Auf der Insel des griechischen Tycoons

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Das ist ihr neuer Mandant? Die schöne Anwältin Willa Hamilton ist wie erstarrt: Vor einigen Monaten hat sie mit ihm nach einer Party eine sinnliche Nacht verbracht – und ihn danach nie wiedergesehen. Bis jetzt. Nun erfährt Willa seinen Namen: Er ist der griechische Tycoon Ares Konstantinou, der von ihr fordert, dass sie den Ehevertrag für seine Schwester aufsetzt – auf seiner griechischen Insel! Er ist berühmt-berüchtigt für seine Macht und seinen Reichtum. Aber vor allem dafür, dass er jeder Frau das Herz bricht …


  • Erscheinungstag 14.04.2026
  • Bandnummer 2749
  • ISBN / Artikelnummer 9783751541787
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Louise Fuller

Auf der Insel des griechischen Tycoons

1. KAPITEL

„In fünf Minuten sind wir da, Sir.“

„Danke, Frank.“ Ares Konstantinou sah vom Handy hoch und blickte aus dem Autofenster. In der Limousine war es angenehm kühl, anders als draußen an diesem warmen Juliabend. Doch es herrschte keine trockene Hitze, wie er sie aus Athen kannte. Die Londoner Luft fühlte sich schwül und stickig an, der Verkehr stockte, aber das Clarendon Hotel in Mayfair war nur noch eine Straße entfernt.

Er spürte die große Versuchung, seinem Chauffeur zu sagen, er solle einfach weiterfahren.

Larry würde es nichts ausmachen, wenn Ares die Party schwänzte. Zumindest würde Larry das behaupten. Aber die Familie Konstantinou gehörte bereits seit der Gründung der Rechtsanwaltskanzlei Milners vor zweihundert Jahren zu deren Klientenstamm. Ares war hier, um seine Familie beim Jubiläum zu vertreten. Er hatte es seinem Großvater versprochen, und dies war wenigstens ein Versprechen, das er halten konnte.

Nicht, dass Ares senior von seinem Enkel verlangte zu heiraten und einen Erben in die Welt zu setzen – das brauchte der alte Herr gar nicht zu tun. Ares wusste auch so, dass es der sehnlichste Wunsch seines Großvaters war.

Und mehr als alles andere wollte er ihn glücklich machen. Sein Großvater war ein Fels in der Brandung. Eine Konstante, so beruhigend wie der Nordstern für einen Seemann im Sturm. Allerdings zeichnete sich immer deutlicher ab, dass dieser Stern verblasste. Ares senior wurde schnell müde, vergaß Dinge und wirkte zunehmend ängstlich, vor allem was seine Enkel und deren Zukunft betraf.

Schuldgefühle drohten Ares zu übermannen. Genau wie seine Eltern hatte auch sein Großvater ihm nie einen Vorwurf wegen des Hochzeitsfiaskos gemacht, das weltweit für Schlagzeilen gesorgt hatte. Allerdings war die Enttäuschung von Ares senior bestimmt nur wie ein leichter Stich gewesen angesichts des Traumas, im folgenden Monat sowohl Sohn als auch Schwiegertochter zu verlieren. Die Trauer über den Verlust hatte ihn innerlich ausgehöhlt. Selbst sein geliebtes Unternehmen schenkte ihm keine Energie mehr.

Das vermochte nur eine einzige Sache. Und es war die eine Aufgabe, von der Ares nicht wusste, wie er sie meistern sollte.

Das Herz schlug dumpf gegen seine Rippen. Er starrte am Kopf seines Fahrers vorbei und kämpfte mit dem Gefühlschaos, das ihn beim bloßen Gedanken an eine Ehe erfasste.

Hier und jetzt war seine eigene Einstellung zur Ehe unwichtiger als die seiner Schwester. Leider fand Ariana die Vorstellung, vor den Altar zu treten, offenbar deutlich verlockender. Er starrte auf ihre neueste Nachricht. Der Text war wie üblich mit Ausrufezeichen und Emojis gespickt, die Ares nicht verstand.

Ariana war das komplette Gegenteil von ihm. Romantisch. Vertrauensselig. Impulsiv.

