Zärtlicher Eroberer – Kapitel 19

Nach einer langen Kutschfahrt, während der sie viel zu viel Zeit gehabt hatte, über ihre verzweifelte Lage nachzudenken, war Philippa froh, nun endlich in London zu sein. London, das bedeutete Valerian. London, das hieß, handeln zu können. Sie war zu lange zum Nichtstun verdammt gewesen. Am Tag nach ihrer Abreise aus Truro hatte sich das Wetter gegen sie verschworen, sintflutartiger Regen überschwemmte die Straßen und brachte eine Brücke zum Einsturz. In einem Gasthaus hatten sie abgewartet, bis die Straßen wieder trockener waren. Und als sie dann schließlich weiterreisen konnten, mussten sie einen langen Umweg machen, um eine passierbare Brücke zu finden. Die sonst dreitägige Reise dauerte auf diese Weise eine ganze Woche.

          Aber jetzt waren sie da. Nun konnte Philippa etwas tun.

          Sie wies den Kutscher an, auf direktem Weg zum Pendennys House und nicht in die Stadtvilla der Cambournes zu fahren. Sie und Lilya würden bei Beldon wohnen. Zu mehreren waren sie sicherer, außerdem war die Vorstellung, in Gesellschaft ihres Bruders zu sein, mehr als tröstlich.

          Die Nacht brach bereits an, und warmes Licht schien aus den Fenstern von Pendennys House, als der Kutscher die Tür öffnete und Philippa beim Aussteigen behilflich war. Lilya folgte ihr und betrachtete staunend die vornehmen Häuser in der Umgebung. Philippa hakte sich bei ihr unter. „Schon bald wirst du dich in London auskennen, als wäre es deine Heimatstadt. Und nächstes Jahr um diese Zeit werden dir alle diese Nachbarn wohlbekannt sein.“

          „Ich kann es kaum glauben. Ich hätte nie gedacht, einmal inmitten so vieler einsdrucksvoller Stadthäuser zu wohnen“, flüsterte Lilya ehrfurchtsvoll und ließ sich von Philippa die Stufen hinaufführen, während sie sich weiterhin fasziniert umsah.

          Beldon war zu Hause. Als sie den Türklopfer betätigten, öffnete er ihnen höchstpersönlich. „Ich dachte mir schon, dass ihr das seid. Seit gestern halte ich nach euch Ausschau“, erklärte er und umarmte Philippa herzlich. „Seid ihr wohlauf?“

          „Ja, nur ein wenig müde. Lilya war mir eine große Hilfe. Wie geht es Valerian? Wo ist er? Hast du einen Antrag auf Hausarrest aufgesetzt?“ Sie stellte all die Fragen auf einmal, die ihr während der nervenaufreibend langsamen Reise durch den Kopf gegangen waren.

          „Kommt herein und setzt euch erst einmal. Ich lasse uns Tee bringen, dann erzähle ich euch die Neuigkeiten, wenn ihr wollt. Seid ihr sicher, dass ihr euch nicht erst umziehen wollt?“

          Philippa schüttelte den Kopf. „Seit Tagen denke ich an nichts anderes als an Valerian. Du musst mir unbedingt berichten, was es Neues gibt.“

          Beldon führte sie ins Musikzimmer, und die drei ließen sich in den Sesseln vor dem Kamin nieder. Allein die Tatsache, sich in diesem Raum voller Erinnerungen an die Zeit aufzuhalten, die sie hier mit ihrer Familie und mit Valerian verbracht hatte, beruhigte Philippa.

          „Wie war die Reise?“, fragte sie Beldon, nachdem sie es sich alle bequem gemacht hatten.

          „Den Umständen entsprechend gut. Valerian und ich haben nachts abwechselnd Wache gehalten. Ich habe Unmengen Ale ausgegeben, um die Soldaten freundlich zu stimmen. Tagsüber fuhr ich mit ihm in der Kutsche. Ich bin nicht eine Sekunde von seiner Seite gewichen, aus Sorge, Lucien könnte jede ihm sich bietende Gelegenheit beim Schopf ergreifen und ihm etwas antun.“

          „Ich wünschte, ich könnte ihn jetzt sehen“, flüsterte Philippa und sah sehnsüchtig zum Klavier in der anderen Ecke des Zimmers. Stundenlang hatte Valerian

früher für sie und ihre Familie nach dem Abendessen gespielt.

