Zärtlicher Eroberer – Kapitel 12

Ich weiß nicht, was ich sagen soll“, meinte Philippa, als Valerian die Geschichte von jenem verhängnisvollen Abend zu Ende erzählt hatte. Seine Enthüllungen verunsicherten sie zutiefst. Sie hatte ihre innere Stärke auf der Überzeugung aufgebaut, dass er an jenem Abend die Wahrheit gesprochen hatte und sie wirklich nur eine flüchtige Affäre für ihn gewesen war. All ihr Misstrauen und ihre harten Worte waren auf diese Nacht zurückzuführen.

          Mit seiner Darstellung der damaligen Ereignisse brachte Valerian nun das ganze Fundament ihrer Überzeugung ins Wanken. Ihre Welt war aus den Fugen geraten, nichts war mehr so wie zuvor. Sie konnte Valerian wieder lieben. Der einzige Grund, warum sie ihre Gefühle für ihn unterdrückt hatte, war von ihm ausgeräumt worden.

          „Sag, dass du mir glaubst“, bat er ruhig und hielt ihre Hände fest in seinen. Schon vor geraumer Zeit hatten sie sich einfach auf den Boden des Ballsaals gesetzt. Die Schatten waren länger geworden, der Abend brach allmählich an. Das Parkett war hart und unbequem, aber um nichts in der Welt hätte Philippa den staubigen Platz verlassen können. Valerians Erzählung hatte sie von Anfang an gefesselt. Plötzlich ergab es einen Sinn, warum sie seine Äußerungen an jenem besagten Abend so befremdlich gefunden hatte. Dieser ganze Unsinn über gesellschaftliche Anerkennung hatte auch ganz und gar nicht nach dem Valerian geklungen, den sie kannte.

          Hinter ihr ertönte von der Tür her eine Stimme, und Philippa drehte sich um. „Ich bürge für ihn. Die Buchführung der Pendennys bestätigt das, was er sagt. Wir brauchten Cambourne, und Vater hat alles in die Wege geleitet.“ Beldon stieß sich vom Türrahmen ab und kam auf sie zu.

          „Beldon, du weißt Bescheid?“ Philippa stand unbeholfen auf und strich glättend über ihr Kleid.

          „Ich hatte so einen Verdacht.“ Beldon lachte unfroh auf. „Zuerst dachte ich, was für ein glücklicher Zufall es doch sei, dass Cambourne genau zu dem Zeitpunkt mit seinem Vermögen auftauchte, als wir es so dringend benötigten. Und dann fügte sich alles Stück für Stück zusammen. Ich habe in den alten Büchern nachgesehen und entdeckt, dass Cambourne keineswegs zufällig in unser Leben getreten war. Das war Vaters letzter großer Schachzug, um uns zu retten.“

          „Ich wünschte, du hättest es mir gesagt“, wandte Philippa sich mit leisem Vorwurf in der Stimme an Valerian.

          „Aber das konnte ich doch nicht! Du warst schon verzweifelt genug an jenem Abend. Wenn du auch nur die leiseste Chance gewittert hättest, die Pläne deines Vaters zu durchkreuzen oder mich auf deine Seite zu ziehen, du wärst niemals damit einverstanden gewesen, Cambourne zu heiraten.“

          „Also hast du die Entscheidung für mich getroffen?“ Philippas Zorn begann sich zu regen. „Du hast beschlossen, es wäre besser, wenn ich dir das Schlimmste unterstelle, gegen meine eigentliche Überzeugung?“ Sie sah, wie Beldon sich unauffällig zurückzog. Nun gut, das ging ohnehin nur sie und Valerian etwas an.

          „Dein Vater hat das von mir verlangt!“ Auch Valerians Verärgerung war ihm jetzt deutlich anzuhören. „Wenn du Bescheid gewusst hättest, wären wir wahrscheinlich Gott weiß wohin durchgebrannt, mit nichts außer unserer Kleidung auf dem Leib.“

          „Es war mein Leben.“ Philippa stampfte gereizt mit dem Fuß auf. Sie war es leid, dass Männer immer meinten, entscheiden zu müssen, was für sie das Beste war. Erst ihr Vater, dann Lucien und nun auch noch Valerian. Hielten eigentlich alle

Männer Frauen für geistig minderbemittelt? „Ich hätte mehr von dir erwartet, Valerian.“

          Er war nun aufrichtig empört. „Mehr? In welcher Hinsicht?“ Er hätte sich denken können, dass Philippa so reagieren würde. Warum konnte sie sich nicht ausnahmsweise einmal verhalten wie andere Frauen? Die wären längst besänftigt gewesen angesichts des romantischen Opfers, das er ihretwegen gebracht hatte, und seiner unerschütterlichen Zuneigung all die Jahre hindurch. Philippa jedoch zweifelte immer noch an der Wahrheit.