Außerdem war sie zehn Jahre jünger als er und seit dem Tod ihrer Eltern hegte er eher väterliche als brüderliche Gefühle für sie. Er fühlte sich für sie verantwortlich, erst recht angesichts der sich verschlechternden Gesundheit seines Großvaters.

Sein Frust verwandelte sich in Panik, als er an Aris Neuigkeit von letzter Woche dachte. Sie war verlobt.

Mit einem Mann, den sie vor nicht einmal fünf Wochen kennengelernt hatte.

Es war lächerlich.

Leichtsinnig.

Und es würde nicht zur Hochzeit kommen.

Jedenfalls nicht ohne Gegenwehr von Ares. Doch nun hatte er schon mehrere Gespräche mit Ariana geführt, und keins seiner Argumente hatte bei ihr gefruchtet. Auf der ganzen Welt gab es nur wenige Menschen, die so stur waren wie seine Schwester. Aber wie seine Großmutter zu sagen pflegte, führten viele Wege nach Athen. Falls Logik und Drohungen nichts ausrichteten, sollte ein wasserdicht formulierter Ehevertrag den jungen Goldgräber abschrecken. Dieser Vertrag war der Hauptgrund für Ares’ Reise nach London.

Zum Glück deutete Ariana den Vertrag als Zeichen, dass ihr Bruder sich mit der Hochzeit abgefunden hatte. Deshalb war sie gut gelaunt mit ihrer Patentante Helena zu einem exklusiven Spa im mexikanischen Oaxaca geflogen. Dort sollte sie bleiben, bis der Ehevertrag unter Dach und Fach war.

Was, zum …?

Frank machte eine Vollbremsung. Ares stützte sich mit einer Hand an der Wagentür ab, als sich plötzlich der Sicherheitsgurt über seinem Körper anspannte und grünlicher Matsch auf die Frontscheibe klatschte.

Demonstranten, schoss es ihm durch den Kopf. Das Unternehmen Konstantinou bohrte zwar nicht nach Öl, transportierte es aber in alle Teile der Erde. Oder sollte dies ein Ablenkungsmanöver für einen Entführungsversuch sein? War ein Straßenkünstler am Werk?

„Sind Sie okay, Mr. Konstantinou?“ Stefan, sein Bodyguard, drehte sich auf dem Beifahrersitz um.

„Ja, alles okay.“

Im Rückspiegel traf Franks Blick den von Ares. „Es tut mir leid, Sir. Sie ist direkt vor mir auf die Straße gelaufen.“

Sie? „Wer?“

Die Antwort kam umgehend, denn eine Frau in kurzer Radlerhose und einem bauchfreien Top schlug gegen die Scheibe auf der Fahrerseite.

Stefan drehte sich wieder nach vorn und legte die Hand auf den Türgriff.

„Was, zur Hölle, machen Sie da? Sie hätten mich umbringen können …“ Wieder schlug die Frau gegen die Scheibe. Als sie zur Rückbank schaute, registrierte Ares einen Blick aus grünen Augen, stechend und scharf wie Glasscherben.

Interessant, dachte er.

„Tun Sie bloß nicht so, als ob Sie mich nicht sehen könnten, Kumpel …“

Eine Amerikanerin? Aus ihrer Stimme sprach pure Wut. „Bleiben Sie im Wagen, Stefan. Ich erledige das“, sagte Ares, ignorierte den Protest seines Bodyguards und stieg aus.

„Na endlich. Sind Sie der Chef? Ihre Intelligenzbestie von Fahrer hat mich fast plattgemacht.“

Als die Frau ihn ansah, spürte er einen Stromstoß. Er hatte sich geirrt. Ihre Augen waren nicht bloß interessant – sie waren spektakulär. Fast so spektakulär wie diese Wangenknochen, dieses Gesicht. Sie hatte die dunklen Haare zu einem Zopf geflochten und wirkte wie die Muse eines Künstlers, doch es wäre schwierig gewesen, ihr Porträt auf eine Leinwand zu bannen. Ihr Wesen ließ sich kaum einfangen.

Prompt bekam Ares eine Erektion, als er sich diese Schönheit in seinem Schlafzimmer vorstellte.

