Zärtlicher Eroberer – Kapitel 11

 

Die Feuersbrunst breitete sich rasend schnell aus. Schon bald würden die Flammen und der Rauch die wehrlosen Dorfbewohner erreichen, die zwischen der anstürmenden osmanischen Armee und den brennenden Ruinen ihrer Häuser gefangen waren. Überrascht und ahnungslos rannten Frauen und Kinder einfach in die Nacht hinaus, ohne zu wissen, in welche Richtung. Ihr einziger Gedanke war, der infernalischen Hölle zu entkommen, in die sich ihr Dorf verwandelt hatte.

          Ein Kind stürzte. Eine Frau schrie. Das Gemetzel des türkischen Vergeltungsschlags hatte begonnen. Im Schutz der Dunkelheit tat Valerian alles Menschenmögliche, um wenigstens ein paar von ihnen zu retten. Wer konnte im Kampfgetümmel schon mit Sicherheit sagen, ob er derjenige gewesen war, der einen osmanischen Soldaten getötet hatte, oder ein fanariotischer Revolutionär, der verzweifelt um sein Leben kämpfte?

          Mit der Geschicklichkeit eines erfahrenen Kriegers hastete er auf die brennenden Hütten zu und rief ihren Namen. Schließlich hatte er Dimitris versprochen, sein Bestes zu tun. Der Rauch sog ihm die Luft aus den Lungen und ließ seine Stimme heiser werden, die lodernden Flammen trockneten den kalten Schweiß auf seiner Haut. Jemand rief seinen Namen, kaum hörbar durch das Prasseln des Feuers und die panikerfüllten Schreie.

          Valerian wandte sich in die Richtung, aus der der Ruf ertönt war. Da stand sie, naiv und selbstlos wie immer, ein Schwert in der Hand, die Augen weit aufgerissen, und wehrte zwei Soldaten ab. Ihren Körper benutzte sie als Schild, um die drei Kinder hinter sich zu schützen.

          Sie hatte keine Chance. Wenn sie Glück hatte, erstachen sie die Soldaten, ehe sie merkten, was für eine lohnende Gefangene sie als Schwester eines der fanariotischen Anführer abgeben würde. Das hatte sie nicht verdient, schließlich hatte sie all das nicht gewollt. Immer wieder hatte sie ihren Bruder angefleht, sich friedlich zu ergeben, so wie die Osmanen es ihnen angeboten hatten.

          Valerian hob das Messer und zog mit der anderen Hand seinen Dolch. Er würde beides brauchen, dazu Schnelligkeit und den Überraschungseffekt. Er fing an zu rennen und stieß einen heiseren Schrei aus. Das reichte. Der Soldat, der am nächsten stand, drehte sich zu ihm um. Valerian schleuderte das Messer los, das sich in die Kehle des Mannes bohrte. Er sprang über den zu Boden gesunkenen Körper des Soldaten und machte kurzen Prozess mit seinem Kameraden.

          Seine Hände waren voller Blut, aber er nahm sich nicht die Zeit, sie abzuwischen. Jetzt war das Feuer der bedrohlichste Feind. „Hilf du den Kindern und gib mir den Kleinen“, brüllte er Natasha heiser zu, die bereits die Hand des Ältesten gepackt hatte, um ihn im Tumult nicht zu verlieren. Die junge Frau reichte Valerian das Baby, das sie so sorgsam gehütet hatte. Er umfing das Baby mit dem linken Arm, damit er die Hand mit dem Messer frei hatte. Er musste es noch zweimal benutzen, ehe sie die schützende Sicherheit des Waldes erreicht hatten.

          Aber das Grauen der Nacht war noch nicht vorüber. Osmanen brachen in ihr Refugium ein und hieben Natasha einen bösartig aussehenden Krummdolch in die Seite. Die schöne junge Frau stürzte zu Boden. Valerian griff an wie ein Berserker; einen Mann überwältigte er mit schierer Körperkraft, ehe er ihm das Messer in den Leib stieß. Er kämpfte wie der leibhaftige Teufel, stach zu, schlitzte auf, tötete und nahm nur am Rande wahr, dass der Junge Natashas Schwert aufgehoben hatte, um ihm beizustehen.

