Romana Extra Band 172

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DER KLEINE BRAUTLADEN AM MEER von LUCY FOXGLOVE

Hingebungsvoll erfüllt Heather die romantischsten Wünsche ihrer Kundinnen. Doch an ein eigenes Happy End glaubt sie nicht! Bis Silvano dʼAngelo ihre Boutique betritt: Er braucht eine Braut – allerdings nur zum Schein, um seiner Großmutter die Frau seines Lebens zu präsentieren …


LAGUNENZAUBER UND STÜRMISCHE KÜSSE von TRISH MOREY

Ein Inselparadies mit blauen Lagunen und weißen Stränden: Hierhin ist Prinzessin Isabella dʼMontcroix geflohen, um einer Zweckehe zu entkommen. Und hier spürt Theo Mylonakos, Gesandter des Königs, sie auf. Er soll sie zurückbringen – und nicht begehren, was Hochverrat gleichkäme!


RÜCKKEHR NACH WHITMORE CASTLE von CARA COLTER

Ein faszinierender Job: Die hübsche Layne will das verlassene Whitmore Castle in eine Frühstückspension umwandeln. Sie ahnt nichts von den Plänen des attraktiven Jesse, der eines Tages vor dem Anwesen in Maine auftaucht: Der heimliche Erbe will das Schloss abreißen lassen …


  • Erscheinungstag 09.05.2026
  • Bandnummer 172
  • ISBN / Artikelnummer 0801260172
  • Seitenanzahl 400

Leseprobe

Lucy Foxglove, Trish Morey, Cara Colter

ROMANA EXTRA BAND 172

Lucy Foxglove

1. KAPITEL

Triest

Verträumt strich Heather über den Spitzenstoff des Brautkleids. Sie liebte das Rascheln von Schichten aus feinstem Chiffon und Tüll. Vorsichtig hob sie das Kleid von der weiß lackierten Metallstange und drehte sich zu ihrer Kundin um.

„Wie wäre es mit diesem? Keine Ärmel, dafür eine traumhafte Spitzenkorsage und weich fallender Chiffon. Natürlich können Sie so viele Kleider anprobieren, wie Sie möchten. Dann sehen Sie, welcher Stil Ihnen am besten gefällt. A-Linie oder Prinzessin? Oder doch Mermaid?“

Die Frau Anfang vierzig mit ersten weißen Strähnen im dunkelbraunen Haar strahlte und berührte ehrfürchtig und verzückt den Stoff. Sie schien ganz versunken.

In Momenten wie diesen konnte Heather kaum glauben, dass sie nun schon seit anderthalb Jahren ihren Traum leben durfte. Die Boutique Amore per Sempre war ihr eigenes Brautstudio für die Liebe für immer, dem Namen nach.

Ein Laden voller wunderschöner Brautkleider für alle Arten von Feiern, für die kirchliche Trauung mit anschließendem Empfang in einem Landschlösschen oder schlichtere Modelle für das Standesamt, Hosenanzüge in allen Schattierungen von Weiß, Champagner und Blush. Es gab Regale mit Brautschuhen, Schmuck vom zierlichen Perlenohrring bis zum extravaganten Diadem, Brauttäschchen aus Satin, Schals und Tücher für den Winter, Jäckchen, Blusen und Mäntel.

„Darf ich es anprobieren?“, fragte die Frau.

„Natürlich! Ich würde mich freuen, wenn Sie Ihr Traumkleid finden, in dem Sie sich einfach nur wohl fühlen.“ Heather lächelte und führte ihre Kundin zu der geräumigen Umkleidekabine, die fast wie ein Ankleidezimmer wirkte. Sie hängte das Kleid an den Wandhaken und zog die Vorhänge zu. „Wenn Sie so weit sind, helfe ich Ihnen.“

Während Heather wartete, dass ihre Kundin die Alltagskleidung ablegte, fiel ihr Blick auf ein Kleid im Schaufenster. Ein Prinzessinnenkleid mit glänzender champagnerweißer Korsage, darunter ein weit ausladender Tüllrock, der schimmerte und glitzerte, wenn das Sonnenlicht darauf fiel. Von hinten ähnelte es sehr dem Kleid, das sie selbst vor zwei Jahren getragen hatte.

Ein bitterer Geschmack breitete sich in ihrem Mund aus und sie schluckte. Zum Glück steckte ihre Kundin in diesem Moment den Kopf durch den Vorhang.

„Ich bin bereit für das Kleid.“ Es klang fast ein wenig feierlich.

Heather atmete tief durch und schaffte es, wieder die Wärme zu empfinden, die zu ihrem Beruf gehörte. Sie war tagtäglich von aufgeregten und glücklichen Menschen umgeben, zum Glück färbte das meistens auf sie ab.

Sie half der Frau, in das opulente Kleid zu steigen. Sobald sie den letzten kleinen Knopf geschlossen und das Band der Schnürung festgezogen hatte, trat sie zur Seite und öffnete den Vorhang, damit die Braut sich von allen Seiten in den großen Spiegeln bewundern konnte.

Heather liebte diesen Moment, er erinnerte sie an den Tag, an dem sie angefangen hatte, hiervon zu träumen. Als kleines Mädchen hatte sie mit ihrer Lieblingstante eine Liebeskomödie schauen dürfen, mit einem herrlich verrückten Hochzeitsplaner mit charmantem Akzent. Immer wieder war er oder die angehende Braut in dieses eine perfekte Brautmodengeschäft gegangen. Die wunderbaren Stoffe, die Atmosphäre, das Glitzern von Schmuck und Kleidern verzauberten sie für immer, und schon da hatte sie es gewusst. Das wollte sie auch!

Einen eigenen Brautladen hatte sie nun, aber sie liebte auch all das Drumherum von Hochzeiten so sehr, dass sie beschlossen hatte, auch das anzubieten. Aus einem reinen Modegeschäft sollte ein Rundum-Service für Bräute werden.

Hochzeitsplanerin und Verkäuferin in einem wollte sie sein, die gute Fee jeder Hochzeit. Heather liebte, dass jede Braut einzigartig war, ihre eigenen Wünsche mitbrachte und es immer eine kleine Herausforderung blieb, alles genau so zu erfüllen.

„Sie dürfen sich auf das kleine Podest stellen, dann fällt das Kleid, als hätten Sie hohe Schuhe an. Wir passen es an einigen Stellen an, kürzen gehört dazu“, erklärte sie. Dann ermahnte sie sich zur Ruhe, denn diesen Moment sollte jede Braut genießen.

Beinahe ehrfürchtig drehte sich die hübsche Frau vor den Spiegeln und strahlte mit den kleinen Glitzersteinchen um die Wette. Die Frage, ob ihre Kundin noch weitere Kleider anprobieren wollte, konnte sie getrost vergessen. Sie sah sofort, wenn jemand verliebt war. Denn auch in Hochzeitskleider konnte man sich verlieben und auch in all das glitzernde und funkelnde Drumherum, das Hochzeiten mit sich brachten.

„Ja“, sagte die Braut andächtig. „Das ist mein Traumkleid. Ich nehme es. Genau so habe ich es mir vorgestellt! Sie können wirklich zaubern.“

Heather wurde es ganz warm im Bauch, es war einfach das schönste Gefühl der Welt, wenn man jemanden glücklich machte. Und wo konnte man das besser als in einem Brautladen?

„Es steht Ihnen wirklich wunderbar, eine gute Wahl“, sagte sie.

„Darf ich ein Foto machen? Meine beste Freundin ist im Moment auf einer Kreuzfahrt und konnte deshalb nicht mitkommen heute.“

„Oh, ich hatte mich schon gewundert, dass Sie alleine hier sind, wie schade. Natürlich. Lassen Sie mich das machen.“ Heather nahm das Handy der Kundin und schoss einige Fotos. „Wirklich wunderschön, Ihre Freundin verpasst was, aber jetzt kann sie das Kleid ja trotzdem sehen.“

„Ja, ich wollte den Termin schon verschieben, aber dann konnte ich mich doch nicht gedulden. Diese Kreuzfahrt kam etwas überraschend, ihr Mann hat sie ihr zum ersten Hochzeitstag geschenkt. Ich frage mich, wie er das noch steigern will.“

Sie lachten beide, aber Heather dachte bitter daran, dass sie in der nächsten Woche ihren zweiten Hochzeitstag gehabt hätte, wenn die Dinge anders gelaufen wären.

