Romana Exklusiv Band 401

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DER MILLIARDÄR UND DIE MEERJUNGFRAU von NIKKI LOGAN

Als Mila anmutig wie eine Meerjungfrau mit ihm zum Korallenriff von Coral Bay schwimmt, erwacht eine ungeahnte Sehnsucht in Richard Grundy. Aber er darf sich nicht zu sehr von der Naturschützerin verzaubern lassen. Sobald sie erfährt, wer er ist, wird sie ihn zum Feind erklären.

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  • Erscheinungstag 30.05.2026
  • Bandnummer 401
  • ISBN / Artikelnummer 0853260401
  • Seitenanzahl 448

Leseprobe

Nikki Logan, Jessica Gilmore, Ann McIntosh

ROMANA EXKLUSIV BAND 401

Nikki Logan

1. KAPITEL

Der schnittige Katamaran dümpelte seit zwei Tagen auf den Wellen vor Nancy’s Point.

Wie auf der Lauer.

Ganz so hätte es Mila Nakano freilich nicht ausgedrückt. Dazu hob sich das weiße Schiff zu sehr von der eintönigen Meeresfläche ab. Was es allerdings dort zu suchen hatte, war ihr rätselhaft. Offenbar besaß der Besitzer die Erlaubnis, so dicht vor dem äußeren Riff zu ankern. Für Mila bedeutete es, dass sie als offizielle Naturschützerin nicht eingreifen musste.

Jeden Tag tauchten Boote an der Grenze zum Meeresschutzgebiet bei Coral Bay auf. Meist waren es die von Meeresforschern, manchmal die von Chartergesellschaften, und selten waren es Jachten von Privatleuten, die das geschützte Riff bewundern wollten. Der Katamaran schien in diese letzte Kategorie zu gehören.

Mila zog ihren Tauchanzug bis zur Taille herunter und ließ die kühle Seeluft über ihre erhitzte Haut streichen. Es prickelte, als würde sie von winzigen Eiskristallen getroffen. Meist schnorchelte sie im Bikini, um das Wasser am ganzen Körper zu spüren, aber wenn es etwas zu erledigen gab, trug sie Anzug und Kopfhörer, um gegensätzliche Sinneseindrücke auszuschließen, unter denen sie wegen ihrer Synästhesie litt. Ihre Brüder hatten das immer freundlich „Superwahrnehmung“ genannt. Es war tatsächlich so: Mila hatte gleichzeitig verschiedene Wahrnehmungen – sie fühlte Farben und schmeckte Gefühle. Und alle Dinge hatten Eigenschaften. Anderen Menschen erschien das verrückt, aber für sie hatte alles einen Sinn.

Natürlich, denn so war es bei ihr von Geburt an gewesen.

Die Führung einer einzelnen Person war am leichtesten für sie, weil sich die Sinneseindrücke dann reduzierten und sie ohne Kopfschmerzen davonkam, die zusätzlich das Dröhnen von Nebelhörnern auslösten. Bei Gruppen ging zu viel durcheinander. Zu viele verschiedene Körperlotionen bedrängten dann ihr Gehör, und die bunte Kleidung löste Stimmungsschwankungen aus, die sie erschöpften. Danach musste sie sich manchmal drei Tage erholen.

Aber ein einzelner Teilnehmer war zu verkraften.

An diesem Tag hatte sie es mit Richard Grundy zu tun. Er sollte aus Perth kommen, der abgelegenen Metropole im Südwesten Australiens, und brauchte entweder zwei Tage im Auto oder zwei Stunden im Flugzeug, um das Schutzgebiet bei Coral Bay zu erreichen. Das Nirgendwo, wie manche Leute meinten, die keinen Blick für das endlose Buschland des Outback hatten. Dabei war dieses Nirgendwo voller aufregender Geheimnisse.

Mr. Grundy war Geschäftsmann. Geschäftsmänner kamen gern allein, trugen teure Anzüge und hatten gewaltige Pläne für das Riff in der Tasche – von luxuriösen Ferienanlagen bis zu exklusiven schwimmenden Spielkasinos. Natürlich waren das Luftschlösser. Proteste der Bevölkerung, strenge Bauvorschriften und das strikte Nein des Pächters von Wardoo bewirkten unweigerlich, dass es bei einem einmaligen Besuch dieser Leute blieb und sie den jeweiligen Interessenten niemals wiedersah.

Das war ganz in Milas Sinn. Sie tat gern alles dafür, dass sich nichts änderte, sondern alles so blieb, wie es war.

Sie streifte den Tauchanzug jetzt ganz ab, genoss für einen Moment das Prickeln am ganzen Körper und schlüpfte dann in die khakifarbene Uniform, bestehend aus Shorts und kurzärmliger Bluse, die sie als Mitarbeiterin des Naturschutzgebiets kennzeichnete. Ihr Tauchanzug und die Schnorchelausrüstung landeten in dem Rucksack, der neben ihr lag. Das noch tropfnasse Haar fasste sie zu einem Pferdeschwanz zusammen. Nachdem sie ihr Gepäck in dem Jeep verstaut hatte, den ihr die Naturschutzbehörde zur Verfügung stellte, stieg sie den Hügel hinauf, von dem sie den schönsten Überblick über die weite Bucht hatte.

Dabei ließ sie sich Zeit. Einzelpersonen kamen erfahrungsgemäß fast immer zu spät. Sie unterschätzten die Dauer der Autofahrt oder zumindest die Entfernung vom nächsten Flughafen. Sie hatte ihren Jeep auf der einzigen Straße geparkt, die zu Nancy’s Point führte, und von einem anderen Auto war jetzt weit und breit nichts zu sehen.

Nur der Katamaran dümpelte jenseits des Riffs weiter auf den Wellen.

Mila hatte kräftige Beine, und der kurze Aufstieg zu dem Kalksteingipfel, der nach Nancy Dawson benannt worden war, fiel ihr nicht schwer. Die Dawsons hatten dieses Land seit Generationen gepachtet und ließen ihre Viehherden darauf weiden. Sie waren die ersten Siedler in Coral Bay gewesen.

„Ein ungewöhnlicher Ort, um einen Striptease zu veranstalten“, hörte Mila jemanden sagen, als sie oben ankam.

Abrupt blieb sie stehen. Der Mann, der so unvermittelt vor ihr stand, war jung und trug auch keinen Anzug, wie sie es von den meisten Einzelpersonen gewohnt war. Er hatte vielmehr eine Cargohose und ein ausgeblichenes rotes T-Shirt an und präsentierte sich darin so lässig, als wäre das seine tägliche Kleidung. Trotzdem wirkte er wie jemand, der es gewohnt war, Befehle zu geben.

Richard Grundy?

Suchend blickte sie sich nach dem Auto um, in dem er hergekommen sein musste. Es war jedoch keins zu sehen, was ihre Verwirrung steigerte. Verwaschene rote T-Shirts passten eher zu Stadtstreichern, die immer wieder ihr Mitleid erregten, aber ein ähnliches Gefühl wollte bei ihr nicht aufkommen, denn von einem solchen hatte dieser Mann gar nichts an sich. Das dunkelblonde Haar war vom Wind zerzaust, aber akkurat geschnitten, und die Augen, die hinter der Sonnenbrille, die er jetzt abnahm, zum Vorschein kamen, leuchteten tiefblau. Fast so blau wie die Lagune.

Ein absoluter Pluspunkt für ihn.

„Sie sind zu früh da“, beschwerte sie sich.