          „Nein, Philippa“, widersprach Beldon energisch. „Valerian besteht darauf, dass du ihn nicht besuchst.“

          „Darauf kann ich keine Rücksicht nehmen“, begehrte sie auf. „Ich will ihn sehen! Ich kann nicht den ganzen Tag müßig hier herumsitzen.“

          „Du kannst ihm einen Brief schreiben, und den nehme ich dann mit, wenn ich Valerian besuche. Newgate ist ein schmutziger Ort, daran ändern auch die Schmiergelder nichts, die ich großzügig verteile.“

          „Newgate!“, rief Philippa entsetzt aus. Das hatte sie nicht gewusst. Sie hatte zwar über alle Möglichkeiten nachgegrübelt, wohin Lucien ihn bringen würde, aber sie hatte nicht gewagt, diese Spekulationen folgerichtig zu Ende zu denken. Natürlich musste Lucien auf Newgate bestehen. Es war ein gesetzloser Ort, vollkommen geeignet für einen zufälligen Unfall, eine Messerstecherei, einen Giftanschlag. Die Wachen würden bereitwillig die Augen verschließen, wenn sie nur genug Geld dafür erhielten.

          „Ja“, bestätigte Beldon ruhig. „Ich habe getan, was ich tun konnte und ihm jede Annehmlichkeit erkauft, die sich mit Geld bezahlen ließ. Er hat eine Zelle für sich allein. Jeden Tag bringe ich ihm persönlich hier im Haus zubereitetes Essen. Die Köchin kocht alle seine Lieblingsgerichte. Dazu versorge ich ihn mit sauberer Kleidung.“

          Philippa betrachtete ihren Bruder und entdeckte Anzeichen von Erschöpfung in seinem Gesicht. Beldon war nur eine Woche vor ihr in London angekommen, aber es schien, als trennte sie eine Ewigkeit. In dieser Zeit war Beldon in eine düstere Welt eingetaucht, die sie sich beide nie hatten vorstellen können. Sie glaubte, am Schluss seiner Aufzählung ein unausgesprochenes „Aber“ herausgehört zu haben. „Sprich weiter“, drängte sie ihn.

          „Für morgen ist eine erste Anhörung anberaumt, wo festgestellt werden soll, ob die Anschuldigungen überhaupt stichhaltig sind. Valerians Freunde in der Regierung sind außer sich. Immerhin ist es ihnen gelungen, dass kein großes Aufheben um die Sache gemacht wurde. Die Anhörung findet in Whitehall statt. Luciens Vater sitzt mit im Ausschuss.“ Lilya hielt erschrocken den Atem an, und Beldon legte ihr beruhigend die Hand auf den Arm. „Wir werden sehr wachsam sein, Miss Stefanov. Valerian hat ebenfalls einen Freund im Ausschuss sitzen.“

          „Wir sind nicht so weit gegangen, um uns jetzt einen Strich durch die Rechnung machen zu lassen. Ich habe Vertrauen zur englischen Justiz“, versicherte Philippa. Nachdem sie während der Reise so viel Zeit mit Lilya verbracht hatte, verstand sie deren Leben um einiges besser. Sie konnte die Reaktion des Mädchens nachvollziehen. In Lilyas Heimat war es unwahrscheinlich, dass jemand eine Anhörung, eine Gerichtsverhandlung oder das Gefängnis überlebte. Das waren alles nur sichere Vorboten des Galgens.

          Philippa wünschte, sie könnte so zuversichtlich sein wie ihre Worte klangen. Sie hatte die volle Bedeutung von Beldons Neuigkeiten erfasst. Eine Anhörung würde die Entscheidung bringen. Wenn der Ausschuss die Klage abwies, musste Lucien sich beeilen, Valerian einem Unfall zum Opfer fallen zu lassen, solange er noch in Newgate war. Erwiesen sich die Anschuldigungen jedoch als begründet, dann wurde Valerian aller Wahrscheinlichkeit nach vor Gericht gestellt.

