Baccara Weekend Band 62

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EINE WIRD GEWINNEN von BARBARA BOSWELL

Ausgerechnet bei einer Reality-Show auf einer idyllischen Trauminsel trifft Shannen ihre Jugendliebe wieder. Als Kameramann hat Ty sie ständig im Visier. Doch private Kontakte sind strikt verboten. Zu dumm – denn viel lieber als den ersten Preis würde sie Tys Herz gewinnen …

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  • Erscheinungstag 13.06.2026
  • Bandnummer 62
  • ISBN / Artikelnummer 9783751538084
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Barbara Boswell, Robyn Grady, Kate Carlisle

BACCARA WEEKEND BAND 62

Barbara Boswell

1. KAPITEL

„Bereit für einen weiteren Drehtag im Paradies?“ Ty Hale, Chefkameramann bei der Reality-TV-Show „Victorious“, gab der versammelten Crew kurz die täglichen Anweisungen, bevor sie sich auf den Weg zum Camp der Teilnehmer machten, das auf der anderen Seite der Insel lag.

„Paradies? Nun komm schon, Ty, du musst es nicht schönreden. Wir wissen alle, dass wir die reinste Hölle filmen“, scherzte Reggie Ellis, einer der jüngeren Kameraleute.

Die anderen lachten. Und auch Ty grinste, obwohl er annahm, dass er eine derartige Respektlosigkeit gegenüber der Show und den Teilnehmern nicht auch noch ermutigen sollte.

Tys Job bestand darin, den Teilnehmern der Show auf Schritt und Tritt mit der Kamera zu folgen. Dabei spielte es keine große Rolle, ob sich die Akteure besonders interessant oder dumm benahmen.

Kein Wunder, dass ich nicht vorhabe, in diesen Sender zu investieren, dachte Ty. Mal ganz abgesehen davon, dass ihm die richtige Einstellung dazu fehlte, hatte seine Familie solche Beteiligungen schon probiert und damit spektakulär Schiffbruch erlitten.

Der Abstieg seiner Familie hatte in der Öffentlichkeit für eine solche Sensation gesorgt, dass kein Tag verging, an dem Ty Hale nicht seine gegenwärtige Anonymität genoss. Auch jetzt, während er und die Crew die Ausrüstung auf das Boot verfrachteten, das sie zum Camp der Teilnehmer bringen würde, war er dankbar, dass Ty Hale hier nur als der Chefkameramann bekannt war, der seine Arbeit gut machte.

Möglich machte das der Name Hale. Vor sieben Jahren seinen Familiennamen zu ändern – inoffiziell, um keine Aufmerksamkeit zu erregen – war sein bislang klügster Schachzug gewesen. Wenn irgendein Journalist Wind davon bekäme, dass er in Wirklichkeit Tynan Howe, Sohn des berüchtigten ehemaligen Kongressabgeordneten Adison Howe war und zum verrufenen Howe-Clan gehörte …

Aber das würde nicht geschehen, versicherte sich Ty bestimmt schon zum tausendsten Mal. Hier waren die Teilnehmer der Show die Attraktion und zogen die Aufmerksamkeit der Fans und der Medien auf sich. Die Namen der Kameraleute und anderen Mitarbeiter interessierten niemanden. Warum auch? Für die „Victorious“-Fans war er genauso unsichtbar wie seine Kamera.

Und das würde er auch gar nicht anders haben wollen.

Die Fernsehcrew kam bei Tagesanbruch mit dem Boot auf der Inselseite an, wo die Teilnehmer von „Victorious“ in einem provisorischen Camp lebten. Es gab einen schnelleren Weg durch den Dschungel, den die Crew aber nie benutzte. Eine Vorsichtsmaßnahme, denn die Teilnehmer durften nicht erfahren, wie nahe sie dem Camp der Crew und damit den Annehmlichkeiten der Zivilisation waren. Außerdem wäre es unpraktisch, die ganze Ausrüstung durch den Dschungel zu schleppen.

Der Anblick des Camps der Kandidaten war Ty mittlerweile sehr vertraut. Wenn der Schauplatz nicht eine prachtvolle Insel im Pazifik wäre und die Teilnehmer nicht freiwillig gegeneinander antreten würden, um eine Million Dollar zu gewinnen, hätte man das Ambiente fast als erbärmlich bezeichnen können.

