Liebeszauber im Wüstensand

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Prinz Tariqs Plan, ein luxuriöses Einkaufszentrum in Nazrat zu eröffnen, droht zu scheitern. Nur eine kann ihn jetzt noch retten: die talentierte englische Innenausstatterin Emily. Während er Seite an Seite mit ihr an einem neuen Konzept für eine Märchenwelt aus 1001 Nacht arbeitet, fühlt er sich immer mehr zu ihr hingezogen. Nach einem glamourösen Ball im Palast kann er nicht länger widerstehen und zieht Emily für einen leidenschaftlichen Kuss in seine Arme. Doch das Herz der geheimnisvollen Schönheit scheint längst einem anderen zu gehören …


  • Erscheinungstag 26.05.2026
  • Bandnummer 112026
  • ISBN / Artikelnummer 0800262755
  • Seitenanzahl 144

Leseprobe

Anne Taylor

Liebeszauber im Wüstensand

1. KAPITEL

„Wie eine trauernde Witwe sieht sie nicht gerade aus!“

Tariq hörte die Stimme seines Bruders neben sich und wandte sich zu Hamned um. Der beobachtete mit eisiger Miene Leyana, die in einem engen roten Etuikleid aus schimmernder Seide durch die Menge stöckelte. Ihr Gesicht trug den Ausdruck verwöhnter Langeweile.

„Immerhin ist es die Gedenkfeier für ihren verstorbenen Gatten. Man sollte meinen, dass sie wenigstens bei einem solchen Anlass Haltung bewahren würde, anstatt ihre üblichen Spielchen zu spielen“, fuhr Ned hitzig fort. „Als Witwe hat sie Weiß zu tragen. Wie kann sie es wagen, in diesem Aufzug aufzukreuzen!“

Tariq starrte seinen Bruder überrascht an. Er hatte Hamned noch nie so wütend auf Leyana erlebt, die sich, seitdem sie den Vater der Brüder geheiratet hatte, wahrlich nie allzu königlich verhalten hatte. Doch jetzt, da der alte König vor einem Monat verstorben war, schien es für Leyana tatsächlich kein Halten mehr zu geben.

„Sie sucht wohl nach neuer Beute“, murmelte Tariq eine Spur beschämt. Warum schmerzte es immer noch, Leyana so zu sehen, auch nach all den Jahren? Empfand er etwa noch etwas für sie? Hatte er vergeblich versucht, sie aus seiner Erinnerung zu streichen? Und kehrten die alten Gefühle jetzt wieder zurück?

So verrückt kannst du doch nicht sein, sagte er sich selbst. Denk daran, was sie getan hat! Wie sie dich für die größere Chance eiskalt abserviert hat!

„Dann würde ich an deiner Stelle auf der Hut sein“, flüsterte Ned ihm zu.

Tariq fühlte den Stich, auch wenn er sich sagte, dass Ned seine Worte scherzhaft gemeint hatte. Oder nicht? Er sah seinen Bruder an. „Für wie dumm hältst du mich?“

Ned wiegte mit einem schelmischen Grinsen den Kopf. „Du bist leider ein hoffnungsloser Romantiker, Bruderherz. Und wenn Leyana ihren Charme spielen lässt, würde ich nicht darauf wetten, dass du ihr widerstehen kannst. Ich sehe doch, wie du sie anstarrst!“

Hastig wandte Tariq den Blick ab. War er wirklich so leicht zu durchschauen? Grimmig schüttelte er den Kopf. „Da unterschätzt du mich!“

„Ich hoffe es.“ Ned klopfte ihm ermutigend auf die Schulter. „Aber du weißt ja, die Uhr tickt!“

„Was willst du damit sagen?“, fragte Tariq irritiert.

Ned grinste. „Das Hochzeitsdatum für uns beide rückt näher. Erzähl mir nicht, dass du nicht darüber nachdenkst.“

Tariq atmete tief ein. Natürlich tat er das. Ein altes Gesetz in seiner Heimat Nazrat besagte, dass die jüngeren Brüder des Königs innerhalb eines Jahres nach dessen eigener Hochzeit ebenfalls eine Ehefrau vorweisen mussten. Andernfalls wurden sie aus der königlichen Familie ausgeschlossen und verloren ihre Apanage. Seitdem ihr älterer Bruder Kahan vor einem halben Jahr geheiratet hatte, wurde nun dasselbe von ihm und seinem jüngeren Bruder Hamned erwartet.