          Sie betrachtete ihn eindringlich und prüfend. „Du hättest mir vertrauen sollen, anstatt diese Last allein zu tragen.“

          Valerian fuhr sich verzweifelt mit der Hand durch das Haar. Er hatte sich alles von der Seele geredet, alles zugegeben. Ja, er hatte erwartet, dass sie ihm glaubte; mehr noch, dass sie seine Entscheidung von damals akzeptierte. Er hatte gedacht – offenbar törichterweise –, dass ihr Herz ihm auf der Stelle wieder zufliegen würde. Es kam ihm ziemlich ungerecht vor, dass sie ihn stattdessen schalt, und er hatte genug davon. „Trotzdem wollte ich wirklich nur das Beste für dich. Es tat weh, dich verletzen zu müssen. Es tat auch weh, auf mein eigenes Glück zu verzichten. Aber ich werde mir jetzt nicht zum Vorwurf machen lassen, dass ich den Wünschen deines Vaters entsprochen und das getan habe, was der Familie damals am meisten half. Es war keine leichte Entscheidung, Philippa.“ Ihm wurde bewusst, dass er sich in Rage geredet hatte, und er dämpfte seine Stimme wieder ein wenig. „Ich befürchtete, du würdest mich und deinen Vater hassen, wenn ich es dir erzählte.“

          „Ich habe dich schließlich auch so gehasst“, gab Philippa scharf zurück. Ihre Hände waren zu Fäusten geballt, und ihre Stimme klang verbittert. „Neun Jahre. Eine lange Zeit für Hass, Val.“

          „Aber auch für die Liebe“, entgegnete er leise, ging auf sie zu und ergriff ihre Hände. Er wusste, was sie damit meinte. Man konnte von ihr nicht erwarten, dass sie so rasch einlenkte, sie musste diese Neuigkeiten erst verarbeiten. Er hatte die Voraussetzungen geschaffen, dass sie eines Tages wieder den Freund in ihm sehen konnte, der er ihr einmal war. Doch dafür brauchte sie Zeit. Jetzt lag alles bei ihr.

          Der Gedanke an diese Herausforderung belebte ihn. Er würde ihr behutsam den Hof machen, während sie in Roseland war, so wie er sich das früher immer erträumt hatte. Dieses Mal brauchten sie sich nicht heimlich davonzustehlen, um ein paar hastige Küsse zu tauschen; sie brauchten auch keine Angst mehr zu haben, ertappt zu werden. Er konnte sie jetzt offen umwerben, und dieser Kuss sollte den Anfang machen.

          Er legte den Finger unter ihr Kinn, hob es leicht an und umrahmte ihr Gesicht mit seinen Händen, um ihren Anblick ganz tief in sich aufzunehmen, ihre samtige Haut, die leuchtend blauen Augen, das unsichere Lächeln, während sie seinen Blick suchte. Danach streifte er sacht mit seinen Lippen über ihre. Dieser Kuss war nicht so wild und fordernd wie der im Pfarrgarten, aber nicht minder intensiv und leidenschaftlich.

          Allmählich spürte er, wie die Anspannung von ihr abfiel, und schließlich schlang sie die Arme um seinen Hals. Darauf hatte er sein ganzes Leben lang gewartet, dafür war er nach Hause zurückgekehrt. Die dunklen Schatten der Vergangenheit wichen einem tiefen Gefühl des Friedens, als er sie einfach nur fest in den Armen hielt.

          „Dieses Mal werde ich dich nie wieder loslassen“, gelobte er leise und küsste sie auf den Kopf.

          „Das wirst du wohl müssen – beim Abendessen“, scherzte Philippa und schmiegte den Kopf an seine Schulter.

