Zärtlicher Eroberer – Kapitel 14

Zu guter Letzt entschied sich Philippa, gar nichts zu sagen. Valerian war sehr spät zurückgekehrt, gerade noch rechtzeitig zum Abendessen, und schien äußerst missgestimmt zu sein, weil eine kleine Mauer im Steingarten eingestürzt war. Sie hatten einen Tag lang hart daran gearbeitet und waren trotzdem nur mühsam mit dem Wiederaufbau vorangekommen.

          Abgesehen von Valerians schlechter Laune hielt sie es für klüger, erst dann mit ihm zu reden, wenn sie irgendetwas in der Hand hatte. Sonst hätte sie gestehen müssen, dass ihr Interesse für dieses Thema allein durch den möglicherweise unwahren Brief von Lucien geweckt worden war. Da sie wusste, wie Valerian über Lucien dachte, hielt sie es für sinnvoll, wenn dieser Brief gar nicht erst zur Sprache kam. Wenn sie herausfinden wollte, was es mit Luciens Besorgnis auf sich hatte, musste sie das allein tun.

          Sie überließ es Beldon, das Tischgespräch zu führen. Er war ganz angetan von der Begegnung mit einem Erfinder namens William Bickford. „Er hat einen Sicherheitszünder konstruiert, durch den Sprengungen berechenbarer werden.“ Beldon unterbrach sich kurz und trank einen Schluck Wein. „Stell dir vor, Philippa, er stammt aus deiner Gegend! Er lebt in Tuckingmill, ganz in der Nähe von Cambourne. Er ist gerade zu Besuch bei Freunden. Du solltest ihn kennenlernen und ihm helfen, sich hier ein wenig zu etablieren. Kannst du dir vorstellen, was seine Erfindung für die Sicherheit im Bergbau bedeutet?“

          Natürlich konnte sie sich das vorstellen. Das Schilfrohr, das man für Zünder bei Sprengungen derzeit verwendete, war unberechenbar. Oft gingen die Zünder zu früh los, häufig aber auch erst mit einem Tag Verspätung. In jedem Fall gab es wegen ihrer Fehlerhaftigkeit Tote oder Verletzte. „Ich würde ihn gern empfangen“, erwiderte Philippa unverbindlich.

          Es fiel ihr an diesem Abend schwer, sich auf geschäftliche Dinge zu konzentrieren, denn ihre Gedanken kehrten immer wieder zu Luciens verstörendem Brief zurück. Jedes Mal, wenn sie zu Valerian hinüberblickte, geriet sie ins Grübeln. Hatte er Verrat begangen? Sie wusste so wenig von dem, was er im diplomatischen Dienst für sein Land getan hatte. Er war ein Ehrenmann. Dass er seine eigenen Interessen für das Wohl ihrer Familie geopfert hatte, bewies ihr, wie richtig sie ihn eingeschätzt hatte. Allerdings war ihr auch klar, dass die Ehre für ihn wichtiger war als alles andere, ihre, aber auch seine eigenen Meinungen und Wünsche eingeschlossen.

          In London, im politischen Zentrum, hatte sie die Erfahrung gemacht, dass die Loyalität zum eigenen Land oftmals in Konflikt geriet mit dem persönlichen Ehrgefühl. Es war durchaus möglich, dass das, was Valerian für einen ehrenvollen Weg gehalten hatte, für andere ab einem gewissen Punkt zu einem verräterischen Weg geworden war. Diese Zwiespältigkeit belastete sie. Bislang waren Verräter für sie stets Spione gewesen, die für eine Handvoll Geld ihr Land verrieten und verkauften. Sie fing an einzusehen, dass diese Sichtweise etwas eingeengt sein konnte. Wenn die Vorwürfe gegen ihn nun begründet waren – wie würde die Öffentlichkeit damit umgehen? Würde man in der Auslegung so großzügig sein wie Philippa, oder würde man Valerian wie einen herkömmlichen Verräter behandeln? Mehr als nur sein Ruf stand auf dem Spiel. Sie kannte das Urteil bei Verrat; dass Valerian von Adel war, würde ihn nicht davor schützen.

