Zärtlicher Eroberer – Kapitel 18

Valerian hielt den Blick fest auf einen bestimmten Punkt an der Wand der Kutsche gerichtet, während er unauffällig den Umhang befühlte, den Beldon ihm im letzten Moment mitgegeben hatte. Der Tag war mild, aber wenn der Abend kam, würde er willkommen sein. Von Lucien hatte er kaum Höflichkeiten zu erwarten, zu wohl fühlte der sich in der Rolle des treuen, rechtschaffenen Patrioten. Die eisernen Handschellen waren eine unnötige Demütigung, doch Lucien wollte das Ganze für Valerian offensichtlich zu einer besonders erniedrigenden Erfahrung machen. Er sollte für alle Welt dastehen als äußerst gefährlicher Verbrecher.

          Ihm gegenüber in der Kutsche saß ein Mann, die anderen und Lucien ritten neben dem Gefährt. Valerian ignorierte seinen Mitreisenden und fixierte den Blick weiterhin fest auf den gewählten Punkt. Auch wenn sein Körper gefangen war, sein Geist war frei.

          Diesen Trick hatte ihm Dimitris verraten, als er ihn das letzte Mal vor seiner Hinrichtung im Gefängnis gesehen hatte. Es kam Valerian wie eine Ironie des Schicksals vor, dass er augenscheinlich genauso enden sollte wie Dimitris, und das nur wenige Tage nach der Ankunft von dessen Kindern.

          Während des ersten Teils der Reise gestattete er sich, an Philippa und den vielversprechenden Beginn dieses Tages zu denken. Er beschwor Bilder von ihr herauf, von Roseland, von Lilya und Konstantin und allem anderen, was ihm lieb und teuer war. Die Nacht würde unweigerlich kommen, aber er würde es nicht wagen, die Augen zu schließen und zu schlafen, aus Angst vor dem Alptraum, aus Angst, er könnte im Traum irgendetwas von sich geben, das Lucien einen weiteren belastenden Beweis liefern würde. Er brauchte diese friedlichen Erinnerungen, um die Nacht überstehen zu können. Er hatte viele einsame Nächte auf dem Balkan verbracht, in denen er dieselbe Taktik angewendet hatte.

 

Zur Teestunde machten sie kurz halt, danach fuhren sie zügig weiter, um das Tageslicht bestmöglich auszunutzen. Während des zweiten Teils der Reise dachte Valerian darüber nach, was Lucien vorhaben mochte. Er versuchte sich in seine Denkweise hineinzuversetzen. Ihm war völlig klar, dass Canton ihn als verurteilten Verräter sehen wollte, aber es war höchst unwahrscheinlich, dass es zu mehr als einer ersten Anhörung vor Gericht kommen würde. Vermutlich führte Lucien also etwas anderes im Schilde.

          Valerian überlegte, dass es auf dieser Reise reichlich Zeit gab, Zeit für die Durchführung irgendwelcher hinterhältiger Pläne. Für Canton würde sich sicher mehr als nur eine Möglichkeit bieten, ihn zu töten. In Handschellen war Valerian dem Mann vollkommen wehrlos ausgeliefert. Er konnte nur nicht genau einschätzen, wie feige Lucien war. Besaß er die Kaltblütigkeit, jemanden selbst zu ermorden? Oder war er eher einer von der Sorte Mann, die „Unfälle“ bevorzugten, vor allem solche, die er zwar anordnete, die aber von anderen in die Tat umgesetzt wurden?

          Bestimmte Ereignisse hatten ihm in den letzten Jahren zweifellos viel Glück gebracht. Das scheinbar plötzliche Auftauchen von Mandeville Danforth in seinem Haus in Truro hatte ihm sogleich einen Sitz im Vorstand der neuen Bank beschert. Ein Unfall in den Cambourne-Minen hatte ihm direkten Zugang zu Cambournes Erbe verschafft und ihm die Gelegenheit geboten, Philippas Freundschaft für seine ruchlosen Machenschaften auszunutzen.

          Bei diesem Gedanken stutzte Valerian. Er hatte bislang alle dunklen Seiten von Cantons schändlichem Spiel in Betracht gezogen, aber dabei hatte er nur an die Gegenwart gedacht. Wie weit zurück in die Vergangenheit reichte sein Komplott wirklich?