„Nein, ich war pünktlich.“ Ihre Verwirrung schien ihn zu amüsieren. „Man hat mich hier abgesetzt … genau rechtzeitig für die Führung.“

Der Pluspunkt wurde gestrichen. Coral Bay war ihre Bucht. Was ging es ihn an, wenn sie vor der Führung ein Bad nahm? „Ich hätte Sie im Tauchanzug begrüßen können, aber meine Uniform erschien mir passender.“

Er streckte eine Hand aus. „Dann sind Sie meine Führerin?“

„Ich bin eine Führerin“, erwiderte sie und ergriff zögernd seine Hand. Ein Händedruck war bei ihr keine unkomplizierte Sache, denn sie wusste nie, welche Nebenempfindungen die Berührung bei ihr auslösen würde. „Mila Nakano … Angestellte der Naturschutzbehörde.“

„Richard Grundy“, stellte er sich kurz angebunden vor. „Wie sieht unser Tagesplan aus?“

Die Muskeln um ihren Bauchnabel zuckten bei seinem warmen Händedruck, dazu hörte sie leise Äolsharfen. Das war ungewohnt. Meist erklang ein ganzes Blasorchester, wenn sie einen Fremden berührte. Verglichen damit war der Harfenton ausgesprochen angenehm.

„Unser Tagesplan?“, wiederholte sie.

„Ich meine, was besichtigen wir?“ Er kniff die Augen zusammen. „Sie sind doch meine Führerin?“

Mila nickte. „Ja, die bin ich, aber niemand hat mir gesagt, worum es Ihnen geht. Das müssen wir erst herausfinden. Es wäre hilfreich, wenn Sie mir den Grund Ihres Besuchs nennen würden … oder was Sie besonders interessiert.“

„Mich interessiert alles, was man über diese Gegend wissen sollte. Die ökologischen und wirtschaftlichen Faktoren …“

Also wie alle anderen! Saßen sie dann wieder in ihren Büros, arbeiteten sie ihre Pläne aus.

„Dann haben Sie wirtschaftliche Interessen?“

Richard Grundy runzelte die Stirn. „Warum fragen Sie danach?“

Mila errötete. „Ich überlege nur, worauf ich bei der Führung den Schwerpunkt legen soll. Sind Sie vielleicht Journalist … oder Wissenschaftler? Wie ein Tourist wirken Sie nicht auf mich. Also bleibt nur Unternehmer.“

Er ließ den Blick zum Horizont schweifen. „Einigen wir uns doch darauf, dass mir diese Gegend sehr am Herzen liegt“, schlug er dann vor. „Die und das vorgelagerte Riff.“

Viel ließ sich damit nicht anfangen, aber war bei einem Mann, der fast wie „Mr. Australia“ aussah, mehr zu erwarten? „Also gut“, erklärte sie sich einverstanden. „Beginnen wir am südlichsten Ende des Meeresschutzgebiets und arbeiten uns von da nach Norden vor. Können Sie schwimmen?“

Er zog eine Augenbraue hoch, für beide erschien ihm die Frage offenbar nicht wichtig genug. „Im College war ich Kapitän der Schwimmmannschaft.“

Wie hätte es auch anders sein können?

Gewöhnlich schob sie ihre Sonnenbrille ins Haar, wenn es darum ging, einen Besucher besser betrachten zu können, damit aus dem Fremden ein Bekannter wurde. Doch Richard Grundys blaue Augen, deren Blick eigentlich kühl wirkte, konnten plötzlich so spöttisch aufblitzen und gleichzeitig so gegensätzliche Töne zum Klingen bringen, dass sie ganz durcheinanderkam.

„Wenn Sie das Riff hören wollen, müssen Sie hinausschwimmen“, stellte sie fest.

„Hören?“ Wieder zog er eine Braue hoch. „Ist es dort denn so laut?“

Darüber musste sie lächeln. Wann würde sie jemandem begegnen, der die Korallen ebenfalls hören konnte? Für wen außer ihr gaben sie so volle, wunderschöne Töne von sich?

„Wessen Auto nehmen wir? Ihrs oder meins?“

Mit dem schwachen Witz hatte sie kein Glück. Richard Grundy verzog nicht einmal die Lippen. Dabei hätte sie so gern gesehen, dass sie sich zumindest etwas kräuselten und nicht mehr eine strenge, gerade Linie bildeten.

„Ihrs“, entschied er.

„Dann wollen wir nicht mehr Zeit verlieren“, verfiel sie in ihren berufsmäßigen Ton. „Beim Abstieg erzähle ich Ihnen etwas über Nancy’s Point. Die Namensgeberin war Nancy Dawson …“

Richard wusste alles über Nancy Dawson. Er war mit der Geschichte seiner Urgroßmutter sozusagen groß geworden – allerdings ohne die feinen Kleinigkeiten, die seine Führerin jetzt besonders hervorhob: ihre große Liebe zu dem Land und ihr unermüdliches Bestreben, es in seinem Urzustand zu erhalten. Sein Vater hatte eher ihre Ausdauer und die Kraft betont, mit denen sie allem Unglück widerstanden hatte. Für seinen Sohn und zukünftigen Erben war ihm das wohl wichtiger erschienen. Es ging immer nur um den Profit, den WestCorp aus dem Land ziehen konnte. Das Land selbst kam erst an zweiter Stelle.

Doch es fiel ihm nicht ein, die junge Frau, die leichtfüßig neben ihm herging, in ihrer Lobeshymne zu unterbrechen. Dann hätte er sich ja zu seiner Familie bekennen müssen, und dazu verspürte er nicht die geringste Lust. Wie kam er dazu, seine Privatangelegenheiten mit jemandem zu besprechen, den er erst wenige Minuten kannte?

„Seit hundertfünfzig Jahren haben die Dawsons dieses Land gepachtet … so weit, wie Sie blicken können“, erzählte Mila. Sie drehte sich um und zeigte nach Osten. „Sie könnten zwei Stunden landeinwärts fahren und befänden sich immer noch auf dem Gelände der Wardoo-Farm.“

„Ganz schön groß“, bestätigte Richard, weil jeder andere das zweifellos auch gesagt hätte. Dabei hatte er die Größe der Farm – es waren zehntausend Quadratkilometer – genau im Kopf und wusste auch, was es kostete, das Ganze zu bewirtschaften.

Das gehörte zu seinem Beruf.

Er wandte sich wieder dem Riff zu, an dem sich die Wellen brachen. Mila konnte offenbar genug über seine Familie erzählen, ohne bei seinem Nachnamen hellhörig zu werden. Urgroßmutter Dawson hatte seinerzeit Wardoos Vorarbeiter Jack Grundy geheiratet, ihren Namen aber aus Traditionsgründen beibehalten. Daher galten Nancys und Jacks Nachkommen im Volksmund weiterhin als Dawsons, waren rechtlich gesehen aber Grundys.

„Nancys Nachkommen bewirtschaften die Farm immer noch“, erzählte Mila weiter. „Oder besser gesagt … ihre Vertreter.“

Richard sah sie überrascht an. „Ihre Vertreter?“

„Die Familie lebt jetzt in Perth. Keiner von ihnen taucht hier jemals auf.“

Welch stummer Vorwurf lag in dieser einfachen Feststellung!

„Man führt ein Geschäft heute nicht mehr unbedingt an Ort und Stelle“, erklärte er. Für ihn spielten Entfernungen keine Rolle mehr, nicht mal in einem so großen, dünn besiedelten Land wie Westaustralien.

Mila ließ ihren Blick in alle Richtungen schweifen. „Wenn dies mein Land wäre“, beteuerte sie, „würde ich es niemals verlassen.“

Stellte sie die Dawsons jedem Fremden gegenüber in diesem negativen Licht dar? Es hätte Richard gereizt zu widersprechen, doch er hatte auf Konferenzen und Vorstandssitzungen schon zu viel Kritik einstecken müssen, um dem Reiz nachzugeben. Außerdem bestand seine Familie inzwischen nur noch aus einer einzigen Person – ihm selbst –, wenn man die Grabsteine und einige sehr entfernte Cousins und Cousinen in Europa nicht mitrechnete.

„Stammen Sie aus der Gegend?“, erkundigte er sich.

„Ich bin hier aufgewachsen.“

„Seit wann lebt Ihre Familie hier?“

„Seit meiner Geburt.“ Also höchstens – oder mindestens – zwei Jahrzehnte. „Und seit etwa dreißigtausend Jahren davor.“

Das erklärte ihren dunklen Teint mit dem leichten bronzefarbenen Ton, der nicht nur vom Aufenthalt im Freien kommen konnte. „Sie sind eine Bayungu?“

Eine leichtsinnige Frage, wie ihm Milas Blick verriet. Wer kannte schon die Geschichte der Ureinwohner von Coral Bay? Warum hatte er sich damit beschäftigt und vor allem – war er darum hier? Doch er wollte wissen, woran er war und welchen Hindernissen er begegnen würde.

