Unvergessliche Küsse für Miss Gwendolyn

– oder –

Im Abonnement bestellen
 

Rückgabe möglich

Bis zu 14 Tage

Sicherheit

durch SSL-/TLS-Verschlüsselung

Diese Begegnung kann Miss Gwendolyn Lanscarr einfach nicht vergessen! Nicht nur, dass der unverschämt gut aussehende Beckett Steele ihr aus einer verzwickten Lage geholfen hat, sondern er hätte sie auch beinahe geküsst! Seitdem kann sie an nichts anderes mehr denken als an ihn. Sehr zum Leidwesen ihrer Schwester, die darauf besteht, dass Gwen einen Adligen heiratet und keinen Mann von zweifelhaftem Ruf, der sich scheinbar mühelos zwischen Adels- und Halbwelt bewegt. Als wäre ihr Herz nicht gestraft genug, fordert Beckett nun auch noch den Gefallen ein, den sie ihm im Austausch für seine Hilfe schuldet …


  • Erscheinungstag 09.05.2026
  • Bandnummer 427
  • ISBN / Artikelnummer 0871260427
  • Seitenanzahl 384

Leseprobe

Cathy Maxwell

Unvergessliche Küsse für Miss Gwendolyn

Cathy Maxwell

beschäftigt sich am liebsten mit der Frage, wie und warum Menschen sich verlieben. Obwohl sie bereits über 35 Romane veröffentlicht hat, bleibt die Liebe für sie weiterhin eines der größten Mysterien! Um weiter zu diesem Thema zu forschen, verlässt sie gerne ihr gemütliches Zuhause in Texas und reist durch die Welt, um sich mit ihren Fans auszutauschen und für ihren nächsten Roman zu recherchieren.

1. KAPITEL

November 1816

London

Er hatte nach der ältesten Hure des Hauses gefragt.

Beckett Steele wusste genau, dass diese Bitte nicht die absonderlichste aller Zeiten war, nicht einmal an einem einzelnen Abend in irgendeinem beliebigen Freudenhaus. Er hatte jedoch andere Gründe für seinen Besuch als die anderen Männer, die normalerweise in den Londoner Bordellen zu Gast waren.

„Du bist gar nicht hier, um dich ein bisschen zu entspannen?“ Die Hure lehnte sich an das Kopfteil des Betts und zog ihre zerknitterten Röcke bis zu den Knien hinauf. Ihr eisengraues Haar war zerzaust und struppig. Sie kämmte es mit den Fingern, als ob ihr das erst in diesem Moment aufgefallen wäre. So dachte eine Hure. Wenn er hereingekommen wäre und sich auf sie gestürzt hätte, hätte sie sich nicht darum gekümmert, wie sie aussah. Aber das hatte er nicht getan. Er hatte ihr gesagt, dass er nicht zu ihr gekommen war, um zu bumsen.

Das Zimmer – eigentlich sogar das ganze Haus – roch nach Talglichtern, ungewaschenen Menschen, Whisky und Sex. Am Ende dieses Abends würde er baden, so wie er es seit drei Monaten jeden Abend tat, um den säuerlichen, schweren Geruch loszuwerden.

Das Erstaunen der Hure, dass er nicht vorhatte, seine Hose herunterzulassen, machte einer müden, gewieften Erkenntnis Platz. „Was willst du dann? Zugucken? Weinen? Reden?“

Weinen? Das war eine Wendung, die Beck noch nicht erlebt hatte. Eigentlich sah die Frau für ihr Alter – sie mochte um die fünfzig sein – nicht schlecht aus. Er hatte noch nicht viele getroffen, die so alt waren wie sie, und das bedeutete, dass sie vielleicht Antworten auf seine Fragen hatte.

Anstatt einer Antwort holte er einen Stapel Münzen aus der Tasche und stellte ihn neben das Talglicht auf den Nachttisch. Das Geld war nur für sie bestimmt. Freier mussten die Bordellwirtin bezahlen, ehe man sie auch nur die Treppe hinaufsteigen ließ. Für die Summe, die er ihr gerade gegeben hatte, hätte sie normalerweise wochenlang arbeiten müssen.

Sie sah das Geld an. „Ich mache keine komischen Sachen. Ich lass einen Schwanz nichts machen, was er nicht soll. Und ich lass mich nicht schlagen.“ Sie holte ein Messer aus seinem Versteck unter dem Bettzeug hervor und zeigte es ihm, ehe sie es wieder an seinem Platz verschwinden ließ.

„Das ist weise“, erwiderte Beck höflich. Respekt war etwas, was Frauen in diesem Beruf nur selten zuteilwurde. Mit einem bisschen davon kam man weiter als mit Geld. „Ich habe ein paar Fragen, mehr nicht. Ich fasse dich nicht einmal an.“

Ihre Augen leuchteten auf. Auf ihrem Gesicht breitete sich ein Lächeln aus, sodass er sehen konnte, dass ihr die Schneidezähne fehlten. „Von dir hab ich schon gehört. Du bist auf der Suche nach einer Hure, die vor wie vielen Jahren mal hier war?“

„Mindestens fünfundzwanzig.“

„So lange bin ich noch nicht dabei.“

„Ich habe um die älteste Dame des Hauses gebeten“, sagte er. „Vielleicht hast du in deiner Zeit in diesem Geschäft die eine oder andere Geschichte gehört?“

„Aye, ich bin die älteste.“ Die Hure zuckte mit den Schultern. „Du hast für die Zeit bezahlt.“ Sie nahm das Geld und steckte es zu ihrem Messer. Dabei rutschte ihr loser Morgenmantel herunter, sodass eine nackte Schulter zum Vorschein kam. „Frag ruhig.“

„Es gab in London früher ein Bordell, in dem alle Wände dunkelgrün waren wie ein Wald. Hast du davon schon einmal gehört? Die Bordellwirtin wollte mit Madam angesprochen werden, und Dunkelgrün war ihre Lieblingsfarbe. Ihre Mädchen mussten sich auch alle so anziehen. Sie hat behauptet, die Farbe würde zu ihren Augen passen. Das Bordell war als das Treibhaus bekannt. Hast du davon gehört?“

„Häuser heißen mal so und mal so. Und heute lassen sie sich alle Madam nennen“, erwiderte die Hure. „Abgesehen von denen, die sich Madame nennen.“ Sie sprach das Wort übertrieben französisch aus. „Der Akzent von denen ist auch nicht echt. Affektierte Miststücke.“

„Der Schläger, der für sie gearbeitet hat, hieß Dervil. Hast du von dem mal gehört?“

Sie dachte einen Augenblick nach und sagte dann: „Nö.“

„Und was ist mit dem Namen Marquis of Middlebury?“

Sie setzte sich bequemer hin. „Ein Marquis, ja? Vooornehm.“ Sie zog das Wort spöttisch in die Länge. „Aber ich kann dir sagen, du verschwendest deine Zeit. Selbst wenn wir was wüssten, warum sollten wir einem wie dir was davon erzählen?“ Sie zeigte mit einem ausgestreckten Finger auf seine polierten Stiefel und sein schwarzes, gut geschnittenes Jackett.

Er verstand sie. Dass jemand wohlhabend aussah, war von Bedeutung, wenn man ein solches Etablissement betrat. Aber man gewann damit kaum Vertrauen, das schaffte man nur mit Aufrichtigkeit. „Weil ich wie ihr bin. Ich habe in diesem Bordell gewohnt. Ich habe in der Küche geholfen, Nachttöpfe geleert, was eben anfiel.“

Sie kniff die Augen zusammen und musterte ihn im Lichte dieser neuen Information. „Was anfiel?“, wiederholte sie seine Worte in herausforderndem Tonfall.

