Zärtlicher Eroberer – Kapitel 13

Philippa erschauerte, als sie über die Schwelle von Roseland trat. Während des kurzen Ritts durch die Nacht war ihre Vorfreude umgeschlagen in tiefste Erregung. Valerian stand neben ihr und zündete die Lichter des Kerzenständers an, der auf dem Tisch links vom Eingang stand. Dann nahm er ihre Hand, ergriff mit der anderen den Kerzenständer und führte sie hinauf in sein Schlafzimmer.

          Dort angekommen, stellte er den Ständer auf einen kleinen Tisch und drehte sich zu ihr um. Er streckte die Hand aus, sie zitterte. „Siehst du, welche Wirkung du auf mich hast?“, fragte er heiser. „Ich will dich so sehr. Länger als du dir vorstellen kannst, habe ich immer nur von diesem Augenblick geträumt. Genau genommen mein ganzes Erwachsenenleben lang.“

          Philippa lächelte. Sie ging zu ihm und band langsam sein Halstuch auf. „Ich weiß.“ Sie waren schon einmal fast an diesen Punkt gekommen, damals, in ihrem jugendlichen Ungestüm. Jetzt knöpfte sie ihm das Hemd auf und schob es ihm von den Schultern. Sie legte die Hände auf seine Brust, um die straffe Haut zu erkunden. Ganz leicht zog sie die Finger über seine Brustwarzen, und Valerian stöhnte lustvoll auf.

          Ein ungeahntes Gefühl der Macht durchströmte Philippa. Kühn machte sie sich an seinem Hosenbund zu schaffen, und als sie ihn endlich berührte, ging eine Wandlung mit ihnen vor. Sie waren nicht länger in Zuneigung verbundene Freunde, sondern Liebende, die von etwas viel Stärkerem, Fordernderem beseelt waren.

          Sie spürte Valerians Hände auf ihrem Körper, seine Liebkosungen, während er sie entkleidete, bis sie nackt vor ihm stand. Seine grünen Augen schienen vor Verlangen zu glühen. Mit einer einzigen Bewegung hob er sie hoch und trug sie zum Bett. Dort senkte er sich über sie, und sie fühlte sich eingehüllt in seine Wärme und seine Sehnsucht, sie zu lieben.

          Philippa bot ihm ihren Körper dar, und Valerian verstand. Er sog erst sanft an der aufgerichteten Knospe der einen Brust, dann an der anderen, und jeder Kuss und jede Liebkosung spiegelte seine vollkommene Hingabe wider. Sie hob sich ihm entgegen, strich mit den Händen durch sein Haar und über seine Schultern und schwelgte im Anblick dieses überwältigenden Mannes, der ihr Wonnen verhieß, wie sie sie noch nie erlebt hatte.

          Bereitwillig öffnete sie sich für ihn, und er begann, in sie einzudringen, tiefer und immer tiefer, bis sie sich von ihm erfüllt fühlte. Vorsichtig verfiel er in den uralten Rhythmus, und sein Atem wurde schneller. Philippa schloss die Augen und gab sich ganz den Empfindungen hin, die sie durchströmten. Ihr war, als liefe sie auf eine steile Klippe zu. Jeder Schritt führte sie näher an den Abgrund heran, wo etwas Wundervolles auf sie wartete, sobald es ihr gelang, einfach loszulassen und sich in ihn hineinzustürzen.

          Sie schlang die Beine um seine Hüften und trieb ihn an, ihr beim Loslassen zu helfen. Als sie die Hände auf seine breiten Schultern legte, spürte sie die harten, angespannten Muskeln unter seiner Haut. Ein Zucken durchlief sie.

          „Öffne die Augen, Philippa.“

          Im letzten Moment schlug sie die Augen auf. Mit einem Aufschrei tat sie den Schritt über die Klippe, gleichzeitig fallend und in den Himmel fliegend. Und Valerian war bei ihr, geschüttelt von seiner eigenen Erfüllung. Seine Augen waren dunkel vor Leidenschaft, als er erschöpft über sie sank. Philippa spürte den kräftigen Schlag seines Herzens und wusste, ihr eigenes Herz schlug nicht minder schnell nach dieser berauschenden Erfahrung.