          „Dürfen wir bei der Anhörung dabei sein?“

          „Das könnte ich arrangieren“, meinte Beldon.

          „Wie nimmt Valerian das alles auf?“, fragte Philippa. Diese Frage lag ihr am meisten auf dem Herzen, gleichzeitig fürchtete sie sich auch am meisten vor der Antwort. Wie hatte er auf den Brief reagiert? Gab er ihr die Schuld?

          „Verhältnismäßig gut. Er ist ständig auf der Hut. Er weiß, in welcher Gefahr er zu diesem Zeitpunkt schwebt, aber es ermüdet ihn allmählich. Ich bleibe jeden Tag so lange wie möglich bei ihm, damit er schlafen kann. Manchmal spielen wir Schach, manchmal reden wir. Ich habe einen diskreten, von allen Seiten empfohlenen Anwalt für ihn gefunden, der Valerian auch schon mehrere Male besucht hat. Abends muss ich jedoch gehen. Valerian schläft nachts nicht, aus Angst, Lucien könnte im Dunklen seine Meuchelmörder schicken. Ich muss sagen, diese Angst ist nicht unbegründet. Und ich glaube auch, dass er Furcht vor seinen Träumen hat.“

          „Wenn ich ihm doch nur helfen könnte.“ Philippas Augen füllten sich mit Tränen. Draußen war es mittlerweile vollkommen dunkel, und sie wollte bei Valerian sein, ihn in die Arme nehmen und ihn trösten. Gerade jetzt, am anderen Ende der Stadt, nahm er seine lange, einsame Nachtwache auf und fragte sich sicher, ob das wohl die Nacht werden würde, in der er um sein Leben kämpfen musste.

          „Aber du hilfst ihm doch, Philippa. Er wusste deinen Brief sehr zu schätzen“, bemerkte Beldon geheimnisvoll.

          Lilya verstand den stummen Wink. „Ich gehe nach oben und packe meine Sachen aus. Bestimmt finde ich jemanden, der mir mein Zimmer zeigt. Sie bleiben hier und unterhalten sich mit Ihrem Bruder, Philippa. Ich komme schon zurecht.“

          „Ein Baby, Philippa? Bist du dir sicher?“, flüsterte Beldon aufgeregt, kaum dass sich die Tür hinter Lilya geschlossen hatte.

          Philippa nickte. „Ich wollte nicht, dass er es zu spät erfährt. Mir scheint, Valerian und ich haben die unglückliche Angewohnheit, unsere Gespräche oft so lange hinauszuzögern, bis es zu spät ist.“

          „Valerian war überglücklich, aber auch besorgt“, berichtete Beldon ehrlich. „Er möchte nicht, dass sein Kind in so gefährlichen Zeiten zur Welt kommt.“

          Philippa legte die Hand auf ihren noch flachen Bauch. „Diese Zeiten werden längst überstanden sein, wenn das Kind da ist.“

          „Wollen wir es hoffen. Hast du in Truro etwas gefunden?“

          „Ich glaube, mehr als ich eigentlich finden wollte“, erwiderte Philippa mit finsterer Miene. „Ich habe Tagebücher, die Lucien über mich und Cambourne geführt hat. Schon seit Jahren schmiedet er Pläne, um sich die Cambourne-Minen anzueignen, und er war und ist bereit, dafür über Leichen zu gehen, im wahrsten Sinne des Wortes.“

          Beldon nickte grimmig. „Dann haben wir etwas gegen ihn in der Hand, wenn der Zeitpunkt gekommen ist.“

 

Am nächsten Morgen zog sich Philippa besonders sorgfältig an und entschied sich für ein Kleid aus feinem blauem Wollstoff mit dezentem Blumenmuster. Beldon hatte Wort gehalten und ihnen die Erlaubnis gesichert, bei der Anhörung anwesend sein zu dürfen. Wie er das geschafft hatte, wusste sie nicht, aber sie hatte ihn am vergangenen Abend noch weggehen hören, und als sie um Mitternacht zu Bett ging, war er noch nicht wieder zurückgekehrt.

