Historical Saison Band 125

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LADY AMELIAS SKANDALÖSES GEHEIMNIS von EVA SHEPHERD

Als Lady Amelia dem Verleger Leo Devenish vorgestellt wird, knistert es sofort zwischen ihnen. Aber niemals darf Leo ihr Geheimnis erfahren: Sie ist die Herausgeberin einer Gazette für Damen, die er kaufen will! Dass er um Amelia wirbt, ist in jeder Hinsicht verführerisch. So weiß sie genau, was ihr charmanter Feind plant …

EIN STREIT, EINE HEIRAT UND TAUSEND KÜSSE von SAMANTHA HASTINGS

Lady Frederica ist die letzte Frau, die Samuel, Duke of Pelford, heiraten will! Seit ihrer Kindheit endet jedes ihrer Treffen in einem Streit. Doch nur Fredericas Vermögen kann Samuel vor dem Ruin retten. Und kaum haben sie eine Zweckehe geschlossen, muss der Duke zu seiner Bestürzung feststellen, dass er Frederica begehrt …


  • Erscheinungstag 18.04.2026
  • Bandnummer 125
  • ISBN / Artikelnummer 8090260125
  • Seitenanzahl 400

Leseprobe

Eva Shepherd, Samantha Hastings

HISTORICAL SAISON BAND 125

Eva Shepherd

1. KAPITEL

London 1894

Amelia war entschlossen, den Schein zu wahren, obwohl sie insgeheim wusste, dass es aussichtslos war. Wie sollte sie Erfolg in einer Welt haben, deren Regeln gegen sie gerichtet waren?

„Es tut mir leid, wenn ich Sie enttäuschen muss, meine Liebe“, sagte der Bankdirektor scheinheilig, „aber Sie müssen wissen, dass es ganz und gar nicht statthaft ist, einer Frau ein Darlehen zu gewähren.“

Amelia hätte ihn am liebsten darauf hingewiesen, dass Königin Victoria eine Frau war. Hätte die Bank auch ihr kein Geld geliehen? Aber eine derartige Dreistigkeit war hier wahrscheinlich nicht gern gesehen und brachte sie ihrem Ziel kein Stück näher.

„Wenn Sie Ihren Vater darum bitten, gibt er Ihnen doch mit Sicherheit das Geld für Ihr kleines Hobby.“ Der Bankdirektor musterte sie kurz von oben bis unten. „Oder Sie nehmen etwas von dem Geld, das Sie für diese hübschen Kleidchen ausgeben oder Hüte und was nicht alles.“

Glaubte er wirklich, dass sie darauf nicht allein gekommen wäre, wenn es so einfach gewesen wäre? Ihr Vater hatte zwar ganz und gar nichts dagegen, unendlich viele hübsche Kleider zu bezahlen, Hüte und, wie er gesagt hatte, was nicht alles. Aber ihr Vater gab oder lieh ihr, genau wie der Bankdirektor, kein Geld für irgendetwas anderes, schon gar nicht dafür, dass seine Tochter eine Monatszeitschrift für gebildete Ladys veröffentlichte.

Wenn sie so dumm gewesen wäre, ihm zu verraten, was sie vorhatte, wäre ihr Vater außer sich gewesen. Sie sollte ihre ganze Aufmerksamkeit der Suche nach einem angemessenen Ehemann widmen, ehe es zu spät war. Aber im Gegensatz zum Bankdirektor fand ihr Vater ein derartiges Benehmen ganz und gar nicht amüsant. Was er von gebildeten Frauen hielt, hatte er mehr als deutlich gemacht. Die beiden Worte allein reichten schon aus, damit er den Mund verzog, die Nase rümpfte und schauderte, als ob eine Frau mit Bildung ein Verbrechen an der Natur war.

Ihre wunderbare Tante hatte ihr das erste Darlehen gegeben, um die Zeitschrift Wissen für die Dame zu gründen. Sie hatte darauf bestanden, dass Amelia mit den bescheidenen Ersparnissen, die ihre Tante über die Jahre beiseitegelegt hatte, ihren Traum verwirklichte. Amelia hatte das Geld nicht gern genommen, aber Tante Beryl hatte darauf gedrungen und gesagt, dass Amelias Mutter genau das gewollt hätte. Jetzt wünschte sie sich, dass sie standhafter gewesen wäre. Sie hätte die Ersparnisse ihrer Tante niemals aufs Spiel setzen dürfen.

Es gab die Zeitschrift seit knapp einem Jahr und sie steckte schon jetzt in finanziellen Schwierigkeiten. Sie brauchte zwar nicht viel Geld, um flüssig zu bleiben, denn Amelia zahlte sich keinen Lohn aus. Das Büro, das sie nutzte, war eng, heruntergekommen, und zu sagen, dass es nicht gerade in einem vornehmen Viertel lag, wäre noch geschmeichelt gewesen. Zudem erwarteten viele der Autorinnen keine Bezahlung. Es waren Frauen, die sich wissenschaftlichen Studien verschrieben hatten oder gegen gesellschaftliche Ungerechtigkeiten kämpften. Für sie war es Lohn genug, ihre Worte gedruckt zu sehen, und dafür konnte die Zeitschrift sorgen. Sie hatte den Frauen versprochen, ihrer Stimme Gehör zu verschaffen, und sie würde sie nicht im Stich lassen.

Das aber konnte sie nur tun, solange sie Geld für Druck und Vertrieb hatte und für den Lohn ihres einzigen Angestellten, der gleichzeitig Sekretär, Buchhalter, Vertreter, Hausmeister und alles andere war, was getan werden musste. Wie schön wäre es gewesen, wenn sie das Geschäft hätte vergrößern können! Aber so wie es aussah, war das unmöglich, solange sie diesen Mann hier nicht dazu überreden konnte, auf die Tüchtigkeit einer Frau zu vertrauen.

Sie richtete sich im Sitzen auf. Sie wollte sich weder von ihrem Vater noch von diesem Bankdirektor von ihren Plänen abbringen lassen! Von ihrem Erfolg hing zu viel ab. Sie grämte sich, dass ihre Hoffnungen so schnell zunichtegemacht werden sollten, aber vor allem wollte sie ihre Tante Beryl nicht enttäuschen.

„Wie Sie an meiner Buchhaltung sehen können“, sagte sie und zeigte dabei auf das Kassenbuch, das aufgeschlagen auf seinem Schreibtisch lag, „ist Wissen für die Dame eine verhältnismäßig neue Zeitschrift, aber die Zahl der Abonnentinnen ist seit unserer Gründung kontinuierlich gewachsen und ich bin mir sicher, dass wir mit mehr Kapital ...“

„Ja, meine Liebe, aber Wachstum von nichts auf wenig ist wohl kaum echtes Wachstum. Und Anzeigeneinnahmen …“ Er fuhr mit dem Finger die Zahlenreihen entlang. „Nun ja, die gibt es so gut wie nicht.“

Sein Lächeln wurde herrisch. „Die Verkaufszahlen wachsen nicht. Sie müssen nachweisen, dass Wissen für die Dame ein existenzfähiges Unternehmen ist, und das ist diesen Geschäftszahlen hier nicht zu entnehmen. So einfach ist das.“

Wenn es so einfach wäre, die Verkaufszahlen zu steigern, glauben Sie nicht, dass ich das dann tun würde? Das hätte Amelia gerne gesagt. Stattdessen lächelte sie, während der Direktor seinen Vortrag fortsetzte.

„Ich fürchte, Sie haben sich auf ein Geschäftsfeld begeben, auf dem harte Konkurrenz herrscht.“ Er sah auf die Ausgaben von Wissen für die Dame hinab, die sie mitgebracht hatte, nahm eine in die Hand und rückte seine Hornbrille zurecht. „Ein Magazin für Damen mit Forscherdrang“, las er aus dem Impressum vor, runzelte die Stirn und sah Amelia über den Rand seiner Brille hinweg an. „Ein eher kleiner Markt, wenn Sie mich fragen.“

Amelia unterdrückte ihren Ärger und lächelte weiter höflich. Die Zeitschrift war die einzige ihrer Art auf dem Markt und genau deswegen hatte sie sie gegründet. Wissen für die Dame war eine Zeitschrift, die sie gerne lesen wollte, und sie war sicher, dass es unzählige Frauen wie sie gab, wenn sie sie bloß erreichen konnte. „Wie gesagt: Die Zahlen wachsen und ich ...“

„Aber nicht schnell genug.“ Er knallte das dicke schwarze Kassenbuch zu und legte die gefalteten Ausgaben von Wissen für die Dame darauf.