Beck ging ihr nicht auf den Leim. Manche Gäste mochten kleine Jungen. Vor denen hatte Madam ihn beschützt. Sie hatte gesagt, dass er dafür noch zu jung war. Selbst damals hatte er schon gewusst, dass er Glück gehabt hatte. „Ich glaube, dass eine von den Frauen, die dort gearbeitet hat, meine Mutter war.“

„Also suchst du nach deiner Ma?“ Sie schnalzte mit der Zunge und schüttelte den Kopf. „Lass es, lass es lieber, wenn sie eine von uns war und sich nicht um dich gekümmert hat. Du siehst aus, als ob es dir gut geht. Leb dein Leben. Genau das würde sie dir auch sagen. Das würde ich auch zu meinen Kindern sagen, wenn sie sich auf die Suche nach mir machen würden. Aber das machen sie nicht. Es ist alles viel zu lange her.“

Beck war nicht hergekommen, um sich Ratschläge erteilen zu lassen, und es gab in dieser Straße noch zwei weitere Bordelle, die er besuchen wollte, bevor er sich für heute Abend zurückzog. Die Wahrheit war allerdings, dass er müde war. Diese Arbeit war trostlos. Er streckte die Hand nach dem Türgriff aus, aber sie hielt ihn zurück.

„Wie war ihr Name? Der von deiner Mama?“

„Ich weiß es nicht.“

„Warum suchst du dann nach ihr?“

Wegen meiner Träume, hätte er sagen können.

Sie hatten angefangen, nachdem er in der Schlacht von Nive verwundet worden war. Eine Kopfwunde, die ihn beinahe das Leben gekostet hatte … bis ihn die Träume von einer schönen Frau, die das gleiche dunkle Haar hatte wie er, einer Frau in Gefahr, ins Leben zurückgeholt hatten.

Auch wenn um sie herum alles verschwommen und undeutlich war, wie Träume das manchmal so an sich hatten, konnte er ihr Gesicht genau erkennen. Er sah, wie die Frau lachte, und hörte, wie sie sang. Er hatte sie wiedererkannt – seine Mutter.

Der Klang ihrer Melodie erfüllte ihn mit Freude und einem Gefühl des Friedens … bis sich der Traum wandelte. Ihr Gesang wurde zu Geschrei. Schreie, die ihn verfolgten.

Er konnte nicht sehen, wovor sie sich fürchtete, aber er konnte immer ihre Angst spüren. Dann wachte er erschrocken auf, sein Herz hämmerte in seiner Brust, und er hatte das überwältigende Gefühl, dass er sie verraten hatte.

Die singende Frau, seine Mutter – eine Frau, die er nie kennengelernt hatte –, rief nach ihm. Er kannte ihren Namen nicht und wusste nicht, ob sie noch lebte oder tot war, aber er musste wissen, was aus ihr geworden war. Dieser Traum war auch nicht verschwunden, nachdem er wieder genesen war. Er war immer wieder schwitzend und bebend in seinem Feldbett aufgewacht. Er wusste genau, dass er im Schlaf geschrien hatte. Er sah es an den Gesichtern seiner Kameraden. Es war nicht ungewöhnlich, dass Männer, die im Kriegseinsatz waren, von Albträumen geplagt wurden. Für ihn war es ungewöhnlich, irgendeine Schwäche zu zeigen.

Nachdem Napoleon besiegt worden war, hatte Beck seinen Dienst quittiert und sich einer neuen Aufgabe zugewandt. Der Name Dervil und die Farbe Tannengrün waren seine einzigen beiden Erinnerungen an den Ort, an dem er die ersten Jahre seines Lebens verbracht hatte, bis er ungefähr sechs gewesen war. Dann war eines Tages Olin Winstead, der Mann fürs Grobe des Marquis of Middlebury, gekommen und hatte ihn mitgenommen.

Am selben Tag war Madam herausgerutscht, dass Beck der Bastard von Middlebury war. Sonst hätte Beck es nie erfahren. Winstead hatte ihr für ihren Fehler eine Ohrfeige verpasst und sie gewarnt, „den Mund zu halten“.

Beck war entsetzt gewesen. Wenn Beck dabei gewesen war, hatte noch nie jemand Madam angerührt oder so unfreundlich mit ihr gesprochen. Ihre Macht war allgegenwärtig. Beck wusste noch, dass Dervil zu ihr geeilt war, um sie zu beschützen, aber Madam hatte ihn gemahnt, sich zurückzuhalten. Das war dem kleinen Beck noch merkwürdiger vorgekommen. Madam hatte Dervil schon für wesentlich kleinere Vergehen auf Leute losgelassen.

Anschließend hatte Winstead Beck im Nacken gepackt und war mit ihm aus dem tannengrünen Haus marschiert. Als sie in der Kutsche saßen, die auf sie gewartet hatte, hatte er Beck erklärt, dass er den Namen des Marquis niemals erwähnen und keine Fragen stellen durfte. „Sonst komme ich und schneide dir die Zunge heraus.“

Beck hatte nicht an seinen Worten gezweifelt. Er hatte mitangesehen, wie der Mann Madam geschlagen hatte. Das bedeutete, dass er mehr Macht hatte als sie, und sie hatte über alles in Becks Leben bestimmt.

Außerdem hatte Winstead behauptet, dass „Beck“ ein demütigender Name sei. Offenbar hatte Madam erzählt, dass die Damen ihn so nannten, weil ihnen sein voller Name zu aufwendig gewesen sei. „Ein Mann muss bei seinem vollen Namen gerufen werden“, hatte Winstead gesagt. Er hatte einen Moment nachgedacht und dann gesagt: „Beckett. Beckett Steele. Ja, so ist es richtig.“ Und anschließend: „Weil du hart wie Stahl sein musst, um zu überleben, was das Leben für dich bereithält.“

Er hatte recht damit gehabt. Sein Leben war nicht einfach gewesen.

Winstead hatte Beck in Faircote abgeliefert, einem Internat für Jungen, die genauso hoffnungslos waren wie er, aber eine Familie hatten. Selbst die Bastarde, und von denen hatte es einige gegeben, hatten Väter, die ihnen Familiennamen gaben. Beck hatte niemanden – bis zu dem Augenblick im Feldlazarett, als die singende Frau angefangen hatte, ihn heimzusuchen.

Jetzt wollte er sie unbedingt finden.

Die Hure kniff die Augen zusammen. „Du wirst mir nicht verraten, warum, oder?“

„Vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast.“ Er machte sich auf den Weg zur Tür. Öffnete sie.

„Wahrscheinlich ist sie tot“, sagte die Hure.

Das wusste er.

„Die meisten von uns sind keine guten Mütter“, fügte sie hinzu. Es war eine weitere Warnung. „Können wir nicht sein.“

Er ging zur Tür hinaus.

In diesem Bordell war viel Betrieb. Er hörte die Geräusche der Männer, die „sich entspannten“, wie die Hure gesagt hatte. Es gab gröbere Ausdrücke, aber ihrer gefiel Beck.

Er musste neben der Eingangstür warten, während eine Gruppe von kichernden jungen Trunkenbolden ins Haus stürmte. Sie stolperten übereinander, weil sie es so eilig hatten. Schließlich konnte er hinausgehen und war dankbar für die Kühle der feuchten Abendluft, die ihn umfing, und dafür, dass er Raum zum Atmen hatte.

Es war bald Mitternacht. Beck überlegte, ob er die anderen beiden Bordelle besuchen sollte. Er musste morgen früh aufstehen. Er war in einem interessanten Beruf gelandet. Es gab Menschen, die auf der Suche nach verloren gegangenen Angehörigen waren und die Fähigkeiten gut brauchen konnten, die er sich auf seiner eigenen Suche angeeignet hatte.

Bis jetzt hatte er die Tochter eines Pfarrers gerettet, die von einem verschmähten Verehrer entführt worden war, hatte einen geliebten älteren Elternteil wiedergefunden, der so verwirrt gewesen war, dass er sich verlaufen hatte, und einen undankbaren jungen Mann aufgespürt, der seine Universität und seine Familie fluchtartig verlassen hatte, um in Amsterdam ein Leben als Frauenheld zu führen. Morgen hatte er eine Verabredung mit einem wohlhabenden Kaufmann, der wollte, dass er herausfand, wer der Liebhaber seiner viel jüngeren Ehefrau war.

Dieser Beruf war nicht unbedingt gut angesehen, aber er hatte sich als lukrativ erwiesen. So lukrativ, dass Beck anstatt eines Honorars manchmal um einen Gefallen bat. Es lag Macht darin, dass wohlhabende Menschen mit guten Verbindungen in seiner Schuld standen. Angesichts der Tatsache, dass sein Vater, der Marquis von Middlebury, einer der einflussreichsten Männer der vornehmen Gesellschaft war, würde er diese Macht noch brauchen.

