Zu guter Letzt entschied sich Philippa, gar nichts zu sagen. Valerian war sehr spät zurückgekehrt, gerade noch rechtzeitig zum Abendessen, und schien äußerst missgestimmt zu sein, weil eine kleine Mauer im Steingarten eingestürzt war. Sie hatten einen Tag lang hart daran gearbeitet und waren trotzdem nur mühsam mit dem Wiederaufbau vorangekommen.
Abgesehen von Valerians schlechter Laune hielt sie es für klüger, erst dann mit ihm zu reden, wenn sie irgendetwas in der Hand hatte. Sonst hätte sie gestehen müssen, dass ihr Interesse für dieses Thema allein durch den möglicherweise unwahren Brief von Lucien geweckt worden war. Da sie wusste, wie Valerian über Lucien dachte, hielt sie es für sinnvoll, wenn dieser Brief gar nicht erst zur Sprache kam. Wenn sie herausfinden wollte, was es mit Luciens Besorgnis auf sich hatte, musste sie das allein tun.
Sie überließ es Beldon, das Tischgespräch zu führen. Er war ganz angetan von der Begegnung mit einem Erfinder namens William Bickford. „Er hat einen Sicherheitszünder konstruiert, durch den Sprengungen berechenbarer werden.“ Beldon unterbrach sich kurz und trank einen Schluck Wein. „Stell dir vor, Philippa, er stammt aus deiner Gegend! Er lebt in Tuckingmill, ganz in der Nähe von Cambourne. Er ist gerade zu Besuch bei Freunden. Du solltest ihn kennenlernen und ihm helfen, sich hier ein wenig zu etablieren. Kannst du dir vorstellen, was seine Erfindung für die Sicherheit im Bergbau bedeutet?“
Natürlich konnte sie sich das vorstellen. Das Schilfrohr, das man für Zünder bei Sprengungen derzeit verwendete, war unberechenbar. Oft gingen die Zünder zu früh los, häufig aber auch erst mit einem Tag Verspätung. In jedem Fall gab es wegen ihrer Fehlerhaftigkeit Tote oder Verletzte. „Ich würde ihn gern empfangen“, erwiderte Philippa unverbindlich.
Es fiel ihr an diesem Abend schwer, sich auf geschäftliche Dinge zu konzentrieren, denn ihre Gedanken kehrten immer wieder zu Luciens verstörendem Brief zurück. Jedes Mal, wenn sie zu Valerian hinüberblickte, geriet sie ins Grübeln. Hatte er Verrat begangen? Sie wusste so wenig von dem, was er im diplomatischen Dienst für sein Land getan hatte. Er war ein Ehrenmann. Dass er seine eigenen Interessen für das Wohl ihrer Familie geopfert hatte, bewies ihr, wie richtig sie ihn eingeschätzt hatte. Allerdings war ihr auch klar, dass die Ehre für ihn wichtiger war als alles andere, ihre, aber auch seine eigenen Meinungen und Wünsche eingeschlossen.
In London, im politischen Zentrum, hatte sie die Erfahrung gemacht, dass die Loyalität zum eigenen Land oftmals in Konflikt geriet mit dem persönlichen Ehrgefühl. Es war durchaus möglich, dass das, was Valerian für einen ehrenvollen Weg gehalten hatte, für andere ab einem gewissen Punkt zu einem verräterischen Weg geworden war. Diese Zwiespältigkeit belastete sie. Bislang waren Verräter für sie stets Spione gewesen, die für eine Handvoll Geld ihr Land verrieten und verkauften. Sie fing an einzusehen, dass diese Sichtweise etwas eingeengt sein konnte. Wenn die Vorwürfe gegen ihn nun begründet waren – wie würde die Öffentlichkeit damit umgehen? Würde man in der Auslegung so großzügig sein wie Philippa, oder würde man Valerian wie einen herkömmlichen Verräter behandeln? Mehr als nur sein Ruf stand auf dem Spiel. Sie kannte das Urteil bei Verrat; dass Valerian von Adel war, würde ihn nicht davor schützen.
Beim letzten Gedanken erschauerte sie, was ihr einen befremdeten Blick von Beldon eintrug. „Mir ist nur von dem Sorbet kalt geworden“, erklärte sie leichthin und zwang sich, diese düsteren Gedanken zu verdrängen.
