Julia Ärzte zum Verlieben Band 217

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SEHNSUCHT UNTER BRENNENDER SONNE von SCARLET WILSON

Aufgeregt tritt Schwester Addy ihren Job in einer kardiologischen Spezialklinik in Dubai an. Und verliebt sich unter der heißen Sonne Hals über Kopf in den attraktiven Dr. Theo Dubois! Ein sicherer Weg zu einem gebrochenen Herzen? Denn der Single-Dad schließt eine Beziehung aus …

VERHEIRATET MIT DEM BESTEN FREUND? von KRISTINE LYNN

Ihr bester Freund, der Psychologe Dex, muss Millie helfen: Nur wenn sie verheiratet ist, bekommt sie die ersehnte Stelle als Pferdetherapeutin auf einer Ranch. Zwar sagt Dex Ja zu einer Scheinehe – aber die weckt sinnliche Gefühle, die ihre Freundschaft zerstören könnten!

STURM ÜBER DER INSEL DER LIEBE von JC HARROWAY

Ein mächtiger Sturm bringt die Patienten der Clinico San Carlo auf einer Mittelmeerinsel in Gefahr. Klinikchefin Dr. Lola Garcia arbeitet eng mit Sicherheitschef Xavier Torres zusammen. In seinen Armen findet sie Schutz – und mehr! Aber sie ahnt nicht, wer sie so leidenschaftlich liebt …


  • Erscheinungstag 30.05.2026
  • Bandnummer 217
  • ISBN / Artikelnummer 8031260217
  • Seitenanzahl 384

Leseprobe

Scarlet Wilson, Kristine Lynn, JC Harroway

JULIA PRÄSENTIERT ÄRZTE ZUM VERLIEBEN BAND 217

Scarlet Wilson

PROLOG

Lyon, Frankreich

Die Verwaltungschefin des Krankenhauses sah ihn erneut an. „Dr. Dubois, haben Sie verstanden, was ich Ihnen gesagt habe?“

Normalerweise fehlten Theo nie die Worte. Aber plötzlich kam ihm der Lederstuhl, auf dem er saß, völlig fremd vor, seine Gänsehaut wie eine tropische Krankheit und die verworrenen Gedanken in seinem Kopf wie die Vorboten eines Zusammenbruchs.

Nichts von alledem hier war normal. Es konnte nicht real sein. Es war ein Traum. Ein Albtraum.

Colette, die Verwaltungschefin, berührte seine Hand und nickte dem Polizisten im Zimmer zu. Colette war eine respekteinflößende Frau Anfang sechzig. Immer makellos gekleidet, regierte sie das Krankenhaus mit eiserner Hand, und man sollte ihr lieber nicht in die Quere kommen. Heute jedoch war sie freundlich zu Theo. Er sah ihre mitfühlende Miene, wodurch er fast die Fassung verlor.

„Am Freitag habe ich noch mit ihr gesprochen“, sagte er. „Ich habe sie vor ein paar Wochen besucht und wieder angeboten, ihr zu helfen. Ich habe sie gefragt, ob ich Max abholen soll, aber sie wollte meine Hilfe nicht.“ Ihm versagte die Stimme.

Der Polizist räusperte sich. „Fleur … Madame Bernard wurde am Freitag gefunden, nachdem Nachbarn uns auf ein weinendes Kind aufmerksam gemacht haben. Anscheinend handelte es sich um eine versehentliche Überdosis. Wir haben Papiere in ihrer Wohnung gefunden, die darauf hindeuteten, dass Sie ihr nächster Angehöriger sind. Und sie wollte, dass Sie sich um Max kümmern.“ Er hielt einen Moment inne. „Ich nehme an, Sie sind der Vater von Max.“

Das holte Theo wieder in die Realität zurück. „Was? Nein. Fleur war meine Freundin in der Schulzeit. Wir sind seit über zehn Jahren nicht mehr zusammen gewesen. Aber sie hat mich gebeten, der Pate von Max zu werden, und ich war damit einverstanden. Mit ihren Eltern hatte sie sich zerstritten …“ Er holte tief Luft. „Wegen der Drogen.“

Als er allmählich die ganze Tragweite der Situation erfasste, hob er den Kopf. „Was bedeutet das jetzt?“

Der Polizist wirkte etwas verlegen. „Der Sozialdienst wird sich bezüglich des Sorgerechts für Max mit Ihnen in Verbindung setzen. Wissen Sie zufällig, ob Madame Bernard ein Testament aufgesetzt hat?“

Theo lachte ironisch, während er sich frustriert mit beiden Händen durchs Haar fuhr. „Ja, das weiß ich. Als ihre Sucht sich verschlimmerte, habe ich ihr eine Organisation genannt, bei der man umsonst sein Testament erstellen lassen kann. Ich habe ihr gesagt, dass sie für Max Verantwortung übernehmen muss. Sie hat auf niemanden gehört und keine Hilfe angenommen. Das Sozialamt hatte ihr Unterstützungsmöglichkeiten angeboten.“ Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück, und seine Stimme wurde leiser. „Aber sie hat jede Hilfe abgelehnt. Ihre Sucht hatte endgültig die Macht über sie gewonnen.“

Auf einmal wurde ihm kalt. Noch nie hatte er dies irgendjemandem gegenüber laut ausgesprochen. Fleur war auf dem Weg der Selbstzerstörung gewesen. Bei ihrer letzten persönlichen Begegnung hatte sie ihm die Tür vor der Nase zugeschlagen. Theo war froh gewesen, dass sie am Mittwoch ans Telefon gegangen war, und er hatte gedacht, die Dinge würden sich vielleicht wieder zum Besseren wenden.

Der Polizist legte ihm die Hand auf die Schulter. „Ich brauche noch einige Daten von Ihnen, und dann wird sich der Sozialdienst bei Ihnen melden – wahrscheinlich morgen.“

Theo nickte mechanisch. In den nächsten zehn Minuten gab er dem Polizisten die Kontaktdaten von Fleurs Eltern, nannte ihm die Organisation, die Fleurs Testament aufgesetzt hatte, und stellte auch seine eigenen Fragen. Auf welche Weise er die Beerdigung veranlassen und die Sachen von Max abholen konnte.

Als der Polizist schließlich ging, hatte Theo das Gefühl, als hätte er gerade einen Marathon hinter sich.

Sekundenlang atmete er nur tief durch, ehe er Colette ansah und hilflos die Hände hob. „Was soll ich jetzt tun?“

Sie setzte sich auf den Stuhl neben ihm. „Lassen Sie sich von mir helfen, Theo. Werden Fleurs Eltern nicht die Beerdigung organisieren?“

Er schüttelte den Kopf. „Sie haben Fleur erst spät bekommen, und sie sind schon beide in einem Pflegeheim. Ihr Vater leidet an Demenz.“

Colette nickte verstehend. „Und was ist mit Ihnen? Wie gut sind Sie darauf vorbereitet, sich um ein Kind zu kümmern? Haben Sie Verwandte, die Sie unterstützen können? Eine Lebensgefährtin?“

Erneut schüttelte Theo den Kopf. „Mein Papa hat Multiple Sklerose, und meine Maman pflegt ihn rund um die Uhr.“ Er lächelte. „Und keine Lebensgefährtin. Momentan bin ich Single.“

Er zog die Brauen zusammen, als ihn unvermittelt Panik ergriff. „Ich weiß kaum etwas über Kinder. Ich habe zwar oft auf Max aufgepasst, aber dabei einfach improvisiert. Ich habe keine Ahnung, wie man so was wirklich macht. Und was ist mit meiner Arbeit? Wie soll ich die Kita hier davon überzeugen, dass sie alle meine Dienste abdecken müssen?“

Colette nahm ein Blatt Papier von ihrem Schreibtisch. „Vor allem, geraten Sie nicht in Panik. Atmen Sie tief durch.“ Aufmerksam betrachtete sie ihn. „Auch wenn Ihre Freundin es in ihrem Testament so festgehalten hat, falls Sie glauben, dass Sie nicht imstande sind, für Max zu sorgen, müssen Sie das mit dem Sozialdienst besprechen. Die Leute dort werden von Ihnen nicht verlangen, ihn zu nehmen, sofern Sie nicht für alles bereit sind, was damit verbunden ist.“

Sein Magen krampfte sich zusammen. Hätte er jemals gedacht, dass sein Leben so verlaufen würde? Nein. Aber als Theo sich bereiterklärt hatte, der Pate von Max zu sein, war ihm bewusst gewesen, dass dies passieren könnte. Er hatte keine Ahnung, wer Max’ Vater war. Fleur hatte es ihm nie erzählt. Wer auch immer es sein mochte, er war nicht Teil ihres Lebens gewesen.