Eins noch, nahm er sich vor. Das Bordell lag ganz in der Nähe, nur diese Straße hinunter. Danach konnte er sich für heute Abend zurückziehen.

Er unterdrückte ein Gähnen, setzte sich seinen breitkrempigen Hut auf, ließ den hell erleuchteten Hauseingang hinter sich und machte sich auf den Weg die dunkle Straße entlang. Die Dunkelheit machte ihm nichts aus. Er hatte sich an sie gewöhnt. Außerdem konnte er das Licht des – wie hieß es noch? – Mrs. Elderberry’s über dem Eingang sehen. Bei dem Namen musste er lächeln. Er hörte sich so harmlos an für ein Freudenhaus …

Aus dem Durchgang zwischen zwei Häusern kam eine massige Hand hervor und zerrte ihn in den Schatten.

Der Überraschungsangriff brachte Beck um sein Gleichgewicht. Er wurde mit starken Armen weiter in den Durchgang gezogen, der nach Fäulnis und Urin stank, und dann gegen eine Ziegelmauer geworfen. Ein schwerer Mann, der nach Holzspänen, Schweiß und saurem Bier stank, rempelte ihn an. Dann sagte die heisere Stimme, die Beck niemals vergessen hatte: „Was habe ich dir über neugierige Fragen gesagt?“

Olin Winstead.

Beck konnte plötzlich keinen klaren Gedanken mehr fassen, und er war wieder der kleine Junge, der mit dem Mann, den er am meisten fürchtete, in einer engen Kutsche fuhr. Mit dem Mann, der gedroht hatte, ihm die Zunge herauszuschneiden.

Nur dass Beck längst kein Kind mehr war. „Ich will keine Ansprüche gegen den Marquis geltend machen“, sagte Beck mit zusammengebissenen Zähnen. „Er ist mir völlig egal. Ich bin auf der Suche nach meiner Mutter …“

Er bekam einen heftigen Faustschlag in den Bauch, der den Atem pfeifend aus seinem Brustkorb verdrängte … doch Beck hatte genau das vorausgesehen. Er war darauf gefasst. Der Schlag war schmerzhaft gewesen, aber er hatte nicht den Schaden angerichtet, den er bezweckt hatte.

Oder der ihn davon abhalten konnte, sich zu wehren.

Winstead war massig und stark, aber er war nicht mehr so jung wie Beck. Und nicht so beweglich.

Beck duckte sich, als Winstead ihm mit einer Faust den tödlichen Schlag an den Kopf verpassen wollte. Anstelle seines eigentlichen Ziels traf Winstead mit seiner Hand die Ziegelmauer. Er brüllte vor Wut und Schmerzen und umfasste seine Hand, als wäre sie verkrüppelt. Beck verlor keine Zeit. Er beugte sich vor und rammte den älteren Mann so fest er konnte mit einer Schulter.

Winstead verlor das Gleichgewicht. Er taumelte rückwärts. Beck folgte ihm. Der Boden in dem Durchgang war noch immer rutschig, weil es den Tag über geregnet hatte. Sie landeten beide im Schlamm.

Anschließend versuchten sie fieberhaft, sich wieder aufzurappeln, um als Erster wieder auf die Füße zu kommen. Winstead gewann und versuchte, Beck mit den Fäusten hart im Rücken zu treffen, aber er verfehlte sein Ziel. Er zielte so weit daneben, dass Beck ihn um die Mitte packen konnte. Dann hob er Winstead mit aller Kraft hoch und warf ihn über seine Schulter.

Winstead schlug hart auf dem Boden auf, und es gab ein grausiges Geräusch, als ein Knochen brach.

Beck drehte sich eilig um, bereit, sich Winsteads nächstem Angriff zu stellen. Doch der Mann war an der Stelle liegen geblieben, an der er gelandet war.

Mehrere lange Minuten vergingen. Beck war weiter auf der Hut, doch Winstead stand nicht auf.

In diesem Augenblick verzogen sich die Wolken, die vor der schmalen Mondsichel gehangen hatten. Sein mattes Licht fiel auf Winsteads glasige, blicklose Augen und spiegelte sich in ihnen. Sein Kopf saß in seltsamem Winkel auf seinem Hals. Er war tot.

Der Mondschein spiegelte sich auch in der langen, schmalen Klinge eines Messers, das Winstead in der Hand hielt. Da erst wurde Beck klar, dass er verletzt war. Er hob eine Hand an seine Schulter. Als er die Finger wieder löste, waren sie feucht, aber die Wunde war nicht schwer. Außerdem sah er einen Riss in seinem Jackett. Das gefiel ihm nicht. Er mochte diese Jacke.

Und dann ging ihm auf, dass er sich nicht mit einem Toten erwischen lassen durfte, vor allem nicht, wenn es sich um einen Mann handelte, der im Dienst des Marquis von Middlebury stand.

Beck drehte sich abrupt um und verließ mit gesenktem Kopf den Durchgang. Auf der Straße war noch immer wenig Verkehr. Er fand seinen Hut an der Stelle wieder, an der er ihm vom Kopf gefallen war, als Winstead ihn gepackt hatte. Er hob ihn auf und setzte ihn in aller Ruhe wieder auf.

Er sparte sich den Besuch in dem anderen Bordell. Der Marquis von Middlebury hatte Winstead auf Beck angesetzt. Er wollte Beck aufhalten. Dafür gab es keine vernünftige Erklärung. Sie waren einander nie begegnet. Außerdem hatte Beck den Namen seines Vaters nie erwähnt, bevor er mit seiner Suche begonnen hatte. Er hatte seinen Teil der Abmachung eingehalten.

Sein Vater hatte sich nicht an seinen gehalten.

Außerdem hatte er Beck aktiv ausspioniert. Er wusste von seiner Suche – und er wollte nicht, dass Beck erfuhr, wer seine Mutter war. Das wollte er so dringend verhindern, dass er Winstead auf seine mörderische Mission geschickt hatte. Beck durchquerte London auf dem Weg in seine Wohnung am Hafen. Er dachte über diese unerwartete Wendung der Ereignisse nach und ihm ging auf, dass er in der falschen Richtung gesucht hatte. Er wusste vielleicht nicht, wer seine Mutter war, aber er kannte seinen Vater. Middlebury war die Verbindung. Middlebury wusste alles. Und Middlebury war bereit, ihn umzubringen.

Sobald der Marquis erfuhr, dass sein Mann fürs Grobe tot war, würde er den nächsten Angriff starten, und der würde heftiger ausfallen. Wahrscheinlich hatte Beck zwei Möglichkeiten: Er konnte für immer auf der Hut sein, oder er konnte diese Auseinandersetzung direkt bei Middlebury weiterführen, der berüchtigt dafür war, ein Einsiedler zu sein.

Es hieß, dass er Colemore, sein Anwesen auf dem Land, kaum verließ. Die Leute hielten ihn deshalb einfach für einen Exzentriker.

Jetzt überlegte Beck, ob es vielleicht noch einen anderen Grund für seine berüchtigte Zurückgezogenheit gab. Warum wollte er verhindern, dass Beck sich auf die Suche nach seiner Mutter machte? Und wenn er seinen unehelichen Sohn tot sehen wollte, warum hatte er Winstead nicht vor Jahren schon den Befehl gegeben, ihn zu töten, anstatt ihn aufs Internat zu schicken? Oder für seine Ernennung zum Offizier zu bezahlen? Der Marquis hätte Beck sogar im tannengrünen Bordell lassen können, anstatt sich auf die Suche nach ihm zu machen. Die Straße hätte schon fertiggebracht, was Winstead gerade versucht hatte, und das, ohne dass der Marquis einen Finger zu krümmen brauchte.

Das alles passte nicht zusammen.

Doch Beck war jetzt entschlossener als je zuvor, Antworten zu finden.

