Schenk unserem Glück noch eine Chance

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Während einer ausgelassenen Feier im Pub begegnet Tierärztin Kate dem gut aussehenden Finn. Vom ersten Moment an raubt er ihr den Atem, doch ihn umgibt ein Geheimnis. Trotzdem genießt Kate die unwiderstehlich erregende Anziehung zwischen ihnen. Aber schon nach einem einzigen leidenschaftlichen Kuss verschwindet Finn spurlos. Als er Monate später plötzlich als neuer Kollege in ihrer Praxis auftaucht, zeigt er ihr die kalte Schulter. Was verschweigt er ihr? Wie kann Kate ihn nur dazu bringen, sich ihr zu öffnen und der Liebe eine Chance zu geben?


  • Erscheinungstag 17.03.2026
  • Bandnummer 062026
  • ISBN / Artikelnummer 0800260006
  • Seitenanzahl 144

Leseprobe

Sue MacKay

Schenk unserem Glück noch eine Chance

1. KAPITEL

„Kate, ich glaube, du hattest noch nicht das Vergnügen, unseren Ex-Kollegen Finn Anderson kennenzulernen.“ Jackson grinste Finn frech an. „Finn, das ist Kate Philipps, eine unserer Tierärztinnen.“

Der Blick seines Freundes verriet Finn deutlich, wie überzeugt er davon war, dass er und Kate sich blendend verstehen würden. Aber das stand für Finn nicht zur Debatte. Er war nur für die Hochzeit seines Bruders angereist. In zwei Wochen würde er nach Schottland zurückkehren, wo er einen fantastischen Job hatte. Im Übrigen war er nicht auf der Suche nach einer neuen Beziehung. Die letzte steckte ihm noch in den Knochen, und er verspürte nicht das geringste Bedürfnis, das zu wiederholen.

Als er sich der Frau neben Jackson zuwandte, stockte ihm dennoch der Atem. Mit ihrem herzförmigen Gesicht, dem erdbeerblonden Haar und den großen braunen Augen war sie eine echte Schönheit. Von ihrer sensationellen Figur wollte er gar nicht erst anfangen. Vor seinem inneren Auge blinkte ein Warnschild.

„Nett, dich einmal kennenzulernen, Finn“, sagte sie mit einem bezaubernd unbefangenen Lächeln. „Wir sind uns zwar noch nie begegnet, aber ich habe schon einiges von dir gehört.“

„Ich hoffe, nur Gutes“, griff er ihren lockeren Tonfall auf. „Jackson ist ein prima Kerl, aber manchmal geht sein Mitteilungsdrang mit ihm durch.“

Einen Moment lang befürchtete er, Jackson könne ihr von seinem Desaster erzählt haben. Doch er verwarf den Gedanken schnell wieder. Sein Freund mochte etwas übermotiviert sein in seinem Eifer, Finns Liebesleben neu zu beleben. Aber in puncto Diskretion konnte er sich auf ihn verlassen.

Jackson wusste, dass Finn seine Geschichte mit niemandem teilen wollte – nicht einmal mit einer Frau, die so atemberaubend war, dass man zwei Mal hinschauen musste, um sich zu vergewissern, dass man nicht geträumt hatte.

„Was könnte ich anderes über dich sagen?“ Jacksons Grinsen wurde noch breiter.

Finn beugte sich leicht zu ihm und raunte: „Hör auf damit, Kumpel.“

Es war sein erster Besuch in Neuseeland nach fast zwei Jahren, und überraschenderweise fühlte es sich gut an, wieder hier zu sein. Aber das hieß nicht, dass er bereit war, in seine alte Heimat zurückzukehren. Ja, es tat gut, die Freunde wiederzusehen. An eine Rückkehr auf Dauer aber war nicht zu denken.