„Von der Seite meiner Mutter her“, antwortete sie wahrheitsgemäß.

„Und von väterlicher Seite? Ihr Nachname war doch Nakano, oder?“

„Mein Großvater war Japaner.“

Richard fiel ein, dass in den Projektstudien für diese Gegend immer wieder von der kulturellen Vielfalt die Rede gewesen war, die mit dem aufblühenden Perlenhandel zusammenhing.

„Das erklärt Ihr Gesicht und Ihren zierlichen Körperbau“, sagte er und betrachtete sie ohne Scheu.

Aus Verlegenheit antwortete sie das Erstbeste, was ihr in den Sinn kam. „Um es noch komplizierter zu machen … Die Frau dieses Großvaters stammte aus Dublin.“

„Und was haben Sie von dieser irischen Großmutter geerbt? Jedenfalls kein rotes Haar …“

„Einer meiner Brüder hat es“, gab sie zu und schob nun doch ihre Sonnenbrille hoch. „Ich habe ihre Augen.“

Vor Jahren hatte Richard Klettersport betrieben und sich an einer Steilwand kopfüber abgeseilt. Seine Bauchmuskeln hatten sich dabei schmerzhaft zusammengezogen, und das taten sie jetzt wieder, als er in Milas Augen sah. Klassisches keltisches Grün. Nicht einmal so selten, aber in Verbindung mit dem dunklen Teint besonders auffällig. Sie vereinigte wirklich die verschiedensten Erblinien in sich.

„Sie sind der lebende Beweis für kulturelle Vielfalt“, erklärte er.

„Der Reichtum des Landes und des Meeres haben Menschen aus aller Welt angelockt“, erwiderte sie. „Ich bin sozusagen das Endprodukt.“

Sie hatten inzwischen den Jeep erreicht, den Mila am Ufer geparkt hatte. Auf seinen Türen leuchtete das bunte Logo der Umweltbehörde.

„Sind Sie deswegen hiergeblieben?“, fragte Richard. „Wegen des Reichtums?“

Mila machte ein entsetztes Gesicht. Schon der Gedanke war kränkend. „Nicht in dem Sinn, wie Sie es meinen“, antwortete sie und schob sich hinter das Steuer. „Ich arbeite hier. Meine Familie lebt hier. Mein Herz schlägt hier.“

Die Uniform beweist es, dachte Richard und stieg ebenfalls ein. Seit er mit der Portus gen Norden gefahren war, hatte er viel nachgedacht. Das endlose Meer, die Stille, die frische Seeluft … Er hatte sich allmählich entspannt, obwohl er sich mit vier Rädern auf einer asphaltierten Straße immer noch wohler fühlte. Besonders, wenn die Straße ihm gehörte, was hier buchstäblich der Fall war. Vielleicht würde er länger bleiben, wenn er mit seinen Plänen Erfolg hatte.

„Sind Sie wegen des Reichtums hier?“, wollte Mila jetzt ihrerseits wissen. Es fiel ihr nicht ganz leicht, eine so direkte Frage zu stellen, aber Richard war darauf vorbereitet. Irgendwann im Lauf des Tages musste das Thema ja zur Sprache kommen – also warum nicht gleich?

„Ich möchte so viel wie möglich über die Gegend herausfinden“, antwortete er. „Aus geschäftlichem Interesse. Jede Information ist mir lieb.“

Ein kurzer Seitenblick, dann sah Mila wieder geradeaus auf die Straße. Er hatte sie tief enttäuscht, das zeigte ihre Miene. „Die anderen Leute wollten immer etwas über die Lokalgeschichte hören“, sagte sie. „Wie ist das bei Ihnen?“

Es fiel ihm schwer, nicht zu lächeln. Immerhin stammte seine Familie von hier! Und wer waren die anderen? Geschäftsleute wie er, die neues Leben in die Region bringen wollten? Dann sollte ihn dieser Hinweis wahrscheinlich abschrecken.

Er lehnte sich auf dem schon etwas abgewetzten Sitz zurück. „Schießen Sie los, und lassen Sie nichts aus.“

Sie konnte kaum Nein sagen, wenn es sich um ihr Lieblingsthema handelte, und er hatte den Vorteil, nicht zuhören zu müssen. Er konnte sie in Ruhe von der Seite beobachten, ihr Gesicht studieren, die Bewegung ihrer Lippen verfolgen …

Mila begann mit der Geschichte des Landes, durch das sie fuhren. Sie erzählte, dass es einmal unter Wasser gelegen habe, dass sich das Meer vor hundert Millionen Jahren zurückgezogen und das Land freigegeben habe. Sie erzählte von den Vorfahren ihrer Mutter, die die Küste besiedelt hätten, und je länger sie sprach, desto gebannter hörte Richard ihr zu. Wer sie für diesen Job angestellt hat, dachte er, hat einen guten Griff getan. Engagierter und begeisterter konnte man die Landesgeschichte kaum darstellen, die Besonderheiten und Vorzüge der Gegend kaum deutlicher betonen. Jedes Geschichtsbuch wäre dagegen trocken und langweilig erschienen.

Doch die Ungereimtheiten nahmen zu, je näher sie der Gegenwart kam. Zuerst machte er die alten, aus magischer Zeit stammenden Legenden dafür verantwortlich, aber dann merkte er, dass sie ganz in ihrer eigenen Sprache redete.

„Nannten Sie das innere Korallenriff gerade schlau?“, unterbrach er sie.

„Habe ich das getan?“, fragte sie überrascht.

„Ich glaube nicht, dass ich mich verhört habe.“

Sie umfasste das Lenkrad fester. „Habe ich nicht wärmer gesagt? Das meinte ich nämlich. Die Lagune ist flacher und das Wasser daher wärmer. Die Korallen können so besser wachsen.“

Sie lügt, dachte Richard, aber nicht sehr überzeugend. Hier draußen kann sie erzählen, was sie will, aber am Konferenztisch würde sie kaum den Mund aufmachen.

„In zehntausend Jahren“, fuhr sie fort, „werden die Riffe vielleicht aus dem Meer auftauchen, erst Atolle und später kleine Inseln mit mutiger Erde bilden.“

Geschichten über Geschichten. Die Einzelheiten interessierten Richard immer weniger, bis er endlich nicht mehr hörte, was sie sagte, sondern nur noch, wie sie es sagte.

„An der Nordspitze der Halbinsel gibt es tiefe Schluchten. Die Touristen vermuten dort nur höhnische Felsen, aber in Wirklichkeit handelt es sich um Korallenbänke, die vor Millionen von Jahren hochgedrückt wurden. Der geduldige Kalkstein enthält unzählige Fossilien, die aus dem Meer stammen.“

Mutige Erde. Höhnische Felsen. Geduldiger Kalkstein. Das Land schien für Mila Nakano beseelt zu sein. Alle Dinge hatten besondere Eigenschaften für sie. Das hätte ihn irritieren können, aber sie meinte es ernst, und es beeinträchtigte nicht das, was sie erzählte und wovon er lernen konnte. Schon das schlaue Riff hatte ihn stutzig gemacht, aber jetzt sah er ein, dass sie die Dinge wirklich so empfand und sich nicht scheute, dem Ausdruck zu verleihen. Hatte sie vielleicht sogar recht? Könnte ich mich wie eine Koralle Tag und Nacht von warmem Wasser umspülen und mich von freundlichen Fischen parasitenfrei halten lassen, dachte er, würde ich vielleicht auch für schlau gelten.

„Ich würde diese Schluchten gern kennenlernen“, erklärte er. Viel lag ihm eigentlich nicht daran, aber Milas besondere Art, die Dinge zu beschreiben, machte beinahe süchtig. Außerdem konnten die Schluchten ein zusätzlicher Anziehungspunkt werden, wenn er mit seinem Projekt Erfolg hatte.