Ganz konnte sie das letzte bisschen Traurigkeit noch immer nicht abschütteln. Dabei sollte man so etwas nach zwei Jahren hinter sich lassen können. Sie war nun mal nicht dafür vorgesehen, selbst Braut zu sein. Ihre Berufung war es, andere glücklich zu machen und ihnen den schönsten Tag ihres Lebens zu versüßen. Darin war sie am besten, andere Menschen glücklich machen.

Für jeden gab es irgendwo den richtigen Menschen. Für Stephen war sie das nun mal nicht gewesen.

„Bei meiner ersten Hochzeit habe ich ein Abendkleid getragen“, erzählte die Braut. „Damals war ich erst zwanzig. Natürlich hat es nicht an dem Kleid gelegen, dass die Ehe nicht gehalten hat. Aber als ich Ihren Laden gesehen habe, wusste ich, dass ich dieses Mal ein richtiges Hochzeitskleid möchte. Meine zweite Hochzeit soll einfach anders sein als die erste.“ Sie lachte. „Ich höre mich ein wenig abergläubisch an, oder? Als wäre ein Kleid und das perfekte Drumherum eine Garantie für eine glückliche Ehe.“

Natürlich nicht, leider. Heather nickte mitfühlend. Eine glückliche Ehe war der Schritt, den das Brautpaar allein gehen musste. Wie gerne hätte sie geglaubt, dass ein perfekt vorbereiteter Hochzeitstag Liebesglück bis ins hohe Alter garantierte, aber das ging natürlich nicht. Das wusste sie nur zu gut. Besonders, wenn der Bräutigam andere Pläne hatte.

„Dieses Kleid ist wunderschön. Das ist schon mal eine wichtige Zutat für den Tag.“

„Sie sehen bezaubernd aus, und ich wünsche Ihnen, dass Ihre Hochzeit genau so sein wird, wie Sie es sich wünschen, und die Ehe glücklich und zufrieden.“

Professionell nahm sie die Maße der Kundin, notierte alles für ihre Schneiderin und half der Frau aus dem Kleid. Während die sich wieder anzog, steckte Heather das Kleid in seine Schutzhülle, daran heftete sie den Zettel für die Änderungen.

Sie verdrängte die Bilder ihrer eigenen Fast-Hochzeit und ermahnte sich, unbedingt das Kleid im Schaufenster auszutauschen. Vielleicht ein Modell mit Ärmeln und ganz viel Schleppe, das sie auf keinen Fall an ihr eigenes Kleid erinnern würde.

Die Kundin trat an die Kasse und beglich die Anzahlung.

„Wenn unsere Schneiderin die Kleinigkeiten abgeändert hat, können Sie zur letzten Anprobe kommen.“ Heather machte einen Termin mit ihr aus.

Als die Kundin fort war, drehte sie das Schild an der Tür auf „geschlossen“, nahm ihre Handtasche und trat ebenfalls nach draußen. Sie schloss den Laden ab und atmete tief durch.

Sofort hüllte die Hitze Italiens sie ein, der Himmel leuchtete in unwirklichem Blau, und Schwalben drehten ihre Runden über den Dächern von Triest. Ihre schrillen Rufe waren für sie der Inbegriff des Sommers.

Sie betrat den kleinen Park am ehemaligen römischen Amphitheater, denn sie liebte die ruhige Atmosphäre hier, das unwirkliche Grün zwischen den alten geschichtsträchtigen Steinen, den Duft nach Pinien und Sommer.

Der kühle Schatten unter den Bäumen war himmlisch. Da der Park nicht besonders groß war, ging sie langsamer und lauschte dem Zwitschern der Vögel. Doch sie war verabredet, so verließ sie die Stille und eilte durch die nächste Gasse, bis sie auf die Piazza dell’Unita trat.

Vermutlich würde sie sich nie an diese unglaubliche Weite gewöhnen. Der Platz war gigantisch. Der Brunnen der vier Kontinente, den sie so mochte, wirkte geradezu winzig und zerbrechlich. An drei Seiten war der Platz von sandfarbenen Gebäuden gesäumt, an einer Seite lag das Meer.

Besonders der Palazzo del Lloyd Triestino gefiel ihr, ein historisches Gebäude aus der italienischen Renaissance. Einst Sitz der Reederei Lloyd Triestino, diente es heute regionalen Verwaltungszwecken. An der Fassade des Gebäudes wimmelte es nur so vor Statuen, in kleinen Ausbuchtungen, neben den Fenstern und sogar auf dem Dach.

Da gab es jugendliche Siegesgötter und Statuen der Götter Eolo, Merkur, Vulkan und Neptun. Am liebsten mochte Heather die beiden Skulpturen am Fuß der Fassade, links Tetis für Süßwasser und rechts Venus, die für Salzwasser stand. Sie nickte ihnen im Vorbeigehen zu und ging zu dem Caffè, das ihre Freundin ausgesucht hatte.

An einem kleinen runden Tisch im Schatten einer roten Markise saß Gabriella, sie sprang auf und winkte Heather zu. Gabriella war der Grund, weshalb sie überhaupt hier in Triest war. Welch glückliche Fügung, dass sie beide sich damals während des Studiums kennengelernt hatten.

„So schön, dich zu sehen.“ Gabriella umarmte sie fest. „Das tut so gut. Mit Mario kann man einfach manchmal nicht reden.“ Sie verdrehte die Augen.

„Das ist vermutlich normal.“

Als Heather ihrer Freundin damals erzählt hatte, über wie wenige Themen sie mit Stephen reden konnte …

Nein, sie wollte doch nicht an ihn denken! Was war denn heute nur mit ihr los? Gleich nach der Mittagspause würde sie das Kleid im Schaufenster auswechseln. Sie schüttelte sich. Sie war hier, um mit Gabriella zu Mittag zu essen, und würde das Gespräch jetzt auf keinen Fall auf sich lenken.

„Okay, schieß los. Du klangst am Telefon so, als gäbe es da was.“ Heather stützte ihr Kinn in eine Hand und musterte ihre Freundin.

„Ich bin mir nicht sicher“, begann Gabriella. „Aber irgendwas verbirgt Mario vor mir. Ich hoffe, er wird nicht befördert und nach Rom versetzt oder so.“

„Hätte er dir das nicht längst gesagt?“

„Nicht, wenn er mich überraschen will oder denkt, dass ich keine Lust habe, dorthin zu ziehen. Rom ist so weit weg von dir.“ Sie schob ihre Unterlippe vor.

Heather musste lachen. „Dann besuchen wir uns gegenseitig. Du wohnst eine Woche bei mir und ich komme auch mal nach Rom.“

„Du kannst deinen Laden doch nicht ständig schließen!“, widersprach Gabriella.

„Dann müssen wir eben telefonieren. Außerdem steht es doch gar nicht fest.“

„Stimmt.“

Eine Kellnerin trat an den Tisch und Heather bestellte eine Insalata Caprese und einen Cappuccino.

Gabriella schüttelte den Kopf, weil sie deren Meinung nach immer noch bestellte wie eine Touristin, denn in Triest, und nur dort, hieß der Cappuccino Caffelatte, ein Espresso hieß Nero.

„Einen Nero und ein Stück Strucolo in Straza.“

„Jaja.“ Heather lachte. Zum Kaffee bestellte Gabriella immer etwas Süßes, und der Hefestrudel mit Rosinen und Walnüssen war in diesem Caffè einfach der beste.

Als die junge Kellnerin Richtung Küche verschwunden war, lehnten sie sich gemütlich zurück, schlossen einen Moment die Augen und genossen die warmen Sonnenstrahlen auf ihrer Haut.