          Als er, Valerian, keinen Gegner mehr hatte, war der Waldboden rot getränkt, und der letzte osmanische Kämpfer lag tot in seinem Blut, niedergestreckt von

 

seinem blindwütigem Zorn. Doch irgendwann während des Kampfes war der Junge ebenfalls zu Boden gestürzt und lag nun totenstill nicht weit von Natasha entfernt. Valerian hatte sein Versprechen Dimitris gegenüber nicht halten können und versagt. Eins der Kinder war bereits tot.

          Er unterdrückte seinen Schmerz und kroch zu Natasha hinüber. Sie lebte noch, aber es ging mit ihr zu Ende.

          Er nahm ihre Hand und spürte, wie sie sie mit letzter Kraft fest umklammerte. „Rette die Kinder“, keuchte sie. „Finde Dimitris.“ Plötzlich weiteten sich ihre Augen vor Entsetzen. „Val, hinter dir!“

          Er hatte das verstörende Gefühl, dass das alles schon einmal passiert war. Er verlor sie erneut. Sie hatte Besseres verdient als eine blutige Hand, die ihre eigene hielt, während sie starb. Nein, nicht die Dunkelheit. Er wollte die Dunkelheit nicht, noch nicht. Er hatte die anderen bislang nicht gerettet. Noch war er nicht so weit.

          Valerian wachte schweißgebadet auf, er zitterte am ganzen Leib; und der Kopf tat ihm weh. Sein Atem stockte, und er schmeckte bittere Galle. Blind tastete er nach der Schüssel, die eigens zu diesem Zweck neben seinem Bett stand, und würgte, bis das Zittern nachließ.

          Wieder dieser Traum. Jene Nacht in Negush, die er nie wieder erleben wollte, und die er doch wie durch einen Fluch ständig durchleben musste. Er beruhigte sich, indem er ein paar Mal tief durchatmete. Es war das erste Mal seit seiner Heimkehr, dass er diesen Alptraum hatte.

          Valerian schlug die Bettdecke zurück, stand auf und schlüpfte in einen Morgenmantel. Danach zündete er die Lampe an, weil er wusste, er würde in dieser Nacht keinen Schlaf mehr finden. Die Furcht, der Traum könnte zurückkehren, war zu groß. Gegen ihn konnte er nichts unternehmen, wohl aber gegen seine Kopfschmerzen.

          Er schenkte sich ein Glas Wasser aus der Karaffe auf dem Nachttisch ein und suchte in einer Schublade nach einer kleinen Phiole. Er zog den Stöpsel heraus und gab ein paar Tropfen in das Wasserglas. Als er es leer getrunken hatte, seufzte er erleichtert auf. Dank seines besonderen Kräuterelixiers würden die Schmerzen im Kopf in zwanzig Minuten nachlassen. Er ging ohne dieses Elixier nirgends hin. Bis es wirkte, konnte er nichts anderes tun, als sich hinzusetzen und abzuwarten.

          Valerian ließ sich in einen Sessel neben dem erkalteten Kamin in seinem privaten Wohnzimmer fallen. Er hasste diesen Traum. Mehr noch, er hasste das, wofür dieser Traum stand – sein Versagen beim Beschützen der Menschen, die ihm etwas bedeuteten.

          Es war seine Aufgabe gewesen, den Türken dabei zu helfen, eine friedliche Kapitulation auszuhandeln, nachdem sich der Distrikt Negush gegen die osmanische Herrschaft aufgelehnt hatte. Dem Distrikt war es sogar vorübergehend gelungen, sich zu befreien. Diese Nachricht hatte sich bis in die benachbarten Dörfer verbreitet, aber auf Dauer gesehen waren die Rebellen der türkischen Armee nicht gewachsen gewesen. Valerian war in die Region geschickt worden, um ihnen zu raten, die Waffen niederzulegen. Aber sie hatten nicht nachgegeben. Die Türken hatten ihnen gegenüber nie Gnade gezeigt, sie hatten ihre Krieger abgeschlachtet; sie hatten Gefangene gemacht, sie in die Sklaverei verkauft und alle die, die nicht dem einen oder dem anderen Schicksal zum Opfer gefallen waren, umgesiedelt an Orte irgendwo tief in Mazedonien.