„Ich fürchte, dafür reicht unsere Zeit nicht“, antwortete sie. „Da hätten wir viel früher aufbrechen müssen. Die Zufahrtsstraße hat wochenlang unter neugie…“ Sie unterbrach sich, und Richard fragte sich, was sie hatte sagen wollen. „Ich meine, sie hat unter Wasser gestanden“, fuhr sie fort. „Wir müssten ganz von Norden kommen, und das wäre ein weiter Umweg.“

Richard war inzwischen hellhörig geworden. Hatte sie von neugierigem Wasser sprechen wollen, weil das Meer sich aufs Land verirrt hatte? Das verdoppelte jetzt sein Interesse. Plötzlich gab es nichts Spannenderes als maritime Fossilien in Kalkstein.

„Und wenn wir mit dem Schiff fahren würden?“

„Nun, das ginge natürlich schneller“, gab sie zu und fügte nach einem Augenblick hinzu: „Besitzen Sie denn eins?“

Nie hatte es sich günstiger getroffen, dass die Portus vor der Küste lag, aber noch wollte er das Geheimnis nicht preisgeben. „Ich könnte vielleicht eins beschaffen …“

Sie warf ihm einen Seitenblick zu. „Also gut … dann heute Nachmittag. Zunächst steht Wichtigeres auf dem Programm.“

„Und das wäre?“

Sie betätigte den Blinker, obwohl weit und breit kein anderes Auto zu sehen war, und bog von der Asphaltstraße auf einen Sandweg ein, auf dem sich tiefe Reifenspuren abzeichneten.

„Zunächst einmal müssen Sie nass werden, Mr. Grundy.“

2. KAPITEL

Unterhalb des etwas erhöht liegenden Parkplatzes ragten fünf schmale Landzungen wie die Finger einer Hand in die Lagune – oder wie fünf Laufstege, über die man das äußere Korallenriff erreichen konnte.

„Wie still alles ist“, meinte Richard. „Als gäbe es unter Wasser gar kein Leben.“

„Wir stehen hier an der Five Fingers Bay, Mr. Grundy. Es ist leicht zu erkennen, warum sie so heißt.“ Mila streckte die Hand aus. „Das Leben finden Sie da draußen, wo sich das türkisklare Wasser dunkler färbt.“

„Nennen Sie mich Richard“, forderte er sie auf. „Oder einfach Rich.“

Nein, das würde sie nicht tun. Zumindest Rich klang, gemessen an ihrer kurzen Bekanntschaft, viel zu persönlich. Aber Richard? Seine plötzliche Liebenswürdigkeit überzeugte sie zwar nicht, doch sie vertrat immerhin die Naturschutzbehörde.

Sie öffnete den Rucksack, den sie aus dem Jeep mitgenommen hatte. „Nun gut, Richard. Ich habe eine Tauchermaske und einen Schnorchel für Sie dabei.“

Er betrachtete beides, als hätte er so etwas Seltsames noch nie gesehen, nahm ihr dann aber die Sachen ab. Mila achtete darauf, dass sich ihre Hände dabei nicht berührten. Sie genierte sich immer noch, wenn sie vor Fremden ihre Uniform ausziehen musste, und bei einem attraktiven jungen Mann war es ihr besonders peinlich. Sie trat daher etwas zur Seite, zog sich bis auf den Bikini aus und wartete, bis Richard T-Shirt und Hose ebenfalls abgestreift hatte.

Sie war schon oft in ähnlichen Situationen gewesen, und doch war jede immer wieder neu. Sie konnte nie vorhersagen, welche Empfindungen eine halb nackte Person in ihr auslösen würde. Bei einem Mann konnte es der Geschmack von Äpfeln sein, bei einer Frau der von Wassermelonen …

Sie beobachtete Richards Schatten, bis sie sicher sein konnte, dass er sich aller überflüssigen Kleidungsstücke entledigt hatte. Dann erst drehte sie sich zu ihm um und war schlagartig auf den einzigen Jahrmarkt versetzt, den sie je besucht hatte.

Zuckerwatte! Die lockere weißrosa Wolke, die auf der Zunge zu reinem Zucker zerschmolz. Der süße Geschmack – und sogar der Duft. Das war ungeheuer angenehm und ungeheuer peinlich zugleich. Wie harmlos wirkten dagegen Äpfel. Doch sie war machtlos gegen ihre synästhetische Veranlagung, und der halb nackte Richard Grundy löste nun einmal die Assoziation von Zuckerwatte bei ihr aus.

Noch bedenklicher wurde es dadurch, dass er offensichtlich hergekommen war, um das Riff auszubeuten. Ein skrupelloser Geschäftsmann und harmlose Zuckerwatte? Doch so war es eben. Es hatte keinen Sinn, nach logischen Zusammenhängen zu suchen.

Richard stand jetzt in dunkelblauen Badeshorts vor ihr, die ihm tief auf den Hüften saßen und die muskulösen Oberschenkel zeigten. Beim Baden würden sie noch enger werden, aber darüber wollte Mila jetzt nicht nachdenken. Vielleicht war Richard nicht in der Lage, Gedanken zu lesen, aber auch ihr Gesicht konnte sie verraten. Schnell bückte sie sich und nahm ihre eigene Tauchermaske aus dem Rucksack.

Merkwürdig, wie schwierig es heute war, sie aufzusetzen!

„Bedauerlicherweise habe ich für Sie keine Schwimmflossen mitgebracht“, sagte sie, „aber in der Lagune kann man auch so sehr gut schnorcheln. Lassen Sie sich einfach vom Wasser tragen.“

Sie führte ihn bis an das südliche Ende der Bucht, damit sie sich später mit der Strömung zurücktreiben lassen konnten. Barfuß durch den warmen, sonnendurchfluteten Sand zu gehen, war immer ein besonderer Reiz, der sich nie für sie änderte. Unten angekommen, watete sie gleich ins Wasser, ohne sich noch einmal umzudrehen oder Richards Zustimmung abzuwarten. Sie wusste, er würde ihr folgen, und außerdem schmeckte die Zuckerwatte allmählich zu süß.

„Korallen sind also keine Pflanzen?“, fragte Richard, als sie bis zu den Hüften im klaren Wasser standen.

Mila drehte sich um. Diesmal war sie auf seinen Anblick vorbereitet. „Es sind Tiere“, antwortete sie. „Tausende winziger Tierchen, die in den seltsamsten Formationen zusammenleben und aussehen können wie Geweihe, Zweige, Astgabeln, Flaschenhälse, breite Fächer oder Kohlköpfe …“

„Ja, ja“, unterbrach er ihre Aufzählung mit kaum verhüllter Ungeduld. Für ihn war Zeit eben doch Geld. Hätte sie nicht im kühlen Wasser gestanden, wäre sie wahrscheinlich rot geworden, denn sie wollte auf keinen Fall geschwätzig erscheinen. Redete sie bei Führungen immer so viel, oder war Richard Grundy daran schuld?

„Und wie wird aus diesen winzigen Wesen hartes Gestein?“, lautete seine nächste Frage.

„Das bewirkt das Kalziumkarbonat in ihren Skeletten. Lebend schützt es sie gegen die Strömung, und nach dem Tod …“

Sie balancierte auf dem linken Bein und schob den rechten Fuß in die einteilige Schwimmflosse, die sie benutzte. Der linke Fuß folgte, und jetzt stand sie leicht schwankend auf dem hell schimmernden Meeresgrund.

„Nach dem Tod werden sie zu hartem Kalkstein“, vollendete Richard ihren Satz.

„Millionen und Abermillionen bilden erst das Riff und dann den Kalkstein, der wiederum zu feinem Sand zerrieben wird, der sich aufeinanderhäuft, bis am Ende Buschland entsteht. Wir haben den Korallen viel zu verdanken.“ Sie warf ihm einen letzten Blick zu und ignorierte den süßen Duft der Zuckerwatte. „Sind Sie bereit, mit dem Riff Bekanntschaft zu machen?“

Richard blickte über die Lagune und musste mehrmals schlucken. Es war das erste Anzeichen von Unsicherheit, das Mila bei ihm bemerkte, nachdem er bisher sehr selbstsicher und fast ein bisschen arrogant gewirkt hatte.