Noch immer hatte er damit zu kämpfen, wie seine Ex-Verlobte – eine Wirtschaftsprüferin, ironischerweise! – ihn in den Bankrott getrieben hatte. Angesichts ihrer bevorstehenden Hochzeit hatte Finn ihr für die Organisation der Feier Vollmacht über sein Konto erteilt – ein Fehler, der ihn im wahrsten Sinne des Wortes teuer zu stehen kam. Wie sich herausstellte, hatte sie das abgehobene Geld in diversen Spielcasinos verschleudert und darüber hinaus noch einen Kredit aufgenommen, von dem Finn nichts gewusst hatte.

Das Ganze endete damit, dass seine Tierarztpraxis zwangsversteigert wurde und ihm außer der Kleidung an seinem Leib praktisch nichts blieb. Vier Jahre lang durfte er kein Darlehen aufnehmen. Und beinahe alles, was er seither verdient hatte, war in die Rückzahlung der Schulden geflossen.

Das Leben auf der anderen Seite der Welt hatte ihm dabei geholfen, die Katastrophe hinter sich zu lassen. Nur eines quälte ihn bis heute: das Gefühl, nie wieder einer Frau vertrauen zu können.

Das Bitterste daran war, dass Amelia ihn nicht nur finanziell ruiniert, sondern ihm auch das Herz gebrochen hatte. Sie war die Liebe seines Lebens gewesen. Er hätte ihr sogar verziehen, wenn sie nur bereit gewesen wäre, etwas gegen ihre Spielsucht zu unternehmen. Finn hatte mehrfach versucht, ein ernsthaftes Gespräch mit ihr darüber zu führen, aber sie hatte immer nur gelacht und behauptet, sie könne jederzeit damit aufhören, wenn sie es wolle. Schuldgefühle gehörten nicht zu ihrem Repertoire. Er hatte nie ein Wort der Entschuldigung von ihr gehört.

Wie er später erfuhr, wurde ihr kurz nach ihrer Trennung die Berufszulassung entzogen, nachdem herauskam, dass sie auch Kunden ihres Arbeitgebers bestohlen hatte. Inzwischen war sie mit einem wohlhabenden Mann verheiratet und hatte vor Kurzem ein Baby bekommen. Und das war für Finn der wundeste Punkt an der ganzen Geschichte.

Auch ihm hatte sie gesagt, sie sei schwanger – und ihm als Beweis den positiven Test einer Freundin präsentiert. Eine unfassbar dreiste Lüge – nur um noch eine Weile versorgt zu sein, bis sie jemanden gefunden hatte, der ihr mehr bieten konnte als ein einfacher Tierarzt. Der Gedanke daran, was für ein blauäugiger Trottel er gewesen war, lag Finn noch immer wie ein Stein im Magen. Aber immerhin war er jetzt schlauer.

„Komm schon Junge, entspann dich“, holte Jackson ihn ins Hier und Jetzt zurück. „Das hier ist eine Party, da amüsieren sich die Leute normalerweise.“

Das schien die versammelte Gästeschar genauso zu sehen. Das Team der Lincoln Vet Clinic war gerade für seine Arbeit mit den Rennpferden ausgezeichnet worden, die rund um Lincoln gezüchtet und trainiert wurden. Der Clinic of the Year Award galt in der Branche als Ritterschlag. Das musste natürlich gefeiert werden.

Und Finn musste unbedingt dabei sein. Das war für alle klar gewesen, sobald sich die Nachricht herumgesprochen hatte, dass er wieder in der Stadt war.

„Es ist superschön, euch alle zu sehen“, sagte er, und wie von selbst wanderte sein Blick dabei zu Kate.

Ganz ruhig, Mann. In zwei Wochen bist du wieder weg.

„Stammst du von hier?“, fragte er sie beiläufig.

Sie nickte lächelnd. „Ich bin durch und durch ein Canterbury-Gewächs.“

Finn ignorierte das Ziehen in seinem Bauch. Verdammt! Dieses Lächeln konnte einen Mann leicht ins Verderben ziehen.

