Eine Erbin für den Earl

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Andrew Hargrave, Earl of Dunnley, legt keinen Wert auf seinen Titel und die feine Gesellschaft, sondern lebt zufrieden als Archäologe in Italien. So lange, bis ihn der Verlust des Familienvermögens zurück nach England und in die Ehe mit der amerikanischen Erbin Victoria Carson zwingt. Sie – oder besser ihre Familie – will seinen Titel, er braucht ihr Geld, um die Zukunft seiner jüngeren Schwestern zu sichern. Eine Vernunftehe mit klaren Vorzeichen, doch unerwartet erwacht glühende Leidenschaft zwischen den Frischverheirateten. Dann jedoch zerstört eine folgenschwere Enthüllung das zarte Band, das gerade erst entsteht …


  • Erscheinungstag 28.03.2026
  • Bandnummer 184
  • ISBN / Artikelnummer 0840260184
  • Seitenanzahl 384

Leseprobe

Amanda Weaver

Eine Erbin für den Earl

Amanda Weaver

Amanda Weaver liebt Liebesromane, seit sie mit fünfzehn Jahren ihren ersten Roman von Kathleen E. Woodiwiss gelesen hat. Nach einem langen Umweg über eine Karriere als Kostümdesignerin am Theater hat sie zu den Liebesromanen zurückgefunden, diesmal als Autorin. In Florida geboren, lebt sie heute mit ihrer Familie und ihren Katzen in Brooklyn.

PROLOG

London, 1891

Wenn der Boden sich unter ihr geöffnet und ihre Mutter verschluckt hätte, Victoria hätte keine einzige Träne vergossen. Sie würde alles willkommen heißen – buchstäblich alles –, was diese Frau dazu bringen würde, mit dem Reden aufzuhören und einfach zu gehen. Doch der Boden blieb hartnäckig fest, wie immer, und Hyacinth Carson plapperte ohne Unterlass weiter. Wie immer.

„Du bekommst Sommersprossen, Victoria. Genau hier, neben deiner Nase. Du warst wieder einmal ohne Sonnenschirm unterwegs, habe ich recht? Nichts ist wichtiger, als deine Haut zart zu erhalten, das weißt du genau. Wenn du nicht aufpasst, wirst du noch runzlig wie ein verschrumpelter alter Apfel. Genügt es nicht, dass du schon viel zu groß bist und deine Stimme alles andere als zart klingt? Du musst wenigstens das wenige bewahren, was an dir noch damenhaft ist, mein Kind.“

Victoria errötete und wollte schon die Hand an ihre Wange legen, zwang sich dann aber, es sein zu lassen. „Letzte Woche hatten wir ein Picknick, und einen Moment hatte ich vergessen …“

Ihre Mutter streifte die Handschuhe über, und Victoria atmete insgeheim erleichtert auf. Der wöchentliche Besuch für heute schien fast überstanden zu sein.

„Und was erwähnte diese Lady Grantham noch? Dass du und das Godwyn-Mädchen an einer politischen Diskussion teilnehmen wollt?“

„Es klingt interessant …“

„Kein Mann wünscht sich eine Aufwieglerin zur Frau, Victoria. Überlass die Politik den Männern. Dein Bereich sind der Haushalt und die Unterhaltung der Gäste.“

„Jawohl, Mama.“ Als wäre ihr das nicht nur allzu sehr bewusst! Ihr einziger Zweck auf dieser Welt war es, ihr großes Vermögen mit einem Titel zu vereinen – je vornehmer, desto besser. All die fünfzehn Jahre, die sie auf der Welt war, waren darauf verwendet worden, sie genau darauf vorzubereiten und auf nichts anderes.

Ihre Mutter bückte sich nach ihrer Handtasche und warf einen finsteren Blick auf das offene Buch, das auf dem Sofa lag. „Liest du etwa diesen Unsinn?“, fuhr sie Victoria an, nahm es auf und fuchtelte damit unter Victorias Nase herum. Sie hatte nicht darin gelesen, aber jetzt ihre Unschuld zu beteuern, wäre zwecklos.

„Romantisches Gewäsch.“ Hyacinth warf das Buch wieder auf das Sofa. „Du konzentrierst dich gefälligst auf die Lektüre von Debrett’s Peerage, damit du weißt, wer zum Adelsstand gehört. Mehr als das brauchst du nicht zu lesen.“

Natürlich hatte Victoria Debretts bereits auswendig gelernt. Aber das ihrer Mutter zu versichern, wäre genauso zwecklos.

„Natürlich, Mama.“ Schon vor langer Zeit hatte sie gelernt, dass es besser war, einfach zu nicken und zuzustimmen und darauf zu warten, dass, was immer ihre Mutter gerade an ihr zu kritisieren hatte, vorüberging.

Hyacinth rückte ihren Hut zurecht, bis sie mit dem Ergebnis zufrieden war, und musterte Victoria daraufhin noch einmal von Kopf bis Fuß. „Deine Figur ist endlich ein wenig weiblicher geworden. Mit einem solchen Busen werden viele Männer dich anziehend finden.“

„Mama!“ Sie wurde hochrot vor Scham und krümmte sie leicht, die Arme instinktiv vor der Brust gekreuzt.

„Ach, sei keine Närrin. Wer dich auch heiraten will, wird es wegen des Geldes tun, das weißt du. Aber mit einem hübschen Gesicht und einer guten Figur wird er dich vielleicht nicht völlig als Last empfinden. Sei dankbar.“

Victoria fühlte sich zu gedemütigt, um darauf antworten zu können, aber Hyacinth brauchte auch keine Antwort. „Sieh zu, dass du nicht zu viel Sonne abbekommst. Und um Himmels willen, halt dich gerade, Mädchen! Wir geben ein Vermögen dafür aus, dir den letzten Schliff zu geben. Da möchte ich auch gern ein angemessenes Ergebnis sehen.“

Victoria biss sich auf die Unterlippe und spürte, wie ihre Augen sich mit Tränen füllten. Aber sie richtete sich so gerade auf, wie sie konnte – sie hätte ein Buch auf dem Kopf balancieren können, während sie gleichzeitig Tee einschenkte. Die Erziehung zur Dame hatte sie gelehrt, tadellos auszusehen, unabhängig davon, wie sie sich wirklich fühlte.

Ihre Mutter lächelte zufrieden, ohne Victorias geballte Fäuste zu bemerken. „So ist es schon besser, wenn deine Größe mich auch verzweifeln lässt.“ Sie schüttelte betrübt den Kopf. „Ich hätte die Milch einschränken sollen, als du klein warst, damit du zierlich bleibst, aber dafür ist es jetzt zu spät. Wir werden eben einfach mit dem vorliebnehmen müssen, was uns zur Verfügung steht. Ich sehe dich nächste Woche wieder.“

Ohne eine Umarmung oder ein Wort der Zuneigung verließ sie den Raum, und Victoria ließ aus Trotz die Schultern hängen.

Ein Flüstern kam von der offenen Tür. „Ist sie gegangen?“

Victoria presste die Hände an die Wangen und unterdrückte mühsam die Tränen, bevor sie sich zu Amelia und Grace umwandte. Das Einzige, was noch übler war, als einen Besuch ihrer Mutter ertragen zu müssen, war der Umstand, dass ihre Freundinnen Zeuginnen ihrer Demütigung geworden waren. „Ja, vorerst.“

Die Mädchen kamen herein und setzten sich auf das Sofa. Sosehr Victoria auch das Ziel hasste, für das sie von Lady Grantham für die Ehe zurechtgemacht und vorbereitet wurde, hasste sie es ganz und gar nicht, bei Genevieve Grantham zu leben. Gen war wundervoll, alles, was ihre eigene Mutter nicht für sie war. Amelia und Grace waren ebenfalls hier, um zur Dame erzogen zu werden, und waren ihre liebsten Freundinnen geworden. Sie fürchtete den Tag, an dem sie die Schule verlassen und nach Hause zurückkehren musste.

