Zärtlicher Eroberer – Kapitel 15

Philippa war im Musikzimmer und beaufsichtigte das Anbringen der neuen Vorhänge, als die Nachricht überbracht wurde. Der sonst so untadelige Steves wirkte etwas atemlos, als wäre er tatsächlich den ganzen Weg von der Haustür bis zum Musikzimmer gerannt.

          „Mylady, da ist eine junge Frau, die den Viscount zu sprechen wünscht“, verkündete er schwer Luft holend.

          Philippa band sich die Schürze ab, während sich in ihrem Kopf die Gedanken überschlugen. Der Besuch kam unerwartet. Hätte Valerian eine Verabredung gehabt, wäre er nicht mit Beldon zu dem Erfinder des Sicherheitszünders geritten. Außerdem musste die Frau eine Fremde sein, denn wenn sie aus der Umgebung stammte, hätte Steves sie erkannt und wäre weniger nervös gewesen.

          „Ich werde sie empfangen, Steves. Hatte sie eine Visitenkarte dabei?“, fragte Philippa ruhig. Obwohl der Besuch überraschend war, musste sie einen Empfang nicht unbedingt ablehnen. Es gab diverse Gründe, warum ein Besucher in Roseland haltmachen konnte – ein gebrochenes Wagenrad, der Wunsch, die Gartenanlagen zu besichtigen, oder eine alte Bekannte, die zufällig in der Gegend war. Dergleichen war in Cambourne oft genug vorgefallen. Der Duke hatte einen großen Bekanntenkreis gehabt, immer wieder einmal war jemand bei ihnen vorbeigekommen.

          Aber Valerian war noch nicht lange wieder zu Hause, und er hatte seine Rückkehr bislang auch nicht öffentlich verkündet. Philippa vermutete, damit wollte er warten, bis die Saison in London im vollen Gange war.

          „Wo haben Sie sie hingebracht? Hat sie einen Namen?“ Philippa strich glättend über ihren Rock und warf einen prüfenden Blick in den Spiegel, ob sie ja nicht etwas Mörtel im Haar hatte. Wer immer die Besucherin war, Philippa konnte sie nicht empfangen und dabei aussehen, als wäre sie die Haushälterin.

          „Ich habe sie in den kleinen Besuchersalon geführt. Sie sagte, ihr Name sei Lilya Stefanov.“

          Jetzt überkam Philippa erstmals eine gewisse Besorgnis, und sie glaubte plötzlich, den Grund für Steves’ Unbehagen zu verstehen. Der Name wies darauf hin, dass es sich um eine Ausländerin handelte. War sie also jemand aus Valerians Vergangenheit? Sie kämpfte gegen aufsteigende Übelkeit an, als klar wurde, was das bedeuten konnte. War die Frau eine seiner Geliebten, die er gehabt haben sollte? Vielleicht sogar mehr als das? Sie mussten sich jedenfalls näher kennen, sonst hätte die Frau ihn nicht einfach so aufgesucht.

          „Hat sie gesagt, was sie will?“

          Steves schüttelte den Kopf und erwiderte ruhig: „Nein, Euer Gnaden. Sie hat jedoch einen kleinen Jungen bei sich, vielleicht ihren Sohn.“

          Wieder drohte ihr Magen zu rebellieren, und sie war froh, dass sie zum Frühstück nur Toast und Tee zu sich genommen hatte. Sie rief sich energisch zur Vernunft. Sie verhielt sich ganz und gar nicht wie die Dowager Duchess of Cambourne. Die Duchess würde jetzt würdevoll die Treppe hinunterschweben und vollkommen Herrin der Lage sein, anstatt wie ein Nervenbündel im Musikzimmer zu verharren.

          Das Problem war nur, dass sie sich nun schon seit über einem Monat nicht mehr wie die Dowager Duchess gefühlt hatte. In den sechs Wochen in Roseland war sie wieder Philippa Stratten geworden, eine verliebte junge Frau. Sie hatte sich nicht als Duchess, Witwe oder Viscountess gesehen, da sie es vorzog, sich nicht über ihren Titel definieren zu lassen, sondern lieber als Mensch wahrgenommen werden wollte.