Aber trotz seiner distanzierten Haltung gegenüber der Show konnte Ty die diesbezügliche Besessenheit des Senders nachvollziehen. Denn nach dem Boom vor ein paar Jahren waren die Zuschauer der vielen Reality-TV-Shows schließlich überdrüssig geworden. Die Einschaltquoten waren in den Keller gerutscht, und das hatte für die Sender bedeutet, mangels Werbeaufträgen der Wirtschaft die Werbepausen nicht mehr füllen und damit keine Einnahmen erzielen zu können.

Tatsächlich wurden alle Reality-TV-Shows eingestellt, keine neuen Formate mehr entwickelt und öffentlich das Ende des Reality-TVs ausgerufen.

Doch dann entschied ein Sender, das Konzept am ohnehin abgeschriebenen Samstagabend wieder aufleben zu lassen. Ty wusste, dass die Verantwortlichen davon ausgingen, dass um diese Zeit niemand vor dem Fernseher saß, der unter neunzig war. Aber sie konnten ja nicht gut das Testbild senden. Und selbst die schlechtesten Serien mussten teuer produziert werden.

Und so wurde „Victorious“ geboren. Abgesehen von ein paar kleinen Änderungen war es die genaue Kopie einer der Reality-Shows, mit denen vor Jahren einmal alles angefangen hatte. Und da weder Gagen für teure Schauspieler noch für Drehbuchautoren anfielen, war selbst das Preisgeld von einer Million Dollar günstig.

Als Ty den Job bekam, hatte er erfahren, dass „Victorious“ dreiundsechzig Tage lang auf einer verlassenen Insel im Pazifik gedreht werden würde. Das Filmmaterial jeweils einer Woche wurde auf der Nachbarinsel zu einer Stunde TV-Show zusammengeschnitten, bevor es gesendet wurde.

„Das ist wirkliches Live-Fernsehen“, hatte der Produzent der Show, Clark Garrett, behauptet. „Oder zumindest fast.“

Die sechzehn Kandidaten waren in zwei Gruppen aufgeteilt worden. Auf ihre Art waren sie alle mehr oder weniger telegen. Im Moment standen noch die sechs Teilnehmer vor der Kamera, die es in die Endausscheidung geschafft hatten.

Ty und seine Leute warteten mit ihren Kameras darauf, dass die sechs Kandidaten aus ihrer Behausung kamen. Die Teilnehmer nannten das Schlafquartier ein Zelt. Für Ty sahen die an Bambusstöcken befestigten Moskitonetze eher wie vom Himmel gefallene zerfetzte Fallschirme aus.

Wie gewöhnlich filmte die Crew vom Frühaufsteher bis zum Langschläfer jeden Teilnehmer dabei, wie er aus dem Zelt kroch. Die Reihenfolge änderte sich nie. Die Cullen-Zwillinge, Shannen und Lauren, waren immer die Ersten, Jed stets der Letzte. Rico, Cortnee und Konrad tauchten in unterschiedlicher Folge immer nach den Zwillingen und lange vor Jed auf.

Die sechs Kandidaten waren noch im Spiel, weil sie bisher fest zusammengehalten hatten und immer geschlossen gegen andere Teilnehmer, aber nie gegen einen aus ihrer Gruppe gestimmt hatten.

Da das Camp der Crew über einen Internetanschluss und Satellitenempfang verfügte und täglich mit aktuellen Tageszeitungen beliefert wurde, wusste Ty, dass die sechs Finalisten montagmorgens in den Büros des ganzen Landes zum Gesprächsthema geworden waren. In der von der Werbewirtschaft begehrten Zielgruppe der Achtzehn- bis Vierunddreißigjährigen war es schick geworden, sich samstagabends noch „Victorious“ anzusehen, bevor man auf die Piste ging, und die Geschäftsführer des Senders freuten sich unbändig über diesen Erfolg.

Ty wusste auch, dass die Kandidaten keine Ahnung hatten, dass die Einschaltquoten so in die Höhe geschossen waren und sie ständig im Blickpunkt der Medien standen. Da sie ohne jeglichen Kontakt zur Außenwelt waren, erfuhren sie nichts von ihrem neuen Ruhm.

