Cinderella und der Duke

– oder –

 

Rückgabe möglich

Bis zu 14 Tage

Sicherheit

durch SSL-/TLS-Verschlüsselung

Die junge Pfarrerstochter Cora fühlt sich wie im Märchen, als ihre Tante sie einlädt, die Ballsaison in London zu verbringen. Sie hofft auf eine gute Partie, um ihre Familie vor dem Ruin zu bewahren. Die exklusive Abendgesellschaft beim Duke of Harlow ist die perfekte Gelegenheit, um einen passenden Gentleman kennenzulernen! Doch dann fordert ausgerechnet der Duke selbst sie zum ersten Tanz auf. In seinen Armen vergisst sie alles um sich herum, und als seine Lippen die ihren berühren, entflammt eine verbotene Leidenschaft. Aber Cora weiß, dass der Duke eine standesgemäße Adlige heiraten muss …


  • Erscheinungstag 26.05.2026
  • Bandnummer 454
  • ISBN / Artikelnummer 0814260454
  • Seitenanzahl 256

Leseprobe

Bronwyn Scott

Cinderella und der Duke

1. KAPITEL

London,

April 1824

Man schrieb die Saison des Jahres 1824. Für die zwanzigjährige Cora Graylin, die jüngst aus dem vor allem von Schafen bevölkerten Dorset gekommen war, lagen die folgenden Tatsachen auf der Hand: Das Leben begann mit einem Kleid, und der Erfolg im späteren Leben hing davon ab, dass es das richtige Kleid war. Jeder bedeutsame Wendepunkt im Dasein einer Frau wurde durch ein Kleid markiert. Ein Taufkleid bekundete ihren Eintritt in die anglikanische Kirche. Das Auslassen der Säume kündigte ihre Aufnahme in die Gesellschaft an. Es gab das Kleid, mit dem sie bei Hofe und somit in die Gesellschaft eingeführt wurde, sowie das weiße Ballkleid für die Debütantin. Und schließlich das Brautkleid, das den Höhepunkt dessen kennzeichnete, was eine Frau zu erreichen vermochte – eine vorteilhafte Heirat.

Kleider markierten jede Stunde, ja jede Sekunde im Leben einer Frau. Hauskleider, Promenadenkleider, Teekleider, Abendkleider, Morgenmäntel, Nachthemden, Reisekleider und Reitkostüme. Die Liste war so endlos wie die diversen Varianten. Aber das Kleid stand nicht nur für Ereignisse, sondern diente auch als Pförtner. Es bestimmte, wen man kennenlernte und wen man kennenlernen konnte. Alle Mütter und eifrigen jungen Mädchen – die in der Hoffnung auf den perfekten Ehemann in London einfielen – glaubten an die absolute Wahrheit, dass das richtige Kleid gar über den Lauf des Lebens entscheiden konnte.

Wer diese Weisheit anzweifelte, brauchte bloß einen Blick auf den ersten Termin im Kalender einer jeden Frau zu werfen, die in London eintraf. Dieser erste Termin war nicht etwa den Patronessen von Almack’s vorbehalten, obwohl diese gleich an zweiter Stelle kamen – schließlich musste ein Kleid präsentiert werden, um sich als nützlich zu erweisen. Und auch nicht der besten Freundin, die sie ein Jahr lang nicht besucht hatte. Nein, den ersten Termin hatte sie bei ihrer Schneiderin.

Ab März liefen die Nadeln der zwanzigtausend Londoner Schneiderinnen förmlich heiß. Erstmals seit Jahren durfte man wieder auf den Kontinent reisen und sich von der französischen Mode inspirieren lassen. Und es gab – gepriesen seien die Heiligen – wieder Männer, ein Gut, das während der langen Kriegsjahre erschreckend rar gewesen war. Die Taille der Kleider war tiefer gewandert und saß fast wieder dort, wo die Natur sie platziert hatte. Die Röcke waren weiter geworden, und eine elegante glockenförmige Silhouette war heute der letzte Schrei.

Die Termine wurden Monate im Voraus vereinbart, und wer sie verpasste, riskierte den gesellschaftlichen Tod. Und für Mädchen wie Cora und ihre Schwester bedeuteten sie Hoffnung, eine Hoffnung, die sich auf den Glauben stützte, dass sich mit einem einzigen Nadelstich, mit der richtigen Stoffbahn für den richtigen Teint alles ändern konnte. Wie im Märchen.

Etwas in ihr wollte glauben, dass das Märchen wahr sei, dass es solche Wunder gebe. Dieser Wunsch hatte sie den Gutteil der Nacht über wach gehalten, wozu auch das Schnarchen ihrer Schwester beigetragen haben mochte. Cora unterdrückte den Anflug eines Gähnens, während sie Modezeichnungen bei Madame Dumont’s durchsah. Die Hoffnung hielt sich hartnäckig. Kurz schwelgte sie darin, schloss die Augen und berauschte sich an dem Wissen, dass sie sich in London befand und einen Termin bei einer Schneiderin in der Bond Street wahrnahm – oder zumindest in der Nähe der Bond Street.

Zum ersten Mal, seit ihre Mutter vor zwei Jahren gestorben war, regte sich zage Hoffnung in ihr. Wer weiß, zu was sich diese Hoffnung auswachsen mag, wenn ich nur daran festzuhalten wage, das richtige Kleid vorausgesetzt? Cora rang ein sehnsüchtiges Seufzen nieder. Das zu wagen war schwieriger als gedacht. Sie hatte auf schmerzhafte Weise gelernt, dass es schwer war zu hoffen, wenn man die Hoffnung erst einmal verloren hatte. Hoffnung war ein kostbares Zukunftsversprechen. Verlorene Hoffnung war ein gebrochenes Versprechen, eine verwehrte Zukunft. Doch was blieb ihr übrig, als daran zu glauben? Sie musste es versuchen, ihrer Familie zuliebe.