„Es tut mir leid, dass sie dich wegen des Romans gescholten hat“, sagte Grace. „Er gehört schließlich mir, und ich hätte ihn nicht hierlassen dürfen.“

„Es hätte nichts geändert. Sie hätte einfach etwas anderes gefunden, über das sie sich beschweren könnte.“

„Möchtest du den Roman lesen? Ich bin fast fertig damit.“

Victoria nahm das Buch in die Hand und las den Titel stirnrunzelnd. „Alberne Liebesgeschichten. Auch nicht besser als Märchen.“

Amelia seufzte. „Aber diese Geschichte ist herrlich pikant. Und der Held …“

„Das ist es ja gerade“, fiel Victoria ihr ins Wort. „Er ist nur eine Romanfigur. Wir werden ihn nie kennenlernen, und wenn doch, dürften wir ihn nicht heiraten. Nein, für uns kommt nur ein Haufen arroganter, verarmter alter Männer mit Titel infrage. Habt ihr gesehen, wie Lord Sturridge mich gestern im Park angesehen hat? Dabei bin ich so jung, dass ich noch nicht einmal mein Haar aufstecke. Es ist widerlich. Er hat eine kranke Frau zu Hause und sucht schon einen Ersatz für sie. Ich bin sicher, dass er auf den Penny genau weiß, wie groß meine Mitgift ist.“

„Sicher wirst du einen besseren Mann finden als Sturridge.“

„Er ist ein Earl. Meine Mutter würde die Gelegenheit sofort beim Schopf ergreifen.“

„Du wirst bessere Möglichkeiten haben als ihn, da bin ich sicher“, tröstete auch Grace sie.

„Vielleicht, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass mein Leben ein Märchen sein wird, wenn es offensichtlich ist, dass es einfach nicht möglich ist. Ich werde wegen meiner Mitgift geheiratet werden, nicht aus Liebe. Keine von uns wird aus Liebe heiraten können.“

„Manche Leute schon“, protestierte Amelia. „Meine Eltern …“

„Deine Eltern zahlen ein Vermögen, um dich von Genevieve zur Dame erziehen zu lassen“, wandte Grace sanft ein. „Sie mögen ja aus Liebe geheiratet haben, aber das war, bevor das Geld ins Spiel kam. Du weißt, was von dir erwartet wird. Genau wie Vic, genau wie ich, wirst du mit deinem Verstand heiraten, nicht mit deinem Herzen.“

Amelia sah aus, als hätte sie etwas dagegen einzuwenden, aber das lag nur an ihrer eigensinnigen Natur. Sie kannte ihre Umstände genauso gut wie Victoria und Grace.

„Es lässt mich wünschen, ich müsste überhaupt nicht heiraten“, beschwerte sie sich. „Wenn es bedeutet, dass ich einen aristokratischen Trottel heiraten muss, der mich wegen meiner Herkunft verachtet.“

„Oh, ich möchte schon heiraten.“ Victorias Freundinnen sahen sie an, als hätte sie den Verstand verloren, und so beeilte sie sich zu erklären. „Die Zeit mit euch und Gen war die glücklichste meines Lebens, aber sobald sie vorbei ist, werde ich wieder mit meinen Eltern leben müssen und kann ihnen erst entkommen, wenn ich heirate. Ich brauche meinen Mann nicht zu lieben oder ihn auch nur gern zu haben, solange ich nach der Heirat wenigstens mein eigenes Leben führen und eine eigene Familie gründen kann. Mehr verlange ich nicht.“

„Und alles andere?“, traute Amelia sich zu fragen. „Die Dinge, die sich zwischen Mann und Frau abspielen?“

„Das werde ich, so gut ich kann, ertragen. Solange ich keine märchenhafte Liebesgeschichte erwarte, werde ich schon zurechtkommen.“

Grace ergriff ihre Hand und dann auch die von Amelia. „Keine von uns wird eine märchenhafte Liebesgeschichte erleben, aber wir werden wenigstens einander haben.“

Schon bald würde die unerfreuliche Wirklichkeit über sie hereinbrechen. Aber noch nicht. Diese kurze Zeit mit ihren Freundinnen wollte Victoria noch genießen. Der gesichtslose Fremde mit dem Titel lag noch weit in ihrer Zukunft. Sie konnte nur beten, dass sie ihn würde ertragen können. Sie rechnete nicht mit einem Traum, hoffte aber von ganzem Herzen, dass es kein Albtraum werden würde.

1. KAPITEL

Vier Jahre später

Es war unmöglich, im Gedränge der Burlington Arcade, noch dazu mitten in der Saison, irgendetwas finden zu wollen. Victoria brauchte ein neues Paar Handschuhe für den Frühling, aber es war brechend voll in der exklusiven Einkaufspassage von Westminster, und sie war es müde, von einem Haufen resoluter älterer Damen der guten Gesellschaft herumgeschubst zu werden. Sie wollte Grace und Amelia vorschlagen, aufzugeben und stattdessen mit ihr einen kurzen Spaziergang im Park zu machen, doch beide waren in ein Gespräch über ein offensichtlich sehr schwerwiegendes Thema vertieft.

„Ich finde, die Farbe steht mir eigentlich ganz gut.“ Amelia hielt einen fast durchsichtigen Seidenschal hoch, legte ihn sich über die Schulter und betrachtete sich im Spiegel. Eine ältere Dame mit breitkrempigem Hut drängte sich an ihr vorbei, aber Amelia ließ sich nicht zur Seite schubsen. Im Schubsen war sie geübt. Grace sah von einer Schachtel mit Glasknöpfen auf und runzelte die Stirn. „Amelia, das ist lachsrosa.“

„Nein. Es ist nelkenrosa.“

„Lachs“, wiederholte Grace entschieden. „Wie das Innere des Fisches.“

„Nelke“, protestierte Amelia. „Wie der wundervolle Strauß von Tony Batchelder, der heute Morgen in Victorias vorderem Salon stand.“

„Du musst blind sein.“

Ihr gutmütiger Streit wurde noch eine Weile fortgesetzt, bis Amelia sich an sie wandte. „Vic, was denkst du denn? Lachs oder Nelke?“

„Was macht es schon aus, wenn es dir nur gefällt? Wie wir es auch nennen, es steht dir in jedem Fall wunderbar.“

„Ich möchte aber lieber kein Schultertuch tragen, das die Leute an toten Fisch erinnert.“

„Seit wann ist es dir wichtig, was die Leute denken?“

Amelia seufzte und faltete den Stoff wieder zusammen. „Nein, ist es mir ja auch nicht, zum großen Verdruss meiner Eltern. Trotzdem werde ich mich wohl doch gegen das Schultertuch entscheiden. Und was ist mit dir? Hast du deine Handschuhe gefunden?“

„Vielleicht diese? Was denkt ihr?“

„Hübsch.“ Grace blickte Amelia über die Schulter.

„Es gibt zwei davon …“ Victoria reichte ihr das zweite Paar.

„Hübsch an dir“, fügte Grace knapp hinzu und wandte sich ab. Amelia und Victoria tauschten einen Blick. Natürlich weigerte Grace sich, ein Paar Handschuhe für sich selbst zu erstehen oder sie womöglich als Geschenk anzunehmen. Obwohl ihre Freundinnen nur großzügig sein wollten, wie sie wusste, wollte sie dennoch von niemandem bemitleidet werden. Victoria und Amelia waren reiche Erbinnen, die dafür erzogen wurden, einen Titel zu heiraten. Grace hatte ein ganz anderes Problem – sie war eine Waise, die keinen Penny besaß, und nur aufgrund einer fehlgeleiteten Zuwendung einer verstorbenen Großtante zu Lady Grantham geschickt worden.

Im Lauf mehrerer Generationen hatten unzählige junge Damen die Schwelle zum Grantham-Stadthaus überschritten, um für den Eintritt in die hohe Gesellschaft vorbereitet zu werden. Die vornehmsten Adelsfamilien Englands schickten ihre Töchter zur legendären Lady Grantham, um dort jenen Schliff zu erhalten, den nur sie einer jungen Frau geben zu können schien.