Er fragte sich, wie sehr die Kandidaten dadurch beeinflusst werden würden, wenn sie nach Hause zurückkehrten. Er ging jede Wette ein, dass sie sich verändern würden. Dass hatte er selbst erfahren, als täglich lang und breit über seine Familie berichtet wurde.

Die Zwillinge spritzten sich wie jeden Morgen Wasser ins Gesicht, während Ty sie filmte. Das war ihr Aufwachritual. Die kleine Quelle mit frischem Wasser hatten die Zwillinge an einem idyllischen Platz zwischen Strand und Dschungel entdeckt, als sie gleich nach ihrer Ankunft auf Entdeckungstour gingen, was sie in ihrer Gruppe zu Heldinnen gemacht hatte.

„Welcher der Kandidaten ist denn dein Favorit?“, fragte Heidi, die junge Produktionsassistentin, die neben Ty stand.

Sie stellte diese Frage mindestens jeden zweiten Tag. Ty vermutete, dass sie das weniger aus Interesse als aus Langeweile tat. Dennoch würde er die Antwort darauf weder ihr noch jemand anderem geben.

Völlig neutral antwortete er, was er immer antwortete: „Sie haben alle ihre guten und schlechten Tage.“

„Nun, meine Favoriten sind die Zwillinge“, sagte Heidi.

„Damit stehst du nicht allein.“ Ty blieb wie immer ganz unverbindlich.

„Zwillinge sind für diese Shows ein wirkliches Novum“, erklärte Heidi nicht zum ersten Mal. „Und laut ‚TV Guide Online‘ sind diese beiden sich unglaublich ähnlich. Wir haben sie seit Wochen vor der Kamera, und es kann sie immer noch niemand auseinanderhalten. Die Zuschauer natürlich auch nicht.“

„Natürlich“, wiederholte Ty sarkastisch. Dennoch stimmte es. Die sechsundzwanzig Jahre alten Cullen-Zwillinge glichen sich wie ein Ei dem anderen.

„Und sie sind so hübsch“, meinte Heidi.

Da konnte er nur zustimmend nicken.

Die Cullen-Zwillinge waren sehr hübsch. Die beiden auffallenden Brünetten mit den dichten, langen Haaren, den von langen Wimpern eingerahmten großen blauen Augen, dem klaren Teint und den zarten Gesichtszügen brauchten kein Make-up. Etwas Sonnencreme und ein paar Bürstenstriche reichten, damit sie für den Tag auf der Insel gerüstet waren und ein gutes Bild abgaben.

Dass die Zwillinge im weiteren Verlauf der Show vielleicht gegeneinander stimmen müssten, da nur eine Person die Million Dollar gewinnen konnte, hatte auch schon der Moderator, Bobby Dixon, öfter kundgetan. Der bei den Kandidaten wenig beliebte Bobby zeigte trotzdem ungerührt vor laufender Kamera stets lächelnd seine Grübchen.

Ty filmte die nächste Kandidatin, die aus der Behausung kroch. Cortnee, die sich selbst als „aufstrebenden Superstar“ beschrieb, nutzte den Auftritt bei „Victorious“, um ihre Talente als Sängerin und Tänzerin zu präsentieren. Die kurvenreiche Blondine war mit ihren zweiundzwanzig Jahren die jüngste Teilnehmerin.

Dann erschien Rico, ein charismatischer, energischer Fünfundzwanzigjähriger, der ebenfalls ein Star werden wollte und ein begabter Sänger und Tänzer war. Er und Cortnee unterhielten die anderen Kandidaten öfter einmal mit einer Einlage als Gesangsduo oder Tanzpaar.

Und den Zuschauern, denen diese Starauftritte nicht gefielen, blieb immer noch Shannens ungehaltener, ungeduldiger Blick auf die beiden. Ty fing während der spontanen Einlagen des Pärchens immer auch Shannens finstere Miene mit der Kamera ein.

Mittlerweile war ihr aufgebrachter Kommentar „Oh nein, nicht schon wieder!“ ein ebenso großes Highlight von „Victorious“, wie die Showeinlagen selbst.