          Beim letzten Gedanken erschauerte sie, was ihr einen befremdeten Blick von Beldon eintrug. „Mir ist nur von dem Sorbet kalt geworden“, erklärte sie leichthin und zwang sich, diese düsteren Gedanken zu verdrängen.

Im Grunde zäumte sie das Pferd von hinten auf. Den ganzen Nachmittag hatte sie unauffällig nach irgendetwas gesucht, das es ihr leichter machen würde, Valerians Arbeit als Diplomat zu verstehen. Aber sie hatte nichts gefunden, nicht einmal den Ort Negush auf allen vier Landkarten von Europa, die Valerian besaß.

          „Bist du sicher, dass mit dir alles in Ordnung ist?“, erkundigte sich nun auch Valerian.

          „Aber ja! Ihr benehmt euch wirklich wie zwei überbesorgte Glucken“, zog sie die beiden Männer auf und aß weiter von ihrem Sorbet.

          Beruhigt nahmen Beldon und Valerian wieder ihre Unterhaltung über Bickfords neue Konstruktion auf. „Erfindungen sind so eine Sache“, meinte Valerian. „Aber selbst die beste taugt nichts, wenn sie nicht in größeren Mengen produziert werden kann.“

          Beldon winkte ab. „Das hat mich ja gerade so an Bickford beeindruckt. Er hat an alles gedacht. Er hat eine Maschine zur Herstellung des Zünders entwickelt, die den Schwarzpulverkern fest mit Seilen ummantelt, und nun plant er, diese Seilummantelung wasserfest zu machen, indem er einen besonderen Lack verwendet. Er hat alle Pläne bei sich und wird bis Ende der Woche in St. Mawes sein. Wir könnten hinreiten und ihn besuchen, Val.“

          „Ich habe morgen frei. Die Materialien für die Reparatur der Mauer werden erst übermorgen geliefert, also kann ich ohnehin nicht weiterarbeiten. Philippa, möchtest du auch mitkommen?“, fragte Valerian.

          „Das würde ich gern, aber morgen werden die Leute eintreffen, die den Musiksalon tapezieren und die neuen Vorhänge anbringen. Da sollte ich lieber dabei sein.“ Außerdem bot ihr das die Gelegenheit, sich noch einmal im Haus umzusehen, um ihre Befürchtungen weiter zu mindern. Vielleicht war es ja ein gutes Zeichen, wenn sie nichts finden konnte. Vielleicht war seine diplomatische Arbeit tatsächlich so langweilig gewesen, wie es so oft in Berichten geschildert wird. Vielleicht hatte er seine ganze Zeit damit verbracht, Gesellschaften zu geben und die Ehefrauen der Abgeordneten zu unterhalten. Das wäre in diesem Fall gar nicht einmal das Verkehrteste.

          Sie war plötzlich viel weniger eifersüchtig auf all diese Frauen, wenn sie ihn denn auf diese Weise vor Unheil bewahren würden. Und schließlich – wie beschäftigt konnte er denn gewesen sein? Er hatte Zeit gehabt, nach Italien zu reisen und dort Gartenanlagen zu besichtigen. In Luciens Haus hatte er erwähnt, er hätte viel an der Verbesserung seines Klavierspiels gearbeitet. All das klang nicht nach den Freizeitbeschäftigungen eines Mannes, der sich hauptsächlich damit beschäftigte, ein verräterisches Komplott gegen die Krone auszuhecken.

          „Du kannst mich beraten, ob es sich lohnt, diesen Bickford und seine Erfindung zu unterstützen, wie immer sie auch heißen mag“, fuhr Valerian fort.

          „Sicherheitszünder“, warf Beldon ein.

          „Sicherheitszünder“, wiederholte Philippa nachdenklich. „Wenn du magst, kannst du Lucien schreiben und ihm darüber berichten. Das könnte genau die Art von Investition sein, nach der Danforths neue Bank Ausschau hält“, bot sie hilfsbereit an. Damit wäre tatsächlich beiden Seiten geholfen. Bickford würde Geld brauchen, um eine Fabrik bauen zu können, und Lucien benötigte Unternehmen wie das von Bickford, damit die neue Bank florierte.