„Wie weit schwimmen wir hinaus?“, fragte er.

„Nicht sehr weit“, beruhigte sie ihn. „Das ist der Vorteil von Coral Bay. Das innere Riff liegt sehr nah, und die Lagune ist lang gestreckt. Wir werden uns nah am Ufer halten.“

Richard entspannte sich sichtlich, setzte die Tauchermaske auf und tauchte mit Mila unter Wasser.

Es dauerte nicht lange, bis das Wasser so tief wurde, dass sie sich etwa zwei Meter über dem Riff befanden. Für Mila begann jetzt ein ganzes Sinfonieorchester zu spielen. Die höchsten Töne erzeugte das Wasser auf ihrer nackten Haut, die tieferen der Anblick der verwirrenden, leuchtend bunten Vielfalt unter ihr.

Die meisten Menschen stellten sich den Meeresboden als glatte Sandfläche vor, aber hier am Riff gab es steile Berge und tiefe Schluchten, Vorsprünge und Abgründe, die an die Skyline einer futuristischen Stadt erinnerten. Aus Tälern, Spalten und Höhlen schossen farbige Fische hervor. Unter einer Platte ragten lange Antennen heraus. Sie gehörten zu einem Krebs, der nach Opfern für seine scharfen Scheren suchte. Anemonen, die fest auf ihrem felsigen Untergrund hafteten, wiegten sich in der sanften Strömung und fächelten mit ihren giftigen Armen. Mancher kleine Fisch verbrannte sich daran, während andere, die sie von Parasiten freihielten, gefahrlos zwischen ihnen umherschwammen.

Manchmal kam ein Fisch ganz nah, glotzte ein wenig und tauchte wieder ab, doch die meisten Riffbewohner nahmen keine Notiz von den Eindringlingen, sondern suchten weiter nach Futter, Schutz oder einem Partner – genauso, wie sie es immer taten. Das Leben unter Wasser folgte seinen uralten eigenen Gesetzen.

Verwirrend vielfältig, bunt und unüberschaubar.

Richard wusste nicht, wohin er zuerst blicken sollte. Seine Arme, die Hände zu Fäusten geballt, hielt er dicht am Körper, als wäre er sonst in Versuchung, das zu berühren, was ihn über Erwarten faszinierte. Mila blieb ein bisschen zurück, um ihn zu beobachten und sicher zu sein, dass es ihm gut ging. Einmal kam er mit seiner Tauchermaske so dicht an ihre heran, dass sie sogar in dem tiefblauen Wasser die Farbe seiner Augen erkennen konnte.

Und er lächelte.

Da war sie wieder, die unvermeidliche Zuckerwatte. Unter der Maske waren ihr Geschmack und ihr Duft fast zu intensiv. Mila hatte das Gefühl, die Luft eines Jahrmarktzelts zu atmen, und wusste gleichzeitig, dass alles nur Einbildung war. Schließlich gab sie ihm mit einer Handbewegung zu verstehen, dass es Zeit zum Auftauchen wurde.

Ein Schlag mit der Flosse, und sie war oben. Richard erschien nur Sekunden nach ihr über der Wasseroberfläche. „Ich habe schon viel Zeit auf dem Meer verbracht“, sagte er, sobald er die Maske abgenommen hatte, „aber wie es da unten aussieht … Man glaubt, es zu wissen, und weiß es doch nicht.“

Mila kannte diese Reaktion bei Menschen, die das Riff zum ersten Mal erlebten. Sie waren wie berauscht, und Mila schämte sich dann nicht mehr, weil sie vielleicht zu haltlos von der Unterwasserwelt geschwärmt hatte. Bei Richard war ihr das besonders wichtig.

Ohne Schwimmflossen musste er mehr mit den Beinen arbeiten, um sich über Wasser zu halten, und sie merkte, dass ihm langsam der Atem ausging. „Diese verwirrende Architektur“, keuchte er. „Ein Metropolis unter Wasser …“

Mila lächelte. Je mehr jemand vom Riff fasziniert war, desto leichter ließ es sich mit ihm umgehen. „Korallen arbeiten gemeinschaftlich … wie die Menschen es auch tun. Sie bauen sich ihre eigene Stadt, mit ihren eigenen Hochhäusern. Können Sie noch?“

Anstatt zu antworten, nahm Richard das Mundstück seines Schnorchels wieder zwischen die Zähne und verschwand unter der Wasseroberfläche. Sie schnorchelten noch etwa eine halbe Stunde, und Mila ließ ihn verweilen, wo er wollte. Er lernte schnell, ruhiger und gleichmäßiger zu atmen, und wenn sie zwischendurch auftauchten, um richtig Luft zu holen, kam es ihr so vor, als wären sie zwei kleine Wale, die sich sorglos dahintreiben ließen. Sie fanden schnell den gleichen Rhythmus, und fast schien es, als würden sie sich …

Küssen?

Mila schoss an die Oberfläche. Was waren das für unerhörte Gedanken? Richard Grundy war ein Geschäftsmann aus Perth – einer von den Leuten, denen sie das Riff ab und zu zeigen musste. Jetzt spielte er den Begeisterten, aber in Wirklichkeit wollte er die Natur nur ausbeuten. Dass ihn das heutige Erlebnis bekehren würde, war kaum zu erwarten.

„Haben Sie genug gesehen?“, fragte sie, als er wenig später auftauchte.

Er schien enttäuscht zu sein. „Müssen wir schon aufhören?“

„Ich zeige Ihnen nur noch, wo das Riff tief abfällt, dann geht es zurück an den Strand.“

Nur war eigentlich eine Untertreibung, denn sie mussten ziemlich weit hinausschwimmen, um die Stelle zu erreichen, wo der australische Festlandsockel endete und sich die Abgründe des Ozeans auftaten. Doch Richard wollte das Riff genau kennenlernen und musste auch diese Erfahrung machen. Sie selbst hatte so weit draußen immer die unterschiedlichsten Empfindungen, die Menschen ohne synästhetische Veranlagung fremd waren, aber tief beeindruckt hatte sich noch jeder gezeigt.

Richard hatte sich immer für einen Mann gehalten, der nicht leicht aus der Fassung zu bringen war – am Konferenztisch nicht, im Schlafzimmer nicht und auch nicht im Blitzlichtgewitter der Journalisten. Er genoss den Ruf großer Selbstbeherrschung, was die genaue Kenntnis seiner eigenen Stärke und der Stärke seiner Gegner voraussetzte. Er wusste immer, was der andere wollte, und war Sieger, bevor der Feind seine Strategie ändern konnte.

An diesem Tag erlebte er seit langer, langer Zeit das Gegenteil. Eine Weile war er sorglos neben Mila hergeschwommen, hatte genossen, was er sah, und sich ganz auf ihre Ortskenntnis verlassen. Sie kannte das Meer und die Strömungen und wusste, wo Gefahren lauerten. Dass sich das Wasser hinter dem inneren Riff veränderte, dass der Meeresboden allmählich absank, war ihm nicht entgangen, aber es war doch ein Schock, als sie – etwa einen Kilometer vom Ufer entfernt, das äußere Riff erreichten. Die Wellen brachen sich schäumend daran, das Meer wirkte nicht mehr so freundlich, und er musste warten, bis Mila einen Durchgang gefunden hatte, durch den sie schließlich in die offene See gelangten.

Hier war das Wasser bedeutend kälter, und er entdeckte ganz andere Korallen, die den härteren Bedingungen besser standhalten konnten. Sie waren auch nicht mehr so leicht zu unterscheiden wie in der Lagune, wo die Sonnenstrahlen bis auf den Meeresboden drangen. Hier ging es schnell von Blau in Dunkel- und Schwarzblau über. Das Auge suchte vergeblich nach Anhaltspunkten. Es gab keinen Anfang und kein Ende. Grundlose Tiefe gähnte ihm entgegen und machte ihm zum ersten Mal Angst.