Auch wenn dieser verrückte, veraltete Brauch nur eins von vielen Probleme war, mit denen Tariq sich im Moment herumschlagen musste, war er ständig in Gedanken damit beschäftigt. Denn das eine Problem bedingte das andere. Wenn er es nicht schaffte, sein Einkaufszentrum rechtzeitig fertigzustellen und damit Erfolg zu haben, was dann? Musste er dann wirklich heiraten, so wie es dieser uralte Brauch verlangte? Weil er sonst alles verlor?

„Wie soll ich mir darüber Gedanken machen, wenn es keine Frau in meinem Leben gibt?“

„Leyana?“

„Leyana ist Geschichte“, erwiderte Tariq heftiger, als es seine Absicht gewesen war. „Außerdem wäre eine solche Heirat doch wohl mehr als geschmacklos. Die eigene Stiefmutter?“

„Leyana wäre bestimmt nicht abgeneigt. Dann stünde sie wieder im Rampenlicht. Und das ist doch das Einzige, was sie wirklich will.“

Ja, da hatte Ned recht. Macht und Geld waren immer schon Leyanas Antriebsmotoren gewesen. Auch in der Beziehung mit ihm? Natürlich, was denn sonst, sagte er sich ärgerlich. Denkst du, sie hätte auch nur einen Gedanken an dich verschwendet, wenn du nicht der Sohn des Königs von Nazrat gewesen wärst?

Tariq fühlte eine Welle von Übelkeit in sich aufsteigen. Leyana und ihre Intrigen. Wie hatte er nur auf sie hereinfallen können? Und immer noch übte sie diese merkwürdige Faszination auf ihn aus. Was war nur los mit ihm?

War er wirklich so gefühlsduselig, wie Ned behauptete? Tariq konnte nicht abstreiten, dass sein jüngerer Bruder ihn besser kannte als irgendjemand sonst. Wenn er sich jemandem anvertrauen wollte, dann ihm.

Ned war auch der Einzige, der wusste, welche Rolle Leyana einst in seinem Leben gespielt hatte. Nachdem sie sich seinem Vater zugewandt hatte, war Tariq bestrebt gewesen, jede Erinnerung an sie tief in seinem Herzen zu vergraben.

Die Hochzeit ihres Vaters, des damaligen Königs des Wüstenreiches Nazrat, mit einer Frau, die mehr als halb so alt war wie er, hatte schon für genug Wirbel gesorgt. Er wollte dem Skandal nicht noch eine weitere pikante Dimension hinzufügen, indem er zugab, mit dieser Frau einmal eine Beziehung geführt zu haben.

Schon kurz nach der unseligen Eheschließung war ihr Vater an Demenz erkrankt und hatte bald darauf sein Amt niederlegen und abdanken müssen. Sehr zum Unwillen von Leyana, die sich gern noch länger in ihrer erhabenen Stellung als Königin gesonnt hätte.

Mit fünfunddreißig war Tariqs Bruder Kahan vor drei Jahren zum König gekrönt worden. Sein ganzes Leben lang war er auf diesen Tag vorbereitet worden. Alles in seinem Leben war der absoluten Pflichterfüllung seinem Amt und seinem Land gegenüber untergeordnet. Ein solches Leben hatte Tariq sich nie vorstellen können. Von daher war er froh, nur der Zweitgeborene zu sein, auch wenn er sich dadurch ständig genötigt sah, seinen eigenen Wert zu beweisen.

Das Verhältnis zu seinem älteren Bruder war immer angespannt gewesen. Kahan war als Thronfolger der einzige der drei Brüder, dem der Vater nach dem frühen Tod ihrer Mutter irgendeine Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Tariq und Ned wurden von Kindermädchen und Hauslehrern großgezogen. Die einsamen Tage und Nächte in dem großen, kalten Gebäude hatten sich tief in Tariqs Gedächtnis gegraben.

