Die wilde Braut und der Krieger mit den himmelblauen Augen

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Die stolze Kriegerin Gwendolyn von Alvey liebt nichts so sehr wie ihre Freiheit. Doch der letzte Wille ihres Vaters lässt ihr keine Wahl: Damit ihr Land künftig besser gegen aufständische Stämme aus dem Norden gerüstet ist, muss sie den Dänen Vidar heiraten: einen stolzen jungen Krieger mit himmelblauen Augen. Voller Wut schwört Gwendolyn sich, ihm zu widerstehen. Als ihr Gemahl mag er ihr Land bekommen, aber niemals ihren Körper, geschweige denn ihr Herz! Doch wenn sie ihn so hasst: Woher kommt dann plötzlich diese gefährlich sinnliche Sehnsucht, als er sie bei der Hochzeitsfeier mit einem Kuss vor allen Gästen überrascht?


  • Erscheinungstag 09.06.2026
  • Bandnummer 455
  • ISBN / Artikelnummer 0814260455
  • Seitenanzahl 256

Leseprobe

Harper St. George

Die wilde Braut und der Krieger mit den himmelblauen Augen

1. KAPITEL

Die Anhöhen hatten im Verlauf des letzten Tages wie lebendige Wächter verfolgt, wie die Boote allmählich näher kamen. Die Riemen der Männer schnitten durch das trübe Wasser, in einem stetigen Rhythmus, aus dem jahrelange Praxis sprach – fast lautlos hoben und senkten sich die Ruderblätter und ermöglichten es der Schar, ihre Fahrt mit gnadenloser Beharrlichkeit fortzusetzen. Vidar betrachtete jene Anhöhen mit finsterer Miene, ihr schweigender Hohn missfiel ihm. Irgendwo dort, inmitten der Hügellandschaft, lebte Gwendolyn von Bernicia. Seine Widersacherin. Seine Braut.

Bei diesem Gedanken schluckte er gegen die Enge in seiner Kehle an, schon wollte er mit einer Hand den Griff seines Schwerts umschließen, weil er das Gefühl hatte, wenigstens etwas tun zu können, um sich gegen die bevorstehende Vermählung zu stemmen. Eine unliebsame Wahrheit. Sosehr Vidar es sich auch wünschte, er und seine Getreuen waren nicht gekommen, um in den Kampf zu ziehen. Sie waren hier, um die Hochzeit zu begehen.

Bislang war er Gwendolyn nie begegnet, und ginge es nach ihm, könnte das auch so bleiben. Diese Verbindung hatte sein Bruder Jarl Eirik arrangiert, und eigentlich war Vidar nicht für den Stand der Ehe bestimmt, nein, er war dafür ausersehen, weiter im Süden zu kämpfen, um das Territorium zu erweitern. Er war nur aus einem Grund hier: Der wahre Bräutigam, Magnus, hatte beschlossen, die Sächsin niederer Herkunft zu ehelichen, die ihn einst errettet hatte, nachdem er schwer verwundet worden war.

Erneut regte sich Widerwille in ihm, und er wendete den Blick von der hügeligen Landschaft, in der sein neues Zuhause auf ihn wartete. Er hatte den Winter damit verbracht, sich gedanklich auf die neue Situation einzulassen, aber gelungen war es ihm nicht. Mit Eirik war er so oft aneinandergeraten, dass er letzten Endes beschlossen hatte, Eiriks Heimstatt zu verlassen, um den Rest des Winters weiter südlich in einem Lager zu verbringen, wo die Getreuen bereits Pläne schmiedeten, um weitere Gebiete des sächsischen Herrschaftsbereichs zu erobern. Und auch wenn Vidar die ganze Zeit wusste, dass er an den kommenden Kriegszügen nicht teilnehmen würde, hatte ihm die Vorstellung behagt, sich nützlich zu machen.

Jarl Eirik hatte auf dieser ehelichen Verbindung bestanden, denn sobald sein bester Krieger mit einer Frau aus dem Familienverband der Alveys von Bernicia verheiratet war, bedeutete das neue Bündnis, dass die nördlichen Gebiete besser geschützt waren. Es war bereits zu kleineren Gefechten mit aufständischen Dänen gekommen, die ebenfalls im Norden ansässig waren, aber nach einer größeren Bedrohung vonseiten der Dänen sah es bislang nicht aus.

Vidar wusste, dass er sehr viel mehr ausrichten könnte, wenn er mit einer Schar Getreuer in den Kampf ziehen und neue Abenteuer bestehen könnte. Landbesitz zu schützen, war eine Aufgabe für Männer, die weitaus älter als er waren, nicht für junge Krieger in der Blüte ihrer Jahre. Nein, ein Krieger wie er hatte noch Jahre voller Fahrten und Erkundungen vor sich, er konnte sich nicht vorstellen, auf diesen Anhöhen alt zu werden, Schafe zu hüten und sich um die Felder zu kümmern.

Die bittere Kälte des Winters war fast überstanden, aber noch waren die Tage kurz, und die Sonne verschwand bereits hinter den Schleiern der grauen Wolken. Von jenen Anhöhen wehte ein frostiger Wind, bei dem Vidar ein Gefühl überkam, das er nicht näher benennen konnte. Er glaubte, dieses Gefühl rühre von seiner eigenen Abneigung gegen all das her, was dieser neue Ort verkörperte. Doch Eirik, der die Führung im ersten Langboot übernommen hatte, reckte die Faust in die Höhe und bedeutete den acht Booten, die Fahrt zu verlangsamen.