          Valerian hatte die fanariotischen Rebellen gut gekannt. Er hatte an ihren Tischen gespeist und in ihren Häusern gewohnt. Sie waren regionale Aristokraten gewesen, Natasha so etwas wie eine Countess, ihr Bruder eine Art Earl. Beide hatten ihn stark an Philippa und Beldon erinnert.

          Ursprünglich hatte England ihn damit beauftragt, die Fanarioten zu unterstützen, war dann aber zu der anderen Seite übergetreten, als offensichtlich wurde, dass eine schwache Türkei britische Unterstützung brauchte, wenn man sich in diesem Teil der Welt gegen Russland behaupten wollte.

          Selbst jetzt noch, acht Jahre nach dem verhängnisvollen Aufstand, erfüllten ihn die Ereignisse von damals mit Selbstverachtung. England hatte die Seiten gewechselt, zugesehen, wie Unschuldige abgeschlachtet wurden, und das alles nur, um sich das Wohlwollen der Länder rund um die Schifffahrtswege nach Indien zu sichern.

          Hinter Valerians Aufträgen hatten keine Ideale gestanden, sondern allein reine kapitalistische Gier. Seinem Land kam es sehr gelegen, eine schwache Türkei in der Tasche zu haben. Man mochte die Vorstellung nicht, dass die Menschen dort das osmanische Joch abschüttelten, um eine neue, mächtige Christennation zu bilden, die Konkurrenz machen könnte.

          Natasha, Dimitris und Dimitris’ tapferer Sohn waren für ihre Ideale, für die Freiheit gestorben, nur weil England die Entstehung einer neuen, großen und christlichen Nation nicht tolerieren wollte, die möglicherweise Osteuropa mächtiger werden lassen würde.

          Valerian kämpfte gegen seine Trauer an, die ihn beim Gedanken an den großen Verlust befiel – Natasha, die im Unterholz verblutete, der Junge, der vergeblich gegen doppelt so große Männer kämpfte, Dimitris, der zusammen mit anderen Anführern zwei Tage später in einem grausamen Racheakt der Türken hingerichtet wurde.

          Er vermutete, dass er in jener Nacht wahrscheinlich Verrat begangen hatte, als er die türkischen Verbündeten getötet hatte, um Natasha zu retten. Aber das war ihm ziemlich gleichgültig, nachdem die Motive Englands, die Türken zu unterstützen, von reiner Geldgier geprägt waren. Er hatte seine Pflicht getan, indem er versucht hatte, einen Frieden auszuhandeln. Danach hatte er seine Pflicht Dimitris gegenüber erfüllt und die beiden anderen Kinder in vorübergehende Sicherheit gebracht. Er hoffte, dass das reichte.

          Das war der Beginn eines Patts zwischen den Großmächten in dieser Region; jeder setzte den anderen schachmatt bei seinen Vormachtsbestrebungen. Damals hatte Valerian auch angefangen, sich keine Illusionen mehr über die diplomatische Arbeit zu machen. Diplomatie war keine Chance, wie er ursprünglich geglaubt hatte, die Geschichte zu beeinflussen und eine Spur in der Welt zu hinterlassen.

          Seine restliche Zeit auf dem Kontinent war die Erfahrung eines ständigen Verschiebens von Loyalitäten, als die Briten versuchten, einer russischen Einflussnahme im Osmanischen Reich zuvorzukommen und die Fäden in der Hand zu behalten. Gegen Ende der Auseinandersetzungen verlagerte sich das Gleichgewicht der Mächte wieder. England hatte die Herrschaft über Zypern übernommen und brauchte die Türkei nicht mehr, um die Schifffahrtswege kontrollieren zu können. Ein weiterer Beweis dafür, dass Dimitris für nichts und wieder nichts gestorben war, nicht einmal für die Schifffahrtswege der Nachwelt. Der Grund, warum Dimitris’ Traum zerschlagen worden war, hatte sich als ein vorübergehender herausgestellt. Die Allianz mit den Türken hielt nämlich nur noch wenige Jahre, bis England sein Ziel erreicht hatte.