Er hatte extrem viel Sport getrieben, sich an steilen Kletterwänden geübt, vor denen andere zurückschreckten, aber jetzt kostete es ihn große Überwindung, Mila in das ungewisse Dunkel zu folgen. Sie selbst bewegte sich anmutig wie eine Meerjungfrau. Das dunkle Haar umfloss ihren Kopf, und mit jeder Bewegung ihrer einteiligen Schwimmflosse schien sie ihm zu winken, dass er ihr in die unergründliche Tiefe nachkommen solle.

Ängstlich blickte er immer wieder nach oben, wo es heller durch die Wellen schimmerte, oder zurück zum Riff, das ihm jetzt wie sicheres Land vorkam. Er hatte das Gefühl, von einem hohen Berg in die Tiefe zu stürzen, und dagegen sträubte er sich mit allen Sinnen. Da lag etwas vor ihm, was er nicht kannte. Er, Richard Grundy, der nie unvorbereitet in eine Konferenz ging und immer ein klares Ziel vor Augen hatte.

Mila stellte ihn nicht lange auf die Probe und kehrte schon nach wenigen Minuten in ruhigeres Wasser zurück. „Keine Sorge“, beruhigte sie ihn, als sie gemeinsam auftauchten. „Beim ersten Mal ist es für jeden ein Schock.“

„Die Strömung …“, versuchte er sich zu entschuldigen, obwohl er genau spürte, dass Mila ihn niemals einer wirklichen Gefahr ausgesetzt hätte. Er kannte sie nicht – und kannte sie irgendwie doch. Sie gehörte nicht zu den Menschen, die anderen boshafte Streiche spielten. Außerdem gehörte es zu ihrem Beruf, dass sie jeden Besucher wieder sicher ans Ufer brachte.

„Wir schwimmen jetzt zurück“, sagte sie.

Sie brauchten etwa zehn Minuten bis zum Strand, und diesmal nahmen sie sich nicht die Zeit, die Unterwasserwelt zu bewundern. Die leuchtenden Korallen verloren an Farbe, verwandelten sich in grauen Stein, und schließlich wurde es so flach, dass Richard wieder im Wasser stehen konnte.

Er hatte überlebt. Tatsächlich kam es ihm so vor, als wäre er gerade einer tödlichen Gefahr entronnen. Mila brauchte einen Augenblick, um die Schwimmflosse loszuwerden, und er reichte ihr dazu den Arm. Sie sah ihn etwas verlegen an, war aber höflich genug, seine Hilfe anzunehmen, während sie erst den rechten und dann den linken Fuß aus der engen Gummiflosse zog.

„Jetzt haben Sie den Rand der australischen Kontinentalplatte kennengelernt“, sagte sie, als sie wieder sicher auf zwei Beinen stand. „Allerdings nur den sanfteren Anfang. Der Kontinent verliert sich stufenweise im Meer. Der endgültige Absturz erfolgt erst fünf Kilometer weiter draußen.“

Den sanfteren Anfang?

„Dort wird es so tief, wie fast nirgendwo sonst …“

„Wollen Sie mir Angst machen oder mich beruhigen?“, unterbrach er sie nervös.

„Letzteres“, erwiderte sie und lächelte leicht. „Sie haben das, was noch kommen würde, gespürt. Ihr Körper hat instinktiv auf die unbekannte Gefahr reagiert.“

„Ich kämpfe jeden Tag gegen Unbekanntes“, wandte er ein. So verstand er seinen Beruf. Das Unbekannte zu seinem Vorteil zu nutzen war seine Aufgabe, und WestCorp profitierte davon.

„Wirklich?“ Mila sah ihn neugierig an. „Wann haben Sie zum letzten Mal etwas wirklich Neues erlebt … abgesehen von unserem kleinen Ausflug?“

Richards geschäftlicher Erfolg beruhte auf seiner Unerschütterlichkeit. Wie ein guter Schachspieler berechnete er die Partie im Voraus und freute sich, wenn der Gegner die gestellten Fallen nicht bemerkte. Von diesen Erfolgserlebnissen zehrte er. Sie waren der einzige Reiz im normalen Geschäftsbetrieb. Privat …

Ja, wann hatte er eigentlich zum letzten Mal etwas Neues erlebt? „Heute beim Schnorcheln“, musste er zugeben.

„Sie haben sich gut gehalten.“

Sie wollte nett sein, aber es irritierte ihn immer noch, dass er auf das gerade Erlebte nicht genügend vorbereitet gewesen war. Er behielt gern die Kontrolle über seine Umgebung, und der Ozean entzog sich dieser Kontrolle. Das widerstrebte ihm zutiefst.

„Und Sie?“, fragte er, als sie wieder den warmen Sand des Strandes unter den Füßen hatten. „Wird es Ihnen nicht langweilig, täglich dasselbe Riff vor Augen zu haben?“

Mila ließ ihren Blick über die Lagune und weiter bis zum Horizont schweifen. „Nein“, erklärte sie. „Ich bin gern vertraut mit meiner Umgebung, und ich fühle mich am wohlsten …“, bei diesen Worten drehte sie sich zu ihm um, „… wenn ich mit dem Meer allein bin.“

Richard runzelte die Stirn. „Was haben Sie davon, wenn es von niemandem bemerkt wird?“

„Es wird von mir bemerkt.“ Ihre grünen Augen leuchteten auf. „Das genügt.“

„Wie bescheiden … und wie bedauerlich. Sie heben Ihr Bestes für sich selbst auf.“

„Warum sollte ich es mit anderen teilen?“ Ihr Blick verriet ihm, dass er ihr fremder war als die eigenartigen Lebewesen, die sie gerade unter Wasser beobachtet hatten. Sie ging weiter bis zu der Stelle, wo sie sich ausgezogen hatten, und verstaute die Schnorchelausrüstung wieder in ihrem Rucksack.

Richard folgte ihr langsamer nach. Er fröstelte, aber daran waren nicht die Wassertropfen auf seiner Haut schuld. Etwas geschah mit ihm, das er nicht genau definieren konnte. Etwas seltsam Beunruhigendes …

Es dauerte einen Moment, bis er die ungewohnte Empfindung überwunden hatte. So etwas kannte er nicht. Der berufliche Erfolg, der ihn bisher so sicher gemacht hatte, verlor plötzlich an Bedeutung. Ihm kam sogar der Verdacht, möglicherweise etwas Entscheidendes im Leben versäumt zu haben.

Da wollte jemand sein Bestes nicht mit anderen teilen. Wie konnte man auf einen solchen Gedanken kommen?

3. KAPITEL

Manchmal bekam man an der Lagune keine telefonische Verbindung, aber Richard wurde auch mit diesem Problem fertig. Nachdem er einige Geschäftsgespräche geführt hatte, bestellte er das Schiff, das er Mila gegenüber erwähnt hatte, in den Hafen von Coral Bay. Er wollte unbedingt die Schluchten kennenlernen, die sie erwähnt hatte, und mit dem Boot war die Strecke am schnellsten zu bewältigen. Sie mussten nur außerhalb des Schutzgebiets mit voller Kraft bis zum North West Cape fahren und von dort in das Schutzgebiet zurückkehren. Dafür würden sie etwa eine Stunde brauchen. Mit dem Auto wären es mindestens drei gewesen – also sechs hin und zurück.

Während der Fahrt nach Coral Bay wirkte Richard zerstreut, was Mila Gelegenheit gab, ihn heimlich zu beobachten. Sein Haar war inzwischen getrocknet und saß so perfekt wie zuvor. Von sich selbst konnte sie das nicht sagen, denn sie hatte sich nicht die Mühe gemacht, es auszukämmen.

Er trug wieder seine Sonnenbrille, aber sie konnte von der Seite erkennen, wie unglaublich blau seine Augen waren. Er hatte ausgeprägte Wangenknochen und einen Dreitagebart. Bei der bloßen Vorstellung, diese Bartstoppeln zu berühren, hörte Mila Kesselpauken dröhnen.