Kommt daher meine Sehnsucht nach Liebe und Zuwendung? fragte Tariq sich. Mit sieben Jahren hatte der Tod seiner Mutter ihn vermutlich am empfindlichsten getroffen. Kahan, der drei Jahre älter war, besuchte bereits eine Militärakademie in einem anderen Teil des Landes und bändigte seine Gefühle mit der strengen Disziplin, die er dort erfuhr. Ned war mit seinen vier Jahren noch zu klein gewesen, um das ganze Ausmaß des Verlustes zu erfassen. Außerdem fand er Trost bei seinen geliebten Pferden.

Tariq hatte sich sehr allein mit seiner Trauer gefühlt. Sein ganzes Leben lang hatte er sich bemüht, diese Schwäche zu verbergen. Er hatte in einem beständigen Wettkampf mit Kahan gestanden, hatte stets versucht, seinem großen Bruder in allem nachzueifern.

Doch Kahan war immer der Stärkere und Bessere gewesen, allein schon durch seine Körpergröße. Er überragte seine jüngeren Brüder um fast einen Kopf. Auch jetzt war er leicht in der Menge der Gäste auszumachen, ruhig und majestätisch in seiner weißen Uniform.

Tariq trug wie Ned eine lange weiße Tunika über einer schmal geschnittenen weißen Hose. Die Gedenkfeier für ihren Vater, die traditionell einen Monat nach dem Ableben des Angehörigen stattfand, wurde im Königspalast abgehalten und sollte den Gästen Gelegenheit bieten, dem Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen.

Der große Festsaal war gefüllt mit prominenten Persönlichkeiten aus Nazrat und mit ausländischen Würdenträgern. Die untergehende Sonne ließ die goldenen Vertäfelungen der Wände und die mächtigen Kristalllüster, die von der Decke hingen, erstrahlen und tauchte alles in ein gleißendes Licht.

Tariqs Blick fiel auf seine Schwägerin Tessa. Unter ihrem fließenden weißen Kleid wölbte sich bereits deutlich sichtbar ihr Babybauch. Sie muss etwa im fünften Monat sein, überlegte Tariq. Nach den Traditionen des Wüstenstaates hätte Tessa sich ab dem ersten Tag ihrer Schwangerschaft aus der Öffentlichkeit zurückziehen können, um sich auf die Geburt ihres ersten Kindes vorzubereiten. Doch sie bestand darauf, weiterhin ihren royalen Verpflichtungen nachzukommen.

Als gebürtige Engländerin hatte Tessa sich seit ihrer Hochzeit mit Kahan bemüht, ein etwas fortschrittlicheres Frauenbild in Nazrat zu etablieren. Eine Schwangerschaft sollte eine Frau nicht davon abhalten, ein ganz normales Leben zu führen. Obwohl es ein Bruch mit der Tradition war, brachte Tessa diese Neuerungen mit so viel Anmut und Grazie auf den Weg, dass niemand sich daran stoßen konnte. Die Königin wurde von allen Seiten verehrt, vor allem wegen ihres Einsatzes für Frauen und Kinder.

Tessa stammte aus einem verarmten englischen Adelsgeschlecht. Wohl deshalb hatte sie sich von Kahans damaliger Verlobten dazu verleiten lassen, bei der Hochzeit die Plätze zu tauschen und eine Scheinehe mit dem König einzugehen.

Dass Kahan sich auf diese Scharade eingelassen hatte, war für Tariq lange Zeit unverständlich gewesen. War es wirklich möglich, eine Ehe ohne Liebe zu führen, nur aus Staatsräson?

Doch obwohl die Heirat durch eine Täuschung zustande gekommen war, hatte Tessa sich als die beste Königin herausgestellt, die Nazrat sich hätte wünschen können. Sie hatte auch Kahan zu einem anderen Menschen gemacht. Er war sanfter, zugänglicher geworden. Sein Leben war nicht mehr von sturer Pflichterfüllung geprägt, so wie in der Vergangenheit.

Aus der anfänglich schwierigen Beziehung war eine tiefe, innige Liebe gewachsen. Auch für Tessa schien Kahan die Erfüllung all ihrer Träume zu bedeuten. So wie sie immer wieder zärtlich zu ihm aufblickte … in ihrem Blick lag so unendlich viel Hingabe und Zuneigung … Eine Frau wie Tessa zu finden, ist das größte Glück, das einem Mann widerfahren kann, dachte Tariq. Würde auch ihm irgendwann ein solches Glück zuteilwerden?

