Das verräterische Herz des Ritters

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Wales, 1337: Sir Hugh de Veilleux reist in geheimer Mission nach Ceinwen Castle, um dort eine Verschwörung gegen die Krone aufzudecken. Als er an einem Turnier um die Hand der betörenden Burgherrentochter Bronwen teilnimmt, ahnt er nicht, in welche Gefahr er sich dadurch begibt. Denn Bronwens unerwartete Anziehungskraft lenkt den edlen Ritter bald immer stärker von seinem Vorhaben ab. Wider alle Vernunft verliert er sein Herz ausgerechnet an die Frau, deren Vater er als Verräter entlarven soll! Riskiert er seine Mission für die Liebe?


  • Erscheinungstag 14.04.2026
  • Bandnummer 451
  • ISBN / Artikelnummer 0814260451
  • Seitenanzahl 256

Leseprobe

Ella Matthews

Das verräterische Herz des Ritters

1. KAPITEL

Wales, 1337

Hugh rutschte im Sattel hin und her und warf einen Blick auf seinen Begleiter. Tristan, einer von Hughs ältesten Freunden, starrte verdrießlich auf die Baumreihe vor ihnen. Seine Schultern waren zusammengesunken, seine Mundwinkel nach unten gezogen. Seine Haltung stand so sehr im Widerspruch zu seinem sonstigen heiteren Auftreten, dass Hugh beinahe darauf verzichtet hätte, darauf hinzuweisen, dass Tristan ihm vorhin einen schlechten Rat gegeben hatte. Aber nur beinahe. Außerdem würde eine kleine Spitze seinen Freund vielleicht aus der gedrückten Stimmung reißen. Einen Versuch war es wert.

„Wir hätten doch die Abzweigung nach rechts nehmen sollen.“

Tristan richtete sich auf. „Aber das war keine Straße, die aussah, als würde sie zur reichsten Burg in der Gegend führen. Es war nur ein Feldweg.“

„Wir suchen nicht nach Windsor Castle. Er hat genau so ausgesehen, wie der Weg zu einer Burg im Hinterland von Wales aussehen würde.“

Tristans Augen blitzten und Hugh war froh, dass das Feuer wieder in seinen Gefährten zurückgekehrt war. „Ich wusste gar nicht, dass du so ein Experte für ein Land bist, das du noch nie betreten hast.“

Damit hatte Tristan recht. Vor seiner Reise nach Wales war Hugh nur von Croxton Castle, der Festung seiner Familie, zur Burg von Lord Ormand an der Südküste Englands gereist, und das war vor über vierzehn Jahren gewesen. Im Gegensatz zu anderen Knappen und Junkern war er nicht mehr zu seinem Familiensitz zurückgekehrt, seit er ihn verlassen hatte, nicht einmal für einen kurzen Besuch. Seine Familie, die dort lebte, interessierte sich nicht für ihn. „Ich bin zwar kein besonders weit gereister Ritter, aber ich sage trotzdem, dass das die richtige Abzweigung war. Wir sind auf diesem Weg viel weiter geritten, als wir den letzten Anweisungen nach müssten.“

Tristan murmelte etwas Unverständliches und Hugh entschied, ihn nicht zu bitten, es zu wiederholen. Er bestand auch nicht darauf, den Weg zurückzureiten, den sie gekommen waren. Schweigend ritten sie eine Weile weiter. Irgendwo zu ihrer Linken, hinter hohen Bäumen verborgen, donnerte die See. Rechts von ihnen knarrte und ächzte ein uralter Wald. Es war schwer, keine düsteren Gedanken zu haben und nicht alles zu hinterfragen, was sie hierhergeführt hatte – oder, noch schlimmer, sich zu überlegen, was als Nächstes kommen würde.

Sie kamen um eine weitere Biegung und sahen, dass der schmale Pfad noch weit in die Ferne führte, bis er sich leicht nach links wandte und dem Blickfeld entschwand.

„Vielleicht hast du recht“, gab Tristan zu. „Wir hätten Ceinwen schon längst erreichen sollen. Willst du umkehren und den anderen Weg suchen?“ Doch nun, da Tristan ihm recht gegeben hatte, wollte Hugh ihre Ankunft so lange wie möglich hinauszögern. „Dieser Weg muss irgendwohin führen. Was hältst du davon, wenn wir ihm bis zum Ende folgen und uns ein Gasthaus suchen? Ein Ale wäre nicht zu verachten.“ Er wusste, dass er seine Aufgabe nicht allzu lange hinausschieben konnte, denn seine Zukunft und auch die von Tristan und ihrem dritten Freund Leo stand auf dem Spiel. Er musste seinen Auftrag unbedingt erfüllen. Doch dazu musste er lügen und andere überzeugend täuschen, und jeder, der ihn kannte, wusste, dass dies nicht zu seinen Talenten gehörte. Mit einer Lanze, einem Schwert oder einem Bogen gelang ihm alles, doch auf diese Weise …

„Ich finde, das klingt nach einer grandiosen Idee“, stimmte Tristan zu. Er wirkte erleichtert über Hughs Vorschlag.