Beinhaltete es auch die bewusste Planung von Cambournes Tod? War die Intrige so fein gesponnen, dass er sich bereitwillig drei Jahre Zeit dafür gelassen hatte? Bis die Trauerzeit für Philippa zu Ende war und sie völlig legitim wieder heiraten konnte? Der mögliche Abgrund, der sich da vor ihm auftat, sprengte den Rahmen dessen, was er sich hätte ausmalen können. Es ging nicht mehr darum, dass Canton eine Situation für sich ausnutzte, in die er rein zufällig geraten war. Wenn seine Vermutungen zutrafen, hatte dieser von Anfang an ganz genau gewusst, was er tat. Das erklärte auch, warum Lucien so viel auf sich nahm, um ihn von der Bildfläche verschwinden zu lassen. Ohne es zu wissen, war er zu einer Bedrohung für seine ganzen Pläne geworden, und Philippa ebenfalls.

          Er hoffte, dass sie durchhielt. Nach ihrem Gespräch mit Lucien hatte sie totenblass ausgesehen. Aber sie war zäh und beharrlich, und er bezweifelte nicht, dass sie sich längst etwas ausgedacht hatte, wie sie ihm beizustehen vermochte. Allerdings wünschte er sich, dass er selbst einen Ausweg aus dieser Situation gefunden hatte, ehe Philippa eingreifen konnte. Er wollte sie nicht in Gefahr bringen, und Lucien war ein weitaus gefährlicherer Gegner als ihr bewusst war.

          Er betastete vorsichtig den Umhang und war froh, dass jemand so vorausschauend gewesen war, ein paar Dinge darin zu verstecken. Wahrscheinlich Lilya, denn sie hatte als Einzige die Möglichkeit dazu gehabt. Beldon und Philippa befanden sich draußen bei ihm auf der Terrasse.

          So wie sich die Gegenstände anfühlten, handelte es sich um ein kleines Messer, etwas Geld und eine kleine Phiole. Valerian sah förmlich vor sich, wie Lilya in sein Zimmer gestürzt war und die Phiole auf dem Nachttisch entdeckt hatte. Vermutlich hatte sie sie mitgenommen, weil sie dachte, es könnte sich um eine Medizin handeln, die er möglicherweise brauchte. Wenn er lange genug lebte, um das Newgate-Gefängnis von innen zu sehen, würde ihm das Geld sehr gelegen kommen. Er hoffte, dass er nicht gezwungen sein würde, das Messer zu benutzen, aber er dankte Lilya insgeheim für ihre Umsicht.

 

Die Dämmerung brach an, als sie vor einem abgelegenen Gasthaus am Wegesrand anhielten. Vor etwa einer Stunde waren sie durch ein größeres Dorf gefahren, aber Valerian verstand jetzt, warum Lucien es vorgezogen hatte, hier zu halten. Es wurde von nur wenigen Reisenden aufgesucht, sodass ihre kleine Gesellschaft weniger Aufmerksamkeit auf sich ziehen konnte. Diese Wahl erhärtete Valerians Verdacht, dass Canton etwas anderes im Sinn hatte als eine Gerichtsverhandlung wegen Verrats.

          „Die Handschellen, können Sie die mir bitte entfernen“, sagte er, als die Kutsche zum Stehen gekommen war. Er streckte die Arme aus.

          Der Mann ihm gegenüber schüttelte den Kopf. „Tut mir leid, aber ich habe strikte Anweisung, sie auf gar keinen Fall abzunehmen.“

          „Nun gut. Dann legen Sie mir den Umhang um meine Schultern.“ Valerians Stimme hatte einen Befehlston angenommen. „Die Schließe ist vorn. Machen Sie sie gut zu, denn er soll mir nicht von den Schultern rutschen.“

          Voller Widerwillen gehorchte der Mann und murmelte etwas davon, wie ein „verdammter Lakai“ behandelt zu werden. Valerian fand ein gewisses Vergnügen an diesem Gejammer. Vielleicht beschwerte der Mann sich ja bei Canton, es sei nicht seine Aufgabe, ein „verdammter Lakai“ zu sein, und erhielt dann die Erlaubnis, ihm die Handschellen abzunehmen. Es war schließlich nicht so, dass Valerian einen Gefängnisausbruch vorhatte – oder in diesem speziellen Fall ein Entkommen aus einer Kutsche. Eine Flucht hätte nur wie ein Schuldeingeständnis ausgesehen. Er wollte einfach lange genug am Leben bleiben, bis er in London war und die Sache mit Lucien zu Ende bringen konnte.

