Romana Exklusiv Band 403

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  • Erscheinungstag 25.07.2026
  • Bandnummer 403
  • ISBN / Artikelnummer 9783751539197
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Scarlet Wilson, Joss Wood, Marion Lennox

ROMANA EXKLUSIV BAND 403

Scarlet Wilson

1. KAPITEL

„Danke, dass Sie zur Testamentseröffnung und Verlesung von Angus McLeans letztem Willen gekommen sind.“

Der Anwalt schaute sich unter den Anwesenden um, die zum Teil aus der Umgebung stammten, zum Teil von weit her angereist waren.

Komm zur Sache, dachte Callan. Der verstorbene Siebenundneunzigjährige war wie ein Vater für ihn gewesen, ein fürsorglicher Mensch mit Humor und Familiensinn. Nur deshalb war er jetzt hier.

Callan hatte kein Erbe zu erwarten. Mehr als das Vierfache hätte er für das Schloss zahlen können. Doch Angus war auf sein Kaufangebot nicht eingegangen. Nachdem er so viele Jahre dort gelebt hatte, wollte Callan unbedingt erfahren, was Angus damit vorhatte.

Der Anwalt fuhr fort: „Einige von Ihnen sind einer schriftlichen Einladung gefolgt. Alle Erben haben wir jedoch noch nicht erreicht. Wie Ihnen bekannt sein dürfte, besaß Angus McLean ein herrschaftliches Anwesen.“

Er verlas die Spenden für wohltätige Zwecke. Anschließend richtete er das Wort an Angus’ Angestellte, die ihm über viele Jahre hinweg treu gedient hatten. Sie erhielten Hinterlassenschaften in beträchtlicher Höhe, die ihnen eine komfortable Rente ermöglichten.

Schließlich räusperte er sich und schaute nervös in die Runde. Callans fragendem Blick hielt er nicht stand.

Oje, das Schloss! Was hat der verrückte Alte jetzt wieder angestellt?

„Die meisten seiner Freunde und Verwandten wussten, dass Angus Junggeselle war. Zumindest haben die, die Angus gut kannten, immer angenommen, dass er keine Kinder hatte.“ Er verstummte. „Aber das Gegenteil scheint der Fall zu sein.“

„Was?“, stieß Callan fassungslos hervor. Er hatte die meiste Zeit seines Lebens mit Angus McLean verbracht und von Kindern war nie die Rede gewesen.

Frank, der Familienanwalt, war mit dieser Situation offensichtlich überfordert. Unsicher lachte er. „Angus McLean hatte es in jungen Jahren faustdick hinter den Ohren. Er hat sechs Kinder gezeugt.“

Die Anwesenden warfen sich entsetzte Blicke zu. Nur wenige saßen mit regungsloser Miene da, als ob sie von dieser Neuigkeit bereits gewusst hatten.

Callan glaubte, sich verhört zu haben. „Sechs Kinder? Wer zum Teufel hat Ihnen das erzählt?“ Das war doch Unsinn. Wollten sich diese Fremden ihren Anteil an McLeans Erbe verschaffen?

„Angus persönlich“, entgegnete Frank ruhig und schaute ihm offen ins Gesicht.

Callan erstarrte. Das konnte einfach nicht wahr sein!

Nervös räusperte sich Frank. „Die Nachforschungen haben ergeben, dass es zwölf mögliche Erben gibt.“

Heftig schüttelte Callan den Kopf. Zwölf Personen, die einen Anteil von Annick Castle wollten. Vermutlich würde es unverzüglich an den Meistbietenden verkauft, damit sie es unter sich aufteilen konnten. Das wäre Angus nicht recht gewesen.

„Mr McLean hat angeordnet, dass alle Erben für ein Wochenende nach Annick Castle eingeladen werden.“ Frank biss sich auf die Lippe. „Sie werden gebeten, an einem Krimiwochenende teilzunehmen. Der Gewinner dieses Wochenendes wird der alleinige Erbe von Annick Castle. Natürlich nur, wenn die Verwandtschaft durch DNA-Analyse nachgewiesen wird.“ Schließlich suchte er Callans Blick. „Es war sein letzter Wille, dass Annick Castle in der Familie bleibt und nur an einen Erben übergeht.“

Diese Worte trafen Callan bis ins Mark. Er hatte immer angenommen, dass Angus keine Familie besaß oder bestenfalls einige weit entfernte Cousins.

Ein Tumult brach los. Aufgeregt redeten die Leute durcheinander und begannen hektisch zu telefonieren. Es war auch ein Reporter anwesend, der mit dem Handy am Ohr den Raum verließ. Die Neuigkeit über das Auswahlverfahren des Erben von Annick Castle, einem der wenigen Privatbesitze in Schottland, schlug ein wie eine Bombe.

Callan erhob sich und ging hinaus. Beißender Wind und Regen umfingen ihn. Sein Blick fiel auf das Gebäude vor ihm. Annick Castle war der Ort, der seit fünfundzwanzig Jahren wie ein Zuhause für ihn war.

Seit jener Nacht, in der ihn Angus kauernd im Gebüsch gefunden hatte, wo er sich vor seinem betrunkenen und brutalen Vater versteckte, hatte er ihm Zuflucht in seinem Haus geboten. Annick Castle war sein sicheres Zuhause geworden. Und später, als Angus gebrechlich geworden war und Hilfe brauchte, war Callan für ihn da gewesen.

An diesem Ort hatte er gelacht, geweint und war erwachsen geworden. Jetzt würde dies alles von irgendeinem Fremden zerstört.

„Bitte unterschreiben Sie hier.“

Laurie schaute auf das elektronische Display, das ihr unter die Nase gehalten wurde. Erstaunt sah sie sich um. Ihre Sekretärin war verschwunden und der Kurier wurde ungeduldig. Sie nahm den elektronischen Stift und kritzelte ihre Unterschrift. „Danke.“

Sie starrte auf den Umschlag. Wieder eines dieser Anwaltsschreiben. Da sie im Computer registriert werden mussten, legte sie es auf den Stapel, der sich auf dem Schreibtisch ihrer Sekretärin bereits türmte.

Sie rieb sich die Stirn. Es war noch nicht einmal neun Uhr am Morgen und sie hatte wieder diese schrecklichen Kopfschmerzen. Und mindestens zwölf Stunden lagen noch vor ihr. Seufzend nahm sie die Gerichtsunterlagen auf, die sie später benötigen würde, und ging zurück in ihr Büro.

Kurze Zeit später erschien Alice im Türrahmen. „Laurie, hast du gesehen, wer diesen Brief angenommen hat?“

„Das war ich.“

Verlegen schaute Alice sie an. „Tut mir leid, dass ich nicht da war.“ Die Hand ruhte auf ihrem leicht gewölbten Bauch. „Ich musste heute Morgen schon dreimal ins Bad.“

„Kein Problem.“

Alice lächelte. „Das Schreiben solltest du dir mal anschauen. Es hat nichts mit dem Job zu tun. Es ist privat.“ Sie legte ihr den geöffneten Umschlag auf den Schreibtisch. Es kam täglich Post von anderen Anwälten, aber noch nie war etwas davon privat gewesen.

Alice ging hinaus und schloss die Tür hinter sich.

Das war ungewöhnlich. Alice hatte den Brief bereits gelesen und die Tür blieb immer offen, außer wenn Laurie in einer Besprechung mit Klienten war. Das bedeutete nichts Gutes. Verklagte sie jemand? Wenn das zutraf, hatte es mit ihrer Arbeit zu tun und war nicht privat.

Sie nahm den Umschlag und betrachtete ihn. Das Firmenlogo auf der Rückseite kannte sie nicht. Ferguson & Dalglish.