„Haben Sie mich gehört? Hallo?“

Ihre Frage riss ihn aus seinen Gedanken. Ja, sie war eindeutig Amerikanerin, vermutlich von der Westküste, obwohl die Kälte in ihrem Tonfall aus der Arktis hätte stammen können.

„Ich denke, ganz Mayfair kann Sie hören“, log er, denn sie sprach keineswegs laut. Trotzdem drehten sich die Leute nach ihr um. Wahrscheinlich passierte das ständig. Sie war schlank wie eine Ballerina und hatte lange, leicht sonnengebräunte Beine. Zerbrechlich wirkte sie allerdings nicht, sondern durchtrainiert, sexy. Obendrein wütend, wenn auch nicht unbeherrscht. Und sie war eindeutig keine Demonstrantin oder Straßenkünstlerin. Sie war zornig über etwas, das ihr widerfahren war, und machte ihrem Ärger Luft. Mit anderen Worten: Diese Frau war gefährlich.

Sie funkelte ihn an. Die Straße schien sich unter seinen Füßen zu neigen, als hätte er schnell hintereinander ein paar hochprozentige Shots runtergekippt. „Oh, tut mir leid“, sagte sie. „Ist Ihnen die Situation etwa peinlich?“

Wie gebannt starrte Ares auf ihren sinnlichen Mund. Ihre Lippen waren üppig und pinkfarben und in der Mitte der Unterlippe befand sich eine kleine senkrechte Furche. Theoretisch hätte er die Hand heben und die Daumenkuppe seitlich in diese Furche legen können. Einen verstörenden Moment lang glaubte er fast, er hätte es getan. Die Frau sah ihn eindringlich an. Um sie – und sich selbst – abzulenken, beugte er sich vor und berührte die klebrige Masse auf der Windschutzscheibe. „Was ist das?“

Sie zog eine Braue hoch und ihre funkelnden Katzenaugen verengten sich kaum merklich. „Das ist ein Smoothie … gewesen.“

Er spürte das grüne Zeug auf den Fingern. Schlagartig wurde ihm bewusst, wie unbedingt er mit diesen Fingern den geflochtenen Zopf der Frau öffnen wollte. „Ich zahle für einen Ersatz.“

Als sie zu ihm hochblickte, konnte er förmlich hören, was sie dachte. Trottel. „Sie bieten an, mir einen Smoothie zu kaufen? Ihr Chauffeur hat mich fast über den Haufen gefahren.“ Sie runzelte die Stirn, bückte sich und hob etwas auf. „Außerdem ist mein Thermobecher kaputt.“

Das Gefäß war verbeult, bestimmt vom Aufprall auf die Frontscheibe. Die Frau trat einen Schritt näher und hielt es Ares hin, damit er sich vom Schaden überzeugen konnte. Doch er sah nicht den Becher an. Ebenso wenig wie sie selbst es tat. Eine Sekunde lang betrachteten sie sich gegenseitig. Sie standen so dicht voreinander, dass er die grünen Spritzer auf ihrem Schlüsselbein sah und die pulsierende Ader an ihrem Hals. Jede einzelne Zelle seines Körpers pochte im Takt ihres Pulsschlags.

„Sir“, meldete sich der Bodyguard zu Wort. Inzwischen stand er auf dem Bürgersteig.

Der Anblick reichte, um Ares zur Besinnung zu bringen – beziehungsweise seine Gefühle im Keim zu ersticken. Er zog sein Portemonnaie aus der Innentasche des Jacketts. „Mein Fahrer hat sich genau an die Verkehrsregeln gehalten, aber als Geste des guten Willens … hier.“ Er hielt der Frau einen Fünfzig-Pfund-Schein hin. „Das sollte Ihre Kosten abdecken. Beim nächsten Mal nehmen Sie sich vielleicht einen Moment Zeit, um zu überlegen, in welchem Land Sie gerade sind. Ich denke, Sie werden zu dem Schluss kommen, dass man hier auf der anderen Straßenseite fährt. Deshalb müssen Sie zuerst nach rechts schauen.“

Die Frau strafte ihn mit genau dem vernichtenden Blick, den diese Bemerkung verdiente. „Schönen Tag noch“, sagte sie ruhig und ignorierte den Geldschein. Dann verlagerte sie das Gewicht auf die Hacken, damit sie ihm in die Augen sehen konnte. Fasziniert beobachtete er, wie sie das Kinn reckte. „Oder noch besser: Mögen Sie in interessanten Zeiten leben.“ Bevor er etwas erwidern konnte, drehte sie sich um und ging zügig fort.