          Nach einer Weile legte er sich neben sie und zog sie mit dem Rücken an

seine Brust. Philippa kuschelte sich an ihn und genoss die Geborgenheit und die Wärme in seinen starken Armen. Hier konnte sie nichts und niemand mehr verletzen, hier war sie unangreifbar. „Val?“, flüsterte sie.

          „Hm?“ Er zog sie dichter an sich.

          „Ich habe dich nie gehasst. Es ist mir einfach nicht gelungen.“ So schläfrig sie sich jetzt auch fühlte, so begriff sie doch, dass das die Wahrheit war. Sie hatte ihn hassen wollen, sie hatte sich dazu gezwungen. Aber es war ein anstrengender Kampf gegen sich selbst gewesen, und in dieser Nacht war sie froh, ihn verloren zu haben.

 

Philippa erwachte spät am nächsten Morgen mit einem beinahe schwindelerregenden Glücksgefühl. Sie war frei und durfte Valerian lieben! Zum ersten Mal seit vielen Jahren konnte sie ihrem Herzen folgen und die Zweifel abschütteln, die sie für Tatsachen gehalten hatte. Valerians Arm lag immer noch um ihre Taille. Wann hatte sie je so fest geschlafen, dass sie sich dabei nicht ein einziges Mal bewegt hatte? Aber wann hatte sie sich auch je so sicher gefühlt?

          Valerian fing an, sich hinter ihr zu regen. Sie schmiegte sich versuchsweise etwas dichter an ihn und spürte seine Erregung. Sofort loderte ihr Verlangen wieder auf, gepaart mit gesunder Neugier. Konnten sich die Empfindungen der letzten Nacht wiederholen lassen oder waren sie einzigartig gewesen? Würde sie sich jedes Mal so fühlen, wenn sie und Valerian sich liebten? Sie hatte keine Erfahrung in solchen Dingen, mit Cambourne hatte sie so etwas nie erlebt. Bis zur vergangenen Nacht hatte sie keine Ahnung gehabt, wie machtvoll ein Liebesakt sein konnte.

          Valerian knabberte an ihrem Ohrläppchen und flüsterte ihr Koseworte zu, während er Anstalten machte, in sie einzudringen. Sie erstarrte, die seltsame Stellung erschreckte sie. „Val? Was machst du da?“ Theoretisch wusste sie es natürlich, aber sie war sich nicht sicher, wie das in der Praxis möglich sein sollte. „Geht das überhaupt?“

          Valerian lachte leise und sinnlich auf und drückte sie an sich. „Ja. Entspann dich, und ich zeige es dir. Ich werde dir nicht wehtun. Ist das etwas Neues für dich?“ Mit einer Hand massierte er ihr sanft den Nacken. „Diese Stellung ist sogar besonders schön. Eine Frau empfindet so mehr als sonst, und ein Mann kann tiefer eindringen als in den meisten anderen Stellungen.“

          Er fing an, den Beweis anzutreten, und Philippa sog hörbar den Atem ein. Die Stellung war zwar über alle Maßen dekadent, aber gleichzeitig auch sehr erregend. Ohne Zweifel füllte er sie ganz aus, und sie hatte das Gefühl, vollkommen eins mit ihm zu sein. Es dauerte nicht lange, bis sie beide den Höhepunkt erreichten.

          Valerian hielt sie fest im Arm, bis ihrer beider Atem wieder gleichmäßiger wurde. Philippa war still, ein sicheres Anzeichen dafür, dass ihr tausend Dinge und Fragen durch den Kopf gingen.

          Schließlich wagte sie es, ihre erste Frage zu stellen. „Ist das eigentlich immer so?“ Sie drehte sich in seinen Armen zu ihm um und strich ihm das Haar aus der Stirn.

          „Nein, nicht immer“, erwiderte er vorsichtig. Es war unvermeidlich, dass sie ihm irgendwann Fragen stellen würde, nach all den Gerüchten über ihn, die bis nach England vorgedrungen waren – meistenteils schamlose Übertreibungen einer Wahrheit, die nur er kannte. Es wäre ihm allerdings lieber gewesen, wenn sie einen anderen Zeitpunkt gewählt hätte als ausgerechnet diesen, da er lieber friedlich neben ihr gelegen hätte, anstatt sich gegen ihre Temperamentsausbrüche wappnen zu müssen.