          Valerian fand, wenn er ein Vermächtnis hinterlassen sollte, dann im Wissen um die Schönheit seiner Gärten, in denen es nur Leben und Frieden gab, und im Bewusstsein eines Kindes, das er in dieser Vorstellung großziehen wollte. Doch dazu brauchte er eine Ehefrau. Er brauchte Philippa.

          Am kommenden Nachmittag würde sie in Roseland sein. Sie hatte seine Einladung angenommen, zweifellos, weil er versprochen hatte, dass auch Beldon anwesend sein würde. Er hatte ihr vieles in seinem Brief versprochen, alles nur, damit sie kam und er die Chance erhielt, ihr zu beweisen, wie er wirklich war.

          Er war ein Mann der Tat, aber in seiner Verzweiflung, sie für sich zu gewinnen, hatte er alles falsch gemacht. Er war viel zu überstürzt vorgegangen. Er kannte seine Geschichte, sie hingegen nicht. Sie brauchte Zeit, ihn wieder kennenzulernen und ihm so zu vertrauen wie früher einmal.

 

Philippa faltete seufzend Valerians Brief zusammen und verstaute ihn wieder in ihrem Retikül. Sie musste von Sinnen sein, die Einladung angenommen zu haben. Damit forderte sie alle möglichen Verrücktheiten geradezu heraus. Sie und Valerian hatten doch bewiesen, dass sie sich nicht vernünftig verhalten konnten, wenn sie miteinander allein waren. Die wenigen Male, als das der Fall war, hatten zu allerlei Unheil geführt. Und doch war sie jetzt hier. Sein Brief hatte irgendwie traurig geklungen, wie ein Appell eines Freundes an einen anderen, und sie hatte sich nicht in der Lage gesehen, Valerian eine Absage zu erteilen.

          Philippa sah aus dem Kutschenfenster. Wenn sie sich richtig erinnerte, war sie fast am Ziel. Der hohe, eckige Turm der St.-Justus-Kirche kam in Sicht, und von dort aus war es nur noch eine Meile bis Roseland. Philippa war erst einmal dort gewesen, unmittelbar nach dem Tod von Valerians Eltern. Ihre Familie reiste an, um ihm zu helfen, seinen Besitz zu ordnen. Sie war damals erst zwölf gewesen, aber sie erinnerte sich noch überraschend gut an diese Fahrt. Die Straße führte in südlicher Richtung am Friedhofstor vorbei, an einem Flüsschen entlang und dann noch über einen letzten Hügel, bis man die großzügigen Park- und Gartenanlagen von Roseland erreichte.

          Auf den ersten Blick wirkte Roseland so, wie man es von einem Ort erwarten würde, der fast zehn Jahre lang nicht bewohnt wurde. Die herrlichen Gärten, einst der ganze Stolz von Roseland, waren mit Unkraut überwuchert, Rhododendren hatten alte, verholzte Hortensien verdrängt, und Glockenblumen wuchsen wild und überall.

          Auf den zweiten Blick konnte sie jedoch das Wirken von Valerians kundigen Händen entdecken, als die Kutsche die lange Zufahrt zum Haus entlangrollte. Gärtner mit großen Scheren brachten den Rasen wieder in Fasson. In den Gärten unmittelbar vor dem Haus wimmelte es von Arbeitern, die niedrige Mauern neu zogen und die Blumenbeete vom Unkraut befreiten.

          Die Kutsche bog in die kreisförmige Auffahrt vor dem Haus ein, und Philippa war fasziniert von dem nun eleganten Eindruck. Das Kopfsteinpflaster war völlig frei von Unkraut, die Steine wirkten neu verlegt, gleichmäßig reihten sie sich aneinander, ohne die geringste Unebenheit, über die man hätte stolpern können.

          Philippa stieg aus und bestaunte den Mittelpunkt der Auffahrt mit seinem pièce de résistence, einem wunderschönen Brunnen, aus dem Wasser aus einer Fontäne in das Becken darunter plätscherte. Um dem Ganzen Farbe zu verleihen, waren um all das leuchtend rote, blaue und weiße Blumen gepflanzt worden.

          Der Brunnen war im klassischen Stil gebaut worden, damit er zur Architektur von Roseland passte, und er erinnerte Philippa an etwas, das man auf einer italienischen Piazza vorfinden mochte.

