letztes Geheimnis, das er Philippa verraten musste, ehe der Weg in die Zukunft für sie beide frei war. Und das musste bald geschehen.

          Er nahm Lavendelduft wahr und wusste, dass Philippa hinter ihm stand, noch ehe sie ihm die Hände auf die Schultern legte. „Du spielst wunderbar, aber es war ein anstrengender Tag. Lilya und ich ziehen uns zurück.“

          Valerian erhob sich, um ihnen eine gute Nacht zu wünschen, und stellte fest, dass Philippa tatsächlich müde aussah. Sie war normalerweise voller Energie, aber nun wirkten ihre Augen matt, und sie kam ihm auch blasser als sonst vor. Nach den Anforderungen dieses Tages war das allerdings nur verständlich.

          „Darf ich in dein Zimmer kommen?“, fragte er ganz leise.

          Philippa lächelte ihn an. „Ich glaube, es ist besser, wenn du das nicht tust.“ Sie nickte unauffällig in Lilyas Richtung. „Ich möchte da sein, wenn sie oder Konstantin mich während der Nacht brauchen. In fremden Betten zu übernachten ist etwas, an das man sich erst gewöhnen muss.“

          „Ich werde dich vermissen.“ Er legte seine Hand über ihre.

          Teilweise war er sogar erleichtert über ihren Entschluss. Er fürchtete sich vor dem Alptraum. Seit Philippas Ankunft hatte er ihn zwar nicht mehr gehabt, aber all die Gespräche über die Vergangenheit bei Tisch und das Wiedersehen mit den Stefanov-Kindern hatten die alten Ängste wieder aufleben lassen. Ehe er Philippa einen Antrag machen konnte, musste er ihr von der Nacht in Negush erzählen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis Lilya Philippa davon berichtete. Morgen, sagte er sich. Am morgigen Tag würde er eine Möglichkeit finden, mit ihr darüber zu sprechen.

 

Am nächsten Morgen wurde Philippa um neun von ihrer Zofe geweckt, so wie sie es angeordnet hatte. Sie hatte sich in letzter Zeit angewöhnt, zu lange zu schlafen, und war nun entschlossen, den Vormittag nicht länger zu vergeuden. Ihrer Meinung nach war neun Uhr spät genug, noch lieber wäre sie um sieben oder acht aufgestanden.

          Auf dem kleinen Tisch am Fenster warteten eine Nachricht und eine gelbrosa Rose auf sie.

          „Von wem ist das?“ Sie ging zu dem Tisch hinüber und sah auf den Umschlag.

          Die Zofe kicherte. „Von Seiner Lordschaft. Ich sollte Ihnen das bringen, damit Sie es beim Aufwachen finden.“

          Philippa öffnete lächelnd den Umschlag. „Ich soll ihm auf der hinteren Terrasse beim Frühstück Gesellschaft leisten.“

          „Es ist ein herrlicher Morgen dafür“, meinte die Zofe und zog die Vorhänge auf, um das Sonnenlicht hereinzulassen. „Soll ich das Kleid mit dem Narzissenmuster für Sie herauslegen?“

          „Ausgezeichnet. Ein sonniges Kleid für einen sonnigen Tag.“ Philippas Herzschlag beschleunigte sich bei der Aussicht, mit Valerian zu frühstücken. Irgendetwas war da im Gange, das spürte sie.

          Eine halbe Stunde später trat sie auf die Terrasse, etwas außer Atem, weil sie die Treppe so schnell hinuntergeeilt war. In der Tür zur Terrasse blieb sie kurz stehen, um sich zu sammeln. Der Anblick, der sich ihr bot, bewegte sie zutiefst.

          Ein weiß gedeckter Tisch mit feinem Porzellan und Kristallgläsern stand unter der Hanfpalme, gleichsam ein Motiv für ein italienisches Landschaftsgemälde. Doch was sie am meisten faszinierte, war der danebenstehende Mann, der ihr den Rücken zukehrte und über den Rasen blickte.

          Sie hatte Valerian schon als Jüngling attraktiv gefunden, doch das war kein Vergleich zu seiner jetzigen männlichen Schönheit. An diesem Morgen hatte er das schwarze, wellige Haar nach hinten gekämmt, so wie es ihr am besten gefiel. Er war offensichtlich schon ausgeritten und trug immer noch die hohen Reitstiefel. Sie fand, er sah aus wie ein Märchenprinz.

          Philippa ging zu ihm, schlang die Arme um seine Taille und schmiegte die Wange an seinen breiten Rücken. „Guten Morgen, Val. Das ist wunderschön.“

          Er drehte sich um und küsste sie sanft. „Guten Morgen, hast du dich erholt?“

          „Ja, ich fühle mich viel besser.“ Philippa lächelte und nahm auf dem Stuhl Platz, den Valerian für sie zurechtgerückt hatte. „Und du? Hast du auch gut geschlafen?“

          „So gut ein Mann schlafen kann, dem so viele Dinge durch den Kopf gehen“, gestand er.

          Er sah tatsächlich etwas mitgenommen aus, wie Philippa feststellte, als sie ihn eingehender betrachtete. Er war frisch rasiert, aber unter seinen Augen zeichneten sich leichte Ringe ab. „Du hättest zu mir kommen sollen.“

          „Ich musste allein sein und nachdenken.“ Valerian schüttelte den Kopf. „Um über uns nachzudenken.“ Er reichte ihr den Korb mit warmem Toast, über den eine Serviette gebreitet war. „Du bist nun schon fast zwei Monate in Roseland. Ich kann mir dieses Haus nicht mehr vorstellen ohne dich. Du warst sehr großzügig mit deiner Zeit, und ich weiß, Cambourne ist kein kleiner Besitz. Aber ich ertrage die Vorstellung nicht, du könntest abreisen.“

          Philippa hob die Serviette an und griff nach einer Scheibe Toast. Sie runzelte die Stirn. Unter dem Toast lag eine kleine Schachtel. „Was ist das?“ Philippa nahm sie heraus.