Ein Schauer lief Vidar über den Rücken, und er beugte sich vor, die Hände auf dem glatten Dollbord des Boots, während er die Bäume auf beiden Seiten des breiten Flusses mit wachen Augen absuchte. Aber alles schien ruhig zu sein. An beiden Ufern Stille, was unter anderen Gegebenheiten Anlass zur Sorge hätte geben können, aber da die Nächte immer noch sehr kalt waren, blieben die wilden Tiere überwiegend in ihren Gruben und Verstecken.

Eirik hatte gehofft, vor Einbruch der Dunkelheit am Bestimmungsort anzukommen, aber Vidar war insgeheim froh, dass sich die Ankunft verzögerte. Denn eine weitere Nacht ohne eine Braut bedeutete eine weitere Nacht in Freiheit. Leider gab es keine Frauen in ihrer eigenen Schar, mit denen man eine Nacht hätte verbringen können.

„Dort!“, rief Eirik über die Schulter und deutete auf das östliche Ufer.

Vidar kniff die Augen zusammen, spähte in die zunehmende Dunkelheit und konnte den Anlegeplatz zwischen den Bäumen gerade so erkennen. Womöglich handelte es sich um einen Pfad, den Tiere nutzten, es könnte aber auch ein von Menschen angelegter Weg zum Wasser sein. Vidar seufzte und straffte die Schultern, als Eiriks Boot auf das Ufer zuhielt. Wie es aussah, war ihm kein letzter Abend in Freiheit vergönnt. Also gut. Dann würde er an diesem Abend seiner Braut vorgestellt. Vermutlich war es klüger, sich mit den einzelnen Abmachungen der Verbindung vertraut zu machen, je früher, desto besser.

Die Boote hatten wieder Fahrt aufgenommen und glitten in Richtung des östlichen Ufers, Eirik legte mit seinem Boot als Erster an. Zwei Getreue am Bug sprangen heraus und griffen nach den Seilen, mit denen sich das Boot an Land ziehen ließe. Vidar rief seinen Männern zu, alle erforderlichen Handgriffe zum Anlegen einzuleiten, und gerade als die ersten Krieger die Riemen einholten und im Begriff waren, über die Bordwand zu springen, sirrte ein Pfeil über Vidars Schulter. Er war aus dem Nichts gekommen, ein bloßes, zischendes Geräusch in der kalten Abendluft. Vidar wusste, dass es keine Einbildung gewesen war, hatte er den Pfeil doch aus den Augenwinkeln wahrgenommen und gesehen, wie er in den dunklen Wassern verschwand.

„Halt!“, ließ sich eine Stimme zwischen den Bäumen vernehmen. Nach wie vor war niemand am Ufer zu sehen, aber der verfluchte Pfeil war zweifellos von irgendwo dort gekommen. Bei dem Klang der Stimme blickte sich Eirik erschrocken um. Offenbar hatte keiner der Gefährten den ersten Pfeil kommen sehen, doch nun folgte ein zweiter, der sich mit einem lauten Twack in das offene Maul der hölzernen Tierfigur bohrte, die den Bug von Vidars Boot zierte.

„Schilde, Männer!“, rief Vidar, und die Männer in allen Booten kamen der Aufforderung nach. Ehe weitere Pfeile flogen, gingen die Männer im Schutz der Bordwände hinter ihren Schilden in Deckung und waren dort so sicher wie hinter einem Wall.

Vidar stand etwas höher als die Gefährten und lugte über den Rand seines eigenen kreisrunden Schilds. In der rechten Hand hielt er das Schwert, jederzeit bereit, über die Bordwand zu springen und es mit Gegnern aufzunehmen. Es dauerte nicht lange, und einige Gestalten lösten sich aus dem Zwielicht zwischen den Bäumen. Sie hatten Schwerter und Piken und trugen Rüstungen, die aussahen, als stammten sie noch aus der Zeit der Römer auf britannischem Boden. Einige der Helme waren fleckig und angelaufen, doch die meisten der Brustpanzer und Kettenhemden wirkten solide gefertigt. Aber mit der Bewaffnung der Männer war es nicht zum Besten bestellt, daher glaubte Vidar nicht, dass es sich um die aufständischen Dänen handelte, die in dieser Gegend sesshaft sein sollten.

Eirik sprach die Männer in der angelsächsischen Volkssprache an, aber niemand antwortete ihm. Er versuchte es auf Dänisch, wieder keine Antwort. Inzwischen waren an die zwanzig Mann am Uferverlauf zu erkennen, aber bestimmt lauerten noch weitere Kämpfer im Dickicht, denn es wäre mehr als kühn, acht Langboote, in denen insgesamt weit über hundert Krieger Platz fanden, offen herauszufordern.

Ein Rascheln in den Bäumen erregte Vidars Aufmerksamkeit. Durch das Blattwerk war eine Gestalt zu erahnen, die offenbar behände nach unten kletterte, nur hin und wieder erhaschte Vidar einen Blick auf ein Bein oder einen Arm. Er spähte angestrengt in die zunehmende Dunkelheit und glaubte schließlich, rundliche Hüften und ein strammes Hinterteil zu sehen – und schon hatte die Gestalt, die eng anliegende Beinlinge aus Leder trug, den Boden am Ufer erreicht. Sogleich griff sie nach der Armbrust, die sie sich über die Schulter geschlungen hatte. Als die Gestalt sich dann aus den Schatten der Bäume löste und vortrat, verharrte Vidars Blick auf dem schwarzen Haar, genauer gesagt auf den zwei Zöpfen, die der Person über die Brust fielen – eine Brust, die, wie er erst jetzt erkannte, eine anziehende Wölbung aufwies: Dies war kein herkömmlicher Krieger, dies war eine Frau, die ihre üppigen Rundungen gar nicht erst zu verbergen suchte. Sie trug eine dunkle Tunika, die ihr bis auf die Oberschenkel fiel und sie nicht beim Klettern behinderte. Vidars Blick glitt zu den Beinen der Frau, äußerst wohlgeformten Beinen, wie er feststellte, und schließlich zu den langen Lederstiefeln, die nach Art der Nordmänner bis zu den Knien kreuzweise verschnürt waren.