Sie hielt ihrer Schwester eine Stoffprobe an die Wange. „Elise, dieser gelbe Musselin mit den weißen Blumen würde dir hervorragend stehen.“ Elise war so blond und attraktiv wie Mutter und hatte Vaters braune Augen geerbt. Mit den richtigen Kleidern und dank der Beziehungen unserer Tante wird sie sicherlich eine gute Partie machen. Das jedenfalls hoffte Cora. Sie hatte ihrer Mutter versprochen, auf die Mädchen aufzupassen, und Elise verdiente etwas Besseres als die Wildnis von Dorset. Es wäre eine Erleichterung, wenigstens eine Schwester unter die Haube zu bringen, obwohl sie Elise fürchterlich vermissen würde.

Tante Benedicta nickte zustimmend. „Du hast ein gutes Auge, Cora.“ Sie lächelte, ehe sie sich wieder den Modezeichnungen zuwandte. „Das Gelb ist wie für Elise geschaffen. Aber vergiss dich selbst nicht. Das Blau würde dein Haar wunderbar zur Geltung bringen.“

„Ja“, pflichtete Elise ihr begeistert bei. „Nimm den blauen Stoff, Cora. Wir sind auch deinetwegen hier.“ Coras anfänglicher Überschwang flammte erneut auf und verdrängte die Realität, die diesen freudigen Anlass flüchtig überschattet hatte. Sie würde den blauen Stoff nehmen, ebenso wie den grünen mit den weißen Zweigen. Sie lächelte in sich hinein und gönnte sich einen kurzen Moment der Glückseligkeit. Neue Kleider, und in solch hübschen Farben, wie wundervoll! Ade, Schwarz und öde Brauntöne.

Hier in London zu weilen und sich neu einzukleiden, fühlte sich wie ein Neubeginn an. Es war aufregend, allmorgendlich im Stadthaus nahe der Curzon Street mit dieser Aussicht aufzuwachen. Jede Kutsche, die ratternd an ihrem Fenster vorbeirollte, jeder Straßenhändler, der lauthals seine Ware anpries, gemahnte sie daran, dass sie in London war. An dieses Leben in Muße, geprägt von Einkäufen und Höflichkeitsbesuchen, hatte sie sich erst gewöhnen müssen, nachdem sie jahrelang ihre Mutter gepflegt, den Haushalt geführt und sich um die Erziehung ihrer Schwestern gekümmert hatte. Nach dem Tod ihrer Mutter hatte sie obendrein erkennen müssen, dass sie auch ihren Vater verloren hatte, den der Verlust schwer getroffen hatte, was bedeutete, dass sie auch die Bürde der Gemeindearbeit hatte schultern müssen.

Sie war in Dorset so sehr damit beschäftigt gewesen, für andere da zu sein, dass ihr eigenes Leben ins Hintertreffen geraten war. Nun jedoch bekam sie ihre Chance. Sie war aus der nüchternen Eintönigkeit ihres Daseins erlöst worden, als sie am wenigsten damit gerechnet hatte. Tante Benedicta und Onkel George waren unverhofft als rettende Engel in Vaters Pfarrei erschienen und hatten Cora und Elise eingeladen, die Saison bei ihnen in London zu verbringen. Sie und Elise hatten ihr Glück kaum fassen können. Es war ihnen unwirklich vorgekommen wie ein Märchen. Der Widerstand ihres Vaters indes war höchst real gewesen.

Als Pfarrer mit geringem Einkommen war Coras Vater nicht in der Lage, fünf Töchter großzuziehen und zu versorgen. Er konnte es sich nicht leisten, eine Aussteuer oder eine Saison zu finanzieren, schon gar nicht nach dem Ableben seiner geliebten Ehefrau. Doch dank Tante Benedictas Überredungskunst waren Cora und Elise nun hier, durchstöberten Modezeichnungen und ein Stoffsortiment, das nach all den entbehrungsreichen Jahren schier schwindelerregend anmutete.

Sie befühlte den grünen Musselin mit dem aufgedruckten zarten Muster, den sie sich ausgesucht hatte. Noch immer wagte sie nicht, sich gänzlich mitreißen zu lassen. Das Leben bestand nicht nur aus Fabeln und Märchen. Sie war so bodenständig, dies zu wissen. Man musste sich anstrengen.

„Alan, gestehe ihnen eine Saison zu, gib ihnen eine Chance“, hatte Tante Benedicta Coras Vater beschworen. „Wenn beide eine gute Partie machen, hilft das ihren drei Schwestern.“

Dieser letzte Einwand hatte Cora beflügelt und ihr den Mut verliehen, Schwestern und Vater zu verlassen. Die Familie zählte auf sie und Elise. Sie war zwanzig, Elise achtzehn. Sie waren beide alt genug, um zu heiraten. Die Tragweite dieses Gedankens ließ sie innehalten.

Denn so aufregend Schneiderinnen und Debüts auch sein mochten, unter der Euphorie lauerte eine ernüchternde Wirklichkeit. In den nächsten zwölf Wochen wurde von ihr erwartet, einen Mann kennenzulernen und zu ehelichen, um den Rest ihres Lebens mit ihm zu verbringen. Ihre Familie zählte auf sie – wieder kam ihr dieser Satz in den Sinn, ein Refrain, der in den zurückliegenden Wochen zu einer unablässigen Litanei in ihrem Kopf geworden war. Mehr noch, sie selbst zählte auf sich.