„Wenn Sie mir nicht beweisen können, dass sich die Verkaufszahlen verbessern, gibt es natürlich noch eine andere Möglichkeit“, sagte er und reichte Amelia den Stapel Unterlagen.

„Ach ja?“ Amelia rückte auf ihrem Sitz nach vorn, in der verzweifelten Hoffnung, dass er irgendetwas vorzuschlagen hatte, das ihr tatsächlich weiterhalf.

„Sie könnten Ihren Vater um eine Bürgschaft bitten. Die Bank würde jederzeit Geschäfte mit dem Earl of Kingsland machen.“

„Vielen Dank. Ja, ein ausgezeichneter Vorschlag“, sagte sie, noch immer mit ihrem falschen Lächeln. „Aber wären Sie vielleicht so freundlich, dem Darlehen jetzt schon zuzustimmen, dann kann ich heute Abend mit meinem Vater darüber sprechen?“ Amelia hoffte, dass sie sich damit nicht des Betruges schuldig machte. Ihr Vater hatte keine Ahnung von ihrem Unternehmen und sie wollte, dass es so blieb, vor allem um ihrer Tante Beryl willen. Ihre Tante hatte sich den Zorn ihres Vaters bereits zugezogen, indem sie ihr erlaubt hatte, sich zu bilden. Was er tun würde, wenn er jetzt noch herausfand, dass sie ihr das Startkapital für die Zeitschrift gegeben hatte, mochte Amelia sich nicht einmal vorstellen.

„Ja, tun Sie das, Lady Amelia. Sprechen Sie mit Ihrem Vater. Meine Tür steht dem Earl jederzeit offen.“

Mit anderen Worten: Die Bank würde ihrem Vater ein Darlehen geben, der das Geld nicht brauchte, Amelia aber nicht, die es dringend brauchte.

Sie nahm ihm das Kassenbuch und die Zeitschriften ab.

„Guten Tag, Mylady, ich freue mich darauf, Geschäfte mit Ihnen und Ihrem Vater zu machen, oder darauf, Ihnen ein Darlehen zu gewähren, falls und wenn Sie belegen können, dass Ihre Zeitschrift die Investition meiner Bank wert ist.“

Amelia zwang sich, weiter zu lächeln, während sie sich verabschiedete und das Büro verließ. Auf dem Weg nach draußen bewahrte sie sich ihre Gelassenheit. Sie ging an den männlichen Schalterangestellten vorbei, die hinter Gittern ihre männlichen Kunden bedienten. Aber sobald sie das Gebäude verlassen und die betriebsamen Straßen von London betreten hatte, ließ sie die Schultern sinken und stieß einen lauten, verzweifelten Seufzer aus.

Irgendwie musste sie das Geld auftreiben, mit dem sie Wissen für die Dame weiterbetreiben konnte. Amelia wusste genau, dass es keine Probleme gegeben hätte, wenn sie ein Mann gewesen wäre. Die Bank hätte ihr ein Darlehen gewährt. Ihr Vater hätte nichts dagegen gehabt, sie zu unterstützen. Sie hätte regelmäßig Geld aus dem Familienvermögen bekommen und Freunde gehabt, die ihre Investoren hätten werden können.

Sie hingegen besaß kein eigenes Geld. Wenn Tante Beryl nicht ihren kleinen Beitrag geleistet hätte, hätte sie ihre Zeitschrift erst gar nicht gründen können.

Zum Glück war ihre nächste Verabredung deutlich angenehmer als der Termin beim Bankdirektor. Auf dem Kopfsteinpflaster ratterten mehrere schöne Droschken an ihr vorbei. Die Kutscher warfen hoffnungsvolle Blicke in ihre Richtung, aber sie war immer noch voller Wut und musste laufen, um sich Luft zu machen. Als sie in Mayfair beim Stadthaus ihrer Freundin Lady Emily Beaumont ankam, waren Miss Georgina Hayward und Miss Irene Fairfax bereits eingetroffen und lachten und plauderten miteinander. Alle drei wandten sich ihr zu.

„Wie war es?“

„Was hat er gesagt?“

„Bekommst du ein Darlehen?“

Die Fragen kamen so schnell, dass sie sich nicht sicher war, wer was gefragt hatte, aber die Antwort war für alle dieselbe. „Es war furchtbar. Er hat Nein gesagt. Ich bekomme kein Geld.“

„Das ist ja schrecklich.“

„So ungerecht.“

„Entsetzlich. Ich wette, du hättest das Darlehen bekommen, wenn du ein Mann wärest.“

Amelia konnte allen drei Feststellungen nur zustimmen. Sie nahm die Tasse Tee, die der Diener ihr reichte, und ein Stück Battenbergkuchen, in der Hoffnung, dass das süße Gebäck sie aufheitern würde.

„Wie dem auch sei. Ich habe mir etwas überlegt“, sagte sie mit so viel Entschlossenheit, wie sie aufbringen konnte. „Wissen für die Dame ist noch nicht am Ende.“ Sie lächelte ihren Freundinnen zu. „Also, was habe ich verpasst? Was gibt es Neues?“

Alle drei beeilten sich, von ihren jüngsten Abenteuern zu erzählen, und schon bald unterhielten sie sich angeregt und lachten laut. Sie wussten sehr gut, dass ein solches Benehmen in der vornehmen Gesellschaft nicht gern gesehen war, doch das interessierte sie kein bisschen.

Die Freundinnen hatten sich auf Halliwells Mädchenpensionat für kultivierte junge Damen kennengelernt, das Emily Höllisches Monsterverlies für sture junge Damen getauft hatte. Die vier jungen Frauen waren alle hingeschickt worden, um den letzten Schliff für die vornehme Gesellschaft zu bekommen. Mit anderen Worten, ihren Charakter zu ändern, damit sie sich dem unterordneten, was diese Gesellschaft für richtig hielt.

Amelia war dort hingeschickt worden, weil sie das Verbrechen begangen hatte, viel zu gebildet zu sein. Ihr Vater, der sich wenig bis gar nicht für seine Tochter interessierte, war entsetzt gewesen, als er eines Tages unerwartet nach Hause gekommen war und Amelia im Arbeitszimmer angetroffen hatte, wo sie mit dem Hauslehrer ihrer Brüder eine Liste lateinischer Verben durchging. Ihre Brüder hatten den Unterricht wieder einmal aufgegeben und spielten irgendwo im Garten. Der Hauslehrer hatte sich nichts dabei gedacht, der Tochter des Earls Unterricht zu erteilen, vor allem, weil sie das einzige Mitglied der Familie war, das wirklich etwas lernen wollte.

Ihr Vater war nicht wütend auf seine Söhne gewesen – „so sind Jungen eben“, hatte er gesagt, aber er war sehr wütend auf seine Tochter. Kein Mann wollte eine gebildete Frau, hatte er gebrüllt. „Das ist wider die Natur. Du bist eine Schande für mich, für den Namen Lambourne, für deine Vorfahren.“

Er hatte der armen Tante Beryl, der Frau, die Amelia nach dem Tod ihrer Mutter aufgezogen hatte, Vorwürfe gemacht. Amelia hatte eine lange und anstrengende Diskussion mit ihm geführt, um ihren Vater davon zu überzeugen, dass ihre wundervolle Tante nichts davon wusste, dass sie heimlich lernte. Sie hatte ihm versprochen, dass er sie nie wieder bei etwas so Schändlichem erwischen würde, aber das hatte ihn nicht davon abgehalten, sie auf ein Internat zu schicken, auf dem sie die weiblichen Künste der Stickerei, der Aquarellmalerei, Manieren und Konversation mit möglichen Verehrern lernte. Soweit Amelia es verstand, bestand letztere ausschließlich darin, viel zu lächeln, Männern zuzustimmen und über ihre Witze zu lachen.