Theo holte tief Luft. „Ich werde ihn zu mir nehmen. Ich möchte es so. Und ich werde dafür sorgen, dass es funktioniert.“

Colette zeigte ihm das Papier. „Normalerweise würde ich so etwas nicht tun. Sie sind ein großartiger Kardiologe, und wir sind sehr froh, Sie bei uns zu haben. Aber ich verstehe, wie schwierig die Dinge manchmal sein können. Das hier habe ich gerade bekommen. Sie suchen dort Fachärzte. Ein Kardiologe wie Sie wäre sicher sehr gefragt. Für die richtigen Kandidaten bieten sie äußerst attraktive Bedingungen an. Wenn Sie denen sagen, dass Sie ein Kind haben und eine entsprechende Betreuung benötigen, bin ich sicher, dass man Ihnen helfen kann.“

„In Dubai?“ Theo war sprachlos. Noch nie hatte er in Betracht gezogen, außerhalb seiner Heimat Frankreich zu arbeiten. Zwar waren viele seiner Freunde im Ausland tätig, aber er selbst hatte nie daran gedacht.

Colette nickte bestätigend. „Sogar steuerfrei. Stellen Sie sich vor, wie viel Sie sparen könnten. Sie arbeiten dort für ein paar Jahre und kommen dann mit einem gut gefüllten Bankkonto wieder zurück, was Ihnen für Ihre Zukunft mit Max eine große Hilfe wäre.“

Plötzlich begann sein Gehirn wieder zu funktionieren. Momentan hatte Theo eine kleine Wohnung mit einer Hypothek. Langfristig brauchte er etwas Größeres für sich und Max. Wenn er genug für einen großen Anteil an Eigenkapital ansparen konnte, wäre es vielleicht sogar möglich, auch seine Arbeitszeiten zu verkürzen, um Max’ Bedürfnisse zu erfüllen.

Colette lächelte. „Nur damit Sie es wissen, auch wir Frauen, die selbst ein Kind geboren haben, wir haben alle improvisiert. Keiner von uns weiß von Anfang an, was er tut. Nicht mal diejenigen, die einen Elternratgeber lesen.“

Er seufzte, und zum ersten Mal, seitdem er in ihr Büro gekommen war, entspannten sich seine Schultern.

„Ich will Ihnen nicht vormachen, dass es leicht ist, alleinerziehend zu sein“, fuhr sie fort. „Es ist hart, das weiß ich. Aber Sie schaffen das, Theo. Ich glaube an Sie. Also, ich möchte Ihnen nur sagen, dass ich Ihnen in den nächsten paar Wochen zur Seite stehen werde. Und falls Sie diese Stelle bekommen, werde ich trotzdem noch telefonisch für Sie erreichbar sein. Tag oder Nacht. Manchmal wird einem alles zu viel. Manchmal fühlt man sich vollkommen überfordert. Aber ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie viel Freude es Ihnen bereiten wird, zuzusehen, wie ein kleiner Mensch wächst und gedeiht. Ein Elternteil zu sein, ist ein Privileg. Sie sind dabei, sich auf das größte Abenteuer Ihres Lebens einzulassen.“

Ihre Stimme klang herzlich. Theo erlebte plötzlich eine ganz neue Seite der Verwaltungschefin, die allgemein unter dem Spitznamen Attila bekannt war, was sie offenbar nicht störte. Auf seinem Telefon suchte er nach dem letzten gemeinsamen Foto von sich und Max. Der Dreijährige hatte zerzaustes blondes Haar, sein T-Shirt war voller Himbeersauce von dem Eis, das er gerade geschleckt hatte, und er lachte übers ganze Gesicht. Die Freude, von der Colette gesprochen hatte, war eindeutig zu erkennen.

Als Theo noch einmal tief durchatmete, spürte er, wie sich eine innere Ruhe in ihm ausbreitete. Das hier war die Realität. Seine Zukunft hatte sich gerade völlig verändert, aber er würde es schaffen. Mit einem Lächeln hielt er Colette das Foto hin. „Das ist Max, der von jetzt ab mein Leben bestimmen wird.“

1. KAPITEL

Drei Monate später

Addison Bates fühlte sich wie betäubt. Schon seit vier Monaten. Nachdem ihr Verlobter ihr gemeinsames Konto geplündert hatte und auf Nimmerwiedersehen verschwunden war.

Seitdem hatte sie nach und nach herausgefunden, wie viele Schulden er in ihrem Namen gemacht hatte und welchen illegalen Aktivitäten er nachgegangen war. Die zusätzliche Hypothek auf ihr Haus hatte das Fass endgültig zum Überlaufen gebracht.

Eigentlich hatte Addy sich immer für eine gute Menschenkennerin gehalten. Eine Frau, die auf ihr Geld und auf ihr Herz achtete. Doch Stuart King hatte all das zerstört. Als sie ihr Haus ausräumen musste, hatte sie ihren Verlobungsring dort liegen lassen. Denn diese Verlobung war nichts weiter als schöner Schein gewesen.

Sobald sie in Dubai das Flugzeug verließ, schlug ihr die Hitze entgegen. Eine trockene, glühende Hitze. Daran würde sie sich gewöhnen müssen. Dies hier war nämlich ihre einzige Chance, dem ständig wachsenden Schuldenberg zu entkommen, der sich immer weiter auftürmte.

Selbstverständlich hatte Addy Anzeige erstattet. Aber die Polizei hatte ihr höflich mitgeteilt, dass die Untersuchung des Betrugsfalles möglicherweise länger als ein Jahr dauern könnte. In der Zwischenzeit war ihre Kreditwürdigkeit niedriger als die einer Erdkröte, was vermutlich auch so bleiben würde. Selbst wenn nachgewiesen wurde, dass Stuart die Schulden unrechtmäßig auf ihren Namen gemacht hatte.

Nun also Dubai. Sie kannte einige Leute, die hier gearbeitet hatten. Und ihre Position als Stationsleiterin der Kardiologie zu Hause sowie ihre Erfahrung auf einer kardiologischen Intensivstation machten sie zu einer guten Kandidatin für die zahlreichen Spezialkliniken hier. Ihr Gehalt war höher als jemals zuvor, und es gehörte sogar noch ein Apartment in einer offenbar schönen Gegend dazu.

Außerdem wollte sie dem gemeinsamen Freundeskreis von sich und Stuart entfliehen. Sie hatte die vielen verurteilenden Blicke und das offensichtliche Misstrauen der Leute bemerkt. Glaubten diese tatsächlich, dass sie etwas mit der ganzen Sache zu tun hatte?

Sie schauderte. Dubai war ein Neuanfang für sie. Das hoffte sie zumindest.

Das Apartment lag in einem geschlossenen Wohnkomplex, das Gebäude war ein echter Wolkenkratzer. Und es gab sogar einen Portier, was sehr beruhigend war. Addy musste sich ausweisen, bevor sie eintreten durfte und die Schlüsselkarte ausgehändigt bekam. Außerdem erhielt sie eine Liste von Hausregeln, und ihr wurde mitgeteilt, dass ihre Sachen bereits geliefert worden waren.

Die deckenhohen Glasfenster im Wohnbereich boten eine herrliche Aussicht auf die großartige Kulisse Dubais mit all seinen majestätischen Sehenswürdigkeiten. Sie legte eine Hand an die Glasscheibe. Hier oben fühlte sie sich wie in einer Wolkenstadt.

Als sie ihre Hand zurückzog, blieb deren Abdruck zurück. Die gesamte Wohnung war makellos, und sie hinterließ bereits Schmutzspuren.