„Ich habe ein Problem“, sagte Heather unvermittelt in die Stille. „Gestern war eine Braut bei mir, die sich einen ganz bestimmten Oldtimer wünscht, lavendelfarben lackiert mit weißen Ledersitzen. Den ganzen Abend habe ich im Internet danach gesucht und habe auch schon mit ein paar Oldtimerhändlern telefoniert, natürlich haben viele Rolls-Royce zu vermieten, aber nie in Lavendel.“

Gabriella musterte sie interessiert. „Das Problem sind also die besonderen Farbwünsche und so?“

Heather nickte. „Ich habe keine Idee, wo ich noch suchen könnte.“

Gabriella beobachtete, wie sich ein Paar am Nachbartisch lautstark begrüßte, und drehte sich dann mit einem triumphierenden Lächeln zu ihr um. „Silvano kann dir bestimmt helfen!“

„Dein Cousin? Weil er sich mit Frauen auskennt? Soll er meine Kundin bezirzen?“

Gabriella lachte. „Nein, er hat eine Firma, die Autos nach Kundenwünschen ausstattet. Er macht alles möglich. Warte mal.“

Gabriella suchte in ihrer Handtasche und reichte ihr eine hellblaue Visitenkarte mit eingestanztem Logo.

Girelli. Wir machen Ihr Auto zum Star.

Darunter stand sein Name: Silvano d’Angelo. Eine Berufsbezeichnung fehlte, nur die Kontaktdaten hatte er drucken lassen. Playboy hätte vermutlich dort gestanden, wenn es nach Gabriella ging, auch wenn sie es mit liebevollem Unterton gesagt hätte. Offenbar hatte Silvano ständig eine neue Frau an seiner Seite und das nie lange. Getroffen hatte Heather ihn noch nie, war jedoch ein bisschen neugierig auf ihn. Was fanden wohl die ganzen Frauen an ihm? War es nur sein Geld?

Sie drehte die Karte in den Fingern. „Meinst du wirklich, er kann mir helfen?“

„Auf jeden Fall! Ruf ihn an und sag, dass ich ihn dir empfohlen habe, er ist immer ausgebucht. Habe ich übrigens schon erzählt, dass er sich einen Palazzo in der Città Vecchia gekauft hat und ihn jetzt renoviert? Ich frage mich, warum er einen Palazzo braucht, ehrlich. Er hat ja nicht vor, je eine Familie zu gründen, und einzelne Frauen brauchen nicht so viel Platz. Er hat ja nie mehrere gleichzeitig. Glaube ich.“ Gabriella grinste.

„Ein Palazzo macht eben was her, vielleicht will er die Frauen damit beeindrucken.“

„Das hat er nun wirklich nicht nötig. Aber wer weiß, wie er auf diese Idee kam.“

„Du könntest ihn fragen.“ Heather lächelte und steckte die Visitenkarte ein. Vielleicht konnte Silvano d’Angelo ihr tatsächlich helfen. Sie musste diese Braut unbedingt zufriedenstellen, denn sie hatte einen sehr exklusiven Geschmack, suchte sich immer zielsicher das Teuerste aus, und ständig erzählte sie von ihren vielen Freundinnen und ihren beiden Schwestern, die auch bald heiraten könnten.

Ihr Brautladen lief zwar gut, aber sie musste ihren Eltern schließlich den Kredit zurückzahlen. Und wenn sie es schaffte, die Schönen und Reichen anzusprechen, konnte sie ihren Rundum-Service weiter ausbauen und das wollte sie unbedingt.

Wenn Carla zufrieden wäre und sie weiterempfahl, wäre das ein großer Schritt zu mehr Bekanntheit ihres Ladens. Sie hatte einen Partnervertrag mit einer Friseurin, die die schönsten Brautfrisuren zauberte, und kooperierte mit einem Floristen. Und so würde sie hoffentlich bald die Hochzeitsspezialistin schlechthin sein und nicht mehr nur die Besitzerin eines Brautmodengeschäfts.

Gabriella sah sie erwartungsvoll an, und sie versuchte sich zu erinnern, was sie eben gesagt hatte. „Hast du dir den Palazzo schon angesehen?“

„Ja, heute früh bin ich dort entlanggejoggt.“

Heather starrte ihre Freundin an. „Du joggst? Seit wann das denn?“

Gabriella zuckte mit den Schultern. „Es ist an der Zeit, guck mal.“ Sie hob einen Arm und zupfte mit den Fingern an der minimal herunterhängenden Haut und verzog den Mund. „Winkearme.“

Jetzt musste Heather doch lachen. „Du und Winkearme! Nimmst du Hanteln mit zum Joggen, sonst ist das nicht ganz das Richtige für die Arme.“

„Na klar, ich habe so kleine Gewichtmanschetten, die ich mir ums Handgelenk mache. Jedenfalls bin ich an Silvanos neuer Bleibe vorbeigejoggt, und ich muss sagen, das Gebäude macht wirklich was her. Der neue Anstrich ist schon fast fertig, und ich kann es kaum erwarten, es von innen zu sehen.“

Die Kellnerin brachte die bestellten Kaffee-Spezialitäten, und Heather schnupperte an ihrem Cappuccino, bevor sie den ersten Schluck nahm.

„Niemand darf es von innen sehen, abgesehen von den Handwerkern und Silvano, hat er gesagt. Keine Ahnung, was das soll. Vermutlich gibt es schon ein paar weibliche Gäste, und die stören sich garantiert nicht daran, dass noch nicht alles fertig ist. Und das würde ich natürlich auch nicht.“

Heather nickte, etwas merkwürdig fand sie das Verhalten von Gabriellas Cousin schon. „Dich würde dein Cousin natürlich nicht mit einem Flirt von bröckelndem Putz und Baustaub ablenken, das musst du verstehen.“

Sie lachten, doch dann musste Heather wie so häufig an diesem Tag an Stephen denken. Er hatte keinen Palazzo benötigt, um Stella für sich zu gewinnen. Stella, die einzige Brautjungfer, die er ausgewählt hatte. Seine angeblich rein platonische Freundin.

Auf einmal schmeckte der Cappuccino bitter, da half auch der kleine Amarettini-Keks nicht, den sie schnell in ihren Mund schob.

Ihr Ex-Verlobter war seit dem Tag ihrer geplatzten Hochzeit mit besagter Brautjungfer zusammen. Wann immer sich die Möglichkeit dazu bot, tat ihre Mutter das als natürliche Reaktion auf kalte Füße ab. Es sollte sie nicht mehr kümmern. Stephen hatte sie vor dem Altar stehen lassen. Es war vorbei!

Silvano stand von seinem Schreibtisch auf und streckte sich. Ärgerlicherweise schaffte er es einfach nicht, seine Mittagspause pünktlich zu machen. Genau genommen klappte das nur dienstags und donnerstags, wenn seine Cousine Gabriella ihn zu ihrem gemeinsamen Lunchdate abholte.

Gabriella kannte keine Gnade und ließ nie eine Ausrede gelten, so wie seine restliche Familie. Am Wochenende würde er zusammen mit ihr in ihr Heimatdorf in der Toskana fahren, Nonna feierte ihren zweiundneunzigsten Geburtstag auf dem Landgut, wo auch seine Eltern wohnten.

Er musste dringend ein Geschenk besorgen, ein Buch? Am besten jetzt, denn wenn er nachher aus dem Büro ging, waren die Geschäfte längst geschlossen. Er wusste natürlich, womit er seiner Nonna die größte Freude machen würde, doch diesen Wunsch konnte er ihr nicht erfüllen. Sie wollte ihn glücklich verliebt sehen, verheiratet am besten. Aber es gab seit Jahren keine Frau in seinem Leben, die dafür infrage käme, und die würde es auch nie geben.

Für die Liebe hatte er keine Zeit. Seine Arbeit war sein Leben, die Firma war seine große Liebe, wenn man so wollte. Aber das ließ Nonna natürlich nicht gelten, und sein schlechtes Gewissen deshalb holte ihn immer öfter ein. Schließlich war sie nicht mehr die Jüngste und seine Mutter hatte kürzlich angedeutet, dass sie sich um Nonnas Gesundheit sorgte.

Entschlossen ging Silvano zur Tür, doch da klingelte das Telefon auf seinem Schreibtisch. Womöglich ein Problem, um das er sich sofort kümmern musste.

?“, meldete er sich.

„Silvano d’Angelo?“, fragte eine Frauenstimme.

.“ Müsste er die Stimme erkennen? War das die hübsche Blondine von letzter Woche? Oder die französische Touristin, die er davor an der Bar kennengelernt hatte?