Wenn Emily, Georgina und Irene nicht gewesen wären, die ebenso ungeheuerliche Verbrechen begangen hatten, hätte Amelia die Langeweile wohl nicht überlebt. Nach der Schule waren sie Freundinnen geblieben und hatten einander beigestanden. Der heutige Tag war keine Ausnahme. Irene hatte gute Neuigkeiten: Sie war an einer Kunstakademie aufgenommen worden. Lady Emily wollte über ihre Pläne für ein Kinderkrankenhaus sprechen und Georgina hatte eine lustige Geschichte zu erzählen, in der sie sich wieder einmal den Aufmerksamkeiten eines jungen Mannes entzog, der sich in ihre riesige Mitgift verliebt hatte.

Als der Nachmittagstee zu Ende ging, hatte Amelia ihren furchtbaren Tag beinahe vergessen. Beinahe. Doch ihre gute Laune verflog sofort, als sie nach Hause kam, wo ihr Vater sie bereits in der Eingangshalle erwartete. Er sah nicht gerade erfreut aus. Sie machte sich auf alles gefasst, hoffte und betete, dass der Bankdirektor ihn nicht aufgesucht hatte.

„Wo um alles in der Welt bist du gewesen?“, fragte er, ehe sie auch nur Hut und Mantel abgelegt hatte.

Sie hörte auf, den Atem anzuhalten. Er wusste es nicht. Manchmal musste man schon für Kleinigkeiten dankbar sein. „Ich war zum Tee bei ...“

„Ja, ja, ja, schon gut. Wir sind spät dran. Wir werden zum Abendessen bei Leo Devenish erwartet.“

Von so einer Einladung hatte sie gar nichts gewusst, aber Mr. Devenish war dafür bekannt, dass er die Einladungen zu seinen Abendgesellschaften immer erst am gleichen Tag verschickte. So etwas war absolut unüblich und jeder wusste, dass er so nur seine Macht unter Beweis stellte.

Sie war Leo Devenish schon mehrmals begegnet und er war alles, was sie verachtete. Arrogant, herablassend und viel zu gut aussehend. Er hatte einen haarsträubenden Ruf, nicht nur als Schürzenjäger, sondern auch als skrupelloser Geschäftsmann. Und er war vor Kurzem ausgerechnet dazu übergegangen, Zeitungsverlage zu kaufen anstatt Eisenbahngesellschaften und Industriebetriebe. Sie hatte nicht die geringste Lust, den Abend in Gesellschaft eines Mannes zu verbringen, der Presseerzeugnisse als Handelsware betrachtete, mit Hilfe derer er zu mehr Reichtum und Macht kommen konnte.

„Komm schon, beeil dich“, sagte ihr Vater und schob Amelia geradezu die Treppe hinauf. „Mr. Devenish duldet keine Verspätungen.“

Mr. Devenish war einer der wenigen Männer, auf die ihr Vater hörte, auch wenn er ihn gleichzeitig wegen seiner niederen Herkunft verachtete. Als Earl konnte ihrem Vater so gut wie niemand etwas anhaben, aber er unterstützte einige Politiker, Männer, die seine eigenen Interessen durchsetzen konnten, und ein falsches Wort in einer von Mr. Devenishs vielen Zeitungen konnte die Laufbahn eines Politikers für immer beenden. Wenn Mr. Devenish von ihm also die Anwesenheit bei einer seiner Abendgesellschaften verlangte, nahm ihr Vater an, ganz gleich wie wenig der Termin vielleicht in seine Pläne passte.

„Muss ich wirklich mitkommen?“, fragte Amelia, obwohl sie die Antwort auf ihre Frage bereits kannte.

„Selbstverständlich. Prebbleton und Bradley werden auch dort sein.“

Ihr schwand der Mut. Lord Prebbleton und Lord Bradley hatten beide ihr Interesse an einer Verbindung mit Amelia bekundet oder zumindest an der Tochter des Earl of Kingsland. Es wäre schlimm genug gewesen, den Abend mit Mr. Devenish verbringen zu müssen, aber die Gesellschaft der beiden witzlosen Vicomtes ertragen zu müssen, war einfach zu viel verlangt.

Amelia machte sich nichts vor, wenn es um Männer und die Ehe ging. Männer wurden mit Sicherheit nicht von ihrer Schönheit angezogen, oder vielmehr deren Abwesenheit, und ihr Vater war nicht der einzige Mann, der sie hatte wissen lassen, dass Männer keine klugen Frauen mochten. Ihr war schon in sehr jungen Jahren klar geworden, dass sie einen Teil von sich begraben und die Sorte von Frau werden musste, die Männer attraktiv fanden, wenn sie Liebe finden, einen Ehemann und Kinder haben wollte. Die Sorte Frau, die mehr zuhörte als redete, zustimmte als widersprach und dem Mann immer, immer das Gefühl gab, ihr in jeder Hinsicht überlegen zu sein.

Das hatte sie nicht vor und so hatte sie sich schon sehr lange damit abgefunden, dass sie nie heiraten würde. Aber ihr Vater stellte sich immer noch vor, dass er seine Tochter eines Tages zum Altar führen würde, um sie einem Adligen zu übergeben, den er ausgesucht hatte.

„Und mach mir heute Abend keine Schande, indem du versuchst, klug zu sein. Es ist schlimm genug, dass ich eine unverheiratete Tochter habe, die schon dreiundzwanzig ist – ich will nicht, dass jemand denkt, dass ich auch noch einen Blaustrumpf auf dem Hals habe.“

Amelia war nicht so töricht, daraufhin etwas Geistreiches zu erwidern. Damit hätte sie ihren Vater nur noch mehr gereizt. Stattdessen ging sie nach oben, um sich für einen Abend voll Langeweile und Qual zurechtzumachen.

2. KAPITEL

Leo musterte sich im Spiegel. Er hatte einen guten Tag hinter sich und freute sich darauf, seinen Erfolg zu feiern. Er lächelte, als er an die Dukes, Earls, Vicomtes und Barons dachte, die seine späte Einladung erhalten hatten und in Windeseile Platz in ihrem Kalender schaffen mussten, um nach seiner Pfeife tanzen zu können.

„Danke, James“, sagte er, als sein Diener seinen Abendanzug abgebürstet hatte und ihm die Handschuhe reichte. „Wie geht es dem neuen Küchenmädchen?“

„Viel besser, Sir. Sie hat sich sehr darüber gefreut, dass Sie ihr freigegeben haben, damit sie ihre Familie besuchen kann. Ich glaube, mehr war es gar nicht. Das arme Mädchen hatte Heimweh.“

„Gut, und wie geht es mit ihrem Unterricht voran?“

„Ausgezeichnet, Sir.“ James, der sich normalerweise nichts anmerken ließ, lächelte ein wenig. „Sie hat ihren ersten Brief an ihre Mutter geschrieben und war sehr stolz auf alles, was sie bis jetzt gelernt hat.“

Leo nickte, wandte sich wieder dem Spiegel zu und rückte seine Krawatte zurecht. Bildung hatte sein Leben verändert und das war eine Möglichkeit, die er seinem eigenen Personal nicht verweigern wollte. Allerdings wollte er niemandem zumuten, das einzige Kind aus einer armen Familie an einer Schule für Englands wohlhabende Elite zu sein. Die endlosen Grausamkeiten hatten ihn aber wohl zu dem Mann gemacht, der er heute war, also war er seinen gnadenlosen Peinigern auf eine seltsame Art und Weise Dank schuldig.

Doch diese Tage lagen weit zurück. Jetzt wagte es niemand mehr, Leo Devenish zu peinigen. Und heute Abend wollte er einen weiteren geschäftlichen Erfolg mit genau der Sorte von Männern feiern, die ihn früher als Opfer betrachtet hatten. Die Zeitungen waren nur ein kleiner zusätzlicher Baustein in seinem Imperium, aber ein bedeutender. Und ein weiterer Schritt weg von dem verängstigten kleinen Jungen, als der er auf das Eliteinternat gekommen war, dem Wohltätigkeitsfall, dem man genauso gut eine Zielscheibe auf den Rücken hätte malen können.

Als er hereinkam, hatten sich die Gäste bereits im Salon versammelt. Lady Madeline, seine derzeitige Geliebte, war ebenfalls dabei. Ihr Ehemann war abwesend, womit er schweigend in die Taktlosigkeiten seiner Frau einwilligte. Er wunderte sich immer wieder darüber, dass junge Damen aus dem Hochadel jungfräulich bleiben mussten, bis sie heirateten, aber sobald sie den Erben geboren hatten, war es ihren Ehemännern oft vollkommen gleich, wie viele Liebhaber ihre Frauen hatten.