          Sie schien über seine Antwort nachzudenken. „War es für dich schon einmal so?“

          Eine noch schlimmere Frage als die erste. „Eher nicht.“ Wie sollte er ihr erklären, dass ein Mann auf rein körperlicher Ebene Befriedigung finden konnte, ohne die Empfindungen, die sie eben erlebt hatten? Wie sollte er ihr begreiflich machen, dass es auch eine andere Art der Befriedigung gab, die aber nicht das Geringste mit dem zu tun hatte, was ihr mit ihm widerfahren war? Nichts würde sich je mit dem vergleichen lassen.

          Sie hob zu einer weiteren Frage an. Valerian richtete sich halb auf und stützte sich auf seinen Ellenbogen. „Das ist weder der richtige Zeitpunkt noch der richtige Ort für solche Fragen, Philippa. In diesem Bett ist kein Platz für weitere Personen. Aber da du das Thema schon einmal angeschnitten hast – ich war in diesen neun Jahren kein Mönch, aber die meisten Gerüchte über mein angeblich zügelloses Verhalten sind maßlos übertrieben. Diese Frauen bedeuteten mir nichts. Sie waren ein armseliger Vorwand, das zu vergessen, was in England geschehen war. Sie wollten meinen Körper und wussten, dass sie mehr von mir nicht bekommen würden. Mein Herz war woanders – bei dir –, und daran hat sich nie etwas geändert. Ich würde gern einen Schlussstrich unter diesen Abschnitt meines Lebens ziehen.“

          Philippa lächelte liebevoll. „Ich wollte dich nicht ausfragen, ich war nur neugierig, sonst nichts.“ Sie errötete und sah zur Seite. „Ich habe nie erlebt …“ Sie verstummte verlegen.

          „Nicht mit Lucien?“ Valerian war klar, dass er sie bedrängte, aber er musste es einfach wissen. Sie hatte ihre Fragen gestellt, und es gab ein paar Dinge, über die er ebenfalls Klarheit haben musste.

          Sie schüttelte den Kopf. „Nein, Lucien und ich waren niemals zusammen, und Cambourne … nun, wie soll ich es sagen, Cambourne und ich haben nie auf die Art …“

          Valerian legte ihr den Zeigefinger an die Lippen. „Du brauchst nicht weiter darüber zu sprechen.“ Er verstand genau, was sie hatte sagen wollen, und es machte ihn überglücklich zu wissen, dass er zwar nicht der Erste für sie war, dafür aber der Erste, der ihr solche Lust bereitet hatte. Und der Letzte. Wäre er diesbezüglich auch nur irgendwie im Zweifel gewesen, hätte er Maßnahmen ergriffen, um eine Schwangerschaft zu verhindern.

 

Diese Teufelin! Lucien Canton war außer sich vor Wut. Der Mann, der vor ihm in seinem Büro in der Provincial Bank of Truro stand, sah ängstlich zu Boden, und Lucien musste sich ermahnen, dass es ein schlechter Stil war, den Boten mit Blicken zu töten.

          Es war schließlich nicht dessen Schuld, dass Philippa nicht in Cambourne Hall war, als er dort die Nachricht abliefern wollte. Es war auch nicht die Schuld des Boten, dass er ihr nach St.-Just-in-Roseland nachgereist war und sie dort sozusagen in flagranti beim Turteln mit dem Viscount ertappt hatte. Der Mann hatte Lucien versichert, dass die beiden allein und diskret gewesen waren, außer ihm hatte sie niemand gesehen. Doch all diese Beteuerungen änderten nichts an der Tatsache, dass Lucien jemanden verprügeln wollte, und da Valerian Inglemoore momentan leider nicht zur Verfügung stand, war der Bote vielleicht doch eine Alternative.

          Alles war bislang so gut verlaufen, aber er hätte sich denken können, dass so etwas meist trügerisch war. Philippa hatte seinen Heiratsantrag kurzerhand abgelehnt, damit sie sich in Cornwall mit dem Viscount amüsieren konnte. Liebe Güte, man hatte sie auf einem bäuerlichen Fest gesehen, wie sie dem Mann an die Wäsche gegangen war! Es spielte keine Rolle, dass der Bote versicherte, außer ihm hätte das sonst niemand bemerkt. Sie hatte seinen Antrag abgelehnt, weil sie das Gefühl hatte, er hätte ihr nichts zu bieten. Nun, das sollte sich ändern. Schon bald würde sie feststellen, dass er etwas hatte, was sie sich verzweifelt wünschte.