Es blieb am Ende natürlich nicht aus, dass eine neue Generation mittelständischer, aber reicher Fabrikmagnaten wie Victorias und Amelias Väter, denselben Glanz für ihre Töchter wünschten, um ihnen den Zutritt zu jenen Bastionen der hohen Gesellschaft zu sichern, der ihnen ansonsten verschlossen bliebe. Das Geschäft begann sich zu wandeln und Lady Grantham war inzwischen eher dafür bekannt, dass sie die reichen Erbinnen des Bürgertums mit dem nötigen Schliff versah, um sie an vornehme, aber hoffnungslos verschuldete Männer vermitteln zu können, die auf der Suche nach einer großen Mitgift waren, als dafür, den Töchtern des Adels beizubringen, wie sie vor der Königin knicksen sollten. Und als die erste Lady Grantham schließlich starb, übernahm ihre Großnichte Genevieve deren Rolle und brachte Mädchen mit Geld mit Gentlemen zusammen, die keins besaßen. Und heutzutage war sie auch kaum die Einzige. Ein regelrechtes kleines Gewerbe hatte sich in Europa entwickelt, um derartige Verbindungen zu ermöglichen.

Grace besaß nicht das Vermögen, um Gens verarmte Adelige anzuziehen, aber Gen liebte sie, und so behielt sie sie selbst dann noch bei sich, als die Zuwendung der Großtante bereits zur Neige gegangen war. Aber bis in alle Ewigkeit konnte sie nicht bleiben. Sollte Grace nicht bald einen anständigen Mann heiraten können, würde sie gezwungen sein, als Gouvernante zu arbeiten. Oder Schlimmeres.

Victoria legte die Handschuhe zurück. Sie hatten auch für sie jeden Reiz verloren.

Die Glocke über der Tür kündigte einen neuen Kunden an, aber es war lediglich Gen, die wieder zurückkam, nachdem sie der neuen Modistin zwei Türen weiter einen Besuch abgestattet hatte. Victoria und Amelia hatten Gens Haus bereits verlassen, als sie vor einem Jahr in die Gesellschaft eingeführt worden waren, doch sie trafen sich noch immer oft mit ihr. Und Victoria fehlten jene Tage sehr, als sie nur zu viert gewesen waren. Ein ganzes Jahr in der Gesellschaft ihrer Mutter, die sie unermüdlich bedrängt hatte zu heiraten, hatte Victoria fast in den Wahnsinn getrieben. Inzwischen war sie schon bereit, jedem das Jawort zu geben, wenn es sie endlich aus dieser Situation befreien würde.

„Hast du deine Handschuhe gefunden?“, fragte Gen und rückte ihren Hut zurecht. Von Kopf bis Fuß in ihr charakteristisches Schwarz gekleidet, sah Genevieve Grantham unter all diesen farbenfrohen Kundinnen wie ein glänzender, eleganter Rabe aus.

„Ich kann nichts finden in diesem schrecklichen Gedränge. Die Geschäfte sind einfach unerträglich während der Saison. Am besten gehe ich schon bald nach Hause. Mama hat zweifellos bereits Pläne für den Nachmittag. Sehe ich euch heute Abend alle in der Oper?“

„Wir gehen doch auch, oder, Gen?“, fragte Grace.

„Natürlich. Und Amelia wird auch da sein, oder?“

„Ja. Papa und ich gehen gemeinsam, aber bitte sagt mir, es ist nicht diese langweilige Oper, in der es über den armen Kerl geht, der sich aus Liebe das Leben nimmt.“

„In allen Opern geht es um so etwas. Und außerdem geht niemand in die Oper, weil er die Musik hören will.“ Keiner war realistischer als Grace.

„Die Saison ist in vollem Schwung“, fügte Gen hinzu. „Die begehrtesten Junggesellen werden heute da sein. Also eine ausgezeichnete Gelegenheit für euch drei.“

Victoria stöhnte leise. „Bestimmt werde ich den ganzen Abend damit beschäftigt sein, Lord Sturridge aus dem Weg zu gehen.“

„Ich kann nicht glauben, dass er dich noch immer verfolgt. Er ist dreimal so alt wie du und ein Trunkenbold.“ Grace warf einen Blick auf eine Auslage mit Seidenbändern, während sie die Handschuhe überstreifte.

„Und noch dazu lüstern. Ich hatte noch kein einziges Gespräch mit ihm, bei dem er mir in die Augen gesehen hätte. Für gewöhnlich bleibt sein Blick auf meinem Busen haften.“ Der verzerrten Ansicht ihrer Mutter zufolge war das ein vielversprechendes Zeichen.

„Heirate ihn nicht, Vic.“ Amelia legte ihr die Hand auf den Arm. „Jeden außer ihm.“

„Irgendjemand muss es jedenfalls sein, und zwar bald. Der polnische Graf letztes Jahr war Mama nicht gut genug, ebenso wenig wie Sir Francis. Und sie ist entschlossen, es bis zum Ende dieser Saison zu regeln.“

„Es gibt verheißungsvollere Möglichkeiten. Bestimmt wird sich schon bald eine ergeben.“

„Danke, Gen, aber ich habe mich bereits mit dem Schlimmsten abgefunden, also ist es nicht besonders wichtig, wen ich heirate. Aber zurück zur Oper. Es könnte lustig werden, wenn ihr alle kommt. Ihr könnt mir helfen, Sturridges Klauen zu entkommen, wenn auch nur für diesen einen Abend.“

„Vielleicht werden wir ja alle den Männern unserer Träume begegnen“, sagte Amelia mit einem trockenen Lachen.

Genevieve bedachte alle mit ihrem gewohnt entschiedenen Blick. „Für uns werden diese Männer lediglich ein Traum bleiben. Wir bleiben mit den Füßen auf der Erde und überlassen den anderen Frauen den Glauben an die Liebe.“

Keins der Mädchen widersprach ihr. Sie kannten die Wahrheit ebenso gut wie sie.

Hyacinth Carson befand sich in einem Dilemma. Sie hatte die Wahl zwischen zwei Abendveranstaltungen und musste sich endlich entscheiden. Natürlich konnten sie die Oper besuchen, wo sie gewiss auf Lord Sturridge treffen würden. Victoria hatte es fertiggebracht, ihm jetzt seit über einem Jahr aus dem Weg zu gehen, aber Hyacinth war sicher, dass sie sie dazu zwingen konnte, Vernunft anzunehmen, wenn es nötig sein sollte.

Sie spielte gedankenverloren mit einer Einladung zu einem Dinner bei den Sanfields. Aus zuverlässiger Quelle, einem ihrer Spione, hatte sie erfahren, dass der Duke of Waring daran teilzunehmen gedachte.

Der Duke of Waring war finanziell ruiniert, und jedermann wusste es. Der älteste Sohn war bereit gewesen, die wohlhabende Lady Phoebe Sheffield zu heiraten, um das Familienvermögen wiederherzustellen, hatte sich dann aber bei einem Jagdunfall im vergangenen Jahr den Hals gebrochen, was natürlich jede Verhandlung zum Stillstand gebracht hatte. Es gab jedoch einen jüngeren Sohn, der irgendwo in Italien lebte und fast völlig mit seiner Familie gebrochen hatte. Schon bald würde der Duke den Jungen zu einer Ehe zwingen, und Hyacinth hatte alles getan, was in ihrer Macht stand, um ihn auf Victoria aufmerksam zu machen.

Seit Monaten bearbeitete sie den alten Duke bereits, wobei sie sehr viel mehr Zeit und Ressourcen in die Jagd auf seinen Sohn investiert hatte als in irgendeinen anderen Mann auf ihrer Liste aller infrage kommenden Junggesellen. Waring war schon vor dem Tod seines älteren Sohnes in Schwierigkeiten gewesen, jetzt jedoch war er völlig mittellos. Dafür hatte Hyacinth gesorgt. Er war in genau jenem verzweifelten Zustand, den sie erstrebt hatte, weil er ihn dazu bringen würde, eine reiche Erbin für seinen Sohn zu suchen. Aber würde es ihr und ihm gelingen, den jungen Mann in Victorias Richtung zu steuern, oder würde ihnen vorher ein anderer reicher Emporkömmling zuvorkommen und ihn ihr vor der Nase wegschnappen?