Die Miene der Frau war streng und abweisend, als sie sich bei ihren Begleitern einreihte – es bestand kein Zweifel, dass die Männer ihr unterstellt waren. Denn sie sahen sie fast ehrfürchtig an, als sie mit lauter Stimme rief: „Ich bin Gwendolyn von Alvey, und ihr verschafft euch unerlaubten Zutritt zu unserem Grund und Boden. Wer seid ihr?“ Sie sprach in der volkstümlichen Sprache der Angelsachsen, doch ihren Worten haftete ein leichter Akzent an, den Vidar so noch nicht gehört hatte.

Vidar wusste kaum, wie ihm geschah, und merkte, dass er den Blick nicht von dieser weiblichen Erscheinung wenden konnte. Sein Vater hätte es Frauen nie gestattet, sich mit Waffen unter die Krieger zu mischen. Allerdings war es bei den Nordmännern durchaus Sitte, Frauen in die Reihen der Kämpfer aufzunehmen, nur hatte Vidar bislang noch gegen keine Schildmaid gekämpft, die andere Jarls in ihren Kampfverbänden hatten. Die Frau am Ufer zog unweigerlich die Blicke aller auf sich. Sie war fast so groß wie die Männer, die neben ihr standen, aus ihrer ganzen Haltung sprach Gefasstheit, sie straffte die Schultern und reckte kühn das Kinn vor, während sie mit einer Hand offenbar mühelos die Armbrust hielt.

Und wenn es stimmte, was sie sagte, so würde sie bald seine Frau sein. Vidar stand sprachlos da und war nicht imstande, einen klaren Gedanken zu fassen.

Derweil hob Eirik die rechte Hand zum Gruß, ließ den Rundschild indes noch nicht sinken. „Gwendolyn von Alvey, ich bin Jarl Eirik von den Dänen aus dem Süden. Euer Vater und ich, wir haben eine Abmachung ausgehandelt, und jetzt sind wir hier, um Euch mit Eurem zukünftigen Gemahl bekannt zu machen.“

Sie verspannte sich sichtlich. Vidar vermutete, dass ihr diese Nachricht missfiel, und so musste er sich ein Grinsen verkneifen. Mit etwas Glück könnte er die Nächte doch noch angenehm verbringen, sollte es ihm gelingen, diese junge Frau zu zähmen.

„Ich benötige keinen Ehemann“, entgegnete sie und überraschte alle mit diesen Worten.

Vidar musste angesichts dieser Unverfrorenheit lächeln. Er selbst stand der Verbindung von Beginn an ablehnend gegenüber, aber er hätte nie gedacht, dass die Frau nicht in die Ehe mit ihm einwilligen würde. Vielleicht wusste er nicht genug über Frauen, aber seiner Erfahrung nach willigten sie nur zu gerne in eine eheliche Verbindung ein, wenn damit Status oder eine besondere Stellung in der Hierarchie des Stammesverbandes zu erlangen war.

Offenbar hatte auch Eirik nicht mit einer derartigen Antwort gerechnet, denn er brauchte einen Moment, um sich zu sammeln. Es war Vidar, der das Schweigen brach: „Vielleicht ist ein Ehemann genau das, was Ihr braucht.“

Sie ließ den Blick über die Langboote schweifen, bis sie Vidar am Bug seines Bootes entdeckte. Ihre Miene blieb ausdruckslos, doch dann strafte sie ihn mit einem vernichtenden Blick, ehe sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf seinen Bruder richtete. „Ich bedaure, dass Ihr den weiten Weg auf Euch genommen habt, aber mein Vater hat sich geirrt.“

„Wo ist Euer Vater? Ich würde das gerne mit ihm besprechen“, sagte Eirik.

„Mein Vater ist tot. Er starb diesen Herbst, auf natürliche Weise.“

Vidar runzelte die Stirn. Das erklärte in gewisser Weise, warum sie die Langboote persönlich in Empfang nahm, unklar blieb allerdings, wie es ihr gelungen sein mochte, den Respekt ihrer Kampfgefährten zu erlangen. Keiner von ihnen ergriff das Wort, sie schienen geradezu auf ihre Befehle zu warten.

„Ich bedaure, dass Euer Vater von Euch gegangen ist. Mein Beileid, und das meiner Gefährten“, fügte Eirik hinzu und machte eine ausladende Geste in Richtung der anderen Boote. „Doch die Verlobung hat Bestand. Die Abmachung wurde von Eurem Vater unterzeichnet, einer Eurer Boten überbrachte sie mir. Jetzt steht die eigentliche Zeremonie aus.“

Die Frau schien einen Moment zu überlegen, Unmut zeichnete sich in ihrer Miene ab. Es war offensichtlich, dass sie genauso unglücklich mit dieser Vereinbarung war wie Vidar. „Wo ist der Mann?“ Erneut glitt ihr Blick über die Boote. Einige der Männer hatten die Arme gesenkt und verfolgten die Geschehnisse über die Schildränder hinweg.