Schließlich zog sie den Brief hervor und überflog die Seite: Als Tochter von Peter Jenkins wurden Sie als mögliche Erbin des Anwesens von Angus McLean ausfindig gemacht … Einladung nach Annick Castle …

Auf der nächsten Seite standen die Kontaktdaten und eine Wegbeschreibung. Der Brief rutschte ihr aus den Händen. Das Herz schlug ihr bis zum Hals und fassungslos schüttelte sie den Kopf. Das war völlig verrückt.

Als Tochter von Peter Jenkins … Ihr Vater war vor einigen Jahren gestorben. Er hatte immer wissen wollen, wer sein Vater war, aber seine Mutter hatte es ihm nie verraten und sich stets geweigert, mit ihm darüber zu reden. Wer zum Teufel war Angus McLean? War er der Vater, den er nie kennengelernt hatte?

Dies unterstellte der Brief. Und nun erfuhr sie es auf diese Weise.

Ihr Magen zog sich zusammen. Angus McLean könnte ihr Großvater sein. Warum hatte er sich nicht bei ihr gemeldet, als er noch lebte? Warum hatte er bis nach seinem Tod gewartet? Irgendwie erschien ihr das Ganze sinnlos. Und für ihren Vater allemal.

Sie flog mit den Fingern über die Tastatur ihres Computers, rief eine Suchmaschine auf und tippte hektisch seinen Namen in das Suchfeld ein. Es war nicht schwer, ihn zu finden. Angus McLean war vor einem Monat im Alter von siebenundneunzig Jahren gestorben. Unverheiratet und kinderlos.

Ihre Gedanken überschlugen sich. Träumte sie?

Noch einmal überflog sie den Brief. Wie viele Kinder hatte dieser Mann? Und war eines davon offiziell anerkannt worden?

Das Telefon klingelte, aber sie ignorierte es. Das musste jetzt warten. Sie tippte wieder etwas in das Suchfeld ein.

Ein Bild von Annick Castle an der Westküste Schottlands erschien. Es verschlug ihr den Atem und sie rückte noch näher an den Bildschirm heran, um das wunderschöne, herrschaftliche Anwesen genauer zu betrachten. Es war überwältigend! Gebaut aus Sandstein, mit Türmen an jedem Ende und Kanonen auf der Mauer, die auf das Meer gerichtet waren.

Sie suchte nach dem Datum, an dem das Foto aufgenommen worden war. Das Bild war zwanzig Jahre alt. Sah Annick Castle immer noch so aus?

Neugier hatte sie gepackt. Was für ein Mann lebte an solch einem Ort? Und warum hatte er seine Familie nie kontaktiert?

Erneut überflog sie den Brief. In der Eile hatte sie den letzten Absatz übersehen:

Getreu Angus McLeans letztem Willen und Testament werden Sie und elf weitere Familienmitglieder gebeten, an einem Krimiwochenende auf Annick Castle teilzunehmen. Der Sieger erbt Annick Castle, sofern die Familienzugehörigkeit durch einen DNA-Test nachgewiesen wird.

Das konnte doch unmöglich da stehen! Jeder Anwalt würde die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.

Fest presste Laurie die Augen zusammen und kniff sich in die Nase. Das war ein Scherz, ein ausgeklügelter Schwindel. Bestimmt war im Raum eine versteckte Kamera installiert.

Sie stand auf und schaute sich suchend um. Nichts. Aber waren diese Kameras überhaupt fürs Auge sichtbar?

Sie öffnete die Bürotür und warf einen Blick nach draußen. Alle gingen ihrer Arbeit nach, niemand schenkte ihr Beachtung. Es war ein normaler Arbeitstag bei Bertram und Bain, einer der erfolgreichsten Anwaltskanzleien in London. Hier arbeiteten zwanzig Partner mit weiteren dreißig Teilhabern, Experten für Arbeits-, Scheidungs- und Diskriminierungsrecht. Die Telefone läuteten von frühmorgens bis spätabends.

Organisiertes Chaos.

Fröstelnd schloss Laurie die Bürotür und lehnte sich mit dem Rücken dagegen.

Wenn das nun doch stimmte? Elf Familienmitglieder? Wer waren sie nur?

Sie war das einzige Kind ihrer Eltern und auch ihr Vater war als Einzelkind aufgewachsen. Mit seinem Tod war ihre Mutter nicht zurechtgekommen. Sie lebte nun dank der finanziellen Unterstützung ihrer Tochter im sonnigen Portugal.

Laurie ging zurück zum Schreibtisch und strich mit den Fingern über das schwere Briefpapier.

Familie.

Nach dem Tod ihres Vaters hatte sie sich völlig verloren gefühlt. Sie hatte keine Verwandten mehr. Es gab nur noch sie und ihre Mutter.

Und jetzt das.

Wenn sie nun doch Familie hatte?

Sie versuchte, den Kloß im Hals herunterzuschlucken, als sie sich auf den Schreibtischstuhl fallen ließ. Ihr Vater wäre überwältigt gewesen. So gerne hätte er etwas über seinen Vater erfahren. Jetzt würde sie an seiner Stelle herausfinden, wer Angus McLean war und warum er zu Lebzeiten keinen Kontakt zu seiner Familie aufgenommen hatte.

Nur mühsam unterdrückte sie ihre Wut, während sie noch einmal den Brief studierte. Vermögensrecht war nicht ihre Stärke – aber konnte das legal sein? Das englische und schottische Recht unterschieden sich in einigen Punkten.

Ein Krimiwochenende, um den Erben des Schlosses zu ermitteln? Es gab keinen Zweifel: Angus McLean musste komplett verrückt gewesen sein.

Wie sie selbst seit Kurzem. Vielleicht lag dieser Zustand ja in der Familie. Ein beängstigender Gedanke …

Sie betrachtete die Menschen, die geschäftig an ihrer Glastür vorbeieilten. Zeit war Geld.

Wie lange hatte sie schon keinen Urlaub mehr gemacht?

Ihre Eltern hatten ein kleines Lebensmittelgeschäft besessen. Daher hatte es alle so überrascht, dass Laurie in der Schule so gute Noten bekam. Aber sie war wissbegierig und das Lernen fiel ihr leicht. Ein herausragendes Abschlusszeugnis hatte ihr schließlich den Weg zu einer Unikarriere geebnet. Und als sie an der juristischen Fakultät in Cambridge angenommen wurde, hatte ihr Vater geweint.

Keine zwei Monate später war ihr bereits klar geworden, dass sie das Jurastudium hasste.

Doch es war zu spät. Sie durfte ihren Vater nicht enttäuschen, der Tag und Nacht dafür arbeitete, dass sie ihr vermeintliches Ziel erreichen konnte. Voller Stolz hatte er immer von seiner Tochter erzählt, die Anwältin werden würde. Diesen Beruf hinzuwerfen, würde sein Andenken beschmutzen.

Dabei ging es ihr schon seit Monaten schlecht. Sie hatte sich in die Arbeit gestürzt, sich mehr und mehr Verantwortung aufbürden lassen, sodass ihr keine Freizeit mehr blieb. Ihr tat alles weh, sie schlief schlecht, klagte über Kopfschmerzen, alles Anzeichen, dass ihr Körper nach einer Pause verlangte.

Vielleicht war diese Einladung ein Zeichen. Egal, wie albern die ganze Sache klang.

Rasch schrieb sie ihre Antwortmail, bevor sie es sich anders überlegte. Sie nahm ihre Unterlagen vom Schreibtisch und trug sie nach draußen zu Alice.

Laurie nahm einen Stapel bunte Post-its von ihrem Schreibtisch und klebte sie auf die Gerichtsakten. „Ich nehme mir ein paar Tage frei. Um die pink markierten Akten kümmert sich Frances, grün macht Paul und gelb Hugo. Nach meinem Gerichtstermin heute Nachmittag können sie ohne Probleme übernehmen. Bitte sie einfach, da weiterzumachen, wo ich aufgehört habe.“

Alice nickte. Laurie reichte ihr die Einladung zum Krimiwochenende. „Kannst du mir eine Zugfahrkarte buchen und eine Unterkunft suchen?“

„Du fährst wirklich hin? Wann?“

„Morgen.“

„Nicht möglich!“

Überrascht schnellten die Köpfe der Kollegen hoch.