Sie hatte um eine möblierte Unterkunft gebeten, und das hier sah aus wie ein Schauraum. Zwar gab es nur ein Schlafzimmer, durch die weißen Wände und die hellen Möbel wirkte das Apartment jedoch sehr geräumig. Ebenso wie durch den weiten Blick in die Ferne. Das Bad war der einzige Raum, der keine Aussicht besaß, wofür sie durchaus dankbar war. Vom Schlafzimmer aus konnte man die ganze Stadt überblicken, und Addy überlegte, wie es sich wohl anfühlen mochte, nachts hier zu schlafen – sozusagen direkt im Sternenhimmel. Die Küche war klein, aber praktisch eingerichtet. Zudem gab es eine Waschküche und für das gesamte Gebäude auch einen Swimmingpool sowie eine Sportanlage.

Während sie sich umschaute, fröstelte sie unwillkürlich. Es war ein wunderschönes Apartment, perfekt auf ihre Bedürfnisse abgestimmt. Dennoch schienen die Räume um sie herum widerzuhallen. Es wirkte wie eine leere Leinwand. Sie hatte geglaubt, dass sie genau das wollte, aber jetzt?

Mit einem tiefen Seufzer ließ Addy sich auf das bequeme, cremefarbene Sofa sinken. Auf einmal fühlte sie sich von allem überfordert. Die Online-Vorstellungsgespräche, die Kündigung bei ihrer vorherigen Stelle, das Einlagern ihrer wenigen Habseligkeiten, bevor ihr Haus ihr wieder genommen wurde. Der Flug nach Dubai schien wie im Nu vorbei gewesen zu sein.

Jetzt war sie tatsächlich hier, um zu arbeiten. In einem Land, in dem sie die offizielle Landessprache nicht beherrschte. Obwohl Englisch hier weit verbreitet war. In dem Krankenhaus, das sie eingestellt hatte, ging man davon aus, dass sie ohnehin hauptsächlich europäische Patienten versorgen würde.

Seufzend blickte sie sich erneut um. Natürlich hatte sie Glück. Sie hatte die Chance, hier gutes Geld zu verdienen und sich finanziell zu sanieren. Danach konnte sie dann entscheiden, was sie mit ihrem Leben anfangen wollte. Es war einzig und allein ihre Schuld, dass sie sich in dieser Situation befand. Sie war einfach zu vertrauensselig. Zu nachgiebig. Oder zumindest war sie es gewesen.

Diese Addison Bates gab es nicht mehr.

Die Addison Bates, die als neue Stationsleiterin auf der kardiologischen Station in dem weltberühmten Spira Hospital in Dubai arbeiten würde, würde ganz anders sein.

Sie war nicht da, um mit jedem befreundet zu sein und die Wünsche ihrer Kollegen zu erfüllen. Vielmehr war sie hier, um ihren Patienten die bestmögliche Versorgung zukommen zu lassen. Um sicherzustellen, dass sowohl die kardiologische Pflege als auch die kardiologischen Eingriffe erfolgreich verliefen und dass die Mitarbeiter unter ihrer Aufsicht gewissenhafte Arbeit leisteten.

Es wurde Zeit, sich eine völlig andere Einstellung anzueignen.

Und sie war bereit dazu.

2. KAPITEL

„Dr. Dubois? Die Medikation von Mr. Koch muss noch überprüft werden.“

Theo nahm die Aufzeichnungen vom Krankenpfleger entgegen und überflog sie. „Kein Problem. Ich werde ihn gleich untersuchen und ihm dann etwas Wirksameres verschreiben.“

Allmählich lebte er sich hier ein. Das Krankenhaus war riesig. Er hatte geglaubt, dass sein früheres Krankenhaus in Lyon schon hochmodern ausgestattet gewesen wäre. Doch das war nichts im Vergleich zu dem, was das Spira Hospital unter seinem Dach zu bieten hatte.

Nichts war zu teuer, technische Geräte wurden häufig ausgetauscht, und der Personalschlüssel war höher, als er es jemals sonst irgendwo erlebt hatte. Jede Pflegekraft musste nur zwei bis drei Patienten betreuen. Theo besaß lediglich die Aufsicht über eine Station sowie ein paar Betten auf der kardiologischen Intensivstation. Zudem standen ihm tägliche Operationszeiten in dem speziell dafür ausgestatteten Kardiologie-Operationssaal zur Verfügung, ohne mit anderen Chirurgen darum kämpfen zu müssen.

Er hatte seltener Rufbereitschaft als zuvor, und er und Max fanden sich mittlerweile schon ganz gut zurecht.

Für Theo war es wie ein Sprung ins kalte Wasser gewesen. Unvorbereitet und ohne jede Erfahrung. Max kannte ihn zwar, aber er war nur selten über Nacht geblieben, und Theos Wohnung war ohnehin nicht besonders kinderfreundlich eingerichtet gewesen. Der Umzug von Frankreich nach Dubai hatte sich nur deshalb verzögert, weil sie auf Max’ Pass warten mussten. Es hatte keinerlei Probleme dabei gegeben, die Vormundschaft für den Jungen zu erhalten. Anfangs war der Kleine etwas schüchtern gewesen, aber lustig und intelligent. Eigentlich hätte die ganze Welt für dieses Kind kämpfen müssen, aber Theo war der Einzige, der sich verantwortlich fühlte.

Das Spira Hospital war tatsächlich so hervorragend, wie es in den häufigen Fernseh-Werbespots gezeigt wurde. Theo hatte ein wunderschönes und gemütliches Apartment. Die Kinderbetreuung war besser, als er es sich hätte vorstellen können, und in ihrer Wohngegend gab es zahlreiche Anlagen und Einrichtungen.

Aber es war einsam. Bisher hatten sich noch nicht viele Gelegenheiten ergeben, Freundschaften zu schließen. Seine Kollegen waren freundlich und liebenswürdig. Aber es war nicht dasselbe wie ein großer Freundeskreis, wo man jederzeit jemanden anrufen oder vorbeikommen konnte, um gemeinsam etwas zu trinken und Gesellschaft zu haben.

Nach einem letzten Blick auf den Computer stellte er im Geiste eine Liste all der Dinge auf, die er heute Vormittag noch zu erledigen hatte. Dann stand er auf, um zu Mr. Koch zu gehen. Kaum hatte er jedoch zwei Schritte gemacht, da ertönte der unüberhörbare Ton des Notrufsignals. Er klang gedämpft und war offenbar nicht direkt auf seiner Station, aber das gesamte Personal war sofort in Alarmbereitschaft. Man hatte ihnen mitgeteilt, dass das Notrufsystem heute neu konfiguriert werden sollte. Obwohl Theo keine Rufbereitschaft hatte, war noch keine Entwarnung gekommen, dass das System wieder einwandfrei funktionierte. Daher lief er auf den Raum weiter unten auf dem Korridor zu, aus dem der Notruf kam. Er lag hinter der Doppeltür. Theo sah, wie eine unbekannte Kollegin den Notfallwagen packte und schnell zu dem Raum zog.

Dies war keiner von Theos Patienten. Es gab vier weitere Kardiologen, deren Patienten hier im Krankenhaus lagen. Aber er war darauf trainiert, auf ein Notrufsignal immer zu reagieren. Egal, wo er sich gerade befand.

Als er durch die Tür stürzte, fasste er nach der anderen Seite des Wagens, um ihm noch einen kleinen Schubs ins Zimmer hinein zu geben.

Die Frau, die ihn zog, stieß einen kurzen Aufschrei aus. „Vorsicht!“ Mit finsterer Miene funkelte sie ihn an.

Theo hatte sie noch nie zuvor gesehen, doch sie trug den weinroten Klinikanzug einer Stationsschwester.

„Wer ist der Patient?“ Er wich dem Notfallwagen aus und eilte ans Kopfende des Bettes, um die Situation zu beurteilen.

„Keine Ahnung“, erwiderte die Frau knapp und schaute auf den Herzmonitor. „Ventrikuläre Tachykardie“, stellte sie fest, ehe sie die Blutdruckmanschette am Arm der Patientin per Knopfdruck aufpumpte.

Auf der anderen Bettseite stand ein Pflegehelfer, in Grau gekleidet. Er zog der Patientin die Kissen unter dem Kopf hervor, damit sie flach auf dem Bett lag.

„Geben Sie mir irgendwelche Informationen.“ Theo bemühte sich um einen neutralen Tonfall, obwohl die Lage offensichtlich ernst war.