          Die Kutschfahrt nach Whitehall dauerte zwanzig Minuten. Man erwartete sie bereits, und eine Eskorte begleitete sie durch endlose Korridore in einen Saal tief im Inneren des Gebäudes. Philippa bezweifelte, ob sie allein wieder zurückfinden würde. Man wies ihr und Beldon Plätze in der letzten Reihe zu und trug ihnen auf, leise zu bleiben und die Anhörung keinesfalls zu stören.

          Der Untersuchungsausschuss kam herein und nahm Platz. Drei der Mitglieder waren Minister aus verschiedenen Abteilungen des Außenministeriums. Unter ihnen entdeckte Philippa Luciens Vater, Viscount Montfort, eine ältere, kantigere Ausgabe seines Sohnes. Man konnte sich sofort vorstellen, wie Lucien mit sechzig aussehen würde. Die anderen beiden Ausschussmitglieder kannte sie nicht, aber Beldon flüsterte ihr zu, dass sie vom Innenministerium kämen, einer von ihnen sei ein enger Freund von Valerian. Valerians Anwalt war ebenfalls anwesend. Obwohl es sich zwar nicht um eine richtige Gerichtsverhandlung handelte, hatte Beldon darauf bestanden.

          Fünf Minuten später wurde Valerian hereingeführt, und Philippa schnürte sich bei seinem Anblick die Kehle zu. Dafür, dass er ohne Lakaien zurechtkommen musste, war er sehr ordentlich gekleidet und frisiert. Aber seine Züge wirkten verhärmt, seine Hautfarbe war fahl. Erst jetzt begriff Philippa richtig, was für eine Qual diese Woche in Newgate für einen Mann sein musste, der sich am liebsten im Freien aufhielt.

          Doch seine Augen wirkten ungetrübt, als er den Blick prüfend durch den Saal und über den Ausschuss schweifen ließ. Dann entdeckte er Philippa in der letzten Reihe. Sie setzte sich aufrechter hin und unterdrückte das Bedürfnis, ihn irgendwie auf sich aufmerksam zu machen. Wenn sie ihm jetzt etwas zurief, wurde sie womöglich des Saals verwiesen. Dennoch hob sie leicht die Hand und hoffte, dass er den Ring, den er ihr geschenkt hatte, an ihrem Finger sah. Seit Lucien nach Roseland gekommen war, um Valerian zu holen, hatte sie den Ring nicht mehr abgenommen. Jetzt glaubte sie, den leisen Anflug eines Lächelns um seine Lippen wahrzunehmen.

 

Philippa war da. Das brachte ihn völlig aus der Fassung, damit hatte Valerian nicht gerechnet. Die widersprüchlichsten Empfindungen durchzuckten ihn bei ihrem Anblick. Die ganze Woche über hatte er sich so nach ihr gesehnt, und in seinen einsamen Nächten hatte er sie sich immer wieder vorgestellt, so wie sie jetzt aussah und wie sie schon bald aussehen würde. Die Neuigkeit, dass sie sein Kind erwartete, hatte ihn überglücklich gemacht, trotz der Dunkelheit, die ihn umgab.

          Doch nun, da sie hier war, wäre es ihm lieber gewesen, wenn sie nicht erfahren müsste, was die Anhörung enthüllen würde. Sie würde den Saal im festen Wissen verlassen, dass er ein gefallener Held war, wenn überhaupt ein Held. Er hatte seinem Land gedient, aber das war oft eine bittere Arbeit gewesen. Hoffentlich erkannte man seine Verdienste im Allgemeinen so hoch an, dass der Tod einiger türkischer Soldaten durch seine Hand dagegen aufgerechnet werden konnte.

          Valerian wusste, wie wichtig es war, dass er die Anschuldigungen unbedingt und mit allen Mitteln entkräften musste. Je länger er in Newgate blieb, desto länger behielt Lucien die Oberhand. Valerian sorgte sich nicht so sehr um sich selbst. In einem fairen Kampf konnte er mit Luciens Handlangern fertig werden. Nein, am meisten ängstigte er sich um Philippa. Je länger er im Gefängnis war, desto schutzloser wurde sie. Natürlich hatte sie Beldon an ihrer Seite, aber dieser konnte nicht an zwei Orten gleichzeitig sein. Er konnte nicht sie beide im Auge behalten.