„Ich werde Freitag erwartet und komme nicht vor Montagabend zurück.“

Laurie Jenkins machte Urlaub. Das hatte es ja noch nie gegeben!

Vielleicht war es an der Zeit, etwas zu ändern.

Zum wiederholten Male starrte Callan auf seine Armbanduhr. Das war für heute der letzte Gast, den er abholte. Gott sei Dank.

Bis jetzt waren die lauten Kanadier, die überdrehten Amerikaner, der schlecht gelaunte Ire mit der reizenden Irin und einige andere potenzielle Schlosserben aus Schottland eingetroffen. Sobald die eingebildete Anwältin aus London angekommen war, hatte er es geschafft.

Er musste verrückt geworden sein. Warum zum Teufel habe ich nur zugestimmt, bei diesem lächerlichen Spektakel mitzumachen? dachte er seufzend.

Er ging jede Wette ein, dass Miss Anwalt übermüdet und übellaunig war. Nach seinen Berechnungen hatte sie viereinhalb Stunden von London nach Glasgow gebraucht und weitere vier von Glasgow nach Fort William. Den letzten Teil der Strecke hatte sie mit der Dampflokomotive zurückgelegt.

Er lehnte sich gegen die Steinwand der alten Bahnstation. In der Ferne sah er den aufsteigenden Dampf der Lokomotive. Die Anwältin hätte auch in dem Zug aus Glasgow sitzen bleiben können, aber wie jeder typische Tourist hatte sie den Harry-Potter-Zug vorgezogen und war über das Viadukt gefahren.

Eigentlich war das kein Problem. Er konnte ihr nicht vorwerfen, dass sie Schottlands überwältigende Landschaft genießen wollte, obwohl sich ihre Ankunft dadurch verzögerte.

Der Zug kam zum Stehen. Scharenweise stiegen Touristen aus. Die meisten von ihnen würden über Nacht in Mallaig bleiben. Ein Reisebus wartete draußen vor dem Bahnhof, um sie zu ihrer Unterkunft zu bringen.

Es dauerte einen Augenblick, bis der Dampf und die schwatzenden Menschenmassen den Blick freigaben.

Wow. Das war Mary Jenkins? Er hatte eine Frau mittleren Alters mit verkniffenen Zügen erwartet. Nun kam eine langhaarige Brünette in engen pinkfarbenen Caprihosen und einer locker sitzenden Tunika auf ihn zu. Sie trug eine Reisetasche und machte einen jugendlichen und temperamentvollen Eindruck.

Callan war schon mit vielen schönen Frauen ausgegangen, aber diese hier war wirklich umwerfend. Sanft zeichneten sich die Brüste unter der dünnen Tunika ab und die Caprihosen unterstrichen ihre leicht gebräunte Haut.

„Callan McGregor? Vielen Dank, dass Sie mich abholen.“ Sie ergriff seine Hand und drückte sie.

Ihre Berührung war wie ein elektrischer Schlag.

„Schön, Sie kennenzulernen. Was für eine herrliche Landschaft. Ich hatte eine traumhafte Zugfahrt.“ Sie wies auf die Kamera, die sie neben einem goldenen Medaillon um den Hals trug. „Ich habe bestimmt über hundert Bilder gemacht.“

Er versuchte, ruhig zu bleiben und seine Überraschung zu verbergen. Sie war nicht nur hübsch, sondern einfach zauberhaft. Große braune Augen, unbändige Locken und volle rote Lippen. „Mary Jenkins?“, fragte er. Der Name passte überhaupt nicht zu ihr.

Er erntete ein lautes und herzliches Lachen. „So hat mich noch nie jemand genannt. Mein Name ist Laurie. Laurie Jenkins. Mein Vater hat mich zwar nach seiner älteren Tante Mary benannt, aber man hat mich immer mit meinem Zweitnamen gerufen.“

Die Mary Jenkins seiner Vorstellung hatte nichts mit der Laurie Jenkins gemein, die vor ihm stand und kaum älter als zwanzig wirkte.

War sie wirklich schon alt genug, um Anwältin zu sein?

„Lassen Sie mich Ihre Reisetasche nehmen“, bot er an. Sie war erstaunlich leicht. Laurie Jenkins hatte offenbar nicht vor, länger zu bleiben, im Gegensatz zu den Kanadiern, die ihren ganzen Hausrat mitschleppten.

Er führte sie zu seinem Auto. Nur mühsam konnte er den Blick von ihren verführerischen Kurven abwenden. Es passierte ihm nicht oft, dass eine Frau ihn so faszinierte.

Kaum war sie auf den Vordersitz seines sündhaft teuren Aston DB5 geklettert, brachte sie ihn mit ihrer ersten Frage gleich weiter aus dem Konzept.

„Was wissen Sie über Angus McLean?“

Alle anderen hatten nicht nur eine beiläufige Bemerkung über sein Auto gemacht, sondern ihn sofort mit Fragen über das Schloss bestürmt. Sie hatten auf den ersten Blick erkannt, wo Geld zu holen war.

Nachdem das Testament verlesen worden war, hätte er einfach weglaufen und den Irrsinn hinter sich lassen sollen.

War es die brennende Neugier, was wohl als Nächstes passieren würde? Oder ein seltsames Interesse daran, Angus McLeans Verwandte kennenzulernen? Oder eine tief verwurzelte Treue gegenüber dem alten Mann, gepaart mit dem Wunsch, das Schloss vor Unheil zu bewahren?

Er fuhr los.

„Nun?“ Offensichtlich war sie entschlossen, mehr herauszufinden. Sie hatte die Hände ineinander verschränkt und rieb die Handflächen aneinander. Es war das erste Anzeichen, dass sie nicht so entspannt war wie sie schien.

„Angus war ein guter Freund.“

Fragend hob sie die Augenbrauen. Der große Altersunterschied zwischen ihnen war schließlich nicht zu übersehen.

„Dann sind Sie also kein Verwandter von ihm?“ Sie zögerte. „Also auch kein … Verwandter von mir?“ Sie verstummte und schüttelte den Kopf. „Ich kann mich einfach nicht an diesen Gedanken gewöhnen. Es gab immer nur meine Mutter, meinen Vater und mich. Mein Vater ist vor einigen Jahren gestorben. Das hier hätte ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht ausmalen können. Es ist alles so unwirklich.“

„Oh, es ist wahr“, murmelte er und lächelte traurig. Diese Frau hatte nicht die leiseste Ahnung, wie er darüber dachte.

„Das liegt wohl an der Fahrt mit dem Harry-Potter-Zug.“ Auf ihrem Gesicht breitete sich ein träumerisches Grinsen aus. „Die war toll. Meine Sekretärin hat die Fahrkarte für mich gebucht. Es ist schon eine Weile her, dass ich Urlaub gemacht habe.“

Was wollte sie ihm damit sagen? Arbeitete sie für eine dieser Superkanzleien, die ihren Mitarbeitern hundert Stunden die Woche abverlangten? Oder wartete zu Hause niemand auf sie?

„Wann haben Sie Angus kennengelernt?“ Ihre Frage durchbrach seine Gedanken. Himmel, sie ließ aber auch nicht locker. Und mit keinem Wort hatte sie bisher das Schloss erwähnt.

Seine Miene verdüsterte sich und seine Lippen wurden zu einem schmalen Strich.

„Als ich ein kleiner Junge war. Ich habe einige Zeit auf Annick Castle gelebt.“

Sie war versucht, noch weitere Fragen über Angus zu stellen, aber sein mürrischer Blick hielt sie davon ab.