„Ich habe den Notruf gedrückt“, erklärte der Pflegehelfer. „Sie hat mit mir gesprochen, und im nächsten Moment hat sie die Augen verdreht, und alle Alarme wurden ausgelöst.“

Eine weitere Krankenschwester eilte herein und warf einen überraschten Blick auf ihre Kollegen. „Das ist Isabel Aurelis“, sagte sie schnell. „Einundzwanzig. Zahlreiche Ohnmachtsanfälle und hohe Herzfrequenz. Verdacht auf Wolff-Parkinson- White, aber sie ist buchstäblich gerade erst reingekommen. Wir haben ihr Blut abgenommen, aber sie hatte noch nicht mal ein EKG.“

„Es wurde doch bestimmt eins gemacht, bevor sie aufgenommen wurde, oder?“; fuhr die Stationsschwester sie gereizt an. Sie hatte einen ungewöhnlichen Akzent. Das dunkle Haar hatte sie mit einer Spange zusammengefasst, und ihr Ausdruck war ernst.

„Und wer sind Sie?“, fragte die zweite Krankenschwester.

Theo spürte die Feindseligkeit, die in der Luft lag. Dafür war jetzt keine Zeit.

Die andere Frau tastete gerade nach dem Puls der Halsschlagader. „Ich bin Ihre neue Stationsschwester“, antwortete sie. Da erkannte er es. Ein starker schottischer Akzent. Sie schaute auf. „Kein Puls.“

Rasch griff er nach den Elektroden des Defibrillators. „Pulslose ventrikuläre Tachykardie“, erklärte er. „Ich werde mit zweihundert Joule schocken.“

Er wartete, bis die Krankenschwester die dicken Gel-Pads auf den Brustkorb der Patienten gelegt hatte. „Wo ist Isabels Arzt?“

„Dr. Gemmill wird innerhalb der nächsten Stunde hier sein. Er weiß, dass Isabel kommt.“

„Piepen Sie ihn an.“ Theo blickte in die Runde. „Zurück.“

Er fragte sich, wie Dr. Gemmill es wohl aufnehmen würde, dass er die Versorgung seiner Patientin übernahm. Doch das spielte keine Rolle. Dies war ein Notfall. Sobald er sicher war, dass niemand mehr die Patientin berührte, gab er den Elektroschock ab.

Er schaute zum Monitor, und die Stationsschwester fühlte erneut den Puls an Isabels Halsschlagader. „Ein Flackern.“

„Wir warten noch“, meinte er ruhig.

Die Stationsschwester nickte und behielt die Finger am Hals der Patientin.

Wieder blickte Theo auf den Monitor. Ein winziges Zucken. Dann, nach wenigen Sekunden, noch eins. Und schließlich die Erleichterung, als ein QRS-Komplex mit einer normalen Herzfrequenz zu sehen war.

Theo trat zurück und stieß den Atem aus, so wie alle anderen auch.

Isabel Aurelis hatte Glück gehabt. Wäre dies an irgendeinem anderen Ort ohne Defibrillator passiert, hätte sie vermutlich nicht überlebt.

Theo griff nach der elektronischen Patientenakte und fing automatisch an, weitere Untersuchungen anzuordnen. „Ich will ein 12-Kanal-EKG mit einer vierundzwanzigstündigen Überwachung, um sicherzugehen, dass uns keine weiteren Vorfälle entgehen. Außerdem ein Herzecho, und um mögliche Herzrhythmusstörungen zu verhindern, werde ich ihr auch noch Amiodaron verschreiben.“

„Haben Sie die Berechtigung dafür?“, fragte die Stationsschwester stirnrunzelnd.

Erneut sah Theo sie an. Sie hatte eine seltsame Ausstrahlung. Aber er kannte sie nicht und konnte sich nicht erinnern, sie jemals zuvor hier gesehen zu haben. Er wollte etwas erwidern, aber sie wandte sich ihrer Kollegin zu, die vorhin ins Zimmer gestürzt war, wobei sie einen Blick auf deren Namensschild warf.

„Layla, bringen Sie niemals einen Patienten auf die Station, ohne mich vorher zu informieren. Und ganz sicher sollten Sie niemals einen Herzpatienten ohne die wichtigsten Hauptuntersuchungen hier raufbringen. Kein EKG? Wurden bei ihr irgendwelche Voruntersuchungen durchgeführt? Eine vollständige Anamnese?“

Laylas dunkle Augen weiteten sich, und sie wollte protestieren, doch die Stationsschwester hob die Hand. „Dies ist jetzt meine Station, und ein solcher Vorfall wird sich nicht wiederholen.“

Eine eisige Stimmung erfüllte den Raum, und Theo war beinahe amüsiert. Diese Stationsschwester wusste offenbar genau, was sie wollte.

Es war fast, als hätte sie seine Gedanken gesehen, als ihre Blicke sich plötzlich trafen. Was für eine außergewöhnliche Augenfarbe. Violett oder ein besonderer Blauton? Was auch immer es war, diese Augen waren scharf wie ein Laser.

„Addison Bates“, erklärte sie kurz angebunden. „Ich bin die neue Stationsschwester auf dieser Station. Und Sie sind?“

Bei ihrem herausfordernden Tonfall schien sein gesamter Körper sofort in eine Abwehrhaltung zu gehen.

„Theo Dubois.“ Mit dem Kinn wies er zur Tür, als Aufforderung, dieses Gespräch draußen fortzusetzen. Im Hinausgehen überprüfte er noch einmal Isabels Werte und nickte dem Pflegehelfer zu, dass er bei der Patientin bleiben sollte.

Ärgerliche Röte überzog Addisons Gesicht, als sie ihm auf den Korridor folgte.

Sobald sie weit genug von der Tür entfernt waren, drehte Theo sich zu ihr um. „Ich bin einer der Kardiologen der Nachbarstation. Mir wurde mitgeteilt, dass das Notrufsystem heute Vormittag neu konfiguriert wird. Deshalb habe ich auf den Notruf reagiert. Also, ja und nein. Ich habe die Berechtigung, solche Untersuchungen zu veranlassen, bin allerdings nicht Isabels Arzt.“ Er blickte auf die Patientenakte. „Sobald Dr. Gemmill eintrifft, wird er meine Anordnungen möglicherweise aufheben. Aber bis er kommt, habe ich die Verantwortung für Isabels medizinische Versorgung. Und …“ Er holte tief Luft, da ihm bewusst war, dass er sich normalerweise nicht so verhielt. Aber die neue Mitarbeiterin hatte ihn verärgert. „… hier führen wir solche Gespräche nicht vor den Patienten, Schwester Bates.“

Ihre dunklen Pupillen blitzten auf, und kleine rote Flecken erschienen auf ihren Wangen. Theo bemühte sich, zu ignorieren, wie attraktiv er sie fand. Er konnte sich nicht erinnern, wann er sich zuletzt so zu einer Arbeitskollegin hingezogen gefühlt hatte. In Anbetracht der Tatsache, dass er erst seit drei Monaten hier war und sich jetzt auch um Max kümmerte, stand eine Beziehung nicht einmal zur Debatte.

„Sie sind neu hier. Also sollten Sie sich etwas Zeit nehmen, sich an das System und die Arbeitsabläufe zu gewöhnen“, fügte er hinzu.

Sie schien geradezu Funken zu sprühen. „Auch wenn das heute mein erster Tag ist, handelt es sich um meine Station, und ich werde unter keinen Umständen zulassen, dass sich das, was eben passiert ist, noch einmal wiederholt. Eine unbekannte Patientin, die ohne ordnungsgemäßen Arztbericht, Anamnese oder Untersuchungen auf meine Station kommt? Ganz bestimmt nicht.“

Theo verzog den Mund. Er wusste genau, was sie meinte, und er selbst hätte nie so gearbeitet. Dennoch wollte er nicht für die Ärzte auf Schwester Bates’ Station sprechen. Aber ihm gefiel ihre temperamentvolle Art, die so gut zu ihrem schottischen Akzent passte.