Hugh wusste, warum er seine Aufgabe hinauszögern wollte, aber er war nicht sicher, warum sein Freund ebenfalls einen gewissen Widerwillen zu verspüren schien. Sobald sie Ceinwen Castle gefunden hatten, würde Tristan zu seiner eigenen Mission aufbrechen, aber sein Auftrag war einfach und verlangte nicht von ihm, an einem Turnier teilzunehmen, um die Hand einer Frau zu gewinnen, während man herausfinden musste, ob der Burgherr ein Verräter war. Allein der Gedanke an das, was vor ihm lag, ließ Hugh das karge Mahl hochkommen, das er vor einer Weile zu sich genommen hatte.

„Was meinst du, wie Leo wohl vorankommt?“, fragte Tristan.

Sie hatten Leo vor einigen Tagen in Abertawe zurückgelassen, wo er seine eigene Aufgabe zu erfüllen hatte. Er musste nur eine junge Dame zur Burg ihres Verlobten begleiten. „Ich kann mir gut vorstellen, dass er es mit seinem üblichen Eifer angepackt und bereits die Hälfte erledigt hat.“

Tristan trieb sein Pferd an, bis sie Seite an Seite ritten. „Und … wie geht es dir bei dem Gedanken an das Turnier?“

„Das Turnier ist kein Problem.“ Das war die Wahrheit; dieser Teil würde einfach sein. „Und ich bin sicher, dass es nicht schwierig sein dürfte, einen Beweis für die Schuld von Lord Geraint zu finden.“

„Aber …?“

Wie gut Tristan ihn kannte! Er hatte sofort die heimlichen Bedenken in Hughs Stimme gehört. „Ich mache mir Sorgen wegen der Tochter. Dass ich vortäuschen soll, die Dame heiraten zu wollen, gefällt mir ganz und gar nicht.“

„Natürlich nicht. Du bist ja auch der Inbegriff der Ritterlichkeit.“

Hugh wusste nicht, wie er auf dieses Kompliment reagieren sollte; er hatte in seinem Leben bisher so wenig Lob bekommen, dass das etwas ganz Neues für ihn war. Er wusste, dass seine Freunde ihn genauso respektierten wie er sie, und er wusste, dass er ein anständiger Ritter war, ja, sogar ein guter – aber neben seinen beiden Freunden fühlte er sich immer etwas unzulänglich. Hugh war ein hervorragender Schwertkämpfer, aber Leo war besser. Er konnte recht gut eine Konversation führen, aber ihm fehlte Tristans Charme. Seine Freunde kritisierten ihn nie, aber das brauchten sie auch nicht. Hugh hatte genug über seine Mängel gehört – zuerst von seiner Familie, und später von seinem Lehnsherrn Lord Ormand.

Hugh wusste, dass einige dieser Urteile ungerecht waren und möglicherweise Eifersucht oder eigener Unzufriedenheit entsprangen, aber das hieß nicht, dass die Worte keine Wunden hinterlassen hatten – Wunden, die in den langen Nächten schmerzten, in denen der Schlaf schwer zu finden war. Doch es stimmte, dass Hugh das Gelübde sehr achtete, das er bei seinem Ritterschlag abgelegt hatte, wahrscheinlich mehr als viele andere. Es war ihm wichtig, anderen nach dem Ehrenkodex der Ritter zu begegnen, denn er wusste, wie es war, wenn man schlecht behandelt wurde. Und diese tiefe Überzeugung ließ seine Abscheu vor seinem Auftrag nur noch wachsen.

„Du wirst wahrscheinlich gar nicht in die Nähe der Tochter kommen“, bemerkte Tristan. „Und wenn, dann denk daran, dass du es für das Wohl des Landes tust. Sie mag vielleicht eine unschuldige Jungfer sein, aber ihre Familie ist es nicht.“

„Das stimmt“, murmelte Hugh und hoffte, dass das Thema damit beendet wäre. Ganz gleich, wie sehr Tristan ihn beruhigte, es würde Hugh nie gefallen, eine arglose Frau zu täuschen. Er wusste, dass die Gefühle dieser unbekannten Frau keine Rolle spielen durften, wenn er bei seinem Auftrag Erfolg haben wollte. Doch das hielt ihn nicht davon ab, sich zu wünschen, dass die Dinge anders lägen.

Tristan wusste es nicht und würde es auch nie erfahren, aber Hugh hatte einmal geglaubt, verliebt zu sein. Als Lady Ann – die Tochter von Lord Ormand, dem Herrn der Burg, in der Leo und seine Freunde trainierten – ihm ihre besondere Aufmerksamkeit geschenkt hatte, hatte er gedacht, sie würde seine Gefühle erwidern. Doch schon bald war er eines Besseren belehrt worden, als er feststellte, dass sie ihn nur benutzte, um an seinen attraktiveren Freund Tristan heranzukommen. Als ihr Plan nicht funktioniert hatte, hatte sie ihre Freundschaft verworfen. Hugh hatte ihr also nichts bedeutet.

Der Schmerz und die Scham, die er nach ihrer Ablehnung empfunden hatte, waren überaus unangenehm gewesen, und der Gedanke, einem anderen Menschen Leid zuzufügen, indem er auf die gleiche Weise Hoffnungen weckte, raubte ihm den Schlaf. Er würde alles in seiner Macht Stehende tun, um Lord Geraints Tochter aus dem Weg zu gehen. Und sobald er die Wahrheit hinter dem unerklärlichen Wohlstand auf Ceinwen entdeckt hatte, würde er die Burg verlassen und nie mehr zurückschauen.