Das einzige Problem war, dass es nie lange dauerte, bis er eine Frau satthatte, und das passierte jetzt gerade auch mit Lady Madeline. Zum Glück gab es immer eine andere unzufriedene Ehefrau, die bereit und willens war, ihren Platz einzunehmen.

Er drehte eine Runde durch den Salon, um seine Gäste zu begrüßen, und stellte befriedigt fest, dass jeder der Männer den Gruß mit dem notwendigen kriecherischen Lächeln erwiderte. Als er das belanglose Geplauder langsam satthatte, läutete es glücklicherweise zum Essen und er führte Lady Madeline den Korridor hinunter zum Speisezimmer. Als sie hineingingen, erfüllte ihn eine zufriedene Freude, wie immer, wenn sich ihm ein Beweis dafür bot, wie weit er es gebracht hatte. Der Tisch war für dreißig Gäste gedeckt und sie würden gleich ein Mahl zu sich nehmen, zu dem Gemüse gehörte, das gerade keine Saison hatte, aber von seinen Gärtnern in den Gewächshäusern auf seinem Landsitz in Cornwall herangezogen worden war. Orchideen, die ebenfalls auf seinem Landsitz wuchsen, schmückten die Tafel. Das feine Porzellan, die Kristallgläser und das Silber waren mit militärischer Präzision arrangiert worden und eine ganze Schar von livrierten Dienern stand bereit, um sich um das Wohl seiner Gäste zu kümmern.

Nicht schlecht für den Sohn eines Schmieds und eines Hausmädchens.

Er stellte sich mit Lady Madeline ans Kopfende der Tafel. Als sich alle gesetzt hatten und der Wein eingeschenkt worden war, erhob sich Lord Addington.

„Ich glaube, man muss Ihnen gratulieren“, sagte er und hob dabei sein Glas. „Ladys und Gentlemen, Sie sehen hier den neuen Besitzer und Herausgeber von Heim und Herd, Hausjournal für die Dame und Kamingespräch.“

Leo musste zugeben, dass es großzügig von Lord Addington war, einen solchen Toast auszubringen, denn er war gestern noch Herausgeber des Kamingesprächs gewesen. Oder verfolgte der Mann eine List und wusste genau, dass es das Klügste war, es sich nicht mit Leo zu verscherzen, falls er hinter den anderen Zeitungen her war, die der Mann herausgab? Leo nickte Addington dankend zu.

„Etwas ganz anderes für Sie, nicht wahr, Devenish?“, sagte Lord Bradley. „Frauenzeitschriften.“

Leo verkniff sich seinen Ärger. Bradley war ein Kasper, der ein einträgliches Geschäft nicht einmal bemerkt hätte, wenn es sich vor ihm aufgebaut und gebettelt hätte. Deswegen lehnte er sich, wie so viele andere Mitglieder des Hochadels, zurück und sah zu, wie sein Vermögen immer kleiner wurde.

„Das sind alles erfolgreiche Zeitschriften für Damen mit einer breiten Leserschaft“, sagte die junge Lady neben ihm.

„In der Tat, so ist es, Lady …“ Wie um alles in der Welt war ihr Name? Sie war die Tochter des Earl of Kingsland. Er musste ihr schon einmal vorgestellt worden sein, aber er konnte sich beim besten Willen nicht mehr an ihren Namen erinnern. Schließlich sah eine Debütantin aus wie die andere.

„Und deswegen ausgesprochen profitabel“, fuhr sie fort und sah dabei Bradley an, der nur mit den Schultern zuckte, als wäre es unter seiner Würde, über Profit nachzudenken. Das war genau die Haltung, die zum Niedergang vieler traditionsreicher Adelsfamilien geführt hatte.

„Allerdings sind viele von ihnen voll von geistlosen Klatschgeschichten und richten sich an Frauen mit sehr begrenzten Interessen und wenig Bildung“, fügte die junge Lady hinzu.

Wie war ihr Name?

Amelia Lambourne, so hieß sie.

„Sie haben sicher recht, Lady Amelia, aber sie verkaufen sich und das ist alles, was mich interessiert.“

Sie stieß einen höhnischen Laut aus.

„Welche Zeitschriften lesen Sie denn, Lady Amelia?“, fragte er.

„Nun ja …“ Sie warf ihrem Vater einen Blick zu, der die Stirn runzelte und leicht den Kopf schüttelte, ehe sie sich wieder Leo zuwandte. „Wissen für die Dame ist eine ausgezeichnete Zeitschrift mit faszinierenden Artikeln über Politik, wissenschaftliche Entdeckungen und ein paar interessante, ernsthafte Ansatzpunkte für die Veränderung der gesellschaftlichen Situation von Frauen.“

Leo war im ersten Augenblick entsetzt. Eine Debütantin, die sich für Politik, Wissenschaft und gesellschaftliche Fragen interessierte, war ein außerordentlich seltenes Wesen. „Ich gebe zu, dass Wissen für die Dame eine ehrenwerte Zeitschrift ist, aber die entscheidende Frage ist, ob sich das Blatt tatsächlich verkauft.“

„Nun, offensichtlich ja. Wie ich soeben sagte, lese ich es.“

„Ich möchte trotzdem bezweifeln, dass es viele Menschen gibt, die das tun. Wichtige Themen sind ja gut und schön, aber wenn sie keine breitere Leserschaft für sich gewinnen kann, wird sie zweifellos bald untergehen, wie so viele andere kleinere Zeitschriften. Vor allem jetzt, wo sie in Konkurrenz zu all den Frauenzeitschriften steht, die ich gekauft habe.“

„Zeitschriften wie Wissen für die Dame sind unverzichtbar“, sagte sie mit empört erhobener Stimme. „Sie behandeln wichtige Themen wie das Wahlrecht für Frauen.“

Auf diese Feststellung hin gab es brüllendes Gelächter von den Männern und einen strengen Blick von Lady Amelias Vater, während die Lady selbst den Kopf hob und die Lippen fest aufeinanderpresste. Lippen, das musste er zugeben, die ein ziemlich verführerisches Kirschrot hatten und die, wenn sie nicht zu einem verärgerten Schmollen verzogen gewesen wären, durchaus verlocken konnten.

„Das ist etwas, worüber Frauen informiert werden sollten“, verkündete sie vernehmlich, während die Männer vorhersehbare Witze darüber machten, dass man niemandem das Wahlrecht geben konnte, der Angst vor Mäusen hatte.

„In Neuseeland haben Frauen das Wahlrecht“, stellte sie fest, während die Männer weiter lachten, als ob auch das sehr amüsant wäre.

„Genau so einen Unsinn erwartet man doch von den Kolonien“, rief ein Mann vom anderen Ende der Tafel.

„Neuseeland wird diese Albernheiten mit Sicherheit bald bedauern“, fügte ein anderer Mann hinzu, was mit hört, hört aus der Gruppe beantwortet wurde. „Frauen können einfach nicht logisch denken. Das ist eine Tatsache. Bildung ist bei ihnen reine Verschwendung.“

Plötzlich schauderte Leo. Er fühlte sich in die Zeit zurückversetzt, als er zehn Jahre alt gewesen war. Hatte Lord Fitzherbert nicht genau die gleiche Begründung vorgebracht, als er den schmuddeligen Sohn des Schmieds in seiner Bibliothek erwischt hatte? Lord Fitzherbert hatte behauptet, dass Bildung der niederen Schichten reine Verschwendung sei, eine Ansicht, der seine Freunde widersprochen hatten. Diese Männer hatten genauso vehement gestritten wie diese Männer hier, die gegen Wahlrecht und Bildung für Frauen waren. Das hatte dazu geführt, dass Lord Fitzherbert Leo auf ein Internat geschickt hatte, wo er die beste Bildung erhalten sollte, die für Geld zu haben war. Nur damit er eine Wette gewinnen und beweisen konnte, dass eine teure Ausbildung an den Sohn eines Schmieds verschwendet war. Diese Wette hatte er nicht nur verloren, sondern er hatte sie später auch bereut.

Die Männer machten sich weiter über Lady Amelia lustig und Leo hatte Mitgefühl mit ihr, als der lautstarke Widerspruch um sie wütete.