Die folgenden zwölf Wochen würden über ihr Leben entscheiden. Fände sie in London keinen Gatten, würde sie nach Dorset zurückkehren und zwangsläufig als alte Jungfer enden. Sie wusste, was sie zu Hause erwartete – Männer wie der mürrische John Arnot mit seinen fünfzig Morgen, hundert Schafen und drei mutterlosen Kindern. Er wollte eine unbezahlte Köchin, Haushälterin und Gouvernante, alles in einer Person. Das war nicht ganz das, was Cora sich wünschte.

Denn trotz des Drucks, binnen Wochen heiraten zu müssen, hoffte sie darauf, einen Mann zu finden, der sie respektierte und nicht nur eine Dienstbotin in ihr sah. Dabei war sie durchaus realistisch. Sie erwartete keine großen Gefühle. Eine stürmische Romanze wurde überbewertet, und romantische Liebe hatte ihre Grenzen. Liebe genügte nicht als Fundament einer Ehe und überwand auch keine Widrigkeiten. Ihre eigenen Eltern waren der Beweis dafür.

Die Ladengehilfin, die ihnen zugewiesen worden war, näherte sich. Tante Benedicta erklärte ihr, wie sie sich die Tageskleider aus Musselin vorstellte, ehe sie sich den Mädchen zuwandte. „Und nun zur Abendgarderobe.“

Ballkleider. Die Flamme der Hoffnung züngelte höher. Cora konnte die verhaltene Freude, die sie durchrieselte, nicht bezähmen. Sie würden Ballkleider bekommen! Sie spürte, wie Elise ihr die Hand drückte, offenbar ebenso entzückt wie sie selbst. Verstohlen tauschten sie einen seligen Blick.

Die Ladengehilfin führte sie zu einer Stuhlgruppe um einen niedrigen Tisch, auf dem Modemagazine lagen und ein Tablett mit Limonade und Keksen bereitstand. „Bitte, bedienen Sie sich. Ich bin gleich mit den Stoffen zurück.“ Sie ging, und Cora nippte an ihrer Limonade, wobei sie sich ausmalte, welche Stoffe die Gehilfin hinter dem Vorhang auswählen mochte. Im Geiste sah sie Seide und Satin vor sich, in Zartgelb und Mohnrot, vielleicht auch in Himmel- oder Hortensienblau. Oh, was würde sie für ein himmelblaues Kleid geben.

Gerade stellte sie sich vor, wie sie in einem himmelblauen Kleid in einem von Kronleuchtern erhellten Ballsaal Walzer tanzte, als die Ladenglocke läutete. Drei Frauen traten ein, zwei ältere und eine jüngere – eine Blondine in Coras Alter, atemberaubend schön. Das gesamte Trio war nach der neuesten Mode gekleidet, von den Spitzen ihrer farblich abgestimmten Glacélederstiefel bis zu den Krempen ihrer eleganten Schuten.

Tante Benedicta straffte sich und folgte den Neuankömmlingen anerkennend, aber diskret mit dem Blick. „Die Duchess of Colby und ihre Tochter“, raunte sie.

Das Flüstern war ihr kaum über die Lippen gekommen, als Madame Dumont persönlich in den Verkaufsraum strebte, im Schlepptau eine Schar Gehilfinnen sowie ein Dienstmädchen, das ein Tablett mit eisgekühlten Champagnergläsern trug. Keine lauwarme Limonade für diese Kundinnen. Madame Dumont knickste. „Euer Gnaden, es ehrt mich, dass Sie meinen Salon aufsuchen.“

Die Duchess of Colby bedachte sie mit einem sparsamen, höflichen Lächeln, welches besagte, dass sie diese Ansicht teile. „Madame Devereaux hat Sie empfohlen. Sie ist derzeit voll ausgelastet, und die Zeit drängt.“

Die Duchess wies mit einem Nicken auf die schöne Blondine. „Meine Tochter, Lady Elizabeth Cleeves, benötigt ein Ballkleid für den Harlow-Ball, der, wie Sie wissen, schon nächste Woche stattfindet.“

Oh … Fast hätte Cora geseufzt. Auf Tante Benedictas häuslichen Empfängen wurde über nichts anderes als den Harlow-Ball geredet – zu dem Cora und Elise keine Einladung erhalten hatten, da sie nur die Nichten eines Baronets waren, der zwar eine durchaus anständige, aber nach Mayfair-Maßstäben eher bescheidene Adresse sein Eigen nannte.

Auf die Erwähnung des Balls hin klatschte Madame Dumont in die Hände, woraufhin ihre Gehilfinnen davonstoben, um Stoffballen herbeizuschaffen. Sieben Gehilfinnen für die Tochter eines Dukes und nur eine für die beiden Nichten eines Baronets. Doch Cora würde sich von diesem Missverhältnis nicht den Tag verderben lassen. Sie würde trotzdem ihre Ballkleider bekommen, und der Gedanke daran war noch genauso erhebend wie vor wenigen Minuten.