„Was ist denn an diesem Wochenende geplant? Organisieren Sie das?“ Hielt sie ihn für einen Angestellten? Auch wenn er sich beleidigt fühlte, war ihre Annahme berechtigt. Schließlich hatte er sie vom Bahnhof abgeholt.

Er setzte den Blinker und bog von der Hauptstraße ab. An Steinsäulen und einer Reihe von Einfahrten vorbei fuhr er einen langen, breiten Zufahrtsweg entlang.

Er schüttelte den Kopf und murmelte: „Ich habe mit dem Krimiwochenende nichts zu tun. Es wird von einer Fremdfirma organsiert.“

„Eine merkwürdige Geschichte. Ist das überhaupt legal? Erbrecht ist nicht mein Fachgebiet, aber von solch einem Fall habe ich noch nie gehört.“

„Ich auch nicht“, platzte es aus ihm heraus. Es war ihm nicht peinlich einzugestehen, dass er letzte Woche mit Frank im Clinch gelegen hatte. Aber der Anwalt war stur geblieben. Vergeblich hatte dieser versucht, Angus die Sache auszureden; hatte ihm die rechtlichen Folgen und mögliche Einwände aufgezeigt. Vergeblich. Sie hatten sogar seinen geistigen Zustand von einem Arzt untersuchen lassen, als Angus seinen letzten Willen zu Papier brachte.

Trotz allem hatte Angus McLean sich nicht von dieser Idee abbringen lassen. So wollte er die Dinge geregelt haben und nicht anders.

Callan bemerkte, wie Laurie sich staunend umschaute, als sie die endlos lange Straße zum Schloss entlangfuhren, vorbei an den riesigen Parkanlagen. Das Auto folgte der Biegung der Straße und beim Anblick des Schlosses schlug sie eine Hand vor den Mund.

„Oh. Wow.“ Annick Castle war im siebzehnten Jahrhundert wieder aufgebaut worden. Es war ein eindrucksvolles Anwesen mit über sechzig Zimmern und einem großen Turm auf jeder Seite. Offensichtlich hatte ihr der Anblick den Atem verschlagen.

Anstatt sich über ihre Begeisterung zu freuen, konnte Callan seinen Unmut kaum verhehlen. Sah sie sich schon als Besitzerin? Die Gäste aus Kanada hatten sofort eine Mappe mit umfangreichen Notizen zum Anwesen gezückt und ihn gefragt, welche Räume die beste Lage hatten. Fast hätte er sie an Ort und Stelle aus dem Wagen geworfen.

Zum Glück war Laurie nicht ganz so unverfroren. Oder konnte sie es nur besser verbergen?

Mit großen Augen schaute sie ihn an. „Ich hätte nicht gedacht, dass es so riesig ist.“ Sie wies hinüber zur Meeresseite. „Ich wusste, dass es oben auf einem steil abfallenden Felsen steht, aber seine Größe ist überwältigend.“ Sie wühlte in ihrer Tasche und zog ein Taschentuch hervor. „Mein Vater hätte das für einen Traum gehalten.“

Für einen Augenblick tat sie Callan leid. Ihm war bekannt, dass drei von Angus’ Kindern gestorben waren: Lauries Vater, eine weitere Frau aus London und ein Sohn, der in Kanada gelebt hatte. Laurie war das einzige Kind ihres Vaters, aber Angus’ Sohn aus Kanada hatte drei Söhne und zwei Töchter, und die Frau aus England drei Kinder. Daher belief sich die Anzahl der Erben auf zwölf, die jetzt alle hier waren.

Callan hielt vor dem Haupteingang, „Ich zeige Ihnen Ihr Zimmer“, erklärte er.

„Mein Zimmer?“, fragte sie fassungslos. „Oh nein. Ich übernachte nicht hier.“ Sie suchte in ihrer Tasche nach den Unterlagen. „Meine Sekretärin wird mir ein Hotel gebucht haben.“

Callan drohte die Geduld zu verlieren. „Hat sie. Und zwar hier.“

Erstaunt schaute sie ihn an. „Aber ich dachte, Sie wollten mir einfach nur das Schloss zeigen.“

Er schüttelte den Kopf. „So lauten die Bedingungen für das Wochenende.“

Er wartete, bis sie die Unterlagen aus ihrer Tasche gezogen und ungläubig geprüft hatte.

„Kommen Sie, damit ich Sie dem Personal vorstellen kann.“

„Hier gibt es Personal?“

„Natürlich. Ein Ort wie dieser verwaltet sich nicht von alleine.“

Das war das Problem mit diesen Leuten. Sie hatten alle keine Ahnung von Annick Castle. Keiner von ihnen wusste die Menschen zu schätzen, die ihr Leben lang hier gearbeitet hatten und denen das Schloss etwas bedeutete.

Laurie hatte sich nicht von der Stelle gerührt. Im Licht der strahlenden Sonne wirkte sie wie ein Star am Filmset. Mit ihren dunklen Augen, den schulterlangen kastanienbraunen Locken und ihrer weißen Tunika war Laurie Jenkins eine Attraktion für sich.

Sie war bei Weitem die jüngste Verwandte. Fast hätte er das wieder vergessen: Sie war eine Familienangehörige, eine mögliche Erbin.

Eine völlig Fremde, die Annick Castle so rasch wie möglich an den Meistbietenden verkaufen würde.

Bei diesem Gedanken standen ihm die Haare zu Berge.

Den ganzen Tag lang hatte er die Gäste am Bahnhof abgeholt und zum Schloss gebracht. Manche hasste er bereits. Sie interessierte nur der materielle Wert des Anwesens, der mögliche Marktpreis und wie rasch das Erbe abgewickelt werden konnte.

Daher spielte es keine Rolle, wie Laurie aussah oder handelte.

Sie war kein Stück besser als die anderen.

Was stimmte nur mit diesem Typen nicht? Seitdem er sie vom Bahnhof abgeholt hatte, führte er sich auf, als ob ihm eine Laus über die Leber gelaufen wäre.

Sie hatte keine Ahnung, welche Rolle er in dieser Sache spielte. Es war eine Schande, denn er wäre wirklich attraktiv, wenn er nicht dauernd so ein missmutiges Gesicht ziehen würde. Er zählte zu der Sorte Männer, die einem das Herz höher schlagen ließ, wenn man sie auf der anderen Seite des Raumes entdeckte.

Als sie ihn am Bahnhof erspäht hatte, hätte sie fast nach der Filmkamera Ausschau gehalten. War sie in die Dreharbeiten zu irgendeinem Film geraten, in dem er die Hauptrolle spielte?

Sie lächelte in sich hinein. Mr Griesgram wollte ihr offensichtlich nicht viel erzählen. Vergeblich versuchte sie, die Tatsache zu ignorieren, dass er unglaublich groß, finster und gut aussehend war. Seine grünen Augen hatten ihr Schauer über den Rücken gejagt.

Nachdem sie endlich jemandem begegnet war, der Angus McLean kannte, hatte sie tausend Fragen, aber kaum eine davon hatte er ihr beantwortet. Sie war es ihrem Vater schuldig, so viel wie möglich zu erfahren.

Sie folgte Callan ins Schloss und betrat die größte Eingangshalle, die sie je gesehen hatte. Von beiden Seiten des oval geformten Raums führte eine riesige Treppe nach oben. Von diesen Stufen, an deren Ende der Märchenprinz wartete, träumte jedes kleine Mädchen. Schön wär’s.

Krachend ließ Callan die Autoschlüssel in eine Holzschale fallen.

Das würde hier wohl kaum passieren.

Sie gab einer grauhaarigen Frau die Hand, die genauso mürrisch schaute wie Callan. Ob sie vielleicht verwandt waren?

„Das ist Marion, die Haushälterin. Wenn Sie etwas brauchen, finden Sie sie in der Küche.“

Laurie war sicher, dass es nichts gab, worum sie die Furcht einflößende Marion bitten könnte, aber sie nickte höflich, bevor sie Callan die Stufen hinauf folgte.