          Das Gasthaus war schäbig, aber es gab keine anderen Gäste bis auf ein paar Einheimische im Schankraum. Lucien grinste Valerian hämisch an, als der sich unbeholfen auf eine der Sitzbänke setzte. Zum Essen öffnete ihm einer der Männer die Handschellen, so konnte er sich wenigstens jetzt ihrer entledigen. Es wurde ziemlich schnell aufgetragen, ein fettiger Lammeintopf mit zu lange gekochten Karotten, aber Valerian hatte schon Schlimmeres gegessen. Lucien offensichtlich nicht, denn er schob den Teller angewidert von sich. Er sah Valerian boshaft an. „Wahrscheinlich sehr klug von Ihnen, jetzt so viel wie möglich zu sich zu nehmen. Ich weiß nicht, ob es dort, wo Sie hingehen, überhaupt etwas zu essen gibt.“

          Valerian hielt seinem Blick gelassen stand und sagte nichts. Er hatte nicht vor, auch nur ein Wort mit Canton zu wechseln.

          Lucien sah plötzlich an ihm vorbei zur Tür, und seine Miene verfinsterte sich augenblicklich. „Pendennys, was für eine Überraschung, Sie hier zu sehen“, sagte er kalt.

          „Ach ja, wer hätte das gedacht, dass wir bei der großen Auswahl von Gasthäusern tatsächlich denselben Geschmack haben!“, erwiderte Beldon beschwingt, so, als hätte er gerade eben einen der vornehmsten Clubs von London betreten. „St. Just, alles in Ordnung?“ Beldon setzte sich neben ihn auf die Bank.

          Valerian unterdrückte nur mit Mühe ein Lachen. „Was um Himmels willen machst du denn hier?“

          „Ich reise geschäftlich nach London, ähnlich wie du, nehme ich an“, antwortete Beldon heiter. „Ist das Ale hier zu empfehlen?“

          Lucien bellte seinen Leuten zu, den Gefangenen gut zu bewachen, und verließ wütend die Schankstube.

          „Wir gehen nirgendwo hin“, versprach Beldon fröhlich und hob seinen Humpen. „Immer mit der Ruhe, Gentlemen, ich leiste nur einem alten Freund Gesellschaft. Das ist laut Ihren Gesetzbüchern doch nicht strafbar, oder? Hier, Wirt …“ Beldon warf zwei Münzen auf den Tisch. „Ale für alle, und sorgen Sie zügig für Nachschub. Diese Jungs haben einen langen Tag hinter sich.“

          Valerian warf Beldon einen verstohlenen Seitenblick zu. Irgendetwas führte er im Schilde, aber ihm war doch wohl hoffentlich klar, dass eine Befreiung nicht infrage kam? Beldon lächelte nur.

          Schon nach der ersten Runde hatten sich alle Männer an Beldons und Valerians Tisch eingefunden. Nach der zweiten verglichen sie ihre Wunden, die sie am Morgen bei dem Handgemenge davongetragen hatten. Als die dritte Runde gebracht wurde, fragte Beldon liebenswürdig: „So, wie viel bekommt man denn heutzutage dafür, von einem Viscount Prügel beziehen zu müssen?“

          „Genug“, antwortete einer. „Das Doppelte von dem, was wir sonst in einer Woche verdienen würden.“

          „Ich bin mir nicht unbedingt sicher, ob die Bezahlung wirklich ausreichend ist, wenn man bedenkt, was wir heute von Ihnen und dem Viscount einstecken mussten.“ Ein Mann namens Johnny betastete behutsam sein blaues Auge, eine Erinnerung an Beldons Faust.