Kurz darauf raffte das Dienstmädchen den Vorhang, der den Verkaufsraum vom hinteren Bereich des Ladens trennte – und die Stoffparade begann. Sehnsüchtig sah Cora zu, wie Lady Elizabeth Cleeves verschiedene Schattierungen von Azurblau und Narzissengelb, Rosenrot und Veilchenviolett präsentiert wurden. Mit jedem Ballen, der vorbeidefilierte, nahm Coras Neugier zu. Was würde die Verkäuferin auswählen, die Elise und sie bediente? Vielleicht auch dieses Mohnrot oder jenes Himmelblau? Endlich kehrte ihre Gehilfin zurück, die Arme voller Stoffballen, die ihr bis unters Kinn reichten. Cora rang den Drang nieder, aufzuspringen und ihr zu helfen.

Als die Gehilfin die Ballen auf dem niedrigen Tisch ablegte, blickte Cora sich nach einer weiteren Verkäuferin um. Das konnten unmöglich alle Stoffe sein, denn diese hier waren allesamt weiß. Durchaus erlesene weiße Leinen- und Baumwollstoffe, aber eben farblos und nicht aus Seide. Sie hatte gehofft … nun, genau das war das Problem, nicht wahr? Hoffnung.

Sie hatte sich von ihrer Hoffnung mitreißen lassen und sich dadurch unnötigerweise Enttäuschung eingehandelt. Sie hätte gar nicht erst auf Seide und Satin hoffen dürfen. Das war sehr undankbar von ihr. Schließlich war es keine Kleinigkeit, gleich zwei Mädchen für eine Saison auszustatten, und ihr Onkel beglich großzügig alle Rechnungen.

Sorgsam darauf bedacht, sich ihre Ernüchterung nicht anmerken zu lassen, schaute sie ein letztes Mal verstohlen zu Lady Elizabeth Cleeves hinüber. In Himmelblau sähe die Frau umwerfend aus und würde alle anderen auf dem Harlow-Ball in den Schatten stellen. Cora sah es im Geiste vor sich – wie sämtliche Gespräche verstummten, wenn sie den Saal beträte, umwogt von leuchtend himmelblauen Röcken, das goldblonde Haar hoch aufgetürmt. Männer würden vergessen zu atmen, Frauen vor Neid erblassen. Der junge Harlow-Duke würde sie erblicken und um einen Tanz bitten … Cora spürte, wie ihre Tante ihr sanft die Hand drückte.

„Dies ist die zweite Saison für Lady Elizabeth Cleeves“, erklärte ihre Tante. Da sie ihr Debüt hinter sich hatte, durfte sie sich ein wenig Farbe zugestehen. Für Cora hingegen war dies die erste Saison, und so wurde von ihr erwartet, Weiß und Perlen zu tragen. Das Märchen bekam erste Risse. Wäre dies ihre zweite Saison, hätte auch sie eventuell etwas mehr Farbe wagen dürfen, aber für Cora würde es keine zweite Saison geben. Nur diese eine.

„Diese Stoffe sind genau das Richtige für die Veranstaltungen, die wir besuchen werden.“ Tante Benedicta wählte eine Bahn erlesenen weißen Baumwollstoffs mit weißen Rosen aus. „Mit einer hellblauen Bordüre am Saum und Brüsseler Spitze an den Ärmeln sähe dieser hier entzückend aus.“ Das stimmte, dagegen ließ sich nichts einwenden. Und es war eine durchaus zweckmäßige Wahl. Sollte die Saison keine Früchte tragen, wäre ein Kleid aus diesem Stoff nicht allzu extravagant. Es ließe sich noch jahrelang tragen oder für ihre Schwestern abändern. Ein Mädchen, das in Dorset einen Schafzüchter heiratete, brauchte für die Einführung in die Gesellschaft keine feinen oder gar neuen Kleider.

Nein. Das werde ich nicht zulassen. Dieses Schicksal wird weder mich noch meine Schwestern ereilen. John Arnot soll anderswo nach einer Sklavin Ausschau halten. Ich werde jemand anderen finden, oh, und ob.

Aber wen? Dieser heiklen Frage hing Cora nach, derweil Tante Benedicta Stoffe aussuchte. Cora wusste, wer nicht infrage käme – Männer, die den Harlow-Ball besuchten. Erben mit Titel und Vermögen. Sie würde niemals den jungen Duke kennenlernen – jung und darauf aus, sich rasch zu vermählen, sofern man den Klatschspalten Glauben schenken durfte.

Es war kein Geheimnis, dass seine Mutter darauf brannte, ihn zu verheiraten. Der anstehende Ball würde ihm eine Auslese der Besten präsentieren, damit er sich bis zum Ende der Saison für eine Braut entscheiden konnte. Das hatten sie beide wohl gemein. Sie mussten binnen zwölf Wochen heiraten. Ob auch er sich unter Druck gesetzt fühlte? Verspürten Dukes einen solchen Druck überhaupt? Vermutlich nicht. Alle Welt wollte sie heiraten. Er brauchte nur zu wählen. Männer hatten es leichter. Sie seufzte.

Ihre Tante schaute sie an. „Bist du zufrieden mit der Auswahl, meine Liebe?“

„Oh, ja.“ Cora riss sich zusammen und wünschte, sie hätte nicht laut gestöhnt und dadurch einen falschen Eindruck vermittelt. Von der Unterhaltung hatte sie nichts mitbekommen. „Die Kleider werden herrlich werden. Nochmals vielen Dank, Tantchen.“

Sie erhoben sich, und Tante Benedicta vereinbarte Termine für Anproben und Lieferung. „Jetzt zur Putzmacherin. Hüte und danach Handschuhe und Schuhe, Mädchen.“ Sie lächelte fröhlich, als wollte sie Cora aufmuntern. „Alles wird gut“, flüsterte sie Cora zu, während sie den elitären Kreis der Duchess passierten. „Der Duke ist nicht die einzige begehrte Partie in der Stadt, du wirst sehen. Es gibt zweite Söhne, Pfarrer mit einträglichen Pfründen, Rechtsanwälte, Ärzte, Gentlemen mit großem Anwesen und entsprechendem Einkommen.“ In Tante Benedictas Augen funkelte es, als sie Cora vielsagend ansah. Sie traten hinaus auf die Straße. „Dein Onkel hat Freunde. Womöglich finden wir gar einen Baronet für dich, solltest du dein Herz an einen Titel hängen.“ Vielleicht würden sie das. Cora nickte bloß. Sie kannte ihre Pflicht und würde sie erfüllen.