„Mummy! Mummy! Guck, wie hoch ich schon bin!“

Übermütig schwang sich George auf der Schaukel, die in ihrem kleinen Garten stand, höher und höher. Das Reihenhaus am Stadtrand von London, in dem Emily aufgewachsen war, war immer noch ihr Zuhause. Es war ihr größter Besitz.

Emily beugte sich auf ihrem Terrassenstuhl vor. Zusammen mit ihrer Mutter saß sie an einem kleinen Gartentisch und trank Kaffee. „Das ist toll, Schatz! Du bist der beste Schaukler aller Zeiten! Aber halt dich bitte gut fest!“

Stolz betrachtete sie ihren Sohn. Wie groß er schon war mit seinen sechs Jahren! In wenigen Wochen würde er in die Schule kommen. Das war ein großer Schritt in einen neuen Lebensabschnitt für sie alle. Es würde auch ihrer Mutter Caroline mehr Freiraum verschaffen, den sie dringend benötigte.

Emily warf ihr einen dankbaren Blick zu. Ohne ihre Hilfe und Unterstützung hätte sie es nie schaffen können, George allein großzuziehen, nachdem sie mit dreiundzwanzig überraschend schwanger geworden war. Ihre Mutter war immer für sie dagewesen. Vom ersten Moment an hatte sie darauf bestanden, dass Emily ihr Kind bekommen sollte, auch als Gary, Georges Vater, in der Versenkung verschwunden war, nachdem er von ihrer Schwangerschaft erfahren hatte.

Die Westham-Frauen sind geübte Alleinerziehende, pflegte ihre Mutter mit ihrem trockenen Humor immer zu sagen. Damit spielte sie darauf an, dass auch Emily ohne Vater aufgewachsen war. Und es hatte ihr an nichts gefehlt. So wie es auch George hoffentlich an nichts fehlte.

Trotzdem hatte Emily jeden Morgen, wenn sie zur Arbeit ging und George bei ihrer Mutter zurücklassen musste, ein schlechtes Gewissen. Sie vermisste ihn jede Sekunde des Tages. Aber es ging nicht anders. Seitdem ihre Mutter aus gesundheitlichen Gründen ihren Job als Krankenpflegerin hatte aufgeben müssen, war Emily die Hauptverdienerin in der Familie.

Als freischaffende Innenausstatterin konnte sie sich zwar ihre Zeit selbst einteilen und vieles von zu Hause aus erledigen. Sie war aber auch gezwungen, sich aktiv um Arbeit zu bemühen. Der Konkurrenzkampf in der Branche war enorm. Sie konnte sich wirklich glücklich schätzen, den prestigeträchtigen Auftrag bei New Enterprises ergattert zu haben.

Die Investmentfirma von Tariq al Assidi zahlte gut und ließ ihr viele Freiheiten. Das neue Hotel, das an prominenter Stelle in London errichtet worden war und das sie ausgestattet hatte, stellte einen großen Meilenstein in ihrer Karriere dar. Von jetzt an sollte es einfacher sein, neue Projekte zu finden.

Zumindest hoffte sie das. Dann würde vieles für sie leichter werden. Vielleicht konnte sie sogar eine Assistentin einstellen und einige Arbeiten delegieren. Sie musste unbedingt ihre Mutter entlasten, die immer noch unter den Folgen ihres schweren Bandscheibenvorfalls litt, der sie gezwungen hatte, frühzeitig in den Ruhestand zu gehen.

„Sieh nur, Emmy, ist das nicht wunderbar? Und gar nicht teuer!“ Caroline Westham zeigte ihr auf dem Tablet, das sie in Händen hielt, ein schneeweißes Hotel inmitten einer sattgrünen Parkanlage. Mehrere luxuriöse Swimmingpools waren rund um das Gebäude angeordnet. Nur wenige Meter entfernt glitzerte der Ozean.

„Gibt es eine Wasserrutsche?“, rief George von seiner Schaukel. „Ich will unbedingt eine Wasserrutsche!“

„Es gibt sogar drei davon!“, erwiderte seine Großmutter liebevoll. An Emily gewandt fragte sie zögernd: „Meinst du, dass wir uns das leisten können?“

Emily studierte das Angebot. Eine Woche Teneriffa, davon träumten sie schon lange. Sie nickte. „Das wäre genau das Richtige. Ich werde gleich mal sehen, welche Termine infrage kommen.“

Sie freute sich riesig darauf, endlich mehr Zeit mit George verbringen zu können. Mit ihm zu spielen und am Strand Sandburgen zu bauen. Das Hotelprojekt hatte sie beinahe Tag und Nacht in Anspruch genommen. Ihre Mutter strich ihr sanft über die Wange.

