Herzen aus Feuer und Eis

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Eine Nacht der Leidenschaft auf Santorin – mit verhängnisvollen Folgen: Anwältin Alessandra ist schwanger von einem geheimnisvollen Fremden, den sie glaubt, nie wiederzusehen. Doch dann taucht er unerwartet in ihrem New Yorker Büro auf: Michail Sullivan ist Selfmade-Milliardär – und Sohn ihres gefürchtetsten Klienten! Mit Verachtung in seinen stahlblauen Augen stellt er sie zur Rede. Er wirft ihr vor, ihn in die Falle gelockt zu haben, besteht aber darauf, sich um sie und sein Kind zu kümmern. Wie soll das gehen mit einem Mann, der sie hasst – und den sie trotz allem begehrt?


  • Erscheinungstag 17.03.2026
  • Bandnummer 2744
  • ISBN / Artikelnummer 0800262744
  • Seitenanzahl 144

Leseprobe

Emmy Grayson

Herzen aus Feuer und Eis

1. KAPITEL

Alessandra

Ich lege meine Hand auf die kleine Wölbung meines Bauches und spüre das leichte Flattern von Schmetterlingsflügeln.

Keine Schmetterlinge. Ein Baby. Mein Baby!

Lächelnd drücke ich die Finger sanft gegen die Haut und frage mich, ob es das schon spüren kann. Ich bin in der neunzehnten Woche, weiß es aber erst seit zwei Wochen. In diesen vierzehn Tagen hat sich meine ganze Welt verändert. Meine gesamte Aufmerksamkeit gilt dem winzigen Wesen, das in mir heranwächst.

Mein Blick schweift zu den Millionen Lichtern, die direkt hinter meinem Fenster funkeln – die Skyline von New York. Die letzten Wolkenreste eines Gewitters am frühen Abend ziehen davon und hinterlassen violette und orangefarbene Spuren am abendlichen Himmel.

Seit über einem Jahr genieße ich nun schon diesen Ausblick, seit ich meine Zusatzqualifikation in Nachlassplanung abgeschlossen habe. Damit verbunden waren eine Gehaltserhöhung, ein Eckbüro und noch mehr Arbeit. Und ich liebe alles daran. Ich mag die Abwechslung in meiner Arbeit und dass ich damit bei einer der renommiertesten Nachlasskanzleien der Welt wirklich etwas bewirken kann.

Unwillkürlich schweift mein Blick vom Fenster ab und wandert über die Kisten, die in meinem Büro verstreut stehen, über die halb leeren Regale, die kahlen Stellen an den Wänden. Kalte Finger legen sich um mein Herz und drücken zu. In diesem Moment des Schmerzes spüre ich jede Sekunde der vergangenen Jahre: Tage voller Kurse, endlose Nächte mit Büroarbeit und Lernen, dann der Anruf, dass ich meinen Traumjob bekommen werde.

Alles verloren, nur wegen eines dummen One-Night-Stands.

Meine Hand auf meinem Bauch verkrampft sich. Vor dem Moment der Wahrheit in der Arztpraxis hätte ich alles dafür gegeben, die Zeit zurückzudrehen. Hätte ich doch bloß Michail ignoriert, als er in die Bar kam. Oder – noch besser – ihm meinen Drink ins Gesicht geschüttet.

Aber als der Arzt die Worte: „Sie werden Mutter!“ sagte, verschwand das Bedauern und wurde durch eine absolute Liebe zu meinem ungeborenen Sohn ersetzt. Ich hatte mir nie eingestanden, wie sehr ich Mutter sein wollte – was vielleicht auch daran lag, dass meine längste Beziehung kaum mehr als sechs Monate gehalten hat. Und das ist schon zwei Jahre her.

Also keine Reue. Ja, meine Zukunft beschert mir nun eine berufliche Veränderung, ich werde mein Eckbüro nicht behalten und nicht Partner bei Kingston werden. Aber es wird ein Abenteuer – und beginnt mit einem unglaublichen Geschenk. Heute Abend werde ich den letzten Schritt gehen, bevor ich endlich frei bin, um in mein neues Leben aufzubrechen.

Jetzt muss ich nur noch meinem Liebhaber für eine Nacht sagen, dass er noch vor Jahresende Vater wird.