Declan Locke, der Duke of Harlow, kannte seine Pflicht und würde sie erfüllen. Er würde die Harlow-Wiege nicht länger als nötig leer stehen lassen. Das Trauerjahr für seinen Vater war vorüber. Dem Anstand war Genüge getan, und nun war es an der Zeit, die Zukunft in Angriff zu nehmen. Außer ihm gab es niemanden, der als Erbe infrage kam, bis auf einen entfernten Cousin in Oberkanada, den er nie kennengelernt hatte.

Leider war mit der Zukunft unweigerlich der heiß ersehnte Harlow-Ball verknüpft. Der hatte noch nicht einmal angefangen, und schon war Declan seiner überdrüssig. Gehörig überdrüssig. Er bediente sich an den Karaffen auf der Anrichte und schenkte sich ein Glas ein, während seine Mutter redete. Und redete. Und redete. Über den Ball. Seinen Ball. Auf dem er sich seine Braut aussuchen würde.

Der Ball war in London seit Wochen in aller Munde, und das noch vor Beginn der Saison. Die Klatschspalten gaben allwöchentlich kleine Details preis – über die Farbe der Rosen, über den Dekorationsstil –, um die Neugier der breiten Masse zu schüren. Declan wusste nicht, wer dem Ball mehr entgegenfieberte, seine Mutter oder die Gäste. Jedenfalls waren sie Feuer und Flamme, und mit ein wenig Glück würden sie vor Aufregung allesamt verglühen.

„Sollen wir die Liste noch einmal durchgehen?“ Seine Mutter griff nach einem Papierstapel auf ihrem Schreibtisch. Im Grunde war es keine Frage. Sie würden die Liste durchgehen, ob er wollte oder nicht. Declan nahm einen Schluck und blickte aus dem Fenster hinab auf die Straße, wo Gedränge und Hektik herrschten. Er hätte alles gegeben, um dem Lärm zu entkommen. Er sehnte sich zurück auf den Landsitz der Familie, um seine Pferde zu reiten und in den Flüssen zu angeln. Hatte sein Vater genauso empfunden? War er hin- und hergerissen gewesen zwischen Pflichtgefühl und persönlichen Wünschen? Der Titel raubte ihm die Vollmacht über sein Leben, doch sein Vater hatte ihm beigebracht, dass die Pflicht stets an erster Stelle kam. Declan würde sie ehren, um seinen Vater zu ehren.

„Da hätten wir Lady Mary Kimber, die Tochter des Earl of Carys. Eine vorzügliche junge Dame. Wir können uns glücklich schätzen, dass sie noch nicht vergeben ist. Letztes Frühjahr wäre sie fast dem Herzogtum Creighton zugefallen. Gottlob hat Creighton stattdessen seine Porträtmalerin geheiratet.“ Sie winkte ab. „Welch ein Skandal. Als wäre Devlin Bythesea als Sohn eines dritten Sohns und einer Inderin nicht schon selbst ein Skandal.“

„Bytheseas Mutter ist die Tochter eines Radschas“, stellte Declan heraus. „Ich mag Creighton. Ich habe ihn im Travellers kennengelernt. Er hat das Herz am rechten Fleck. Er und der Duke of Cowden sind Geschäftspartner im Prometheus Club.“ Diesem Club würde er gern beitreten, nun, da er nicht länger in Trauer war und sich in seinen Titel eingefunden hatte. Er hatte sich um die Mitgliedschaft beworben, sobald er in London eingetroffen war.

Seine Mutter verengte die Augen und stieß verärgert die Luft aus. „Das Herzogtum Creighton ist ein abschreckendes Beispiel dafür, was passieren kann, wenn ein Mann seine Wiege nicht mit Söhnen füllt. Wir können es nicht riskieren, ein weiteres Jahr zu warten.“ Sie räusperte sich und wandte sich wieder ihrer Liste zu. „Des Weiteren wäre da Lady Elizabeth Cleeves, die Tochter des Duke of Colby. Dies ist ihre zweite Saison, und sie ist überaus kultiviert.“

Gereizt wandte Declan sich vom Fenster ab. Er liebte seine Mutter und wusste, dass sie nur sein Bestes wollte, aber das machte diese Diskussion nicht erträglicher. „Du liest diese Liste vor, als ginge es um Pferderennen. Es handelt sich um echte Menschen, Mutter, nicht um junge Rennpferde, die in Newmarket an den Start gehen.“ Und er wusste, was er dadurch wurde: ein erstklassiger Zuchthengst, mehr nicht. Ein Hengst, der mit den besten Blutlinien gekreuzt werden sollte, um ein weiteres hochkarätiges Vollblut hervorzubringen.