          Lucien hatte nicht vor, sich von ihr Hörner aufsetzen zu lassen. Jedermann in London wusste, dass er in den letzten Jahren ihre starke rechte Hand gewesen war. Jedermann erwartete die logische Konsequenz daraus. Sein Ruf würde darunter leiden, wenn sich herausstellte, dass sie ihm einfach so den Laufpass gegeben hatte – ganz zu schweigen von seinen Finanzen, wenn der Vorstand der Bank begriff, dass er keine Kontrolle über die Cambourne-Minen hatte.

          Er würde St. Just mit seinem Verrat konfrontieren, Philippa dazu zwingen, sich selbst für die Freiheit des Mannes zum Tausch anzubieten, und dann würde er dafür sorgen, dass es für die beiden kein glückliches Ende mehr gab. St. Just würde es Philippa nie verzeihen, wenn er glaubte, sie selbst hätte das Thema Verrat zur Sprache gebracht. Zum Glück hatte Lucien den Brief, der eine solche Schlussfolgerung zuließ. Er würde seine Bank halten können, seine Rache bekommen und dazu noch eine Ehefrau. Kein Tag sollte vergehen, der Philippa nicht daran erinnerte, was er alles für sie getan hatte und wie viel sie ihm dafür schuldete. Den Anfang würde er damit machen, dass er als Wolf im Schafspelz auf sie zuging.

 

Philippa saß in dem kleinen Zimmer im rückwärtigen Teil des Hauses, das sie als privaten Salon für sich beansprucht hatte. Durch die Fenster hatte sie einen Blick auf die hintere Terrasse und konnte so die Männer beim Anlegen der Beete beobachten, die Valerian entworfen hatte. Wenn sie von dem eleganten Sekretär aufsah, den Valerian für sie in den Salon hatte bringen lassen, konnte sie ihn auf dem Rasen arbeiten sehen. Alles in allem war dieses Arrangement sehr behaglich.

          In diesem Zimmer wurde sie nur selten gestört. Sie hielt sich dort vorwiegend auf, wenn Valerian draußen war, so wie auch an diesem Tag, an dem er im Steingarten arbeitete. Und Beldon war in den letzten Tagen viel unterwegs, um ihr und Valerian mehr Zweisamkeit zu verschaffen. Da die Bediensteten wussten, dass Philippa zu dieser Tageszeit am liebsten ihre Korrespondenz erledigte, störten sie sie ebenfalls nicht. Man wendete sich hier nur an sie, wenn es irgendwelche Probleme gab. Deshalb war sie auch überrascht, als Steves an die Tür klopfte.

          „Gibt es Schwierigkeiten bei der Zusammenstellung des Menüs?“, fragte sie freundlich lächelnd.

          „Nein, Mylady. Dieser Brief ist eben für Sie eingetroffen. Er wurde von einem Eilboten abgegeben. Ich dachte, es sei vielleicht dringend.“

          Philippa sah auf den Umschlag. Der Brief kam aus Truro. Ihre erste Sorge, in Cambourne Hall könnte etwas Schlimmes vorgefallen sein, war also unbegründet. Aber niemand war in Truro so gut mit ihr bekannt, dass er ihr einen Brief per Eilboten überbringen würde – im Grunde war Lucien der Einzige dort. Doch Lucien hatte eigentlich keinen Grund, ihr auf diese Weise einen Brief zu schicken, dafür hätte die normale Post gereicht.

          Philippa öffnete das Schreiben und sah zuerst nach, wer es unterzeichnet hatte. Also doch Lucien. Sie begann zu lesen.

 

Meine liebste Philippa,

ich danke dir für deine freundlichen Worte und den höflich formulierten abschlägigen Bescheid. Ich weiß deine besonnene Antwort sehr zu schätzen, auch wenn mich die Ablehnung natürlich schmerzt. Was mich betrifft, so werde ich dein ergebener Freund und Diener bleiben, in der Hoffnung, dass du eines Tages meinen Antrag noch einmal wohlwollend überdenkst.