Oben auf der Treppe hing das Ganzkörperporträt einer jungen Frau in einem langen roten Kleid. Etwas stimmte nicht damit. Argwöhnisch blieb Laurie stehen und musterte das Bild.

Callan wartete und schaute ihr amüsiert grinsend zu. „Sie sind die Erste, der das auffällt.“

„Aber das ist es ja. Mir ist etwas aufgefallen, aber ich kann es nicht benennen.“

Er zeigte auf das ernste Gesicht des Porträts. „Es ist eine optische Täuschung. Sie ist eine optische Täuschung.“

„Wie?“ Jetzt war sie noch verwirrter.

Callan wies auf die Treppe. „Gleichgültig, von welcher Seite aus Sie hochgehen. Es hat immer den Anschein, als ob sie Sie anschaut.“

„Unmöglich!“

Er verschränkte die Arme vor der Brust und wies mit dem Kopf auf die andere Seite der Treppe. Es war das erste Mal an diesem Tag, dass er fast freundlich war. Er wirkte gleich noch viel attraktiver. „Probieren Sie es aus. Ich warte.“

Einen Augenblick zögerte sie, aber die Versuchung war zu groß. Sie konnte nur beten, dass er sich nicht über sie lustig machte. Sie lief die Stufen hinunter und an der anderen Seite wieder hinauf. Auf halbem Wege blieb sie stehen und stützte den Arm auf dem verschnörkelten Geländer ab. Die ernsthafte junge Dame starrte sie an. Verzweifelt hob sie die Arme. „Aber das ist doch nicht möglich. Wie alt ist das Gemälde? Gab es damals denn schon optische Täuschungen?“

Ein freches Grinsen zeigte sich auf seinem Gesicht. „Wie lange gibt es schon Regenbogen?“

Die Röte schoss ihr in die Wangen. Natürlich. Die größte optische Täuschung der Natur. Sie fühlte sich wie eine Vollidiotin. Sie hasste es, wenn sie für dumm gehalten wurde. Die einzige Freude an ihrem Beruf war die Tatsache, dass die meisten Menschen Anwälte von vornherein für klug hielten.

Aber Callan schien ihre Verlegenheit gar nicht zu bemerken. Er betrachtete das Gemälde.

„Angus hat sich gern einen Spaß gemacht. Als er auf das Gemälde gestoßen ist, musste er es unbedingt haben. Es ist fast zweihundert Jahre alt und hat immer für Gesprächsstoff gesorgt.“ Offensichtliche Zuneigung schwang in seiner Stimme mit, und das ärgerte sie zusätzlich.

Wer war dieser Mann? Er hatte hier eine Zeit lang gelebt. Aber warum?

Warum würde Angus McLean einen Fremden aufnehmen, aber die eigenen sechs Kinder ignorieren? Das Ganze ergab einfach keinen Sinn.

Plötzlich war sie hungrig und müde. Die lange Zugfahrt holte sie ein, sie wollte nur noch ins Bett, am liebsten in ihr eigenes in London, und nicht in ein fremdes in einem Schloss in Schottland.

„Na, wenigstens hatte er Humor“, murmelte sie, als sie an ihm vorbeihastete.

„Was soll denn das heißen?“, brauste Callan auf.

Sie holte tief Luft und drehte sich zu ihm um. „Ich bin müde, Callan. Ich bin seit Stunden unterwegs. Außerdem habe ich gerade herausgefunden, dass ich offensichtlich Verwandte habe.“ Sie wich zurück, als einige von ihnen an ihr vorbei nach unten gingen und sich lautstark über den Wert der Antiquitäten unterhielten.

Unverwandt schaute sie ihn an. Aus der Nähe waren seine Augen noch faszinierender.

„Ich habe Angus McLean nicht gekannt, wie Sie ja bereits wissen. Sie mögen ihn auf ein Podest stellen, aber ich tue das nicht. Ich bin nicht beeindruckt von einem Mann, der sein Leben damit verbracht hat, seine sechs Kinder zu ignorieren.“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Schön zu sehen, dass er seine Prioritäten in Ordnung gebracht hat.“

2. KAPITEL

Vor dieser Äußerung hatte er einen Moment lang geglaubt, sie unterscheide sich von Angus’ anderen Verwandten.

„Sie haben recht. Sie haben Angus nicht gekannt. Daher steht es Ihnen nicht zu, über ihn zu urteilen.“ Mit diesen Worten ließ er sie stehen und eilte vor ihr den Flur entlang, bis er vor ihrem Zimmer stand. Vor Wut kochend, riss er die Tür auf.

„Hier wohnen Sie.“ Er blieb stehen, als sie an ihm vorbei in das Zimmer trat. Ihr Kopf berührte fast seine Brust.

Gleichgültig, wie attraktiv sie auch war, sie hatte etwas Unschönes über den alten Mann gesagt, den er geliebt hatte.

Aber Laurie Jenkins interessierte das nicht. Sie drehte sich zu ihm um. „Genau das ist es ja, Callan. Ich habe das Recht dazu, denn offensichtlich gehöre ich zur Familie.“

Callan zuckte zusammen.

Sie hatte ins Schwarze getroffen. Er gehörte nicht zur Familie und kam nicht darüber hinweg, dass Angus McLean sechs Kinder haben sollte, die er nie erwähnt hatte. Im Stillen hoffte er immer noch, dass dies nicht wahr sei, jemand ihn an der Schulter rüttelte und er aus diesem Albtraum erwachte.

Es konnte einfach nicht stimmen. Solange er denken konnte, war Angus Junggeselle gewesen, selbst im hohen Alter. Warum, zum Teufel, sollte er Kinder haben, die er nie anerkannt hatte? Was für eine bizarre Vorstellung.

Er kannte niemanden, der ein so großes Herz hatte wie Angus.

Andererseits kannte er Angus erst seit fünfundzwanzig Jahren. Vielleicht war er als junger Mann eine vollkommen andere Person gewesen?

Dieser Gedanke hatte ihn in den letzten Nächten so sehr beschäftigt, dass er kaum hatte schlafen können.

Und seit er einige von Angus’ Verwandten kennengelernt hatte, wurde diese Qual immer größer. Eine von diesen geldgierigen Gestalten würde Annick Castle erben. Einen Ort, reich an Geschichte und voller Antiquitäten. Ein Ort, mit dem er selbst so viele Erinnerungen verband, die keinen von ihnen interessierte.

Warum hatte Angus sein Kaufangebot abgelehnt? Er hatte doch gewusst, dass Callan das Schloss genauso liebte wie er. Es war ihm unbegreiflich.

Laurie stand am Fenster und schaute hinaus auf das Meer. Einige der Schlafzimmer boten traumhafte Ausblicke. Wie seines auch, da es genau über ihrem lag.

Diese Fremde hatte ihn gerade in die Schranken gewiesen. Und das Schlimmste: Sie war im Recht. Sie gehörte zur Familie. Und er nicht.

Er stellte ihre Reisetasche aufs Bett. „Um sieben Uhr gibt es Abendessen.“

Ohne ihre Antwort abzuwarten, ging er hinaus. Je rascher er von Ms Jenkins wegkam, desto besser.

Langsam atmete Laurie aus. Das enge Gefühl in ihrer Brust löste sich.

Was war bloß los mit ihr? Warum hatte sie ausgerechnet die Person vor den Kopf gestoßen, die ihr etwas über ihren Großvater erzählen konnte?

Es war nicht gerade klug, es sich mit Callan McGregor zu verscherzen. Wahrscheinlich war er der Einzige, der ihre Fragen beantworten konnte.

Sie sank aufs Bett. Die Geschichte dieses Ortes faszinierte sie. Sie war mit Sicherheit äußerst spannend. Wenn sie doch nur die Zeit hätte, mehr darüber zu erfahren.