Als er fünf Minuten später das Clarendon Hotel betrat, hallten ihm ihre Worte noch immer in den Ohren nach. Mögen Sie in interessanten Zeiten leben … Ein uralter Fluch. Sie hatte ihn verwünscht, denn interessante Zeiten zeichneten sich durch Krisen aus und waren eine euphemistische Umschreibung für schwere Zeiten. Ares ertappte sich bei der Frage, wohin seine Widersacherin wohl verschwunden war. Natürlich nur, weil er gern das letzte Wort gehabt hätte. Um sie besser einordnen zu können …

„Ares.“

Er drehte sich um. „Larry. Schön, dich zu sehen.“

Der stämmige Mann mit den roten Wangen und den schütteren blonden Haaren strahlte ihn an. „Gleichfalls. Freut mich sehr, dass du gekommen bist. Ich weiß ja, dass du jede Menge um die Ohren hast.“

Ares ergriff Larry Milners ausgestreckte rechte Hand und schüttelte sie, während er mit ihm in den Ballsaal ging. „Ich wollte unbedingt bei eurer Jubiläumsfeier dabei sein.“ Angesichts von Larrys offenkundiger Freude war das nicht wirklich gelogen.

„Um ehrlich zu sein, hatte ich deine Zusage gar nicht erwartet. Du verabscheust solche Termine doch normalerweise.“

„Ich bitte dich, Milners kümmert sich schließlich schon seit zweihundert Jahren um die Angelegenheiten meiner Familie.“

„Und wir werden uns auch um Arianas Ehevertrag kümmern.“ Larry senkte die Stimme. „Ich habe Nancy Kemp darauf angesetzt. Sie ist tough. Unermüdlich.“

Unermüdlich ist genau das, was ich brauche, dachte Ares und blickte sich nach einem Kellner um.

Da sah er sie.

Seit ihrem Fluch waren vielleicht dreißig Minuten vergangen. Das Wiedersehen glich einem Schock. Noch schockierender allerdings war die Hitze, die seinen Körper derart schnell durchflutete, dass er fast gestolpert wäre.

Einen Moment lang konnte er nicht verarbeiten, dass die Frau hier war und so völlig anders aussah. Statt der engen Shorts und des bauchfreien Tops trug sie ein weißes Kleid, das sein Herz schneller schlagen ließ. Warum, konnte er nicht sagen, denn es war Sommer, und im Sommer trugen viele Frauen weiße Kleider. Luftige, folkloristisch angehauchte Modelle oder welche aus knitterfreier Baumwolle.

Aber dieses Kleid war ganz anders. Langärmlig, hochgeschlossen und mit einem ausgestellten, knielangen Rock. Hätte es auf einem Bügel gehangen, hätte Ares ihm keinerlei Beachtung geschenkt. Jetzt allerdings kostete es ihn Mühe, den Blick loszureißen.

Er zuckte zusammen, als die Frau sich umdrehte, um jemanden zu begrüßen, und ihr der Saum des Kleides um die Beine schwang.

Sie stand nicht auf seinem Programm für London. Trotzdem fühlte es sich an, als wären sie noch nicht miteinander fertig …

Er betrachtete ihr Profil. Sie hatte die Haare zu einem lockeren Dutt hochgesteckt. Unwillkürlich malte er sich aus, wie es wäre, in zerwühlten Laken mit ihr aufzuwachen. Ein paar Haarsträhnen kräuselten sich in ihrem Nacken. Ares musste dem Impuls widerstehen, auf die andere Seite des Saales zu gehen und sich eine dieser Strähnen um den Zeigefinger zu wickeln.