„Die Auszeit wird dir guttun“, sagte sie liebevoll. „Du bist so blass geworden! Du arbeitest einfach zu viel, Emmy. Wir kommen schon über die Runden. Ich habe ja auch noch meine Rente.“

Emily drückte die Hand ihrer Mutter. Die Invaliden-Rente, die Caroline bezog, reichte kaum für eine Person, geschweige denn für drei, und das wusste sie auch. Zudem würden die Schulgebühren für George in den nächsten Jahren ein weiteres Loch in ihre Finanzen reißen.

„Es ist schon gut, Mum. Ich brauche nur ein bisschen Schlaf, dann bin ich wieder wie neu. Du weißt, dass ich froh sein muss, diesen Auftrag bekommen zu haben. Und die Arbeit hat mir wirklich Spaß gemacht.“

Versonnen dachte sie an die letzten Wochen zurück. Es hatte tatsächlich großen Spaß gemacht, das Hotel ganz nach ihren Vorstellungen auszustatten. Und Tariq al Assidi war ein äußerst freundlicher und höflicher Auftraggeber gewesen. Sie erinnerte sich daran, als sie ihm zum ersten Mal vorgestellt worden war.

Unter dem Sohn eines Wüstenkönigs hatte sie sich einen Mann mit Turban und in langen Gewändern vorgestellt. Stattdessen traf sie einen schlanken, elegant gekleideten Geschäftsmann mit vollem dunklem Haar und einem fein geschnittenen Gesicht. Eine kleine Narbe zog sich unter seinem linken Auge entlang, wie ihr aufgefallen war.

Ganz deutlich sah sie ihn vor sich. Seine geschmeidigen Bewegungen, als er sie auf der Baustelle besucht hatte, erzeugten immer noch ein sanftes Prickeln in ihrem Körper. Ein zarter Geruch nach Zedernholz hatte ihn umgeben, den sie immer noch riechen konnte.

Er war der vollendete Gentleman gewesen, charmant und zuvorkommend. Trotzdem hatte sie immer dieses Gefühl gehabt, dass sich irgendein geheimer Kummer in ihm verbarg. Ein Geheimnis umgab ihn, das sich nicht ergründen ließ.

Emily schüttelte unmerklich den Kopf. Was deutete sie da in einen Menschen hinein, den sie kaum kannte? Und warum machte sie sich überhaupt Gedanken über Tariq al Assidi? Jetzt, da das Hotelprojekt abgeschlossen war, würde sie ihn wohl kaum jemals wiedersehen.

Soweit sie informiert war, baute er gerade in seiner Heimat Nazrat ein großes Einkaufszentrum. Möglicherweise wollte er seinen Lebensmittelpunkt wieder mehr in den Wüstenstaat verlegen, nachdem er einige Jahre in London verbracht hatte. Vielleicht hatte er ja eine Freundin in Nazrat?

Und warum machte sie sich darüber Gedanken? Sie rief sich innerlich zur Ordnung und wandte sich wieder ihrer Familie zu. „Ich werde heute Abend mal im Internet recherchieren, welche Angebote ich finden kann. Und was die Flüge kosten würden. Dann sehen wir weiter. Wer hat jetzt Lust auf Pizza?“

„Oh ja, Pizza!“ Begeistert sprang George von der Schaukel und warf sich in ihre Arme. „Du bist die beste Mummy der Welt!“

Zärtlich strich Emily ihm über das verschwitzte Haar und gab ihm einen Kuss auf die Stirn. George war das Wichtigste in ihrem Leben. Alles, was sie tat, tat sie nur für ihn. Um ihm ein gutes Leben und eine noch bessere Zukunft zu ermöglichen.

Nur hin und wieder gestattete sie sich, darüber nachzudenken, wie ihr eigenes Leben wohl aussehen würde. Würde sie jemals wieder einen Partner finden? Einen Mann an ihrer Seite, an den sie sich anlehnen konnte? Der ihr übers Haar streichen und sie in seinen Armen halten würde?