„Ich stehe hier!“, rief Vidar und merkte, dass ihn das Ganze erheiterte. Doch dann spürte er die machtvolle Ausstrahlung ihrer Augen, als sich ihre Blicke trafen. Und von dem Moment an machte er sich bewusst, dass diese Frau von nun an Teil seines Lebens sein würde, ganz gleich, ob er auf Kriegszügen wäre oder das eigene Gut verwaltete. Sie wäre immer da. Er trug die Verantwortung für sie. Sie war seine Bürde.

„Ihr seid also Magnus.“ Ihr Gesichtsausdruck blieb unergründlich. Sie sah aus wie eine Königin, und Vidar spürte, wie sich die ersten Ausläufer von Achtung für diese Frau in ihm regten.

„Ich bin Vidar. Jarl Eiriks jüngerer Bruder.“

Sie hielt sich gar nicht erst damit auf, nach Gründen zu fragen. „Die Abmachung besagt, dass ich einen Krieger namens Magnus eheliche. Ich werde keinen Stellvertreter oder Ersatz akzeptieren.“ Ihrem Blick entnahm Vidar, dass sie ihn für einen unzulänglichen Kandidaten hielt.

Die Frau besaß eine atemberaubende Kühnheit. Vidar konnte nicht an sich halten und lachte. Nie hatte er eine Frau wie diese erlebt. Was für eine widernatürliche Situation! Dieses Weib wollte sich genauso wenig auf die Ehe einlassen wie er. Vidar hätte ihre Weigerung begrüßt, aber er wusste, dass Eirik auf der Verbindung bestehen würde.

„Wie es aussieht“, erwiderte er, als sein Lachen verklungen war, „habt Ihr keine Wahl.“

Gwendolyn krallte gleichsam ihre Finger in das hölzerne Gestell ihrer Armbrust. Wäre sie ihrer ersten Eingebung gefolgt, hätte sie dem Dänen, der es wagte, in ihrem Beisein über sie zu lachen, einen Bolzen in sein schwarzes Herz geschossen. Vielleicht hätte sie schon eher auf ihn zielen sollen und nicht auf die geschnitzte Tierfratze am Steven seines Bootes. Aber sie hatte gelernt, nicht die Beherrschung zu verlieren. Eine falsche Entscheidung, und ein Kampf wäre unvermeidlich, außerdem würden ihre Getreuen ihr nicht verzeihen, kaltblütig das Leben eines anderen Mannes zu nehmen.

Sie hatte Zeit gehabt, sich auf diesen Tag vorzubereiten – seit jenem Abend, als ihr Vater ihr auf dem Sterbebett anvertraute, er habe eine geheime Abmachung mit den Dänen getroffen, die die Gebiete weiter im Süden beherrschten. Insgeheim hatte sie gehofft, die Dänen hätten jene Vereinbarung im Verlauf des Winters vergessen, aber als Späher gegen Morgen von herannahenden Langbooten berichteten, ahnte sie, dass das Unvermeidliche eintreten würde. Somit waren ihre Hoffnungen und ihre Gebete umsonst gewesen. Tatsächlich hatte sie gehofft, dass die Männer in den Langbooten nicht zu Jarl Eirik gehörten, sondern den Kampf suchten. Denn auf einen Kampf würde sie es ankommen lassen, das Kämpfen war ihr vertraut. Aber ein Ehemann stellte sie vor ganz andere, unliebsame Herausforderungen.

Sie musste sich etwas einfallen lassen. Gwendolyn klammerte sich an die einzige Information, die sie womöglich vor einer Vermählung bewahren konnte. Sie richtete den Blick wieder auf Jarl Eirik und sprach erneut mit fester Stimme: „Mein Vater vertraute mir an, Magnus sei der einzige Eurer Gefolgsleute, der sich als würdig erweist, in unseren Familienverband einzuheiraten. Wenn dieser Magnus beschlossen hat, diese Abmachung nicht anzuerkennen, dann werde ich keinen Stellvertreter anerkennen.“

Der Jarl ging darauf nicht sofort ein. Stattdessen ließ er den Blick langsam über die Getreuen in den Langbooten gleiten. Gwendolyn gestattete sich die Hoffnung, dass sie sich mit ihrer Aussage vor weiterem Ungemach bewahrt hatte. Doch dann ergriff der Jarl wieder das Wort. „In der Vereinbarung heißt es, dass ich meinen vertrauenswürdigsten Krieger stelle. Es stimmt, dass der Name Magnus fiel, doch wurde der Name nicht in dem Dokument festgehalten. Genauso wenig wie Euer Name. Schriftlich festgehalten wurde, dass mein vertrauenswürdigster Krieger die Tochter von Alvey heiratet. Ich habe die Schriftrolle bei mir. Wenn Ihr gestattet, zeige ich sie Euch.“

Gwendolyn war im Begriff, dagegen aufzubegehren, doch in diesem Moment trat Rodor vor und legte ihr beschwichtigend eine Hand auf die Schulter. Sie suchte kurz den Blick ihres Verwalters und entdeckte dort Missfallen. Rodor war der engste Vertraute ihres Vaters gewesen, lange bevor sie das Licht der Welt erblickt hatte – wenn jemand über die Wünsche ihres Vaters Bescheid wusste, dann dieser Mann. Vermutlich hatte er jenes Dokument, von dem die Rede war, mit eigenen Augen gesehen.