          Doch nun war es wohl Zeit, wieder Würde und Autorität an den Tag zu legen.

 

Sie straffte die Schultern und rief sich ins Gedächtnis, dass es sich nicht schickte, vor den Bediensteten Gefühle oder Schwäche zu zeigen. Die Liebe zu Valerian hatte sie in den letzen Wochen doch nachlässiger werden lassen, als sie gedacht hatte. „Die Köchin soll ein Teegedeck in den Salon bringen, Steves. Wir werden unseren Besuchern Roselands Gastfreundschaft erweisen, ganz gleich, was ihr Begehr ist. Sagen Sie der Köchin, sie soll auch ein paar ihrer besonderen Zuckerplätzchen und eine Tasse Milch für den Jungen dazustellen.“

          Steves lächelte anerkennend. „Sehr wohl, Euer Gnaden“, sagte er knapp und war sichtlich erleichtert, dass ihm die heikle Aufgabe abgenommen wurde, sich um den seltsamen Besuch zu kümmern.

          Philippa atmete tief durch und ging nach unten. Den kleinen Salon hatte sie zuerst renovieren lassen, allerdings hatte sie nicht damit gerechnet, schon so bald jemanden darin empfangen zu müssen. Leise Stimmen, die sich in einer fremden Sprache unterhielten, waren zu hören. Philippa kam ein neuer Gedanke. Hoffentlich war die Frau nicht erschienen, um Valerian zu weiteren verräterischen Aktivitäten zu verleiten. Vorausgesetzt, er hatte sich schon einmal zu so etwas hinreißen lassen.

          „Guten Morgen, Miss Stefanov.“ Philippa betrat den Salon. „Viscount St. Just ist momentan leider nicht zu Hause, aber vielleicht kann ich Ihnen behilflich sein?“ Ganz und gar die vollendete Gastgeberin.

          Die junge Frau erhob sich von dem neuen gelb gestreiften Sofa und lächelte erleichtert. „Es ist zu gütig von Ihnen, uns zu empfangen.“ Sie stupste den Jungen an, der steif neben ihr stand. „Das ist Konstantin.“

          „Guten Tag, Konstantin“, begrüßte Philippa ihn. Dem armen Jungen war sichtlich unwohl. Er war ein hübsches Kind mit dichtem dunklem Haar und dunklen Augen. Sie schätzte ihn auf etwa sieben oder acht Jahre. Er war alt genug, Valerians Sohn sein zu können, gezeugt während seines Auslandsaufenthalts. Allerdings sah Lilya Stefanov zu jung aus, um seine Mutter sein zu können.

          „Bitte, nehmen Sie doch Platz. Gleich wird der Tee serviert, damit Sie sich ein wenig erfrischen können. Sind Sie schon lange in England?“

          Das Mädchen – und das war es tatsächlich, wie Philippa nach genauerem Hinsehen erkannt hatte – schüttelte den Kopf. „Wir sind vor zwei Tagen eingetroffen. Wir haben uns direkt auf den Weg hierher gemacht. Wir kennen sonst niemanden in diesem Land.“

          Der Tee wurde gebracht, und Philippa nutzte die Zeit, das Mädchen noch genauer einzuschätzen, während die Bediensteten servierten. Es schien etwa sechzehn, höchstens siebzehn Jahre alt zu sein und war ungewöhnlich schön. Wie der Junge hatte es ebenfalls rabenschwarzes Haar, das geschmackvoll hochgesteckt war. Die Haut war leicht olivfarben und makellos rein. Auch die Kleidung wirkte kostspielig. Diese beiden waren keine Bauern vom Land. Wo auch immer sie herkommen mochten, sie waren eindeutig nicht unvermögend.