Und weshalb fiel ihr in diesem Augenblick ausgerechnet Tariq al Assidi ein? Vielleicht weil er tatsächlich ein Prinz wie aus dem Märchen war? Aber Märchen gehen nicht in Erfüllung, sagte sie sich. Schon einmal war sie bitter enttäuscht worden und mit gebrochenem Herzen zurückgeblieben. Das wollte sie kein zweites Mal erleben!

2. KAPITEL

„Wie gehen die Bauarbeiten voran?“, fragte Kahan interessiert. Die Gäste der Trauerfeier verabschiedeten sich allmählich, und das Königspaar hatte mehr Zeit für private Gespräche. Tariq wandte sich seinem Bruder und dessen Gattin zu.

„Wir sind schon sehr gespannt auf das neue Einkaufszentrum“, ergänzte Tessa lächelnd. „Es wird bestimmt eine große Bereicherung für die Hauptstadt und eine Touristenattraktion!“

Warum fühlte Tariq sich in der Gegenwart seines älteren Bruders immer ein wenig unwohl? Als müsste er etwas beweisen? Es war die alte Rivalität, das alte Ringen um Anerkennung, wie er sich jetzt eingestand.

Betont fröhlich antwortete er: „Oh, wunderbar! Es läuft alles nach Plan.“

Bestimmt würde er nicht zugeben, dass dem nicht so war. Dass das Einkaufszentrum ihm mehr Kopfzerbrechen bereitete, als er befürchtet hatte. Nichts lief nach Plan. Der Baufortschritt hinkte hinter dem Zeitplan her, und die Kosten hatten sich beinahe verdreifacht.

Es war Tariq nichts anderes übrig geblieben, als sein gesamtes Privatvermögen in das Projekt zu investieren, um die Fertigstellung zu garantieren. Wenn das Zentrum kein Erfolg wurde, war er ruiniert. Und dann?

Tessa legte ihm eine Hand auf den Arm. „Ich freue mich so, dass wir dich jetzt öfter in Nazrat sehen, Tariq! Du bist ein wichtiger Teil der Familie!“

Und wie lange noch? fragte Tariq sich unwillkürlich. Wenn er unverheiratet blieb …? Das alte Gesetz schwebte wie ein Damoklesschwert über ihm. Keine Hochzeit – kein Geld!

Er hatte versucht, diese bedrückende Aussicht im vergangenen halben Jahr seit Kahans Hochzeit zu verdrängen. Er hatte ein höchst erfolgreiches neues Hotelprojekt in London verwirklicht. Es war ihm nie bewusst gewesen, dass er jemals auf seine Apanage angewiesen sein könnte.

Unabhängig zu sein, war immer seine höchste Priorität gewesen. Er hatte ein Wirtschaftsstudium in Oxford absolviert und sich dann mit seiner Investmentfirma New Enterprises selbstständig gemacht. Natürlich hatten sein Name und die Verbindung zum Königshaus von Nazrat ihm den Einstieg erleichtert. An den Vorhaben eines echten Prinzen wollten viele Investoren gern beteiligt sein.

Und er war auch viele Jahre auf einer Welle des Erfolges geschwommen. Doch aus irgendeinem Grund schien ihn sein Glück plötzlich verlassen zu haben. Dabei sollte das Einkaufszentrum in der Hauptstadt Azira doch eigentlich die Krönung seiner Arbeit werden. Damit wollte er den Bewohnern von Nazrat zeigen, was aus ihm geworden war und was er erreicht hatte. Er wollte damit dem Land etwas zurückgeben und sich gleichzeitig als eigenständige Persönlichkeit etablieren. Er wollte mehr sein als nur der zweitgeborene Prinz.

Dieser Traum schien in weite Ferne gerückt zu sein. Tariq räusperte sich. „Ich freue mich auch, wieder hier zu sein. Aber ihr müsst mich jetzt leider entschuldigen. Ich habe noch einiges an Büroarbeit zu erledigen.“

Er küsste Tessa auf die Wange und drückte Kahan die Hand. Eine Frau an seiner Seite zu haben, mit der er Freud und Leid, Sorgen und Erfolge teilen konnte – wie sehr beneidete er seinen großen Bruder darum.

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