Entschlossen schob er diesen Gedanken beiseite. „Wir haben eine Mischung aus privaten und einheimischen Patienten, die zu uns hochkommen.“

„Dessen bin ich mir sehr wohl bewusst“, gab sie zurück. „Aber die einheimischen Patienten gehen zuerst in die Notaufnahme, wo sie untersucht und ärztlich beurteilt werden, bevor sie zu uns kommen.“

Mit einem leichten Schulterzucken erwiderte Theo: „Dann müssen Sie die Aufnahmeregelungen mit Ihren eigenen Ärzten besprechen. Es könnte sein, dass sie nicht damit einverstanden sind, all ihre Privatpatienten zuerst bei Ihnen anzumelden.“

Addison Bates deutete auf Isabels Zimmer. „Tja, wenn man danach geht, ist der jetzige Aufnahmeprozess jedenfalls riskant, und das werde ich nicht hinnehmen. Die Patienten haben was Besseres verdient.“

Seine Mundwinkel hoben sich beinahe, und er musste sich beherrschen, um dies zu verhindern. Denn er war ziemlich sicher, dass es ihr nicht gefallen würde. Ein paar dunkle Strähnen hatten sich aus ihrer Spange gelöst. Mit ihren geröteten Wangen und der ungewöhnlichen Augenfarbe war die neue Stationsschwester geradezu eine Schönheit, die ihre Rolle offensichtlich sehr ernst nahm.

Er reichte ihr das Tablet, auf dem er alle seine Anweisungen abgezeichnet hatte. „Hat mich gefreut, Sie kennenzulernen, Schwester Bates. Ich habe alles, was Isabel betrifft, dokumentiert. Falls Sie mich brauchen, ich bin gleich nebenan.“

„Addy“, sagte sie. „Ich heiße Addy.“

„Theo“, antwortete er, bevor er die Station wieder verließ.

Wie man aus dem ersten Tag eine Katastrophe macht – bei diesem Wettbewerb lag Addy eindeutig weit vorne.

Vielleicht hätte sie froh sein sollen, dass Theo nicht Arzt auf ihrer Station war. Eine Wiederholung dieser gesamten Situation wäre ihr nämlich äußerst unangenehm gewesen, sowohl auf der beruflichen als auch auf der persönlichen Ebene.

Zutiefst peinlich berührt schaute sie Theo nach, als er ging, ehe sie wieder zu Isabel zurückkehrte. Natürlich musste sie gleich mit dem ersten Facharzt aneinandergeraten, dem sie hier begegnet war. Und dass er der attraktivste Mann war, den sie in ihrem ganzen Leben je gesehen hatte, machte die Sache nicht besser.

Aber sie würde nie mehr einem Mann vertrauen. Dieser Teil ihres Lebens war ein für alle Mal vorbei. Addy war hier, um ein neues Leben zu beginnen, gute Arbeit zu leisten und sich wieder aus ihrem finanziellen schwarzen Loch herauszukämpfen.

Außerdem hatte sie nicht gerade den besten ersten Eindruck bei ihren Mitarbeitern hinterlassen. Dieses Problem musste sie auch noch lösen.

Isabel saß jetzt bequem hochgelagert in ihrem Bett, während der Pflegehelfer sich liebenswürdig mit ihr unterhielt, ihr etwas zu trinken besorgte und anbot, herauszufinden, wann sie etwas essen durfte.

Entschlossen setzte Addy ein Lächeln auf. „Isabel, wie fühlen Sie sich?“

Die junge Frau blickte zu ihr auf und presste die Hand auf ihre Brust. „Als wäre ich von einem Lkw überfahren worden.“

„Das tut mir leid.“ Addy lächelte dem Pflegehelfer zu. „Ich bin Addison Bates, die neue Stationsschwester. Ihren Namen habe ich leider nicht mitbekommen.“

„Omar.“ Er war etwa zwanzig Jahre älter als sie, und es schien, als würde er schon eine ganze Weile in diesem Job arbeiten.

„Omar, könnten Sie Layla suchen und sie bitten, bei den Untersuchungen, die Dr. Dubois angeordnet hat, nachzuhaken und uns Bescheid zu geben, wann diese durchgeführt werden können? Und sie soll bitte auch Dr. Gemmill noch einmal über den Pager rufen, ja?“

Omar nickte und verließ das Zimmer.

Addy setzte sich zu Isabel ans Bett. „Sie hatten einen harten Tag. Soll ich Ihnen alles erklären?“

Isabel wirkte etwas ängstlich. „Kann ich dabei einen Bubble-Tea trinken?“

„Im Moment noch nicht“, antwortete Addy. „Aber vielleicht später. Ich möchte Sie bitten, zunächst bei Wasser zu bleiben, bis all Ihre Untersuchungen abgeschlossen sind und Dr. Gemmill sich die Befunde angesehen hat. Es könnte sein, dass er heute noch eine Behandlung durchführen will.“

Seufzend lehnte Isabel sich in ihre Kissen zurück und hörte zu, als Addy ihr den Vorfall von vorhin erklärte.

„Ich will nicht, dass so was noch mal passiert“, erklärte Isabel. „Was kann man dagegen tun?“

In diesem Augenblick führte Layla einige Kollegen ins Zimmer, die mehrere Geräte hereinschoben. „Paulo macht das Herzecho und das EKG, und Mariam ist für die angeforderten Blutproben zuständig.“

Addy drückte Isabel die Hand. „Keine Angst, ich komme bald wieder zurück, um Ihnen auch alles andere noch zu erklären.“

Sie folgte Layla hinaus bis zum Schwesterntresen. „Mein abruptes Auftreten tut mir leid“, sagte sie. „Wir hatten noch keine Gelegenheit, uns richtig vorzustellen.“

Layla warf ihr einen vorsichtigen Blick zu. „Ich heiße Layla, ich habe meine Ausbildung hier gemacht und arbeite seit fünf Jahren in der Kardiologie.“ Mit einem Nicken wies sie auf die Doppeltür. „Ich wechsle zwischen beiden Stationen, je nach Bedarf.“

Addy hatte noch immer ein schlechtes Gewissen, weil sie einen so unglücklichen Einstand gehabt hatte. Daher bedeutete sie Layla, sich am Schwesterntresen zu ihr zu setzen. „Bitte entschuldigen Sie unsere erste Begegnung von vorhin. Ich versichere Ihnen, dass ich normalerweise nicht so bin. Es tut mir leid, wenn ich Sie verärgert habe, weil ich so direkt war. Ich bin neu hier und habe ein paar Dinge bemerkt, die mir Anlass zur Sorge gaben.“ Sie zögerte ein wenig. „Darf ich Ihnen einige Fragen zur Station stellen?“

Layla nickte zurückhaltend.

„Was ist heute bei Isabels Aufnahme geschehen? Ist das hier gängige Praxis?“

Layla wirkte etwas unbehaglich. „Ja und nein.“

Stirnrunzelnd fragte Addy: „Was heißt das?“

„Das heißt, dass manche Fachärzte es so handhaben und andere nicht.“ Sie biss sich auf die Lippen. „Manche Ärzte sind sehr locker. Sie behandeln ihre Patienten privat oder nehmen eine telefonische Überweisung vor und lassen sie dann herkommen. Auch wenn der zuständige Arzt den betreffenden Patienten beurteilt hat, bekommen wir die Unterlagen erst dann, wenn dieser schon bei uns im Bett liegt. Und falls es sich um einen Privatpatienten handelt, den einer der Ärzte bereits behandelt hat, werden die notwendigen Untersuchungen erst angeordnet, sobald der Patient eingetroffen ist.“

Addy überlegte, wie sie damit am besten umgehen sollte. Auf gar keinen Fall durfte das so weitergehen. „Layla, Sie kennen mich nicht. Ich habe zwölf Jahre lang in der allgemeinen Krankenpflege gearbeitet. In der Notaufnahme, der Kardiologie, auf einer kardiologischen Intensivstation, und ich war OP-Schwester bei kardiologischen Eingriffen. Seit vier Jahren bin ich Stationsschwester, und es geht mir darum, Probleme zu lösen. Also, können Sie bei den jetzigen Regelungen irgendwelche Probleme erkennen?“

Mit einem Seufzer nickte Layla. „Ich verabscheue es, wenn ich die Krankengeschichte eines Patienten nicht kenne, bevor er zu uns kommt. Manchmal müssen wir stundenlang auf die digitalen Unterlagen und Anweisungen warten. Oft kriegen wir bloß einen Anruf von einem der Fachärzte oder ihren Sekretärinnen, um uns zu informieren, dass ein Patient oder eine Patientin aufgenommen wird und der Arzt dann später kommt. Manchmal geben sie uns eine Diagnose, manchmal aber auch nicht.“

„Ist so etwas wie heute schon mal passiert?“, fragte Addison weiter.