„Haltet ein, Gwendolyn“, sagte er eindringlich, aber so leise, dass keiner der Dänen ihn verstehen konnte. „Wenn Ihr Euren zukünftigen Ehemann vor den Kopf stoßt, wird das nicht nur Folgen für Euch selbst, sondern auch für unsere Leute haben. Es gibt Momente, da muss ein wahrer Anführer die Belange der Gefolgsleute über die eigenen Wünsche stellen … oder eine wahre Anführerin.“

Ihr sank das Herz. Nichts würde sie vor ihrem Schicksal bewahren. Dafür hatte ihr Vater vor seinem Tod gesorgt, als er seine Getreuen wissen ließ, wie er sich die Nachfolgereglung vorstellte. Und seine Getreuen hatten gelobt, ihr Gefolgschaft zu leisten. Inzwischen hatte sie sich den Respekt der Männer verdient, aber sie wusste auch, dass dieser Respekt auf tönernen Füßen stand. Wenn sie die Wünsche ihres geliebten Vaters offen missachtete, könnten sich die Getreuen gegen sie wenden. Hätte Jarl Eirik von der Abmachung Abstand genommen, wäre das seine Sache gewesen – aber sie, die Tochter des Stammesführers, durfte nicht der Anlass von Unmut sein.

Denn Männer wie Rodor glaubten, ein Bündnis mit diesen Dänen würde Schutz bieten. Gwendolyn sah das anders. Zwar stimmte es, dass die Stämme aus dem Norden mutiger wurden, und wenn ihr eigener Stammesverband nicht aufpasste, würden sie von aufständischen Kriegern in die Zange genommen, aber Gwendolyn vertraute auf die Stärke ihrer Gefolgsleute. Sie würden schon mit Bedrohungen dieser Art fertig. Doch Jarl Eirik hatte ihnen Gold und Kämpfer in Aussicht gestellt, als Gegenleistung erwartete er ein Ehebündnis – eine Vereinbarung, die ihr Vater als unumgänglich erachtet hatte.

Gwendolyn schluckte ihren Stolz herunter, erkannte sie doch, dass sie die Situation diplomatisch handhaben musste, daher nickte sie Jarl Eirik zu. „Ihr dürft an Land kommen. Erbringt Eure Beweise, und bereitet Euch darauf vor, die Nacht auf unserem Land zu verbringen. Dann werden wir sehen, ob sich alles so verhält, wie Ihr es sagt.“

Aus den Augenwinkeln sah sie, dass Rodor nickte, ehe er sich wieder in die Reihe der Getreuen zurückzog. Der Däne namens Vidar, der eben noch gelacht hatte, sah sie nunmehr unverwandt an. Doch Gwendolyn ignorierte ihn und verfolgte, was Jarl Eirik machte, der inzwischen seinen Männern auftrug, aus den Booten zu steigen. Dann folgte er ihnen, und seine Stiefel wirbelten das seichte Wasser im Uferbereich auf, als er an Land ging. Eirik war ein großer Mann, größer noch als Rodor. Er hatte breite Schultern, und das weizenfarbene Haar fiel ihm weit über den Rücken – ein gut aussehender Mann, der verlässlich und ernst wirkte. Gwendolyn spürte, dass ihr ein solcher Mann gefallen würde, wenn er nicht ihr Widersacher wäre.

Sein jüngerer Bruder Vidar kam ebenfalls ans Ufer – doch in ihm wollte sie nicht den versprochenen Ehemann sehen, bis es sich absolut nicht mehr vermeiden ließe. Vidar war ungefähr genauso hochgewachsen wie Jarl Eirik, auch seine Haarfarbe glich den goldenen Weizenfeldern im Oktober. Man sah auf den ersten Blick, dass die beiden Brüder waren. Doch den Augen des jüngeren Bruders wohnte etwas Wildes, Ungezähmtes inne. Gwendolyn bezweifelte, dass sie einen Mann wie ihn gemocht hätte, wenn sie ihm unter anderen Umständen begegnet wäre.

„Kommt“, sprach sie und wandte sich ab, um dem Verlauf des Pfads zu folgen. Jetzt, da sie sich von den Neuankömmlingen abgewandt hatte, kämpfte sie gegen den Kloß im Hals an und blinzelte die brennenden Tränen fort. Zuletzt hatte sie geweint, als ihr Vater starb. Sie würde sich im Beisein dieses Dänen keine Gefühlsregungen anmerken lassen.

Irgendwie musste es ihr gelingen, sich aus diesem Eheversprechen herauszuwinden, dafür blieb ihr allerdings nicht mehr viel Zeit, denn der Abend senkte sich herab. Nein, sie würde nicht zulassen, dass ihr ein Mann vorschrieb, was sie im Leben zu tun hatte – geschweige denn ein Fremder, den sie zu den Feinden ihres Stammesverbandes zählte.

2. KAPITEL

Der Pfad war so schmal, dass man höchstens zu zweit nebeneinander gehen konnte, und Vidar hatte sich den Schritten seines Bruders angepasst. Sie hatten die Hälfte der Gefährten zurückgelassen, damit sowohl die Langboote als auch das Gold sicher waren – der Preis, den sein Bruder hatte aufbieten müssen, um die Eheschließung zu ermöglichen. Die junge Frau war unmittelbar vor ihnen, neben ihr ging ein Mann, den sie mit Wulf angeredet hatte, während die restlichen ihrer Getreuen hinterdrein folgten.

„Ist dir je in den Sinn gekommen, dass dies eine Falle sein könnte?“, fragte Vidar so leise, dass es außer Eirik niemand mitbekam. Die Bäume ragten hoch zu beiden Seiten des Pfads auf und schluckten das wenige Licht, das noch vom Tage übrig blieb, sodass man kaum noch die Hand vor Augen sehen konnte. Die Fremden könnten sie irgendwohin führen.

„Natürlich, aber es ist keine Falle“, erwiderte Eirik, den Blick auf den Weg geheftet.