2. KAPITEL

Ende August 1817

London

„Morley hat vor, ein Angebot zu machen“, rief Dara Brogan, als sie in den hinteren Salon stürmte, der ein Fenster zum Garten hatte. Sie war gerade von einem Mittagessen mit ihren neuen Freundinnen zurückgekommen, die ebenfalls mit Parlamentsabgeordneten verheiratet waren. Sie hatte sich noch nicht einmal die Zeit genommen, ihren Hut abzusetzen. Sie sank neben ihrer älteren Schwester Gwendolyn Lanscarr auf das Sofa. „Sie haben über nichts anderes geredet. Er soll vernarrt in dich sein.“ Beide Lanscarrs hatten einen leichten irischen Akzent, auch wenn ihr Englisch und ihr Benehmen absolut gesellschaftsfähig waren – bis zu einem gewissen Punkt.

Gwendolyn sah von dem Buch auf, in dem sie gelesen hatte, bis ihre Schwester sie unterbrochen hatte, und runzelte die Stirn.

Im letzten Frühling hatten die Lanscarr-Schwestern Gwendolyn, Dara und Elise, die jüngste, alles auf eine Saison in London gesetzt. Dieses Wagnis war Daras Idee gewesen. Nachdem ihr Vater verschwunden und für tot gehalten worden war, hatte ihr Cousin Richard den Familiensitz Wiltham im County Wicklow in Irland übernommen. Er war nicht gerade erpicht darauf gewesen, eine Mitgift für die Mädchen bereitzustellen. Doch sie kamen aus einer guten, wenn auch verarmten Familie. Außerdem waren sie schön, klug und jung. Dara fand, dass sie Dukes als Ehemänner verdient hatten und sie sich auf jeden Fall angeln konnten. Sie hatte die anderen überredet. Immerhin war die Londoner Saison der Gunning-Schwestern, die genauso arme irische Schönheiten gewesen waren, vor einigen Jahrzehnten ebenfalls von spektakulärem Erfolg gekrönt gewesen. Sie hatten einige der einflussreichsten Männer ihrer Zeit geheiratet.

Genau das konnte den Lanscarr-Schwestern auch widerfahren, zumindest hatte Dara das behauptet.

Außerdem hatten sie kaum eine andere Wahl, wenn Gwendolyn sich nicht opfern und eine Ehe mit einem Landadligen aus der Gegend eingehen wollte, damit sie alle ein Dach über dem Kopf hatten. Richard hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass er sie mit Freuden dem erstbesten Mann überlassen hätte, der ihm Geld dafür gab, dass er sie loswurde.

Geld war bei diesem Abenteuer die größte Herausforderung gewesen. Eine Saison in London war eine kostspielige Angelegenheit. Um ein Gefühl dafür zu bekommen, was sie brauchten, hatte Dara über den Zeitungen aus London gebrütet und nach Hinweisen und Einzelheiten gesucht. Die Schwestern hatten eigene Mittel. Sie hatten geduldig hier und da ein wenig Geld abgezweigt, ohne dass ihr Cousin Richard es gemerkt hatte. Dara hatte vorgeschlagen, dass sie diesen kleinen Schatz nahmen und damit spielten.

Der Gedanke war gar nicht weit hergeholt. Ihr Vater war ein eifriger Spieler. Er hatte nicht viel Zeit mit seinen Töchtern verbracht, aber wenn er zu Hause gewesen war, hatte er ihnen das Kartenspielen beigebracht. Gwendolyn war diejenige der drei Schwestern, die sein Talent geerbt hatte. Sie konnte spüren, welche Karten als Nächstes an der Reihe waren. Sie war deswegen diejenige gewesen, die als Witwe verkleidet, mit einem dicken schwarzen Schleier, in die Hand des Teufels geschickt worden war, einen Spielsalon in Dublin. Das Ziel war gewesen, die gut dreihundert Pfund zu gewinnen, die sie für eine Saison brauchten.

Gwendolyn hatte Erfolg gehabt, und das hatte sie zum größten Teil einem Gentleman namens Beckett Steele zu verdanken. Er hatte ihr dabei geholfen, das Geld zu gewinnen, als ein skrupelloser Faro-Spielleiter versucht hatte, sie hereinzulegen.

Anschließend waren die Schwestern nach London gekommen und hatten die vornehme Gesellschaft erobert, genau wie Dara gehofft hatte.

Dara hatte als Erste geheiratet. Michael Brogan war vielleicht kein Duke, aber er war ein bedeutender Abgeordneter, der Irland im Parlament vertrat. Das Paar war sehr verliebt ineinander.

Zu jedermanns Überraschung und Freude hatte Elise einen Duke geheiratet. Die Hochzeit war gerade einmal zwei Wochen her und jetzt waren Elise und Winderton in Irland zu Besuch. Er wollte sehen, wo seine Liebste früher gelebt hatte.

Damit blieb nur noch Gwendolyn, die mit Michael und Dara unter einem Dach lebte, wie es sich für eine unverheiratete Schwester gehörte.

„Ich möchte noch nicht heiraten, Dara“, sagte Gwendolyn.

Dara machte ein mürrisches Gesicht. „Aber du bist fünf Jahre älter als ich.“

Gwendolyn zuckte mit den Schultern. „Das ist wahr. Und?“ Sie legte es darauf an, dass ihre Schwester ihr die Gefahr erläuterte, dass Gwendolyn zur alten Jungfer erklärt wurde.

Dazu war Dara zu klug. „Morley sieht sehr gut aus, und er ist allgemein beliebt. Du könntest Viscountess werden.“

In Wirklichkeit hatte Viscount Morley Gwendolyn bereits einen Heiratsantrag gemacht. Er hatte die Gelegenheit genutzt, als sie letzte Woche einen Spaziergang im Hyde Park gemacht hatten.

Er hatte nicht zuerst mit Michael gesprochen, weil er klugerweise davon ausgegangen war, dass Gwendolyn nicht begeistert gewesen wäre, wenn er das getan hätte. Damit hatte er recht gehabt. Sie würde niemals begreifen, warum ihre männlichen Verwandten Entscheidungen für sie treffen durften. Wie Dara gerade festgestellt hatte, war sie sechsundzwanzig. Sie konnte für sich selbst sprechen.

Und Morley war dankbar dafür gewesen, dass er Michael nicht angesprochen hatte, denn Gwendolyn hatte – taktvoll, wie sie fand – sein Angebot abgelehnt.

Natürlich hatte sie Dara nichts davon erzählt, weil sie sich nicht rechtfertigen wollte. Und weil sie nicht daran erinnert werden wollte, dass sie sechsundzwanzig war. Gwendolyn war vielleicht die älteste, aber Dara hatte in ihrer Familie das Sagen.

Gwendolyn und Elise hatten schon vor langer Zeit begriffen, dass es besser war, Themen auszusparen, die Dara dazu verleiteten, sich einzumischen. Das Angebot eines Viscounts abzulehnen, gehörte zu diesen Themen.

Sie stand auf und klappte das Buch zu. „Ich muss zu Hatchard’s“, erklärte Gwendolyn, womit sie die Buchhandlung meinte, die auch eine Leihbibliothek betrieb.

„Schon wieder? Du bist doch schon Anfang der Woche dort gewesen.“

„Ich habe mein Buch ausgelesen.“

„Jetzt gerade?“

„Ja. Ich muss ein neues haben.“ Und Dara und ihrer Kuppelei entkommen. Lesen war ein ausgezeichneter Ausweg.

„Vergiss nicht, Molly mitzunehmen“, sagte Dara, wie immer. Molly war das Dienstmädchen. Nirgendwo ohne Begleitung hingehen zu können war eine weitere Plage für Gwendolyn. Sie sehnte sich nach der Zeit, als sie durch die grünen Moore und Hügel von Wiltham gelaufen war, ohne dass ein Dienstmädchen ihr auf Schritt und Tritt folgte.

Ehe Dara ihr noch weitere Ratschläge gab, die sie nicht brauchte, war Gwendolyn schon zur Tür hinausgegangen und rief nach Molly, ihr Haube und Handschuhe nach unten zu bringen. Wenige Minuten später hatten Gwendolyn und das Mädchen das Haus verlassen.

Zu Hatchard’s war es nicht weit, und Gwendolyn genoss es, sich die Füße vertreten zu können. Sie lächelte und genoss die kleine Freiheit. Das Ende des Sommers und der Beginn des Herbstes lagen bereits in der Luft.