Buongiorno, mein Name ist Heather Buckley, Sie wurden mir von Ihrer Cousine Gabriella empfohlen, wir sind seit dem Studium befreundet.“

Buongiorno“, murmelte Silvano und räusperte sich. „Eine Freundin von Gabriella, sagen Sie? Wie kann ich Ihnen helfen?“

„Ich bin die Inhaberin der Boutique Amore per Sempre an der Via di Donata. Für eine Kundin benötige ich einen Rolls-Royce Princess, lavendelfarben lackiert mit weißen Ledersitzen.“ Heather räusperte sich. „Bin ich da bei Ihnen an der richtigen Adresse?“ 

Silvano strich sich durchs Haar. „Einen Rolls-Royce Princess kann ich besorgen. Aber, verzeihen Sie die Frage, warum greift die Braut nicht auf einen der Mietservices für Oldtimer zurück? Ist das ein Sonderservice bei Ihnen?“

„Irgendwie schon. Ich möchte meine Bräute so glücklich wie möglich machen. Oje, das klingt schräg. Sie wissen schon, was ich meine. Es ist eine … nun ja, wichtige Kundin. Und ich finde die Idee auch sehr charmant. Das Auto klingt absolut traumhaft. Ich habe ohnehin eine Schwäche für alte Modelle von Rolls-Royce, auch wenn ich mir eher einen Mercedes Benz 170V aussuchen würde.“ Sie lachte wieder. „Aber es ist ja nicht meine Hochzeit. Also, meinen Sie, das ist machbar?“

„Ihnen ist aber bewusst, dass ich keine Autos vermiete, sondern sie verkaufe oder Autos von Kunden ausstatte, ja?“, erklärte Silvano strenger als beabsichtigt. Diese Frau klang nach einer Träumerin, und genau genommen waren die Auftragsbücher sehr gut gefüllt. „Bis wann brauchen Sie das Auto denn?“

„In sechs Monaten etwa. Und ich weiß natürlich, dass Sie normalerweise keine Autos vermieten, aber ich dachte …“ Sie brach ab.

„Normalerweise nicht, und ich fürchte, diesen Service werden wir auch nicht in naher Zukunft anbieten. Mi dispiace.“

„Ja, natürlich.“

Mist, hatte er ihr zu schnell den Wind aus den Segeln genommen? Aber warum machte er sich überhaupt darüber Gedanken? Sie war eine Kundin. Nein, bisher nicht einmal das, aber sie war eine Freundin von Gabriella, nicht wahr? Gabriella, die für ihn seit dem frühen Tod ihrer Eltern mehr wie eine kleine Schwester war. Ihr konnte er wirklich keinen Wunsch abschlagen. Er sah förmlich vor sich, wie seine Cousine ihrer Freundin mit leuchtenden Augen seine Werkstatt empfohlen hatte.

„Also die Lackierung und die Sitze sind natürlich überhaupt kein Problem“, sagte er. „Allerdings in sechs Monaten … das ist sehr knapp.“

„Ich verstehe“, sagte Heather. „Verzeihen Sie bitte die Störung.“

„Moment“, sagte er hastig. „Wie wäre es, wenn Sie morgen zu einem persönlichen Gespräch in mein Büro kommen? Ich werde Ihnen ein genaues Angebot erstellen und bis dahin die Auftragsbücher überprüfen, ob wir Ihren Rolls-Royce Princess nicht doch noch unterbringen können. Über den Rest unterhalten wir uns dann.“

Heather zögerte einen Moment. „Okay, abgemacht. Dann komme ich morgen vorbei.“

Im Hintergrund blätterte sie offenbar durch ihren eigenen Terminkalender.

„Ich könnte um 16 Uhr bei Ihnen sein, passt das?“

„16 Uhr passt“, bestätigte Silvano. „Sie kennen die Adresse?“

Heather bejahte und verabschiedete sich.

Silvano legte den Hörer langsam wieder auf die Gabel seines Tischtelefons, dabei fiel sein Blick auf das gerahmte Foto seiner Nonna an der Wand, und ihm kam ein wahnwitziger Gedanke. Diese Frau klang sympathisch, und sie wollte einen Gefallen von ihm. Seine Auftragsbücher waren zum Bersten gefüllt, unter normalen Umständen hätte er einen so kurzfristigen Auftrag niemals angenommen. Wenn er ihr das klarmachte, wäre sie vielleicht bereit, ihm ebenfalls einen Gefallen zu tun.

Nonna feierte Samstag ihren zweiundneunzigsten Geburtstag. Wenn sie gesundheitlich so angeschlagen war, wie seine Mutter neulich meinte … Vielleicht konnte er ihr doch noch eine Frau an seiner Seite präsentieren … und ihr damit ihren Herzenswunsch erfüllen.

2. KAPITEL

Heather starrte aus dem Fenster auf den Brunnen in der Mitte des Platzes. Eine Möwe landete auf dem steinernen Rand und nahm ein paar Schlucke Wasser, Menschen flanierten vorbei, die sie nur am Rand wahrnahm.

Sie brauchte dieses Auto. Auf keinen Fall durfte sie Carla di Brunelli verärgern, denn die hatte gute Kontakte zur High Society, und sie wünschte sich diese Kundschaft. Gut betuchte Bräute mit vielen Followern, die vielleicht sogar Werbung in den sozialen Medien für ihren Brautservice machten.

Wenn Carla das gewünschte Auto nicht bekam, würde sie sich dann einen anderen Brautladen suchen? Sie musste beweisen, dass sie Sonderwünsche ihrer Kundinnen, sollten sie auch noch so ausgefallen sein, erfüllen konnte. Dann wäre ihr Laden und ihr Rundum-Service wirklich etwas Besonderes.

Sollte sie den Wagen für ihren Laden kaufen? Das überstieg ihre Mittel zwar weit, aber was für einen anderen Weg konnte es geben?

Das Telefon klingelte und Heather eilte zum Verkaufstresen und nahm den Hörer ab.

Boutique Amore per Sempre, was kann ich für Sie tun?“, fragte sie auf Italienisch.

„Heather, Schätzchen, ich bin es. Du hast dich ja schon richtig angepasst.“

„Hallo, Mum.“ Heather verkniff sich ein Seufzen wegen des tadelnden Tons ihrer Mutter. „Wie geht es euch? Habt ihr schönes Wetter?“

„Es regnet“, sagte ihre Mutter kurz angebunden. „Ich wollte nur mal hören, ob du gedenkst, uns demnächst mal zu besuchen.“

„Mum, das ist lieb, und ich würde dich und Dad gerne sehen, aber ich habe hier ein Geschäft. Ich kann nicht einfach Ferien machen.“

Ihre Mutter schnaubte. „Soso.Da liegen also deine Präferenzen? Stephen würde sich auch freuen, dich zu sehen. Wir könnten zusammen essen.“

„Natürlich seid ihr mir wichtig, aber … Stephen? Wir sind nicht mehr verlobt, Mum.“

„Er könnte längst dein Ehemann sein, wenn du nicht so empfindlich wärst.“

Heather schluckte. „Stephen war es, der nicht am Altar erschienen ist.“

„Kalte Füße zu bekommen, ist doch völlig normal, Liebes, das hat nichts mit dir zu tun. Stephen war einfach noch nicht bereit, aber bestimmt wird er es bald sein. Du gibst euch nur leider keine Chance.“

„Er hat seine kalten Füße augenblicklich an einer anderen gewärmt“, sagte Heather möglichst würdevoll, und trotzdem taten ihr ihre Worte sofort leid. War ihre Mutter immer noch traurig darüber, dass es mit der Hochzeit nicht geklappt hatte? War sie doch selbst schuld an dem ganzen Desaster? Hatte sie ihn aus Versehen verletzt oder war nicht gut genug auf ihn eingegangen? Aber alles war doch so schön gewesen! Die Hochzeit war perfekt geplant worden, oder hatte etwas gefehlt? Sie hatte Stephen bei allen Entscheidungen das letzte Wort überlassen, selbst dann, wenn es ihm egal gewesen war, hatte sie so entschieden, dass es ihm gefallen musste.