Stimmen hallten durch die Eingangshalle, und einen Moment später betrat ihr Mann Phillip in seiner gewohnt polternden Art den Raum. Phillip Carson war eine beeindruckende Erscheinung, fast so breit wie er groß war, rotwangig und mit schütterem Haar, aber mit einem üppigen blonden Schnurrbart und buschigem Backenbart, als wolle er damit das fehlende Haupthaar wettmachen. Es gab nur sehr wenig, was Hyacinth an ihrem Mann anziehend fand, wenn man von seinem Geld absah, aber glücklicherweise gab es davon so viel, dass es seine anderen Mängel mehr als wettmachte.

„Du hast geschlafen, als ich gestern Nacht nach Hause kam, mein Liebes, aber ich habe ein Geschenk für dich.“

Hyacinth hob eine Augenbraue, sah aber nicht von ihrer Einladung auf. „Wirklich?“

„Ich habe einen Mann für Victoria gefunden. Gestern Abend alles geregelt. So gut wie abgemacht.“

Sie zuckte zusammen. „Was soll das heißen, du hast einen Mann für sie gefunden?“

„Ich meine, es ist geregelt. Habe selbst mit dem Vater des Jungen darauf eingeschlagen.“

„Wie kannst du es wagen, ein solches Versprechen zu geben, ohne mich vorher zu fragen? Du weißt, wie viel Mühe ich in diese Sache gesteckt habe.“ Sie sprang auf und ging drohend auf ihren Mann zu.

Phillip Carson lachte, als hätte er gerade einen herrlichen Scherz gemacht. „Ich glaube, über diesen Bräutigam wirst du dich nicht beschweren. Unser Mädchen ist jetzt im Grunde so gut wie verlobt mit dem Earl of Dunnley, dem Erben des Duke of Waring.“

„Du erlaubst dir besser keine Scherze mit mir, Phillip.“

„Glaubst du, ich würde über die Hochzeit unserer Tochter scherzen, wenn ich doch weiß, wie wichtig dir das ist?“

„Was … wie hast du das geschafft?“, brachte sie schließlich stotternd heraus.

Phillips Lächeln vertiefte sich. Die hohe Gesellschaft war ihm im Großen und Ganzen gleichgültig, aber wenn es um ein Geschäft ging, schlug sein Herz schneller. Ein Abkommen auszuhandeln oder einen Gegner zu überlisten, war das Einzige, was ihn in solches Entzücken versetzen konnte.

„Nun ja, ich bin dem guten Duke zufällig gestern Abend im Klub begegnet und habe ihn aufgefordert, sich mit mir für ein paar Runden an den Kartentisch zu setzen. Waring ist ein verzweifelter Mann, das wissen wir beide. Selbst der Sieg bei einem oder zwei Kartenspielen würde ihm das Geld verschaffen, um ein wenig länger durchzuhalten. Und er hat auch gewonnen. Ein, zwei Spiele. Und dann fing er an zu verlieren.“

„An dich?“

Phillip grinste breit auf seine raubtierhafte Weise. Sein gerötetes Gesicht glänzte vor Schweiß. „Dafür habe ich gesorgt. Und als er dann bankrott war, bat er mich um ein Darlehen. Aber er hatte ja keine Sicherheiten mehr, also schlug ich ihm seinen Sohn vor.“

„Was meinst du damit, seinen Sohn?“

„Ich sagte, wenn er verlieren sollte, muss sein Sohn meine Tochter heiraten.“

Hyacinth senkte den Blick und schürzte nachdenklich die Lippen. „Also hast du ihn sozusagen beim Kartenspiel gewonnen.“

„Werd jetzt nicht zimperlich, meine Liebe. Jetzt hast du doch, was du wolltest.“

„Nein, schon gut. Der Erbe des Duke of Waring. Victoria wird eines Tages eine Duchess. Mehr hätte ich mir nicht erhoffen können.“

„Warum machst du dann immer noch ein langes Gesicht?“

Hyacinth winkte ab. „Wegen … Verrate Victoria auf keinen Fall, wie es dazu gekommen ist. Sie kann so übertrieben tugendhaft sein. Sie wird nicht begeistert davon sein, dass du den Duke in eine Falle gelockt hast, selbst wenn das Ergebnis für uns so großartig ist.“

„Der Mann ist ein Fremder für uns. Sie wird sich doch fragen, warum er plötzlich aus dem Nichts auftaucht, um ihr einen Antrag zu machen.“

„Darum kümmere ich mich schon. Sie weiß ohnehin, dass jeder Mann sich nur für ihre Mitgift interessiert, also wird sie sich überhaupt nicht wundern. Aber sag ihr lieber nicht, wie du ihn manipuliert hast. Sie würde nur wieder einen Aufstand machen, und sie hat sowieso schon viel zu viel Zeit vergeudet.“

„Schön. Sie braucht die Einzelheiten ja nie zu erfahren. Also, meine Gute, du hast jetzt, was du wolltest – einen zukünftigen Duke für deine Tochter. Hoffen wir, dass es sie glücklich machen wird.“

Hyacinth neigte den Kopf leicht zur Seite. „Wie könnte sie das nicht glücklich machen? Was könnte sie sich denn mehr wünschen?“

2. KAPITEL

Corneto, Italien.

„Zur Hölle.“

Andrew Hargrave, Earl of Dunnley und Erbe des Duke of Waring, fluchte herzhaft, als seine Kelle auf einen Stein stieß und seine Knöchel schmerzhaft auf den Fels prallten.

Seit drei Tagen arbeitete er an dieser Stelle und konnte nicht mehr für die Stunden, die er sich auf den Knien abgemüht hatte, aufweisen, als eine Handvoll frührömischer Münzen, die zu gewöhnlich waren, um besonderes Interesse zu erregen. Trotzdem würde er sie waschen und seinen Schwestern schicken. Louisa und Emma würde es Spaß bringen, sie ihren Schulfreundinnen zu zeigen.

Etwas Bedeutenderes würde schon bald auftauchen müssen, denn sonst würde er von der British Archaeological Association keinen weiteren Sommer eine Finanzierung seiner Ausgrabung erhalten. Sie war auch bisher nur dazu bereit gewesen, ihn zu unterstützen, weil er die Macht des Duke of Waring ins Spiel gebracht hatte. Denn die Vereinigung war alles andere als überzeugt von seiner Theorie, das unberührte Grab einer etruskischen Königin könne sich auf diesem Hügel befinden, um einiges abgelegen von der wohlbekannten Nekropole von Tarquinia. Er und Randolph waren auch den Winter über geblieben, um jede Möglichkeit auszuschöpfen, etwas – was auch immer – zu entdecken, während die übrigen Archäologen nach England zurückgekehrt waren, um bei der gemütlichen Wärme in ihren Bibliotheken Artikel zu schreiben.

Gereizt vor sich hin murmelnd, stieß er die Kelle mit etwas mehr Kraft als nötig in die kalte Erde. Die finanzielle Unterstützung zu verlieren, wäre eine Katastrophe. Er und sein Partner Randolph hatten ihre Familien hinter sich gelassen, als sie nach Italien gekommen waren, um diesen Traum zu verfolgen. Und obwohl es ein befreiendes Gefühl gewesen war, bedeutete es doch auch, dass sie jetzt allein zurechtkommen mussten und das Geld von der Akademie so spärlich wie möglich zu verwenden, um zu überleben.

Wenn ihnen kein Weg einfallen sollte, um mit ihrer Arbeit fortzufahren, wäre er gezwungen, nach England zurückzukehren. Sein Leben war aber hier, seine Arbeit war hier und ebenso seine … Nun, was ihn und Luciana verband, war schwierig zu benennen, aber er hatte auf keinen Fall die Absicht, es enden zu lassen.

Als das Licht zu schwach wurde, musste er sich endgültig geschlagen geben und das Ausgrabungsfeld, an dem er gearbeitet hatte, für heute verlassen. Sollte es hier tatsächlich einen Schatz zu heben geben, würde er bis morgen noch warten können. Langsam richtete er sich auf und klopfte Erde und trockenes Gras von seiner Kleidung. Als er seine Werkzeuge verstaut hatte, war am italienischen Hügel kaum zu sehen, ob überhaupt jemand hier gewesen war.