Sie wusste jedoch genau, dass Dara noch einmal auf Morley zu sprechen kommen würde. Irgendwann würde Gwendolyn ihr beichten müssen, dass sie ihn abgewiesen hatte. Dann würde ihre Schwester einfach von ihm ablassen und sich auf die Suche nach einem anderen Mann machen, den Gwendolyn heiraten konnte.

Diesen Verehrer würde Gwendolyn ebenfalls abweisen … denn die Wahrheit war, dass sie bereits in jemanden verliebt war – Beckett Steele.

Sie war ihm an dem Abend verfallen, als er ihr geholfen hatte, das Geld zu erspielen, das sie und ihre Schwestern gebraucht hatten. Damals hatte er sie beinahe geküsst. Gwendolyn hatte gewollt, dass er es tat. Rückblickend wünschte sie sich, sie hätte ihn bei den Ohren gepackt und ihre Lippen auf seinen Mund gepresst.

Stattdessen war sie ziemlich überwältigt gewesen. Sie hatte eine wilde Nacht hinter sich gehabt. Doch ehe ihre Lippen und die von Mr. Steele sich berühren konnten, waren ihre Schwestern dazwischengekommen. Eine von ihnen – Dara oder Elise, sie hatte nie herausgefunden, welche – hatte ihm mit einem dicken Holzscheit einen Schlag auf den Kopf verpasst. Er war wie ein Sandsack zu Boden gegangen, und sie waren sehr stolz auf sich gewesen. Sie glaubten, sie hätten Gwendolyn gerettet.

Nach diesem Schlag gab es keine andere Möglichkeit, als wegzulaufen. Die meisten Männer waren nicht begeistert, wenn sie eins auf den Kopf bekamen. Außerdem hatte Gwendolyn auch nicht gefallen, um was Mr. Steele sie im Gegenzug für seine Hilfe gebeten hatte – einen Gefallen. Damals hatte sie diesen Preis für ziemlich unschicklich gehalten. Sie hatte sogar versucht, ihm mithilfe ihres Gewinns das Geld zurückzugeben, das er ihr geliehen hatte. Er hatte es nicht angenommen. Er hatte darauf bestanden, dass ihm ein Gefallen lieber war.

Doch seit ihrer Ankunft in London hatten sich die Wege von Gwendolyn und Mr. Steele mehrmals gekreuzt, und je öfter sie ihn sah, desto mehr wurde ihr bewusst, wie sehr sie sich zu ihm hingezogen fühlte.

Er war mehr als nur gut aussehend und weltgewandt. Er war ein Rätsel. Er war inner- und außerhalb der vornehmen Gesellschaft gleichermaßen zu Hause, und sein Name wurde sowohl von der Oberschicht als auch von niedrigeren Schichten nur flüsternd erwähnt. Sie glaubte inzwischen, dass es nichts gab, was er nicht schaffen konnte.

Es machte ihr nichts mehr aus, dass sie ihm den Gefallen schuldig war. Eines Tages würde er sie darum bitten und von ihr erwarten, dass sie einverstanden war. Gwendolyn konnte es kaum erwarten.

Und wenn er noch einmal versuchte, sie zu küssen, würde er ihr kein zweites Mal entkommen.

Aber er sollte sich lieber beeilen. Sie konnte Dara nicht ewig hinhalten. Vor allem nicht, wenn Elise nach London zurückkehrte und sich auf ihre Seite schlug. Sie würden Gwendolyn vielleicht umstimmen. Das Leben als unverheiratete Frau war langweilig. Außer Einkaufen und Hatchard’s konnte Gwendolyn kaum etwas unternehmen, solange sie nur ein Dienstmädchen als Begleitung hatte. Die Wahrheit war, dass Gwendolyn keine große Lust hatte zu heiraten. Ihr Herz sehnte sich nach Abenteuern und Herausforderungen wie denen, die die Hauptfiguren in ihren Lieblingsbüchern erlebten. Sie wollte kein Leben als Dame der vornehmen Gesellschaft führen, wo eine Heirat das Aufregendste war, was passierte, gefolgt von Kindern, Alter und Tod. Ihre Schwestern fanden diesen Weg vielleicht annehmbar; Gwendolyn nicht.

Vor allem wollte Gwendolyn, abgesehen von Abenteuern, Mr. Steele. So einfach war das. Für sie kam kein anderer Mann infrage. Sie bewunderte die Art und Weise, wie er über sein eigenes Schicksal bestimmte. Sie beneidete ihn um die Freiheit, tun und lassen zu können, was er wollte. Gwendolyn fühlte sich vollkommen wohl, wenn sie allein war, aber wenn sie ihr Leben mit jemandem teilen sollte, wollte sie jemanden, der aufregend war.

Und wenn Dara geahnt hätte, was Gwendolyn dachte, hätte sie sie in eine Truhe gesperrt und zurück nach Irland geschickt.

Wenn es jemals eine Frau gegeben hatte, die dringend ein gutes Buch brauchte, um sich die Schwierigkeiten ihres Lebens vom Leib zu halten, war es also Gwendolyn. Sie hoffte sehr, dass Hatchard’s den Roman von Maria Edgeworth hatte, der vor Monaten an einen Leser auf dem Land verschickt worden war. Sie wartete ungeduldig darauf, dass das Buch wieder zurückkam. Sie verstand einfach nicht, warum man nicht einfach ein zweites Exemplar angeschafft hatte. Wenn der Edgeworth-Titel nicht da war, konnte sie sich vielleicht etwas über Sagen aussuchen. Sie liebte Geschichten über die Götter.

Molly sollte auf einer Bank neben dem Eingang auf sie warten. Gwendolyn tat nichts lieber, als das Papier anzufassen und den Duft von Leim und Bindungen einzusaugen, und konnte Stunden damit verbringen, die Angestellten darum zu bitten, ihr Bücher zu holen, damit sie sie ansehen konnte. Sie wollte sich von Mollys gelangweilten Seufzern nicht den Spaß verderben lassen.

„Hallo, Mr. Peters“, trällerte sie, als sie hineinging. Mehrere Angestellte waren mit Kunden beschäftigt und machten sich hinter dem Tresen mit Büchern zu schaffen. Doch Mr. Peters beeilte sich immer, sich um ihre Bedürfnisse zu kümmern, und es war schön, bevorzugt behandelt zu werden.

„Miss Lanscarr, was für ein Vergnügen.“ Mr. Peters war ungefähr in ihrem Alter. Er hatte abstehende Ohren, die jedes Mal knallrot wurden, wenn sie etwas zu ihm sagte. Manchmal versagte ihm auch die Stimme, was ihm sehr unangenehm war. „Ich wollte Ihnen gerade eine Nachricht zukommen lassen.“

„Wirklich? Warum?“

„Wir haben hier ein Buch, auf dem Ihr Name steht.“ Er zeigte auf ein Register, in dem alle Anfragen verzeichnet wurden.

„Ist der Edgeworth-Titel endlich gekommen?“ Sie ging voller Erwartung zum Tresen. „Ich warte schon seit einer Ewigkeit darauf.“

„Der Roman ist sehr beliebt und ist leider noch nicht wieder zurückgegeben worden. Aber keine Sorge, ich halte für Sie Ausschau danach. Aber ich habe hier das andere Buch, um das Sie gebeten hatten.“ Er drehte sich um und holte einen schmalen Band von einem Regal.

„Ich habe nichts anderes vorbestellt“, entgegnete Gwendolyn verwirrt.

„Es steht Ihr Name darauf. Aber falls es ein Irrtum ist, stelle ich es wieder zurück …“

„Nein, nein, lassen Sie mal sehen“, sagte Gwendolyn und streckte eine Hand aus. „Vielleicht habe ich es nur vergessen. Das ist möglich.“

Er lächelte, als ob er es nicht für möglich hielte, dass sie jemals einen Fehler machen konnte, und während er das tat, fiel ihm der Titel des Buches ins Auge. „Oh …“ Er schwieg einen Moment. „Ich … ich habe gerade gesehen, um welchen Titel es sich handelt. Jemand anderes muss es für Sie zurückgelegt haben. Ich glaube, das ist keine angemessene Lektüre für eine Dame aus gutem Hause.“

Angemessene Lektüre? Ihr lief vor Wut ein Schauer über den Rücken. Niemand überwachte ihre Lektüre, schon gar nicht der saft- und kraftlose Mr. Peters. „Was wollen Sie denn damit sagen?“, fragte sie überfreundlich.