Bronwen hätte sich nicht so weit von der sicheren Burg entfernen sollen. Sie hatte nicht nachgedacht, als sie auf der großen braunen Stute losgeritten war, die sie so mochte. Sie hatte nicht überlegt, was passieren konnte, wenn sie auf Männer traf, die in den verborgenen Winkeln des Waldes lauerten. Sie hatte nur an Flucht gedacht. Alles stand auf dem Spiel – ihr Leben und ihre Zukunft. Und alles würde in den Ereignissen gipfeln, die in den nächsten zehn Tagen stattfinden würden.

In ihr hatte sich alles angestaut, bis ihre Haut sich angefühlt hatte, als sei sie zu eng geworden und würde platzen, wenn sie noch einen Moment länger hinter den hohen Burgmauern verweilte. Die einzig vernünftige Möglichkeit schien ihr zu sein, vor den sich steigernden Erwartungen davonzureiten.

Doch nun war sie sich nicht mehr ganz sicher, in welchem Teil des Waldes sie sich befand, und sie hatte niemandem gesagt, wo sie hinging. Und trotz des bevorstehenden Turniers war es auch niemandem wichtig genug gewesen, sie zu fragen. Ihr Vater war wahrscheinlich schon zu betrunken, um ihr Verschwinden überhaupt zu bemerken, und ihre Mutter zu sehr damit beschäftigt, sich vor seiner Grausamkeit zu verstecken. Ihre Brüder, früher ihre engsten Vertrauten, hatten Ceinwen Castle schon lange verlassen. Es war, als sei sie nur noch im Hintergrund vorhanden. Zwar war sie da, wurde aber kaum noch von jemandem bemerkt.

Bronwen schüttelte den Kopf. Dies war nicht der richtige Moment, um niedergeschlagen zu sein. Jetzt musste sie praktisch denken, eine Fähigkeit, die sie im Lauf ihres Lebens vervollkommnet hatte. Sie brachte Ffleur zum Stehen und kraulte die kurzen Haare am Hals des Pferdes. Sie wusste, dass sie die Festung ihres Vaters wiederfinden würde, wenn sie in Richtung Sonnenaufgang ritt, aber unter dem dichten Blätterdach des Waldes konnte sie die Sonne zu wenig sehen. Wollte sie die Sonne im Blick behalten, musste sie ihr Pferd aus dem Wald hinaus in die offene Landschaft treiben. Es war unwahrscheinlich, dass sie jemandem begegnen würde. Hier waren nur selten Leute unterwegs, denn es gab nur Ceinwen Castle und eine kleine Fischersiedlung in der Nähe. Aber es war möglich. Und sie wollte lieber nicht darüber nachdenken, was geschehen mochte, wenn sie auf feindlich gesinnte Fremde traf.

Ja, selbst einige der Männer, die sie kannte, würden ihr nicht freundlich gegenübertreten. Die etwas zwielichtigeren Freunde ihres Vaters würden die Situation womöglich ausnutzen. Diese Männer schienen nur in der Burg zu leben, um im Übermaß zu essen und zu trinken und ihren Vater dazu anzustacheln, es ihnen gleichzutun. Das war einer der wichtigsten Gründe, warum sie sich danach sehnte, endlich ein neues Leben beginnen zu können. Sie wollte endlich von den Männern wegkommen, die das Leben auf Ceinwen so unangenehm machten. Der andere Grund war die Einsamkeit, die sich in ihr Leben geschlichen hatte, bis sie ein Teil von ihr geworden war.

Bronwen umklammerte die Zügel. Es blieb ihr nichts anderes übrig – wenn sie nicht aufs offene Land hinausritt, würde sie den Rückweg nach Ceinwen womöglich nie finden. Sie trieb Ffleur bis zum Waldrand und wartete.

Über das laute Zwitschern der Vögel hinweg war kein Hinweis auf eine Reisegruppe zu vernehmen, und so atmete sie tief ein und verließ die schützenden Bäume. Ffleur warf den Kopf hoch und schien froh zu sein, ins Freie zu kommen. Bronwen blickte zum Himmel auf und erkannte, dass sie gar nicht so weit von zu Hause entfernt war wie befürchtet. Der Weg vor ihr würde sie zurück in die sichere Burg führen, ganz gleich, welche Richtung sie einschlug. Nach rechts ging es durch ein kleines Fischerdorf, während sie links auf direkterem Weg zur Burg kommen würde. Bronwen wandte Ffleur nach links und brachte sie sofort wieder zum Stehen. Das Herz schlug ihr hart an die Rippen.

Direkt vor ihr saßen zwei Männer auf riesigen Pferden, wie sie Rittern vorbehalten waren. Und die Größe der Fremden deutete darauf hin, dass sie auch genau das waren. Der Mund stand ihnen offen, während sie Bronwen anstarrten. Langsam ließ sie ihre Hand zu ihrer Taille wandern und tastete nach dem Griff ihres Dolches, der an ihrem Gürtel hing. Sie fand den glatten Griff und umklammerte ihn fest, obgleich die Ritter noch keine Bewegung in ihre Richtung unternommen hatten. Hier auf dem offenen Land war sie im Vorteil, weil sie die Gegend kannte. Trotzdem würde sie den Männern nichts entgegensetzen können, sollten ihre Absichten nicht ehrenhaft sein.