Layla krauste die Nase. „Nicht direkt. Ein paar kleinere Probleme, aber nicht so ernst wie heute.“ Sie zeigte auf die Doppeltür. „Auf der Nachbarstation macht das kein Arzt so. Theo, Dr. Dubois, ist auch noch ziemlich neu, aber er gibt uns immer sehr genaue Informationen über seine Privatpatienten, die aufgenommen werden. Er stellt einen kompletten Behandlungsplan auf, veranlasst vorher alle notwendigen Untersuchungen und bespricht den Zeitpunkt der Aufnahme mit dem Pflegepersonal auf der Station.“

„Theo ist neu?“

„Ja, er und sein Kind sind vor Kurzem aus Frankreich hergekommen.“

„Er hat ein Kind?“

„Ja, einen kleinen Sohn, glaube ich.“

Eigentlich sollte Addy solche Fragen gar nicht stellen, aber sie war einfach damit herausgeplatzt, ohne darüber nachzudenken. Wieso?

Lag es an seinem sexy Akzent? Oder an seiner hochgewachsenen Gestalt, dem braunen Haar und seinen seelenvollen Augen?

Energisch rief sie sich zur Vernunft. Was Männer betraf, besaß sie einen schlechten Instinkt. Ihre letzte Beziehung hatte mit dem Verlust ihres Hauses und einem riesigen Schuldenberg geendet. Höchstwahrscheinlich war Theo Dubois ein Charmeur, und das war das Letzte, was sie jetzt gebrauchen konnte. Hoffentlich hatte er eine wunderschöne Frau, die seine gesamte Freizeit in Anspruch nahm.

Dieser Job war wichtig für Addy. Die Chance, ihr Leben wieder in die richtigen Bahnen zu lenken. Sie würde ohnehin kaum Zeit für Freundschaften haben, geschweige denn für irgendetwas anderes. Hier in Dubai musste sie sich ausschließlich auf sich selbst konzentrieren.

„Wir sprechen später noch darüber“, meinte sie zu Layla. „Ich denke, ich kann etwas dafür tun, dass bestimmte Arbeitsabläufe eingerichtet werden, die dabei helfen können, die Dinge besser zu organisieren.“

Layla zuckte die Achseln. „Viel Glück dabei. Einige Leute hier können recht altmodisch sein.“ Sie stand auf und zog ihren Klinikanzug zurecht. „Ich gehe wieder zu Isabel und kümmere mich um sie, bis Dr. Gemmill eintrifft.“

Addy nickte zustimmend, ehe sie nach einem Schreibblock griff, um sich einige Notizen zu machen. In den nächsten paar Tagen wollte sie auf der Station so viele Erfahrungen wie möglich sammeln.

Danach würde sie dann ihre Verbesserungsvorschläge einreichen.

3. KAPITEL

Theo war müde und auch ein wenig gereizt, als er seine Einkäufe, seinen Rucksack und den schläfrigen Max auf seinem Arm zugleich unter einen Hut zu bringen versuchte.

Es war gerade erst sechs Uhr abends. Die Arbeitszeiten im Spira Hospital waren genau wie versprochen. Außerdem gab es mehr medizinisches Personal, eine hervorragende Kinderbetreuung und weniger Rufbereitschaften als in Frankreich. Aber als Theo den Kopf des kleinen Jungen an seiner Schulter betrachtete, fragte er sich, ob er wirklich die richtige Entscheidung getroffen hatte.

Max war neun Stunden lang in der Kita gewesen. Die Erzieher dort waren wunderbar. Sie spielten mit den Kindern, brachten ihnen grundlegende Sprachkenntnisse bei, sorgten für ihre Unterhaltung, gutes Essen und ausreichend Ruhezeiten. Trotzdem war Max jeden Tag völlig erschöpft, wenn sie nach Hause kamen.

Als neuer Vater wusste er nicht, ob das normal war oder nicht. Vielleicht sollte er nachher eine Nachricht an Colette schreiben. Sie hatte ihr Versprechen gehalten und immer gerne alle seine Fragen beantwortet. Manchmal hatte sie sogar spätabends noch mit Theo telefoniert, wenn er sich Sorgen machte, weil Max Albträume hatte und im Schlaf weinte. Eine beruhigende, vernünftige Stimme am Telefon von jemandem, der das alles schon erlebt hatte, war eine große Erleichterung. Natürlich hätte Theo auch seine Maman anrufen können, aber sie hatte selbst schon genug Stress, ohne dass er auch noch dazu beitrug.

Als er seinen Wohnungsschlüssel aus der Hosentasche holen wollte, rutschte ihm die Einkaufstüte aus der Hand. Deren Inhalt verteilte sich um ihn herum, gerade als das Signal der Lifttüren auf dem Flur ertönte. Doch Theo konnte nicht mal aufschauen. Sein Blick war auf die Packung Schokoladeneis fixiert, Max’ Lieblingssorte, die aufgegangen war und sofort auf dem Boden zu schmelzen begann.

„Oje“, hörte er da eine leicht amüsierte Stimme hinter sich. „Kommen Sie, ich helfe Ihnen.“

Genau in diesem Augenblick schlug Max die Augen auf, sah sein ruiniertes Eis und stieß ein lautes Geheul aus.

Schlimmer hätte es wahrhaftig nicht kommen können. Dachte er zumindest. In der nächsten Sekunde blickte Theo jedoch in ein Paar bekannter violettblauer Augen. Addison Bates fuhr ein wenig zurück, als sie ihn erkannte, während sie die noch unversehrten Lebensmittel vom Boden aufsammelte. Sie trug selbst auch eine Tüte und hielt kurz inne, ehe sie alles zusammen hineintat.

Heute trug sie das dunkle Haar offen, das ihr in weichen Wellen bis auf die Schultern fiel. Sie war leger gekleidet, mit Jeans, einem weißen T-Shirt sowie einem leichten dunkelblauen Blazer. Sie sah hinreißend aus.

Max verbarg sein Gesichtchen an Theos Brust, während er sich gleichzeitig wand, sodass Theo keine Hand frei hatte, um ihr behilflich zu sein. „Danke“, sagte er rasch und deutete auf seine Tür. „Ich gehe gleich rein und wische den Fußboden wieder sauber.“

Der Eisfleck hatte schon fast Addisons Schuhe erreicht, doch das schien sie nicht zu stören. „Ist Ihr Schlüssel im Rucksack?“, fragte sie.

„Nein, in meiner Hosentasche“, gestand er leicht verlegen, wobei er den noch immer weinenden Max festhielt.

Die Einkaufstüte unter einen Arm geklemmt, hob sie beide Hände. „Soll ich?“

Theo zögerte nur einen Moment lang. Das war mit Sicherheit die peinlichste Begegnung mit einer neuen Nachbarin, die er je erlebt hatte. Er schob seine rechte Hüfte vor. „Bitte sehr.“

Addison ließ ihre schlanke Hand in seine Tasche gleiten, und er spürte sofort ihre Wärme durch den dünnen Stoff seiner Hose, als sie die Schlüsselkarte herausholte und vor den Scanner hielt.

Sobald sich die Tür mit einem Klicken öffnete, stieß Theo einen Seufzer der Erleichterung aus. „Danke“, sagte er in der Hoffnung, schnell flüchten zu können.

„Ich stelle die Sachen in die Küche.“ Addison zeigte auf die Einkäufe und ging als Erste hinein.

„Okay.“ Einen Augenblick fragte er sich, woher sie wusste, wo sie hingehen sollte. Doch dann wurde ihm klar, dass ihre Apartments vermutlich sehr ähnlich aufgeteilt waren.

Theo folgte ihr. Liebevoll strich er Max übers Haar und sprach sanft auf ihn ein, während er sich mit dem Kleinen auf dem bequemen Sofa niederließ.

Max machte im Allgemeinen kein großes Theater. Er war einfach übermüdet. Daher hoffte Theo, dass er sich bald beruhigen würde.