Er drehte das Buch um, damit sie den Titel lesen konnte. „Es ist Dantes Inferno.“

„Das italienische Original?“, erkundigte sie sich hochmütig.

Mr. Peters schien verwirrt zu sein. Er schüttelte den Kopf. „Es ist die Übersetzung von Boyd.“

„Die kenne ich noch gar nicht.“

„Haben Sie es im Italienischen gelesen?“

Gwendolyn konnte kein Italienisch. „Selbstverständlich.“ Sie wedelte ungeduldig mit der ausgestreckten Hand, um zu zeigen, dass er ihr das Buch übergeben sollte.

Er runzelte besorgt die Stirn, als ob sie ihr Ansehen bei ihm verloren hatte. Damit konnte sie leben.

Er reichte ihr das Buch, und dann machte er sich mit steifem Rücken hinter dem Tresen zu schaffen.

Gwendolyn kümmerte sich nicht darum. Es gab andere Angestellte, die ihr das Buch ausleihen konnten. Stattdessen ging sie weiter in die Mitte des Raums. Sie wusste genau, dass sie es nicht bestellt hatte.

Sie schlug das Buch auf. Zwischen den Seiten steckte eine Visitenkarte. Sie flatterte zu Boden. Eilig bückte sie sich danach. Auf einer Seite war der Name Steele eingeprägt.

Auf der anderen Seite befand sich eine handgeschriebene Nachricht ohne Anrede.

Sie werden eine Einladung erhalten. Nehmen Sie sie an. S.

Gwendolyn knallte das Buch wieder zu, die Karte steckte sicher zwischen den Seiten.

Mehrere andere Kunden zuckten zusammen, als ob das Geräusch sie erschreckt hatte. Sie lächelte, als wäre alles in bester Ordnung, aber ihr Herz raste.

Jetzt würde er fordern, dass sie ihm den Gefallen tat, den sie ihm schuldig war. Daran hatte sie keinen Zweifel.

Gwendolyn lieh sich das Buch aus und verließ die Buchhandlung. Als sie hinausging, klingelte die Glocke über der Tür fröhlich.

Ihr Dienstmädchen Molly war in sich zusammengesunken, als wäre sie eingeschlafen. Gwendolyn tippte ihr auf die Schulter. Molly zuckte zusammen und sah sich erschrocken um. „Sind Sie schon fertig, Miss Gwendolyn? Das ging aber schnell. Normalerweise bleiben Sie viel länger hier.“

„Kommen Sie, Molly, schnell. Wir müssen so bald wie möglich zu Hause sein.“ Sie machte sich auf den Weg die Straße hinab.

„Ist irgendetwas passiert, Miss Gwendolyn?“, fragte das Dienstmädchen verwirrt und hüpfte dann ein paar Schritte hinter ihr her, um sie einzuholen. „Gibt es einen besonderen Grund für diese Eile?“

„Ja“, versicherte Gwendolyn ihr, ohne sich umzudrehen oder ihre Schritte zu verlangsamen. Den allerbesten Grund, sagte sie insgeheim zu sich selbst. Sie würde Mr. Steele wiedersehen.

Und zwar bald.

Diese Vorstellung reichte aus, um ihr Flügel zu verleihen.

Jem Wagner pfiff leise, um seiner Anerkennung Ausdruck zu verleihen. „Was für eine Schönheit“, sagte er, drehte sich um und sah Beck an, der an der Hauswand hinter sich lehnte.

Sie standen an der Ecke zur Sackville Street, von der aus sie den Eingang von Hatchard’s im Auge behalten konnten. Beck brummte als Antwort auf Wagners Feststellung. Er war weniger daran interessiert, wie Gwendolyn aussah, als daran, wie sie auf seine Nachricht reagierte. Sie hatte das Buch unter dem Arm und schien es eilig zu haben. Gut.

Er überlegte, was sie von dem Buch hielt, das er ausgesucht hatte. Gwendolyns außergewöhnlicher Literaturgeschmack hatte ihn verwundert. Sie mochte jeglichen Lesestoff, den auch andere adlige Damen bevorzugten, aber außerdem Philosophie, religiöse Abhandlungen, Historisches und, was sie am liebsten zu lesen schien, Reiseberichte. Beinahe als würde sie von fernen Ländern träumen.

Da Beck nicht sofort antwortete, sagte Wagner mit der ruhigen Vertraulichkeit von Kameraden, die Seite an Seite gekämpft hatten: „Ach, kommen Sie schon, Major. Tun Sie nicht so, als hätten Sie nicht gemerkt, wie hübsch sie ist. Das glaube ich Ihnen ohnehin nicht.“

Beck antwortete nicht. Stattdessen drehte er sich um und machte sich auf den Weg die Straße hinab. Es ging los.

„Haben Sie denn gar keine Gefühle? Bei einem hübschen Mädchen wie dem da? Nicht einmal ein Jucken im Schritt?“ Wagner fiel hinter ihm in Gleichschritt. Er war kleiner als Beck mit seinen eins neunzig und ein wenig o-beinig. Er kniff ständig die Augen zusammen, in dunkler Nacht genauso wie bei Tageslicht. Außerdem hatte er eine Hakennase, mit der er Franzosen genauso riechen konnte wie Ärger. Kurz gesagt war es gut, jemanden wie ihn an seiner Seite zu haben.

„Im Schritt?“ Beck grinste höhnisch über diesen Ausdruck.

„In der unteren Figur?“, schlug Wagner hilfsbereit vor. „Nennen Sie es, wie Sie wollen, aber Sie können mir nicht weismachen, dass Sie kein Interesse haben. Sie haben sie so genau beobachtet, wie Sie nicht einmal Soults Kavallerie im Anmarsch beobachtet haben.“

„Ich bereue es langsam, dass ich Sie um Hilfe gebeten habe“, murmelte Beck, während er einem schwitzenden Angestellten auswich, der eine schwere Holzkiste in den Armen hatte und nicht aufpasste, wo er hinging.

Wagner hatte das Militär zur gleichen Zeit verlassen wie Beck, nach Waterloo. Er hatte behauptet, dass er die restlichen Jahre seines Lebens zusammen mit seiner Frau Lucy und ihren vier Kindern auf einem Stück Land in Sussex genießen wollte. Doch als Beck ihm geschrieben hatte, um ihn zu fragen, ob er ihm helfen wollte, hatte Wagner nicht gezögert, sich ihm anzuschließen.

Das bedeutete nicht, dass er Beck nicht auf die Nerven ging, wie es gute Freunde nun einmal so an sich hatten.

„Ich verstehe nur nicht, warum Sie sich nicht für Ihr Aussehen interessieren“, fuhr Wagner im Plauderton fort. „Wenn ich nicht Lucy hätte, wäre ich sofort hinter der her.“

Beck antwortete nicht, sondern konzentrierte sich darauf, im dichten Verkehr die Straße zu überqueren.

„Wissen Sie, was Ihr Problem ist?“, fragte Wagner.

„Das werden Sie mir sicher gleich sagen“, brummte Beck.

„Allerdings. Die Tochter dieses Generals. Wie hieß sie noch gleich?“ Wagner tat so, als müsste er in seinem Gedächtnis kramen. „So ähnlich wie eine Blume.“

Violet Danvers, dachte Beck, gerade als Wagner fröhlich sagte: „Ich weiß – Pansy. War es nicht so? General Danvers’ Tochter? Pan-syyy.“ Er lachte leise in sich hinein. „Das werde ich niemals vergessen.“

Beck widersprach ihm nicht. Damit forderte er ihn nur heraus weiterzumachen.

„Sie sind der tapferste Offizier, unter dem ich jemals gedient habe, Sir, aber Sie haben Angst vor Frauen.“

Beck drehte sich so schnell um, dass Wagner beinahe in ihn hineingelaufen wäre. Ohne sich um die Passanten zu kümmern, die sich an ihnen beiden vorbeidrängen mussten, sagte er: „Ich habe keine Angst vor Frauen.“

Wagner riss die blinzelnden Augen auf und tat, als wäre er überrascht. „Was ist es dann, Sir? Ich meine, sie kriechen beinahe zu Ihnen ins Bett und trotzdem ergreifen Sie die Flucht.“

„Ich werde mir das nicht weiter anhören.“ Beck setzte sich wieder in Bewegung.