Mit den Händen strich sie über die Bettdecke. Sie musterte den Teppich, die Vorhänge und die Möbel. Sie hatten ihre besten Tage bereits hinter sich. Die Sachen waren nicht abgenutzt, nur etwas aus der Mode gekommen und brauchten liebevolle Pflege.

Wie hielt man ein Schloss in Schuss? Laurie hatte keine Ahnung.

Angus war mit siebenundneunzig gestorben. Wie oft hatte er noch alles im Schloss überprüft, Dinge ersetzt und repariert? Und wie teuer mochte das alles sein?

Unbehaglich rutschte sie auf dem Bett hin und her. Sie hatte die anderen Verwandten mit Maßbändern gesehen. Vermutlich kalkulierten sie bereits den Wert der Einrichtung und suchten nach potenziellen Käufern.

Ihr fröstelte bei diesem Gedanken.

Dieses Schloss war ihr Erbe. Wie konnten die Leute nur so denken?

Sie leerte den Inhalt ihrer Reisetasche auf dem Bett aus. Da sie nur wenige Tage blieb, war sie mit leichtem Gepäck gereist. Ein Abendkleid, Unterwäsche, ein zweites Paar Caprihosen, ein paar T-Shirts und eine Bluse. Mehr brauchte sie nicht.

Ihr Blick fiel auf einen Briefumschlag auf dem Kaminsims. Ms Mary Laurie Jenkins stand dort in verschnörkelter Schrift. Sie öffnete ihn und zog eine Karte heraus, auf der Anweisungen für das Krimiwochenende und eine Liste mit Teilnahmeregeln notiert waren.

Unter normalen Umständen würde das einen Riesenspaß machen, aber wenn so viel auf dem Spiel stand?

Dem Gewinner stand das ganze Erbe zu. Plötzlich spürte sie das Gewicht dieser Verantwortung wie eine Last auf ihren Schultern. Sie wusste nichts über Annick Castle. Sie hatte keine Verbindung zu diesem Ort. Sie wusste nicht einmal, wo sie mit der Renovierung beginnen sollte, geschweige denn wie sie mit dem Personal umzugehen hatte.

Ihre Arbeitswelt als Anwältin war eine vollkommen andere. Sie teilte sich die Verantwortung mit vielen anderen. Gott sei Dank. Sonst würde sie das nicht schaffen.

Unvermittelt verspürte sie den Drang, ihre Tasche zu packen und davonzulaufen. Sie hätte nicht herkommen sollen.

Die ganze Sache behagte ihr nicht. Erneut schaute sie auf die Einladung. Kostüme werden bereitgestellt. Was sollte das heißen? Sie fand einen weiteren kleinen Umschlag, der eine Beschreibung ihrer Rolle enthielt.

1920. Lucy Clark. Siebenundzwanzig. Erbin eines Vermögens. Ausgeprägtes Interesse an Arzneimitteln. Mit Bartholomew Grant liiert. Trifft sich heimlich mit Philippe Deveraux.

Laurie schüttelte den Kopf. Es war irgendwie traurig, dass ihre Rolle ein aufregenderes Liebesleben hatte als sie selbst im wahren Leben …

Zumindest war dies besser als die Mörderin zu spielen. Doch wer weiß, vielleicht kam das ja noch. Schließlich wusste sie nicht, was es mit dem ‚ausgeprägten Interesse an Arzneimitteln‘ auf sich hatte. Sollte sie jemanden vergiften?

Sie schaute auf die Uhr. Vor dem Abendessen blieb noch Zeit, sich frisch zu machen und sich ein wenig einzurichten.

Hoffentlich würde das nagende Gefühl in ihrem Magen verschwinden, wenn sie etwas gegessen hatte.

Oder musste sie ihren Stolz bezwingen und sich bei Callan entschuldigen?

Vielleicht.

Callan hatte sich schließlich beruhigt. Er hatte keine andere Wahl. Marion, die Haushälterin, war fast durchgedreht, als einer der Backöfen seinen Geist aufgegeben hatte und sie annehmen musste, dass das Abendessen nicht pünktlich serviert werden konnte. In fünf Minuten hatte er den Schaden jedoch beheben können.

Das Essen für die zwölf Fremden, die das ganze Schloss in Beschlag nahmen, würde pünktlich auf dem Tisch stehen.

Um ihnen aus dem Weg zu gehen, hatte Callan sich in das Labyrinth zurückgezogen, das zum Teil des Vorgartens gehörte. Der Irrgarten war sein Lieblingsplatz. Selbst mit verbundenen Augen würde er den Weg hindurch finden. Das hatte er bereits als kleiner Junge gekonnt.

Das Labyrinth, der Vor- und der Rosengarten waren in fast tadellosem Zustand. Andere Dinge rund um das Schloss waren hingegen auf der Strecke geblieben. Bert, der alte Gärtner, schaffte die Gartenpflege nicht mehr allein. Er brauchte mindestens vier Angestellte, nur um das Nötigste zu bewältigen. Vor zwanzig Jahren hatten sich sechs Gärtner um das Grundstück gekümmert, aber im Laufe der Zeit hatten sie entweder gekündigt oder waren in Ruhestand gegangen. Dass immer weniger Geld da gewesen war, hatte ebenso zur Verschlechterung der Lage beigetragen wie die Tatsache, dass Bert es nicht mochte, wenn sich andere in seine Gartenangelegenheiten einmischten.

Callan seufzte. Endlich Ruhe und Frieden. Aus seinem sicheren Hafen war plötzlich ein hektisches Hotel geworden. Es wurde lauthals diskutiert und andauernd wurden Fragen gestellt. Zuerst hatte er Zuflucht in der Bibliothek gesucht, aber selbst dort wurde er von Verwandten gestört, die sich nach wertvollen Erstausgaben erkundigten.

Wenn es nach ihm ginge, hätte er einige in ihren Zimmern eingesperrt, zumal er sie in seinem eigenen Zimmer erwischt hatte.

Plötzlich hörte er ein Lachen und klappernde Absätze auf dem Asphalt. Er lief dem Geräusch entgegen und stieß mit Laurie zusammen, die um die Ecke bog.

„Verzeihung.“ Sie war außer Atem. „Ist das hier nicht großartig?“

So ungern er es auch zugab, aber ihre Begeisterung klang echt.

„Wie lange gibt es diesen Irrgarten schon? Ich wusste gar nicht, dass so etwas existiert. Einfach verblüffend.“

Er hatte Mühe, sich auf ihre Frage zu konzentrieren. Ihr Anblick nahm ihn komplett gefangen. Sie trug ein Flapper-Kleid im Stil der 20er-Jahre. Rote Glasperlen schimmerten um ihren Hals. Die Feder auf ihrem Kopf war leicht verrutscht. Automatisch streckte er eine Hand aus, um sie gerade zu rücken. „Was haben Sie denn da an?“ Verflucht. Kaum hatte er ihr weiches Haar berührt, durchzuckte ihn ein elektrischer Schlag. Wieder einmal.

„Was ich anhabe?“, fragte sie naserümpfend. „Das habe ich wohl kaum mitgebracht. Ich habe die Kleidung aus dem Kostümzimmer. Haben Sie sich denn noch nicht mit Ihrer Rolle befasst?“ Sie streckte eine ihrer behandschuhten Hände aus und schüttelte seine. „Ich bin Lucy Clark, eine Erbin, die mit zwei Männern gleichzeitig liiert ist.“

Die Spannung zwischen ihnen bildete er sich nicht ein. Es kribbelte in seiner Handfläche. Hätte er sie unter anderen Umständen kennengelernt, würde er sich ganz anders verhalten.

Das Krimiwochenende. Das hatte er komplett verdrängt. Er hatte noch nicht einmal den Umschlag geöffnet, den er auf dem Kaminsims in seinem Zimmer vorgefunden hatte. Und wo sich das ‚Kostümzimmer‘ befand, wusste er erst recht nicht. Er wühlte in seiner Jackentasche und zog den zerknüllten Umschlag hervor.