          Aber Valerian war eindeutig anderer Meinung. Er schob seinen Teller von sich und sah sie aufgebracht an. „Ich wäre sehr vorsichtig mit dem, was ich Canton vermitteln würde.“

          „Er hat Geld und einen guten Geschäftssinn. Was ist daran so problematisch?“, widersprach sie entrüstet; weniger, weil sie eine Lanze für Lucien brechen wollte, sondern eher, weil sie sich ärgerte, dass man ihr Urteilsvermögen anzweifelte.

          „Einen etwas zu guten Geschäftssinn, wenn du mich fragst“, gab Valerian gedehnt zurück. „Hast du dich nie gefragt, warum der finanziell derart gewiefte Mr. Canton auf so vielen verschiedenen Hochzeiten tanzt?“

          Philippa lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. „Nein, das habe ich nicht, abgesehen von der einfachen Tatsache, dass er der Ansicht ist, breit gefächerte Geschäftsinteressen seien die Grundlage für jeden Wohlstand. Offenbar siehst du das anders?“

          „Das sehe ich allerdings anders. Ich vermute nämlich, dass er den Markt beherrschen will. Dann könnte er nach Lust und Laune die Preise bestimmen und jeden möglichen Wettbewerb im Keim ersticken.“

          Philippa lachte auf. „Ja, in der Theorie ist das möglich, aber in der Praxis ist es fast unmöglich, etwas derartiges im Bergbau zu erzielen. Es reicht ja nicht aus, die Minen zu kontrollieren, man braucht dazu auch die anderen Industriezweige, die Schmelzen und die Schwarzpulverfabriken. Auch sehe ich nicht, wie es möglich sein sollte, die neuen Minen in Südamerika zu regulieren. Es wird dort immer eine gewisse einheimische Konkurrenz geben, die den Preis für das Erz angemessen stabil bleiben lässt.“

          Valerian zog eine Braue hoch. „Wirklich? Warum, glaubst du, war er so interessiert an Danforths neuer Bank? Ich unterstelle eher, dass Danforths Ankunft keineswegs so zufällig erfolgte, wie man dich vielleicht glauben ließ.“

          „Jetzt siehst du aber wirklich Gespenster, Val“, widersprach Philippa. „Um überhaupt erst einmal einen Anfang zu machen, müsste er Cambourne unter seine Kontrolle bekommen, und ich bin mir nicht sicher, ob ich mich momentan für die Vorzüge eines Kartells interessiere.“

          Valerian stieß geräuschvoll seinen Stuhl zurück, und seine Augen glitzerten wie Smaragde. „Was meinst du, aus welchem Grund er dich heiraten wollte?“

          Philippa stand entsetzt auf. „Warum greifst du ihn derart heftig an?“

          „Und warum verteidigst du ihn so leidenschaftlich?“, gab Valerian wütend zurück.

          Beldon erhob sich ebenfalls, vorsichtig sah er die beiden an. „Lasst uns einmal in Ruhe darüber nachdenken“, sagte er langsam. „Eben haben wir aufgehört, uns über Bickfords Sicherheitszünder zu unterhalten, und haben uns einem völlig anderen Thema zugewandt. Ich kann nicht so recht glauben, dass wir hier tatsächlich über Lucien Cantons Wunsch reden, ein Zinnkartell aufzubauen.“

          „Ich bitte um Verzeihung“, sagte Valerian steif. „Ich bin im Musikzimmer.“

          Philippa sah ihm seufzend nach und setzte sich erneut. Plötzlich fühlte sie sich erschöpft. Beldon hatte recht, bei dem Streit war es um etwas ganz anderes gegangen. „Er ist aufgebracht wegen der Gartenmauer“, bemerkte sie, um für seinen Ausbruch eine einfache Erklärung zu haben.