          Beldon nickte mitfühlend. „Tut mir leid.“

          „Sie und der Viscount kämpfen ganz und gar nicht wie verweichlichte Stutzer“, fügte Johnny hinzu.

          „Wir sind alte Freunde“, erklärte Beldon und legte den Arm um Valerians Schultern. „Und das schon seit sehr langer Zeit. Wir haben mehr als einen Kampf gemeinsam ausgefochten.“

 

Während der nächsten halben Stunde lehnte Valerian sich zurück und beobachtete, wie Beldon die raubeinigen Soldaten um den Finger wickelte. Er durchschaute die Taktik seines Freundes. Beldon war sich ebenfalls bewusst, dass eine Flucht nicht sinnvoll war, aber es war durchaus von Vorteil, wenn man seine Gefangenenwärter auf seiner Seite hatte. Es würde Valerian nicht überraschen, wenn er während der morgigen Fahrt keine Handschellen zu tragen brauchte, oder wenn Beldon bei ihm in der Kutsche sitzen durfte. Solch kleinen Annehmlichkeiten bedeuteten in Situationen wie dieser sehr viel. Und vielleicht versuchte er ja auch, einen echten Verbündeten zu gewinnen, der sich in London für Valerian einsetzen würde.

          Irgendwann wurde es Zeit zum Schlafengehen. Lucien hatte sich ein Einzelzimmer im ersten Stock geben lassen, die anderen sollten auf Pritschen im Schlafsaal nächtigen, Valerian eingeschlossen. Die Soldaten sollten abwechselnd Wache halten, für den Fall, dass dieser irgendwelche Dummheiten beabsichtigte.

          Es war Valerian eine ungeheure Erleichterung, Beldon bei sich zu haben. „Du schläfst zuerst“, sagte sein Freund ruhig und zeigte auf eine der Pritschen. „Ich übernehme die erste Wache.“

          Valerian nickte. Auch Beldon sah also die Gefahr, dass Canton möglicherweise keine Skrupel hatte, jemanden im Schlaf zu ermorden. „Wie geht es Philippa?“, fragte er leise.

          „Gut.“ Beldon sah sich um. „Morgen in der Kutsche erzähle ich dir mehr, aber jetzt nicht. Ich habe einen Brief von ihr dabei.“ Einer der Soldaten rief, sie sollten endlich den Mund halten, und Beldon hob entschuldigend die Hand. „Tut mir leid, dass wir Sie gestört haben.“ Aber sowohl er als auch Valerian wussten, dass sich das Ale ausgezahlt hatte. Normalerweise hätten sie nicht einmal diese wenigen Sätze wechseln dürfen. Die Ermahnung war nur der Form halber ausgesprochen worden.

          Valerian deckte sich mit seinem Umhang zu, und seine Finger schlossen sich um das Heft des kleinen Messers. Die Szene erinnerte ihn an so viele unter unsicheren Umständen verbrachte Nächte auf dem Balkan – der einzige Unterschied war nur, dass er damals allein gewesen war. Valerian sah zu Beldon hinüber, der ein Schachspiel mit dem wachhabenden Soldaten begonnen hatte. Nicht im Traum hätte er damit gerechnet, dass Pendennys ihn in der Schankstube ausfindig machen würde. Seine Anwesenheit war auch ein gutes Zeichen dafür, dass Philippa die Anschuldigungen gegen ihn nicht ernst genommen hatte. Zum ersten Mal, seit Canton ihn abgeführt hatte, sah die Zukunft nicht mehr ganz so schwarz aus.

 

Philippas düstere Vorahnungen wollten jedoch nicht weichen. Die Fahrt nach Truro war ihr endlos erschienen, obwohl Lilya sich alle Mühe gegeben hatten, eine Unterhaltung in Gang zu halten, damit Philippa vorübergehend auf andere Gedanken kam.

          Die hörte ihr allerdings nur mit halbem Ohr zu, alle ihre Gedanken kreisten um Valerian. War er in Sicherheit? War Beldon rechtzeitig zu ihm gestoßen? Auch um ihren Bruder machte sie sich Sorgen. Vielleicht war es doch keine gute Idee gewesen, ihn die Verfolgung aufnehmen zu lassen. Sie würde es sich niemals verzeihen können, wenn ihm etwas zustieße.