„Lady Amelia hat es verdient, dass man ihr zuhört“, sagte er über den Aufruhr der Stimmen hinweg.

Die Männer beruhigten sich und sahen ihn eifrig an. Er kannte ihre Raubtiermienen gut. Sie erwarteten von ihm, dass er ihre Argumente weiter ins Lächerliche zog und sie zur allgemeinen Belustigung gnadenlos verhöhnte. Ihnen stand eine Enttäuschung bevor.

„Wenn Frauen das Wahlrecht hätten, könnte das die Welt doch zu einem besseren Ort machen. Es ist unwahrscheinlich, dass sie sich noch ungeschickter anstellen als einige der sogenannten gebildeten Männer, die derzeit im Parlament sitzen.“

Daraufhin brachen alle wieder in brüllendes Gelächter aus. Sie hatten offensichtlich keine Ahnung, dass einige der Witzfiguren, die er damit meinte, hier an diesem Tisch saßen.

Er fing Lady Amelias Blick auf. Sie sah ihn prüfend an.

„Eine Zeitschrift ist ein Unternehmen wie jedes andere“, sagte er und kehrte damit zu einem Thema zurück, das ihm am Herzen lag. „Mit guten Absichten allein verkauft man keine Zeitschriften. Falls dieses Wissensblatt keine Leserinnen findet, wird es keinen Erfolg haben, so einfach ist das. Und wenn es den Vertrieb einstellen muss, wird ein klügerer Geschäftsmann, wie ich einer bin, es kaufen und dafür sorgen, dass es Gewinn abwirft.“

Das schien Lord Addington peinlich zu sein, wahrscheinlich war ihm klar, dass genau das mit seinem eigenen Blatt passiert war, und Lady Amelia legte die Hände an ihr Herz, als ob sie persönlich beleidigt worden wäre.

„Das würden Sie doch nicht tun? Wissen für die Dame kaufen?“ Ihre Stimme klang unerklärlicherweise erstickt.

„Ich würde auf jeden Fall darüber nachdenken. Ich bin schließlich Geschäftsmann. In einer konkurrenzbetonten Branche wie der Presselandschaft ist es erfolgversprechend, wenn man Zeitschriften kauft, die in Schwierigkeiten stecken, und gewinnbringende Unternehmungen aus ihnen macht.“

„Indem man eine Zeitschrift wie jede andere aus ihnen macht“, sagte sie verächtlich.

„Nein, indem man Inhalte hinzufügt, die tatsächlich von einem breiteren Publikum gelesen werden, wie zum Beispiel Gesellschaftsnachrichten.“

„Eine Klatschspalte?“, stöhnte sie. „Glauben Sie, dass das alles ist, was Frauen lesen wollen?“

Er hatte gehofft, den Streit, den sie mit seinen männlichen Gästen hatte, entschärfen zu können, indem er das Gespräch auf das Zeitungsgeschäft im Allgemeinen lenkte, aber es sah so aus, als würde dieses Thema Lady Amelia ebenso unter den Nägeln brennen wie das Frauenwahlrecht.

Und wenn Lady Amelia etwas unter den Nägeln brannte, trug das eine Menge zu ihrer Attraktivität bei. Seltsam, normalerweise interessierte er sich nicht für unverheiratete Frauen. Sie war durchaus hübsch mit ihren vor Wut funkelnden blauen Augen und der makellos hellen Haut, die von einer leichten Röte überzogen war. Für Blondinen hatte er sonst auch nicht viel übrig, aber jetzt wollte er wissen, wie ihre honigblonde Mähne wohl aussah, wenn man diese aufwendige Hochsteckfrisur gelöst hätte. Nicht, dass er diesem Gedanken jemals hätte Taten folgen lassen. Wenn es eins gab, womit kein Mann auf der Welt durchkam, nicht einmal er, war es eine Liaison mit einer Debütantin.

„Jeder mag Klatschgeschichten“, fuhr er fort.

Die mutigeren unter den Männern stießen auf diese Feststellung hin Laute des Widerspruchs aus, obwohl sie alle gleichermaßen viel Zeit in ihren Clubs verbrachten, wo Klatsch- und Skandalgeschichten gierig durchgekaut wurden. „Wenn es in Wissen für die Dame eine Gesellschaftsseite gäbe, wäre das sehr gut für die Leserzahlen, aber ich nehme an, die Besitzer sind zu verkopft, um sich auf so etwas einzulassen.“

Lady Madeline beugte sich zu ihm herüber, dabei streiften ihre Brüste seinen Arm. „Solange sie nicht über uns klatschen“, flüsterte sie vernehmlich, ohne Lady Amelia aus den Augen zu lassen. „Wenn sie wüssten, was wir so treiben, wären diese Blaustrümpfe schockiert und eifersüchtig auf das, was sie verpassen.“

Lady Amelias rote Wangen wurden noch röter. Sie wandte sich eilig dem Mann zu, der neben ihr saß, und fing ein angeregtes Gespräch mit ihm an.

Leo beobachtete sie weiter, während Madeline irgendetwas plapperte. Sie war auf jeden Fall faszinierend. Trotzdem hatte er keinerlei Interesse daran, Lady Amelia zu verführen, und diese geröteten Wangen erinnerten ihn außerdem daran, warum er einen Bogen um Debütantinnen machte, wenn es nötig war. Debütantinnen waren unschuldig. Sie hatte vielleicht sein Interesse geweckt, aber Lady Amelia Lambourne war ganz sicher nichts für ihn.

3. KAPITEL

Amelia hatte keine Lust gehabt, auf diese Abendgesellschaft zu gehen, und dieser fürchterliche Mann hatte sie gerade daran erinnert, warum. Sie verabscheute alles, wofür er stand. Seine Arroganz war atemberaubend. Nur weil er gut aussah, nur weil er so groß war, dichtes dunkles Haar und volle Lippen, ein energisches Kinn und markante Wangenknochen hatte, dachte er, dass die Frauen ihm zu Füßen liegen mussten.

Ja, er mochte offener für den Gedanken sein, Frauen das Wahlrecht zu geben, als die anderen Männer in der Runde, aber es brauchte ja nicht viel, um aufgeklärter zu sein als die Banausen hier am Tisch.

Vor allem entschuldigte es nicht, wie er über ihr geliebtes Wissen gesprochen hatte. Wie konnte er es wagen, über den Kauf von Zeitungen und Zeitschriften zu sprechen, als wäre nichts dabei und als würde er damit nicht die Träume und Wünsche von Menschen zerstören! Wissen für die Dame würde er auf gar keinen Fall in die Finger bekommen. Sie senkte den Blick und sah kurz in seine Richtung, auf die langen, schlanken Finger, mit denen er sein Rotweinglas festhielt, und dann in sein Gesicht. Er hatte dunkelbraune Augen, die in dem matten Licht des Kerzenleuchters fast schwarz wirkten. Und er sah sie direkt an. Musterte sie.

Sie wandte schnell den Blick ab. Bei dem merkwürdigen Kribbeln, das sie bei seinem Blick im ganzen Körper spürte, fing sie an, sich zu fragen, ob es vielleicht falsch gewesen war, Mr. Devenish zu widersprechen. Aber warum sollte sie sich vor ihm ducken? Sie reckte das Kinn, drehte sich zu ihm um und erwiderte seinen Blick mit aller Unerschrockenheit, die sie aufbringen konnte.

Er hielt ihrem Blick noch einen Moment lang stand, dann wandte er sich Lady Madeline zu. Amelia sah ihm in die Augen und wandte sich dann Lord Prebbleton zu. Sie wollte Devenish mit der gleichen Beiläufigkeit abtun wie er sie.

Für Leo Devenish war alles so einfach, dachte sie, während sie im Stillen vor Wut schäumte. Wie viele Zeitschriften, Zeitungen und Journale wollte dieser Mann besitzen? Und wie konnte er es wagen, Wissen für die Dame auf eine Weise ehrenwert zu nennen, dass es wie eine Beleidigung klang! Sie hatte das Journal gegründet, weil es keine Zeitschriften gab, die für Frauen wie sie interessant waren, gebildete Frauen, die nach einer klugen Lektüre suchten. Darauf war sie stolz.