Der Ritter, der ihr am nächsten stand, hatte Haare wie poliertes Gold. Er lächelte und neigte den Kopf. „Können wir Euch helfen, Mylady?“

„Ich …“ Die Furcht lief ihr über den Rücken und ließ ihre Knie weich werden. Die beiden Männer waren groß, viel größer als irgendeiner der Männer in der Burg ihres Vaters, und ihre breiten Schultern deuteten auf verborgene Kraft hin. Wenn sie ihr feindlich gesinnt waren, konnte sie nichts ausrichten. Sie wusste, dass sie irgendwie reagieren musste, auch wenn das einfach hieß, in den Wald zurückzukehren und aus ihrem Sichtfeld zu verschwinden. Aber der Schrecken ließ sie wie angewurzelt stehen bleiben.

Der zweite Mann schnaubte und brummelte etwas vor sich hin, während er sich nach vorn drängte. „Habt Ihr Euch verirrt, Mylady?“, fragte er mit einer Stimme, die forsch und direkt klang und die Spannung in Bronwens Schultern nicht hätte lösen sollen, es aber trotzdem tat. Sein Pragmatismus, ein Spiegel ihres eigenen normalen Verhaltens, war nicht bedrohlich, und seine ruhige Stimme drang durch ihre Furcht hindurch. Sie behielt die Hand am Dolch, entspannte sich aber genug, um sprechen zu können.

„Nein“, sagte sie und schüttelte den Kopf. „Ich bin nicht vom Weg abgekommen. Aber ich danke Euch für Eure Sorge.“

Er bewegte sich noch einen Schritt vorwärts und versperrte ihr nun vollkommen den Blick auf den Mann hinter ihm. In diesem Moment zeichnete die Sonne aus seinem Gesicht ein scharfkantiges Relief und ihr blieb der Atem auf eine Weise im Hals stecken, die nichts mit Furcht zu tun hatte. Der Fremde war nicht wirklich gut aussehend, aber etwas an seinen Zügen fesselte sie. Sein dunkles Haar war kurz geschnitten, allerdings nicht vollkommen gleichmäßig. Sein Gesicht war glatt rasiert und dichte Augenbrauen beschatteten blaue Augen. Diese Augen waren es, die ihren Blick festhielten und ihr Herz schneller schlagen ließen.

„Können wir Euch irgendwohin geleiten?“, fragte er mit einer Stimme, die nun warm und sanft klang. „Ich versichere Euch, dass wir nichts Böses im Schilde führen.“

Bronwen befeuchtete ihre Lippen mit der Zungenspitze.

„Ich wäre Euch dankbar, wenn Ihr mich passieren lassen würdet. Dann gehe ich meiner Wege.“

„Selbstverständlich.“ Er drehte sich im Sattel um und sein kräftiger Körper bewegte sich mühelos. „Tristan, geh zur Seite, damit die Dame vorbeireiten kann.“

Bronwen ließ ihre Stute langsam vorwärtsgehen. Obwohl die Männer bisher höflich geblieben waren, erwartete sie halb, dass einer von ihnen beim Vorbeireiten nach ihr greifen würde. Doch beide bewegten sich nicht. Mit geschärften Sinnen ritt Bronwen auf sie zu und die Zeit schien sich zu verlangsamen. Jeder Tritt ihres Pferdes, jedes Knacken der Zweige und jedes Zittern ihrer Hände, die die Zügel hielten, war ihr bewusst.

Als sie direkt neben dem dunkelhaarigen Mann war, schien sich ihr Kopf ganz aus eigenem Antrieb zu wenden, sodass sie ihn direkt anblickte. Einen unendlichen Augenblick lang starrten sie sich beide an. Später würde sie ihr merkwürdiges Verhalten hinterfragen, doch in diesem Moment konnte sie ihren Blick nicht abwenden, denn in ihm schien alles zusammenzulaufen.

Irgendwann war ihr Pferd so weit an ihm vorbeigegangen, dass sie ihn nicht weiter anblicken konnte, ohne sich im Sattel umzudrehen. Der Drang, das zu tun, war stark, aber es gelang ihr, ihm zu widerstehen und weiterzureiten, bis sie die beiden Ritter passiert hatte. Dem zweiten Mann schenkte sie keinen weiteren Blick mehr. Sobald sie dazu in der Lage war, trieb sie ihr Pferd an und ritt, so schnell sie konnte, auf die Festung ihres Vaters zu, während sie sich fragte, was in diesem endlosen Moment mit ihr geschehen war.

2. KAPITEL

„Was ist mit dem?“ Delaine stieß Bronwen in die Rippen und wies mit dem Kinn auf einen jungen Ritter, der gerade seine langen Beine über die Kruppe seines Pferdes schwang, um abzusitzen. „Ich wette, an ihm ist alles groß.“ Delaine hob vielsagend die Augenbrauen und Bronwen gelang es nicht, das Kichern zu unterdrücken.

In ihren Kindheitstagen war Delaine Bronwens engste Gefährtin gewesen, aber in den vergangenen Jahren hatte sich ihre Freundschaft immer mehr verflüchtigt. Delaine war jetzt verheiratet und hatte Kinder, aber die Frauen hatten sich schon vorher voneinander entfernt. Und das hatte mehr mit Bronwen zu tun, als sie zugeben wollte.