Sein Lächeln war einfach tödlich.

„Brauchen Sie noch etwas?“, fragte er, ohne sie dabei anzusehen.

Seine Lippen bewegten sich, aber was er sagte, hatte sie nicht verstanden. Er musste gemerkt haben, dass sie ihn heimlich beobachtete, dabei hatte sie besonders diskret sein wollen! Aber diese faszinierenden Lippen …

Jetzt wandte sie ihm voll das Gesicht zu. „Nein, nur …“ Sie konnte unmöglich zugeben, dass sie sich in seinen Mund verliebt und von seinem Lächeln geträumt hatte. „Nur …“

„Ja?“

„Wir sind fast da“, redete sie sich heraus. „Daran wollte ich Sie nur erinnern.“

Ob er ihr glaubte? Wetten wollte sie nicht darauf. Er nickte nur und sah weiter geradeaus. Mein Job, dachte sie. Er erwartet ja, dass ich ihm Informationen gebe.

„Dies ist die Hauptstraße von und nach Coral Bay“, sagte sie und zeigte auf eine Ansammlung von Sonnenkollektoren neben der Straße. „Wir versuchen schon länger, die Sonnenenergie zu nutzen, um die Stadt mit Strom zu versorgen.“

Coral Bay war für sie der Mittelpunkt der Welt – eine kleine grüne Oase im Nirgendwo. Im Umkreis von zweihundert Kilometern gab es keinen anderen nennenswerten Ort, nur das Outback im Osten und den Ozean im Westen. Hinter dem Ozean lag Afrika.

Richard wurde munter, als sie die Stadt erreichten. Er blickte sich aufmerksam um, registrierte die vielen Caravans, Pick-ups und Reisebusse, die entlang der Hauptstraße geparkt waren, und sagte: „Hier scheint viel los zu sein.“

„Die Walhaie haben Hochsaison“, erklärte sie. „Im Februar, bei vierzig Grad, ist Coral Bay eine Geisterstadt. Unsere Sommer können quälerisch sein.“ Wenn er hier ein Luxusresort bauen will, dachte sie, soll er gleich wissen, dass die Goldmine nicht ganzjährig auszubeuten ist.

„Deshalb gibt es ja Aircondition“, murmelte er vor sich hin.

„Bis ein Zyklon kommt, und die Stromversorgung zusammenbricht.“

Das brachte ihr ein leichtes Lächeln ein. „Sie betonen nicht gerade die Vorzüge der Gegend.“

Das war auch weder ihre Absicht noch ihre Aufgabe. Warum sollte sie einem Unternehmer, der nur Schaden anrichten konnte, die Gegend schmackhaft machen?

„Möchten Sie in der Stadt eine Pause einlegen?“, fragte sie. „Vielleicht etwas essen? Mich macht Schnorcheln immer hungrig. Außerdem gibt es hier eine ausgezeichnete Bäckerei.“ Dass es weit und breit die einzige war, verschwieg sie.

„Wir werden später auf der Portus essen“, entschied er, ohne zu überlegen.

Auf der Portus? Von einem Boot mit diesem Namen hatte Mila noch nie gehört. Sie kannte die meisten Schiffe, die in Coral Bay ankerten oder regelmäßig anlegten, aber eine Portus gehörte nicht dazu. Also ein Schiff von außerhalb. Richard Grundy hatte offenbar seine eigenen Reisemöglichkeiten.

„Bitte sehr.“ Sie zuckte die Schultern. „Dann fahren wir direkt zum Hafen.“

Sie parkte oberhalb der Mole, wo drei „Tinnies“ – kleine, flache Aluminiumboote mit niedriger Bordkante – auf Ausflügler warteten. Das schmucke weiße Beiboot ganz am Ende stach ihr sofort in die Augen.

„Damo ist schon da“, stellte Richard zufrieden fest und winkte dem Skipper, der daneben stand. „Enttäuscht, Mila?“

Hatte sie etwa ein entsprechendes Gesicht gemacht? Wenn, dann unbewusst. Viel entscheidender war, dass Richard sie zum ersten Mal mit ihrem Namen anredete. Und wie natürlich das klang! Er brachte den Namen geradezu leicht über die Lippen.

„Ich habe nur überlegt, wie lange wir mit dem Beiboot bis zum North West Cape brauchen“, entschuldigte sie sich. „Möglicherweise müssen wir den Zeitplan ändern.“

„Dann haben Sie ein Rennboot erwartet?“

Von Ihnen, Mr. Grundy? „N…nein. Ich wusste nicht genau, was ich erwarten sollte. Und Boot ist Boot, nicht wahr? Solange es schwimmt.“

Wieder lächelte er, aber so gezwungen, dass es kaum ein Lächeln zu nennen war. Die Chance hatte sie verpasst.

Am Ende der Mole empfing sie ein großer, schlanker Mann in einer Sommeruniform, die Milas ähnlich, aber weiß war. Er nickte Richard zu und streckte die Hand aus, um ihr an Bord zu helfen. „Bitte, Miss …“

Sie verzichtete auf die Unterstützung, nicht nur, weil sie keine brauchte, sondern vor allem, weil sie die Berührung scheute. Die ausgelösten Gefühle waren nicht immer angenehm.

Der Mann reagierte nicht weiter auf ihre Weigerung, aber Richard runzelte missbilligend die Stirn. Mila seufzte. Er hielt sie für unhöflich, aber das musste sie ertragen. Er war nicht der Erste, außerdem würde sie ihn nach dem heutigen Tag nicht wiedersehen. Was machte es da schon aus?

Der Skipper startete den Motor, der überraschend hochtourig klang, und manövrierte das Boot aus dem Hafen. Solange sie sich im Bereich des Riffs befanden, fuhren sie mit einer Geschwindigkeit von etwa fünf Knoten. Mila hatte erwartet, dass der Mann auf offener See mächtig aufdrehen würde, aber er behielt das gemäßigte Tempo bei und steuerte auf einen Katamaran zu, der nicht weit entfernt war und ihr bekannt vorkam.

Richtig, sie hatte ihn an diesem Morgen schon bei Nancy’s Point bemerkt. Zu ihrer Verwunderung fuhren sie nicht daran vorbei, sondern gingen längsseits, und jetzt konnte sie auch den Namen des Schiffs lesen.

„Portus.“

„Hatten Sie etwa angenommen, dass wir die ganze Strecke im Beiboot zurücklegen würden?“, fragte Richard leise hinter ihr.

Sie drehte sich überrascht um. „Gehört der Katamaran Ihnen?“

„Andernfalls würden wir als fremde Eindringlinge wohl einen bösen Empfang erleben.“

„Ach, so ist das. Als Sie heute früh sagten, Sie seien bei Nancy’s Point abgesetzt worden …“

„… meinte ich nicht, mit dem Auto.“

Der Skipper machte am Heck der Portus zwischen zwei Tauchplattformen fest, von denen man über wenige Stufen zu den beiden Schiffskörpern hinaufsteigen konnte. Es war der ideale Ankerplatz für das Beiboot, wenn es nicht gebraucht wurde.

Das Umsteigen vom Beiboot auf das Achterdeck der Portus war eine Kleinigkeit. Das Deck war geräumig und mit Holz und schwarzem Leder schön verziert. Mit echtem Leder, nicht etwa mit Vinyl oder geschwärzter Leinwand, wie Mila es von anderen Schiffen kannte. Sie ließ eine Hand über die gepolsterte Rückenlehne eines Deckstuhls gleiten. Das Material fühlte sich wunderbar weich an, und sie glaubte, den feinen Klang einer Äolsharfe zu vernehmen. Leder hatte schon immer besänftigend auf sie gewirkt.

„Die Portus ist eine Schönheit, Richard“, gestand sie seufzend.

Zu ihrer Linken führte eine Wendeltreppe aus dunkelbraunem Holz zum Oberdeck. Dunkelbraun stimmte sie sonst traurig, aber dieser warme, ölgesättigte Ton vermittelte ihr mehr das Gefühl von Einsamkeit.