Auf den Internetseiten, die es mittlerweile zu jedem Mitspieler gab, wurde Shannen als der „böse“ oder „schlecht aufgelegte Zwilling“ tituliert, während Lauren der „gute“ und „nette Zwilling“ war. Nicht, dass irgendjemand die Zwillinge rein äußerlich auseinanderhalten konnte. Aber „die Giftnudel Shannen“ unterschied sich immer dann von Lauren, wenn ihre Augen vor Wut blitzten.

Als Nächster kam Konrad, mit Anfang dreißig der Älteste der Gruppe. Der ehemalige Kriminelle, der seine Strafe verbüßt hatte, war mit rasiertem Schädel auf der Insel angekommen. Sein Rücken, seine Brust und seine Arme waren mit Tattoos von gefährlichen wilden Tieren versehen. Wenn Konrad etwas sagte, dann klang es stets wie ein grimmiges Knurren, und er lächelte nie.

Schließlich erschien der gut aussehende, muskulöse Jed, der laut seinem Lebenslauf auch schon als Abenteurer sein Geld verdient hatte, was er bei jeder körperlichen Herausforderung unter Beweis stellte. Der Achtundzwanzigjährige lief vorwiegend spärlich bekleidet umher und zeigte seinen durchtrainierten Körper.

Sowohl die Fans der Show als auch die Crew waren sich darin einig, dass zwischen diesen Teilnehmern irgendwie die Chemie stimmte. Und die Zuschauer spekulierten eifrig darüber, was zwischen den Kandidaten vor sich ging, wenn die Kameras ausgeschaltet waren.

Hatten die Zwillinge und/oder Cortnee mit Rico und/oder Jed geschlafen? Waren Rico und Jed zusammen im Bett gewesen? Alle gingen einmütig davon aus, dass sich niemand mit Konrad eingelassen hatte.

Die Crew stellte ihre eigenen Spekulationen an, an denen sich Ty manchmal beiläufig beteiligte. Er musste seinen Namen geheim halten und wollte auf keinen Fall riskieren, dass sein anderes, für die Crew noch bedeutungsvolleres Geheimnis entdeckt werden würde. Dennoch gab es gerade auf der Insel eine Person, die seine beiden Geheimnisse kannte.

Ein einziges Wort vor laufender Kamera würde genügen, und der furchtbare Medienzirkus um die Howes würde wieder von vorn beginnen. Und ein Wort über seine frühere Beziehung mit Shannen Cullen würde dafür sorgen, dass man ihn feuern würde.

Aber Shannen verriet ihn nicht. Und Ty begann zu glauben, dass sie sich wahrscheinlich nach all der Zeit nicht an ihn erinnerte. Das war ein harter Schlag für ihn. Besonders da er sich schon vor Jahren eingestanden hatte, dass er sie nie vergessen würde. Sie jetzt nach der langen Trennung wiederzusehen, bestätigte lediglich, wie tief sie sich ihm eingeprägt hatte.

Es war eine Ironie des Schicksals, dass sie ihn vergessen hatte. Ein Howe verdient es wohl nicht besser, dachte Ty sarkastisch. Also bezog er es nicht auf sich, wenn Shannen ihn verärgert anfunkelte oder die Augenbrauen hochzog, während er sie filmte. Shannen sah jeden, der mit einer Kamera herumlief, ungehalten an. Er würde sich nicht vormachen, dass sie gerade ihn meinen könnte.

Aber er konnte den Blick nicht von ihr wenden oder sie auch nur längere Zeit nicht filmen. Zum Glück war sie ihrer Zwillingsschwester so ähnlich, dass niemand merkte, dass eigentlich fast immer Shannen im Bild war.

Ty konnte Shannen und Lauren mühelos unterscheiden, auch wenn er niemandem hätte erklären können, wieso. Er wusste auf den ersten Blick, wer „sein“ Zwilling war, gleichgültig, ob die beiden als Pärchen oder allein auftauchten.

Trotz des Entschlusses, mich von meiner Familie zu unterscheiden, scheine ich genauso verrückt und gestört zu sein wie die anderen Howes, dachte Ty spöttisch. Er war von der einzigen Person fasziniert, die sein mühevoll geschaffenes, normales Leben ruinieren könnte.