          Auch Beldon entspannte sich wieder auf seinem Stuhl. „Halte mich nicht für so dumm, Philippa. Ist zwischen euch beiden etwas vorgefallen? Ich dachte eigentlich, es würde bei euch beiden recht gut laufen.“

          Sie spielte mit ihrem Löffel und zog damit Linien in ihrem inzwischen geschmolzenen Sorbet. „Das tut es auch, aber es ist nur natürlich, dass manchmal ein etwas rauerer Wind für uns weht. Neun Jahre sind eine lange Zeit, wir müssen uns wieder neu finden.“

          Beldon ließ sich jedoch nicht so leicht hinters Licht führen. „Irgendetwas ist geschehen, das wieder deine Zweifel an ihm geweckt hat.“ Er schüttelte den Kopf. „Es gibt sicher Ereignisse in seinem Leben, über die du nichts weißt. Aber du kennst Valerian und seine Art, mit solchen Ereignissen fertig zu werden. Du weißt, man kann sich fest darauf verlassen, dass er stets vollkommen ehrenhaft handelt.“

          „Das überzeugt mich nicht“, erwiderte sie ruhig. „Denn genau das bereitet mir die größte Sorge. Ich habe heute einen Brief von Lucien erhalten.“

          „Weiß Valerian davon? Das würde seine Aufgebrachtheit erklären.“

          „Es könnte sein.“ Philippa hielt es für durchaus möglich. Valerian hatte Steves vielleicht gefragt, ob irgendwelche Post gekommen sei, und dann hatte Steves bestimmt verneint und gesagt, es wäre nur ein Brief für die Duchess aus Truro eingetroffen. „Ich habe Valerian nie für eifersüchtig gehalten.“

          „Natürlich nicht. Valerian ist in keiner Weise besitzergreifend. Dafür hat er aber einen ausgeprägten Beschützerinstinkt. Er vertraut Canton nicht. Beschützen ist ehrenhaft, Habgier nicht. Das ist der Unterschied zwischen ihm und Lucien – wenigstens einer von vielen.“ Beldon zuckte die Achseln.

          Philippa starrte ihren Bruder an. Seine Einschätzungen ergaben wie immer vollkommen Sinn. Wenn es um Menschenkenntnis ging, war Beldon ein Meister darin. „Ich glaube, du hättest einen hervorragenden Wahrsager abgegeben, Beldon. Du siehst in den Menschen so viel mehr als wir anderen.“ Sie stand auf und legte ihre Serviette auf den Tisch. „Entschuldige mich bitte. Ich muss mich jetzt wieder mit Val aussöhnen.“

          Schon im Flur hörte sie die Musik. Valerian war ein ausgezeichneter Klavierspieler, sowohl technisch perfekt als auch ausdrucksstark. Im Moment spielte er eine ruhige Nocturne.

          Sie hörte eine Weile von der Tür aus zu, weil sie ihn nicht unterbrechen wollte. „Das ist ein sehr beruhigendes Stück“, sagte sie schließlich mit sanfter Stimme.

          „Deshalb habe ich es auch ausgesucht. Ich habe gehofft, dadurch wieder einen klaren Kopf zu bekommen“, erwiderte Valerian. Er hielt ihr den Rücken zugekehrt, und seine Finger ruhten noch auf den Tasten.

          „Hat es gewirkt?“ Philippa trat hinter ihn und massierte ihm die Anspannung aus den Schultern.

          „Zu einem gewissen Grad.“ Valerian seufzte. „Das tut gut. Ich glaube, noch besser wird es mir gehen, sobald ich mich für mein flegelhaftes Benehmen entschuldigt habe.“

          „Ich bin auch gekommen, um mich zu entschuldigen. Ich wollte Lucien nicht verteidigen. Er versichert mir zwar, nach wie vor ein Freund für mich zu sein, aber ich denke, diese Freundschaft hat doch Schaden genommen, weil ich seinen Heiratsantrag abgelehnt habe. Ich habe mich noch nicht bei ihm gemeldet, nicht einmal schriftlich, seit ich seinen zweiten Antrag ebenfalls abgelehnt habe.“

          „Seinen zweiten Antrag. Davon wusste ich nichts.“ Valerian machte sich ganz steif.