          Der Junge freute sich sehr über die Milch und die Zuckerplätzchen, und das Mädchen lächelte dankbar über diese umsichtige Geste. „Wir haben eine lange Reise hinter uns und nicht so ausreichend gegessen wie wir sollten.“

          Ein tapferes und stolzes Mädchen, dachte Philippa und beobachtete es über den Rand ihrer Teetasse hinweg. „Woher stammen Sie? Ihr Englisch ist ausgezeichnet, aber ich höre doch einen leichten Akzent heraus.“

          Das Mädchen errötete. „Bitte, duzen Sie mich doch. Ich heiße Lilya.“

          „Ist das ein russischer Name?“

          „Nein.“ Dieses „Nein“ klang fast ein wenig trotzig, und Philippa fragte sich, was sich dahinter verbarg. „Es ist ein Name, der im Balkan üblich ist, genauer gesagt, ein mazedonischer Name.“

          Philippa lächelte weiter, aber sie spürte eine Kälte in sich aufsteigen. Sie ahnte, woher dieses Mädchen angereist war. „Ich weiß leider nicht sehr viel über den Balkan.“

          Ein Schatten der Trauer huschte über Lilyas Gesicht. „Ich komme aus einer kleinen Stadt, die es nicht mehr gibt. Sie hieß Negush, aber sie wurde zerstört. Seither habe ich überall da gewohnt, wo Frieden herrschte.“

          Bei der Nennung des Ortsnamens zuckte Philippa leicht zusammen. Sie kannte ihn aus Luciens Brief. War Valerian wirklich in Gefahr wegen eines Vorfalls, der sich dort ereignet hatte? Die Fragen überschlugen sich in ihrem Kopf, und sie musste sich schwer beherrschen, das Mädchen nicht damit zu überschütten. Die Person, die Luciens Behauptungen bekräftigen oder abwehren konnte, saß ihr wahrscheinlich genau gegenüber. Ihre Neugier war grenzenlos, aber Philippa hielt sich zurück. Das Mädchen hatte eine schwierige Reise hinter sich und befand sich jetzt in einer völlig fremden Umgebung. Es brauchte Mitgefühl, keine übertriebene Neugier.

          „Das tut mir leid“, sagte sie sanft. Trotz ihrer Sorge um Valerian flog ihr Herz dem Mädchen zu. Sein Satz „Ich habe überall da gewohnt, wo Frieden herrschte“ sprach Bände über das, was es durchgemacht hatte. Philippa konnte sich all das kaum vorstellen. Sie selbst war während der Kriege gegen Napoleon großgeworden, aber das ließ sich überhaupt nicht vergleichen. Diese Kriege waren, Gott sei Dank, nicht auf englischem Boden ausgefochten worden. Die Schrecken der Kämpfe aus erster Hand miterleben zu müssen war ihr erspart geblieben. Sie stellte ihre Teetasse ab. „Ich gestehe, ich habe unzählige Fragen an dich.“

          „Bitte, Sie dürfen uns alles fragen“, sagte Lilya. „Aber würden Sie mir zuerst Ihren Namen nennen?“

          Philippa lachte überrascht auf. Sie war so besorgt gewesen – und war es immer noch –, was diese Besucher Valerian wohl bedeuten mochten, dass sie ganz vergessen hatte, sich vorzustellen. „Ich bin die Dowager Duchess of Cambourne, aber du darfst mich gern Philippa nennen.“

          Lilyas Augen weiteten sich vor Aufregung. „Sie sind diejenige, die einen Bruder namens Beldon hat!“

          Philippa war völlig verblüfft, das war das Letzte, womit sie gerechnet hätte. „Ja, aber woher weißt du von meinem Bruder?“

          Das Mädchen schien sich zum ersten Mal zu entspannen. „Valerian hat uns immer Geschichten von Ihnen erzählt.“

          Valerian. Sie sprach seinen Namen mit großer Selbstverständlichkeit aus und verwendete weder seinen Titel noch seinen Familiennamen. „Hoffentlich waren es nur gute Geschichten“, erwiderte Philippa trocken. „Vielleicht sollten wir damit anfangen, wie du den Viscount kennengelernt hast?“

          Lilya wurde wieder etwas reservierter und setzte sich kerzengerade hin, als sie zu erzählen begann. „Der Viscount war ein regelmäßiger Gast im Hause meines Vaters. Wir lebten in Negush und waren Fanarioten. Sagt Ihnen der Begriff etwas?“

          Philippa schüttelte den Kopf.