          „Gut, das Abendessen soll eine Ausnahme sein.“

 

Die nächsten Tage verliefen für Valerian wie in einem Rausch. Er hielt Wort und ließ Philippa kaum aus den Augen. Am frühen Morgen ritten sie den Küstenpfad entlang, der St.-Just-in-Roseland und St. Mawes verband. Sie picknickten mit Beldon auf den hügeligen Wiesen oberhalb des Friedhofs von St. Justus und beobachteten dabei die Tier- und Pflanzenwelt. Sie unternahmen lange Spaziergänge an den kleinen Gezeitenflüssen, die die Grenzen um Valerians Besitz bildeten. Es schien, als redete er unentwegt über seine Zukunftspläne in diesen Tagen – Pläne für die Gärten, Anlagen und Stallungen. Reine und ungestüme Lebensfreude pulsierte wieder in seinen Adern. Endlich hatte alles wieder einen Sinn für ihn. Er war jung und mit dem Vermögen ausgestattet, das er brauchte, um seine Vorhaben in die Tat umsetzen zu können … und zwar mit der richtigen Frau.

          Philippa war atemberaubend. Allein ihre Anwesenheit im selben Zimmer reichte schon aus, seine Aufmerksamkeit voll und ganz zu fesseln. Der sanfte Schwung ihres Nackens, wenn sie sich nach dem Abendessen über ein Buch beugte, weckte in ihm den Wunsch, diese Stelle hingebungsvoll zu massieren. Der Fliederduft ihres leichten Parfums hing noch lange in der Luft, nachdem sie einen Raum verlassen hatte. Ihr leises Klavierspiel, das aus dem Musikzimmer durch die Flure wehte, verlieh dem Haus eine kultivierte Ausstrahlung.

          Überall fanden sich Zeichen ihrer Anwesenheit, von den Kristallvasen mit bunten Blumen, die im ganzen Haus auf den Tischen standen, bis hin zu ihren noch offensichtlicheren Bemühungen, das Haus neu zu gestalten. Maler waren gekommen, um die Decken frisch zu streichen, andere Handwerker hatten die Wände im großen Salon mit dunkelrotem Seidenstoff verkleidet. Es war mehr als nur die unübersehbare Hand einer Frau, die diesem Haus eine neue Note verlieh. Philippa machte aus dem Anwesen ein Heim, und Valerian staunte jeden Tag aufs Neue darüber, dass das sein Heim und seine Frau waren.

          Sie lachte viel in diesen Tagen, und manchmal warf sie ihm verträumte Blicke zu, wenn sie sich von ihm unbeobachtet fühlte. Am schönsten war, dass sie mit ihm zu ihrer alten Ungezwungenheit zurückfand. Sie streiften durch die Hügellandschaft und unterhielten sich dabei angeregt. Dann griff sie manchmal nach seiner Hand oder strich ihm eine Haarsträhne aus dem Gesicht, ohne darüber nachzudenken.

          Wäre er naiv, hätte er gesagt, es wäre wieder alles so wie in ihrer Jugendzeit. Aber jene Tage waren vergangen. Nur ein Narr hätte geglaubt, sie vollständig zurückholen zu können. Das hier waren neue Tage, neue Zeiten, und mit dieser Wirklichkeit ging Valerian nicht achtlos um. Er empfand jeden wissenden Blick und jedes gemeinsame Lachen als besondere Kostbarkeit, während der Frühling in seinem geliebten Cornwall Einzug hielt. Er hatte zu lange an Orten gelebt, an denen das Dasein sich jeden Moment verändern konnte, daher genoss er selbst die einfachsten Freuden, die ihm Philippas Gesellschaft bescherte. Und als die Tage so verstrichen, fing er langsam an zu glauben, dass es ihr ähnlich ging. Auch sie hatte viel zu früh den Schmerz des Verlustes erleiden müssen.

          Am St.-Pirans-Tag ritten sie zum Friedhof von St. Justus, um Blumen auf die Gräber der Minenarbeiter zu legen und an den Festlichkeiten im Dorf teilzunehmen. Das Wetter war für März warm, und aus der gesamten Umgebung waren die Menschen zusammengeströmt, um den legendären Helden und Heiligen zu feiern, der vor tausend Jahren den Menschen in Cornwall sein Wissen über den Zinnabbau vermittelt hatte.