Er trat einen Schritt zurück. „Es ist kein schlechter Ort zum Leben. Manches daran vermisse ich wirklich.“

„Aber du hast nicht vor, nach Hause zurückzukehren?“

„Nicht in absehbarer Zukunft. Mein Job in Schottland gefällt mir zu gut, um ihn so schnell wieder aufzugeben.“

In ihren Augen blitzte Interesse auf. „Erzähl mir mehr davon.“

Finn zuckte die Schultern. „Ich arbeite für eine Praxis auf dem Land, die hauptsächlich mit Rinderzüchtern aus Aberdeen zu tun hat.“

„Wow, das klingt interessant.“

„Ist es auch.“ Die Anziehungskraft ihrer Augen veranlasste ihn, einen weiteren Schritt zurückzutreten. Dann spürte er Jacksons leichten Rippenstoß.

„Kommt Kinder, gehen wir zu den anderen ans Feuer. Mir wird langsam kalt.“

„Gute Idee“, erwiderte Finn, obwohl er gerade weit davon entfernt war zu frieren. Seine Haut fühlte sich heiß und kribbelig an, was fraglos mit der schönen Frau vor ihm zu tun hatte.

Wie sollte er den Abend überstehen, ohne der Versuchung zu erliegen, die sie ganz klar darstellte? Denn das war definitiv das Gebot der Stunde. Er musste die Finger von ihr lassen. Andernfalls könnten die Konsequenzen verheerend sein. Ein Risiko, das keine Frau wert war – nicht einmal dieser fleischgewordene Engel.

„Ich hole mir erst mal ein Getränk“, sagte er. „Möchtest du auch eins, Kate?“

Hoffentlich würde der Barkeeper eine Ewigkeit brauchen, um die Drinks auszuschenken. Das würde ihm etwas Zeit verschaffen, wieder runterzukommen.

Als er sie in Erwartung ihrer Antwort ansah, durchrieselte ihn unvermittelt ein Schauer purer Lust. Eigentlich gehörte sie auf das Cover eines hochklassigen Modemagazins. Wobei … vielleicht war sie ja längst dort gewesen.

„Ja, gern. Einen Gin Tonic, bitte.“

Finn ging zur Bar, ihr Bild immer noch vor Augen. Diese Kate war wirklich etwas Besonderes. Sie war unglaublich schön, aber sie wirkte nicht so, als bildete sie sich etwas darauf ein. Gleichzeitig strahlte sie die innere Ruhe eines Menschen aus, der sich nicht so leicht aus der Bahn werfen ließ. Aber vielleicht lag er auch völlig falsch. Was verstand er schon davon, Frauen zu lesen?

Eines stand für Finn jedoch fest: Diese Kate hatte keine Ahnung, wie schön sie wirklich war. Und nicht nur das machte sie unwiderstehlich. Sehr lange hatte es keine Frau mehr geschafft, ihn so mühelos mit ihrer Ausstrahlung in den Bann zu ziehen. Seit Amelia … Damals hatte er sich kopflos verliebt, hatte sich viel zu schnell und zu tief eingelassen mit dieser Frau – überzeugt davon, dass sie seine Gefühle ebenso intensiv erwiderte. Was für ein Irrtum.

Es war ein schmerzhaftes Lehrstück gewesen, das er sich jetzt besser ins Gedächtnis rufen sollte – bevor er Kate mehr Aufmerksamkeit schenkte, als ihm guttat.

Zum Glück war er nur für kurze Zeit in Neuseeland. Das würde ihn davor bewahren, sich lächerlich zu machen – und ihn gegen Jacksons gut gemeinte Versuche immun machen, sich als Amor zu betätigen. Jackson hatte Amelia nie ausstehen können, und er nutzte jede Gelegenheit, sie endgültig aus Finns Gedanken zu verbannen.

Finn wollte das auch. Aber Amelia war ein Teil seiner Geschichte. Und die Folgen ihres Verrats ließen sich nicht einfach abschütteln. Wahrscheinlich würden sie ihn für immer begleiten – wie ein Warnschild, das ihn ständig mahnte, wachsam zu bleiben.