          „Die Fanarioten waren hochrangige, meist griechische Christen im Osmanischen Reich. Unsere Familie bekleidete ein wichtiges Amt in der Regierung. Vermutlich konnte man uns der herrschenden Elite zurechnen. Wir hatten Reichtum, Macht und kontrollierten weite Geschäftsbereiche, vor allem in der Schifffahrt.“

          Philippa nickte verstehend, und ihr fiel auf, dass das Mädchen von diesen Fanarioten in der Vergangenheitsform sprach – und wieder die förmliche Anrede verwendete.

          „Valerian kam in unser Haus, um über Schifffahrt und Handel zu sprechen. Er war Diplomat. Er war beauftragt worden, herauszufinden, ob geschäftliche Beziehungen zwischen uns und der britischen Regierung profitabel werden könnten.“

          Langsam setzten sich die einzelnen Teile zu einem Ganzen zusammen. Philippa wusste, wie wichtig die Schifffahrtswege für England waren. Doch das alles hörte sich eher nach einem recht einfachen Auftrag an, denn offenbar genossen die Fanarioten die Sympathien der Briten.

          „Valerian besuchte uns oft. Ich kenne ihn, seit ich ein kleines Mädchen war. Ich habe mit ihm immer Englisch geübt, denn Fremdsprachen spielten in unserem Haus eine große Rolle.“ Ein wehmütiger Ausdruck huschte über Lilyas Züge, und Philippa ahnte, dass sie an eine glücklichere Zeit zurückdachte. „Er war mit meinem Vater Dimitris und meiner Tante Natasha befreundet und blieb es auch dann, als die Verhandlungen unbefriedigend verliefen.“

          „Unbefriedigend? Inwiefern?“, wollte Philippa wissen.

          „Ich war damals erst acht, also so alt wie Konstantin heute, daher weiß ich das nicht so genau. Aber mein Vater war wütend. Ich erinnere mich, wie er brüllte: ‚Mein Gott, wir haben sechshundert Schiffe im Gebiet zwischen dem Schwarzen Meer und Venedig!‘“

          „Doch Valerian blieb der Freund eurer Familie?“, fragte Philippa nach, denn es interessierte sie, was ihn dazu veranlasst hatte, die private Freundschaft fortzusetzen.

          „Bis zum bitteren Ende. Er hat alles für uns riskiert. Ohne ihn wären wir in jener letzten Nacht nicht mehr am Leben.“ Ein Schatten fiel über ihr Gesicht.

          Philippa bekam ein schlechtes Gewissen, weil sie das Thema berührt hatte. Vielleicht war das zu aufdringlich gewesen, nach erst so kurzer Bekanntschaft. Sie hätte noch viel mehr fragen wollen, hielt sich aber zurück. „Ihr seid müde, und Valerian wird noch eine Weile fort sein. Er ist mit meinem Bruder zu einem Erfinder geritten. Vielleicht wollt ihr ein wenig ausruhen?“ Sie ging in Gedanken schnell die Schlafzimmer im oberen Stock durch. Eins davon war erst vor wenigen Tagen fertig gestrichen und neu eingerichtet worden. Sie würde die Bediensteten bitten, den Flügel mit den Kinderzimmern für den Jungen herzurichten. Es würde ihn sicher freuen, Herr über ein eigenes kleines Reich zu sein.