„Du bist zu nachtragend, Liebes. Wie lange willst du diese Flucht nach Italien noch durchziehen? Es ist zwei Jahre her. Und außerdem geht deine Flucht ins Geld.“

Ihre Mutter nannte die geplatzte Hochzeit immer nur einfach „es“, vermutlich um Stephen nicht schuldig erscheinen zu lassen. Verrat oder zerstörte Träume trafen es aber eher.

Worum ging es ihrer Mutter hier? Um das Geld, das ihre Eltern ihr geliehen hatten, oder um die Aussöhnung mit Stephen?

„Ihr bekommt natürlich alles zurück, Mum, es tut mir leid, dass es länger dauert, als ich dachte. Aber der Laden läuft gut, und die Anfangsinvestitionen habe ich fast raus.“ Sie wusste, dass dieser letzte Satz besser ungesagt geblieben wäre, sobald sie ihn ausgesprochen hatte.

Hundertfünfzigtausend Pfund waren viel Geld, und ehrlicherweise wusste sie überhaupt nicht, wie sie diese Summe je zurückzahlen sollte. Es würden kleine Raten werden, aber genau deshalb musste sie einen ganz besonderen Hochzeitsladen haben, wo die reichen Bräute Schlange standen.

„Es eilt nicht, Heather, ich mache mir Sorgen um dich. Wie definierst du ‚fast‘? Wovon lebst du dort?“

Der tadelnde Unterton ihrer Mum wurde stärker. Heather schloss die Augen. Ihre Eltern wussten nicht, wie ihr Brautladen aussah, und kannten ihre kleine gemütliche Wohnung über den Dächern von Triest nicht. Sie waren noch nie auf die Idee gekommen, ihre jüngste Tochter in Italien zu besuchen. Anderthalb Jahre lang. „Ich komme gut über die Runden, Mum. Es ist ein gutes Leben, ich mache sehr viele Bräute sehr glücklich.“

Schon wieder ein Schnauben. „Es wäre besser, du würdest deine Familie glücklich machen. Wann hast du dich zuletzt bei Becky gemeldet, Liebes? Oder bei Stephen? Fragst du wenigstens nach, wie es ihm geht?“

„Ich werde Becky heute Abend anrufen“, sagte Heather beschwichtigend und wusste doch, dass sie es nicht tun würde. Weder legte ihre Schwester großen Wert darauf, außerdem könnte die sich ja genauso melden. Becky war die Ältere, vernünftiger und besser als sie. Becky war immer der Liebling der Eltern gewesen. Schon immer besser in der Schule und immer hübscher, dünner und erfolgreicher. Egal ob es um Männer, die Karriere oder den Alltag ging. Becky konnte alles besser.

Sie hatte neben ihrer Schwester schon von klein auf wie ein Wildfang gewirkt, immer etwas zu frech, die Haare zu zerzaust, die Noten nicht gut genug, zu verträumt. Als Kinder hatten Becky und sie noch zusammen gespielt, irgendwann waren sie sich immer fremder geworden und das war heute noch so.

Sogar mit ihrem Studium hatte sie nicht gegen Beckys Karriere gewinnen können, denn die hatte obendrein noch Mann und Kinder. Erfolgreich in allen Lebenslagen und immer gerne bereit, alle über ihr Können und ihre Erfolge zu informieren. Deswegen rief Heather sie nur an, wenn sie unbedingt musste. Zum Glück läutete in diesem Moment das kleine Glöckchen über der Tür des Brautladens.

„Mum, ich muss auflegen, ich habe Kundschaft. Ich melde mich am Wochenende, hab euch lieb, grüß Dad!“

„Das hoffe ich, bis bald, Liebes.“

Sie legten auf, und Heather kämpfte um das Lächeln, das sie den drei Frauen, die gerade hereingekommen waren, schenken wollte. „Buongiorno!

Sie grüßten gut gelaunt zurück, und die Braut stellte sich als Alessia vor. Heather führte die drei zu der roséfarbenen Sitzgruppe und bot ihnen Wasser und Kaffee an.

„Wie haben Sie sich denn Ihr Kleid vorgestellt?“, fragte sie und hörte Alessia zu, wie sie mit leuchtenden Augen von Tüll, Spitze und kleinen Ärmelchen erzählte.

„Ein richtiges Prinzessinnenkleid!“

Sofort hatte Heather zwei Modelle vor Augen und holte beide. Alessia nickte ergriffen.

„Sie dürfen sie gerne anprobieren.“ Heather lächelte. „Manchmal sehen Kleider am Körper ganz anders aus.“

Sie half Alessia in das erste Kleid und schob nach einem Nicken der zukünftigen Braut den dicken Samt-Vorhang zur Seite. Die beiden wartenden Frauen seufzten glücklich.

Heather führte die etwas mollige Frau zu dem kleinen Podest, damit sie sich von allen Seiten im Spiegel bewundern konnte. Alessia hatte Tränen in den Augen. Das Kleid saß dank der Klammern im Rücken wie angegossen, und Alessia sah wirklich wie eine Prinzessin aus, glücklich und ergriffen.

„Ich liebe es“, sagte sie, und ihre beiden Freundinnen jubelten.

„Es sieht fabelhaft an dir aus!“

„Ein absoluter Traum!“

Heather war ihrer Meinung. „Es steht Ihnen sehr gut. Wenn Sie möchten, können Sie natürlich trotzdem noch das andere anprobieren zum Vergleich.“

Alessia schüttelte den Kopf. „Nein, es ist dieses, ganz sicher. Sie wussten sofort, was mir vorschwebte. Wahnsinn, dass es so leicht war!“

„Das freut mich, und es ist sicher ein gutes Omen für die Hochzeit.“

„Ja, es passt einfach alles. Wir werden ein riesiges Gartenfest feiern, die Eltern meines Verlobten wohnen auf dem Land und haben richtig viel Platz. Irgendwie haben wir sofort bei allem direkt das Richtige gefunden, wir mussten nie lange suchen.“

„So soll es sein. Dann passen Sie und Ihr Verlobter bestimmt sehr gut zusammen.“

„Sie kennen sich ja auch schon ewig“, sagte die kleinere der beiden Freundinnen.

„Eine richtige Sandkastenliebe“, erklärte die andere.

„Wie romantisch“, sagte Heather. „So etwas wünscht sich wohl jedes Mädchen.“

Alessia lachte. „Ich hatte gar keine Zeit, mir so etwas zu wünschen, Nico war immer an meiner Seite. Seit dem ersten Tag im Kindergarten, und obwohl wir später auf verschiedene Schulen gegangen sind, haben wir uns weiter getroffen und viel Zeit miteinander verbracht. Ich weiß gar nicht genau, wann aus Freundschaft Liebe wurde.“

„Ich glaube, ihr wusstet schon mit drei Jahren, dass ihr einmal heiraten werdet, erinnerst du dich an deinen achten Geburtstag?“

„An den Spruch, den Nico in deine Karte geschrieben hat?“

„Den werde ich nie vergessen, wobei er natürlich später auch noch so viel anderes Schönes gesagt und geschrieben hat. Er ist Autor, wissen Sie?“, wandte sich die Braut an sie. „Er schreibt Liebesromane, und er nennt mich immer seine Muse.“

„Wow.“ Heather konnte ihren Blick gar nicht von der glücklichen Braut lösen. Sie schien so verliebt in ihren Nico, den Mann, der schon immer an ihrer Seite war. Es klang wirklich wie im Märchen.

Heather fühlte ein warmes Kribbeln im Bauch. Das Glück dieser Frau machte auch sie glücklich. Das war es doch! Sie brauchte keinen Ehemann, keine Ehe. Sie konnte so viel Glück von anderen miterleben, den besonderen Tag im Leben anderer Menschen noch ein bisschen schöner machen. Das Glück der anderen war genug Glück für sie. Wenn ihre Eltern und ihre Schwester das nur verstehen würden.

Silvano lehnte sich zurück und verschränkte die Hände im Nacken, um sich zu dehnen. Es war halb eins, aber er hatte noch jede Menge Papierkram abzuarbeiten. Trotzdem sollte er endlich mal seinen Morgenrundgang durch die Fertigungshalle hinter sich bringen. Nach dem Rechten sehen und darauf achten, dass der Zeitplan eingehalten wurde. Seine Kunden waren anspruchsvoll und waren es gewohnt, dass er und seine Mitarbeiter die Termine einhielten.