„Sie leistet mir gute Dienste“, bestätigte er und schob die Glastüren auseinander, die ins Schiffsinnere führten. Es bestand zunächst aus einer großen Kajüte mit Esstisch und anschließender Kombüse, die doppelt so groß war wie Milas eigene Küche.

Staunend blickte sie sich um, bis er fragte: „Nun?“

„Auch in Ihrer Welt muss ein solches Schiff etwas Besonderes sein“, antwortete sie und fragte sich, was sie mit „seiner Welt“ eigentlich meinte. Zum ersten Mal verspürte sie den Wunsch, mehr über ihren Besucher zu erfahren.

Er drehte sich zu ihr um. „Was wissen Sie schon von meiner Welt?“

Die Frage machte sie verlegen, aber sie war selbst schuld daran. „Sie hätten das Schiff bestimmt nicht gekauft, wenn es nichts Besonderes für Sie wäre.“

„Schon möglich, Mila, aber es wäre unfein, von meinem eigenen Schiff zu schwärmen.“

„Unfein vielleicht … aber ehrlicher. Sie müssen einfach stolz auf die Portus sein und wollen es nur nicht zugeben.“ Was war plötzlich mit ihr los? Dachte sie an ihre eigene bescheidene Herkunft und die niedrigen Gehälter ihrer Eltern, mit denen die Familie auskommen musste? Spürte sie plötzlich den großen Abstand zwischen sich und diesem Mann, den sie gern überbrückt hätte? Leider würden ihr weißes Fiberglas, dunkles Holz und schwarzes Leder kaum dabei helfen, sondern den Abstand eher noch vergrößern.

„Ich verzeihe Ihnen die Bescheidenheit, aber Ihr Schiff ist atemberaubend schön. Ein wundervoller Ort, um sich zu entspannen.“ Sie wies auf den großen Esstisch. „Und gute Freunde zu bewirten.“

„Freunde kommen selten an Bord“, erwiderte er.

„Dann Kollegen … oder Klienten?“

Richard lehnte sich gegen den Tisch und verschränkte die Arme über der Brust. „Auch nicht. Ich liebe die Stille auf dem Meer.“

„Dann viel Glück. Es ist auf dem Meer nie wirklich still, oder?“

Er überlegte. „Nein? Wirklich nicht?“

Im selben Moment wurde der Motor angelassen, und die Portus nahm langsam Fahrt auf. Das gleichmäßige Summen der Maschine ließ jeden Gedanken an Stille absurd erscheinen. Allerdings musste Mila zugeben, dass das Geräusch erstaunlich gedämpft war – ein weiterer Hinweis auf den Preis dieses Luxusschiffs.

Der zweitürige Kühlschrank in der Kombüse war das nächste Anzeichen. Sie zeigte darauf und meinte: „Es wird zum Lunch wohl keine Käsesandwichs aus der Kühltasche geben?“

Richard öffnete beide Türen. „Es gibt eine kalte Platte mit Krebsen, Langusten, Calamares, Salade Niçoise, Pâté, Taleggio-Käse und gesäuertem Brot.“

Mila lachte. „Also doch Käsesandwichs. Ich ahnte es doch. Nur etwas vornehmer.“

„Mögen Sie keine Meeresfrüchte?“, fragte er neugierig.

„Ich esse Langusten, wenn es sein muss … und Muscheln. Sie haben keine starke Persönlichkeit.“

„Aber auch Krebse und Tintenfisch?“

Ihre Augen leuchteten auf. „Krebse besonders gern. Sie sind so … optimistisch.“

Richard sah sie fasziniert an. War sie nur originell oder einfach verrückt? Ihrem Verhalten nach war beides möglich. „Es stört Sie also nicht, wenn ich mitesse?“

„Nein. Außerdem bin ich nicht mehr so hungrig.“ Sie lächelte entschuldigend. „Auch Käse macht mir keinen großen Appetit.“

„Armer Taleggio“, murmelte er und öffnete einen klimatisieren Weinschrank. „Rot- oder Weißwein?“

„Weder noch“, erklärte sie bedauernd. Der Anblick der leicht beschlagenen Weißweinflaschen ließ sie an ein Bad in schäumender Meeresbrandung denken. „Ich bin im Dienst.“

„Jetzt nicht“, widersprach er. „Für die nächsten neunzig Minuten stehen wir beide unter dem Befehl von Captain Max Farrow, der nach internationalem Seerecht an Bord zu bestimmen hat und alle anderen Gesetze außer Kraft setzt.“ Er wählte eine der beschlagenen Weißweinflaschen aus und hielt sie ihr hin.

Die Versuchung, das luxuriöse Bordleben für eine Weile mitzumachen, war groß – sich mit einem Glas auf eins der Ledersofas zu kuscheln, dem Klang der Äolsharfen zu lauschen und so zu tun, als wären sie Freunde und nicht Fremde. Sich wie normale Menschen miteinander zu unterhalten. Sich einfach dem Augenblick hinzugeben.

„Also gut“, gab sie nach. „Ein Glas.“

Er öffnete die Flasche und füllte zwei Gläser. Dann tranken sie einen Schluck, und daraufhin herrschte peinliche Stille.

„Ich führe Sie gern herum“, erbot er sich und lächelte, aber das Lächeln wirkte falsch und löste weder den Geschmack noch den Duft von Zuckerwatte aus. War Richard etwa genauso nervös wie sie, oder merkte er plötzlich, wie unwirklich alles war? Dabei musste er doch – im Gegensatz zu ihr – daran gewöhnt sein.

Sie stellte ihr Glas auf den Tisch. „Dann los, Richard. Befriedigen Sie meine Neugier.“

„Rich, bitte. Nur meine Kollegen nennen mich Richard.“

Ich bin nicht mal eine Kollegin, dachte Mila, aber wenn ich ihn weiter Richard nenne, gibt es Ärger.

„Bitte, Mila“, drängte er, „und nun kommen Sie. Die Portus wird Ihnen gefallen.“ Als sie zögerte, setzte er hinzu: „Mir gefällt sie auch, wenn Sie es unbedingt hören wollen.“

Er war jetzt zumindest ehrlich, und das stimmte sie nachsichtig. Es gab keinen Grund mehr, die Besichtigungstour abzulehnen.

„Ich würde wirklich gern mehr sehen, Rich“, sagte sie. Die Anrede war fremd und hörte sich merkwürdig an, aber irgendwie … Vielleicht musste sie sich nur daran gewöhnen.

Die Tour dauerte nicht lange. Zwar gab es viel Interessantes zu sehen, aber bei aller Luxusausstattung ging das meiste doch in die technische oder sportliche Richtung. Dazu gehörten eine Anlage für Wasserski und ein Einerkajak – alles, was man brauchte, um sich auf See zu amüsieren, aber das Schiff selbst bot keine Unterhaltungsmöglichkeiten.

„Wasserski, Kajak“, kommentierte sie. „Wo ist die Tauchausrüstung? Auf einem Katamaran mit zwei Tauchplattformen?“

„Ich bleibe lieber über Wasser“, gestand er freimütig.

Autor

Jessica Gilmore
Jessica Gilmore hat in ihrem Leben schon die verschiedensten Jobs ausgeübt. Sie war zum Beispiel als Au Pair, Bücherverkäuferin und Marketing Managerin tätig und arbeitet inzwischen in einer Umweltorganisation in York, England. Hier lebt sie mit ihrem Ehemann, ihrer gemeinsamen Tochter und dem kuschligen Hund – Letzteren können die beiden...
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Ann McIntosh kam in den Tropen zur Welt, verbrachte einige Jahre im kalten Norden und lebt jetzt mit ihrem Ehemann im sonnigen Florida. Sie ist stolze Mutter von drei erwachsenen Kindern, liebt Tee, Basteln, Tiere (außer Reptilien!), Bacon und das Meer. Sie glaubt fest an die heilenden und inspirierenden Kräfte...

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