          Valerian setzte sich aufrecht auf seinen Stuhl und hörte mit selbstbewusster Miene zu, als die Anschuldigungen verlesen wurden.

          „Was haben Sie zu diesen Vorwürfen zu sagen?“, fragte der Vorsitzende des Ausschusses und legte seine Unterlagen nieder.

          Valerian sah ihn unerschrocken an. „Ich habe zwei Kinder vor dem sicheren Tod gerettet, eins davon war erst wenige Monate alt. Seit wann ist es englische Politik, gegen Frauen und Kinder Krieg zu führen, die sonst in dieser Männerwelt nichts zu sagen haben? Ich persönlich könnte schamlose und unnötige Gewalt niemals tolerieren. Frauen und Kinder stellten weder für uns noch für unsere Interessen in dieser Region eine Bedrohung dar. Und doch durften die Türken sie töten und ihre Häuser verwüsten. Ich glaube nicht, dass auch nur einer von Ihnen, Gentlemen, tatenlos bei einem solchen Gemetzel zusehen würde, wenn Sie die Möglichkeit hätten, es zu verhindern.“ Valerian sah jedem Einzelnen von ihnen in die Augen. „Oder täusche ich mich? Ist die englische Ritterlichkeit längst für Gold und Handelsrouten verschachert worden?“

          Die Männer rutschten unbehaglich auf ihren Sitzen herum. Valerian hatte bei ihnen einen Nerv getroffen. Niemand wollte sich gern als Feigling bezeichnen lassen, und es stand ihnen gewiss nicht gut zu Gesicht, wenn sie behaupteten, in Aussicht auf eine freie Schiffspassage nach Indien wäre es durchaus vertretbar, Frauen und Kinder abzuschlachten.

          Viscount Montforts Augen funkelten vor Zorn. „Sie stellen die Tatsachen etwas vereinfacht dar, St. Just. Sie haben nicht zufällig irgendwelche Kinder auf dem Schlachtfeld gerettet, sondern die Kinder des Rebellenführers Dimitris Stefanov. Er arbeitete Hand in Hand mit dem Geheimbund der Filiki Eteria zusammen, um gegen die Türken zu kämpfen. Sie waren mit Stefanovs Familie befreundet und blieben mit ihr in Kontakt, noch nachdem die britischen Verhandlungen mit den Fanarioten eingestellt worden waren.“ Montfort zeigte anklagend mit dem Finger auf ihn. „Sie waren der letzte Besucher, der Stefanov vor seiner Hinrichtung lebend gesehen hat. Sie sind Vormund seiner Kinder!“

          „Das ist richtig“, erwiderte Valerian ruhig. „Aber Kinder sind Kinder, es spielt wohl keine Rolle, wer ihre Väter sind. Sie verdienen alle unseren Schutz.“

          Der Vorsitzende warf Montfort einen aufgebrachten Blick zu. „Dieses Verfahren muss ordnungsgemäß vonstatten gehen. Jeder einzelne Punkt wird zur Sprache kommen, aber mit Gefühlsausbrüchen ist uns nicht gedient!“

          Valerians Anwalt meldete sich zu Wort. „Viscount St. Just hat England vorbildlich loyal gedient in Erfüllung seiner Pflichten im Ausland.“ Der Mann begann geschickt, Valerians wichtigste Errungenschaften in seiner diplomatischen Laufbahn darzulegen. „Er trug die Verantwortung für die Verhandlungen auf dem heutigen Peloponnes, zur Zeit der türkischen Besatzung noch Morea genannt, und …“

          Die Aufzählung war lang, und Valerian kannte sie nur zu gut. Seine Arbeit in Navarino, um eine Invasion der Ägypter in Morea zu verhindern; das Versenken der ägyptischen Flotte, wodurch Ägyptens Machtansprüche in dieser Gegend endgültig erloschen; die Fanariotenfrage und zu guter Letzt seine Mitwirkung beim Londoner Protokoll – all das war für ihn einst eine Herzensangelegenheit gewesen, weil er glaubte, in einem noblen Auftrag zu handeln.