„Nancy entgeht nichts“, versicherte Larry. „Jeder Ehevertrag, den sie aufsetzt, ist wasserdicht. Ich stehe hinter dir – und hinter Ariana natürlich auch.“

Ares zwang sich, den Blick von der Frau abzuwenden und wieder seinen Freund anzusehen. Dann nickte er lächelnd. „Das weiß ich.“

„Mir ist bewusst, wie wichtig dir diese Sache ist.“

Die Familie Konstantinou brauchte keine weitere Ehekrise. Jedenfalls keine, die sich in Echtzeit auf Handys und Fernsehgeräten abspielte. Heutzutage wurden zwar rund um die Uhr Nachrichten gesendet, aber manchmal war es Ares während der letzten sechs Jahre so vorgekommen, als würde die Welt nie über die alten Ereignisse hinwegkommen. Auch heute erinnerten sich einige Gäste bei seinem Anblick garantiert an die Schlagzeilen:

Bräutigam durchgebrannt

Konstantin-NO lässt Braut am Altar stehen

Der wankelmütige Liebhaber

Er straffte die Schultern, als müsste er die Flut von Schlagzeilen aufhalten, die erschienen waren, nachdem er seine Braut verlassen hatte – vor achthundert Zeugen in der Kirche plus Hunderten von Reportern und Fotografen, die sich draußen drängelten.

Keine Zeugen außer ihm selbst hatte es allerdings für den Anblick gegeben, wie sich seine Verlobte unter einem anderen Mann gewunden hatte. Im selben Bett, das sie mit ihm geteilt hatte.

Am Tag vor der Hochzeit war er mit einem Saphirarmband zu Zoe gegangen. Um sie zu überraschen, hatte er nicht geklingelt, sondern ihr Apartment mit dem Zweitschlüssel aufgeschlossen. Und vor lauter Vorfreude hatte er anfangs gar nicht begriffen, was er drinnen hörte.

Die Erinnerung versetzte ihm einen schmerzhaften Stich. Er schämte sich für seine Naivität, denn er hatte tatsächlich gedacht, Zoe treibe gerade Sport. Dann hatte er sie und ihren Liebhaber in flagranti überrascht.

Manchmal fragte er sich, warum er nichts getan oder gesagt, nicht gebrüllt, Vasen gegen die Wand geworfen oder Teller zerschlagen hatte. Schließlich war er Grieche. Schweigend war er rückwärts aus der Wohnung gegangen und nach Hause gefahren, um seinen Verwandten mitzuteilen, dass die Hochzeit ausfiele. Doch sein Haus in Athen war voller Caterer, Kellner und Floristen gewesen. Mittendrin hatten seine Mutter und sein Vater gestanden und gestrahlt. Er hatte es nicht fertiggebracht, sie aufzuklären.

Erst am folgenden Tag war angesichts von Zoes sittsamer Miene ein Schalter in ihm umgelegt worden. Ares erinnerte sich noch genau an alles, was dann geschehen war. An die verständnislosen Mienen der Leute. Zoes schockgeweitete Augen. Das Entsetzen und die unausgesprochene Enttäuschung seiner Eltern. Er hasste die Tatsache, dass sie vor ihrem Tod nicht die Wahrheit erfahren hatten. Nach dem Hochzeitsfiasko waren sie mit einer hysterischen Zoe beschäftigt gewesen und einen Monat später waren sie verunglückt. Er hatte den richtigen Zeitpunkt verpasst.

Jetzt schob er die Erinnerung an jene furchtbaren Wochen zur Seite und schlug Larry freundschaftlich auf den Rücken. „Wie ich sehe, wollen viele Leute euer Jubiläum feiern. Wer ist denn alles hier?“ Lässig ließ er den Blick durch den Saal schweifen, während er sich vorkam wie ein Atom, das von einer gewaltigen unsichtbaren Macht in zwei Teile gespalten wurde. Er wollte Larry zuhören, doch sein Blick wanderte wie ferngesteuert zu der Frau in Weiß.

Sie stand mit dem Rücken zu ihm, und er betrachtete die Rundung ihres Hinterteils. Als sie ihr Gewicht von einem Fuß auf den anderen verlagerte, fragte er sich, ob ihre Beine nackt waren. Oder trug sie halterlose Strümpfe?