Je schlimmer das Verhalten ihres Vaters geworden war, desto mehr hatte sich Bronwens Mutter zurückgezogen und Bronwen war den anderen Bewohnern der Burg gegenüber immer unbeholfener geworden. Sie wusste nicht recht, was sie zu denen sagen sollte, die ihr nahestanden, wenn auch sie nie wusste, in welcher Stimmung ihr Herr und Meister sich gerade befand. Ihr Vater machte entweder allen in der Burg das Leben schwer oder überbot sich in übertrieben großspurigen Gesten. Das extravagante Turnier war ein Paradebeispiel für seine ausgefallenen Ideen. Von den einen wurde erwartet, dass sie arbeiteten, bis sie umfielen, und andere konnten auf Kosten von Lord Geraint essen, trinken und feiern. Und man konnte nie vorhersagen, wen ihr Vater für die Plackerei auswählen würde und wen nicht.

War er betrunken, was meistens der Fall war, konnte er bösartig und unversöhnlich sein, und seine Frau bekam den größten Teil seines üblen Gebarens zu spüren. Mit seiner ständigen Kritik hatte er Bronwens Mutter in den letzten Jahren so zermürbt, dass sie nur noch ein Schatten der Frau war, die sie während Bronwens jüngeren Jahren gewesen war. Die Launen ihres Vaters waren wie Treibsand und ließen jeden in seinem Umfeld so angespannt sein wie die Saiten einer Leier, denn keiner wollte das Ziel seiner Schmähungen werden.

Manchmal erstreckten sich die Tage lang und leer vor Bronwen und sie sehnte sich nach jemandem, mit dem sie sich unterhalten konnte und der ihre Einsamkeit lindern würde. Sie stellte sich vor, wie es war, mit ihren eigenen Töchtern zu plaudern und zu lachen, Töchtern, die sie mit Liebe und Aufmerksamkeit überschütten würde. Doch dazu brauchte sie einen Mann.

Gerade unterhielt sich Delaine zwar mit ihr, aber sie wusste, dass es nur ein oberflächliches Gespräch bleiben würde. Die beiden Frauen beobachteten, wie der langbeinige Ritter stolperte, als seine Füße auf dem Boden aufkamen. „Vielleicht doch nicht der“, setzte Delaine hinzu. „Du brauchst einen Ehemann, der sicher auf den Beinen ist.“

„Ich wäre schon mit einem festen Charakter zufrieden, selbst wenn er beim Absitzen ins Taumeln kommt.“ Sie wollte einen Mann, der genau das Gegenteil ihres Vaters war. Er sollte beständig und nicht launenhaft sein. Und vor allem sollte er nicht die Macht haben, sie so zu verletzen, wie es ihr Vater mit seinen bissigen Bemerkungen und sarkastischen Spitzen bei ihrer Mutter getan hatte. Sie wollte jemanden, der verlässlich war und den sie respektieren konnte, aber nicht liebte. Liebe machte einen Menschen nur kaputt. Das hatten ihr ihre Eltern gezeigt.

Bronwen wandte sich um, um den Neuankömmlingen entgegenzublicken. Das Turnier würde eine Woche dauern, höchstens zwei, je nachdem, wie das Wetter es zuließ. In dieser Zeit musste sie dafür sorgen, dass sie sich nicht an einen Mann kettete, der schlimmer war als ihr Vater.

Ihr Vater hatte bestimmt, dass der Sieger des Turniers ihre Hand bekommen würde, doch Bronwen hatte einen eigenen Plan geschmiedet. Ihr Vater würde viel Zeit damit zubringen, mit seinen Kumpanen zu trinken und zu feiern, und oft würde er sie und die Ritter nicht weiter beachten. In dieser Zeit würde Bronwen versuchen, dafür zu sorgen, dass ihr Favorit gewann. Ihr Vorhaben war ein wenig vage und es konnte viel schiefgehen, aber sie hatte lange über diesen Moment nachgedacht und würde alles tun, was sie konnte, um den Ausgang zu beeinflussen. Ihr zukünftiges Glück hing davon ab.

Hufgeklapper ertönte auf der Zugbrücke und sie hielt den Atem an, nur um gleich darauf wieder auszuatmen, als sie einen Fremden in den Burghof reiten sah. Aus Gründen, die sie sich selbst nicht erklären konnte, erwartete sie die ganze Zeit den Mann, mit dem sie diese merkwürdige Begegnung auf dem Weg gehabt hatte. Wenn er auch auf die Burg kam, würde er mit seiner stattlichen Erscheinung alle anderen Teilnehmer des Turniers in den Schatten stellen.

Dass sie sich so nach seinem Auftauchen sehnte, damit sie ihn wiedersehen konnte, ergab überhaupt keinen Sinn. Seit Jahren hatte sie fest geplant, eine Ehe nach dem Grundsatz einzugehen, dass das Arrangement allein auf praktischen Gründen beruhte. Sie wollte sich nicht zu dem Mann hingezogen fühlen, den sie heiratete, denn sonst würde sie sich womöglich verlieben und das wäre fatal. Ihre Mutter hatte ihren Vater geliebt. Aber er hatte diese Liebe genommen und die Frau zerstört, die sie einmal gewesen war.

Es ergab also gar keinen Sinn, einen Mann besser kennenlernen zu wollen, weil das leuchtende Blau seiner Augen sie mitten in die Brust getroffen hatte oder weil seine Stimme so warm und beruhigend gewesen war wie ein Feuer in einer Winternacht. Es war für sie unwichtig, wie ein Mann gebaut war oder wie fest er auf seinen Füßen stand. Worauf es ankam, war sein Charakter.