Schon als er die Tür seines Büros öffnete, empfing ihn der Geruch von Autolack, und er hörte das Zischen und andere Geräusche, die dazu passten. Der Mercedes Benz 170V war ein Oldtimer mit unglaublichem Charme, das musste sogar er zugeben, obwohl er modernere Autos bevorzugte.

Die exzentrische Dame, die dieses Modell zu ihm gebracht hatte, besaß bei ihrer Kleidung einen sicheren Geschmack, aber ob sie sich mit der Farbwahl ihres Autos einen Gefallen tat? Er war sehr auf das fertige Ergebnis gespannt, der Auftrag las sich ein wenig abenteuerlich. Hatte nicht auch diese Heather von einem Mercedes Benz 170V gesprochen? Doch, er war sich sicher.

Um Luca nicht bei der Arbeit zu stören, hielt er Abstand und ging in die zweite, durch eine Trennwand abgeteilte Hälfte der Halle zu seinem Experten für Detailarbeit. Paolo setzte gerade ein matt geschliffenes Stück Birkenholz in die Tür eines Ford Mustang ein. Hier war die neue Lackierung, ein helles Himmelblau, bereits fertig, und Paolo kümmerte sich um die Innenausstattung. Die ausgebauten Sitze standen in einer Reihe an der Wand. Wieder ein ungewöhnlicher Auftrag, aber Silvano liebte seine Arbeit. Autos hatte er schon als Kind gemocht. Vermutlich war seine Nonna schuld daran.

Schließlich hatte sie ihm immer wieder Modelle von Oldtimern und besonders seltenen Autos für seine Sammlung geschenkt. Vermutlich hatte er in seinem Kinderzimmer und auch im Garten auf den diversen Pisten, die er im Sandkasten gebaut hatte, mit einem Vermögen gespielt, doch sie hatte ihn nie ermahnt, sorgsamer damit umzugehen.

Autos waren Gebrauchsgegenstände, natürlich sollte man sie pflegen, aber es brachte einem nichts, einen wunderschönen Wagen in der Garage verstauben zu lassen.

„Ah, das wirkt erstaunlich gut“, sagte Silvano, als Paolo sich aufrichtete und sein Werk begutachtete.

„Tatsächlich, ich hab ja nicht so eine Vorliebe für diesen skandinavischen Stil, aber es passt zum Besitzer.“

Sie lachten. Der Mann, der den Wagen gebracht hatte, wirkte wie jemand, der in einem dichten Wald abseits jeglicher Zivilisation lebte. Dabei wohnte er in einer lebendigen, modernen Gegend in Mailand.

„Und es ist mal was anderes.“

„Ah, da kommt Besuch für dich.“ Paolo nickte in Richtung Tür.

Gabriella schob sich ihre Sonnenbrille ins Haar und steuerte auf die Treppe zu seinem Büro zu. Dabei warf sie einen Blick zu dem Ford Mustang, wohl, um Paolo zu begrüßen, und entdeckte ihn.

Ciao! Du machst schon Pause?“ Dann lachte sie. „Vergiss das, du arbeitest natürlich. Was habe ich nur für Einfälle?“ Gabriella kam mit federnden Schritten auf sie zu.

„Ich bin schon fast in der Mittagspause, ich war gerade auf dem Weg.“ Silvano grinste.

Sie begrüßten sich mit Wangenküsschen, Paolo gab Gabriella die Hand. Sie fragte zwar höflich, wie es ihm gehe, aber Silvano merkte, dass sie unbedingt loswollte. Bestimmt hatte sie ihm etwas zu erzählen. Oder einfach Hunger.

Er verabschiedete sich von Paolo. „Denk du auch an deine Pause“, sagte er und kam sich seltsam dabei vor. Seine Angestellten machten wesentlich regelmäßiger Pause als er.

„Wohin gehen wir heute?“

Gabriella hakte sich bei ihm ein, um ihn zur Tür zu ziehen. Sie war wirklich ungewöhnlich gut gelaunt und aufgekratzt.

„Zu Giovanni? Oder ist heute ein besonderer Tag?“ Er beobachtete sie aufmerksam. Sie biss sich auf die Unterlippe und nickte. Ihre Augen leuchteten richtiggehend.

„Zu Alfredo?“, fragte sie.

Bene!

Sie strahlte und tanzte sogar eine paar Schritte. Der Duft von Kaffee und Sommer lag in der Luft. Ein leichter Wind raschelte durch die Blätter über ihnen, und die Sonne malte Lichtpunkte auf die hellgrauen Bodenplatten.

Gabriella wirkte zappelig an seinem Arm, aber sie würde ihm erst verraten, was sie so glücklich machte, wenn sie den Zeitpunkt für perfekt hielt. Silvano kannte sie lange genug, um das zu wissen.

Schon als kleines Mädchen hatte sie Geheimnisse aller Art ewig für sich behalten können. Manche hatte sie vermutlich nie jemandem erzählt, aber dieses hier, das würde sie gleich lüften, da war er sich sicher.

Der Duft von Meerwasser umgab sie, als sie hinter der nächsten Biegung an den Canal Grande kamen. Das Wasser glitzerte silbern in der Sonne, nur dort, wo die Häuser Schatten warfen, war es grün und glasklar.

Sie passierten die Statue von James Joyce, der auf seinem ewigen Spaziergang mit dem metallenen Buch unter seinem Arm, dem runden Hut und der Fliege nachdenklich lächelte. Wie immer grüßten sie ihn mit einem Kopfnicken und erreichten wenig später Alfredos Pizzeria direkt am Kanal. In der Mittagszeit waren alle Tische besetzt, doch genau in diesem Moment stand ein Paar auf und schon saßen sie am perfekten Platz.

Gabriella strahlte und nahm seine Hände in ihre. „Ich werde heiraten! Mario hat mir einen Antrag gemacht. Gestern Abend, und zwar genau da“, sie deutete zum Geländer, an dem sie eben entlanggekommen waren. „Bei Sonnenuntergang. Er hat extra früher Feierabend gemacht und den Zeitpunkt genau abgepasst. Ist das nicht romantisch?“

Erst jetzt bemerkte Silvano den schmalen Goldreif an ihrem Finger, der ihren üblichen Lieblingsring mit dem großen grünen Halbedelstein ersetzte.

„Herzlichen Glückwunsch!“ Er stand spontan auf und umarmte Gabriella, die ebenfalls auf die Füße sprang.

„Danke! Oh, ich bin so glücklich!“

„Dann hast du bereits darauf gelauert, dass Mario dich fragt?“

„Ja, und wenn er noch ein halbes Jahr länger gewartet hätte, hätte ich ihm selbst einen Antrag gemacht.“ Gabriella lachte befreit.

Das sah seiner Cousine ähnlich. „Ein Wunder, dass du dieses Maß an Geduld überhaupt aufbringen konntest.“ Silvano grinste. Auf einmal fühlte er sich wieder wie ein Schuljunge, schon damals hatten sie beide jede Menge gemeinsam ausgeheckt.

„Es war nicht leicht“, erwiderte sie. „Darf ich dich mit dem ganzen Mädchenkram belästigen?“

„Vom Antrag oder von deiner geplanten Feier bis hin zur Hochzeitsreise?“

„Warum nicht?“ Gabriella verschränkte die Arme vor der Brust und musterte ihn.

„Natürlich, was für eine Frage. Nicht, dass ich dich davon abhalten könnte.“

„Stimmt. Zum Antrag gibt es nicht mehr viel zu sagen, wir waren spazieren, die Sonne ging unter, und er hat mich gefragt. Das Ja hatte ich schon ausgerufen, bevor es mir überhaupt bewusst war.“ Ihre Augen funkelten. „Dann haben wir getanzt, einfach so, da vorne an James Joyce vorbei, eine Art Walzer oder so was. Da wären wir übrigens beim ersten Problem, ich brauche unbedingt einen Tanzkurs.“

„Habt ihr schon einen Termin?“ Silvano spürte, wie er in den Arbeitsmodus verfiel.

„Exakt ein Jahr nach dem Antrag, also am 20. September, den Tag musst du dir ganz groß im Kalender markieren. Ich wollte dich nämlich fragen, ob du mein Trauzeuge sein willst.“ Sie hielt die Luft an.