          Das plätschernde Wasser zog sie beinahe magisch an. Da sie sich allein wähnte, gab sie der Versuchung nach und hielt die Hand in den Wasserstrahl.

          Ein leises Lachen ertönte hinter ihr. Rasch zog sie die Hand zurück und drehte sich um.

          „Willkommen in Roseland, Euer Gnaden.“ Ein würdevoll aussehender Mann stieg die Treppe vor dem Eingang hinunter. „Ich bin Steves, der Butler von Viscount St. Just. Er hat mich gebeten, nach Ihnen Ausschau zu halten.“

          Philippa unterdrückte ein Aufstöhnen. Was mochte sie nur für einen Anblick bieten! Bestimmt hielt Steves sie für ziemlich linkisch, weil sie sich zu so einem kindlichen Vergnügen hatte hinreißen lassen.

          „Der Viscount wird sich freuen, dass Ihnen der Brunnen gefällt. Er ist ganz neu. Mylord hat ihn erst letzten Monat aufgestellt. Auch das Kopfsteinpflaster hat er selbst verlegt.“

          So etwas traute Philippa Valerian durchaus zu. Wenn Steves glaubte, sie damit überraschen zu können, dann irrte er. „Sein handwerkliches Können ist und war schon immer ausgezeichnet“, erwiderte sie.

          Steves nickte und sagte bedeutungsvoll: „Das ist wahr. Er hat gehofft, dass es Ihnen gefällt.“

          Sie errötete und unterdrückte das Bedürfnis, Steves zu fragen, wie er das gemeint hatte. Das hätte eindeutig zu neugierig gewirkt. „Wo ist der Viscount, Steves?“, fragte sie stattdessen.

          „Er erwartet Sie auf der Terrasse hinter dem Haus. Wenn Sie mir bitte folgen wollen? Ein Lakai kann sich um Ihr Gepäck kümmern.“

          Die „Terrasse hinter dem Haus“ – dies erwies sich als ziemlich untertriebene Formulierung, wie Philippa wenig später feststellte. Sie fühlte sich geradezu klein auf der frisch gefegten, riesigen Aussichtsfläche mit den Sitzgruppen aus robusten Korbmöbeln. Valerian war gerade dabei, mit vier anderen Männern einen gewaltigen Kübel mit einem Baum zu verrücken, einer Art, die sie noch nie gesehen hatte.

          Offenbar sollte das große Behältnis seinen endgültigen Platz an der Ecke der Terrasse finden, damit der Baum dort Schatten spenden konnte. Valerian entdeckte sie und winkte ihr zu, dann machte er eine Geste, mit der er sie aufforderte, sich schon einmal hinzusetzen.

          Er sah atemberaubend aus. Sein Haar glänzte in der Sonne, und er trug nur sein Hemd, das ihm schweißnass am Rücken klebte. Philippa konnte genau das Spiel seiner Muskeln darunter sehen, als die Männer den Kübel mit aller Kraft weiterrückten.

          Ein letzter Ruck, dann trat Valerian sichtlich zufrieden zurück. „Perfekt. Genauso habe ich mir das vorgestellt“, lobte er und zog sich die dicken Arbeitshandschuhe aus, ehe er sich zu Philippa gesellte und sich neben sie in einen Sessel setzte.

          „Das ist ein herrlicher Baum, Val.“ Der alte Kosename rutschte ihr über die Lippen, ehe sie es verhindern konnte. Zum Glück ging Valerian nicht darauf ein.

          „Das ist eine Hanfpalme. Ich habe mir vor einigen Jahren aus Italien einen Steckling hierherschicken lassen. Mein Gärtnermeister hat sich darum gekümmert, und das ist daraus geworden.“ Er stand auf und studierte die oberen dunkelgrünen Palmwedel. „Ich glaube nicht, dass sie noch viel größer wird. Der Gärtner, mit dem ich in Italien sprach, meinte, in einem kälteren Klima bliebe die Palme kleiner, weil die oberen Wedel den Wind nicht so gut vertragen würden. In den Mittelmeerländern werden diese Bäume natürlich viel größer.“

          „Ich hatte gar keine Ahnung, dass du in Italien warst“, sagte Philippa überrascht. Ihr fiel plötzlich auf, dass das nur eins von vielen Dingen war, die sie nicht von ihm wusste.