„Mein Eis …“, jammerte der Kleine an seiner Schulter.

„Das ist nicht schlimm“, sagte Theo leise. „Ich kaufe morgen wieder welches.“

Da er mit Max beschäftigt war, dauerte es ein wenig, bis er merkte, dass Addison sich offenbar in seiner Küche umgeschaut und ein paar Utensilien gefunden hatte. Denn sie war wieder draußen, wo sie auf Händen und Knien die makellosen Fliesen auf dem Korridor säuberte.

„Das müssen Sie doch nicht machen“, erklärte Theo verlegen.

Doch sie wedelte nur mit der Hand. „Kein Problem.“

Er lächelte über ihren starken Akzent. Bei ihrer ersten Begegnung war Addison ziemlich scharf gewesen, doch er spürte, dass mehr dahintersteckte. Jeder hatte einen bestimmten Grund, um in Dubai zu arbeiten. Jeder seine eigene Geschichte. Das hatte Theo schnell festgestellt, seitdem er hergekommen war.

Für viele war das Geld der Grund. Die Bezahlung hier war viel höher als woanders, und hinzu kamen dann noch die erheblichen Steuervorteile. Für manche war es das Land und die Erfahrung an sich. Andere wiederum wollten ihre Vergangenheit hinter sich lassen und ein neues Zuhause finden. Oder es lag an der Work-Life-Balance. Eine bessere Bezahlung, eine mögliche Reduzierung der Arbeitszeit sowie die umfassende Kinderbetreuung.

In Lyon hätte Theo große Schwierigkeiten gehabt, mit seiner neuen Situation zurechtzukommen. Hier gab es zwar auch gelegentlich noch kleinere Probleme, aber bisher nichts, was sich nicht hätte lösen lassen.

Während Max sich in seinen Armen allmählich zu beruhigen schien, schaute Theo weiter zu, wie Addison sich bemühte, das klebrige Eis zu entfernen.

Nun wurde auch Max darauf aufmerksam. „Kein Eis mehr“, sagte er in seinem allertraurigsten Ton.

Da hob sie den Kopf und warf dem Jungen ein breites Lächeln zu. „Da könnte ich euch vielleicht aushelfen.“

Sie sah Theo an. Selbst aus dieser Entfernung wirkten ihre violettblauen Augen faszinierend. Vor allem, da sie seinen Blick festhielt. Bildete er sich das bloß ein? Es war schon eine Weile her, seit Theo mit einer Frau zusammen gewesen war. Vielleicht hatte er die Dating-Regeln alle vergessen. Wie konnten sich wenige Sekunden so unendlich lang anfühlen?

Schließlich wandte sie ihre Aufmerksamkeit erneut dem Fußboden zu.

Theo stand auf, ließ Max herunter und ging hinaus auf den Korridor. „Lassen Sie mich das machen.“

„Schon gut.“ Addison entsorgte die schmutzigen Lappen im Mülleimer in der Küche. Dann griff sie nach der Einkaufstüte, die sie auf der Arbeitsfläche abgestellt hatte. „Und vielleicht kann ich die Lage noch retten.“ Sie leerte die Tüte aus, die eine Mischung aus seinen und ihren Lebensmitteln enthielt. Mitten zwischen Obst, Gemüse, Aufschnitt und Frühstücksflocken lag genau dieselbe Packung Schokoladeneis wie die von Theo. Addison beugte sich zu Max herunter. „Anscheinend haben wir beide dasselbe Lieblingseis. Was hältst du davon, wenn ich euch dies hier gebe? Dann kannst du heute Abend trotzdem Eis essen?“

Max machte große Augen und streckte die Hand nach der großen Packung aus. „Darf ich, Theo? Darf ich?“

Theo, der Max’ hoffnungsvolle Miene sah, wollte es ihm nicht abschlagen. „Das ist wirklich sehr nett“, sagte er zu Addison. „Aber dann sollten wir uns das Eis wirklich teilen. Möchten Sie es mit uns zusammen essen?“

Es entstand eine sekundenlange Stille. „Verzeihung“, setzte Theo schnell hinzu. „Sie haben wahrscheinlich eine eigene Familie, zu der Sie nach Hause müssen.“

Sie schluckte etwas, als ihre Blicke sich trafen. „Nein, ich bin allein. Und ich würde gerne das Eis mit Ihnen beiden teilen.“ Lächelnd schaute sie Max an. „Ehrlich gesagt tut ihr mir damit sogar einen Gefallen. Vermutlich hätte ich sonst die ganze Packung vor dem Fernseher aufgegessen. Teilen ist also auf jeden Fall besser.“

Sie trug keinen Ring, und ihre Worte ‚Ich bin allein‘ blieben bei Theo hängen. Es zeigte, wie einsam sie ihren Abend verbringen würde.

„Hast du auch Schreusel?“, unterbrach Max’ kindliche Stimme seine Gedanken. „Wir haben Schreusel. Ich kann dir welche geben. Ich hab auch Maschmallos.“

Theo lächelte ihm zu.

Neugierig sah Addison ihn an. „Sein Englisch ist sehr gut, aber Sie sind doch Franzosen, oder?“

„Ja. Seine Mutter war zweisprachig, und weil er schon früh Englisch gehört hat, hat er es schnell aufgeschnappt. Die Erzieher in der Krankenhaus-Kita sprechen hauptsächlich Englisch mit ihm, und er scheint dort gut zurechtzukommen.“ Theo hielt kurz inne. „Na, dann wollen wir uns mal um das Eis kümmern. Bitte setzen Sie sich doch.“ Er deutete auf den Esstisch in dem großen Raum.

Addison und Max setzten sich, und Theo brachte alles Notwendige an den Tisch. Er reichte ihr den Eisportionierer, ehe er die Schälchen aufreihte.

„Eine oder zwei Kugeln für Max?“, erkundigte sie sich.

„Eine“, antwortete Theo, als Max gleichzeitig ausrief: „Zwei!“

Daraufhin mussten alle lachen, bevor Theo auch die verschiedenen Sorten an Eisdekorationen noch auf dem Tisch verteilte. „Schokostreusel, bunte Zuckerstreusel, Marshmallows und Schokoladensauce.“

Er nahm neben Addison Platz und deutete auf den Tisch. „Deshalb habe ich gesagt, eine Kugel. Das wird eine wahre Zuckerexplosion.“

Als sie das Eis auf die Schälchen verteilte, lächelte sie zustimmend.

Max hielt beide Sorten Streusel hoch. „Welche willst du?“

Da hob Theo die Hand. „Ach, Entschuldigung. Ich habe meine guten Manieren ganz vergessen. Max, dies ist Addison Bates. Sie arbeitet wie ich im Krankenhaus.“

„Addy“, korrigierte sie rasch, wobei ihre Blicke sich erneut flüchtig trafen. „Meine Freunde nennen mich Addy.“

„Addy“, wiederholte Max und sah sie fragend an. „Welche?“

„Auf jeden Fall Schokostreusel.“ Sie schob ihr Schälchen zu ihm hinüber, woraufhin er die Dose schüttelte und ihr eine großzügige Portion Streusel gab.

Mit großer Begeisterung dekorierte er alle Schälchen.

„Die Sachen gibt er am liebsten gar nicht wieder her“, meinte Theo halblaut zu Addy.

Sie saß vollkommen entspannt am Tisch und unterhielt sich mit Max über die Kita und was ihm dort gefiel. Es war das erste Mal, dass jemand anders bei ihnen war. Als Theo das Sorgerecht für Max erhielt, hatte er ein paar Tage bei seinen Eltern verbracht. Einerseits, weil er ein wenig Unterstützung brauchte, und zweitens, weil er nach Dubai gehen wollte und nicht wusste, wann sie die Chance bekommen würden, wieder zusammen zu sein.

Eigentlich war er jetzt immer allein mit Max, aber es war schön, mal Besuch zu haben.

„Haben Sie sich schon eingelebt?“, fragte er.

Sie presste kurz die Lippen zusammen. „Na ja, es ist auf jeden Fall anders.“

„Inwiefern?“

Addy zeigte auf die Aussicht von seinem Wohnzimmer. „Ich meine, die Anlagen und die Apartments hier sind schön.“ Sie blickte sich um. „Meins ist ein bisschen kleiner, aber viel besser als die meisten anderen Orte, an denen ich gewohnt habe. Und an Spira muss ich mich erst gewöhnen.“ Nachdenklich wickelte sie sich eine dunkle Haarsträhne um den Finger.