Im Zelt am Fuß des Hügels fand er Randolph über seinen Reiseschreibtisch gebeugt, wie er kurze Notizen auf eine Handvoll Tonscherben schrieb, die er in der Woche zuvor ausgegraben hatte. Er war so weit vorgebeugt, dass es aussah, als wäre er in der Mitte zusammengefaltet, denn sein langer Körper war viel zu groß für den klappbaren Feldstuhl, auf dem er saß. Seine Knie stießen gegen die Unterseite des kleinen Tisches.

Er sah über die Schulter, als Andrew das Zelt betrat.

„Hattest du heute mehr Glück?“

„Nur die Münzen von heute Morgen, also nichts von Bedeutung.“

Als er und Randolph in Corneto angekommen waren – im Gepäck ihre Theorie, die sie gemeinsam in Cambridge aufgestellt hatten, eine Unmenge Begeisterung und nicht sehr viel mehr als das, war Luciana ihre Rettung gewesen. Ihr Mann, ein hiesiger eher zweitrangiger Archäologe, war vor mehreren Jahren gestorben und hatte sie nicht sehr gut versorgt zurückgelassen. Sie war also sehr froh gewesen, mit ihnen zu arbeiten, hatte ihnen geholfen, die nötigen Verbindungen in der Stadt zu knüpfen und ihre eigene Ausgrabungsstätte einzurichten. Und nicht sehr lange danach war sie Andrews Geliebte geworden.

Als er an Lucianas Arbeitsplatz vorbeikam, drückte er ihre Schulter, und sie sah lächelnd auf und legte ihre Hand auf seine. Es war ein angenehmes, unkompliziertes Arrangement für sie beide. Luciana war ein wenig älter als er und nicht auf der Suche nach einer festen Bindung, lediglich nach einer gewissen Sicherheit, solange sie zusammenblieben. Er war nicht der erste Mann, den sie sich nach dem Tod ihres Mannes zum Geliebten genommen hatte, und Andrew bewunderte ihre offene, ungekünstelte Einstellung, wenn es um ihre Beziehung ging. Er mochte sie sehr gern, ganz besonders da auch sie ihn nur um seiner selbst willen mochte und ebenso wenig Interesse an seinem Titel zeigte wie er selbst.

„Wir werden bald etwas Besonderes finden müssen, sonst wird die Akademie die Finanzierung für uns einstellen.“ Andrew fuhr sich mit der Hand durch das dunkle Haar und schüttelte dadurch ein wenig Staub ab.

Randolph betrachtete stirnrunzelnd seine Notizen, sagte aber nichts. Die Ausgrabungsstätte zu erhalten, war für ihn ebenso wichtig wie für Andrew. Wenn er sich nicht bald einen Namen in seinem Gebiet machte, würde er nach England zurückkehren müssen, wo ihn eine unglückliche Zukunft erwartete – dem Wunsch seiner Familie nachzugeben und Geistlicher zu werden. Schon der Gedanke daran bedrückte ihn.

„Ich bin sicher, ihr seid auf der richtigen Spur“, sagte Luciana. „Es gibt so viele Hinweise darauf, dass die Römer hier gewesen sind, das habt ihr selbst gesagt.“

„Sicher, aber die Römer waren überall in Italien. Das heißt nicht, dass unsere etruskische Königin ebenfalls hier war. Oder selbst wenn sie es war und hier begraben wurde, können wir nicht wissen, ob ihr Grab unversehrt geblieben ist.“

„Lass dich jetzt nicht entmutigen, Drew.“ Randolph schob seinen Stuhl zurück. „Wir werden bald etwas finden, davon bin ich überzeugt.“

„Oh!“ Luciana sprang auf. „Das hätte ich fast vergessen. Der Junge aus dem Dorf kam vor Kurzem mit einem Telegramm für dich.“

„Für mich?“ Niemand schrieb an ihn, geschweige denn ein Telegramm. Es kam ihm vor, als wäre er wie vom Erdboden verschwunden, als hätten ihn alle in England völlig vergessen. Und so wollte er es auch haben.

Luciana reichte ihm die Nachricht, und er riss den Umschlag auf.

25. Februar 1895, London

Es gibt einen Notfall. Du wirst in London gebraucht. Komm unverzüglich.

Duke of Waring

Unbehagen erfasste ihn. Für gewöhnlich ignorierte er alles, was sein Vater ihm zu sagen hatte, aber dieses Wort … Notfall. Wenn nun einer seiner Schwestern etwas zugestoßen war, wenn eine von ihnen krank geworden war …

„Ich muss abreisen.“

„Von wem ist das Telegramm?“, fragte Randolph.

„Von meinem Vater. Er befiehlt mir, sofort nach Hause zu kommen.“

„Sagt er auch, warum?“

„Nein, und das ist es auch, was mir Sorge macht.“ Er zeigte Randolph den Inhalt des Telegramms, Randolph las ihn und warf Andrew danach einen vielsagenden Blick zu.

„Ich bin sicher, dass ich erraten kann, warum er dich nach Hause zitiert. Zum Henker, Andrew, es hätte zu keinem schlechteren Zeitpunkt kommen können.“

Ja, es war nur allzu gut möglich, dass es sich um nicht mehr als eine List handelte, um ihn nach Hause zu bekommen, damit sein Vater ihn wieder dazu drängen konnte, eine reiche Braut zu suchen. Aber wenn er sich nun doch irrte? Er würde es sich nie verzeihen, sollten Louisa oder Emma ihn brauchen und er ginge nicht zu ihnen.

„Mir ist natürlich bewusst, unter welchem Druck wir hier stehen. Und wenn es wirklich nicht mehr als ein Trick meines Vaters ist, werde ich nicht bleiben. Aber wenn es etwas mit meinen Schwestern zu tun hat …“

Randolph runzelte die Stirn. „Oh, natürlich. Entschuldige, Drew. Daran habe ich überhaupt nicht gedacht. Natürlich musst du zu ihnen.“

Luciana stellte sich hinter ihn und strich ihm tröstend über den Arm. „Ja, geh und kümmere dich um deine Schwestern. Wir werden auch ohne dich zurechtkommen.“

„Ich werde euch nicht im Stich lassen. In jedem Fall kehre ich sofort zurück, sobald ich mich vergewissert habe, dass es ihnen gut geht.“

„Klingt nach einem guten Plan“, meinte Randolph. „Geh und pack deine Sachen. Je eher du fort bist, desto eher bist du wieder da, und wir können endlich weiterarbeiten. Wir sind so nah am Ziel, Drew. Das spüre ich.“

Randolph war so viel optimistischer als er, stets bereit, an das Glück zu glauben, das sie schon an der nächsten Straßenecke erwartete. Andrew hatte diese Fähigkeit schon vor einer ganzen Weile verloren. Es war besser, sich auf das Schlimmste gefasst zu machen, statt mit dem Besten zu rechnen und dann enttäuscht zu werden. Diese Lektion hatte ihm seine eigene Familie schon sehr früh beigebracht, und sie hörte nicht auf, ihn wieder und wieder daran zu erinnern.

Er steckte die drei Münzen von heute Morgen in die Tasche. Sie sollten sein Talisman sein, während er fort war, eine Erinnerung daran, wohin er gehörte – eine Münze galt Randolph, die zweite Luciana und die dritte ihrer verlorenen Königin.

„Pass auf, dass du nicht in ihre Klauen gerätst und sie dich da behalten“, warnte Randolph noch, als Andrew sich schon zum Gehen wandte.

Er tastete nach den Münzen in seiner Tasche. Es müsste sich schon um eine Krise von beispielloser Bedeutung handeln, um ihn länger in England zurückzuhalten als unbedingt notwendig. „Das ist sehr unwahrscheinlich, glaub mir.“

Nachdem Andrew vor dem Mayfair-Stadthaus aus der Kutsche gestiegen war, hielt er kurz inne, um sich ein wenig zu strecken. Seine Reise – teilweise per Bahn, teilweise per Schiff – hatte fast zwei ganze Tage gedauert, und er spürte sie in jedem Knochen. Was er jetzt brauchte, war ein heißes Bad, ein großes Glas Brandy und eine wirklich sehr lange, ruhige Nacht. Aber zunächst musste er herausfinden, weswegen er in so großer Eile nach Hause beordert worden war.