          Lilya machte ein erleichtertes Gesicht. „Gern, wir haben sehr anstrengende Wochen hinter uns.“

          „Habt ihr irgendwelches Gepäck dabei?“, erkundigte Philippa sich. Ganz gleich, in welcher Beziehung dieses Mädchen und dieser Junge zu Valerian standen, sie konnte die beiden nicht einfach fortschicken in dem Wissen, dass es sonst keinen anderen Ort gab, wo sie hätten hingehen können.

          Lilya nickte. „Es befindet sich im Wirtshaus an der Postkutschenstation.“

          „Ich werde es holen lassen, zum Abendessen ist es dann hier. Bis dahin fragt einfach nach allem, was ihr braucht“, bot Philippa großzügig an und führte die beiden nach oben.

          Das soeben fertig gewordene zartgrüne Zimmer am Ende des Flurs war genau das Richtige für Lilya. Durch einen kleinen Salon gelangte man in ein großes, luftiges Schlafgemach, von dem aus man einen Blick über Valerians berühmten Kräutergarten hatte. Philippa öffnete die hohen Fenster, um den frischen Lavendelduft von unten in den Raum zu lassen. Lilya war begeistert.

          „Und für dich, Konstantin, lasse ich den Kinderzimmerflügel herrichten, wenn du möchtest.“ Philippa hatte sich nun an den Jungen gewandt. Ihr Neugier brachte sie fast um. War dieser ernsthafte Junge mit seinen dunklen Haaren womöglich Valerians Sohn? Und wenn ja, ergaben sich daraus gleich unzählige neue Fragen, vor allem die, wer und wo seine Mutter war.

          Er nickte dankbar, und Lilya erklärte rasch, dass sein Englisch nicht besonders gut sei. Sie zuckte anmutig die Achseln. „Ich habe ihm beigebracht, so viel ich konnte, aber …“ Sie verstummte, und Philippa vermutete, dass sich für geregelten Unterricht wohl kaum Muße gefunden hatte, wenn man ständig gezwungen war, aus Kriegsgebieten zu fliehen. Auch kam ihr der Gedanke, dass sich die Zeiten für diese frühere herrschende Elite geändert haben mussten. Andere Sprachen als die einheimischen Dialekte zu beherrschen hätte die unerwünschte Aufmerksamkeit auf zwei Menschen ziehen können, die wahrscheinlich gute Gründe dafür hatten, unauffällig zu bleiben.

          Philippa ließ sie allein im Zimmer zurück. Sie warf einen Blick auf die Uhr. Beldon und Valerian kamen in frühestens zwei Stunden zurück. Nach dem Gespräch mit Lilya fühlte sie sich auch ein wenig erschöpft und hätte sich selbst gern eine Weile hingelegt, aber es gab noch zu viel zu tun, bis Valerian zurückkehrte.

          Außerdem kannte sie sich – wenn sie sich jetzt hinlegte, würde sie ohnehin keinen Schlaf finden, dazu ging ihr zu vieles im Kopf herum. Also war es sicher besser, wenn sie in Bewegung blieb. In Gedanken stellte sie rasch eine Liste mit noch zu erledigenden Aufgaben zusammen. Zuerst wollte sie den Handwerkern im Musikzimmer sagen, dass sie bis vier Uhr fertig zu sein hätten. Bei Valerians Rückkehr sollte es ruhig und friedlich im Haus sein. In diesem Zusammenhang erstattete sie Steves kurz Bericht und trug ihm auf, Valerian einen Stallburschen entgegenzuschicken. Rasch schrieb sie eine kurze Nachricht auf, die der Junge für ihn mitnehmen sollte. Sicher war es Valerian lieber, wenn er vorgewarnt wurde.

          Danach begab Philippa sich in die Küche, um der Köchin Bescheid zu sagen, dass zwei Gäste zum Abendessen da sein würden. Sie ordnete an, den Tisch mit dem feinsten Porzellan zu decken und den besten Wein zu servieren.