Wieder spüre ich die kalten Finger über mich gleiten und die Wärme aus meinem Körper stehlen. Mein Lächeln verschwindet, als sein Name durch meinen Kopf hallt.

Sullivan.

Nein, das stimmt nicht. Für mich heißt er nicht Sullivan, sondern Michail. Michail Sullivan. Selfmademilliardär, renommierter Experte in Fragen der Sicherheit und kürzlich entdeckter unehelicher Sohn des verstorbenen Lucifer Drakos.

Derselbe Lucifer Drakos, der bis zu seinem Tod vor fast drei Monaten mein wohlhabendster und am meisten verhasster Klient war.

Die Kälte breitet sich in mir aus. Ich stehe auf und reibe mit den Händen über meine Arme, während ich zum Fenster gehe. Ich wusste nichts über Michail, als wir uns vor fünf Monaten in einer Bar auf einer Klippe in Griechenland in die Augen schauten. Ich sah nur den markanten Kiefer, die vollen Lippen, auf denen ein halbes Lächeln lag, und natürlich die Leidenschaft, die in seinen Augen flackerte. Selbst als er sagte, dass alles, was wir teilen würden, heute Nacht anfangen und enden würde, wurde mein Verlangen nicht schwächer. Im Gegenteil. Der Prickel einer einzigen gemeinsamen Nacht weckte nur noch mehr Begehren in mir.

Es wurde eine Nacht voller feuriger Leidenschaft und glühender Lust, wie ich sie noch nie erlebt hatte. Dazu gesellten sich unerwartet Momente der Zärtlichkeit und in der Dunkelheit geflüsterte Geheimnisse, während der Mond den Raum in silbriges Licht tauchte. Dann kam der Moment, als ich beim Erwachen sah, wie die Morgensonne seine gebräunte Haut zum Leuchten brachte. Auf einmal wünschte ich mir nichts sehnlicher, als diesen Mann kennenzulernen und mehr Zeit mit ihm zu verbringen. Plötzlich konnte ich mir vorstellen, dass es jenseits dieser Nacht etwas gab.

Ich wende mich vom Fenster ab. Vor zehn Wochen kam er in mein Büro. Von einer Verbindung zwischen uns war nichts mehr zu spüren. Nur als ich aufschaute und entdeckte, dass er mich durch die Glastür anstarrte, flackerte kurz Hoffnung in mir auf. Einen winzigen Moment dachte ich, er sei wegen mir gekommen.

Dann war die Wirklichkeit nicht nur einfach zurückgekehrt, sondern sie hatte geradezu die Tür eingetreten. Da nämlich erblickte ich Sullivans Augen zum ersten Mal im Tageslicht.

Blassblau. Augen wie die von Lucifer.

Ich hatte mit dem Sohn eines Mandanten geschlafen!

Übelkeit stieg mir in die Kehle. Ich atmete tief ein und langsam aus. Noch nie hatte ich den Eid, den ich als Anwältin geleistet habe, gebrochen. Meine ethischen Grundsätze zu verletzen, wenn auch absichtslos, fühlte sich schrecklich an.

Michail hatte sich nicht die Mühe gemacht, seine Abscheu zu verbergen, als er mich während der gesamten Testamentsverlesung anstarrte. Die Enthüllung, dass Lucifer seine Söhne Michail, Gavriil und Rafael dazu verpflichtete, innerhalb eines Jahres zu heiraten und es ein weiteres Jahr zu bleiben, hatte ihn und seine beiden Halbbrüder in einen Schockzustand versetzt. Michails älterer Bruder Rafael war zwar frisch verheiratet, musste aber noch den ersten Hochzeitstag erreichen.

Ich hatte Lucifer geraten, die Klausel zu streichen. Zum ersten Mal in meiner Karriere hatte ich mit einem Klienten richtig gestritten. Aber er weigerte sich.

Gavriil hat wütend, Rafe zurückhaltend reagiert. Aber Michail …

Es war, als würde man einen Vulkan beobachten, der kurz vor dem Ausbruch steht. Seine Augen schienen zu lodern, seine Hände waren zu Fäusten geballt. Er hat uns entgegengeschleudert, er würde sich eher zu Lucifer in die Hölle gesellen, als jemals zu heiraten oder auch nur einen Cent anzunehmen. Dann stapfte er zur Tür, drehte sich noch einmal um und richtete seinen brennenden Blick auf mich.