Bisher hatte es gut funktioniert. Aber an diesem Abend lag etwas in der Luft. Ein Rückfall drohte. Aber das würde er zu verhindern wissen, sobald er wieder klar denken konnte.

„Ich helfe dir, die Drinks an den Tisch zu bringen.“

Plötzlich war Kate neben ihm aufgetaucht. Der warme Klang ihrer Stimme bewirkte, dass sich seine Fingernägel in die Handflächen gruben.

Verdammt. Warum war sie nicht einfach mit Jackson gegangen? Es waren doch bloß zwei Gläser.

„Ich hätte das auch allein geschafft“, sagte er etwas schroff – und bereute es sofort. „Aber es ist nett von dir“, fügte er sanfter hinzu und reichte ihr ihren Gin Tonic.

War sie einfach nur hilfsbereit? Oder hatte auch er etwas bei ihr ausgelöst?

„Danke.“

Ihr Lächeln traf Finn wie ein Stromschlag direkt ins Hirn. Und auch ein Stück weiter unten. Noch ein bisschen mehr davon, und er konnte für nichts mehr garantieren – trotz seiner guten Vorsätze.

„Jederzeit.“

Mist. Nicht jederzeit!

Er würde Kate nach diesem Abend nicht wiedersehen, egal, was da gerade zwischen ihnen knisterte.

„Ist dein Job eigentlich unbefristet oder an deinen Aufenthaltsstatus gebunden?“, fragte sie, als sie zu dem Tisch hinübergingen, an dem Jackson bereits Platz genommen hatte.

„Unbefristet. Meine Mutter ist Britin, deshalb gab es bei der Arbeitserlaubnis keine Probleme.“

„Sehr praktisch.“

„Ja, das hat mir eine Menge Stress erspart, und das ist gut so. Ich bin kein Fan von Stress.“

Was redest du da? schalt Finn sich verärgert. Kein Fan von Stress. Etwas Blöderes hätte im kaum einfallen können. Aber was hätte er sonst sagen sollen, ohne gleich zu persönlich zu werden?

Diese Frau hatte etwas an sich, das ihn dazu verführte, sich auf sie einzulassen. Mehr von sich preiszugeben, als er wollte. Nicht gut, wenn man vorhatte, auf Abstand zu bleiben. Und genau das wollte er doch.

„Dann hast du also nicht vor, in absehbarer Zeit nach Neuseeland zurückzukehren?“

Finn hielt den Atem an. Bedeutete ihre Frage, dass sie ihn gern näher kennenlernen würde? Er verdrängte den Gedanken so schnell, wie er gekommen war. Selbst wenn es so wäre – was er stark bezweifelte –, durfte es für ihn keine Rolle spielen. Aus gutem Grund.

„Nein“, antwortete er knapp und wechselte das Thema. „Und du? Bist du viel gereist?“

Bei seiner Frage huschte ein Schatten über ihr Gesicht, und ihre Hand zuckte zu ihrem Bauch. Es war nur ein winziger Moment, aber dennoch lang genug, um Finns Neugier zu wecken. Was steckte wohl dahinter?

„Zweimal Australien, das war’s bisher. Ich nehme mir immer wieder eine große Reise in ein fernes Land vor, aber bisher ist es nie dazu gekommen.“ Sie lachte kurz auf. „Offenbar steht ein längerer Auslandsaufenthalt ziemlich weit unten auf meiner Wunschliste.“

„Und was steht ganz oben?“ Es war nicht gerade eine Frage, die man jemanden stellte, den man auf Abstand halten wollte, aber egal. Finn wollte es auf einmal unbedingt wissen.

„In meinem Beruf voranzukommen, denke ich.“

„Behandelst du hauptsächlich Kleintiere? Oder arbeitest du auch im landwirtschaftlichen Bereich?“ Ja, das war besser. Solange sie bei Tieren blieben, konnte nichts passieren.