          „Nur kurz. Es war eine kurze Reise, kein längerer Aufenthalt.“ Valerian zuckte die Achseln. „Trotzdem habe ich die Zeit bestens genutzt. Ich habe jeden erdenklichen Park besichtigt. Als meine Arbeit in Rom beendet war, bin ich sogar noch nach Florenz gefahren, einzig um mir die Boboli-Gärten anzusehen.“ Valerian fing an zu lachen und wirkte auf einmal sehr jung und glücklich, abgesehen von den dunkeln Ringen unter seinen Augen. „Ich habe wohl zu lange in der Erde gewühlt und darüber ganz meine Manieren vergessen. Jetzt bist du gerade erst angekommen, und ich schwafele über Pflanzen. Ich bitte um Entschuldigung, Philippa. Ich bin froh, dass du hier bist. Glaubst du, du bist der Aufgabe gewachsen?“

          „Bei mir brauchst du keinen Wert auf Förmlichkeiten zu legen.“ Sie lächelte ihn an und genoss diesen wundervollen Augenblick, mit ihrem Freund zusammen zu sein. Das war der Valerian, den sie so vermisst hatte. „Alles sieht hier recht gut aus. Der Springbrunnen gefällt mir.“

          „Es wird noch viel besser ausschauen, wenn wir beide erst einmal mit allem fertig sind“, erwiderte Valerian. „Ich möchte den Gärten wieder zu neuem Glanz verhelfen und sie denen von Trewithen und Trebah ebenbürtig machen.“ Damit bezog er sich auf zwei große, nahe gelegene Anwesen, die berühmt waren für ihre Gartenanlagen. Dann wurde er etwas ernster. „Ich war lange Zeit fort, und das merkt man hier an allen Ecken und Enden.“

          Philippa spürte, dass er sich das zum Vorwurf machte. Sie hätte ihm gern etwas von den Schuldgefühlen genommen, die sie aus seiner Stimme herausgehört zu haben glaubte. Aber was konnte sie zu ihm sagen? Sie hatte keine Ahnung, warum er so lange weggeblieben war. Sie hatte immer geglaubt, er wäre gern und aus freiem Willen fortgegangen, doch jetzt ließ sein Tonfall fast vermuten, dass es anders war.

          Valerian gab sich einen Ruck und lächelte wieder. „Möchtest du das Haus betreten und sehen, was auf dich zukommt? Beldon wird erst zum Abendessen wieder hier sein.“

 

Valerian hatte recht gehabt – es war viel Arbeit nötig, um das Haus herzurichten. Philippa merkte sich vieles vor, während sie durch die großen, leeren Räume von Roseland schlenderten. Bienenwachspolitur und Zitrone reichten hier nicht aus. Die Tapeten waren verblichen und mussten durch neue ersetzt werden, die Gardinen verstaubt. In welchem Zustand sie sich befanden, würde Philippa erst wissen, wenn sie sie vom Staub befreit hatte. Die Teppiche wirkten dünn und verschlissen, dennoch fühlte Philippa sich der Herausforderung gewachsen. Sie hatte bereits Erfahrung gewonnen mit Cambournes Stadthaus in London, das sie in ein wahres Schmuckstück verwandelt hatte.

          Valerian öffnete die große Flügeltür zum Ballsaal. Philippa war nicht gefasst auf die Flut von Erinnerungen, die der leere Raum auslöste. Der Saal selbst war nichts Besonderes. Der Parkettboden war völlig abgenutzt und glänzte nicht mehr, die Wandfarbe verblasst und blätterte stellenweise ab. Vorhänge hingen schlaff an den langen Fenstern auf der gegenüberliegenden Seite. Nichts befand sich in den Nischen, in denen große Kristallvasen mit Blumen aus den Gewächshäusern von Roseland hätten Platz finden können. Das einzige Möbelstück im Raum war ein Flügel, über den man ein Laken gegen den Staub ausgebreitet hatte.

          Nein, der Raum war nicht aufsehenerregend, im Gegenteil, er wirkte eher verwahrlost. Aber Philippa sah sich wieder als Zwölfjährige, als sie den Ballsaal zum ersten Mal betreten hatte. „Ich erinnere mich, dass du mich damals hierhergebracht hast“, sagte sie leise und ging langsam in die Mitte des Raumes.