Auch Vidar hielt einen Hinterhalt für unwahrscheinlich. Sie hatten viel mehr Männer als die Sachsen, allerdings könnten weitere Krieger im Dickicht lauern. Außerdem wussten sie so gut wie nichts über den Stammesverband der Alveys. Doch Eirik hatte so viel Überzeugung in seine Worte gelegt, dass Vidar unweigerlich nachhaken musste: „Wie kannst du dir da so sicher sein?“

„Wenn ich wieder aufbreche, nehme ich gut die Hälfte der Krieger mit und lasse das Gold hier.“ Eirik lächelte, und das Weiß seiner Zähne schimmerte durch das Zwielicht. „Wenn sie dich töten wollte, würde sie es tun, wenn sie es mit deutlich weniger Männern aufnehmen müsste. Es wäre Herbst, wenn ich davon erführe. Vermutlich Frühling, bis ich überhaupt in der Lage wäre, dich zu rächen. Sie würde also abwarten.“

Vidar gab einen grummelnden Laut von sich und schaute hinauf zu den Baumkronen, zwischen denen das letzte Licht des Tages zu erahnen war. „Vielen Dank auch, Bruder. Dann bin ich ja sehr gespannt, was geschieht, wenn du fort bist.“

Eirik lachte und klopfte ihm auf die Schulter. „Ich bezweifle, dass es zum Äußersten kommt.“

Vidar war indes noch nicht vollkommen beruhigt. Sein Blick fiel wieder auf die Frau, die vor ihnen ging, und nach wie vor vermochte er sich nicht vorzustellen, dass dies seine Braut sein sollte. Wenn alles nach Plan lief, würde das Land, über das er gerade ging, ihm gehören, und doch kümmerte ihn das nicht. Er war kein Bauer oder Hirte oder was man in dieser Gegend auch immer sein musste. War er nicht dazu auserkoren, weite Fahrten in unbekannte Länder zu unternehmen, auf der Suche nach neuen Reichtümern, die ihm ein gutes Auskommen im Leben ermöglichten?

Ganz gleich, was in dieser oder in der nächsten Nacht geschehen mochte, Vidar würde schon dafür sorgen, dass er weiterhin Abenteuer erleben könnte. Diese fremden Leute waren bislang auch ohne ihn ausgekommen. Er würde wieder aufbrechen, sobald sich ihm eine Möglichkeit bot, und sein bisheriges Leben fortführen. Eirik könnte ihn jedenfalls nicht aufhalten, und wenn er mit seiner Vermutung richtiglag, würde seine Braut ihn lieber von hinten sehen.

Aber vermutlich müsste er zuerst dafür sorgen, dass sie ein Kind von ihm erwartete.

Bei diesem Gedanken glitt sein Blick erneut zu ihr. Sie war tatsächlich von schöner Gestalt, bei jedem ihrer Schritte zeichnete sich ihr Hinterteil deutlich unter den Beinlingen ab, die nur eine Handbreit von der Tunika verdeckt wurden. Er entsann sich, dass ihre Rundungen ihm bereits aufgefallen waren, als sie aus dem Baum nach unten geklettert war. Es hätte schlimmer kommen können, rief er sich in Erinnerung. Das Lager mit ihr zu teilen, wäre gewiss alles andere als unangenehm, beschloss er – im Augenblick der einzige Lichtschimmer bei dieser unseligen Vereinbarung. Es war Wochen her, dass er zuletzt bei einer Frau gelegen hatte.

Plötzlich erregte das Flackern eines Feuers weiter voraus seine Aufmerksamkeit, und er sah, dass sie den Wald allmählich hinter sich ließen. Kurz darauf überquerten sie eine grasbewachsene Fläche, die zu einem befestigten Lager führte. Es war größer, als er erwartet hatte, und auf einer Seite des Lagers schmiegte sich eine ansehnliche Siedlung an die Hänge der Hügellandschaft. Im Westen und Norden war das befestigte Lager von einem Flusslauf geschützt, am Ufer ragte eine steinerne Mauer von beträchtlicher Höhe auf, größer und breiter als jede sächsische Mauer, die er bisher gesehen hatte. Gegen den Abendhimmel zeichneten sich die Umrisse größerer Gebäude ab, die vermutlich auch aus Steinen erbaut waren. Es war indes zu dunkel, um Einzelheiten erkennen zu können, und doch war Vidar beeindruckt von dem befestigten Lager und der dazugehörigen Siedlung.

Gwendolyn wandte sich zu ihnen um, als sie die steinerne Mauer erreichten, ihr Blick huschte über Vidar, ehe sie Eirik ansah. „Willkommen bei meinem Zuhause, Jarl Eirik.“ Vidar entging nicht, dass sie ihn bei der Begrüßung außen vor ließ. Glaubte diese Frau wirklich, es könnte ihr zum Vorteil gereichen, wenn sie ihn weiter so reizte? Ein Lächeln kam in sein Gesicht, denn schon malte Vidar sich aus, wie er seine zukünftige Braut zähmen würde.

„Habt Dank, Lady Gwendolyn. Ich bin beeindruckt von Euren Verteidigungsanlagen“, antwortete Eirik. In ehernen Halterungen blakten in regelmäßigen Abständen Fackeln auf der hohen Mauer und spendeten in der zunehmenden Dunkelheit etwas Licht.