Ich wünsche mir aufrichtig, dass du mir verzeihst, wenn ich mich in irgendeiner Form ungebührlich verhalten habe. Des Weiteren ist es mir ein großes Anliegen, dass du gut auf deine Sicherheit achtest. Um dir zu beweisen, wie aufrichtig ich um dich besorgt bin, fühle ich mich verpflichtet, dir Neuigkeiten über deinen guten Freund, Viscount St. Just, mitzuteilen. Mir ist kürzlich zu Ohren gekommen, dass man ihn verdächtigt, Verrat begangen zu haben, als er im Dienste Englands auf dem Balkan war – es wurde eine kleine Stadt namens Negush in diesem Zusammenhang erwähnt.

Natürlich kenne ich die Einzelheiten nicht und weiß nicht einmal, ob diese Behauptungen wahr sind. Dennoch dachte ich mir, du solltest Bescheid wissen. Du kennst ihn mehr als ich und bist vielleicht am besten geeignet, ihn zu entlasten, sollten sich diese Vorwürfe als mehr als bloße Gerüchte und Vermutungen in Whitehall erweisen.

Ich rate dir, die Augen offen zu halten, was deinen Freund betrifft. Halte Ausschau nach allen Dingen, die gegebenenfalls seine Unschuld beweisen könnten.

Ich war überrascht, als ich erfuhr, du wärst nach Roseland gefahren. Bitte achte auf deinen guten Ruf. Ich möchte nicht, dass du allein wegen deines Umgangs mit ihm zu leiden hast, sollte St. Just tatsächlich als Verräter gebrandmarkt werden.

Ich bleibe wie immer dein treuer Freund,

Lucien

 

Philippa zerknüllte das edle Briefpapier in der Hand. Verrat? Was war denn das für ein Unsinn? Andererseits war es vielleicht doch kein völliger „Unsinn“. Es gab keinen Grund, warum Lucien sich das alles ausdenken sollte, und wirklich, so ein ernstes Thema wie Verrat konnte man nicht einfach erfinden und erwarten, damit durchzukommen. Hätte Lucien das Ganze für unwahr gehalten, hätte er sich erst gar nicht die Mühe gemacht, ihr zu schreiben und ihr den Brief dann auch noch von einem Eilboten zustellen zu lassen.

          Und genau das beunruhigte sie. Der Brief war in größter Eile abgeschickt worden. Lucien hatte sich ausdrücklich an sie gewandt, weil er ihr diese Neuigkeit unbedingt mitteilen wollte. Er hatte weder die Bank noch irgendwelche Ereignisse aus Truro erwähnt. Die Schreiben, die sie in der Vergangenheit von ihm erhalten hatte, waren voller solcher Berichte gewesen. Es sah Lucien gar nicht ähnlich, einen Brief zu schreiben, in dem nicht ein einziges Mal von Finanzen die Rede war. Sie hatte nicht einmal gewusst, dass er zu so etwas überhaupt fähig war.

          Sie hatte ein ungutes Gefühl. Philippa sah auf die kleine Uhr an der Wand. Elf Uhr. Valerian würde nicht vor dem Tee zurück sein, also frühestens in vier Stunden. Vier Stunden, in denen sie das Haus nach Beweisen durchsuchen konnte, dass das alles nur haltlose Gerüchte waren. Allerdings hatte sie keine Ahnung, wonach sie suchen sollte.

          Plötzlich fiel ihr auf, dass sie nichts darüber wusste, was er während seiner Zeit im Ausland gemacht hatte. Wenn man nach irgendwelchen Hinweisen fahndete, musste man normalerweise einen Ausgangspunkt haben. Aber Philippa hatte nichts weiter als den Namen einer Stadt, von der sie noch nie gehört hatte.

          Damit wollte sie anfangen. In der Bibliothek gab es bestimmt einen Atlas. Und danach konnte sie schon einmal üben, wie man den Mann, den man liebte, danach fragte, ob er Verrat begangen habe.


Sold out

Sold out

Sold out
Vorheriger Artikel Zärtlicher Eroberer – Kapitel 14
Nächster Artikel Zärtlicher Eroberer – Kapitel 12