          Valerian musste erfahren, dass er selbst hier eine Art Berühmtheit war. Zwar hatten seit seiner Rückkehr bereits einige Händler und Tagelöhner den Weg nach Roseland gefunden, aber im Dorf selbst hatte er noch nicht viel Zeit verbracht, um alte Bande zu erneuern. Daher war er jetzt stolz, hier mit Philippa an seiner Seite Einzug halten zu können, die wunderschön aussah in ihrem braunen, an den Kanten mit schwarzem Samt besetzten Reitkostüm und dem dazu passenden kleinen Hut. Ihr rotbraunes Haar hatte sie im Nacken zu einem schweren Knoten zusammengefasst. Valerian wollte, dass sich die Leute daran gewöhnten, sie mit ihm zusammen zu sehen, schließlich würde sie bald seine Viscountess sein. Er dachte an seinen in der Silvesternacht gefassten Vorsatz und lächelte. Alles, was er sich je von Herzen gewünscht hatte, war auf einmal zum Greifen nah.

          Und Philippa enttäuschte nicht. Im Dorf saß sie von ihrem Pferd ab und war sofort umringt von einer Schar Kinder mit Gänseblümchen in den Händen. Sie nahm die kleinen Sträußchen an, von denen ein paar schon ziemlich welk aussahen, und lobte jedes überschwänglich, bis sie alle zu einem großen Strauß zusammengestellt hatte. Die Kinder waren begeistert. Zwei kleine Mädchen hängten sich an ihre Arme und führten sie zum Dorfanger, wo die Vorbereitungen für das Fest soeben abgeschlossen wurden. Philippa lächelte Valerian über die Schulter hinweg zu und ließ sich von den ausgelassenen Kindern fortziehen.

          Valerian winkte ihr nach und folgte ihr mit gemächlicheren Schritten. Immer wieder blieb er stehen, um mit einigen Männern zu sprechen. Rund um den Dorfanger hatte man Buden aufgestellt, und er holte Philippa und die Kinder an einem Stand ein, an dem es kornische Pasteten zu kaufen gab.

          „Wir haben gerade überlegt, ob wir hungrig sind oder nicht“, rief Philippa ihm zu.

          „Und wir haben beschlossen, dass wir hungrig sind“, ergänzte ein kleines Mädchen mit dunklen Locken eifrig. Die kleine Bande stimmte jubelnd zu, und so holte Valerian Geldmünzen für neun mit herzhaftem Rindfleisch gefüllte Pasteten aus seiner Jackentasche. Er glaubte schon, die Kinder würden sie den ganzen Tag begleiten, da erschien eine Gruppe von Müttern, die sie zu sich riefen.

          „Es tut uns so leid, Eure Lordschaft, Mylady. Ich hoffe, sie haben Sie nicht allzu sehr belästigt“, bat eine Frau um Entschuldigung und warf ihren drei Sprösslingen einen strengen Blick zu.

          Valerian versicherte ihr, dass dem nicht so war. Trotzdem füllten sich die Augen der Kinder mit Tränen. Rasch ging Philippa in die Hocke und nahm ihre Hände. „Wollen wir uns heute Nachmittag wieder hier treffen? Ich habe gehört, es sollen Spiele stattfinden.“ Dieses Angebot trocknete die Tränen rasch, und Valerian konnte förmlich spüren, wie sich ihm vor Stolz die Brust schwellte.

          „Das war sehr großherzig von dir“, bemerkte er, als sie anfingen, an den Buden entlangzuschlendern.

          Philippa zuckte die Achseln. „Durch Kinder wird die Welt um so vieles heller. Es ist eine Schande, dass diese Welt es ihnen nicht lohnt und sie stattdessen zwingt, zu schnell groß zu werden und Erwachsenenpflichten zu übernehmen.“

          „Daran ändert sich vielleicht etwas. Wie ich hörte, wird im Parlament an einem Gesetzentwurf gearbeitet, der Kinderarbeit verbietet.“

          „Hoffentlich kommt er durch. Ich habe schon meinen gesamten politischen Einfluss spielen lassen, um solche Gesetze voranzutreiben. Vielleicht willst du dich ja auch dafür engagieren?“ Sie warf ihm einen vorsichtigen Seitenblick zu.

          Valerian hob ihre Hand an die Lippen und küsste sie. „Voll und ganz.“ Einen Augenblick lang musste er an Dimitris’ kleinen Sohn denken, den man gezwungen hatte, ein Kämpfer zu sein, den man gezwungen hatte, sein Dorf zu verlassen, da es zum Kriegsgebiet geworden war. Er wünschte, Dimitris’ Kinder hätten ein Dorf wie dieses hier haben dürfen, einen Tag wie diesen und die sichere Gewissheit, dass weitere solche Tage folgen würden.

          „Was hast du, Val? Du wirkst meilenweit entfernt“, fragte Philippa besorgt.