Aber die starke Faszination, die er für Shannen empfand, war nicht neu. Und da sie jetzt tatsächlich eine Frau war und nicht mehr ein junges Mädchen, war ihre Anziehungskraft noch stärker geworden.

Er hatte sie damals gewollt, doch jetzt wollte er sie noch mehr.

Und er konnte sie nicht haben. Damals nicht und heute nicht.

Als Chefkameramann genoss Ty das Privileg, im Camp ein eigenes Zelt zu haben, was entschieden bequemer war, als sich eine der Unterkünfte mit anderen Kameraleuten teilen zu müssen.

Auf Clarks Anweisung hin hatte die Crew heute Abend bereits um acht Uhr mit dem Drehen aufgehört. Als Ty dann vom Abendessen in sein Zelt zurückkam, war es fast dunkel.

Während der ersten Tage auf der Insel hatte er noch begeistert die atemberaubend schönen Sonnenuntergänge gefilmt. Jetzt hatte er kaum einen Blick mehr dafür, als er Reggie und den anderen eine Gute Nacht wünschte. Die Einladung zum Kartenspiel schlug er ebenso aus wie alle anderen Freizeitangebote. Er wollte früh ins Bett, weil er letzte Nacht schlecht geschlafen hatte.

Wie schon in vielen Nächten zuvor war er über seine mehr als lebhaften Träume aufgewacht, die sich stets um Shannen drehten. Er empfand es als ziemlich demütigend, mit seinen vierunddreißig Jahren von seinem Körper verraten zu werden, als wäre er siebzehn.

Shannen Stunde um Stunde zu filmen, jede Bewegung von ihr zu verfolgen, ohne sich ihr nähern zu dürfen, das hinterließ seine Spuren. Er war völlig aus dem Gleichgewicht.

Beim Betreten seines Zeltes fiel ihm sofort die Notiz auf seinem Kopfkissen auf. Verwirrt griff er nach dem Zettel mit dem Senderlogo.

Niemand hier hinterließ anderen Mitarbeitern privat irgendwelche Nachrichten. Es musste sich wohl um einen Scherz handeln, den sich die Produktionsassistenten ausgedacht hatten. Sie hatten sich auch gegenseitig schon Streiche gespielt und schienen nun die alten Hasen ins Visier zu nehmen.

Sein Erstaunen wuchs, als er die unverkennbar weibliche Handschrift bemerkte. Dann las er die Notiz.

Nein, das musste ein Witz sein!

Er erinnerte sich, dass er heute mit Heidi kurz über die Cullen-Zwillinge geredet hatte. Offenbar war sie dadurch auf dumme Gedanken gekommen. Wie sonst sollte er sich diese Nachricht erklären, die mit „Shannen“ unterschrieben war und ihn noch heute Abend an einen ganz besonderen Ort bestellte?

Ty konnte gar nicht darüber lachen. Für ihn war das nicht lustig, sondern erschreckend. Hatte er sich verraten? Er hatte geglaubt, Shannen gegenüber völlig unbeteiligt zu bleiben, während er sie filmte. Hatte ihn trotzdem jemand durchschaut?

Natürlich würde er nicht zu dem Treffpunkt gehen, sondern so tun, als wäre nichts passiert. Das war die beste Art, auf einen solchen Scherz zu reagieren.

Aber wenn nun die Nachricht tatsächlich von Shannen stammte?

Er versuchte eine logische Erklärung zu finden. Wie könnte Shannen an das Papier mit dem Senderlogo gekommen sein?

Paradoxerweise fiel ihm eine Antwort ein. Wenn sie es geschafft hatte, sein Zelt ausfindig zu machen, dann dürfte sie auch keine Schwierigkeiten gehabt haben, auf dem Weg durch das Camp der Crew Briefpapier des Senders in die Hand zu bekommen.

Sollte er nachher zu dem Stelldichein gehen?

Natürlich nicht!

Die nächsten beiden Stunden verbrachte Ty damit, das Für und Wider abzuwägen, und entschied schließlich, dass er hingehen würde. Und falls dort einer der Produktionsassistenten auftauchen würde, würde er herzlich lachen und dann seinerseits den- oder diejenige beschuldigen, glühend für Jed, Rico oder Cortnee zu schwärmen und dem Betreffenden jede Nacht fingierte Briefchen von seinem Schwarm aufs Kopfkissen legen. Anschließend würde er Reggie und die anderen Kameraleute in den Spaß einweihen.