          Aber selbst nachdem er mit der rauen Realität seiner Tätigkeit konfrontiert worden war, hatte er sich weiter engagiert, allerdings nicht mehr wegen irgendwelcher hochfliegenden Ideale, sondern in der Hoffnung, etwas wirklich Sinnvolles tun zu können. Er fühlte sich nicht länger dem englischen Schlachtruf verpflichtet, sich „die Welt untertan zu machen“, sondern folgte seiner tief empfundenen eigenen Berufung – für eine bessere Welt zu sorgen.

          Der Anwalt hatte seine Liste verlesen und legte sie auf den Tisch. „Ich möchte daher den Ausschuss darauf hinweisen, dass der hier Erschienene ein durch und durch ehrenwerter Mensch ist, der sein Leben lang England auf die vornehmste Art gedient hat. Auch nur anzudeuten, dass das, was auf dem Schlachtfeld von Negush geschehen ist, in irgendeiner Weise mit Verrat zu tun haben könnte, ist absurd und nur eine Zeitverschwendung für uns.“

          Valerian beobachtete, wie die Ausschussmitglieder wohl reagieren würden. Beldon hatte wirklich einen verdammt guten Anwalt gefunden. Als der Mann seine Aufzählung beendet hatte, war sogar Valerian fast davon überzeugt, dass seine Arbeit nützlich gewesen war. Die Ausschussmitglieder schienen ähnlicher Ansicht zu sein, bis auf Montfort.

          „Das ist Haarspalterei bei einem Thema, das nur Schwarz oder Weiß kennen sollte. Es darf keine Grauzonen geben, wenn es um die nationale Sicherheit geht“, wandte Montfort ein. „Wir können doch nicht unterschiedliche Maßstäbe setzen! Er hat Verbündete umgebracht, die englische Interessen vertraten. Er hat das bewusst getan, um den Feind zu schützen. Indem er das tat, stellte er die Bedürfnisse eines Rebellen über die seines Landes. Hätte er Engländer getötet, um Rebellenkinder zu schützen, würden Sie sicher anders urteilen. Aber genau das dürfen wir nicht.“

          Einer der Minister nickte leicht mit dem Kopf, und Valerian fing an, sich zu fragen, wie viele dieser Männer von Montfort bestochen worden sein mochten. Cantons Vater hatte vor, die Sache von einem moralisch-philosophischen Standpunkt aus anzugehen. Zum Schluss würde es heißen, Philosophie gegen Tatsachen, Wirklichkeit gegen Theorie und Ehre gegen Unehre.

          „Wenn das alles ist, so zieht sich der Ausschuss jetzt zur Beratung zurück“, erklärte der Vorsitzende. „Viscount St. Just, unsere Entscheidung wird Ihnen übermittelt, sobald sie gefällt ist. Das kann Stunden, aber auch ein paar Tage dauern.“

          Valerian erhob sich und nickte. „Ich danke Ihnen für Ihre Zeit, Gentlemen.“

          Ein Wachmann trat vor, um ihn aus dem Saal zu führen. Valerian kämpfte gegen seine Enttäuschung an. Er verdrängte den Gedanken daran, wieder in die winzige Zelle zurückkehren zu müssen, denn er befürchtete, sonst den Verstand zu verlieren. Die Gefahr, in der er schwebte, ließ es nicht einmal zu, im Gefängnishof von Newgate ein wenig auf und ab zu gehen. Selbst wenn Beldon ihn dabei begleiten würde, war es zu riskant, auch für seinen Freund. Allzu leicht konnte einer von ihnen beiden im Vorübergehen einem unauffällig ausgeführten Messerstich zum Opfer fallen. Er hatte jedoch nicht vor, dem Ausschuss und allen voran Montfort zu zeigen, wie niedergeschlagen er war. Er wagte es auch nicht, sich noch einmal zu Philippa und Beldon umzudrehen, dazu fehlte ihm mittlerweile die seelische Kraft. Mehr als nach Tageslicht, Sonne und frischer Luft sehnte er sich nach Philippa.