          Schließlich ging sie wieder nach oben, um sich zu vergewissern, wie die Dienstmädchen mit dem Kinderflügel vorankamen. Im Nachhinein wünschte sie, sie hätte diesen Flügel auf ihrer Liste der zu renovierenden Räume bevorzugt behandelt, aber damals hatte der Bedarf dazu gar nicht bestanden.

          Zum Glück war er in keinem schlechten Zustand. Die Wandfarbe war zwar etwas verblichen, aber gründliches Staubputzen und eine ordentliche Portion Bienenwachspolitur hatten in der kurzen Zeit schon erstaunlich viel bewirkt. Wie die meisten Kinderflügel bestand auch dieser aus einem großen, zentralen Raum, in dem gespielt und unterrichtet wurde. Von diesem aus gelangte man in eine Reihe kleinerer Schlafzimmer.

          Philippa half den Mädchen, die Staubabdeckungen von den Stühlen und Tischen im Spielzimmer zu ziehen, und machte sich dann daran, die Schlafzimmer zu begutachten. Manche standen völlig leer, andere waren nur teilweise möbliert. Wahrscheinlich waren sie nie fertig eingerichtet worden, weil man ihrer nicht bedurft hatte. Valerian war ein Einzelkind.

          Philippa suchte das größte der vier Schlafzimmer für Konstantin aus und rief ein Mädchen herbei, das ihr helfen sollte, ein paar Möbelstücke aus den anderen Schlafzimmern herbeizutragen. Als sie fertig waren, sah das Zimmer vorzeigbar aus, mit einer kleinen Schubladenkommode und einem Bücherregal.

          Die Haushälterin brachte frische Bettwäsche und schnalzte anerkennend mit der Zunge, als sie die Veränderungen bemerkte. „Das war früher das Zimmer vom jungen Master Valerian. Sie haben in der kurzen Zeit Wunder vollbracht. Es sieht sehr schön aus.“

          „Ich wusste gar nicht, dass das sein Zimmer war“, meinte Philippa nachdenklich. Als sie ihn kennengelernt hatte, war er längst aus dem Kinderstubenalter heraus. Der Gedanke an Valerian, wie er hier gespielt hatte, zauberte ein Lächeln auf Philippas Züge. Es war sicher ein fröhliches, wenn auch letztlich einsames Kinderzimmer gewesen.

          „Zu schade, dass es keine anderen Geschwister gab, die Leben in die restlichen Räume hätten bringen können“, sagte die Haushälterin mit etwas belegter Stimme. „Aber dann hat er Sie und Ihren Bruder gefunden. Sie haben ihm gutgetan.“

          Philippa errötete leicht bei diesem Lob. „Vielen Dank.“

          „Der Viscount wird stolz darauf sein, was Sie heute alles geleistet haben. Es war bestimmt nicht immer ganz leicht, so freundlich zu diesen Leuten zu sein, und Sie waren es trotzdem. Genauso hätte es der Herr haben wollen, wenn er zu Hause gewesen wäre.“

          Philippa nickte. Bestimmt gab es beim Personal schon die wildesten Spekulationen. Vielleicht hoffte die Haushälterin, Philippa genauere Informationen entlocken zu können, um die Neugier der anderen zu befriedigen. Aber sie wusste nicht mehr als sie alle. Ihre eigene Neugier war genauso groß.

          Sie ging zurück ins Spielzimmer und sah sich um. Sie hatten tatsächlich gute Arbeit geleistet. Später konnte man immer noch Verbesserungen vornehmen, aber jetzt war der Raum wenigstens bewohnbar. Trotzdem hatte sie das Gefühl, als fehlte noch etwas. Ihr Blick fiel auf die lange breite Fensterbank und die leeren Regale darunter. Nun wusste sie es.