„Was für eine Ehre. Na klar.“

Gabriella atmete erleichtert aus. „Ein paar hübsche Brautjungfern werde ich sicher auch haben.“

Sie zwinkerte ihm zu, und Silvano hätte eine Serviette nach ihr geworfen, wenn sie nicht in einem Restaurant gewesen wären. Seiner Cousine hier jetzt gegenüberzusitzen und sie so strahlen zu sehen, war wie früher zu Hause. „Gut, dann erzähl endlich, bevor du noch platzt. Und zwar alles.“ Er lächelte, es war wirklich süß, wie sehr sie sich freute.

„Wir wollen an einem ganz romantischen Ort heiraten. Mit Meerblick oder auf einem alten Gut in den Weinbergen, umgeben von ganz viel Grün. Ich habe mit Heathers Hilfe eine Liste gemacht. Die ganze Familie muss kommen, auch die von Mario natürlich und seine Freunde aus ganz Italien.“ Gabriella lachte. „Ich werde auf jeden Fall in Weiß heiraten, glaube ich zumindest, da wird mich Heather perfekt beraten. Du wirst begeistert sein, wie sie das macht.“ Sie sah ihn erwartungsvoll an.

„Heather? Die Heather, die mich kürzlich angerufen hat, wegen des lavendelfarbenen Oldtimers? Der war aber nicht für deine Hochzeit gedacht, oder?“

„Ich weiß noch nicht, vielleicht eher eine Kutsche, oder wir schmücken einfach meinen Wagen. Das hätte doch auch was!“

„Dann darfst du aber kein Prinzessinnenkleid mit mehreren Unterröcken anziehen“, sagte Silvano. „Du würdest nicht hinters Steuer passen.“

„Stimmt …“

Sie wirkte nachdenklich, aber er war sich fast sicher, dass sie bereits eine Idee hatte.

„Wir könnten natürlich auch Marios Auto nehmen. Wobei mir ein weißes oder besser noch ein Auto in Pastellfarbe deutlich besser gefallen würde. Oder, was hältst du von Rot? Oder Silber?“

Silvano lachte. „Mario will sicher ein Wörtchen mitreden, ob er in einem rosa Knallbonbon herumfahren möchte nach der Trauung …“

„Warum nicht? Darin würde er sicher gut aussehen und die Aufschrift ‚Just Married‘ lassen wir einfach dran, damit alle anderen Frauen Bescheid wissen.“

„Da musst du dir sicher keine Sorgen machen, so lange wie ihr schon zusammen seid. Außerdem ist Mario nicht der Typ zum Fremdgehen. Das sehe ich mit einem Blick.“

„Natürlich, da bist du ja Experte.“

Obwohl er es nicht wollte, zuckte Silvano zusammen.

Gabriella sah ihn mit großen Augen an. „Entschuldige, das meinte ich nicht so.“

Zum Glück kam ihr Essen in diesem Moment, und sie konnten sich auf die beste Pasta von ganz Triest konzentrieren.

Der Schmuck an Gabriellas Finger glitzerte in der Sonne, und Silvano dachte an seine Nonna und den Ring, den sie ihm vor ein paar Wochen gegeben hatte. Er hatte ihr versprechen müssen, diesen Ring eines Tages seiner Braut zu schenken. Nonna wünschte sich so sehr, dass auch er sein privates Glück fand. Aber bisher hatte er noch keine Frau kennengelernt, mit der er sein Leben verbringen wollte.

Die irrwitzige Idee, zum Geburtstag seiner Großmutter mit einem Fake-Date zu erscheinen, kam ihm mit einem Mal immer besser vor …

3. KAPITEL

Silvano stellte den Bildschirmschoner ein und stand auf. Mit Blick durch das große Fenster hinunter in die Fertigungshalle streckte er seinen Rücken durch und massierte seinen Nacken, offenbar hatte er in einer merkwürdigen Position über der Arbeit gebrütet.

In der einen Hälfte der Halle war Paolo noch immer mit dem Ford Mustang beschäftigt, dessen neue verchromte Stoßstange mit dem blank polierten Lack um die Wette glänzte.

Mit einem Lächeln trat er ans zweite Fenster, um in die andere Werkstatt hinunterzublicken. Luca stand neben dem Mercedes Oldtimer und gestikulierte. Führte er Selbstgespräche? Nein, jetzt kam eine hübsche Frau in einem bezaubernden hellblauen Kostüm mit Bleistiftrock in sein Blickfeld.

Sie hatte offenbar neben dem Wagen gehockt, um etwas genauer zu inspizieren. Ihr Lächeln war betörend, sie wirkte richtig begeistert von dem Auto. Aber sie war nicht die Besitzerin, oder? Wenn ja, war sie eine Woche zu früh da.

Er setzte sein charmantestes Geschäftslächeln auf und ging hinunter zu Luca und der Dame mit den rötlichen Locken. Auf der Treppe konnte er die beiden nicht mehr sehen und verstehen konnte er auch nichts Genaues. Vielleicht wollte sie den Wagen ja noch gar nicht abholen, sondern sich nur den Zwischenstand anschauen, weil sie gerade in der Nähe gewesen war.

„Der ist wirklich der Wahnsinn, Sie sind ein Künstler! Wenn ich mir so ein Auto leisten könnte, dann wäre es genau dieser. Mein absolutes Lieblingsauto, und ich würde ihn sofort in Ihre Hände übergeben. Ein dunkles Blau müsste er haben wie das Meer“, schwärmte die Frau, als Silvano die Halle betrat.

Wenn sie sich so ein Auto leisten könnte? Okay, also nicht die Besitzerin. Aber wer war sie dann? Gabriellas Freundin! Er warf einen Blick auf die Uhr. Tatsache, er hatte die Zeit völlig aus den Augen verloren.

„Danke, so ein Kompliment von einer schönen Frau ist gleich so viel wert wie drei.“

Luca zwinkerte ihr zu, und Gabriellas Freundin errötete leicht, was unglaublich niedlich aussah. Das zusammen mit ihrem immer noch schwärmerischen Blick auf den Mercedes berührte etwas in Silvano. Ein Gefühl von Wärme breitete sich in seinem Bauch aus, und sein Lächeln, das er aufgesetzt hatte, war auf einmal nicht mehr gespielt.

„Sie Charmeur! Ich habe einen Termin mit Silvano d’Angelo, könnten Sie mir sagen, wo ich ihn finde?“

„Hier“, sagte Silvano, und beide fuhren zu ihm herum. „Verzeihung, ich wollte Sie nicht erschrecken.“ Er ging auf sie zu und hielt ihr seine Hand hin.

Sie erholte sich, ihr Handdruck war angenehm fest.

„Heather Buckley, es freut mich, Sie kennenzulernen, Gabriella hat schon viel von Ihnen erzählt.“

Sie verzog kurz den Mund, entweder, weil es so abgedroschen klang, oder … weil seine Cousine zu viele Frauen erwähnt hatte?

„Ich frage besser nicht.“ Er lachte, was in seinen Ohren eher unbeholfen klang.

„Oh nein, sie spricht in den höchsten Tönen von Ihnen, über Ihren Palazzo zum Beispiel“, sagte sie schnell.

Silvano schaffte es nicht, den Blick von ihrem Mund zu lösen. Ihre Lippen waren voll und geschwungen, glänzten leicht von einem dezenten Lippenstift. Der perfekte Kussmund. Er räusperte sich. „Wollen wir in mein Büro gehen? Dort redet es sich gemütlicher, und wir halten Luca nicht von der Arbeit ab.“

Heather schien erleichtert und folgte ihm. An der Treppe ließ er ihr den Vortritt und verfluchte sich direkt darauf für diese Höflichkeit. Jetzt hatte er einen wunderbaren Blick auf ihre verführerischen Rundungen. Dieser Rock saß verflucht gut und betonte ihren Po auf eine fast unanständige Art, auch wenn das Kostüm natürlich überhaupt nicht dafür gedacht war. Sie war elegant, wirkte gleichzeitig natürlich und, nun ja, einfach nur niedlich und sexy. Er schluckte und sah starr an ihr vorbei auf die Bürotür.