          Er verdrängte die traurigen Gedanken, an diesem Tag zählte nur die Zukunft. „Eine alte Erinnerung, das ist alles. Dort drüben ist ein Stand mit bunten Bändern und Schnüren.“ Er nahm ihre Hand, und der dunkle Augenblick war verflogen.

 

Sie verbrachten den restlichen Vormittag mit Einkaufen. Philippa erwarb eine ganze Reihe bunter Bänder und Seifenstücke. Zum Schluss erstand sie noch einen Beutel Pfefferminzbonbons.

          „Lust auf Süßigkeiten?“, scherzte Valerian.

          „Das ist für die Kinder!“, widersprach sie energisch, und Valerian lächelte. Sie hatte ihr Versprechen also nicht vergessen.

          Er breitete eine Decke auf dem Rasen aus, wo die Spiele stattfinden sollten, und suchte danach die verschiedensten Stände auf, um alle möglichen Leckereien für ein Picknick zusammenzustellen. Als er zurückkam, war Philippa schon wieder von ihrer kleinen Hofschar umringt. Sie saß entspannt zwischen all den Kindern und flocht aus Gänseblümchen Halsketten für die Mädchen und kleine Kronen für die Jungen.

          Dieser Anblick ging ihm zu Herzen, aber jetzt dachte er nicht an den Jungen, der neben ihm im Kampf gestorben war, sondern an Kinder, die ihm die Zukunft bescheren mochte – seine und Philippas Kinder. Ja, sechs oder sieben solcher kleinen Geschöpfe, das wäre genau das Richtige.

          Nach dem Essen ließen sie sich von den Kindern überreden, an ein paar Spielen teilzunehmen. Ein kleines Mädchen suchte sich Philippa als Partnerin für ein Dreibeinrennen aus. Ein kleiner Junge bat Valerian schüchtern, auch mitzumachen. Der Kleine hieß Geoffrey und reichte Valerian kaum bis zur Taille. Bei diesem Größenunterschied würde das ein ziemlich schwieriges Rennen werden, aber Philippa stand schon an der Startlinie und lächelte ihm anerkennend zu. Am Ende landeten er und Geoffrey auf dem dritten Platz, und die Frau des Vikars belohnte sie mit einem blütenweißen Band, bei dessen Anblick Geoffreys Augen entzückt aufleuchteten.

          „Diesen Tag wird er niemals vergessen“, bemerkte Philippa, als sie die Kinder zurückließen, die gegenseitig ihre Preise bestaunten. „Den St.-Pirans-Tag, an dem er mit dem örtlichen Viscount am Dreibeinrennen teilnahm und Dritter wurde.“ Sie sah ihn an, und eine ganze Welt an Gefühlen lag in ihrem Blick. „Alte Frauen sagen, es steckt viel Gutes in einem Mann, der so viel Freude an Kindern hat, Val.“

          Das gab für ihn den Ausschlag. Er hatte sich schon den ganzen Tag nach ihr gesehnt, und nicht nur, weil sie so bezaubernd aussah in ihrem Reitkostüm oder sich so anmutig bewegte, sondern wegen ihres liebevollen Umgangs mit den Kindern. Wegen der Art, wie ihr alles an diesem einfachen dörflichen Fest Freude gemacht hatte. Sie brachte Menschen dazu, sich besser zu fühlen, wenn sie in der Nähe war. Das war immer ihre besondere Gabe gewesen, und dafür liebte er sie.

          Valerian zog sie hinter den dicken Stamm eines mächtigen Baums. Was er vorhatte, war nicht für die Augen von Kindern bestimmt.

          „Was tust du?“, fragte sie flüsternd.

          „Ich will dich küssen“, erklärte er, und sein Blick fiel auf ihre Lippen. „Das will ich schon den ganzen Tag.“ Sein Tonfall klang übermütig, und Valerian fühlte sich wie ein Jüngling mit seinem ersten Mädchen. Doch dann küsste er sie, und daran war nichts Jungenhaftes mehr. Er war ein erwachsener Mann mit durch und durch erwachsenen Bedürfnissen, daran bestand kein Zweifel. Als er ihre Lippen unter seinen spürte, erregte ihn das zutiefst, und ihm war, als geriete er in einen Strudel aus Leidenschaft und Begehren, gegen den er nicht mehr ankämpfen konnte. Seit jenem Tag im Ballsaal hatte er sich eisern beherrscht, um Philippa Zeit zu lassen, doch nun entglitt ihm immer mehr die Kontrolle über sich selbst.