          „Mrs. Wilcox, gibt es noch irgendwelches Spielzeug vom Viscount?“

          Die Miene der Haushälterin hellte sich auf. „Ja, oben auf dem Dachboden. Ich schicke gleich ein paar Lakaien hinauf, um sie zu holen.“

          Philippa war entzückt über den Inhalt der Kisten, die ins Spielzimmer gebracht wurden. Sie verbrachte den restlichen Nachmittag damit, sie auszupacken. Sie staubte Spielzeugsoldaten ab, ein hölzernes Schachspiel und tausend andere Schätze für einen Jungen in Konstantins Alter. Schon bald füllten sich die Regale unter dem Fenster, und im Regal im Schlafzimmer standen ein paar Bücher.

 

Philippa hatte die strikte Anweisung erteilt, sofort benachrichtigt zu werden, sobald Valerian und Beldon in Sichtweite waren. Die Fenster des Kinderflügels gingen jedoch zur Auffahrt hinaus, und Philippa sah die Männer, noch ehe ein Lakai die Treppen hinaufeilen konnte, um ihr Bescheid zu sagen.

          Ohne ihr Aussehen zu überprüfen, flog sie förmlich nach unten. Ihre Nachricht war kurz gewesen und hatte nur zum Inhalt gehabt, zwei unangemeldete Besucher von weit her seien eingetroffen.

          Valerian kam zur Tür hereingestürzt, dicht gefolgt von Beldon. Sein Gesicht drückte Besorgnis aus, sein Haar war windzerzaust, ein Beweis, dass der Stallbursche ihn und Beldon tatsächlich gefunden hatte. „Ist alles in Ordnung, Philippa?“ Er packte sie bei den Schultern und sah ihr prüfend in die Augen.

          „Ich glaube schon. Es ist schwer zu sagen“, meinte Philippa langsam. „Sie habe ich im grünen Zimmer untergebracht, und für den Jungen richtete ich den Kinderflügel her.“ Jetzt, wo Valerian da war, wusste sie plötzlich nicht mehr genau, was sie sagen sollte.

          Er machte ein verwirrtes Gesicht. „Ein Junge? Ein Mädchen? Haben sie auch Namen?“

          „Sie sagt, sie wären aus Negush, und du würdest ihren Vater kennen.“ Philippa versuchte, sich an den Namen zu erinnern. Das Mädchen hatte ihn ganz sicher erwähnt. „Stefanov. Dimitris, ja, so hieß der Mann. Dimitris Stefanov.“

          „Mein Gott, sie sind hier?“ Valerian machte einen unschlüssigen Eindruck. Philippa konnte nicht sagen, ob vor ehrlicher Überraschung oder vor Furcht.

          Und dann ertönte von der Treppe her eine junge, überglückliche Stimme. „Valerian, wir sind da! Gott sei Dank, wir haben dich gefunden!“

          Er sah über Philippas Schulter hinweg, und seine Hände packten ihre Schultern noch fester. Seine Augen begannen vor Rührung zu schimmern. „Lilya! Konstantin! Ihr seid in Sicherheit! Dem Himmel sei Dank.“

          Er ging heftig schluckend an Philippa vorbei und breitete die Arme aus. Der Junge und das Mädchen rannten die Treppe hinunter und warfen sich in seine Arme.

          Philippa verfolgte die tränenreiche Wiedervereinigung. Selten hatte sie Valerian so tief ergriffen gesehen, und bei diesem Anblick stiegen ihr selbst die Tränen in die Augen. Er hielt die beiden fest umschlungen, dann aber trat Lilya einen Schritt zurück, und Valerian kniete sich vor den Jungen, um auf gleicher Augenhöhe mit ihm zu sein. Liebevoll legte er ihm die Hände auf die Schultern und sprach mit ihm in der Sprache, die Philippa schon im Empfangssalon gehört hatte.

          Es bestand kein Zweifel, die Tränen auf Valerians Wangen waren nichts anderes als reine Freudentränen, während er mit dem Jungen sprach. Als sie die beiden so zusammen sah, beschlich Philippa das Gefühl, Zeugin der Wiedervereinigung eines Vaters mit seinem Sohn zu sein.


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