          Energische Schritte wurden hinter ihm im Flur laut, und dann ertönte Philippas gebieterische Stimme. „Wache, ich will den Viscount eine Minute lang sprechen.“

          „Ich fürchte, das kann ich nicht erlauben. Ich habe den Befehl …“ Der Wachmann geriet ins Stammeln und schwankte sichtlich zwischen der Autorität dieser hochmütigen Frau vor ihm und dem Befehl seines Vorgesetzten am anderen Ende der Stadt, der in seinem Büro in Newgate hockte und Bestechungsgelder von unglücklichen Insassen einkassierte.

          „Gleich hier ist ein Zimmer, es dauert nur einen Moment.“ Philippa zeigte auf einen kleinen Raum zu ihrer Linken und wartete erst gar nicht auf die Erlaubnis des Wachmanns. Stattdessen nahm sie Valerians Hand, zog ihn mit sich in das Zimmer und schlug dem Wachmann die Tür vor der Nase zu. Sie hörten ihn draußen laut protestieren, dann Beldons Stimme, der ihm versicherte, alles würde gut werden.

          Philippa warf sich in Valerians Arme und legte all ihre Gefühle in ihren Kuss. Valerian erwiderte ihn mit verzweifelter Leidenschaft, und doch empfand er so etwas wie Trost dabei. Trotz allem, was geschehen war, ihre Liebe zueinander blieb davon unberührt und war unerschütterlich.

          „Val, ich habe dich so vermisst!“ Philippa berührte sein Gesicht und zog die Sorgenfalten darin mit den Fingern nach.

          „Geht es dir gut? Und dem Baby?“ Er legte behutsam die Hand auf ihren Bauch, als könnte er das Kind bereits fühlen.

          „Uns geht es gut. Noch ist nichts zu sehen, erst in ein paar Monaten.“ Philippa lachte unter Tränen.

          „Ich bin so glücklich darüber“, flüsterte er. „Versprich mir, dass du gut auf das Kind aufpasst. Bitte, tu nichts Unüberlegtes, Philippa, versprich es mir“, drängte er sie verzweifelt.

          „Das brauche ich gar nicht. Sobald der Ausschuss sich entschieden hat, bist du frei“, sagte Philippa zuversichtlich.

          Valerian schüttelte den Kopf. „Ich glaube, Montfort wird sich einen Prozess erkaufen.“

          „Dann gehe ich zu Lucien. Ich habe genug Beweise gegen ihn, um ihn zu Fall zu bringen“, erwiderte Philippa. In groben Zügen berichtete sie ihm, was sie in Luciens Tagebüchern entdeckt hatte.

          Valerian sah sie beunruhigt an. „Philippa, du kannst nicht mit Lucien Canton spielen. Wenn du ihm drohst, kommt es zum offenen Krieg. Geh nicht allein zu ihm. Nimm Beldon und ein paar Konstabler mit, wenn es sein muss.“

          Der Wachmann hämmerte gegen die Tür, Beldons Charme schien nicht mehr zu wirken. Philippa küsste Valerian stürmisch ein letztes Mal. „Ich liebe dich, Val. Daran wird sich niemals etwas ändern.“

          Philippa ballte die Hände krampfhaft zu Fäusten und zwang sich, nicht zu weinen, als der Wachmann ihn abführte. Mit einer bangen Vorahnung sah sie zu, wie Valerian sich ergeben die Handschellen anlegen ließ und dann in einem der vielen Flure von Whitehall verschwand. Wenn er bis zum Abend nicht frei war, würde er Newgate womöglich nie mehr verlassen, wenigstens nicht lebend. Es wurde Zeit, zu handeln. Genauer gesagt, sie hatte keine Zeit mehr zu verlieren.


Sold out

Sold out

Sold out
Vorheriger Artikel Zärtlicher Eroberer – Kapitel 20
Nächster Artikel Zärtlicher Eroberer – Kapitel 18