          Aber Beldon war durchaus imstande, sich zu verteidigen. Er konnte gut boxen und mit dem Schwert umgehen. Zugleich fand sie es ziemlich bemerkenswert, dass sie es Lucien zutraute, einem anderen Menschen Schaden zuzufügen. Beldon war Valerian nachgeritten, weil er mit ihr übereingestimmt hatte, dass Canton womöglich Valerians Tod wünschte. Beldons Anwesenheit mochte das Schlimmste verhindern, wenigstens bis sie in London eintrafen. Philippa hoffte verzweifelt, bis dahin noch etwas anderes zu Valerians Schutz gefunden zu haben, einen Beweis für Luciens Schandtaten. Es würde allerdings nicht einfach werden. Rein theoretisch hatte Valerian Verrat verübt. Rein theoretisch hatte Lucien nichts Falsches getan. Wie sollte man ruchlose Motive beweisen?

          Diese Frage beschäftigte sie den ganzen Nachmittag über, bis die Kutsche endlich vor einem vornehmen Gasthaus in Truro anhielt. Es war zu spät, noch an diesem Abend etwas zu unternehmen, aber gleich am kommenden Morgen wollten sie und Lilya Luciens Anwesen einen Besuch abstatten. Hoffentlich war sie den Bediensteten so vertraut, dass diese sie ohne Weiteres ins Haus ließen. Wenn nicht, war Philippa darauf vorbereitet, sich den Zutritt zu erzwingen.

 

Am Morgen zog sie ihr bestes Tageskleid an, während Lilya als ihre Zofe auftreten wollte. Sie fuhren geradewegs zu dem Herrenhaus, und der Butler erkannte Philippa auf Anhieb.

          „Euer Gnaden, Mylord ist nicht anwesend“, erklärte er etwas überrascht durch ihre unangekündigte Ankunft. „Das wissen Sie doch sicher?“

          „Genau deshalb bin ich ja hier“, erwiderte Philippa und benutzte die Ausrede, die sie und Lilya sich vorher zurechtgelegt hatten. „Mr. Canton hat ein paar Unterlagen vergessen, die er benötigt. Er hat mich gebeten, sie zu holen, denn es ist sehr dringend. Er befürchtet, dass seine neuen Verträge ohne diese Dokumente nicht unterzeichnet werden können.“ Sie rang die Hände, um die Dringlichkeit noch zu betonen.

          „Wissen Sie, wo er sie liegen gelassen hat?“

          „Er glaubt, in seinem Arbeitszimmer oder in seinem Schlafzimmer“, teilte Philippa ihm mit.

          „Ich werde Ihnen suchen helfen“, bot der Butler an.

          Philippa schüttelte den Kopf und zeigte auf Lilya. „Ich habe eigens meine Zofe mitgebracht, um Sie nicht damit belästigen zu müssen. Ich weiß, wie viele Verpflichtungen Sie haben.“ Damit durchquerte sie die Eingangshalle und ging geradewegs auf die Treppe zu, die nach oben führte, ehe der Butler irgendwelche Einwände hervorbringen konnte.

          „Wonach suchen wir?“, flüsterte Lilya, sobald sie die Tür zum Arbeitszimmer hinter sich ins Schloss gezogen hatte.

          „Nach irgendetwas Belastendem, mehr weiß ich auch nicht. Vielleicht finden wir ja gar nichts.“

          Es kam ihr wie ein Teilsieg vor, dass sie so problemlos ins Haus gelangt waren, doch sie mussten sich beeilen. Philippa hatte keine Ahnung, wie lange es dauern würde, bis die Bediensteten argwöhnisch wurden. Wie viel Zeit sie hatten, hing davon ab, wie viel Lucien dem Personal über ihr Zerwürfnis mitgeteilt hatte. Sie konnte nur hoffen, dass Luciens Arroganz es ihm nicht erlaubt hatte, die Bediensteten über den Zustand ihrer Beziehung aufzuklären.

          Was die Zeit betraf, so hatten sie Glück. Niemand kam und stellte irgendwelche Fragen. Sonst aber ließ sie das Glück im Stich, denn sie konnten nichts entdecken, das bewies, zu welchen schändlichen Intrigen Lucien fähig war.