          „Etwas, das ich dir schon vor Jahren hätte geben sollen. Ich hatte es am Abend des Balls bei den Rutherfords dabei.“ Mit einer Handbewegung forderte er sie stumm auf, die Schachtel zu öffnen.

          Sie hob vorsichtig den Deckel ab und entdeckte einen Ring mit einem großen Smaragd, der von winzigen Diamanten umgeben war. „Er ist wunderschön.“ Sie warf ihm einen fragenden Blick zu. „Was hat das zu bedeuten, Val?“

          „Das bedeutet, dass ich dich heiraten will. Aber zuerst muss ich dir noch etwas sagen, damit du in vollkommener Kenntnis der Dinge entscheiden kannst, ob du mich auch heiraten willst oder nicht.“

          Die letzte Bemerkung beunruhigte sie, denn sie musste unwillkürlich an Luciens Brief denken. Wollte er ihr jetzt etwas Schreckliches gestehen, oder gab es eine vernünftige Erklärung für das alles? Vielleicht klammerte Lucien sich ja auch nur an einen Strohhalm, weil er sich zurückgewiesen fühlte.

          Philippa legte den Toast auf ihren Teller und verschränkte die Finger. „Noch mehr Geheimnisse?“, versuchte sie zu scherzen.

          „So in etwa.“ Valerians Miene wirkte schmerzerfüllt, und er schwieg eine Weile, offenbar um die richtigen Worte zu finden.

          Philippas Herz wurde schwer. Sie wollte ihn so gern trösten, gleichzeitig bereitete sie sich auf das Schlimmste vor.

          Valerian holte tief Luft. „Lilyas Vater, Dimitris, gehörte zu den Rebellen, die versuchten, sich von der türkischen Herrschaft zu befreien. Anfangs waren sie recht erfolgreich. Sie waren gut organisiert, und so wurden die Osmanen 1822 aus dem Bezirk Negush vertrieben. Diesem Sieg folgte ein weiterer im Bezirk Voden, aber die osmanische Armee war zu groß, um ihr längere Zeit standhalten zu können.

          Die türkische Armee schickte Gesandte zu den Rebellen. Man bot ihnen Bedingungen für eine Kapitulation und eine friedliche Wiedereingliederung in das Osmanische Reich an. Ich war unter den Gesandten, die zu Dimitris’ Gruppe geschickt wurden. Ich hatte inzwischen zwei Jahre Erfahrung auf diesem Gebiet. Nach den ersten paar Monaten in Wien sammelte ich meine Erkenntnisse außerhalb der Ballsäle, in kleinen Dörfern, wo sich das wirkliche Leben abspielte. Ich wurde ausgewählt, dort hinzugehen, weil ich diese Menschen kannte. Ich sprach ihre Sprache. Zu ihrem, aber auch zum Wohl ihrer Familien hoffte ich, sie würden sich von mir beeinflussen lassen. Das taten sie jedoch nicht.

          Die Vergeltung der osmanischen Armee war grauenvoll. Dörfer wurden geplündert, Frauen und Kinder getötet. Schließlich näherte sich die Armee Dimitris’ kleiner Stadt Negush. Er war schon vorher gefangen genommen worden, und man hatte mir noch einmal erlaubt, ihn zu sehen. Er ließ mich schwören, dass ich mich um seine Familie kümmern würde. Er wusste, was ihm bevorstand. Ihm war klar, dass ihn der sichere Tod erwartete.“

          Ein Geräusch an der Tür ließ ihn innehalten, und Philippa sah sich erstaunt um. Steves hastete Entschuldigungen stammelnd auf sie zu. „Mylord, sie wollten nicht abwarten, bis man sie empfangen würde. Mylord …“

          Eine Gruppe Männer erschien hinter Steves auf der Terrasse, angeführt von keinem Geringeren als Lucien Canton.

          Valerian stand auf und stellte sich schützend vor Philippa. Seine Miene war grimmig und angespannt, doch Philippa trat neben ihn und griff nach seiner Hand. Furcht stieg in ihr auf. Sie wünschte, sie hätte Valerian von dem Brief erzählt. Lucien war nicht hier, um sich ihretwegen zu streiten. Er hatte es auf Valerian abgesehen. „Ich liebe dich, Val“, flüsterte sie ihm zu. Er drückte ihre Hand fest, dann ließ er sie los.

          „Was hat das zu bedeuten, Canton? Sie können nicht einfach willkürlich in das Haus eines Mannes eindringen.“ Er verschränkte die Arme vor der Brust und sah den nur wenig kleineren Canton von oben herab an.

          Dieser zog ein amtlich aussehendes Dokument hervor. „Ich denke, alles ist möglich, wenn man einen Haftbefehl hat“, erwiderte er eisig. „Für Sie gelten die Regeln nicht mehr, St. Just. Sie sind verhaftet wegen eines Staatsverbrechens.“

          Es gelang Valerian, kein überraschtes Gesicht zu machen. Stattdessen zog er nur leicht die Augenbrauen hoch. „Welches soll das sein?“

          Lucien hielt seinem Blick unbeirrt stand. „Landesverrat, Mylord.“


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