Der arrogante Schnösel hatte leider in einer Sache recht. Wissen für die Dame war kein Erfolg, und wenn sie nicht bald etwas unternahm, um ihre Leserschaft zu vergrößern, würde es in der Tat den Bach hinuntergehen.

„Sie lesen gerne, ja?“, fragte Lord Prebbleton. „Ich sehe keinen großen Sinn darin“, fuhr er fort, ehe sie etwas erwidern konnte. „In der Schule habe ich für mein Leben genug davon bekommen, was?“ Er lachte, als ob er einen großartigen Witz gemacht hätte.

Amelia sah noch einmal verstohlen zu Mr. Devenish hinüber. Der durchdringende Blick aus seinen braunen Augen war schon wieder auf sie gerichtet. Ihre Wangen wurden noch wärmer als zuvor. Verflucht noch eins. Sie hasste ihn dafür, dass er sie zum Erröten brachte. Sie war doch keine einfältige Kokette. Was machte es schon, dass sich Männer deswegen kaum für sie interessierten. Wenn überhaupt, wurden sie von ihren Heiratsbedingungen angezogen und nicht von ihrem Charme, ihrem guten Aussehen oder ihrer Eleganz.

So war sie nun einmal und sie würde sich nicht ändern. Sie wandte sich wieder Lord Prebbleton zu und versuchte, sich darauf zu konzentrieren, was er sagte. Es war irgendetwas darüber, dass er sich auf die Jagdsaison freute und darauf, dass die gesellschaftliche Saison bald vorbei war. „Bälle und so etwas sind ja ganz schön für die Damen, aber wir Gentlemen sind niemals glücklicher als mit einem Gewehr in den Händen.“

Amelia seufzte. Es würde ein sehr langer Abend werden. Glücklicherweise, oder unglücklicher, je nachdem, wie man es betrachtete, erwartete Lord Prebbleton nicht von ihr, dass sie etwas zum Gespräch beitrug, von Lächeln und Nicken abgesehen. Sie warf noch einen flüchtigen Blick auf Mr. Devenish. Er hatte sich wieder Lady Madeline zugewandt, die ihm etwas ins Ohr flüsterte und sich dabei vorbeugte, um einen skandalös tiefen Ausschnitt sehen zu lassen. Sie konnte nicht anders, als verächtlich den Mund zu verziehen, weil er diese Situation so offensichtlich genoss. Typisch Mann. Also, sie würde ihre Zeit nicht weiter damit verschwenden, sich Gedanken um ihn zu machen. Stattdessen wollte sie lieber über etwas nachdenken, was wirklich wichtig war – ihre finanziellen Schwierigkeiten.

Sie wollte die ursprünglichen Ziele von Wissen für die Dame nicht aufgeben, aber Leo Devenish hatte leider recht, sie musste etwas unternehmen, um eine breitere Leserschaft anzulocken, vor allem, weil sie dann mehr Geld mit Anzeigen verdienen konnte. Und er hatte sogar in noch einer Sache recht: Alle liebten Klatschgeschichten. Sie hielt sich selbst für eine kluge, gebildete Frau, aber es gab für sie kaum etwas Schöneres, als mit ihren Freundinnen zusammenzusitzen und Klatsch auszutauschen.

Vielleicht sollte sie tatsächlich eine Gesellschaftsseite einführen. Aber wer sollte so eine Kolumne schreiben? Wenige ihrer Autorinnen bewegten sich in den gesellschaftlichen Kreisen, über die die Leute etwas lesen wollten.

Und die, die tatsächlich zu den höheren gesellschaftlichen Kreisen gehörten, wären beleidigt gewesen, wenn Amelia sie gefragt hätte, ob sie eine Klatschkolumne schreiben wollten. Es waren ernsthafte Frauen, die sich ernsthafter wissenschaftlicher Arbeit verschrieben hatten.

Sie sah noch einmal verstohlen zu Mr. Devenish hinüber. Lady Madeline beugte sich immer noch vor, rieb sich an seinem Jackett und flüsterte ihm nicht gerade unauffällig ins Ohr. Sie lächelte in sich hinein. Amelia bewegte sich in den richtigen gesellschaftlichen Kreisen. Vielleicht konnte sie zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, wenn sie anfing, bei gesellschaftlichen Ereignissen nach Klatschgeschichten zu stöbern. Es würde ihren Vater glücklich machen – er würde denken, dass sie sich endlich mehr Mühe gab, einen Ehemann zu finden – und niemand würde ahnen, was sie in Wirklichkeit tat. Es war nahezu perfekt.

Sie wandte sich schließlich immer noch lächelnd Lord Prebbleton zu und fragte ihn nach Neuigkeiten aus den Clubs, in denen er Mitglied war. Er fing sofort an, von einer Dame aus dem Hochadel zu erzählen, die mit ihrem Lakaien nach Amerika durchgebrannt war. Nachdem er einmal angefangen hatte, war er nicht mehr zu bremsen. Er schien über einen unerschöpflichen Vorrat an Klatschgeschichten zu verfügen, von denen einige von Menschen handelten, die er als seine Freunde betrachtete. Amelia schüttelte im Geiste den Kopf. Männer behaupteten immer, dass es die Frauen waren, die eine Vorliebe für Klatsch hatten, aber nach Lord Prebbletons Enthüllungen zu urteilen gab es nichts, was Männern mehr Spaß machte als ordentlicher Tratsch.

Sie hob ihr Glas und prostete sich im Stillen selber zu. So würde sie ihre Kolumne nennen: „Gesellschaftstratsch“.

Leo schob Madelines Hand weg, mit der sie langsam die Innenseite seines Oberschenkels hinauf strich, während er zusah, wie Lady Amelia mit den beiden Schwächlingen Prebbleton und Bradley plauderte und flirtete. Es ärgerte ihn, dass sie keinen besseren Geschmack hatte. Aber als Tochter eines Earls war es nun einmal die wichtigste Aufgabe in ihrem Leben, einen Ehemann zu finden. Beide Männer waren unverheiratet, beide hatten einen Titel geerbt und das allein reichte schon, um die zwei Schwachköpfe interessant zu machen.

Er wandte sich wieder seiner Geliebten zu, die irgendetwas säuselte. Er unterdrückte seine Langeweile. Jetzt, da er seinen jüngsten Triumph gefeiert hatte, hätten seinetwegen alle verschwinden können. Madeline eingeschlossen. Der Hochadel war so vorhersagbar. Die Gespräche waren immer die gleichen und alles, was diese Menschen taten, folgte einem endlosen, immer gleichen Programm. Madeline war keine Ausnahme. Sie hatte einen Mann geheiratet, der so alt war, dass er ihr Vater hätte sein können. Aber er war ein Earl mit mehreren ertragreichen Landgütern. Das machte ihn in ihren Augen zum perfekten Ehemann. Liebe hatte weder für ihn noch für sie etwas damit zu tun.

Ein vertrauter Schmerz durchfuhr ihn. Vor seinem inneren Auge tauchte Lady Lydias Gesicht auf. Liebe? Warum dachte er jetzt an so etwas? Hatte er mit solchen albernen Anwandlungen nicht ein für alle Mal abgeschlossen? Der Hochadel hatte keine Ahnung von Liebe. Für diese Menschen ging es bei einer Ehe nur um eins – die Verbesserung ihrer Stellung in der Gesellschaft. Nein, vielleicht sogar um zwei Dinge: Verbesserung der eigenen Stellung und Vergrößerung des Vermögens. Er konnte zwar die zweite Voraussetzung erfüllen, aber die erste blieb für ihn unerreichbar. Lydia hatte ihm unmissverständlich klargemacht, dass sie ihn niemals heiraten konnte. Er hatte genügend Geld, das er sich mit harter Arbeit selbst verdient hatte, aber er würde trotzdem niemals gut genug sein.

Als er ihr einen Antrag gemacht hatte, hatte sie ihn sogar ausgelacht und ihm erklärt, dass Frauen wie sie nur Männer mit Titel heirateten. Und genau das hatte sie getan. Trotz seines Reichtums und seiner Macht würde der Hochadel ihn immer als unwürdig betrachten.

Er sah noch einmal die Gäste an, die an seiner Tafel saßen. Er machte sich nichts vor. Diese Leute kamen vielleicht zu seinen Abendgesellschaften und behandelten ihn wie einen Freund, weil sie wussten, dass er zu mächtig war, um ihn zu übergehen, aber sie würden ihn nie als einen der Ihren betrachten.