          „Er hat mich an dem letzten Abend in Truro noch einmal gefragt, aber ich habe Nein gesagt. Lucien hat keinen Grund zu der Hoffnung, ich könnte meine Meinung doch noch ändern. Heute hat er mir allerdings geschrieben, um seine aufrichtige Freundschaft erneut zu betonen.“

          Valerian nickte und bestätigte damit ihre Vermutung. „Steves hat das im Vorübergehen erwähnt.“ Er nahm ihre Hände von seinen Schultern und stand auf. „Es tut mir leid, wie ich mich beim Abendessen verhalten habe, aber die Gründe dafür tun mir nicht leid. Könnten wir uns vielleicht einen Moment vernünftig unterhalten? Glaubst du, unser Zorn hat sich so weit wieder gelegt?“

          Philippa hakte sich bei ihm unter, und sie schlenderten die langen Flure entlang, bis sie zur Ahnengalerie im zweiten Stock gelangten. Ihre Wut war tatsächlich verflogen, und die friedliche Stimmung zwischen ihnen war für Philippa wie Balsam für die Seele.

          „Worüber wollen wir reden?“, fragte sie nach einer Weile und spürte Valerians Widerstreben, die Stille zu durchbrechen.

          „In aller Aufrichtigkeit, hast du wirklich einmal darüber nachgedacht, warum Lucien dir einen Heiratsantrag gemacht hat?“

          „Das habe ich, aber ich bin nur auf einen einzigen Grund gekommen. Er braucht einen Erben.“

          „Ich habe mich beim Essen nicht gut ausgedrückt, aber hast du auch bedacht, dass er die Kontrolle über Cambourne erhält, wenn ihr heiraten würdet? Eine Ehe mit dir würde den Erfolg des Kartells sichern. Ohne die Cambourne-Minen ist das Kartell nichts weiter als eine kleine Gruppe von Geschäftsleuten mit Risikokapital. Ohne Cambourne können sie den Preis für Erz nicht bestimmen und haben auch keinen Einfluss auf Angebot und Nachfrage.“

          Philippa atmete tief durch. „Nein, das habe ich nicht in Erwägung gezogen. Über Besitzfragen sah ich einfach hinweg, weil er so offensichtlich nicht auf mein Vermögen angewiesen ist. Er hat ja selbst genug.“

          Valerian schnaubte verächtlich. „Männer wie Canton wollen immer noch mehr. Er ist raffgierig und ehrgeizig, er kann nie genug haben. Ich fürchte, durch diese Habgier gerätst du in Gefahr, Liebes.“

          „Ich werde mit Lucien schon fertig“, wandte sie ein. „Du vergisst, dass ich bereits seit geraumer Zeit auf mich allein gestellt bin. Ich kann einen Mann ganz gut einschätzen.“

          Valerian blieb stehen, drehte sich zu ihr um und legte ihr die Hände auf die Schultern. „Wenn du dir nicht von deinem Geliebten raten lassen willst, dann hör dir wenigstens meinen Rat als dein Freund an. Canton wird deine Zurückweisung nicht so einfach hinnehmen. Nicht weil er seine Gefühle verletzt sieht – ich bezweifele, ob er überhaupt welche hat –, sondern weil jetzt sein Geldbeutel gefährdet ist. Er muss Cambourne haben – oder er kann seine Träume von einem Kartell aufgeben. Deine Ablehnung hat ihn in eine unhaltbare Position gebracht. Abgesehen davon, dich zu zwingen, an ihn zu verkaufen, bleiben ihm keine anderen Möglichkeiten mehr.“

          „Mich zwingen?“, wiederholte Philippa. „Dazu bin ich viel zu Respekt einflößend“, versuchte sie zu scherzen.

          „Zwang muss nicht immer offen ausgeübt werden, Philippa. Es könnte auch Sabotage sein.“

          Sabotage. Philippa wurde blass. Lucien würde sie doch gewiss nicht auf so eine Art hintergehen! Er war immer ein guter Freund gewesen, einer, auf den sie sich in vieler Hinsicht hatte verlassen können. Freunde sabotierten einander nicht, sie akzeptierten die Entscheidungen des anderen.