„Und wenn jemand versucht, mich vom Gegenteil zu überzeugen, werden ihm die Konsequenzen nicht gefallen.“

Das war noch harmlos im Vergleich zu den Anschuldigungen, die er mir vier Wochen später auf Gavriils Hochzeit an den Kopf geworfen hat: wilde Theorien, dass ich mit Lucifer zusammenarbeiten würde und Michail für mich selbst reserviert hätte.

Ich sei genau wie alle anderen Frauen, die versuchten, ihn und sein Vermögen zu erobern.

Vor allem der letzte Vorwurf traf mich tief. Nicht nur betrachtete er unsere Nacht genau wie eine seiner üblichen Affären, er hielt mich auch noch für eine Opportunistin. Eine Lügnerin. Wie konnte ich nur so verdammt dumm sein zu glauben, dass er in den Momenten, die ich für magisch gehalten habe, in meine Seele geblickt hat? Für ihn war ich ein williger Körper und die Chance auf schnellen, unverbindlichen Sex.

Und ich war die Idiotin, die in ihm jemanden sah, in den sie sich verlieben konnte …

Das schrille Klingeln meines Telefons unterbricht meine Grübeleien. Im Display erkenne ich die Nummer unserer Rezeption. Ich lasse es klingeln, einmal, zweimal. Dann drücke ich die Sprechtaste.

„Hallo, Donnie“, begrüße ich den Nachtwächter, der seinen Dienst aufnimmt, wenn alle anderen nach Hause gegangen sind.

„Guten Abend, Miss Wright. Ihr Besucher betritt gerade die Lobby.“

Auf einmal ist meine Kehle wie zugeschnürt. „Danke.“

Donnie schnalzt mit der Zunge. „Ich hoffe, Sie arbeiten in Ihrem nächsten Job nicht so hart. Sie sollten mit Freunden ausgehen, vielleicht mit einem Date.“

„Ist das ein Angebot, Donnie?“

Sein dröhnendes Lachen ist genau, was ich jetzt brauche.

„Wenn ich dreißig Jahre jünger und nicht verheiratet wäre, Miss Wright, dann würde ich …“ Er hält inne. Ich höre, wie er etwas murmelt, dann ist er wieder in der Leitung. „Ihr Klient ist da.“ Eine weitere Pause, dann senkt er die Stimme. „Soll ich zu Ihnen ins Büro kommen? Der Mann sieht aus, als besitze er keinerlei Sinn für Humor.“

„Den hat er vermutlich auch nicht.“ Das Klopfen an meiner Tür lässt mich zusammenzucken. „Es ist alles in Ordnung, Donnie.“

„Ich schaue in zehn Minuten nach Ihnen.“

„Hoffentlich ist er in fünf wieder weg.“

Ich lege auf, streiche meinen Rock glatt, atme tief ein und gehe zur Tür. Jeder Schritt geht mir durch Mark und Bein, während die aufsteigende Angst mit den Erinnerungen an den Mann kämpft, der mich in ein pinkfarbenes Meer aus Bougainvillea-Blüten drückt, die über eine Steinmauer ranken, und mich küsst, als wäre ich sein Rettungsanker.

Ich will nur, dass es endlich vorbei ist.

Noch ein Klopfen, schärfer und lauter, als ich nach der Klinke greife. Die gereizte Stimmung gibt mir etwas, woran ich mich klammern kann. Jetzt gelingt es mir mühelos, die Erinnerungen und falschen Hoffnungen loszulassen.

Ich straffe die Schultern, hebe mein Kinn und öffne die Tür.

Zu nah. Er steht viel zu nah vor mir, seine große Gestalt füllt die ganze Türöffnung aus. Die Hände hat er in die Taschen seiner schwarzen Hose geschoben. Dazu trägt er ein marineblaues Hemd, das seine breite Brust betont. Die Ärmel sind bis zu den Ellenbogen aufgekrempelt, der oberste Kopf ist offen. Er strahlt Reichtum, Macht und Selbstbewusstsein aus. Ich spüre die Wärme, die von seinem Körper ausgeht. Ein intensiver Duft nach Holz dringt an meine Nase und lockt mich in die Vergangenheit zurück. Nicht nur in unsere gemeinsame Nacht, sondern auch zu dem Schock, den ich kaum verbergen konnte, als er vor zwei Monaten in mein Büro kam und ich erkannte, dass Michail Drakos und Michail Sullivan ein und dieselbe Person sind.