Der Strom der Männer, die zum Turnier eintrafen, nahm langsam ab und versiegte schließlich ganz. Der Mann, den sie getroffen hatte, erschien nicht. Und das war wohl auch das Beste. Sie konnte es sich nicht leisten, sich von ihrem Plan ablenken zu lassen, und dieser Mann und ihre Reaktion auf ihn würden sicher eine Komplikation darstellen, die sie nicht gebrauchen konnte.

Bronwen beschloss, ins Gebäude zurückzukehren. Die meisten Bewerber waren mittlerweile angekommen und sie wollte nach ihrer Mutter sehen, bevor das Fest begann.

„Du meine Güte“, hauchte Delaine, die sich wieder umgewandt hatte, um das Tor zu beobachten. „Ich habe deinen Sieger gefunden. Er ist göttlich.“

Bronwens Herzschlag verlangsamte sich. Die Haare auf ihren Armen standen ihr zu Berge. Sie wandte sich in die Richtung, in die Delaine blickte, obwohl sie schon wusste, wen sie erblicken würde. Sie hatte bisher nur einen Mann getroffen, der diese Art von Ehrfurcht in einer Frau wecken würde – den Mann mit den durchdringenden blauen Augen. Und da war er direkt unter dem großen Torbogen, auf seinem Pferd, das geduldig auf sein nächstes Kommando wartete. Ihr Herz tat einen Sprung und pochte unangenehm hart unter ihren Rippen, als ihr Blick an ihm haften blieb. Er wirkte größer und gefährlicher als zuvor. Wo einige der anderen Turnierteilnehmer wie Jungen wirkten, war er ein Mann.

„Der ist appetitlich“, murmelte Delaine.

„Du bist verheiratet.“ Ärger über die anzüglichen Bemerkungen ihrer Freundin durchfuhr Bronwen. Delaines Kommentare über die anderen Teilnehmer hatten sie nicht gestört, aber bei ihm taten sie es. Er war kein Objekt, über das man diskutieren konnte wie über ein hübsches Schmuckstück.

„Ich weiß, aber ich habe trotzdem Augen. Dieser Mann ist eine Stufe besser als die anderen.“

Der Mann ließ seine Augen über den offenen Burghof schweifen und sein scharfer Blick nahm alles in sich auf. Als er auf die Ecke fiel, in der sich die anderen Männer versammelt hatten, hielt er inne und nickte ihnen kurz zu. Dann schwang er das Bein über die Kruppe seines Pferdes und saß ab, wobei er elegant auf dem Boden landete. Nein, dieser Ritter stolperte nicht. Er nahm die Zügel auf und schritt aus, und sein Pferd folgte ihm gehorsam. Sie gaben ein beeindruckendes Bild ab, wie sie über den Burghof gingen. Sein Auftreten war gebieterisch, und Bronwen konnte die Augen nicht von ihm abwenden. „Wer ist das?“, fragte sie sich im Flüsterton. „Und wo kommt er her?“

„Ich habe keine Ahnung.“ Offensichtlich hatte sie lauter gesprochen als beabsichtigt und Delaine hatte sie gehört.

„Aber ich freue mich darauf, es herauszufinden.“

„Delaine!“

„Natürlich nur für dich.“ Delaine kicherte und wandte sich den anderen Jungfern zu, die alle die Ankunft des Mannes registriert hatten. Ihr Flüstern klang wie das Summen in einem aufgestörten Wespennest. Der Lärm kratzte an Bronwens Haut und sie entfernte sich einige Schritte von den Frauen. Sie wollte nicht zickig erscheinen, denn dies sollten fröhliche Tage für alle werden. Aber sie wollte die Leute auch nicht dazu ermutigen, über irgendeinen der Teilnehmer zu spotten. Einer dieser Männer würde ihr Ehemann werden, und die Ehe mit ihm, wer immer er sein mochte, würde ihr Leben vollkommen verändern.

Ihre Bewegung musste die Aufmerksamkeit des Ritters auf sich gezogen haben, denn er wandte sich um und blickte sie direkt an. Ihre Blicke trafen sich und etwas Heißes schien durch die Luft zu schießen und in ihrer Brust einzuschlagen. Sie taumelte leicht, als sei sie getroffen worden; seine Stirn furchte sich und er machte einen Schritt in ihre Richtung.

Bronwen wandte sich ab und kehrte zu den Frauen zurück, um über etwas zu lachen, was eine von ihnen gesagt hatte, obwohl sie nichts von dem gehört hatte, was unter den Frauen gesprochen worden waren. Als sie aus dem Augenwinkel noch einmal einen Blick auf den Ritter warf, blickte er nicht mehr in ihre Richtung und sie seufzte erleichtert auf.

Dieser Blickwechsel war nicht schön gewesen. Er war heiß und schwer gewesen und hatte etwas tief in ihrem Inneren berührt. Es war das genaue Gegenteil von dem, was sie von ihrem zukünftigen Ehemann wollte. Sie würde jemanden heiraten, dessen Gesellschaft angenehm war und mit dem sie sich unterhalten konnte, aber nach dem sie sich nicht sehnen würde und dessen Gegenwart keine Wirkung auf ihren Körper hatte.