„Am liebsten kümmere ich mich um Hunde und Katzen. Aber heute Abend dreht sich ja alles um Pferde.“ Ihr Blick schweifte durch den überfüllten Raum, dann schaute sie wieder Finn an. „Ich mische mich jetzt mal unters Volk und plaudere ein bisschen mit den Pferdezüchtern. Die haben schließlich einen großen Anteil daran, dass wir den Preis gewonnen haben.“

„Klar. Ich schau mal, was meine alten Kollegen so machen.“

Als Finn ihr nachschaute, wanderte sein Blick wie magisch angezogen über ihren süßen Po in den engen Jeans.

Und wenn er die Zügel ausnahmsweise mal ein wenig lockerließ und sich einen Abend lang einfach nur amüsierte? Das bedeutete doch nicht automatisch, dass er emotional wieder in ein offenes Messer lief. In vierzehn Tagen war er sowieso zurück am anderen Ende der Welt.

Mitten in seinen Überlegungen wurde Finn plötzlich klar, dass er nicht den leisesten Schimmer hatte, wie Kate über ihn oder den weiteren Verlauf dieses Abends dachte. Sie hatte ihn weder angeflirtet noch versucht, ihn mit ihrem Fachwissen zu beeindrucken, wie es ein paar Tierärztinnen in Schottland versucht hatten.

Überhaupt war sie fast zu gut, um wahr zu sein.

Fast, wohlgemerkt.

Denn keine Frau konnte je so gut sein, wie es auf den ersten Blick schien.

Kate stellte ihr Glas ab und beobachtete die Leute auf der Tanzfläche. Der Pub, in dem die Feier stattfand, hatte für den Abend einen DJ organisiert, und alle warfen sich in wildem Elan in die Musik, als gäbe es kein Morgen.

Der Anblick brachte Kate zum Lächeln und löste gleichzeitig einen Anflug von Traurigkeit aus. Sie wünschte, sie könnte sich genauso unbekümmert ins Getümmel stürzen. Aber das konnte sie nicht. Die wenigen Erfahrungen mit Männern, die ihr seit ihrer Scheidung nahegekommen waren, hatten eine Blockade in ihr hinterlassen, gegen die sie nichts tun konnte.

Natürlich waren ihre Narben der Grund gewesen. Diese entstellenden Folgen eines sonnigen Nachmittags am Strand von Nord-Queensland.

Bis dahin war es für sie und Hamish ein echter Traumurlaub gewesen. Doch dann hatte er plötzlich im Meer einen epileptischen Anfall erlitten. Kate, die am Strand geblieben war, hatte sofort erkannt, was mit ihm los war, und sich ins Wasser gestürzt, um ihn herauszuholen.

Sie hatte gewusst, dass es dort Quallen gab. Gefährliche, potenziell tödliche. Doch das hatte in diesem Moment keine Rolle für sie gespielt.

Ironischerweise war Hamish von dem Angriff verschont geblieben, während sie schwere Verbrennungen an ihrem Bauch erlitten hatte. Die Ärzte im Krankenhaus gaben ihr Kortison und Antihistaminika und versicherten ihr, dass in den meisten Fällen keine Spuren zurückblieben. Aber Kate gehörte nicht zu den Meisten. Als die Entzündungen abgeklungen waren, hatten sich Narben gebildet. Sie sahen schlimm aus.

Diese Narben hatten Kate verändert.

Natürlich verlangte in diesem Pub niemand von ihr, halbnackt übers Parkett zu wirbeln, aber darum ging es nicht. Sie wollte nicht auffallen. Kein Aufsehen erregen. Keine Blicke auf sich ziehen. Das war ihr wichtig.

„Die sind ja alle völlig verrückt“, murmelte sie.

Neben ihr lachte Finn. „Das sagt man Pferdenarren im Allgemeinen nach.“

Kates Puls beschleunigte sich. Sie hatte ihn in dem Gedränge gar nicht kommen sehen. Sie drehte sich zu ihm um, und sofort versank sie in seinen himmelblauen Augen.