„Kommen Sie schon, Callan. Seien Sie kein Spielverderber.“ Sie streckte eine Hand nach dem Umschlag aus, zog sie aber wieder zurück. „Besser nicht.“ Sie beugte sich vor und flüsterte. „Ich will lieber nicht herausfinden, dass Sie der heimliche Massenmörder sind.“

Er zog die Karte aus dem Umschlag. Warum hatte er sich nur bereit erklärt, da mitzumachen? Er musste verrückt geworden sein.

Doch von Frank, dem Anwalt, hatte er von Angus’ Wunsch erfahren, dass er die Gäste willkommen heißen und dafür sorgen sollte, dass die Sache nicht aus dem Ruder lief. Wenn er halbwegs bei Verstand wäre, hätte er dem nicht zugestimmt, aber die Treue zu dem alten Herrn überwog.

Außerdem würde er sonst nicht erfahren, was mit dem Schloss passieren würde. Ihm kam ein Gedanke. Auf dem Papier war es ja gut und schön, ein Schloss zu erben, aber sobald der Erbe die damit verbundenen finanziellen Verpflichtungen erfuhr, würde er schreiend davonlaufen. Vielleicht konnte er ihm ja ein Angebot machen? Er war bereit, einen angemessenen Preis zu zahlen. Vielleicht würde der Erbe ja sein Angebot akzeptieren.

Er musterte Laurie. Sie war jung. Sie war Anwältin in London. Sie wollte bestimmt kein Schloss in den Highlands am Hals haben. Vielleicht sollte er einfach mitspielen?

Mit zusammengekniffenen Augen musterte er den Namen auf der Einladung. „Ich bin anscheinend Bartholomew Grant, dreiunddreißig und Börsenmakler.“

Ein freches Grinsen breitete sich auf ihrem Gesicht aus. „Hmm … Bartholomew Grant. Was Sie nicht sagen. Sie sind einer von meinen Liebhabern. Hoffentlich können Sie diese Rolle spielen, Callan.“

Die Feder auf ihrem Kopf bewegte sich im Wind. Sie schaute ihn aus großen braunen Augen an. Automatisch fiel sein Blick auf ihre linke Hand, aber durch den Satinhandschuh konnte er keinen Ring erkennen. Eine so erfolgreiche Frau wie Laurie musste doch liiert sein.

Sie beugte sich vor und gewährte ihm damit unfreiwillig einen Blick in ihren Ausschnitt.

Er blinzelte. Was tat er da? Warum schaute er da überhaupt hin? Er musste sich um ganz andere Dinge kümmern. Es fehlte ihm gerade noch, dass er sich von einer Frau ablenken ließ, die er nie wiedersehen würde.

„Können Sie charmant sein, Callan? Oder überfordert Sie das?“, fragte sie sanft. Sie legte den Kopf zur Seite. „Wissen Sie überhaupt, wie das geht?“

Er zuckte zusammen. In einer anderen Welt konnte Laurie Jenkins einem sicher den Kopf verdrehen, aber er war nicht der Typ Mann, der auf ein neckisches Lächeln und Augenklimpern hereinfiel.

„Vielleicht suche ich mir meine Spielkameraden lieber selber aus“, schoss er zurück.

Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Wie schade. Sie sind die einzige Person hier, mit der ich mich unterhalten kann. Bei den Amerikanern bin ich nicht zu Wort gekommen, die Kanadier googeln unentwegt den Wert der Antiquitäten und die anderen beiden, die ich für meine Tante und meinen Onkel aus England halte, haben die letzte Stunde schlafend auf einer Couch im Salon verbracht.“

Er musste lachen. Sie wollte ihre Familie kennenlernen, aber irgendwie schien das nicht zu klappen. Er nahm ihre Hand, führte sie hinüber zu einer Bank am Eingang des Irrgartens und zog sie neben sich.

„Was erwarten Sie von diesem Wochenende, Laurie?“

Sie zuckte die Schultern. „Ich dachte, es sei eine Gelegenheit, meine Familie kennenzulernen. Es gibt nur noch mich und meine Mutter. Sie lebt jetzt in Portugal.“ Sie senkte den Blick. „Sie ist mit dem Tod meines Vaters nicht fertig geworden.“

Er widerstand der Versuchung, ihre Hand zu drücken.

Sie hob den Blick und schaute zum Schloss. „Ich habe keine Ahnung, was das Anwesen meinem Vater bedeutet hätte.“ In ihren Augen schimmerten Tränen. „Aber er hätte so gerne mehr über seinen Vater erfahren. Doch seine Mutter hat ihm einfach nichts erzählt. Er wäre von all dem bestimmt beeindruckt gewesen. Und der Gedanke, dass er Geschwister auf der ganzen Welt hat, hätte ihn umgeworfen.“

Unbehaglich rutschte Callan auf seinem Platz hin und her. Seine harsche Reaktion kam ihm jetzt unüberlegt vor.

Nun verstand er den Grund ihrer Fragen. Selbst ihm war es seltsam vorgekommen, dass Angus seine Kinder bisher verleugnet hatte. Wie musste das erst seinen Verwandten vorkommen? Ihre Existenz hatte er nicht anerkannt, aber in seinem letzten Willen wurden sie bedacht.

Callan war so sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen, dass er an die Gefühle der anderen gar nicht gedacht hatte.

„Ich wusste nichts von alldem. Angus hat seine Kinder nie erwähnt. Es sieht ihm überhaupt nicht ähnlich. Der Angus McLean, den ich gekannt habe, war der großzügigste Mensch der Welt.“

„Woher kennen Sie ihn? Für Freunde scheinen Sie mir etwas zu jung zu sein.“ Sie hatte die Stirn gerunzelt, als ob sie zu verstehen versuchte, wie Callan in diese ganze Sache hineinpasste.

Sorgfältig wählte er seine Worte. „Angus hat mir aus der Klemme geholfen, als ich jünger war. Und wir waren in der Tat Freunde. Er war einer der besten Freunde, die ich je hatte.“

„Wohnen Sie hier? Im Schloss?“

„Nicht ganz. Die meiste Zeit wohne ich in Edinburgh. Dort habe ich ein Haus. Aber bei Angus hatte ich immer ein Zimmer. In den letzten Jahren hat er etwas mehr Hilfe benötigt.“

Er konnte ihr an der Nasenspitze ansehen, dass sie ihn noch viel mehr fragen wollte. Stattdessen betrachtete sie den Irrgarten.

„Wissen Sie über das Anwesen Bescheid?“

Er wurde argwöhnisch. Er wollte es sich nicht anmerken lassen, aber jede Frage, die ihm die Familie in den letzten zwölf Stunden gestellt hatte, drehte sich um Geld. „Ich kenne jedes Feld, jeden Baum, jeden Zaun und jeden Bach. Seit meiner Kindheit halte ich mich in Annick Castle und Umgebung auf.“

Laurie war seine Anspannung nicht aufgefallen. Sie war in ihrer eigenen Welt gefangen. „Haben Sie es gut.“ Sie klang wehmütig, als sie sich zurücklehnte und die elegante Fassade des Schlosses betrachtete. „Als kleines Mädchen hätte ich hier gerne gelebt. Das wäre mein Traum gewesen. Ich kann mir nur ausmalen, wie es gewesen sein muss, jeden Tag in dem Irrgarten zu spielen oder diese Treppen wie eine Prinzessin rauf und runter zu laufen.“ Verschmitzt grinste sie ihn an. „Verraten Sie mir. Sind Sie je das Treppengeländer runtergerutscht?“

Sein natürliches Misstrauen kehrte zurück. Sollte er ihr wirklich davon erzählen, dass sie regelmäßig gewettet hatten, wer von ihnen schneller rutschen konnte?