„Klienten, so wie du. Partner, ehemalige Partner im Ruhestand, Kollegen, Buchhalter. Auch ein paar Vertreter von Stiftungen, die wir unterstützen.“

Ares erhaschte einen Blick auf schimmernde grüne Augen, als die Frau in Weiß sich umdrehte und ein Glas Orangensaft vom Tablett eines vorübergehenden Kellners nahm. Er fühlte sich, als würde in dieser Sekunde etwas in ihm aufgeschlossen.

Theoretisch könnte er zu ihr gehen. Small Talk machen. Aber er wollte nicht reden. Er wollte sie anfassen …

Auf keinen Fall!

Also gut, sie war hübsch. Gleichzeitig hatte sie ihn auf der Straße verwünscht wie eine Hexe. Konnte er deshalb nicht aufhören, an sie zu denken? Hatte sie ihn verzaubert?

Er spielte die Szene durch, in der sie sich gegenübergestanden hatten, nah genug, um einander zu berühren. Ganz kurz nur, doch ihm war es vorgekommen wie der Tanz auf einem Vulkan. Benommen, euphorisch und mächtig hatte er sich gefühlt.

Aber es war lange her, dass seine Libido ihn beherrscht hatte. Und das wollte er nie wieder zulassen.

Willa Hamilton strich sich eine Locke hinter das linke Ohr, stellte ihr Glas Orangensaft auf einen niedrigen Tisch und bat einen Kellner um etwas, das die Briten Buck’s Fizz nannten. Zwei Drittel Champagner und ein Drittel Orangensaft. Sie brauchte einen Drink.

Oder besser noch ein Sondereinsatzkommando, das sie aus dem Gebäude brachte.

Es fühlte sich nämlich an, als würde der Sauerstoff im Ballsaal ausgehen. Sie konnte es nicht fassen. Was machte der denn hier?

Eben hatte sie sich umgedreht und ihn gesehen. Prompt schien sich alles um sie herum zu drehen. Als ihr Herz nicht mehr hämmerte, glaubte sie zunächst, der Mann sei ihr gefolgt, doch offenbar gehörte er zu den Gästen. Das konnte unmöglich ein Zufall sein. Andererseits musste es manchmal Zufälle geben. Warum sonst existierte ein Wort für eine Situation wie diese?

Bleib ruhig, sagte sie sich und versuchte, dem Kribbeln im Magen Einhalt zu gebieten. Die Begegnung auf der Straße war abseits der Arbeit passiert. Vor Montag galt sie offiziell nicht als Mitarbeiterin. Und vielleicht erkannte er sie gar nicht.

Konnte er einer der Promis sein, die Milners für Eheverträge und Scheidungsvereinbarungen engagierten? Mit seinen breiten Schultern ging er glatt als Sportstar durch. Gleichzeitig hatte er etwas Aristokratisches an sich. Larry zufolge vertrat die Kanzlei derzeit allerdings keine Königshäuser.

Auf jeden Fall ist der Mann arrogant wie ein Mitglied des Hochadels, dachte sie, als ihr einfiel, wie kühl er den Blick aus seinen grauen Augen über ihr verschwitztes Gesicht hatte wandern lassen. In Los Angeles und New York hatte sie etliche reiche Klienten vertreten, doch dieser Mann war anders. Seine Autorität beruhte nicht auf Geld. Vorhin hatte er mit ihrem Chef gesprochen, aber jetzt stand er vor einem Gemälde in einer Ecke des Saals, abseits von allen und doch nicht zu übersehen. Als wäre er vom Olymp zu den Sterblichen hinabgestiegen.

Unvermittelt blickte er sich um, und sie schlüpfte hastig hinter einen Kellner. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Warum war er hier? Und wenn er schon ein Trottel war, wieso konnte er dann nicht auch wie einer aussehen statt wie ein Model?

Er ist zu perfekt, dachte sie gereizt. Schlimm genug, dass er so ein markantes Kinn hatte und die Farbe seiner Augen an den Himmel in ihrer Heimat erinnerte, wenn über dem Pazifik ein Sturm tobte. Obendrein musste er auch noch diesen wunderschönen Mund haben. Die Unterlippe war üppiger als die Oberlippe, und die Mundwinkel zeigten ganz leicht nach unten – bestimmt um seine Mitmenschen davon abzuhalten, sich ihm zu nähern. Jetzt lächelte er Larry an. Seine Lippen verzogen sich langsam, zögernd, wie Blütenblätter sich der Wintersonne öffneten. Wie würden wohl seine Küsse schmecken? Wie ein Old Fashioned? Die perfekte Mischung aus süß, würzig und vollmundig?