Und dann sagte sie plötzlich: „Ich glaub, ich probier’s mal mit dem Tanzen.“

Sie konnte kaum fassen, dass sie das wirklich ausgesprochen hatte. Aber nun war es zu spät, um zu kneifen.

„Was dagegen, wenn ich mich anschließe?“ fragte Finn.

Das wurde ja immer besser …

Kate beschloss, das Ganze nicht so dramatisch zu nehmen. Schlimmstenfalls käme jetzt ein langsames Stück, das sie zum Engtanzen nötigen würde. Aber was war schon dabei? Danach würden sie wieder getrennte Wege einschlagen.

Und Im besten Fall?

Über diese Frage wollte sie jetzt nicht nachdenken. Sie wusste nur, dass sie den unwiderstehlichen Drang verspürte, Finn zu berühren. Er war so sexy, dass es ihr fast den Atem raubte, und die Chance, das noch auszublenden, lag bei null.

„Überhaupt nicht“, brachte sie halbwegs locker heraus. „Warum sollte ich?“

Er schien nicht mehr als einen Tanz von ihr zu wollen. Und er war nur kurz hier in Neuseeland. Es bestand also keine Gefahr, dass das Ganze zu weit ging.

Zugegebenermaßen gefiel er ihr besser, als vielleicht gut für sie war. Verräterische Impulse jagten durch ihren Körper. Was sie betraf, konnte sie nicht dafür garantieren, dass sie an diesem Abend allein nach Hause gehen würde.

Und wenn schon. Ein Psychologe würde vermutlich sagen, dass es vielleicht sogar genau richtig für sie wäre …

Dagegen sprach allerdings, dass sie in Sachen Sex ziemlich eingerostet war. Sie konnte nur hoffen, dass es wie beim Fahrradfahren war: Man verlernte es nicht.

Und wenn Finn ihre Narben bemerkte, was Kate mit aller Macht zu verhindern gedachte: Vielleicht wäre er der erste Mann, der mit dem Anblick klarkam und blieb. Sie hatte so ein gewisses Bauchgefühl.

Gut möglich, dass es sich als reines Wunschdenken herausstellte, aber selbst davon würde die Welt nicht untergehen. Zum ersten Mal seit ihrem letzten gescheiterten Beziehungsversuch hatte Kate wieder Lust, einen Mann in ihr Bett zu lassen. Sie war noch nicht einmal dreißig und wollte nicht noch zwei weitere Jahre oder länger darauf warten.

Es bestand schließlich kein Grund, ihren Makel zu offenbaren. Bei einer einzigen Nacht ließ sich das Problem auch ganz einfach lösen:

Decke drüber, Licht aus – fertig.

Als Finn ihren Ellbogen umfasste, um sie durch die Menge auf die Tanzfläche zu lotsen, schoss eine Ladung Starkstrom durch Kates Arm.

Wow! Wenn schon eine so kleine Berührung sie dermaßen aus der Fassung brachte, wie würde sich dann erst ein Kuss anfühlen?

Kate löste sich aus seinem Griff und drehte sich zu ihm um. Sein Lächeln war einfach umwerfend, und das überraschte Aufblitzen in seinen Augen verriet ihr, dass er die plötzliche Hitze zwischen ihnen ebenfalls fühlte.

Für den Bruchteil einer Sekunde war sie versucht, auf dem Absatz kehrtzumachen und sich ein Taxi nach Hause zu nehmen. Aber Feigheit war noch nie ihr Ding gewesen.

Außer, wenn es um ihren Körper ging. Doch dieses Thema hatte sie bereits gedanklich durchgespielt.

Wie sich zeigte, war Finn bemerkenswert musikalisch. Er bewegte sich so selbstverständlich mit dem Rhythmus, als wäre jeder Beat für ihn gemacht. Kate konnte einfach nur dastehen und ihm zusehen. Ihr Mund fühlte sich wie ausgetrocknet an.