Nein, das ging nur ihn etwas an. Das waren seine persönlichen Erinnerungen an seine Zeit mit Angus McLean, die er mit niemandem teilen wollte.

Diese Leute sollten auf der Stelle abreisen! Sie hatten in seinem Zuhause nichts zu suchen. Er zerknüllte den Umschlag in seiner Hand.

Sie überraschte ihn. Sie sprach nicht über Geld, sondern über Menschen und Familie. Aber vielleicht war sie einfach cleverer als die anderen?

Auf jeden Fall war sie sehr hartnäckig. „Oder hat Angus Ihnen verboten, diese Dinge zu tun?“

Ihre Worte schreckten ihn auf. Angus war nicht der Typ, der ihm etwas verbot. Callan schaute sie an und begegnete dem fragenden Blick aus diesen großen braunen Augen. „Nur wenn er mich erwischt hat“, antwortete er ruhig. Dann stand er auf. „Wir sollten langsam gehen. Schließlich müssen Sie einen Mord aufklären.“

„Ach, das.“ Sie erhob sich ebenfalls. „Das hätte ich fast vergessen.“

Wie konnte sie das vergessen? Das war der Schlüssel zum Schloss.

Er begleitete sie zum Salon. „Bringen wir es hinter uns.“

Sie seufzte und drehte sich zu ihm um. Während sie eine Hand auf seine Brust legte, fragte sie: „Callan, zeigen Sie mir morgen das Anwesen? Ich habe nur das Wochenende und ich würde gern so viel wie möglich sehen.“

Sein erster Impuls war abzulehnen. Er wollte niemanden in seinem Zuhause herumführen. Aber Laurie war anders als der Rest. Sie interessierte sich für die Geschichte des Schlosses.

Ihre Hand lag immer noch auf seiner Brust, und ihre Berührung brannte fast ein Loch durch sein dünnes Hemd.

Sie biss sich auf die Unterlippe. „Könnte ich vielleicht auch ein paar Fotos von Angus sehen? Ich frage mich, ob mein Vater ihm überhaupt ähnlich gesehen hat … oder ob ich es tue.“

Er hatte eine Gänsehaut. Und das lag nicht an der kühlen Abendbrise.

Laurie war die Erste, die nach Bildern von Angus fragte.

Er nickte. „Ich weiß, wo einige der Familienbilder aufbewahrt werden. Ich suche sie raus und zeige sie Ihnen morgen.“

„Danke, Callan. Das ist nett. Und die Tour?“

Unverwandt schaute sie ihn an. Sie ließ nicht locker.

Er wollte Nein sagen. Aber wie?

Fast hörte er Angus’ Stimme in seinem Ohr. Führ sie herum, gib ihnen die Gelegenheit, sich in diesen Ort zu verlieben, wie wir es getan haben.

„In Ordnung. Wir treffen uns nach dem Frühstück.“

„Danke.“

Er wies auf den Speisesaal. „Wir beeilen uns besser. Ich brauche ein paar Minuten zum Umziehen.“ Er eilte davon.

Abendessen mit zwölf möglichen Erben von Annick Castle.

Es gab nichts, wozu er weniger Lust hatte.

3. KAPITEL

Als Laurie den Speisesaal betrat, hatten die meisten Gäste ihre Plätze bereits eingenommen. Es gab eine Sitzordnung. Seufzend setzte sie sich auf den ihr zugewiesenen Stuhl. Man hatte sie zwischen die beiden Männer platziert, mit denen sie liiert war. Callan würde also neben ihr sitzen.

Ein ungefähr zwanzig Jahre älterer Mann nahm rechts neben ihr Platz. Er spielte Philippe Deveraux. Sie unterdrückte ein Lächeln. Im wirklichen Leben entsprach er nicht ganz ihrem Geschmack, aber sie reichte ihm höflich die Hand. „Ich bin erfreut, Sie kennenzulernen.“ Mit dem Kopf wies sie auf ihr Namenskärtchen. „Ich bin Lucy Clark, aber in Wirklichkeit Laurie aus London. Mein Vater war eines von Angus McLeans Kindern.“

Ihr Begleiter lächelte. „Dann sind Sie meine Nichte. Ich bin Craig Fulton. Ich bin das jüngste von Angus McLeans Kindern.“ Verschwörerisch beugte er sich vor. „Und es ist mir unangenehm, mit meiner Nichte auszugehen.“

Laurie fühlte sich erleichtert. Gott sei Dank.

„Was machen Sie in London, Laurie?“

„Ich bin Anwältin.“

Erstaunt zog er die Augenbrauen hoch. „Das ist in dieser Situation sicherlich ganz nützlich. Ist dieser Mumpitz hier legal?“

„Das schottische und englische Recht unterscheiden sich. Ich tappe genauso im Dunkeln wie Sie.“

Der Stuhl neben ihr wurde zurückgezogen und Callan setzte sich. Er trug eine Jagdjacke wie es seine Rolle vorschrieb.

Doch Craig ließ nicht locker. „Aber Sie müssen doch irgendetwas wissen?“

„Nein. Dies ist nicht mein Fachgebiet. Ich befasse mich hauptsächlich mit Arbeitsrecht.“

Craig schlug die Hände über dem Kopf zusammen. „Damit verdient man doch nichts.“

Jetzt hatte er sie wirklich verärgert, doch sie ließ sich nichts anmerken. Süffisant lächelte sie ihn an. „Warum fragen Sie nicht meinen letzten Klienten? Ich habe vor Gericht eine halbe Millionen Pfund für ihn erkämpft.“

Craig verschluckte sich an seinem Wein. Sein Tischnachbar klopfte ihm beruhigend auf den Rücken.

Callan grinste anerkennend. „Touché.“

Sie lächelte. „Ich bin nicht von gestern und hasse solche Unterstellungen.“

Callan hob sein Glas. „Das merke ich mir.“

Kurze Zeit später servierten eine erschöpft wirkende Marion und ein verschüchtertes Mädchen das Essen. Alles schmeckte köstlich, angefangen von der Hühnerleberpastete bis zur gefüllten Hähnchenbrust. Dazu floss der Wein in Strömen.

Nach der langen Reise spürte Laurie die Wirkung des Weines sofort und trank nicht mehr als zwei Gläser.

Die Türen zum Garten standen weit offen. Laurie genoss die kühle Meeresluft, die hereinwehte. Das erste Mal seit langer Zeit hatte sie keine Kopfschmerzen. Sie versuchte sich zu erinnern, wann sie verschwunden waren. Bereits auf der Zugfahrt? Die gute Seeluft und das Hochland hielten, was sie versprachen.

Es spielte keine Rolle, dass im Raum eine spannungsgeladene Stimmung herrschte. Es war Laurie egal, dass sie sich inmitten ihrer Verwandten, von denen sie einige nicht einmal mochte, verloren fühlte. Selbst der reizbare Callan störte sie nicht.

Am liebsten wäre sie in ihr Zimmer verschwunden, hätte das Fenster weit geöffnet und wäre unter die Decke ihres bequemen Doppelbettes geschlüpft.

Der Grund für ihre Reise war ihr in diesem Moment fast gleichgültig.

...

Autor

Joss Wood

Joss liebt Bücher, Kaffee und das Reisen – vor allem in die wilden Gegenden des südlichen Afrikas und, nun ja, eigentlich überallhin. Sie ist Ehefrau und Mutter von zwei jungen Erwachsenen. Außerdem kümmert sie sich um zwei Katzen und einen Hund, der so groß ist wie eine kleine Kuh. Nach...

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Marion Lennox
Marion wuchs in einer ländlichen Gemeinde in einer Gegend Australiens auf, wo es das ganze Jahr über keine Dürre gibt. Da es auf der abgelegenen Farm kaum Abwechslung gab, war es kein Wunder, dass sie sich die Zeit mit lesen und schreiben vertrieb. Statt ihren Wunschberuf Liebesromanautorin zu ergreifen, entschied...
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