3. KAPITEL

Die Unterkünfte, die den am Turnier teilnehmenden Rittern zugewiesen worden waren, waren überfüllt und rochen bereits stark nach ungewaschenen Männern. Es war merkwürdig, ohne Tristan oder Leo hier zu sein – die drei Freunde waren bisher selten voneinander getrennt gewesen –, aber Tristan war nun aufgebrochen, um seine eigene Aufgabe zu erfüllen, und Hugh würde sich allein behaupten müssen. Hugh fand einen Platz in der hinteren Ecke und stellte seine Reisetaschen auf den Boden. Ein älterer Ritter, dessen Schläfen bereits etwas ergraut waren, ordnete gerade seine Habseligkeiten neben ihm. Er fing Hughs Blick auf und lächelte.

„Sir John de Motram“, sagte er, richtete sich auf und streckte Hugh die Hand hin.

„Sir Hugh“, erwiderte dieser. „De Veilleux.“

John pfiff leise. „Ich hatte gehofft, die Gerüchte über Eure Teilnahme an diesem Turnier wären nicht wahr.“

Hugh spürte, wie seine Haut heiß wurde, als er fieberhaft überlegte, was John über ihn gehört haben mochte. Hatte er von der Ungnade erfahren, in die er und seine beiden Freunde gefallen waren? Diese Geschichte würde ihn nicht im besten Licht dastehen lassen, auch wenn vieles davon nicht stimmte. Vielleicht hatte John auch etwas über seine Familie gehört.

Als dritter Sohn und siebzehntes Kind war Hugh für seine viel älteren Geschwister immer eine Art Witzfigur gewesen. Er hatte Jahre gebraucht, um zu begreifen, dass ihre ständigen Schikanen genauso absurd wie unsinnig waren. Er war kleiner als sie, weil er jünger war; er war nicht so schnell wie sie, weil er ein Kind war und seine Brüder beinahe erwachsen. Es war zwar Jahre her, seit er seine Familie zum letzten Mal gesehen hatte, und doch hatte er immer noch das Gefühl, ihnen etwas beweisen zu wollen. Und das ärgerte ihn. Er wollte ihnen beweisen, dass er ein gewandter Schwertkämpfer war, dass er schneller laufen konnte als viele andere und dass er ein Mann war, auf den die Familie stolz sein konnte. Vielleicht würden sie endlich hören, dass sein Name mit Ehrfurcht genannt wurde, wenn er diesen Auftrag erfolgreich ausgeführt hatte.

John grinste. „Kein Grund, so schuldbewusst dreinzuschauen. Ich habe nur Gutes gehört.“

„Sicher, dass Ihr von der richtigen Person gehört habt?“ Auch das ergab keinen Sinn.

„Aye. Ihr habt bei Lord Ormand trainiert.“

„Ich habe auf seiner Burg trainiert. Das stimmt.“ Hugh widerstrebte es, seine erworbenen Fähigkeiten dem Herrn der Burg zuzuschreiben, der seine Knappen im besten Fall mit Gleichgültigkeit, im schlimmsten Fall jedoch mit richtiggehender Bosheit behandelte.

„Ah, ich verstehe. Er war wohl kein besonders engagierter Ausbilder.“

„Nein, aber wir hatten das Glück, dass er sich viele fachkundige Ritter hält, die die Ausbildung der Knappen auf seiner Burg beaufsichtigen.“ Vielleicht war es ganz gut, dass Lord Ormand keine aktive Rolle in der Ausbildung seiner Kämpfer einnahm. Er liebte es, die jungen Männer in seinem Schloss gegeneinander auszuspielen, und schien seine Freude an den Machtkämpfen zu haben, die daraus entstanden. Hugh hatte Glück gehabt, dass er Leo und Tristan gehabt hatte; ohne seine Freunde wären die Ausbildungsjahre die reinste Hölle gewesen.

„Die Barden berichten von Euch.“

„Wirklich?“ Das kam Hugh kaum glaubhaft vor.

„Was sagen sie denn?“

„Dass Ihr und … heißen sie Leopold und Tristram?“

„Tristan.“

„Ach ja. Dass Ihr drei die größten Ritter sein werdet, die man im ganzen Königreich je gesehen hat.“

Hugh hätte nicht sprachloser sein können, hätte ihm John gesagt, er könne fliegen. „Wirklich?“ Er besaß keine falsche Bescheidenheit und wusste, dass sie drei gut waren. Wenn man einige Wettkämpfe gewonnen hatte, war es irgendwann offensichtlich, dass man etwas richtig machte. Aber „die größten“? Er ließ das Wort einen Moment einsinken, bevor er den Kopf schüttelte. Es waren Leo und Tristan, auf die dieses Attribut zutraf; Hugh ritt nur auf ihrer Erfolgswelle mit.

Johns Lächeln wurde breiter. „Ja. Und darum sind wir alle verloren.“ Seine Handbewegung schloss alle Ritter in ihrem Schuppen ein.

„Verloren?“

„Keiner von uns wird Euch gewachsen sein.“

Hugh lachte. Er mochte diesen älteren Mann. Es war es nicht gewohnt, von einem anderen Ritter so höflich behandelt zu werden. Die Männer auf Lord Ormands Burg wurden nicht gerade dazu ermutigt, Bündnisse zu schließen, und seine enge Verbindung mit zwei anderen Männern gepaart mit Tristans und Leos Fähigkeiten hatten die meisten anderen dazu gebracht, sich gegen sie zu stellen. Für Hugh war es so ungewohnt, ausnahmsweise einmal Freundlichkeit zu begegnen, dass er nicht recht wusste, wie er reagieren sollte. „Die Geschichten über mein Können sind wohl stark übertrieben.“

„Das können wir anderen nur hoffen.“ Männer strömten zum Ausgang, während sie miteinander plauderten und lachten – unverkennbar eine andere Atmosphäre, als sie auf Lord Ormands Burg herrschte. „Ich glaube, es ist Zeit für die Abendmahlzeit. Wollen wir auch gehen?“ Auf dem Weg in den großen Saal stellte John ihn einigen weiteren Wettkampfteilnehmern vor. Wallace, ein hoch aufgeschossener Mann, der ein paar Jahre älter war als Hugh, war von Lord Ormands Trainingsprogramm fasziniert und überschüttete Hugh mit Fragen.