„Danke. Mein Großvater verfügte über die entsprechende Weitsicht. Er ließ dieses Bollwerk errichten, als zum ersten Mal von fremden Eindringlingen gesprochen wurde.“

Dem Wort „Eindringlinge“ verlieh sie keine böswillige Betonung, und doch glitt ihr Blick kurz zu Vidar. Offenbar sah sie nur in ihm einen Eindringling, nicht in Eirik. War ihr denn nicht bewusst, dass er gar nicht hier wäre, wenn es nicht der ausdrückliche Wunsch seines Bruders wäre? Vidar wollte seinem Unmut Luft machen, hielt sich aber zurück. Es bliebe noch genügend Zeit, diese Frau in ihre Schranken zu weisen.

„In der Tat sehr weitsichtig“, pflichtete Eirik ihr bei und betrachtete die Mauer eingehender. „Hat sie bereits Angriffen standgehalten?“

„Aye.“ Die junge Frau reckte das Kinn stolz vor.

„Die Festung ist bis auf den heutigen Tag nicht gefallen“, sprach der Mann, der neben ihr stand. Vom Alter her hätte er glatt ihr Vater sein können. Sein dunkles Haar war bereits von Grau durchzogen, sein fein getrimmter Bart wies silberfarbene Stellen auf. Der Mann ließ aus seiner ganzen Haltung erkennen, dass er für den Schutz der jungen Frau verantwortlich war.

„Jarl Eirik“, fuhr die junge Frau fort, „dies ist Rodor, der engste Vertraute meines Vaters. Er weiß alles über Alvey und ist der Anführer unserer Kriegerschar, wie schon sein Vater vor ihm.“

Vidar verfolgte, wie sein Bruder und der ältere Mann einander nach Art der Nordmänner begrüßten, doch als Vidar ihm den Arm hinhielt, auf dass sie den Unterarm des jeweils anderen umschlossen, bemerkte Vidar, dass Rodor einen Moment zögerte. Er schaute kurz zu Gwendolyn, als müsse er sich erst bei ihr absichern. Demnach hatte sie unten am Fluss nicht nur so getan, als habe sie das Sagen über die Krieger. Interessant, dachte Vidar. Dieser alte, gestandene Krieger, der schon ihrem Vater gedient hatte, hielt sich an das, was die junge Anführerin wünschte.

Gwendolyn ließ ein kaum wahrnehmbares Nicken erkennen, das Rodor als Zustimmung interpretierte. Erst da umschloss er auch Vidars Unterarm, wie er es zuvor bei Eirik getan hatte. Doch Gwendolyn wendete den Blick von ihnen ab, als könne sie es nicht ertragen, dass man Vidar willkommen hieß und nicht als Feind oder Bedrohung einstufte. Als Vidar seinen Arm wieder zurückzog, wandte sie sich ab und führte sie alle zum Haupttor, dessen Flügel einladend offen standen. Allerdings wirkte das alles nicht sonderlich einladend auf Vidar, als sie den inneren Bereich des Lagers betraten.

Tatsächlich hatte Vidar gemischte Gefühle, als sein Blick auf die Männer fiel, die beiderseits des Torbereichs Aufstellung bezogen hatten, und auch wenn sie keine Waffen in Händen hielten, so ließen ihre Schwerter, Streitäxte und Messer keinen Zweifel daran, dass sie kämpfen würden – und daher fragte Vidar sich unweigerlich, ob die junge Frau auch so unangefochten über diese Krieger gebot.

Die Männer wichen ein wenig vor ihr zurück, als wäre sie ihre Königin, und spätestens da erkannte Vidar, dass er mit seiner ersten Einschätzung dieser Frau zu vorschnell gewesen war. Diese Kämpfer respektierten sie, weil sie sich den Respekt auf irgendeine Weise verdient hatte.

Vidar musste daran denken, was für Machtkämpfe in einer Ehe auf ihn warten mochten, Zwistigkeiten, die nicht mit Waffen, sondern mit Worten und Taten ausgetragen würden. Als Ehemann dieser Anführerin musste er sich den Respekt ihrer Getreuen erst noch verdienen, bis man auch ihn in einer Führungsrolle akzeptierte.

„Die Dänen sind eingetroffen.“ Kaum waren Gwendolyn diese Worte über die Lippen gekommen, da hielt sie sich bereits eine Hand vor den Mund, als habe diese Aussage sie erschreckt.

„Aye, ich habe es schon gehört. Die Nachricht verbreitete sich schnell, sobald ihre Langboote gesichtet wurden.“ Annis, ihre ältere Schwester, schloss die Tür von Gwendolyns Schlafkammer, ehe sie Gwendolyn in ihre Arme schloss.

Gwendolyn fand Trost in dieser kurzen Umarmung, wusste sie doch, dass sie im Beisein von Annis Schwäche zeigen durfte. Die Wahrheit lautete nämlich, dass sie nicht nur Unbehagen, sondern regelrecht Furcht verspürt hatte, als sie den Nordmännern unten am Fluss von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand. Und diese Furcht hatte sich noch stärker bemerkbar gemacht, als sie die Fremden ins Lager führte. Nun tranken sie das Ale dieser Gegend und aßen von dem Fleisch, das die Bediensteten aufgetragen hatten, und erst jetzt, in ihren eigenen vier Wänden, machte Gwendolyn sich bewusst, wie groß die Anspannung gewesen war, unter der sie seit Stunden stand.