Und das war ihm sehr recht. Er wollte keiner der Ihren sein und wollte von ihnen lieber gefürchtet werden, als mit ihnen befreundet zu sein. Und soweit es die Frauen betraf, sahen sie vielleicht keinen möglichen Ehemann in ihm, aber das bedeutete nicht, dass sie nicht bereitwillig seine Geliebten wurden, und das war ihm ebenfalls sehr recht.

„Wir könnten verschwinden, wenn das Essen vorbei ist“, flüsterte Madeline. „Mein Ehemann will, dass ich morgen wegen irgendeiner langweiligen Familienfeier auf unseren Landsitz komme, vielleicht bekommen wir nicht so schnell wieder die Gelegenheit. Ich brauche eine Aufmunterung, wenn ich so lange nicht bei dir sein kann.“ Sie kicherte.

Endlich sagte sie etwas, das ihn interessierte. Madelines Ehemann ließ sie nach Hause kommen. Er war für einige Zeit von ihr befreit. Ihm wurde klar, dass er frei von ihr sein wollte. Es war an der Zeit, die Sache zu beenden. Nach dem heutigen Abend musste er sich eine andere Frau suchen, die sein Bett wärmte.

Sein Blick kehrte zu Lady Amelia zurück. Es war verdammt schade, dass sie noch nicht verheiratet war. Leo wusste genau, dass er Eindruck auf sie gemacht hatte. Ihre Wangen röteten sich, wenn sie ihn ansah, sie öffnete die Lippen und seufzte, als wäre sie außer Atem. Sie fühlte sich eindeutig zu ihm hingezogen. Aber er verführte keine Debütantinnen. Er verführte eigentlich gar keine Frau, auch wenn er diesen Ruf hatte. Alle seine Geliebten hatten ihm eindeutig gezeigt, dass sie bereit waren. Manche, wie Madeline, hatten ihm sogar ohne Scham selbst diesen Vorschlag gemacht. Ihm war klar, was sie anzog – sein Ruf und das Abenteuer, von einem Mann geliebt zu werden, der aus raueren, niederen Kreisen kam.

„Lass uns eine Ausrede erfinden und jetzt sofort verschwinden“, fuhr Madeline fort. „Ich habe ein paar neue Schlafzimmertricks gelernt, die dir sicher gefallen.“

Leo unterdrückte ein verärgertes Schnauben.

„Ja, wir müssen uns unterhalten. Wir treffen uns im grünen Salon, sobald die Ladys sich zurückziehen“, sagte er.

„Wenn du es so nennen möchtest.“ Sie lachte. „Du hast recht. Wir müssen uns unterhalten und ich glaube, es wird dich freuen, was ich zu sagen habe.“

Nachdem der letzte Gang vorüber war, zogen sich die Ladys in den Salon zurück, während die Männer sitzen blieben, um Portwein und Zigarren zu frönen. Amelia folgte der rauschenden Schlange der Frauen in Seide, Satin und Taft, die sich den Korridor hinunter bewegte. Lady Madeline hielt sich am Ende der Prozession und ging weiter, anstatt den Salon zu betreten.

Amelia blieb in der Tür stehen und sah zu, wie sie hinter der nächsten Ecke verschwand. Wahrscheinlich hatte sie eine Verabredung mit Mr. Devenish. Es ging Amelia nichts an und es kümmerte sie überhaupt nicht, mit wem er sich insgeheim traf und was die beiden vorhatten. Andererseits, war es nicht genau das, was sie brauchte, um ihre Zeitschrift zu retten – eine wirklich aufregende Klatschgeschichte? Aus diesem Grund, und ausschließlich aus diesem Grund, folgte sie Lady Madeline leise. Es geschah Mr. Devenish ganz recht, wenn er Gegenstand der allerersten Klatschseite in Wissen für die Dame wurde.

Als Lady Madeline ein anderes Zimmer betrat und die Tür hinter sich schloss, wusste Amelia nicht genau, was sie tun sollte, und blieb auf dem Flur stehen. Sie hörte die Schritte eines Mannes auf sich zukommen, sodass sie schnell eine Entscheidung treffen musste. Sie versteckte sich in einer Nische.

Die Schritte blieben stehen, die Tür wurde geöffnet und wieder geschlossen. Dann herrschte Stille. Amelia verließ ihr Versteck und sah sich um. Ging sie auf ihrer Jagd nach Klatsch zu weit? Wenn man sie beim Herumschnüffeln erwischte, gab es eine Blamage, die sie nicht ertragen konnte. Sie schlich den Korridor hinunter, so leise sie konnte, aber als sie laute Stimmen hörte und ihr Name fiel, blieb sie wie angewurzelt stehen.

„Mach dich nicht lächerlich“, sagte Mr. Devenish. In seiner Stimme lag kaum beherrschbare Wut. „Mit Amelia Lambourne hat das überhaupt nichts zu tun.“

Amelia schnappte nach Luft und hob unwillkürlich die Hand an ihre Brust, wo ihr Herz aussetzen wollte, aber trotzdem neigte sie sich der Tür zu.

„Ich habe gesehen, wie du sie angesehen hast“, sagte Lady Madeline scharf. „Ich kann kaum glauben, dass du so tief gesunken bist. Sie ist dreiundzwanzig und nicht verheiratet. Das hätte ich dir niemals zugetraut.“

Amelia erstarrte bei dieser Beleidigung.

„Wie gesagt: Ich habe absolut kein Interesse an Lady Amelia.“ Amelia versuchte, nicht gekränkt zu sein. Er sagte immerhin nichts anderes als die Wahrheit und sie hatte auch kein Interesse an ihm.

„Oder liegt es daran, dass sie eine Jungfrau ist?“, fuhr Lady Madeline noch lauter fort. „Findest du das anziehend? Das ist so typisch für euch Männer.“

Amelia schlug die Hand vor den Mund, zu spät, um ein entsetztes Seufzen zu unterdrücken. Aber es konnte sie niemand hören. Die Stimmen waren so laut geworden, weil sie offensichtlich so wütend waren, dass sie es wahrscheinlich nicht einmal gehört hätten, wenn sie vor der Tür eine Pauke geschlagen hätte.

„Ich habe doch gesagt, dass ich kein Interesse an Lady Amelia habe“, erwiderte Mr. Devenish. Dabei sprach er jedes Wort langsam und deutlich aus. „Sieh einfach ein, dass unsere Liaison vorbei ist.“

„Wie kannst du es wagen? Du bist ein Niemand, ich bin die Tochter eines Barons, die Frau eines Earls. Ich entscheide, wann es vorbei ist.“

„Mir scheint, dass du dich trotz deiner gehobenen Stellung in der Gesellschaft in dieser Sache irrst, Madam.“ Amelia konnte die unterdrückte Wut in seinem Tonfall hören und noch etwas anderes. War es Schmerz? Hatte Lady Madelines Gift ihn verletzt? Sie hatte keine Zeit, darüber nachzudenken, weil sie Schritte auf die Tür zukommen hörte.

So schnell und so leise, wie sie konnte, lief Amelia den Korridor hinunter. Als sie zum Salon kam, atmete sie ein paarmal tief durch, zwang sich zu einem hoffentlich sorglosen Lächeln und ging hinein. Amelia setzte sich zu ihrem Vater und lächelte ihm zu. Hoffentlich war ihr nichts von dem anzusehen, was sie gerade mitangehört hatte.

Mr. Devenish kam herein, sah in ihre Richtung und, verflucht noch eins, flammende Peinlichkeit erfasste ihren ganzen Körper. Er hatte keinen Zweifel daran gelassen, was er von ihr hielt, warum musste er sie dann auf so beunruhigende Art und Weise ansehen? Sie hoffte – betete –, dass er nicht wusste, was sie getrieben hatte.

Die Tür wurde erneut geöffnet und Lady Madeline kam herein. Ihre Wangen waren genauso feuerrot wie Amelias. Ohne sich umzusehen, stolzierte sie durch den Salon auf Mr. Devenish zu, der sich gerade aus einer Kristallkaraffe auf dem Barschrank einen Brandy einschenkte.

„Lady Madeline, darf ich Ihnen einen Brandy anbieten?“, fragte er mit ruhiger Stimme, als ob sie nicht gerade noch wütend gestritten hätten.