„Warum sind die bei ihm ausgebildeten Knappen so gut?“, fragte Wallace, während sie sich einen Platz an einer der langen Tafeln suchten.

„Es werden jederzeit Spitzenleistungen erwartet.“ Und wenn man versagte, folgte die rasche und brutale Strafe. Eine Erinnerung stieg in Hugh auf. Mit fieberheißem Körper hatte er versucht, sein Schwert in der Luft zu halten, während Leo ihn beinahe trug. Obwohl er krank gewesen war, hatte er seinen Körper gezwungen, eine Reihe anspruchsvoller Übungen zu absolvieren. Dann das Gefühl zu fallen und der dumpfe Schlag, als sein Kopf auf den Kiesboden traf.

Tristans und Leos Stimmen waren irgendwo über ihm gewesen und ihre Hände hatten seine Kleider ergriffen, um ihn wieder auf die Beine zu ziehen. Und dann die darauf folgende Bestrafung, die über sie alle drei verhängt worden war, weil Leo und Tristan sich erdreistet hatten, Mitgefühl zu zeigen – etwas, das Lord Ormand absolut nicht guthieß. Hugh war beinahe in einen Fieberwahn gefallen, als man ihn gezwungen hatte, ohne Wasser oder Essen in der gleißenden Sonne zu stehen. Er war etwa neun Jahre alt gewesen und hatte danach gewusst, dass er nie wieder bei etwas versagen durfte.

„Und ist Lady Ann tatsächlich so schön, wie man berichtet?“

Hugh räusperte sich. Dieses Gespräch beschwor keine schönen Erinnerungen für ihn herauf. Aber er wollte die Männer auch nicht enttäuschen. „Gewiss. Sie hat schon die Aufmerksamkeit vieler Knappen und Junker erregt.“ Er war einer von ihnen gewesen, hatte sich aber für jemand Besonderen gehalten, als sie ihn erwählt zu haben schien. Immer hatte sie mit ihm sprechen und manchmal sogar ein wenig Zeit allein mit ihm verbringen wollen. Einem jungen Mann, der noch nie so behandelt worden war, stieg diese Beachtung schnell zu Kopf. Zum Glück hatte er die Wahrheit dahinter entdeckt, bevor er seine Gefühle irgendwem offenbart hatte. Den Schmerz darüber hatte er in sich vergraben, und obwohl ihn die Dame nicht mehr interessierte, wusste er, dass er nie wieder zulassen würde, dass er sich wegen einer Frau so furchtbar fühlte.

Der Klang eines Horns kündigte das Eintreffen des Burgherrn und seiner Familie an. Alle im Saal standen auf und erhoben ihre Gläser. Ein blaues Blitzen erregte Hughs Aufmerksamkeit – und da stand sie, Lady Bronwen. Als sie am Tag zuvor aus dem Wald gekommen war, hatte er sie mit ihrem in der Sonne golden glänzenden Haar zuerst für ein Fabelwesen gehalten. Sein Herz hatte einen Moment ausgesetzt und seine Lunge hatte vergessen, wie man atmete, bevor die Wirklichkeit ihn wieder eingeholt hatte. Wie vielen Frauen hatte es ihr angesichts von Tristans Aussehen die Sprache verschlagen. Natürlich; das ging allen Frauen so. Hugh machte Tristan keinen Vorwurf daraus. Tristan konnte nichts für sein Aussehen und nutzte es auch nicht aus. Aber in diesem Moment hatte Hugh sich gewünscht, nur einen ganz kleinen Teil dessen zu besitzen, was seinen Freund so unwiderstehlich machte. Er hätte alles gegeben, um die Aufmerksamkeit dieses zauberhaften Wesens zu erregen. Doch eine solche Hoffnung war vergeblich, und so hatte Hugh getan, was er immer tat – er hatte seine Gefühle beiseitegeschoben und seine normale, praktische Seite in den Vordergrund treten lassen.

Der Augenblick war schnell vorüber gewesen und der Gedanke an sie wäre bald aus seiner Erinnerung verschwunden gewesen. Doch dann war er kurz darauf in den Burghof geritten, hatte das gepflegte Areal betrachtet und war dem Blick der genau gleichen Frau begegnet. Seine Brust hatte sich zusammengezogen und er war erneut von ihrer Anziehungskraft gebannt gewesen, als habe sie einen Zauber über ihn gelegt. Sie hatte sich schnell von ihm abgewandt, war zu den Frauen gegangen und hatte sich an ihrem Gespräch beteiligt. Es hatte ihm gezeigt, dass er nicht die gleiche Macht über sie hatte wie sie über ihn. Er wusste nicht, wie lange er dagestanden und sie angestarrt hätte, wenn sie sich nicht bewegt hätte. 

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