Wagner folgte ihm auf dem Fuße. „Ich wollte es nur sagen.“

„Sie haben genug gesagt.“

„Noch lange nicht.“

Beck antwortete nicht. Wagner musste immer das letzte Wort haben, und ein Wortwechsel wie dieser konnte stundenlang dauern. Es gab nur einen sicheren Weg, um bei Wagner das Thema zu wechseln. „Wie wär’s mit einem Bier?“

„Immer.“

Sie gingen in ein nahes Gasthaus an der Ecke. In dem Lokal herrschte viel Betrieb und das Brummen von Männerstimmen erfüllte die Luft. Sie bahnten sich einen Weg durch das Gedränge und fanden einen Tisch in einer Ecke am Fenster. Beck ließ Wagner am Tisch sitzen und ging zur Bar, um zwei Bier zu bestellen. Er trug die Krüge zum Tisch und stellte einen vor dem Sergeant ab.

„Wann fangen Sie mit der Arbeit an?“, fragte er Wagner.

„Ich mache mich morgen auf den Weg nach Colemore. Ich habe eine Stelle als Stallbursche gefunden.“ Colemore war der Landsitz des Marquis von Middlebury.

Beck hatte beschlossen, dass er sich auf dem Weg zu dem öffentlichkeitsscheuen Lord machen musste, wenn Middlebury nicht nach London kommen wollte … doch im Lichte von Winsteads Mordanschlag wollte er dort nicht auffallen. Nein, er hatte monatelang einen Plan ausgearbeitet, der durch Glück und Entschlossenheit letztlich aufgegangen war. Gwendolyn Lanscarr gehörte zu den glücklichen Fügungen. Er brauchte sie und noch dazu eine exzentrische alte Dame namens Lady Ellen Orpington, sonst konnte er ihn nicht in die Tat umsetzen.

Er jedoch war kein Narr. Er wollte Wagner bei sich haben, falls alles schiefging. Deswegen hatte er seinen Freund darum gebeten, auf Colemore eine Stelle anzunehmen.

„Ich habe gehört, dass sie einige der besten Pferde in ganz England haben“, sagte Wagner.

„Wenn man so viel Geld hat, hat man von allem das Beste.“

„Um was geht es bei diesem Manöver?“, fragte Wagner.

„Ein Treffen mit dem Marquis von Middlebury“, sagte Beck.

„Und die Frau aus der Bücherei?“

„Sie ist nur Mittel zum Zweck. Der Marquis und die Marquise haben Hausgäste und bei dieser Zusammenkunft wird mit großem Ernst Whist gespielt. Lady Orpington, die häufiger dort zu Gast ist, hat mich beauftragt, einen außergewöhnlich talentierten Whistspieler zu finden, der ihr Partner sein kann. Dieser Spieler ist Miss Lanscarr.“

„Oh“, sagte Jem und zog an seiner Nase. „Sie sieht mir gar nicht nach einer Spielerin aus.“

„Ist sie aber. Eine hervorragende. Und falls Lady Orpington einverstanden ist, wird sie mich ebenfalls mit nach Colemore nehmen.“

Wagner hob die Augenbrauen. „Mir ist noch immer nicht klar, wie das alles funktionieren soll, Major, aber ich bin dabei. Ich glaube allerdings nicht, dass Sie wirklich so blind sind, wie Sie mir weismachen wollen, was die Dame betrifft. Sonst hätte ich Sie nicht damit aufgezogen.“ Mit diesen Worten hob er prostend seinen Bierkrug und trank ihn in einem Zug aus.

Beck rührte sein Bier nicht an. Es war notwendig geworden, Gwendolyn in seinen Plan einzubeziehen, aber Wagner hatte recht – sie war eine Gefahr für Becks Seelenfrieden. Gwendolyn Lanscarr war eine verbotene Frucht. Ihretwegen sehnte er sich nach etwas, das ein Mann wie er nicht haben konnte, genau wie Violet früher.

Gwendolyn war für ein Leben im Kreise des Adels bestimmt. Männer mit Titeln und Geld standen vor ihrer Tür Schlange, um ihr den Hof zu machen. Männer, die besser zu ihr passten als Beck. Er wusste es, weil er sie beobachtet hatte. Er konnte nicht anders.

Wagner hatte also recht. Beck war nicht blind. Wenn er eine andere Frau mit Gwendolyns Klugheit, Anmut und Fähigkeiten gefunden hätte, hätte er sich von ihr ferngehalten. Sie war die Grenze, die er nicht überschreiten durfte.

Und das durfte er niemals vergessen …

3. KAPITEL

Gwendolyn war schon beinahe im Haus, ehe Herald, ihr Butler, die Tür öffnen konnte. Er war ein hochgewachsener, stattlicher Mann mit vollem weißem Haar. Er hatte sie von Wiltham hierherbegleitet.

„Vielen Dank, Herald“, sagte sie, um der Höflichkeit Genüge zu tun, ehe sie weiterfragte: „Habe ich zufällig eine Einladung bekommen?“ Sie hatte nicht einmal Atem geholt.

„Ich … ach, ähm, nein, Miss Gwendolyn“, stotterte er verblüfft. Normalerweise war sie nicht so forsch. Dara war die Inquisitorin der Familie. „Es sind keine Karten gekommen.“

Sie seufzte enttäuscht und gab dann die Anweisung: „Erwarten Sie eine.“

„Was erwarten?“, fragte Dara, die ein Bruchstück des Gesprächs mitangehört hatte. Sie schien aus dem hinteren Salon zu kommen. In einer Hand hatte sie eine Socke, die sie gerade stopfte. „Du bist erstaunlich schnell zurück. Normalerweise verbringst du Stunden bei Hatchard’s. Ist etwas passiert? Und Sie, Molly. Warum sind Sie so rot im Gesicht?“

Das Mädchen war einige Schritte nach Gwendolyn ins Haus gekommen. Sie hielt sich den Brustkorb mit der Hand, als hätte sie Seitenstechen. „Miss Gwendolyn ist mit mir nach Hause gerannt, Mrs. Brogan.“

„Bin ich überhaupt nicht“, sagte Gwendolyn scharf zu dem Mädchen, während sie Herald ihre Haube reichte. Sie hatte noch immer das schmale Buch in der Hand und legte es auf den Tisch neben der Tür, um sich die Handschuhe auszuziehen. „Ich habe nur nicht getrödelt.“

„Miss Gwendolyn, Ihre Beine sind viel länger als meine“, beklagte Molly sich ohne weitere Umschweife.

„Oder meine“, stellte Dara trocken fest.

Gwendolyn runzelte die Stirn und zog sich den zweiten Handschuh aus, um ihn in die Haube zu legen, die Herald festhielt. Dann nahm sie ihm alles wieder ab und übergab es Molly. „Bringen Sie das bitte nach oben?“

Molly prustete verärgert und nuschelte dann: „Ja, Miss.“ Sie marschierte so steif aufgerichtet zur Treppe, als wäre sie eine Gouvernante.

„Entschuldigen Sie mich“, murmelte Herald und verschwand den Korridor hinab, um sich um seine anderen Aufgaben zu kümmern. Er hatte in diesem Haushalt gleich mehrere Funktionen.

„Was war das mit der Einladung?“, fragte Dara.

„Dir entgeht gar nichts“, erwiderte Gwendolyn vorwurfsvoll, aber ohne Ärger. Sie nahm das Buch und ging in den vorderen Salon. Er war besser geeignet, um Gäste zu empfangen, als die anderen Räume des Hauses. Und er hatte ein Fenster zur Straße. Sie setzte sich so auf das Sofa, dass sie den Verkehr beobachten und die Ankunft eines Boten als Erste sehen konnte. Sie schlug das Buch auf, damit sie so tun konnte, als würde sie lesen. Sie hatte nicht vor, ihrer Schwester von Mr. Steeles Nachricht zu erzählen …

„Was ist das denn?“, fragte Dara. Sie beugte sich vor, um etwas vom Boden aufzuheben. Mr. Steeles Karte. Sie musste aus dem Buch gefallen sein.