„Was ist?“, fragte er mit einem breiten Grinsen. „Hast du Blei in den Schuhen?“

„Eher Ziegelsteine.“ Sie begann sich zu bewegen, gab sich alle Mühe, mit ihm mitzuhalten, doch es war nur ein müder Abklatsch ihres früheren Tanzstils.

„Komm her, vielleicht kann ich dir helfen.“

Finn nahm ihre Hand, und ehe Kate sich versah, war sie unter seinem Arm hindurch und wieder zurück gewirbelt.

„Schon besser“, meinte er zufrieden.

Von wegen besser! Es war viel mehr als nur das. Auf einmal fühlte Kate sich so frei und leicht, als wäre sie von einem Zauberstab berührt worden. Alles, was sie von da an wahrnahm, waren Finn und das elektrisierende Kribbeln, das ihren ganzen Körper erfüllte.

Heute Nacht! Das war die Zeit, die sie mit ihm hatte, und die Nacht war noch jung.

Sie machte noch eine Drehung, und dann noch eine, während Finns Hüften unglaubliche Dinge taten.

„Viel besser“, lobte er sie lachend, und dann tanzten sie, bis der DJ die Musik stoppte. Alle wollten die Pause nutzen und strömten zur Bar, um sich mit einem kühlen Drink für die nächste Session zu stärken.

„Noch einen Gin Tonic?“, fragte Finn.

Kate nickte. „Gern.“ Ein Kuss wäre ihr noch lieber gewesen, aber sie wollte nichts überstürzen.

Er deutete auf die Warteschlange. „Das könnte dauern.“

„Dann lass uns irgendwohin gehen, wo nicht so viel Trubel ist.“

Er sah sie an, seine Mundwinkel hoben sich leicht. „Gute Idee.“

Kate atmete erleichtert auf. Sie hatte schon befürchtet, zu forsch vorgeprescht zu sein, aber offenbar waren sie auf derselben Wellenlänge.

Im Foyer suchten sie sich – inzwischen Händchen haltend – eine ruhige ungestörte Ecke.

Und dann zog Finn sie in seine Arme und küsste sie.

Seine Lippen schmeckten unglaublich … wie eine Liebesdroge. Nein, falsch. Der ganze Mann war eine Liebesdroge.

Seine Zunge spielte mit ihrer, sanft und zugleich herausfordernd, bis Kates ganzer Körper in Flammen stand. Es war, als wäre sie noch nie zuvor geküsst worden. Als hätte der viel besungene Prinz auf dem weißen Schimmel sie gerade aus ihrem hundertjährigen Schlaf geweckt.

Als Finn sich abrupt von ihr löste, war sie wie vor den Kopf geschlagen.

Er trat einen Schritt zurück und starrte sie an, als wäre sie eine völlig Fremde.

„Es tut mir leid“, stieß er gepresst hervor. „Ich kann das nicht.“

Seine Worte hallten wie ein Echo in ihrem Kopf. Das konnte, das durfte nicht wahr sein!

Schon wieder hatte ein Mann sie zurückgewiesen. Er wusste doch gar nichts über sie, und schon gar nichts von ihren Narben. Was stimmte nicht mit ihr?

„Was ist los, Finn?“ Verdammt! Sie hatte ruhig und fest sprechen wollen, doch sie hörte das Zittern in ihrer Stimme.

Er hob die Hände und ließ sie wieder sinken. „Es wäre dir gegenüber nicht fair, Kate. Es gibt … Dinge in meinem Leben, von denen du nichts weißt.“ Nach diesen Worten drehte er sich um und verschwand – aus dem Pub und aus ihrem Leben.

Er ließ sie einfach stehen.

Wie betäubt schlang Kate die Arme um sich. Nach all den Jahren, die sie allein in ihrem Bett verbracht hatte, war es ihr endlich gelungen, ihre Ängste zu überwinden. War bereit gewesen für eine Nacht voller Magie und Sinnlichkeit.

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