Von den Dänen – den Nordmännern – hatte sie schon als Kind gehört. Die Leute aus der Gegend sprachen voller Furcht von ihnen, immer neue Gerüchte hatten die Runde gemacht, von wilden, ungehobelten und todbringenden Barbaren, vor denen man sich rechtzeitig in Sicherheit bringen musste. So war es immer gewesen, solange sie denken konnte. Und es stimmte, denn unter die Stämme aus dem Norden, die immer wieder in Bernicia einfielen, mischten sich auch aufständische Dänen. Gwendolyn hatte bereits gegen diese Eindringlinge gekämpft, Seite an Seite mit ihren Getreuen und ihrem Bruder, der in jener letzten Schlacht gefallen war. An jenem Schicksalstag war Gwendolyn so von Kummer und Trauer bestürmt gewesen, dass sie sich vorerst keine Gedanken mehr darüber gemacht hatte, wie sie gemeinsam diesen wilden Horden Einhalt gebieten könnten.

Doch die Dänen, die sie an diesem Tag ins befestigte Lager ihrer Vorväter geführt hatte, waren keine ungehobelten Barbaren, tatsächlich wirkten sie ehrenhaft und verlässlich. Und genau das machte ihr Angst. Jarl Eirik war ein ebenso Ehrfurcht gebietender Adliger wie ihr eigener Vater. Dies waren stolze Männer, die sich zu benehmen wussten. Wenn sie diesem Vidar in die Augen sah, entdeckte sie Klugheit und eine gewisse Gerissenheit, er hatte aber nichts von einem Barbaren an sich. Aber gerade einen blutdürstigen Barbaren hätte sie leichter handhaben können als einen berechnenden Adligen – insbesondere einen, der Anspruch auf sie erhob. Im Zuge der Eheschließung würde ihr Besitz auf ihn übertragen.

Ihre Schlafkammer war der einzige Ort, an dem sie ihren Gefühlen nachgeben konnte, wenn auch nur für einen Moment. Und Annis war die einzige Person, der sie so sehr vertraute, dass sie ihr gegenüber ihre wahren Gefühle preisgab. Im Beisein ihrer älteren Schwester brauchte sie sich nicht stark oder tapfer zu geben. Gwendolyn holte hörbar Luft und legte sich eine Hand auf die Brust, als müsse sie ihren Herzschlag beruhigen.

„Sind die Männer so furchtbar?“, fragte Annis.

Gwendolyn nickte. „Schlimmer als ich gedacht hätte.“

„Und wie steht es um deinen … zukünftigen Ehemann?“ Sie zögerte bei den letzten Worten, als suche sie nach einer Umschreibung.

„Jeder Mann, der nicht Cam ist, ist furchtbar. Aber dieser Fremde ist schlimmer als furchtbar.“ Gwendolyn atmete erneut tief durch und straffte die Schultern. Sie war deutlich größer als ihre beiden Schwestern und hatte sich anders entwickelt, sehr zum Leidwesen ihrer Mutter, denn während die beiden älteren Schwestern das Sticken und die Führung eines Hausstandes erlernt hatten, war Gwendolyn mit ihrem älteren Bruder Cedric auf die Jagd gegangen. Schließlich hatten ihre Eltern ihr sogar erlaubt, das Waffenhandwerk zu erlernen, und das war auch der Grund, warum sie so gut mit der Armbrust umgehen konnte.

Doch die gegenwärtige missliche Lage hatte sie schlussendlich Cedric zu verdanken, denn wäre er nicht in der Schlacht gefallen, übrigens gemeinsam mit Cam, ihrem damaligen Verlobten, hätte Gwendolyn keinen Gedanken an eine Ehe mit einem Dänen verschwenden zu brauchen.

„Ich kann verstehen, dass du immer noch um Cam trauerst. Das tun wir alle. Aber die Dänen sind auch nur Menschen. So schlimm können sie nicht sein.“

Gwendolyn wandte sich von ihrer Schwester ab und trat zu den Regalen entlang der Wand, wo sie die bedeutenden Dokumente aufbewahrte. Nach dem Tod des Bruders war sie in das Herrengemach gezogen, da kein männlicher Nachkomme die Geschäfte erledigen konnte: Der Ehemann von Annis war lediglich ein niederer Bauer, und ihre andere Schwester war in einen Orden eingetreten, um sich einem Leben voller Gebete zu verschreiben. Solange Gwendolyn unverheiratet war, gab es niemanden, der die Aufgaben eines Herrn hätte übernehmen können. Sie hoffte bloß, dass nicht dieser Däne Anspruch auf diese Position erheben würde. 

Gwendolyn nahm die kleine Schatulle vom Regal, stellte sie auf den Tisch und öffnete den Deckel, um die Schriftrolle herauszunehmen, die ihr Vater dort aufbewahrt hatte. In eben diesem Dokument war die eheliche Verbindung mit diesem heidnischen Dänen verewigt. „Doch, sie sind so schlimm, Annis“, sprach sie. „Er heißt Vidar, und du kannst dir nicht vorstellen, wie er mich ansieht. Ganz anders als die Blicke, die du von deinem Eadward gewohnt bist.“ Eadward verehrte ihre Schwester, so war es bereits in jungen Jahren gewesen, als sie noch Kinder waren. „Er tut so, als würde er mich schon besitzen.“

Sie schüttelte den Kopf, entrollte das Schriftstück und hätte es in ihrer Eile fast zerrissen, wollte sie doch den Namen Magnus dort finden. Denn wenn dort ein Magnus erwähnt wäre, dann bräuchte sie sich nicht an diese Art der Abmachung zu halten, die ihr Vater offenbar überhastet und verzweifelt eingegangen war. Gewiss, ihr Vater hatte sich Sorgen ihretwegen gemacht, er hatte nur ihr Bestes gewollt, aber Gwendolyn konnte auf sich selbst aufpassen, sie würde den Besitz ihrer Vorväter – das Gebiet zwischen den nördlichen Landen und Northumbria – ohne einen Mann an ihrer Seite verwalten.

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