„Nein, der hier reicht.“ Lady Madeline nahm seinen Cognacschwenker und schüttete ihm den Inhalt ins Gesicht. „Das ist alles, was du verdienst, du Bastard. Ich habe alles für dich getan und so behandelst du mich?“

Die Stille, die sich im Raum ausbreitete, war mit Händen zu greifen. Alle Köpfe wandten sich der wütenden Frau zu. Mr. Devenish zog ein Seidentuch aus seiner Brusttasche, schüttelte es auf und wischte sich seelenruhig das Gesicht ab.

„Die Sache ist noch nicht vorbei, du Emporkömmling“, kreischte Lady Madeline. „Niemand behandelt eine Frau wie mich wie eine … eine … gewöhnliche …“

Amelia wartete darauf, wie Lady Madeline den Umgang mit ihr beschreiben würde. „Ich werde dir zeigen, wo dein Platz ist, und wenn es das Letzte ist, was ich tue.“ Sie schien nicht zu bemerken, was für ein Schauspiel sie abgab, und sah Mr. Devenish weiter wütend an. Der hatte sich das Gesicht abgetrocknet und steckte sein Tuch zurück in seine Brusttasche.

Er winkte einem Diener. „Lady Madeline möchte uns verlassen. Bitte sorgen Sie dafür, dass sie sicher nach Hause kommt.“

Sie schob den Diener beiseite, wandte sich von Mr. Devenish ab und warf einen wütenden Blick in Amelias Richtung. Dann stolzierte sie hinaus.

„Ich muss mich für die Unannehmlichkeiten entschuldigen. Es ist ein Glück, dass heute Abend keine Reporter hier sind. Genau so einen Skandal würde ich gerne in einem meiner Blätter sehen. Die Leserschaft würde sich vervielfachen.“

Alle anderen lachten noch herzlicher über seine Lässigkeit. Alle außer Amelia, die insgeheim in dem Gedanken schwelgte, dass Mr. Devenish alles, was er heute Abend gesagt und getan hatte, sehr bereuen würde.

4. KAPITEL

Tante Beryl wartete noch auf Amelia, als sie vom Abendessen zurückkam. Während ihre Zofe Minnie ihr beim Ausziehen half, erzählte Amelia von ihrem Treffen mit dem Bankdirektor, mit ein paar kunstvollen Abwandlungen. Sie fühlte sich nicht wohl dabei, ihre Tante anzulügen, wollte ihr aber unnötige Sorgen ersparen.

„Er hat mir heute Nachmittag noch keine endgültige Zusage für ein Darlehen gegeben“, sagte Amelia, während Minnie ihr Korsett aufschnürte, „aber er hat auch nicht Nein gesagt.“

„Das sind ja wundervolle Neuigkeiten.“ Tante Beryl klatschte in die Hände. „Ich wünschte, ich hätte mehr Geld, damit du dir nichts von einer Bank leihen musst.“

Amelia hob die Arme und Minnie zog ein Nachthemd über ihren Kopf. Zum Glück war ihr Gesichtsausdruck unter dem bestickten Leinen für Tante Beryl nicht zu sehen, sonst hätte sie mit Sicherheit gemerkt, wie schuldig sie sich fühlte.

„Vielen Dank, aber du hast jetzt schon mehr getan, als ich mir je wünschen könnte“, sagte sie, als ihr Kopf wieder zum Vorschein kam. „Und ich verspreche dir, dass ich den Kredit mit Zinsen zurückzahle, sobald ich Gewinne mache.“

„Das ist nicht nötig. Ich freue mich einfach, dass ich dir helfen konnte. Deine Mutter wäre so stolz auf dich. Ich bin stolz auf dich.“

Amelia ging zu ihrer Tante und küsste sie auf die Wange. Sie musste dafür sorgen, dass sie ihre Tante nicht nur auszahlen, sondern sich auch für alles erkenntlich zeigen konnte, was sie für Amelia getan hatte.

Amelias Mutter war gestorben, als Amelia gerade zwei Jahre alt gewesen war, und sie konnte sich kaum an sie erinnern. Tante Beryl war bei ihnen eingezogen, um sich um die Kinder ihrer Schwester zu kümmern. Sie war der einzige richtige Elternteil, den Amelia je gehabt hatte. Ihr Vater war immer distanziert gewesen. Er hatte sich nur flüchtig für seine Söhne interessiert, am ehesten für Edwin, den Ältesten, der sein Erbe war.

„Und wie war das Abendessen? Hast du interessante Bekanntschaften gemacht?“ Obwohl Amelia schon dreiundzwanzig war und damit so gut wie offiziell eine alte Jungfer, hoffte Tante Beryl nach wie vor, dass sie irgendwann heiraten würde.

„Nein, keine interessanten, wie immer.“

„Bist du sicher? Deine roten Wangen scheinen mir etwas anderes zu sagen.“ Ihre Tante lächelte und hob fragend die Augenbrauen.

„Was? Nein, ganz und gar nicht.“ Ihre hastige Antwort sorgte dafür, dass ihre Tante auch noch den Kopf zur Seite neigte.

„Ich habe neben Lord Prebbleton und Lord Bradley gesessen. Es wäre ziemlich weit hergeholt, wenn man behaupten würde, dass einer der beiden interessant wäre. Und ich fürchte, ich bin in eine kleine Auseinandersetzung über das Frauenwahlrecht geraten. Vater war nicht begeistert.“

Sie lachte und versuchte, die lange Strafpredigt vom Tisch zu wischen, die sie auf dem Heimweg hatte ertragen müssen. Ihr Vater hatte sie außerdem daran erinnert, mehrfach, dass Amelia nicht die einzige junge Frau war, die diese Saison eine ansehnliche Summe mit in eine Ehe bringen konnte.

„Und sonst ist dir niemand ins Auge gefallen?“, fragte Tante Beryl.

Amelia saß an ihrer Frisierkommode und bürstete gerade energisch ihr Haar aus. „Nein, niemand. Alle anderen waren verheiratet oder hatten bereits Verpflichtungen.“ Das war nicht die ganze Wahrheit, denn nach dem Streit zwischen Leo Devenish und Lady Madeline wussten alle, dass sie nicht länger ein Verhältnis hatten.

„Hmm“, mehr sagte Tante Beryl nicht. Aber es klang, als hätte sie den Verdacht, dass mehr hinter Amelias Erröten und ihrer plötzlichen Geschäftigkeit steckte, als sie zugab. Aber ihre Tante täuschte sich. Amelia dachte überhaupt nur an Mr. Devenish, weil sie Zeugin der Auseinandersetzung zwischen ihm und Lady Madeline geworden war. Es hatte nichts damit zu tun, ob sie ihn interessant fand oder nicht. Und selbst wenn sie ihn interessant gefunden hätte, was sie nicht tat, erwiderte er ihr Interesse mit Sicherheit nicht.

„Nun ja, die Saison ist ja noch lange nicht vorbei“, sagte Tante Beryl, erhob sich und küsste Amelia auf die Wange. „Ruh dich erst einmal aus. Ich freue mich außerordentlich darüber, dass mit der Zeitschrift alles gut gelaufen ist.“

Nachdem ihre Tante verschwunden war, entließ Amelia ihre Zofe und warf ihre Haarbürste auf die Frisierkommode. Sie hatte nicht die Absicht, zu Bett zu gehen. Noch nicht. Dazu war sie viel zu rastlos und sie hatte noch etwas Wichtiges zu erledigen. Sie ging zu ihrem Schreibtisch, holte einen Stapel Papier hervor, öffnete ihr Tintenfass und tauchte ihre Feder ein, um die aufregende neue Kolumne zu verfassen. Während Amelias Feder über das Papier flog, war nicht zu leugnen, dass es ihr großen Spaß machte, die Worte dieses arroganten Mannes gegen ihn zu verwenden.

Leo Devenish begann seinen Tag immer auf dieselbe Weise. Ganz gleich, was der vorangegangene Abend gebracht hatte, ganz gleich, mit wem er frühstückte, er nutzte die Zeit, um die Morgenzeitungen und die neuesten Ausgaben aller Zeitschriften durchzusehen.

Dieser Morgen war keine Ausnahme, auch wenn er alleine aß. Seit Lady Ma...

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