          Philippa stöhnte leise auf und schmiegte sich an ihn. Sie konnte seine zunehmende Erregung durch den Stoff ihres Kleides spüren und ließ die Hand sinken, um ihn dort zu berühren.

          Valerian vertiefte seinen Kuss, und ein beinahe verzweifeltes Verlangen durchströmte ihn. Am liebsten hätte er sich die Kleider vom Leib gerissen und sich nackt mit ihr ins Gras gelegt. „Wir brauchen mehr als das, Philippa. Ich glaube nicht, dass ich mich noch sehr viel länger nur mit Küssen zufriedengeben kann.“

          „Ich auch nicht“, hauchte sie, und in ihrem Blick lag eine Sehnsucht, die ihn tief erschütterte. Das war nicht der berechnende Blick einer Frau, die ihn nur wegen seines Aussehens und seiner Künste im Schlafzimmer wollte. Derartige Blicke hatte er während seiner Zeit im Ausland zu oft gesehen. Philippa wollte ihn ganz und gar, mit Leib und Seele und all seinen Unvollkommenheiten. Noch nie hatte er sich so vollständig angenommen gefühlt.

          „Heute Nacht“, flüsterte er ihr ins Ohr.

          „Heute Nacht“, wiederholte sie leise.

 

Der restliche Tag verlief für ihn wie im Rausch. Der Trubel des Fests war wie ein köstliches Vorspiel, und er wusste, jeder Augenblick brachte ihn dem Moment näher, nach dem er sich so verzehrte.

          Widerstrebend gab er Philippas Betteln nach und nahm an einem Wettbewerb im Messerwerfen teil. Er gewann mühelos, was Philippa zu der Bemerkung veranlasste: „Ich wusste gar nicht, dass du so gut Messer werfen kannst.“ Er zuckte nur mit den Achseln und sagte weiter nichts dazu.

          Papierlampions wurden rund um die Fläche angezündet, auf der getanzt werden sollte. Die Schatten wurden länger, der Abend kam. Valerians gespannte Vorfreude nahm noch weiter zu. Natürlich würde man von ihnen erwarten, dass sie mittanzten. Sie konnten nicht gehen, ehe der Tanz begonnen hatte, und Valerian ertappte sich dabei, dass er tanzen wollte – all die typischen kornischen Volkstänze und Polkas, die bei solchen Festen üblich waren. Das würde durstig machen, und der Wirt des Dorfs hatte bereits viele Fässer Ale bereitgestellt.

          Valerian und Philippa waren unter den Ersten, die den Abend eröffneten – mit einem schwungvollen, ausgelassenen Volkstanz. Bei der nächsten Polka war Philippas Partner der Sohn des Gemüsehändlers, und Valerian sah ihr vom Rand der Tanzfläche aus zu. Ihr Haarknoten hatte sich gelöst, und sie hatte es mittlerweile aufgegeben, ihn wieder festzustecken. Wie ein kastanienbrauner Vorhang wehte das Haar hinter ihr her, als sie sich mit dem jungen Mann im Kreis drehte. Als sie an Valerian vorbeitanzten, warf sie ihm ein strahlendes Lächeln zu, und er lächelte zurück.

          „Sie ist eine wunderbare Frau, Mylord“, sagte die Frau des Vikars, die seinen Blick verfolgt hatte. „Darf ich so kühn sein und schon mal einen Termin in St. Justus für Sie beide vormerken?“

          Valerian lachte. „Ich mache mir diesbezüglich durchaus Hoffnungen.“ Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er sie am liebsten gleich morgen geheiratet. Da das natürlich nicht möglich war, schwebte ihm eine Hochzeit im Spätsommer vor, wenn die turbulente Saison in London zu Ende war.

          Der Tanz hörte auf – und Valerian beanspruchte Philippa wieder für sich. Sie fühlte sich wie eine Feder in seinen Armen an. Wenn er nicht gewusst hätte, was ihn später an diesem Abend noch erwartete, hätte er wahrscheinlich die ganze Nacht hindurch mit ihr tanzen wollen. Aber er wusste es. Und ihrem Blick nach zu urteilen, wusste sie es auch. Es gab keinen Grund, noch länger zu warten.

          Als der Tanz endete, beugte er sich zu ihr und flüsterte ihr nur zwei Worte zu. „Nach Hause.“


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