Die Tür wurde geöffnet, und ein Diener erschien auf der Schwelle.

„Lord Dunnley?“

„Ja, der bin ich.“

Es war nicht erstaunlich, dass der Mann sich nicht sicher war, wen er vor sich hatte. Sein Vater zahlte klägliche Gehälter und auch die nur sehr unregelmäßig, also wechselte das Personal häufig. Diesen Diener sah Andrew zum ersten Mal.

Ein weiterer nahm ihm seinen Koffer ab.

„Sollen wir Ihr übriges Gepäck hereinbringen, Eure Lordschaft?“

„Es gibt nicht mehr Gepäck.“ Auf den erstaunten Blick des Mannes hin, fuhr Andrew fort: „Ich habe nicht die Absicht, sehr lange zu bleiben. Lediglich ein, zwei Tage.“

„Begleitet Ihr Kammerdiener Sie?“

„Ich habe keinen. Irgendwie werde ich schon allein zurechtkommen.“

„Sehr wohl, Sir. Ich glaube, Seine Gnaden hält sich im Arbeitszimmer auf. Er bittet Sie darum, sich sofort zu ihm zu begeben.“

Andrew seufzte erschöpft. Er konnte es ebenso gut gleich hinter sich bringen. „Gewiss. Gehen Sie voraus.“

Ihre Schritte hallten laut in der riesigen Eingangshalle wider. Andrew war in diesem Haus aufgewachsen, und er hasste es. So förmlich und kalt, erlesen, teuer und seelenlos – genau wie seine Mutter, deren Hand es erschaffen hatte. Sollte es jemals ihm gehören, war er entschlossen, entweder das Innere völlig zu verändern oder das ganze Haus zu verkaufen.

Der Duke saß nicht an seinem Schreibtisch. Was auch nur selten vorkam. Er stand vor dem Kamin, ein Glas Whisky in der Hand, und starrte auf das Porträt von Edmund, Andrews älterem Bruder. Der Duke of Waring gehörte nicht zu den Männern, die den Tod eines Menschen schwernahmen, nicht einmal des angebeteten ältesten Sohnes und Erben, also bezweifelte Andrew, dass er in diesem Moment um Edmund trauerte. Wahrscheinlicher war, dass er Edmund Vorwürfe machte, weil er so rücksichtslos gewesen war zu sterben und seinem Vater keine andere Wahl gelassen hatte, als Andrew den Titel zu vermachen. Schließlich wusste er, wie wichtig seinem Vater die Fortsetzung des Namens war, und sein Schmerz darum war womöglich sogar größer als der um den Verlust seines ältesten Sohnes.

Einen Moment lang verursachte es Andrew sogar eine seltsame Genugtuung zu wissen, dass die kostbare Blutlinie der Warings mit dem jetzigen Duke aussterben würde. Und der Titel würde mit Andrew sterben. Umso besser.

Waring sah ihn über die Schulter an. „Da bist du also.“

„Ja, da bin ich.“ Edmund hatte seinem Vater ähnlich gesehen. Er hatte genau wie er aschblondes Haar, ein rötliches Gesicht und haselnussbraune Augen besessen. Warings Ausschweifungen zeigten inzwischen allerdings ihre Wirkung. Der Duke sah aus, als wäre er in den vielen Monaten, die Andrew ihn nicht mehr gesehen hatte, um Jahre gealtert. Sein Gesicht war aufgedunsen und fleckig, und die Tränensäcke unter den Augen betonter als früher. Er wies auf das Porträt, bevor er an die Anrichte trat und sein Glas nachfüllte. „Er wäre jetzt mit Lady Phoebe Sheffield verheiratet, weißt du.“

Andrew verbiss sich eine scharfe Antwort. Er war nicht den ganzen Weg aus Rom nach London gereist, um sich anzuhören, wie vollkommen er, der Ansicht seines Vaters zufolge, daran gescheitert war, Edmunds Vermächtnis gerecht zu werden.

„Hast du mich aus Italien herzitiert, um mir das zu sagen? Ich fürchtete schon, den Mädchen wäre etwas zugestoßen.“

„Den Mädchen geht es gut. Dir geht es gut. Es geht allen gut, nur der einen Person nicht, bei der es wirklich darauf ankam.“ Waring hob sein Glas, den Blick wieder auf Edmunds Porträt gerichtet. Andrew war die anbetende Liebe seines Vaters für Edmund gewohnt, die so groß war, dass er alle anderen davon ausschloss, aber seine beiläufige Grausamkeit war nie besonders leicht zu ertragen, ganz besonders dann nicht, wenn sie auch gegen seine Schwestern gerichtet wurde.

Waring stieß heftig die Luft aus und wies auf einen Sessel neben dem Kamin. „Setz dich.“

„Ich stehe lieber.“ Was für eine kindische Antwort. Es ärgerte ihn, dass es seinem Vater so schnell gelang, ihn aus der Reserve zu locken. Wie als kleiner Junge, als er nach jeder Aufmerksamkeit seines Vaters gehungert hatte, selbst wenn sie negativer Natur gewesen wäre. Das war allerdings gewesen, bevor er die Wahrheit erfahren hatte. Er war nur dem Namen nach ein Sohn des Dukes, und nie würde er Zuneigung von ihm erfahren. Die galt lediglich Edmund.

Waring hasste seine Frau und ließ es am Bastard aus, den sie geboren hatte. Edmund selbst war auch keine besondere Hilfe gewesen, denn er hatte seinen Status als Günstling seines Vaters genossen und es seinem jüngeren Bruder immer sehr gern unter die Nase gerieben. Und dann war Louisa gekommen, offensichtlich das Kind eines anderen Mannes, da der Duke und seine Frau aufgehört hatten, ein Bett zu teilen, und Andrew hatte gefürchtet, die Rachegelüste des Dukes könnten ein neues Ziel finden.

Nie würde er vergessen, wie er sie das erste Mal gesehen hatte. Er war zwölf Jahre alt gewesen und auf Urlaub von der Schule. Seine Mutter war sofort mit dem nächsten Liebhaber verschwunden, sobald sie sich von der Geburt erholt hatte, und sein Vater war damit beschäftigt, sich durch Londons Klubs zu trinken. Edmund war ebenfalls fort, zweifellos im Begriff, sein eigenes liederliches Leben zu führen. Und so war Andrew hastig die Treppe zum Kinderzimmer hinaufgeeilt und hatte Louisa schlafend in ihrer Wiege vorgefunden – ein winziges, rosiges Gesichtchen und ein Haarbüschel von derselben dunklen Farbe wie sein eigenes. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er Liebe für ein Familienmitglied empfunden, und er beschloss, sie von jetzt an immer in Schutz zu nehmen, und später genauso auch Emma – so ganz anders als Edmund, der ihm nichts als Gleichgültigkeit entgegengebracht hatte. Andrew würde die Mädchen lieben, selbst wenn er der Einzige in ihrer Familie sein sollte, der es tat.

„Wie du willst“, sagte Waring und nahm einen tiefen Schluck aus seinem Glas. Es war noch nicht einmal elf Uhr morgens, aber man sah dem Duke an, dass er dem Whisky schon eine ganze Weile zusprach.

„Wirst du mir endlich sagen, worum es hier geht? Du hast mich halb zu Tode erschreckt mit deinem Telegramm, weil du von einem Notfall gesprochen hast …“

„Wir sind ruiniert.“

Andrew starrte ihn eine Minute lang nur stumm an. Der neutrale, unbesorgte Ton passte wirklich nicht zu seiner Aussage.

„Wie bitte? Ruiniert? Was soll das bedeuten?“

„Es bedeutet genau, was ich sage. Diese Familie ist ruiniert. Bankrott. Bettelarm. Kein Geld mehr.“

„Kein Geld.“ Hier im luxuriös ausgestatteten Arbeitszimmer seines Vaters, umgeben von prunkvoll zur Schau gestelltem Reichtum, klangen seine Worte schlichtweg lächerlich.