          „Wir sollten lieber woanders nachschauen. Ich glaube, hier ist wirklich nichts“, schlug Philippa vor.

          „Ich sehe in seinem Schlafzimmer nach“, bot Lilya an.

          „Und ich in der Bibliothek.“

          In der Bibliothek starrte Philippa die hohen Bücherwände an. Sie würde niemals imstande sein, alle diese Bücher zu überprüfen. Selbst wenn sie die Möglichkeit dazu gehabt hätte, dauerte es sicher länger als einen ganzen Tag. Es lag durchaus im Bereich des Möglichen, dass ein Buch ausgehöhlt worden war, um etwas darin zu verstecken. Aber wie sollte sie das in so kurzer Zeit finden? Außerdem würde sie sich unnötig verdächtig machen, falls einer der Bediensteten hereinkam und sie dabei ertappte, wie sie die Bücher durchblätterte.

          Philippa überprüfte den kleinen Sekretär in der Ecke, aber er war so gut wie leer. Entmutigt ließ sie sich auf das Sofa fallen. Es war schwer vorstellbar, dass ihr erst vor wenigen Monaten in eben diesem Zimmer ein Heiratsantrag von jemandem gemacht worden war, den sie für ihren Freund gehalten hatte. Sie erinnerte sich noch ganz deutlich an jenen Tag. Ihr war in diesem Raum etwas unbehaglich zumute gewesen, weil sie das vage Gefühl gehabt hatte, beobachtet zu werden.

          Sie stand auf und ging zum Kamin. Nach allem, was in den letzten Monaten geschehen war, neigte sie allmählich zu dem Verdacht, dass sie vielleicht tatsächlich beobachtet worden war. Möglicherweise gab hier irgendwo eine versteckte Geheimtür.

          Philippa warf einen raschen Blick zur Tür, dann wieder zum Kamin. Das Porträt darüber hatte an jenem Abend des Heiratsantrags ihr Unbehagen ausgelöst. Sie tastete vorsichtig die Innenseite des Kamins ab, und es dauerte nicht lange, bis sie einen Knopf fand, der normalerweise nicht in einen Kamin gehörte. Philippa hielt den Atem an und drückte auf ihn. Neben dem Kamin tat sich eine Öffnung in der Wand auf. Philippa hätte beinahe laut gejubelt – sie hatte ein Geheimzimmer entdeckt! Doch sie ermahnte sich, nicht zu optimistisch zu sein. Viele Häuser verfügten über solche Zimmer, Überbleibsel aus dem Bürgerkrieg oder aus noch früheren Zeiten.

          Sie bückte sich und trat ein. Der Raum war viel größer als sie vermutet hatte. Vor der einen Wand standen ein Stuhl und ein Schreibtisch, auf dem sich Bücher stapelten. Ein Teppich lag auf dem Boden. Eine schmale Wendeltreppe führte hinauf in eine Art Alkoven, gerade groß genug, dass eine Person aufrecht darin stehen konnte. Philippa verzog das Gesicht. Sie hätte wetten mögen, dass das unheimliche Porträt auf der anderen Seite über dem Kamin Gucklöcher aufwies.

          Sie ging zu dem Tisch und nahm eins der Bücher zur Hand, als sie plötzlich innehielt. Auf dem Tisch lagen Krümel, also musste der Raum erst vor Kurzem benutzt worden sein. Hastig setzte sie sich hin und zog die Schubladen auf. Sie waren unverschlossen, aber in Geheimzimmern brauchte man wahrscheinlich auch nichts abzuschließen.

          Ihr Herz begann schneller zu klopfen. Ihr Brief an Lucien, in dem sie seinen Heiratsantrag ablehnte, lag in der obersten Schublade. Das war ein Beweis, dass Lucien diesen Raum benutzte, aber leider war er keiner, der Valerian hätte helfen können.