Widerwillig neige ich den Kopf nach hinten und schaue in ein äußerst attraktives Gesicht mit finsterer Miene. Der markante Kiefer wirkt angespannt. Das sexy Grinsen auf seinen vollen Lippen, als ich ihn zum ersten Mal gesehen habe, ist verschwunden. Seine Augen … So blassblau wie die seines Vaters und seiner Brüder. In der schummrigen Bar habe ich die Verbindung nicht hergestellt – auch nicht in den dunklen verwinkelten Gassen von Santorin. Und schon gar nicht in der mondbeschienenen Villa, in der ich mich einem Fremden hingegeben habe, der mir für eine Nacht das Gefühl gab, nicht alleine auf dieser Welt zu sein.

Jetzt, als Misstrauen und Wut in ihnen aufblitzen, weiß ich, wie dumm ich gewesen bin. In vielerlei Hinsicht. Sobald er bei der Testamentseröffnung mein Büro betreten hat und neben Rafe und Gavriil stand, war die Familienähnlichkeit offensichtlich.

„Geduld zählt noch immer nicht zu deinen Tugenden.“

Sein Blick verengt sich. „Ich dachte, du hättest vielleicht deine Meinung geändert und bist geflüchtet. Wie du es gewöhnlich tust.“

Mein Rücken versteift sich. Ich schulde ihm keine Erklärung, weshalb ich sein Bett im Morgengrauen verlassen habe. Nicht, nachdem er mir am Abend zuvor unmissverständlich klargemacht hat, dass unsere Affäre definitiv nur eine Nacht dauern würde. Keine Fragen, keine Verpflichtungen, nur Sex.

Und was unsere letzte Begegnung bei Gavriils Hochzeit angeht … Ich bin gegangen, weil er sich wie ein kaltherziger bösartiger Mistkerl verhalten hat. Ich verdiene etwas Besseres als gemeine Anschuldigungen und lächerliche Verschwörungstheorien!

Ich mache einen Schritt nach hinten und bitte ihn mit einer Handbewegung hinein. Sein Blick huscht hin und her, als erwarte er, in eine Falle zu tappen.

„Ich werde dich schon nicht umbringen. So verführerisch der Gedanke auch sein mag“, füge ich mit zuckersüßem Lächeln hinzu.

Er kneift die Augen zusammen, als versuche er herauszufinden, ob ich es ernst meine oder ihn nur aufziehen will. Ich bin mir selbst nicht ganz sicher. Als er endlich an mir vorbeigeht, atme ich diesen verdammten Duft von Erde und Gewürzen ein. Ich nehme all meinen Mut zusammen, schließe die Tür und schlendere zu meinem Schreibtisch. Er mustert die vielen Kartons.

„Ziehst du in ein neues Büro?“

„Sozusagen.“ Mein Herz wird schwer. Irgendwie fühlt sich der Abschied wie ein Misserfolg an. Trotzdem ist es die richtige Entscheidung. „Ich habe eine Stelle bei Regent Capital Planning angenommen.“

Überrascht zieht er eine Augenbraue hoch. „Du verlässt Kingston?“

Während ich mich setze, deute ich auf den Stuhl vor meinem Schreibtisch, aber Michail schüttelt den Kopf. Stattdessen bleibt er mit leicht gespreizten Beinen und angespannten Schultern stehen. Er erinnert mich an ein zum Sprung bereites Raubtier …

„Ich durfte mich glücklich schätzen, den Nachlass deines Vaters weiter zu betreuen, nachdem ich unsere Liaison gemeldet habe …“

„Du hast was?“

Sein scharfer Ton lässt mich die Stirn runzeln. „Ich habe unsere Liaison gemeldet und mich mit unserem Ethikrat getroffen.“ Ein Treffen, das für alle Beteiligten ausgesprochen unangenehm war. Es gibt nichts Schlimmeres, als sein Sexleben mit seinen Vorgesetzten und einem Ausschuss, der sich aus Kollegen zusammensetzt, zu teilen. „Nur, weil du in einer Mail bestätigt hast, dass du auf deinen Anteil am Erbe verzichtest und keinen weiteren Kontakt mit Kingston oder mir wünschst, durfte ich unter Aufsicht weiterarbeiten.“

„Ich bin überrascht, dass du es gemeldet hast.“

Fast unwiderstehlich steigt der Drang in mir auf, meinen Bauch zu berühren. Doch es gelingt mir, die Hände auf die Armlehnen des Stuhls zu legen. „Es war das Richtige.“

„Das Richtige“, wiederholt er spöttisch.