„Du hast schon richtig gehört. Wir haben keinen Penny mehr.“

Sicher übertrieb sein Vater. Das Geld war knapp, so viel wusste Andrew, und das schon seit Jahren. Aber am Ende hatten sie sich immer irgendwie über Wasser gehalten. Waring hatte nicht das geringste Talent für Geschäfte. Er musste missverstanden haben, was sein Verwalter ihm gesagt hatte. Es konnte unmöglich alles fort sein. „Ich verstehe nicht.“

„Bist du ebenso begriffsstutzig wie der hübsche, hohlköpfige Liebhaber deiner Mutter, der dich gezeugt hat? Es gibt kein Geld mehr.“

Andrew ließ die Beleidigung an sich abprallen. „Ja, Vater. Ich gehe den ganzen verdammten Tag lang mit Geld um. Ich begreife, was es heißt, nicht genügend Mittel zu haben. Ich bitte dich zu erklären, wo das Geld geblieben ist.“

Waring hielt inne, um einen weiteren langen Zug aus seinem Glas zu nehmen. „Ich habe in eine Eisenbahn investiert. Es hieß, es sei eine solide Sache. Nein, mir wurde versichert, sie sei solide und würde garantiert einen ansehnlichen Profit abwerfen.“

„Es gibt für nichts eine Garantie“, hörte Andrew sich sagen. Das fing gar nicht gut an. Plötzlich hatte er das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Als würden die Wände auf ihn zukommen und ihn immer mehr einengen.

„Na ja, es wurde mir so gut wie garantiert.“

„Aber es ist fehlgeschlagen.“

Nach kurzem Zögern nickte Waring. „Ja. Das Unternehmen ging über Nacht in Konkurs und nahm alles Geld mit sich.“

Andrew fuhr sich mit beiden Händen durch das Haar und kniff kurz die Augen zusammen. „Na gut, du wirst deine Ausgaben einschränken müssen. Verkaufe das Gut in Schottland, Kenthorpe in Yorkshire, dieses Stadthaus.“

Waring lachte müde. „Die gibt es schon lange nicht mehr.“

„Du hast alles schon verkauft?“

„Ich hatte Ausgaben, Junge. Es kostet ein Vermögen, diese Familie über Wasser zu halten. Was nicht im Familienbesitz festgelegt war, musste ich im Lauf der Jahre verkaufen. Nur Briarwood in Hampshire ist noch übrig, weil es zum Erbe gehört. Dieses Haus ist bis unter das Dach mit Hypotheken belastet. Jeden Moment werden sie kommen, um es an sich zu reißen. Dabei sollte es nur für eine kurze Zeit sein. Ich lieh mir etwas gegen eine Hypothek, nur bis Edmund das Sheffield-Mädchen heiraten würde. Danach hätte ich alles zurückgezahlt. Aber er starb, und jetzt bleibst nur noch du übrig.“ Er wies verächtlich auf Andrew. „Und du weigertest dich, nach Hause zu kommen. Du wolltest einfach nicht deine Pflicht erfüllen und eine Frau nehmen, also investierte ich, was mir noch geblieben war.“

Für sein bescheidenes Leben in Italien hatte Andrew nie einen Penny von seiner Familie bekommen. Die Finanzierung für die archäologische Ausgrabung hatte er selbst arrangiert, wobei er die Unterstützung von der British Archaeological Association so sparsam wir möglich eingesetzt hatte, während sein Vater zu Hause in der Zwischenzeit das Familieneigentum Stück für Stück verkauft hatte, um seinen teuren Lebensstil aufrechtzuerhalten. Wie viel hatte er wohl allein für Alkohol und seine Spielleidenschaft ausgegeben? Und danach war er mit dem Rest ein allerletztes Glücksspiel eingegangen. Andrews Wut und Abscheu drohten ihn zu erstickten.

„Wenn du dich ruiniert hast, Vater, sehe ich nicht, was ich dagegen tun kann.“

„Du kannst sogar sehr viel tun. Oder besser, es gibt eine Sache, die du tun kannst. Eine Sache, die du tun musst.“

Randolph hatte recht behalten. Seit er erwachsen war, war er vor seinen verhassten Eltern davongelaufen, und jetzt glaubten sie, sie könnten ihn ausnutzen, damit er sie vor dem Ruin rettete. Ausgerechnet er, der Bastard, den sein Vater so verabscheute.

„Wenn du mir damit sagen willst, dass ich heiraten sollte …“

„Ich sage, dass du heiraten musst.“ Waring wirbelte herum, um ihm ins Gesicht zu sehen. Wut blitzte aus seinen blutunterlaufenen Augen. „Es wird höchste Zeit, dass du dieser Familie gegenüber deine Pflicht erfüllst.“

Trotz seiner wachsenden Wut, musste Andrew lachen – rau und freudlos. „Pflicht? Du glaubst, ich hätte das Gefühl, ich müsse dieser Familie auch nur die geringste Pflicht erweisen? Ich glaube, ich habe meine Meinung dazu schon deutlich zum Ausdruck gebracht, als ich nach Italien reiste, kaum dass ich Cambridge verlassen hatte. Und seitdem bin ich sehr gut ohne dich zurechtgekommen und werde auch in Zukunft auf die gleiche Weise weitermachen. Ohne dich.“

„Kannst du es auch dann tun, wenn dir die British Archaeological Association die Unterstützung entzieht?“

Sobald ihm klar wurde, was der Duke gesagt hatte, starrte Andrew ihn nur in wortlosem Entsetzen an.

„Ja, ich weiß, wie du dein kleines Hobby finanzierst. Und ich weiß auch, dass sie dir überhaupt nur aufgrund deines Titels Mittel zukommen lassen. Und sie werden sie dir entziehen aufgrund meines Titels. Das heißt, ich werde meinen Einfluss geltend machen.“

„Halte dich zum Teufel aus meinem Leben heraus, alter Mann!“ Lieber Himmel, wie sehr er diesen Menschen hasste – so schwach und doch so überheblich. Er würde alles tun – wirklich alles –, um jede Verbindung zu ihm abzubrechen.

„Mit dem größten Vergnügen. Sobald du anständig verheiratet bist. Dann wirst du nicht einmal das Geld der Association brauchen, wenn du das tust. Dann kannst du alle Ausgrabungen nach Herzenslust selbst bezahlen.“

Andrew presste die Lippen zusammen. Die Familie war nicht durch seine Schuld verarmt, und jetzt sollte trotzdem er es sein, der sie rettete, indem er eine vorteilhafte Ehe einging? Die Ironie war fast schon grausam. Nun, der Duke konnte seinetwegen zum Teufel gehen und nahm seine untreue Duchess am besten gleich mit. Der Verlust der Mittel von der Archaeological Association würde zweifellos einen schweren Schlag bedeuten, aber auch den würde er überleben. Irgendwie. Ihm würde schon etwas einfallen.

„Du hattest kein Recht, dich zwischen mich und die Association zu drängen, aber es ist nicht wichtig. Ich kann andere Investoren finden und lass mich bestimmt nicht von dir dazu erpressen, ein Problem zu lösen, das du selbst verursacht hast. Und wenn du mich jetzt entschuldigen möchtest, nehme ich den nächsten Zug zurück nach Portsmouth.“

Er war schon an der Tür und hatte die Hand auf die Klinke gelegt, als Waring weitersprach. „Es wird deine Schwestern ganz besonders hart treffen.“

Andrew packte abrupt die Messingklinke. Louisa und Emma.

Die Wahrheit traf ihn wie ein Schlag in die Magengrube, sodass er sich fast nach vorn krümmte. In seinem Zorn hatte er sich nicht die Zeit genommen, über die Folgen dieser Situation nachzudenken. Er selbst konnte in der Welt allein zurechtkommen, aber das traf nicht auf die Mädchen zu. Kein Geld bedeutete, dass sie weder ihre Schule beenden, noch später in die Gesellschaft eingeführt werden konnten. Und sie würden auch keine Mitgift bekommen, um heiraten zu können. Sie wären mittellos, und die Welt war ein grausamer Ort für verarmte Frauen. Wieder einmal war er gezwungen, sich zwischen seinen Vater und seine Schwestern zu stellen und sie vor dem Schaden zu bewahren, den er in ihrem Leben anrichten konnte.