Gwendolyn legte das Buch neben sich auf das Sofa und stand auf. „Die gehört mir.“ Sie wollte auf ihre Schwester zugehen, aber Dara sah bereits stirnrunzelnd auf die handgeschriebene Nachricht herab. Sie drehte die Karte um.

Als Gwendolyn vor ihr stand, flüsterte Dara: „Steele?“ Sie blickte auf und sah ihr in die Augen. „Er war bei Hatchard’s? Er hat dir die hier gegeben?“

„Nein.“ Das war tatsächlich wahr. Mr. Peters hatte sie ihr gegeben.

„Wie bist du dann dazu gekommen?“ Dara wedelte mit der Karte. „Eine Einladung wozu?“

„Ich weiß es nicht.“ Gwendolyn beschloss, ihr nichts vorzumachen. Sie streckte die Hand nach der Karte aus. „Das muss ich erst noch herausfinden. Bitte, gib sie mir wieder.“

Doch Dara kam ihrer Bitte nicht nach.

Stattdessen ging sie an Gwendolyn vorbei in den Salon. „Das ist nicht gut, Gwendolyn. Überhaupt nicht gut.“

„Ich sehe überhaupt nicht, was daran falsch sein soll. Er rät mir nur, mich auf eine Einladung gefasst zu machen.“

„Zu etwas, hinter dem offensichtlich er steckt. Keine Einladung, die er dir schicken könnte, wäre zu deinem Vorteil.“

„Das sehe ich anders. Er ist uns ein guter Freund gewesen. Dara, er hat dafür gesorgt, dass wir Einladungen auf unseren ersten Ball bekommen haben, als uns alle Türen verschlossen waren. Du wärest nicht mit Michael verheiratet und Elise nicht mit Winderton, wenn er nicht gewesen wäre. Ich finde das bewundernswert.“

„Diese Dinge hat er getan, weil er etwas von uns erwartet. Nein, nicht von uns, von dir.“

„Wir schulden ihm einen Gefallen. Das ist der Lohn für seine Hilfe, und er hat uns sehr geholfen.“

„Aber um welchen Preis?“ Dara schüttelte den Kopf. „Er ist in der Gesellschaft nicht erwünscht. Nicht wirklich.“

„Bis er jemandem von Nutzen sein kann.“ Gwendolyn fand, es war eine Frage der Ehre, das festzustellen. „Aber wir müssen uns früher oder später revanchieren. Das gehört sich so. Er bittet mich darum, eine Einladung anzunehmen.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Ich sehe nicht, was daran falsch sein soll. Lass uns abwarten, um was für eine Einladung es sich handelt, dann können wir weiterstreiten.“

„Aber du findest ihn attraktiv.“

„Er ist ein attraktiver Mann.“ Gwendolyn zuckte mit den Schultern, als ob ihr Mr. Steeles Aussehen völlig egal wäre, obwohl sie in Wirklichkeit von seiner dunklen Wildheit beeindruckt war.

„Das ist unter deiner Würde“, sagte Dara. „Wir sind doch genau deshalb nach London gekommen, um Ehemänner von unserem Rang zu finden. Einen Gutsherrn oder einen Schweinezüchter hättest du auch in Irland heiraten können.“

Gwendolyns Tonfall wurde ein wenig schärfer. „Mr. Steele ist doch kein Schweinezüchter. Überhaupt nicht.“

„Er sieht gut aus“, murmelte Dara kopfschüttelnd. „Aber er ist kein Viscount.“

„Ich habe Viscount Morley abgewiesen“, sagte Gwendolyn mit Genugtuung.

Dara reagierte genau so, wie Gwendolyn angenommen hatte. Sie sank erschrocken auf das Sofa. „Ihn abgewiesen? Ich dachte, du magst ihn.“

„Er ist ein netter Mann, aber ich möchte ihn nicht heiraten.“

„Du könntest Viscountess werden.“

„Das ist ein interessantes Argument, Dara. Du hast keinen Titel. Ich habe dir aber keine Vorwürfe wegen deiner Wahl gemacht, weil du einen Mann geheiratet hast, von dem ich dachte, dass du ihn liebst.“

„Ich liebe ihn auch.“ Daras Gesichtsausdruck wurde weicher. „Er ist der bewundernswerteste Mann, den ich kenne. Aber er ist auch immer noch Abgeordneter im Parlament. Er hat einen guten Ruf.“

„Mr. Steele hat auch einen guten Ruf.“

„Dafür, dass er zwielichtige Geschäfte macht.“

Und außerordentlich erfolgreich damit ist.“

Dara sah sich angestrengt im Salon um, als ob sie nicht glauben konnte, was sie gerade gehört hatte, und Gwendolyn bekam Mitleid mit ihr. Sie setzte sich neben ihre Schwester auf das Sofa und schob dabei das Buch zur Seite, das sie vorhin hatte fallen lassen. „Dara, ich mag Mr. Steele.“

„Du magst Mr. Steele nicht nur“, murmelte ihre Schwester.

„Das ist wahr. Und es bedeutet mir viel, dass es dir lieber wäre, wenn ich Viscountess werden würde.“

„Ich will nicht selbstgefällig sein. Ich will dich nur vor einem Pferdedieb retten.“

„Mr. Steele ist doch kein Pferdedieb.“

„Wir wissen nicht, was er alles tut“, mahnte Dara sie.

Das war die Wahrheit. Die Wahrheit war auch, dass Gwendolyn sich auch dann wie verrückt zu ihm hingezogen gefühlt hätte, wenn er ein Pferdedieb gewesen wäre.

Sie glaubte auch, dass sie genug über seinen Charakter wusste, um für ihn zu bürgen. „Er ist kein Pferdedieb und kein Wegelagerer, kein Taschendieb oder Schmuggler …“ Sie unterbrach sich. Er konnte ein Schmuggler sein. Er war immer in einem Gasthaus unten am Hafen anzutreffen, von dem man sagte, dass es ein Schmugglernest war. Deswegen ließ sie ihre Beteuerungen an dieser Stelle sein. 

Stattdessen nahm sie Daras Hand und sagte so liebevoll, wie sie konnte: „Ich bin nicht wie du und Elise. Eure Mutter war eine Adlige. Eure Familie hat seit vielen Generationen zum irischen Hochadel gehört. Ich bin eure Halbschwester. Ich habe keine solche Abstammung.“

„Unser Vater hat seinen Titel verliehen bekommen“, verkündete Dara. „Damit hast du ein gewisses Gewicht in dieser Welt.“

„Nicht viel“, entgegnete Gwendolyn. „Und Vater hat vielleicht einen Titel verliehen bekommen; aber nach allem, was wir über ihn wissen, verstehen nicht einmal wir, seine eigenen Töchter, warum oder wie. Dazu kommt noch, dass er nicht ’Sir John’ gewesen ist, als er meine Mutter geheiratet hat, die nur die Tochter eines britischen Beamten gewesen ist. Meine Mutter und mein Großvater waren wundervolle Menschen, Dara, aber ich kann nicht so tun, als käme ich aus einer Adelsfamilie …“

„Du bist meine Schwester.“

„Ich bin deine Halbschwester.“

Dara stieß einen verächtlichen Laut aus. „Halb? Ganz? Wen interessiert das denn? Das sind doch nur Worte und auf die kommt es nicht an, Gwendolyn. Du bist der fürsorglichste Mensch, den ich kenne. Nach Mutters Tod hast du auf Elise und mich aufgepasst und uns geleitet – und wir hatten solche Angst, Gwennie.“ Bei diesem Spitznamen hatten ihre Schwestern sie gerufen, als „Gwendolyn“ für sie noch ein Zungenbrecher gewesen war. „Du hast zugelassen, dass wir dir auf Schritt und Tritt folgen, weil du wusstest, wie es ist, wenn man seine Mutter verliert. Dann, nach Großmamas Tod und nachdem Richard unser Zuhause übernommen hatte, hättest du dein eigenes Glück für uns geopfert. Damit uns nichts passiert. Na ja, jetz...

Autor