Unwillkürlich kralle ich die Finger ins Leder. Worauf habe ich denn gehofft? Dass sechs Wochen Abstand seit der Begegnung auf der Hochzeit seine Meinung über mich ändern würden?

„Im Gegensatz zu deinen Unterstellungen stehen Ethik und Integrität für mich an erster Stelle.“

„Integrität“, sagt er und zieht das Wort seltsam in die Länge. „Du und ich scheinen unterschiedliche Definitionen davon zu haben.“

Wie durch ein Wunder gelingt es mir, mich zu beherrschen und keinen der Gegenstände auf meinem Tisch in sein selbstgefälliges Gesicht zu schleudern.

„In Anbetracht der Märchen, die du über unsere Affäre in Griechenland erdacht hast, tun wir das wahrscheinlich.“

Unvermittelt blitzt Wut in seinen Augen auf. „Verdächtigungen. Berechtigte.“

„Hmm.“ Ich tippe mit einem Finger auf meine Lippen. Sein Blick folgt der Geste und wird hart. Verräterische Hitze breitet sich in meinem Schoß aus. Dass ich sie in Schach halten kann, gibt meinem Selbstvertrauen einen ordentlichen Schub. Auch wenn der Mann mich hasst, denkt er noch immer an unsere Nacht.

Gut. Er verdient es, ein wenig zu leiden.

„Ich glaube, meine Lieblingstheorie lautete, dass ich dir nach Santorin gefolgt bin und mich strategisch an einem Ort, den du vielleicht besuchst, platziert habe – in der vagen Hoffnung, dass du dich unsterblich in mich verliebst.“ Mit meinem Lächeln könnte man Glas schneiden. „Oder die, in der ich mich mit deinem Vater verbündet habe, um dich zu einer Heirat zu verführen, damit er seinen Willen bekommt.“

Er sagt nichts, sondern steht nur da und überlegt und starrt mich an. Ob ihm klar ist, wie albern sich das alles anhört?

„Vielleicht solltest du in deinem nächsten Leben Schriftsteller werden“, mache ich kopfschüttelnd weiter. „Deine lebhafte Fantasie und dein Hang zur Dramatik würden dir gute Dienste leisten.“

„Waren du und Lucifer ein Paar?“

Plötzlich überkommt mich das Gefühl, mich übergeben zu müssen.

„Ich habe unterschätzt, wie schlecht du von mir denkst.“ Ich hebe die Hand, damit er seine neueste Idiotie nicht auch noch rechtfertigt. „Lucifer war mehr als doppelt so alt wie ich, bösartig und leider mein Klient. Bis auf eine Ausnahme liefen alle Besprechungen via Video oder Telefon. Das einzige Mal, dass ich ihn persönlich getroffen habe, war am Tag nach unserer Begegnung.“ Noch immer wütend stehe ich auf. „Ich würde nie mit einem Klienten schlafen.“

„Nur mit dessen Erben?“

Das Blut weicht mir aus den Wangen. Mir wird eiskalt.

Gut so, versichere ich mir und atme langsam aus. Das ist nur eine weitere Bestätigung dafür, dass er kein guter Vater sein würde.

Trotzig hebe ich das Kinn. Es ist Zeit, zum Ende zu kommen. Es ist richtig, es ihm zu sagen. Und es ist auch richtig, ihn von meinem Baby fernzuhalten.

„Ich habe dich um dieses Treffen gebeten, um dir zu sagen, dass ich schwanger bin. Du bist der Vater.“

Die winzigen Reaktionen seines Körpers zu sehen, wie seine Augen sich ein wenig weiten und die Nasenflügel leicht beben, bereitet mir große Genugtuung.