          „Du meinst so etwas wie Unfälle, die plötzlich in den Minen geschehen?“

          „Zum Beispiel.“

          „Nun, darüber würde ich mir keine Gedanken machen. Unfälle schaden ihm schließlich selbst, wenn er später einmal die Mine erwerben sollte.“ Nein, sie war zuversichtlich, dass Lucien niemals zu so drastischen Mitteln greifen würde.

          „Was hat Lucien dir denn geschrieben?“ Valerian wechselte das Thema.

          „Er hat mir nur noch einmal seine Freundschaft versichert“, erwiderte sie, den Inhalt des Briefes beschönigend. Sie war mehr als froh, dass sie damit gewartet hatte, ihm von Luciens Besorgnis zu erzählen. Dieser Abend war eindeutig nicht der richtige Zeitpunkt dafür.

          Es gab zu vieles, worüber sie nachdenken musste. Valerians Bemerkungen warfen plötzlich ein völlig anderes Licht auf Luciens Brief. Sie hatte ihn ja selbst befremdlich gefunden, er hatte Lucien so gar nicht ähnlich gesehen. Jetzt fragte sie sich, ob er nicht Teil einer Strategie war. Wenn Lucien tatsächlich in Valerian ein Hindernis sah, dann glaubte er vielleicht, sie würde seinen Antrag noch einmal überdenken, war Valerian aus dem Weg geschafft. Ihr graute davor, sich die Konsequenzen auszudenken. Sie konnte einfach nicht fassen, dass Lucien fähig sein sollte, einen Menschen zu töten oder zu ruinieren, nur um sein Ziel zu erreichen.

          Ihr lief ein Schauer über den Rücken.

          „Bist du sicher, dass du dich nicht erkältet hast? Das ist jetzt schon das zweite Mal heute Abend, dass du zitterst“, stellte Valerian fest.

          Philippa lächelte gespielt kokett. „Mir ist in der Tat ein wenig kalt. Warum bringst du mich nicht in dein Zimmer und wärmst mich?“

          Valerian ging bereitwillig darauf ein. „Ich kenne da eine raffinierte Methode, die die Leute in den Donauprovinzen im Winter anwenden, um sich gegenseitig zu wärmen.“

          Philippa sah ihn mit großen Augen unschuldsvoll an. „Erzähl!“

          „Nun, sie ziehen ihre gesamte Kleidung aus, schlüpfen unter eine Decke und halten einander im Arm.“

          „Das hört sich skandalös an.“

          „Nicht skandalös, sondern wissenschaftlich erwiesen. Man glaubt, dass die Körpertemperatur des wärmeren Menschen auf den kälteren übergeht. Sind beide vollständig bekleidet, geht zu viel Wärme bei der Übertragung verloren.“ Valerian schüttelte den Kopf. „Was für eine Schande, so viel Wärme einfach zu vergeuden.“

          Philippa lachte zum ersten Mal, seit Luciens schrecklicher Brief eingetroffen war. Sie schlang die Arme um Valerian. „Worauf warten wir? Weißt du vielleicht zufällig auch ein Mittel gegen Schwindel?“, fuhr sie mit ihrem Spiel fort.

          „Warum?“ Valerian machte ein misstrauisches Gesicht.

          „Weil ich glaube, dass ich einer Ohnmacht nahe bin.“ Dramatisch legte sie den Handrücken an ihre Stirn und ließ sich in Valerians Arme fallen.

          „Hexe, du willst nur, dass ich dich nach oben trage.“ Valerian lachte. Scheinbar mühelos hob er sie auf seine Arme.

          Philippa belohnte ihn mit einem Kuss. „Ich habe gehört, mit Küssen kann man beinahe alles heilen.“

          Valerian hielt ihrem Blick stand. „Auf die Liebe soll das auch zutreffen“, erwiderte er leise.

          Philippa war froh, dass er sie trug, sonst wäre sie wahrscheinlich wirklich ohnmächtig geworden, so machtvoll waren diese schlichten Worte. Er liebte sie. Und allein das Wissen darum hielt ihre Ängste von ihr fern, so wie ein Lagerfeuer in der Nacht die Wölfe fernhielt.


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