Eine recht demütigende Erkenntnis. Er wollte so viel mehr sein: ein guter Vater für seine Kinder, so wie sein eigener Vater es für ihn gewesen war. Ein Vater, der mit seinen Kindern spielte, Zeit mit ihnen verbrachte. Er wollte ein liebender Ehemann sein, der seiner Gattin partnerschaftlich verbunden war. Er wollte auf Harlow Hall ein Vermächtnis erschaffen, das einen positiven Einfluss auf die Lebensqualität aller hatte, die auf ihn angewiesen waren. Vielleicht würde er im Dorf eine Schule gründen oder die Landwirtschaft revolutionieren, auf dass der Boden zuverlässig Erträge brachte und auch künftige Generationen bis weit in die Zukunft ernährte.

All dies konnte er bewirken – doch letzten Endes würde das niemanden interessieren, sofern er keine Söhne zeugte. Das war es, was unter dem Strich übrig blieb. In erster Linie diente er der Zucht, und wie beim Deckhengst spielte es keine Rolle, was er für die betreffende Stute empfand. Wichtig war nur, dass sie seines Samens würdig war und einen Erben gebar, der eine Zierde seines Geschlechts darstellte.

„Wie soll ich die Liste deiner Meinung nach vorlesen, Declan? Wie ein Märchen? Wäre es dir lieber, ich würde die Sache beschönigen? Soll ich vorgeben, du könntest dir wahllos irgendein Mädchen aussuchen? Denn so funktioniert es nicht.“ Seine Mutter legte die Liste beiseite und musterte ihn mit ihren grauen Augen eindringlich. „Lass mich dir ins Gedächtnis rufen, wie ich deinen Vater kennengelernt habe.“

Declan nahm einen tiefen Schluck. „Diese Geschichte kenne ich bereits. Seine Eltern haben fünf Mädchen auserkoren, an einer Hausgesellschaft auf Harlow Hall teilzunehmen. Du warst eines von ihnen. Vater hat im Rahmen des Fests mit jeder der fünf Frauen Zeit verbracht und abschließend einen Ball ausgerichtet und seine Verlobung bekannt gegeben.“

Seine Mutter lächelte. „Genau. Wir fünf haben uns durch den entsprechenden Stammbaum ebenso qualifiziert wie durch Vermögen und Beziehungen. Und dennoch blieb die Romantik nicht außen vor. Zwei Wochen, um das Herz eines Dukes zu erobern und sich von den anderen Kandidatinnen abzuheben. Und ich habe gewonnen. Als ich am Ballabend nach Bekanntgabe der Verlobung mit deinem Vater Walzer getanzt habe, war mir, als würde ich auf Wolken schweben, so glücklich war ich. Nicht etwa, weil ich mich verliebt hätte. So naiv war ich nicht. Liebe auf den ersten Blick ist ein Mythos, Declan. Aber ich war glücklich, weil dein Vater und ich einander verstanden. Ich kannte meine Pflicht und er die seine, und wir haben sie erfüllt. Gemeinsam. So wie wir vieles in unserer Ehe gemeinsam gemeistert haben. Und es war eine gute Ehe. Ich bereue sie nicht. Mir ist durchaus bewusst, dass ich Glück hatte. Bei nur fünf Heiratskandidatinnen kann man sich leicht falsch entscheiden.“

Sie fuhr mit einer Hand durch die Luft. „Dir steht eine breitere Palette an Mädchen zur Verfügung als deinem Vater. Sei dankbar dafür. Du hast unter den Gästen die freie Wahl.“

Das war die Vorstellung seiner Mutter von Fortschrittlichkeit, ja gar von Großmut. „Herzlichen Dank, Mutter.“ Es war ironisch gemeint. Er war einunddreißig. Er verwaltete seine Güter, führte ein Herzogtum, beglich die Rechnungen, saß im Oberhaus, gab seine Stimme ab und wirkte dadurch an der Politik mit, die das Schicksal des gesamten Landes lenkte. Und trotz dieses Maßes an Verantwortung hatte er das Gefühl, immer noch am Rockzipfel seiner Mutter zu hängen.

„Du bist bloß nervös“, wandte seine Mutter beschwichtigend ein. „Schon in einer Woche könnte alles vorbei sein.“

Er wusste, was sie damit meinte, und das beschwichtigte ihn keineswegs. Falls er auf dem Ball eine Braut auswählte und seine Verlobung noch am selben Abend verkündete, wäre die Sache entschieden. Die Zeitungen würden sich vor Begeisterung überschlagen. London würde während der gesamten Saison über nichts anderes sprechen als darüber, wie er das Herz seiner Braut im Sturm erobert und sie vom Fleck weg geheiratet hatte.

Er lachte mokant. „Aber Mutter, was wäre dann mit der Hausgesellschaft nach dem Ball, die du so sorgfältig geplant hast? Es wäre eine wahre Schande, wenn ich all deine Bemühungen zunichtemachte.“ Der Ball war gleichsam der Eröffnungszug seiner Mutter, doch die eigentliche Brautjagd sollte auf Harlow Hall stattfinden, als eine Art Hommage an die Brautwerbung seines Vaters. Für Declan stellte die Hausgesellschaft einerseits ein Ärgernis dar, andererseits verschaffte sie ihm eine Galgenfrist. Sie zögerte das Unausweichliche um weitere zwei Wochen hinaus. Immerhin blieb ihm die Hoffnung auf ein Wunder. Vielleicht stand auf der Gästeliste seiner Mutter ja tatsächlich ein Mädchen, das er würde lieben können. Ein Mädchen, das sich mehr für ihn als für das Herzogtum interessierte.

