Valerian hielt den Blick fest auf einen bestimmten Punkt an der Wand der Kutsche gerichtet, während er unauffällig den Umhang befühlte, den Beldon ihm im letzten Moment mitgegeben hatte. Der Tag war mild, aber wenn der Abend kam, würde er willkommen sein. Von Lucien hatte er kaum Höflichkeiten zu erwarten, zu wohl fühlte der sich in der Rolle des treuen, rechtschaffenen Patrioten. Die eisernen Handschellen waren eine unnötige Demütigung, doch Lucien wollte das Ganze für Valerian offensichtlich zu einer besonders erniedrigenden Erfahrung machen. Er sollte für alle Welt dastehen als äußerst gefährlicher Verbrecher.
Ihm gegenüber in der Kutsche saß ein Mann, die anderen und Lucien ritten neben dem Gefährt. Valerian ignorierte seinen Mitreisenden und fixierte den Blick weiterhin fest auf den gewählten Punkt. Auch wenn sein Körper gefangen war, sein Geist war frei.
Diesen Trick hatte ihm Dimitris verraten, als er ihn das letzte Mal vor seiner Hinrichtung im Gefängnis gesehen hatte. Es kam Valerian wie eine Ironie des Schicksals vor, dass er augenscheinlich genauso enden sollte wie Dimitris, und das nur wenige Tage nach der Ankunft von dessen Kindern.
Während des ersten Teils der Reise gestattete er sich, an Philippa und den vielversprechenden Beginn dieses Tages zu denken. Er beschwor Bilder von ihr herauf, von Roseland, von Lilya und Konstantin und allem anderen, was ihm lieb und teuer war. Die Nacht würde unweigerlich kommen, aber er würde es nicht wagen, die Augen zu schließen und zu schlafen, aus Angst vor dem Alptraum, aus Angst, er könnte im Traum irgendetwas von sich geben, das Lucien einen weiteren belastenden Beweis liefern würde. Er brauchte diese friedlichen Erinnerungen, um die Nacht überstehen zu können. Er hatte viele einsame Nächte auf dem Balkan verbracht, in denen er dieselbe Taktik angewendet hatte.
Zur Teestunde machten sie kurz halt, danach fuhren sie zügig weiter, um das Tageslicht bestmöglich auszunutzen. Während des zweiten Teils der Reise dachte Valerian darüber nach, was Lucien vorhaben mochte. Er versuchte sich in seine Denkweise hineinzuversetzen. Ihm war völlig klar, dass Canton ihn als verurteilten Verräter sehen wollte, aber es war höchst unwahrscheinlich, dass es zu mehr als einer ersten Anhörung vor Gericht kommen würde. Vermutlich führte Lucien also etwas anderes im Schilde.
Valerian überlegte, dass es auf dieser Reise reichlich Zeit gab, Zeit für die Durchführung irgendwelcher hinterhältiger Pläne. Für Canton würde sich sicher mehr als nur eine Möglichkeit bieten, ihn zu töten. In Handschellen war Valerian dem Mann vollkommen wehrlos ausgeliefert. Er konnte nur nicht genau einschätzen, wie feige Lucien war. Besaß er die Kaltblütigkeit, jemanden selbst zu ermorden? Oder war er eher einer von der Sorte Mann, die „Unfälle“ bevorzugten, vor allem solche, die er zwar anordnete, die aber von anderen in die Tat umgesetzt wurden?
Bestimmte Ereignisse hatten ihm in den letzten Jahren zweifellos viel Glück gebracht. Das scheinbar plötzliche Auftauchen von Mandeville Danforth in seinem Haus in Truro hatte ihm sogleich einen Sitz im Vorstand der neuen Bank beschert. Ein Unfall in den Cambourne-Minen hatte ihm direkten Zugang zu Cambournes Erbe verschafft und ihm die Gelegenheit geboten, Philippas Freundschaft für seine ruchlosen Machenschaften auszunutzen.
Bei diesem Gedanken stutzte Valerian. Er hatte bislang alle dunklen Seiten von Cantons schändlichem Spiel in Betracht gezogen, aber dabei hatte er nur an die Gegenwart gedacht. Wie weit zurück in die Vergangenheit reichte sein Komplott wirklich?