          Valerian folgte ihr, und sie war sich seiner Nähe überdeutlich bewusst. Er lachte. „Du hast diesen Saal sofort zu deinem Lieblingsplatz im ganzen Haus erklärt und mir gesagt, Gelb wäre die beste Farbe für ihn.“

          „Und ich hatte recht“, gab sie scherzhaft zurück. „Sieh nur, wie gut die Farbe die Jahre überstanden hat!“

          „Du hast dir an jenem Tag große Mühe gegeben, mich aufzuheitern“, sagte Valerian ruhig.

          „Daran kann ich mich nicht mehr erinnern“, erwiderte sie unbeholfen. Sie wollte nicht, dass er so war – so nett und freundlich, dass sie fast hätte meinen können, er wäre wirklich wie früher. Und natürlich entsann sie sich, lebhaft sogar, was sie damals getan hatte, um ihn aufzuheitern.

          „Aber ich.“ Valerian drehte sie zu sich herum und zog sie in seine Arme. „Du hast mit mir getanzt und die ganze Zeit von all den Festen geredet, die wir hier geben würden, und was für ein glücklicher Ort Roseland wieder werden sollte.“

          „Ich muss ziemlich lästig gewesen sein“, murmelte Philippa und zuckte zusammen, als er plötzlich anfing, mit ihr Walzer zu tanzen. Großer Gott, er war unwiderstehlich! Wie sollte sie ihr Herz daran hindern, ihn wider besseres Wissen zu lieben? „Val, ob das klug ist?“, fragte sie und ließ sich von ihm durch den Saal wirbeln.

          „Hier ist doch niemand, wir sind allein.“

          „Tu doch nicht so, Val, ich weiß sehr wohl, dass wir allein sind. Genau das macht mir ja Sorgen. Wir können uns nicht wieder verlieben oder wie du das sonst nennen willst.“

          Valerian brach den Tanz abrupt ab. „Was meinst du damit?“

          Sie konnte genauso gut gleich in den sauren Apfel beißen und die Karten offen auf den Tisch legen. „Wenn du mich hast kommen lassen, dir beim Renovieren zu helfen, dann ist das in Ordnung. Wenn du mich allerdings mit anderen Absichten eingeladen hast, vielleicht … nun … romantischer Art …“ Sie verstummte und suchte nach der richtigen Formulierung, aber es gab keine. „Wenn du mich also verführen oder unsere affaire aus der Jugendzeit wieder aufleben lassen möchtest, werde ich mich nicht darauf einlassen.“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich weiß, was eine Beziehung mit dir bedeutet, und so etwas will ich nicht mehr. Ich habe dich vor all diesen Jahren geliebt und fürchte, ich könnte dich wieder lieben. Ich wäre am Boden zerstört, wenn du mich verlassen würdest. Solch einen Schmerz könnte ich nicht noch einmal überleben.“ Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen, ihm in die Augen zu sehen, und sie kam sich eher vor wie ein achtzehnjähriges Mädchen als wie eine erwachsene Frau von siebenundzwanzig Jahren.

          „Sch …“ Valerian legte ihr einen Finger an die Lippen, und seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Und wenn ich dir nun sagen würde, ich hätte dich ebenfalls geliebt und nie aufgehört, dich zu lieben? Dass in jener Nacht, als ich so tat, als gäbe ich dir den Laufpass, alles nur gelogen war?“

          Ein Hoffnungsschimmer glomm in ihr auf. Konnte sie es wagen, diese Behauptungen zu glauben? Dann fiel ihr etwas ein, und ihr wurde wieder schwer ums Herz. „Und die Frauen, Val? Sind all die Geschichten über dich auf dem Kontinent auch gelogen?“, fragte sie mit einem wehmütigen Lächeln.

          „Das war ein ziemlich vergeblicher Versuch zu vergessen, was ich zurückgelassen hatte“, murmelte er. Seine Augen baten sie, ihm eine Chance zu geben. Philippa wollte sich aus seinen Armen lösen, aber er hielt sie fest. „Lass mich dir meine Geschichte berichten, Philippa. Und danach kannst du entscheiden, ob du mich wieder lieben willst.“

 


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