2. KAPITEL

„Oh, welch wundervoller Tag! Die Kleider sind da!“ Elise platzte ins Schlafzimmer. Ihr beneidenswerter Freudentaumel ließ Cora von dem Brief aufblicken, den sie gerade verfasste – ein weiterer Brief an Kitty und Melly zu Hause. In ihrer unbändigen Euphorie nahm Elise sie bei der Hand und zog sie vom Schreibtisch fort, derweil eine nicht enden wollende Zahl an großen, weißen Kleiderschachteln mit Madame Dumonts charakteristischen rosa Satinbändern ins Zimmer getragen wurde.

„Herrje, so viele Schachteln.“ Cora umarmte Elise, deren Aufregung im positivsten Sinne ansteckend war. Sie wünschte, sie wäre mehr wie ihre Schwester und könnte sich ohne Wenn und Aber auf das Londoner Abenteuer einlassen. Doch etwas in ihr sperrte sich nach wie vor dagegen und sorgte sich darum, wie die Daheimgebliebenen in Dorset zurechtkamen.

„Haben wir wirklich so viel bestellt?“ Damals war es Cora gar nicht so vorgekommen. Sie lachte ungläubig, als immer mehr Schachteln hereingebracht wurden. Es war aufregend zu beobachten, wie sie sich auf dem Bett stapelten. Womöglich war es eitel und selbstsüchtig, in einem solchen Luxus zu schwelgen, aber es war lange her, dass sie etwas Neues bekommen hatte, von modisch ganz zu schweigen. Einige Momente der schlichten Freude sollten ihr vergönnt sein, solange ihr die Freude nicht zu Kopf stieg.

„Womit wollen wir anfangen?“ Elise verschränkte die Hände. In ihrer Miene spiegelte sich das, was auch Cora empfand, eine Mischung aus purer Freude und Fassungslosigkeit. Sie tauschten eine stumme Botschaft von Schwester zu Schwester: Wie wundersam es war, nach Jahren der Not und des Verlusts in diesem geräumigen Zimmer zu stehen, umgeben von Schachteln voller schöner Kleider, und sich um nichts anderes sorgen zu müssen als darum, wen man besuchen, was man tragen und an welchem Ball man teilnehmen solle.

Der Anblick ihrer glücklichen Schwester erfüllte Cora mit einer andersgearteten Freude, die weniger etwas mit Kleidern als mit der Zuneigung zu tun hatte, die sie für ihre Familie empfand. Endlich wagte sie zaghaft zu hoffen, dass sich alles zum Guten wenden mochte. Elise würde vorteilhaft heiraten, dessen war sie gewiss.

Und vielleicht werde auch ich jemanden finden. Wie könnte es anders sein, bei all diesen Kleidern? Dass ihr bislang niemand ins Auge gefallen war, bedeutete nicht, dass sie nicht bald jemanden kennenlernen würde. Eventuell schon heute Abend auf der Soiree der Grantons. Sie stand noch ganz am Anfang – die Kleiderschachteln, die sich drei Schichten hoch auf dem Bett türmten, gaben ihrer schwächelnden Zuversicht neuen Aufwind.

Sie lachte, als Elise sich auf die Schachteln stürzte, in fiebriger Hast das erste Band löste, es beiseitewarf und die Hände im Seidenpapier vergrub, um ein narzissengelbes Promenadenkleid zutage zu fördern. „Wie wunderschön!“ Sie presste es sich an den Körper und wirbelte juchzend durchs Zimmer. „Ich kann es kaum erwarten, darin durch den Park zu flanieren.“

Cora wandte sich ihren eigenen Schachteln zu. Sie beschloss, den Augenblick auszukosten, indem sie sich beim Auspacken Zeit ließ. Langsam löste sie ein Satinband und wickelte es sorgfältig auf, ehe sie den Deckel der Schachtel entfernte und behutsam das Seidenpapier zurückschlug. Später würde sie es zusammenfalten, damit es wiederverwendet werden konnte. „Oh …“ Sie seufzte sehnsüchtig, als sie das hauchzarte weiße, wallende Ballkleid herausnahm. Vielleicht war Weiß doch nicht so schlimm. Sie ging zu dem hohen Wandspiegel und hielt sich das Kleid an den Leib. Elise trat hinter sie, nach wie vor das gelbe Kleid umklammernd. „Es ist ein wenig wie Weihnachten, oder?“ Sie sprach untypisch ernst.

„Ja, stimmt. Weihnachten im Mai.“ Im Spiegel wechselte Cora einen Blick mit ihrer Schwester und sprach aus, was sie beide dachten und fühlten. „Ich wünschte, Mutter könnte uns sehen. Der Kleiderkauf hätte ihr gefallen.“ Ihre Mutter hatte so vieles verpasst und würde noch weit mehr verpassen. Sie würde weder die Heirat ihrer Töchter noch die Geburt ihrer Enkel miterleben. Sie würde nicht da sein, um die Familie zusammenzuhalten, und dabei brauchten sie diesen Zusammenhalt dringend. Obwohl Cora sich redlich Mühe gab, spürte sie, dass sie versagte – sie war überfordert. Wie hatte ihre Mutter dies jahrelang bewältigt, scheinbar mühelos, geradezu spielerisch?

„Sie hat sich eine Saison für uns gewünscht, Cora.“ Elise lächelte verhalten, bevor sie leise lachte. „Wenngleich ich bezweifle, dass sie mit so viel Pomp gerechnet hat.“ Sie wurde wieder ernst. „Sie würde wollen, dass wir jede Minute genießen, und genau das habe ich vor. Sie würde wollen, dass auch du es genießt.“

Vielsagend sah Elise zum Schreibtisch. „Selbst hier, inmitten von all dem Prunk, machst du dir Sorgen. Wir sind mehrere Tagesreisen von Wimborne Minster entfernt und können nicht kontrollieren, was dort geschieht. Aber wir haben Einfluss auf das, was hier passiert. Wir können gute Partien machen und damit auf lange Sicht die Situation unserer Familie verbessern. Und es ist keine Sünde, Cora, dich dabei zu amüsieren.“ Elise wandte sich vom Spiegel ab und öffnete die nächste Schachtel.