„Bitte, nehmen Sie doch Platz.“ Silvano gestikulierte zu den beiden Besuchersesseln. „Kaffee, Tee, Wasser?“

„Gerne ein Wasser.“

Heather setzte sich in seinen Lieblingssessel und überkreuzte die Knöchel. Sie trug hübsche Pumps aus hellbeigem und braunem Leder mit kleinen Absätzen und runden Schuhspitzen, die ein wenig altmodisch wirkten. Ihre Tasche stellte sie neben sich ab und holte ein Farbmusterbuch hervor, das eher in ein Einrichtungshaus passte.

Als sie aufblickte, fiel ihm auf, dass er immer noch neben der geöffneten Tür stand und seine Besucherin anstarrte. Was war nur mit ihm los? Schnell ging er hinüber zu dem Mini-Kühlschrank, um eine Flasche Wasser herauszunehmen. Er konzentrierte sich darauf, ihr ein Glas einzuschenken, und nahm sich selbst auch eins zur Abkühlung.

„Vielen Dank, das tut gut an so einem heißen Tag.“ Heather nahm das Glas und hielt es an ihre Wange.

„Gerne“, murmelte er und riss sich von ihrem Anblick los, um einen Schluck Wasser zu trinken. „So, bitte erzählen Sie genau, was Sie sich vorstellen.“

Heather schlug die Farbmustermappe auf und deutete auf einen Lavendelton. „In dieser Farbe hätte meine Kundin gerne den Wagen, dazu schneeweiße Ledersitze und ein Lederlenkrad. Das Armaturenbrett in einem dunklen Lilaton.“

„Das sollte alles kein Problem sein. Sie haben ja gesehen, dass wir hin und wieder ungewöhnlichere Kundenwünsche haben.“ Er deutete zum Fenster Richtung Lucas Teil der Halle, wo der Mercedes Oldtimer bereits in Perlmuttglanzlack erstrahlte. „Die Sitze in diesem Wagen dort sollen mit glänzendem Stoff bezogen werden. Es war nicht ganz einfach, da etwas zu finden, was gleichzeitig glänzt und robust genug ist, damit der Stoff sich nicht an einigen Stellen abnutzt.“

„Das glaube ich.“ Heather lachte. „Es klingt herrlich exzentrisch! Wie spannend für Sie, diese ganzen Auftraggeber kennenzulernen und ihre wunderbaren Autos noch hübscher machen zu können. Oder auffälliger. Haben Sie hauptsächlich Oldtimer hier?“

„Überwiegend, aber manchmal auch Kleinwagen oder Pick-ups, Kleinbusse, ganz aktuelle Sportwagen, manchmal auch Vespas oder Motorräder. Alles Mögliche.“

„Was würde das Ganze kosten?“ Sie deutete auf die Notizen, die sie vor ihm auf dem Schreibtisch ausgebreitet hatte.

„Habe ich Sie richtig verstanden, dass Ihre Kundin den Wagen noch nicht besitzt und ich Ihnen ein Komplettangebot machen soll?“

Heather nickte.

„Gut, ich habe bereits recherchiert und das gewünschte Modell gefunden.“ Er reichte ihr einen Ausdruck. „Der Wagen kostet siebzigtausend Euro, ist aber voll fahrtüchtig, was bei Oldtimern natürlich bei Weitem nicht immer der Fall ist. Ich habe mir bisher erst die Internetfotos angeschaut, wir würden das Fahrzeug natürlich vor Ort erst mal genau überprüfen, eine Probefahrt machen und dergleichen.“

„Siebzigtausend“, flüsterte Heather. „Es tut mir leid, ich bin natürlich nicht so blauäugig zu denken, dass man so ein schönes, altes Auto umsonst bekommt, aber gibt es da keine günstigeren Angebote?“

„Doch, natürlich.“ Mit dieser Frage hatte er gerechnet. „Dieser hier kostet nur dreizehntausendneunhundert.“ Er zeigte ihr weitere ausgedruckte Farbfotos. Der Wagen war weiß, jedoch nicht überall, an vielen Stellen hatte er grünliche Verfärbungen, vermutlich Moos angesetzt. Die Innenverkleidung aus Holz war zerkratzt, und auch die Ledersitze sahen wenig bequem aus, an vielen Stellen quoll das Futter heraus, das Leder war teilweise gerissen.

„Wir würden die Sitze neu mit Leder beziehen, aber oft ist bei solchen Autos die Substanz einfach schon so schlecht, dass man Ihrer Braut nicht garantieren könnte, dass der Wagen an ihrem großen Tag zuverlässig fährt. Natürlich müssen Sie zusätzlich bedenken, dass die Restaurierung sehr teuer würde und sehr zeitintensiv. Und Sie brauchen den Wagen in einem halben Jahr, sagten Sie?“

Heather schluckte und sah sich die Fotos genau an. „Stimmt.“

„Das ist sehr knapp.“ Silvano tat es leid, sie enttäuschen zu müssen. „Bei diesem Zeitrahmen sollten wir einen Wagen nehmen, der möglichst in Ordnung ist. Der erste hier ist ein wirklich gutes Angebot.“ Er deutete auf den schwarz glänzenden Wagen, dessen Ausdruck er Heather zuerst gezeigt hatte.

„Vermutlich kommen sonst selten Kundinnen mit leeren Händen, die mit einem komplett fertigen Auto wieder gehen möchten.“ Heathers Lächeln wirkte angestrengt.

„Selten, aber es ist eine schöne Abwechslung.“

„Okay, sagen wir, ich würde diesen Wagen nehmen. Was würde die Restaurierung und Anpassung kosten?“ Sie riss sich von den Fotos los und blickte auf.

Ihre Augen hatten die Farbe von Karamell, fiel ihm auf. Und sie hatte unglaublich lange Wimpern.

„Neue Lackierung, neue Ledersitze plus ein modernes Autoradio mit USB-Anschluss oder CD-Player, Innenausstattung mit dunkelviolettem Samt an den Türen, weiß lackiertes Holz“, las er von den Notizen ab, schlug seinen Preisordner auf, notierte und rechnete. „Ungefähr achtzigtausend.“

„Das macht hundertfünfzigtausend insgesamt“, flüsterte Heather.

Ihre Verzweiflung hing deutlich im Raum, und am liebsten hätte Silvano den Preis verringert oder ihr den Wagen doch vermietet, nur, um sie wieder lächeln zu sehen. Aber das ging natürlich nicht. Er bereitete Autos auf, machte sie und ihren Besitzer zum Star, wie es schon auf seiner Visitenkarte stand und auf dem Schild über seiner Bürotür.

Oder er würde ihr einen Deal anbieten …

„Ich werde darüber nachdenken.“ Heather stand auf.

An ihrer Stimme hörte Silvano sofort, dass sie keine große Hoffnung hatte, diesen Auftrag möglich zu machen.

Heather wäre am liebsten alleine diese Treppe hinuntergegangen, aber Gabriellas Cousin war dicht hinter ihr, vermutlich fest entschlossen, ihr unten die Tür zu öffnen.

„Vielen Dank für Ihre Zeit“, sagte sie, als sie in der Halle angekommen waren. Dieses Mal warf sie dem Mercedes nur einen kurzen Blick zu. So ein Auto würde sie nie besitzen, genauso wenig, wie es einen lavendelfarbigen Rolls-Royce Princess geben würde. Andererseits musste sie es unbedingt hinbekommen! Diese K...

Autor

Trish Morey
Im Alter von elf Jahren schrieb Trish ihre erste Story für einen Kinderbuch- Wettbewerb, in der sie die Geschichte eines Waisenmädchens erzählt, das auf einer Insel lebt. Dass ihr Roman nicht angenommen wurde, war ein schwerer Schlag für die junge Trish. Doch ihr Traum von einer Karriere als Schriftstellerin blieb....
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Cara Colter

Cara Colter hat Journalismus studiert und lebt in Britisch Columbia, im Westen Kanadas. Sie und ihr Ehemann Rob teilen ihr ausgedehntes Grundstück mit elf Pferden. Sie haben drei erwachsene Kinder und einen Enkel. Cara Colter liest und gärtnert gern, aber am liebsten erkundet die begeisterte Reiterin auf ihrer gescheckten Stute...

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