„Eigentlich ist es mir egal, ob du mir glaubst oder nicht.“ Ich lege die gefalteten Hände auf den Schreibtisch. „Ich erzähle es dir nur, weil es richtig ist. Ich kann dieses Kind sehr gut alleine großziehen. Ich will nichts von dir.“ Ich nicke in Richtung Tür. „Danke, dass du gekommen bist. Du findest ja selbst hinaus.“

2. KAPITEL

Michail

Von der Straße dringt leise das Schrillen einer Sirene herauf. Kühle Luft strömt aus den Lüftungsschlitzen. Irgendwo tickt eine Uhr. Mein Herz schlägt so heftig gegen meine Rippen, dass es wehtut.

Ich starre sie an. Sie starrt zurück: ruhig, gelassen, gefasst. Als hätte sie nicht gerade eine Bombe platzen lassen, die mein ganzes Leben auf den Kopf stellt.

Alessandra Wright. Atemberaubend schön, fast unnahbar, mit hohen Wangenknochen und einem markanten Kinn, das ihr Selbstbewusstsein unterstreicht, dazu große grüne Augen und volle Lippen.

An ihrer Schönheit hat sich nichts geändert. Aber die Frau, die ich eine flüchtige Nacht als Lexi kannte, trug ihr kastanienbraunes Haar offen und lockig. Alessandra hat es zu einem strengen Knoten im Nacken zusammengefasst. Lexi lächelte auf eine Weise, die ihre Augen leuchten ließ. Wenn Alessandra lächelt, ist es eine kalte Geste, als würde sie eine Aufgabe abhaken, anstatt echte Emotionen zu zeigen.

Ich habe keine Ahnung, wer diese Frau ist. Die Frau, die angeblich mit meinem Kind schwanger ist.

Teile eines Puzzles beginnen sich zusammenzufügen. Seit ich Alessandras Büro betreten und erkannt habe, dass die Frau, mit der ich vor Monaten geschlafen habe, auch Lucifers Nachlassverwalterin ist, habe ich versucht herauszufinden, was sie in Wahrheit im Schilde führte.

Jetzt weiß ich es. Ich traf sie an demselben Tag wie zum ersten und letzten Mal Lucifer Drakos. Meinen leiblichen Vater. Der Mann, der mir sagte, er sei stolz auf meinen Erfolg, als hätte er etwas damit zu tun, nur um hinzuzufügen, ich könne noch reicher werden, wenn ich innerhalb eines Jahres nach seinem Tod heiraten würde. Damit war die Maske des charmanten Milliardärs gefallen. Darunter kam ein grausamer Mann zum Vorschein, der einen Wutanfall bekam, als meine Antwort lautetet, ich würde lieber in die Hölle fahren, als zu tun, was er von mir verlangte.

Ihm ein Nein entgegenzuschleudern, war zutiefst befriedigend gewesen. Aber ich habe nicht damit gerechnet, dass er bereits einen Plan B vorbereitet hatte.

Alessandra.

Unwillkürlich wandert mein Blick zu ihrem Bauch. Der Schreibtisch versperrt mir die Sicht. Wenn sie die Schwangerschaft nur vortäuscht, wird der Schwindel nicht lange halten. Mit ein paar Anrufen kann ich dafür sorgen, dass sie noch vor Mitternacht ihre Zulassung verliert. Wenn sie mir das Kind von einem anderen Mann unterjubeln will, um an mein Erbe zu kommen, werde ich sie wegen versuchten Betrugs verklagen.

Während ich noch nach Anzeichen einer Täuschung suche, breiten sich Zweifel an meiner Entschlossenheit in mir aus. Wenn sie nicht lügt, wenn sie wirklich mit meinem Sohn oder meiner Tochter schwanger ist, werde ich nirgendwohin gehen.

„Ich will einen Vaterschaftstest.“

Sie zuckt die Schultern. Zuckt mit den Schultern, als würden wir über das verdammte Wetter reden. „Wenn du willst. Aber das spielt auch keine Rolle.“

Ich schlucke meine Wut hinunter. „Keine Rolle?“ Mein eisiger Tonfall hat schon mehr als einen Top-Manager erblassen lassen. Miss Alessandra Wright zieht bloß eine Augenbraue hoch.