Vielleicht hatte Elise recht. Vielleicht sollte sie der Hoffnung ein wenig mehr Raum geben. Immerhin war alles auf einem guten Weg.

„Du bist langsam wie eine Schildkröte“, rief Elise vom Bett aus, wo sie ein rosa Kleid für häusliche Empfänge hochhielt. „So werden wir nie fertig werden.“

Cora lächelte. Das war genau der Anstoß, den sie brauchte, um ihren Trübsinn abzuschütteln und sich einen Nachmittag lang dem Vergnügen hinzugeben.

Während sie eine weitere Schachtel öffnete, ging sie im Geiste die bereits ausgepackten Kleider durch – das grüne und das blaue Tageskleid sowie die weißen Ballkleider. Was blieb noch?, fragte sie sich verwundert. Vielleicht gehörten die übrigen Schachteln Elise und waren versehentlich in ihrem Stapel gelandet. Sie löste das Band, nahm den Deckel ab und keuchte. In dem Seidenpapier lag ein Kleid aus der himmelblauen Seide, die sie bei Madame Dumont so sehr bewundert hatte. Tränen der Dankbarkeit brannten ihr in den Augen. Hatte Tante Benedicta erraten, wie viel ihr dieser Stoff bedeutet hatte, und auch dieses Kleid in Auftrag gegeben? Schuldgefühle wegen der zusätzlichen Kosten nagten an ihr. Auf jeden Fall würde sie ihrer Tante für diese besondere Güte danken.

Doch als sie das Kleid herauszog, wurde ihr klar, dass sie sich getäuscht hatte. Dieses Kleid übertraf alles, was ihre Tante und ihr Onkel sich leisten konnten. Es war nicht praktisch. Es war … magisch. „Elise, sieh dir das an.“

„Ach du meine Güte, woher kommt das denn?“ Elise zog staunend die Luft ein und strich ehrfürchtig mit einer Fingerspitze über die Seide. „Es ist herrlich. Mit deinem dunklen Haar würdest du atemberaubend darin aussehen.“

„Ich weiß nicht recht. Es gehört uns nicht.“ Cora seufzte bedauernd. Sie durfte auf keinen Fall ihr Herz an dieses Kleid verlieren. Vorsichtig machte sie sich daran, es wieder zu verstauen, aber Elise hatte andere Pläne.

„Nein, tu das nicht! Wir werden das Kleid nicht wieder einpacken, bis du es anprobiert hast. Sofort. Mit allem, was dazugehört.“ Schon kramte sie in den Schubladen der Kommode.

Die Versuchung war zu groß. „Na gut, warum nicht?“, lenkte Cora ein. Doch mochte ihr Herz die Debatte auch gewonnen haben, so behielt sich die Vernunft doch das letzte Wort vor. „Mach dir keine Hoffnungen. Da es nicht meines ist, wird es mir wahrscheinlich nicht passen.“

Elise half ihr, sich auszuziehen, und streifte ihr das Traumkleid über den Kopf. Die weiche Seide glitt ihr über die Haut und brachte die Vernunft endgültig zum Verstummen.

Ich bin für dich bestimmt, flüsterte es ihr zu, noch ehe sie in den Spiegel schaute.

Der Seidenstoff fühlte sich schwerelos an. Hatte sie je etwas getragen, das sich derart wunderbar anfühlte? Leise Angst flammte in ihr auf. Was, wenn es furchtbar an ihr aussah, dieses Kleid, dem es beschieden war, eine Augenweide zu sein? Welch Tragödie das wäre. Cora reckte sich, um einen Blick in den Spiegel zu erhaschen.

„Noch nicht. Zieh deine Handschuhe an.“ Elise gab ihr ein Paar neuer, blütenweißer Satinhandschuhe, die Cora bis zu den Ellbogen reichten. „Jetzt darfst du dich betrachten.“ 

Elise führte sie zum Wandspiegel, und einen Moment lang konnte Cora sich nur anstarren. War die Frau, die ihren Blick erwiderte, tatsächlich sie? Bis jetzt hatte sie kaum je einen Gedanken an ihr Äußeres verschwendet. Ihre Tage waren zu lang, zu anstrengend, und Eitelkeit war eine Sünde. Ihre Mutter hatte stets behauptet, sie sei schön, aber ihre Eltern hatten all ihre Töchter für hübsch befunden. Was immer ihr an Schönheit gegeben sein mochte, dieses Kleid brachte es zur Geltung.

Der schulterfreie Schnitt hob ihr Dekolleté hervor, sodass Cora versucht war, das Kleid hochzuziehen. Das enge Mieder betonte ihre schmale Taille und ging in den atemberaubendsten Rock über, den sie je getragen hatte – er war weiter und voluminöser, als es der aktuellen Mode entsprach, und verlieh dem Kleid ein ganz besonderes Flair. Es war einzigartig. Cora drehte sich versuchsweise um die eigene Achse und seufzte entzückt. Es war leicht wie Luft und bewegte sich fließend wie Wasser.

„Für ein Kleid, das nicht für dich gefertigt wurde, passt es wie angegossen“, hauchte Elise bewundernd. „Du bist überwältigend schön, Cora.“

Autor