„Ich auch“, stimmte Theo ihr zu. „Die technischen Geräte sind auf dem allerneuesten Stand im Vergleich zu dem, was ich im Krankenhaus in Lyon gewohnt war. Ich dachte dort schon, dass wir gut ausgestattet wären. Aber hier war alles absolut neu für mich.“

Addy verzog leicht die Miene. „Die Ausstattung ist hervorragend. Aber einige Verfahren und Abläufe finde ich etwas erschreckend.“

Er wusste sofort, was sie meinte. „Sie halten sie für gefährlich?“

Sie überlegte. „Nicht absichtlich. Aber manchmal ist eine zu große Lockerheit nicht gut. Ich habe ein paar neue Standard-abläufe für die Mitarbeiter auf allen Stationen erstellt und sie zur Genehmigung an die Personalverwaltung geschickt.“

„Tatsächlich?“ Theo lächelte. „Sie verschwenden wohl keine Zeit.“

„Nein.“

„Also, was hat Sie nach Dubai verschlagen?“, erkundigte er sich. Das erschien ihm keine allzu aufdringliche Frage zu sein.

„Ich brauchte einen Tapetenwechsel“, erwiderte sie, ohne zu zögern. „In Glasgow war ich bereits kardiologische Stationsschwester und hatte dort auch auf der Intensivstation und im OP gearbeitet. Aufgrund meiner Erfahrung konnte ich hier zwischen mehreren Stellenangeboten wählen.“

„Das heißt, Sie sind nicht wegen der Sonne, des Geldes und der Unterkunft hergekommen?“

Sie lächelte ein wenig. „Sagen wir mal, das waren zwar nicht die Hauptgründe, aber auf jeden Fall zusätzliche Pluspunkte.“

„Haben Sie Freunde hier oder jemanden, der später noch nachkommen wird?“, fragte Theo.

„Nein, ich kenne hier niemanden. Und es kommt auch niemand.“ Addy senkte den Blick auf ihr fast leeres Eisschälchen. In ihrer Stimme lag ein wehmütiger Ton.

„Ich bin sicher, Sie werden hier viele Freunde finden. Im Krankenhaus gibt es mehrere gute Clubs, es hat auch eine eigene Sportanlage, und ich glaube, das halbe Gebäude hier ist mit Kollegen aus dem Krankenhaus besetzt.“

„Gehen Sie denn in diese Clubs?“, wollte sie wissen.

Mit dem Kinn wies er auf Max, der den Kopf aufgestützt hatte und mit dem Löffel in seinem ebenfalls fast leeren Schälchen rührte. „Es ist schwierig, an Clubveranstaltungen teilzunehmen, da Max und ich alleine sind. Ich arbeite schon lange genug und möchte ihm nicht noch mehr unserer gemeinsamen Zeit wegnehmen.“

„Sie sind nur zu zweit?“

Er nickte, wobei er hoffte, dass Addy vor Max nicht nach irgendwelchen Einzelheiten fragen würde.

Stattdessen warf sie ihm einen nachdenklichen Blick zu. „Nun ja, falls es bei Ihnen mal einen Notfall geben sollte und ich nicht arbeite, helfe ich Ihnen gerne. Ich bin zwar keine Kinderexpertin, habe aber schon oft bei Kindern von Freunden gebabysittet.“

Theo seufzte erleichtert und lächelte ihr zu. „Das ist toll, vielen Dank. Bisher war die Krankenhaus-Kita meine einzige Hilfe für Max, und es wäre schön, eine Notfalllösung zu haben.“

Achselzuckend meinte sie: „Kein Problem. Ich wohne bloß zwei Türen weiter. Also geben Sie mir ruhig einen kleinen Chap, wenn nötig.“

Verständnislos zog er die Brauen zusammen.

Addy lachte. „Einen Chap geben? Das bedeutet Klopfen auf Schottisch.“

Lächelnd antwortete er: „Ah, okay.“ Dann schaute er zu Max hinüber. „Ich glaube, für jemanden hier wird es Zeit zum Baden und Schlafengehen.“ Mit einem Blick auf die leere Eispackung fügte er hinzu: „Und danke dafür. Ich besorge Ihnen ein neues Eis, versprochen.“

Sie stand auf. „Machen Sie sich deshalb keine Gedanken. Ihr Junge hatte es nötiger als ich.“ Dann nahm sie ihre Einkäufe, winkte ihnen kurz zu und ging hinaus.

Die plötzliche Stille schien in der Wohnung widerzuhallen. Max, der nun mit dem Kopf auf dem Tisch lag, schlief schon fast.

Seit ihrem Einzug hier hatte Theo noch keine Freunde zu Besuch gehabt. Aber war Addy überhaupt eine Freundin? Sie hatten sich ja bisher nur insgesamt zweimal miteinander unterhalten. Aber sie war hilfsbereit gewesen, konnte gut mit Max umgehen, und Theo hatte eine gewisse Verletzlichkeit bei ihr wahrgenommen.

Vielleicht sollte ihm das als Warnung dienen. Max’ Mutter war auch verletzlich gewesen. Max brauchte unbedingt Stabilität. Das war Theos oberste Priorität. Egal, wie attraktiv und liebenswürdig Addy war, von dieser Aufgabe durfte er sich nicht ablenken lassen. Seine Beziehung mit Max hatte Vorrang. Nichts anderes durfte dies beeinträchtigen.

Theo atmete tief ein. Noch immer hing ein Hauch ihres Parfums in der Luft. Er mochte es. Unwillkürlich überlief ihn ein Schauer. Und es gefiel ihm, dass der Duft noch da war.

Liebevoll hob er Max hoch, um ihn ins Bad zu tragen. „Sie ist nett … Ich mag Addy“, murmelte er schläfrig.

Theo strich ihm über den Kopf. „Ich auch“, sagte er, wobei ihn eine leichte Traurigkeit überkam. „Aber du bist der wichtigste Mensch für mich“, flüsterte er Max zu. „Und es wird alles gut.“

4. KAPITEL

In den letzten Nächten hatte Addy schlecht geschlafen. Sie war nicht sicher, ob es an der anderen Zeitzone lag oder vielleicht doch eher an einem gewissen gutaussehenden Arzt, den sie aus ihren Gedanken zu verbannen versuchte.

Dass sie heute Morgen von der Leiterin der Personalabteilung erwartet wurde, konnte allerdings nichts Gutes bedeuten.

„Miss Bates, könnte ich Sie kurz sprechen?“

Mit einem flauen Gefühl im Magen nickte Addy und folgte ihr in ein leeres Dienstzimmer.

Die Frau lächelte ihr zu. „Nur eine kleine Veränderung bezüglich einiger Details“, erklärte sie hastig.

„Worum geht es denn?“ Addy bemühte sich, ihre aufsteigende Panik zu unterdrücken.

„Ich wurde gebeten, Sie der Nachbarstation zuzuteilen.“

„Was? Warum?“ Addy war wie vom Donner gerührt. Sie hatte noch nicht einmal die Zeit gehabt, sich einzugewöhnen.

Mitfühlend sah die Personalchefin sie an. „Wir glauben, dass Sie auf der anderen kardiologischen Station vielleicht besser aufgehoben wären.“

„Wie bitte?“ Was passierte hier gerade? „Ich verstehe nicht recht.“

„Man ist der Ansicht, dass Sie etwas Zeit benötigen, um sich einzugewöhnen.“

„Das ist richtig.“ Sofort hatte Addy das Gefühl, sich verteidigen zu müssen. „Deshalb verstehe ich umso weniger, warum Sie mich nach wenigen Tagen schon wieder versetzen wollen. Und gi...

Autor

Kristine Lynn
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Jc Harroway

JC Harroway beschreibt sich selbst als "liebesromansüchtig". Für ihre Autorinnenkarriere gab sie sogar ihren Job im medizinischen Bereich auf. Und sie hat es nie bereut. Sie ist geradezu besessen von Happy Ends und dem Endorphinrausch, den sie verursachen. Die Autorin lebt und schreibt in Neuseeland.

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