Seine Küsse? Was, zum …?

Sie atmete scharf ein, verschluckte sich am Buck’s Fizz und musste sich die Hand vor den Mund halten.

„Amüsieren Sie sich gut?“

Mit hochroten Wangen drehte sie sich um. Neben ihr stand ihre Kollegin Chloe, die sie am ersten Tag durch die Kanzlei geführt hatte. „Ja, die Party ist toll.“

„Es gibt auch noch eine After-Party.“

Willa nickte, doch sie würde nicht hingehen. Sie war hier, weil Larry sie eingeladen hatte. Es hatte keinen triftigen Grund für eine Absage gegeben, und sie hatte nicht riskieren wollen, sich auszugrenzen. Als einzige grünäugige Brünette in einer Familie blauäugiger blonder Menschen hatte sie schon genügend Zeit damit verbracht, anders zu sein.

Wobei sie anders war.

Willa, das Kuckuckskind. Eine Betrügerin und Belastung. Sie hatte immer geahnt, dass sie irgendwie nicht dazugehörte. Noch vor fünf Monaten hatte sie es damit begründet, dass Amber nicht ihre richtige Mutter war. Nie wäre sie auf die Idee gekommen, Robert könnte nicht ihr Vater sein.

Als sie die jämmerliche Wahrheit über ihre Abstammung erfahren hatte, war sie sich vorgekommen wie jemand, unter dessen Füßen die Erde aufbrach. Manchmal dachte sie, es wäre besser gewesen, im Boden zu versinken und zu verschwinden.

Stattdessen war sie der lebendige Beweis für die Untreue ihrer Mutter. Ein Geheimnis, das zu schrecklich war, um es jemandem anzuvertrauen. Dumpf schlug ihr Herz gegen die Rippen, als würde jemand mit der Faust gegen eine Tür schlagen. Sie trank einen kleinen Schluck. Dann noch einen.

Jetzt durfte sie nicht daran denken. Sie hatte harte Arbeit investiert, um diesen Job bei Milners zu ergattern. Er bedeutete ein neues Leben in London. Noch wichtiger war Willa allerdings, dass nun ein Ozean zwischen ihr und dem Schmerz der Vergangenheit lag.

„Alle Gäste machen einen sehr freundlichen Eindruck“, meinte sie.

Chloe blinzelte, und als hätten sie sich abgesprochen, glitten ihre Blicke zu Willas Erzfeind. Er stand mit geradem Rücken da, ohne zu lächeln.

„Also, fast alle“, ergänzte Willa. „Ich weiß nicht, ob das Wort ‚lustig‘ zu seinem Wortschatz gehört.“

Neugierig, vielleicht sogar ein wenig eifersüchtig sah Chloe sie an. „Sie haben mit ihm geredet?“

„Kurz. Ich kann nicht viel mit ihm anfangen.“

Beide lächelten. Eigentlich konnte jede Frau etwas mit diesem Mann anfangen.

„Arbeitet er hier im Hotel?“, fragte Willa.

„Nein, er ist ein Freund vom Chef.“

Großartig. Einfach fabelhaft.

„Ich glaube, sie haben zusammen in Harvard studiert.“

Willa ließ den Blick zurück zu dem großen, dunkelhaarigen Gast wandern. Ein Anwalt. Das passte zu ihm. Vielleicht war er als Student gerudert. Das hätte die ausgeprägte Schulter- und Rückenmuskulatur erklärt. „Wie heißt er denn?“, fragte sie. 

Chloe spähte auf ihr Handydisplay. „Tut mir leid, ich muss los. Ich habe den Portier gebeten, mich zu informieren, sobald Nina Klein eintrifft. Die Schauspielerin. Wir haben uns um ihren Ehevertrag gekümmert. Auch um ihre Scheidung. Sie kommt frisch aus der Entzugsklinik, deshalb hat Larry mich zu ihrem Babysitter bestimmt.“

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