          In der untersten Schublade fand sie drei Tagebücher aus den letzten drei Jahren. Philippa blätterte das zuoberst liegende durch und stutzte über das Datum. Der erste Eintrag war ein paar Monate vor Cambournes Tod geschrieben worden. Tatsächlich schien das gesamte Tagebuch von Luciens Beziehung zu Cambourne zu handeln. Keine anderen Begebenheiten waren erwähnt, nichts von den kleinen, alltäglichen Dingen, die man sonst in ein Tagebuch schrieb.

          Philippa blätterte hastiger durch die Seiten. Entsetzt starrte sie auf einen Eintrag, der einen Monat vor Cambournes Tod niedergeschrieben worden war.

 

Ich glaube, nach zwei Monaten in ihren gesellschaftlichen Kreisen habe ich nun das Vertrauen des Duke und der Duchess erworben. Es wird Zeit, den Plan in die Tat umzusetzen.

 

Als Philippa auf den Eintrag stieß, der von dem Tag stammte, an dem Cambourne verunglückt war, unterdrückte sie nur mit Mühe einen Aufschrei. Es war kein Unfall gewesen, dass der Duke im Schacht verschüttet worden war. Den Unfall hatte man geplant. Lucien hatte John ermordet.

          Sie zwang sich, auch die anderen beiden Tagebücher durchzusehen. Sie waren vom Inhalt noch schlimmer. In ihnen schrieb Lucien von seinen weiteren Vorhaben und schilderte die Fortschritte seiner Bemühungen, sich bei ihr einzuschmeicheln. Beim Lesen des nächsten Eintrags wurde Philippa regelrecht übel.

 

Nach etwa einem Jahr Ehe wird mir der Tod meine geliebte Frau rauben, sodass ich als reicher Witwer und ihr nächster Angehöriger dastehe, wenn es um das Aufteilen ihres Erbes geht.

 

Der Schock drohte sie zu lähmen. Ihre Hände zitterten, als Philippa fassungslos auf die beschriebenen Seiten starrte. Lucien hatte sie vollkommen getäuscht. Nie wäre sie auf den Gedanken gekommen, dass er einen vorsätzlichen Mord planen könnte. Sie hatte ihn auch nie mit dem Minenunglück oder gar Cambournes Tod in Verbindung gebracht. Beinahe hätte sie einen Mörder geheiratet.

          Sie musste schleunigst das Haus verlassen, denn sie hatte keine Ahnung, wie viel die Bediensteten wussten. Philippa zwang sich aufzustehen, die Bücher zu nehmen und vorsichtig in die Bibliothek zurückzukehren. Ihr Knie waren immer noch weich, aber sie musste sich jetzt beherrschen. Niemand durfte ihr etwas anmerken. Unbemerkt schlich sie zurück in Luciens Arbeitszimmer und legte einen leeren Ordner um die Tagebücher, um sie zu tarnen. Wenn sie gefragt wurde, ob sie etwas gefunden hätte, konnte sie den Ordner vorzeigen.

          Auf der Treppe traf sie Lilya, die nur enttäuscht den Kopf schüttelte. Philippa lächelte sie verstohlen an, als der Butler zu ihnen in die Halle trat.

          „Da sind Sie ja, Euer Gnaden, ich hatte Sie schon gesucht. Haben Sie gefunden, was Sie brauchen?“

          Philippa hielt den Ordner hoch. „Ja, und wir machen uns sofort auf den Weg. Lucien wird uns schon fieberhaft erwarten.“

          „Sie haben etwas gefunden?“, rief Lilya aufgeregt, sobald sie wieder in der Kutsche saßen.

          „Allerdings“, stieß Philippa grimmig hervor. Zuerst einmal musste sie sich etwas beruhigen. Die Entdeckung hatte sie zutiefst erschüttert, und es hatte sie größte Anstrengung gekostet, aus dem Haus zu gehen, ohne dass jemand etwas von ihrer inneren Aufgewühltheit mitbekam. Sie reichte Lilya eins der Tagebücher. „Jetzt haben wir etwas in der Hand, wenn wir in London sind. Lucien hat uns leichtsinnigerweise den Strick hinterlassen, mit dem er gehängt werden wird.“

 


Sold out

Sold out

Sold out
Vorheriger Artikel Zärtlicher Eroberer – Kapitel 19
Nächster Artikel Zärtlicher Eroberer – Kapitel 17