„Ich verlange keinen Unterhalt.“ Sie mustert mich von Kopf bis Fuß – aber nicht auf diese hungrige Art wie in Griechenland, bevor sie mir das Hemd vom Leib gerissen hat. Jetzt wirkt ihr Blick kühl und desinteressiert. „Du kommst mir nicht wie der väterliche Typ vor, also werden wir sicher nicht über ausgedehnte Besuchsrechte streiten müssen.“

Nichts von dem, was sie sagt, ergibt einen Sinn. Ich mag es nicht, keine Antworten zu bekommen. Und die Sehnsucht nach Lexi, die ich verspüre, seit sie aus meinem Bett verschwunden ist, macht mich zusätzlich gereizt. Trotz meines Misstrauens und meiner Wut wallt Hitze in mir auf. Ihre sinnlichen Brüste zeichnen sich unter der Bluse ab. Ihr eleganter Hals fesselt meinen Blick. Ich stelle mir vor, wie ich die Haarnadeln aus ihrem Zopf ziehe. Die kastanienbraunen Locken fallen über ihre Schultern, ich streife mit den Händen hindurch.

Blut strömt in meine Körpermitte. Verlangen und Zorn prallen aufeinander und entzünden ein gefährliches Feuer in mir. Seit unserer gemeinsamen Nacht stand ich nicht wieder so kurz davor, die Kontrolle zu verlieren.

Einatmen, dann langsam ausatmen. Ich warte, bis mein Puls sich normalisiert hat. Ich muss mich um diese lästige Anziehungskraft kümmern. Später. Dringender ist es, herauszufinden, ob sie lügt. Wenn nicht, habe ich noch größere Probleme.

Vater zu sein, gehört nicht zu meinem Lebensplan. Aber wenn Alessandra schwanger ist, wenn das Baby von mir ist, werde ich für es da sein – im Gegensatz zu meinen Eltern.

„Wenn du schwanger mit meinem Kind bist, werde ich nirgendwohin gehen“, wiederhole ich meinen Gedanken laut.

Ihre Augen weiten sich, als sie sich hektisch nach vorne beugt. „Was?“

„Du wirst mein Kind nicht alleine großziehen.“

Sie wird blass. Einen Moment sehe ich Angst in ihren Augen aufblitzen, dann hat sie sich wieder unter Kontrolle.

Innerlich fluche ich. Ich bin gut darin, Menschen zu lesen – eine Fähigkeit, die ich als Polizist verfeinert und weiterentwickelt habe, als ich Sullivan Security zu internationalem Erfolg geführt habe. Hier stimmt irgendetwas nicht. Während unserer gemeinsamen Nacht habe ich nicht ein einziges Mal den Eindruck gehabt, manipuliert zu werden. Und die Situation jetzt ist mehr als seltsam. Zwischen unserer Nacht und meinem Besuch in ihrem Büro hat sie mich kein einziges Mal kontaktiert. Wenn es ihr Ziel war, schwanger zu werden oder mich zur Heirat zu verführen, warum ist sie dann verschwunden, bevor ich aufgewacht bin, und hat sich nie wieder bei mir gemeldet?

Ich sehe mich zur Tür um und erinnere mich, wie ich zum ersten Mal hindurchgegangen bin und sie gesehen habe. Ich erinnere mich an die unglaubliche Erleichterung, die ich bei ihrem Anblick empfunden habe. 

Habe ich dich gefunden!

Noch nie habe ich wegen einer Frau den Kopf verloren. Ich genieße weibliche Gesellschaft, aber ich halte jede Frau auf Distanz. Doch nach der Nacht mit Lexi in einem leeren Bett aufzuwachen, hatte einen Knoten aus Enttäuschung in mir wachsen lassen, der immer größer wurde, sobald ich an sie dachte.

Einen Herzschlag lang, als ich sie hinter ihrem Schreibtisch stehen sah, war dieses Gefühl verschwunden. Nun, da sie mich mit diesem regungslosen Ausdruck auf ihrem makellosen Gesicht anschaut, empfinde ich es wieder. Verzweifelt versuche ich zu begreifen, dass die Frau, nach der ich mich in den letzten Monaten so sehr gesehnt habe, mit Lucifer in Verbindung steht.

Schon merkwürdig, wie schnell Lust und Begierde in Ekel und Wut umschlagen können. Ich weiß, wie leicht Menschen einen enttäuschen können. Und doch habe ich zum ersten Mal seit Jahrzehnten meinen Schutzpanzer fallen lassen, weil ich eine traurige Frau in einer Bar gesehen habe.

Eine Frau, die jetzt überhaupt nicht mehr traurig wirkt, während sie mich mit einem alles vernichtenden Blick anschaut.

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