Nun, sein Vater mochte die Mädchen ja im Stich gelassen haben, aber er selbst würde es nie tun. Er konnte es einfach nicht über sich bringen. Und der Duke, dieses durchtriebene Scheusal, wusste das sehr gut. Louisa und Emma waren die Trumpfkarten, die er schon immer gegen Andrew ausgespielt hatte, wenn er ihn zum Nachgeben zwingen wollte.

„Mir bleibt wohl keine andere Wahl“, brachte er rau hervor. Corneto kam ihm in den Sinn, seine einzige Hoffnung. Er würde schon irgendwie einen Weg dorthin zurückfinden – zu seinem Zuhause, zu seiner Arbeit. Er würde das Leben, das er sich mühsam selbst erschaffen hatte, niemals aufgeben.

„Glaub mir“, fuhr Waring ihn an, „ich verabscheue es genauso, auf irgendeine Weise von dir abhängig sein zu müssen. Edmund hätte heiraten sollen, der rechtmäßige Erbe des Titels. Meinen Namen mit diesen Emporkömmlingen vereinen zu müssen, bedeutet eine kaum erträgliche Demütigung für mich, aber …“

Andrew drehte sich abrupt um und lehnte sich an die Tür. „Du meinst, du hast es bereits arrangiert? Ohne meine Meinung einzuholen?“

Achtlos zuckte Waring die Achseln. „Ich habe mich wohl zu ein wenig zu hohen Einsätzen überreden lassen und mich finanziell übernommen. Und natürlich ist nichts mehr übrig, mit dem ich die Schulden hätte begleichen …“

„Du hast mich bei einem Kartenspiel verwettet?“ Er hatte einfach ungeniert seinen Erben benutzt, um seine Spielschulden zu begleichen – so tief war selbst der Duke bisher nicht gesunken.

„Er hat eine Tochter, und er wird ihr ein wahres Vermögen mitgeben, wenn du sie heiratest. Und was spielt es überhaupt für eine Rolle, wer es ist? Unter der Decke sieht eine aus wie die andere, wie man weiß.“

Andrew zuckte bei dieser Geschmacklosigkeit zusammen. „Zum Teufel mit dir, wie konntest du?“

„Wie könnte ich denn nicht?“, schrie Waring plötzlich außer sich und hieb mit seinem Glas heftig auf die Anrichte. „Ich habe alles an diese Eisenbahn-Aktien verloren und dachte, wenn ich etwas am Spieltisch zurückgewinnen könnte, würde ich Zeit gewinnen, um eine Lösung zu finden.“

„Aber stattdessen hast du verloren.“

„Ja, ich habe verloren.“

„Und der Wetteinsatz war ich.“

„Ich tue dir damit einen Gefallen, du undankbarer Hurensohn. Es wird dir nie wieder an Geld fehlen.“

Er starrte seinen Vater – nein, den Duke of Waring – voller Hass an, den Mann, der gerade rücksichtslos sein Leben zerstört hatte, um seine eigene Haut zu retten. „Das ist das Letzte auf der Welt, um das ich mich schere, Vater.“

3. KAPITEL

Weston, der Butler, kam Victoria und ihrer Zofe entgegen, als sie am Nachmittag von ihrem Spaziergang im Park zurückkamen. „Ihre Mutter wünscht Sie im Salon zu sehen, Miss Carson.“

„Natürlich tut sie das“, murmelte Victoria vor sich hin. Sie lächelte Molly flüchtig zu, nahm den Hut ab, und Molly strich ihr das Haar zurück.

Die Tür zum Salon stand offen. „Mama? Weston sagte, du wollest mich sehen?“

Hyacinth Carson sah auf und musterte Victoria mit scharfem Blick von Kopf bis Fuß, um Fehler zu finden, die korrigiert werden mussten. Victoria hielt für die Prüfung still und wappnete sich für die Kritik, die fast unweigerlich folgen würde.

Langsam legte Hyacinth ihre Feder nieder. „Geh nach oben und zieh dich zum Tee um. Das rosafarbene Seidenkleid, würde ich sagen. Und lass Molly nicht an dein Haar. Sie wird es nur verpatzen. Ich schicke dir stattdessen Marie hinauf.“

Ein ungutes Gefühl ließ Victoria schaudern. Warum bereitete ihre Mutter sie plötzlich für etwas vor, was nicht mehr als eine ruhige Mahlzeit zu Hause hätte sein sollen? Irgendetwas Wichtiges ging hier vor sich.

Allerdings durfte sie ihre Mutter nicht sehen lassen, dass die Ereignisse, die offenbar kurz bevorstanden, irgendeine Wirkung auf sie hatten, also sprach sie erst, als sie sicher sein konnte, dass sie ihre Stimme unter Kontrolle hatte.

„Erwarten wir heute Gäste?“ Die Worte klangen gelassen und wiesen nur einen Hauch höflicher Neugier auf. Ihre jahrelange Übung erwies sich in einigen Dingen als sehr praktisch. Sie war eine Meisterin darin, ihre Gefühle zu verbergen.

„Ja. Den Duke of Waring und dessen Sohn.“

Victorias undurchdringliche Fassade drohte einen Augenblick lang einen Sprung zu bekommen. Sie legte unwillkürlich die Hand an die Kehle und schluckte mühsam. Ihr erschöpfendes Studium des englischen Adelsregisters half ihr, alle Fakten zusammenzufügen, die sie über diesen bestimmten Mann wusste. Der Duke of Waring gehörte zu den ältesten Familien Englands. Er selbst war der siebte in der Reihe der Dukes. Der älteste Sohn und Erbe, Edmund, war im vergangenen Jahr bei einem Unfall ums Leben gekommen. Jedermann sprach noch darüber, als Victoria in die Gesellschaft eingeführt worden war. Der zweite Sohn, an dessen Namen sie sich nicht erinnern konnte und dem sie auch noch nie begegnet war, war dadurch zum Erben des Dukes geworden. Zurzeit trug er den schottischen Höflichkeitstitel eines Earls.

Es konnte nur einen Grund geben, weswegen der Duke of Waring und sein vergessener Sohn zu ihr nach Hause kamen. Aber …

„Aber wir sind uns niemals vorgestellt worden. Wir kennen sie nicht.“

„Dein Vater kennt den Duke.“

Victoria blinzelte verblüfft. „Papa wird auch hier sein?“

„Ja. Er wird die Vorstellung übernehmen.“

Ihr Vater kam nie zum Tee. Generell kam er nur selten nach Hause, da er weder Interesse am Familienleben noch an der Londoner Gesellschaft hatte. Dass er heute anwesend sein wollte, war von größter Bedeutung. Es konnte nur eins bedeuten. Schließlich war es also doch so weit. Sie hatten sich entschieden. Sie würde bald heiraten.

Ihre Mutter hatte sich kein einziges Mal gesetzt, seit Victoria zum Tee heruntergekommen war. Stattdessen huschte sie vom einen Ende des beengenden Raums zum anderen, glättete hier ein Zierdeckchen und stellte dort ihre umfangreiche Sammlung an Nippsachen um. Auch ihr Vater war jetzt hier, aber seine Anwesenheit fiel kaum auf, da er, halb eingeschlummert, in einem für ihn viel zu zierlichen, vergoldeten Lehnsessel saß. Es war erst vier Uhr am Nachmittag, aber er hatte bereits zwei Gläser Brandy geleert.

„Vielleicht wäre der blaue Salon besser gewesen.“ Hyacinth presste die Hände auf ihre eng geschnürte Taille. „Aber hier ist das Licht besser. Oh, ich wünschte, ich hätte der Köchin aufgetragen, Teegebäck zu backen. Jetzt haben wir nur Butterkekse anzubieten.“

„Mrs. Phelps’ Butterkekse sind köstlich“, sagte Victoria.

„Aber der Duke of Waring kommt! Alles muss von allerbester Qualität sein. Wir müssen uns der Situation gewachsen ze...

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