Dafür, dass die Produktionsassistenten sein Faible für Shannen – okay, vielleicht grenzte es schon an Obsession – bemerkt hatten, würde er ihnen das Leben zur Hölle machen.

„Du bist also tatsächlich gekommen“, sagte Shannen. Es klang weniger nach einer Feststellung als nach einer Anklage. Das helle Licht des Vollmonds setzte ihr Gesicht wirkungsvoll in Szene. Die exotischen Düfte der tropischen Pflanzen erfüllten die immer noch warme Luft, und man hörte die Schreie der Nachtvögel.

Ty konnte die Augen nicht von Shannen lassen und wunderte sich, dass er immer noch am Leben war, wenn sein Herz so raste.

Aber Shannen trug eine ebenso kühle und unbewegte Miene zur Schau, wie sie es schon die ganze Zeit vor der Kamera getan hatte. Ihr war nicht anzumerken, ob sie aufgewühlt war. Und so gab sich Ty ebenfalls den Anschein von Ungerührtheit.

Er zuckte mit den Schultern. „Ich muss zugeben, dass ich von der Notiz mit deiner Bitte, hierherzukommen, sehr überrascht gewesen bin“, erwiderte er in beiläufigem Ton. „Ich bin neugierig. Wie hast du es geschafft?“

„Ich habe es geschafft, okay?“ Sie blitzte ihn mit ihren blauen Augen an.

„Okay.“ Er wartete darauf, dass sie ihm verriet, warum sie ihn zu diesem Treffen aufgefordert hatte. Denn obwohl er es taktvoll als „Bitte“ umschrieben hatte, war es tatsächlich eine Aufforderung gewesen, was sie beide wussten.

Und nun waren sie beide hier.

Shannen sagte kein Wort mehr.

Ty vermutete, dass sie darauf wartete, dass er das Gespräch beginnen würde. Und gleichgültig, wie lange die Stille anhalten würde, sie war anscheinend nicht gewillt, das Schweigen zu brechen.

Er seufzte. „Du verfolgst eine Strategie, nicht wahr? Kannst du für ein paar Minuten mit diesem Spielchen aufhören und …“

„Entweder man spielt selbst, oder es wird mit einem gespielt. So funktioniert das doch, oder?“, erklärte sie spöttisch. „Nun, da du in mir eine Superstrategin siehst, kennst du wohl auch meine angebliche Strategie?“

„Komm ein bisschen runter von deinem hohen Ross. Ich habe nicht gesagt, dass ich dich für eine Superstrategin halte. Bestimmt nicht.“ Sie bedachte ihn mit einem ebenso wütenden wie verächtlichen Blick, der furchtsamere Männer als ihn in die Flucht geschlagen hätte. Aber Ty war nie besonders ängstlich gewesen, also blieb er völlig ruhig. Es freute ihn, dass er ihr diesen kleinen Seitenhieb versetzt hatte. „Der Trick ist etwas für Anfänger bei Psychospielchen. Du glaubst, dass du im Vorteil bist, wenn ich fragen muss, warum du mich zu diesem Treffen aufgefordert hast, Süße.“ Er hatte absichtlich das Wort „aufgefordert“ verwendet, weil es genau die richtige Bezeichnung war für das, was sie getan hatte. Und er hatte es deutlich betont. Er war sicher, dass es sie ärgern würde.

„Nenn mich nicht Süße! Und es war eine höfliche Bitte, keine Aufforderung“, entgegnete sie.

„Du gibst kein bisschen nach, hm?“ Er lachte und fühlte sich plötzlich seltsam unbeschwert. „Wie in alten Zeiten.“

„Versuchst du, ironisch zu sein? Wenn ja, funktioniert es nicht. Vergiss einfach, dass ich diese dumme Notiz geschrieben habe und …“

„Angenommen, ich unterwerfe mich stattdessen freiwillig deiner Superstrategie? Warum hast du mich höflich darum gebeten, dich hier zu treffen?“

Shannen holte tief Luft. „Ich will, dass du aufhörst, mir ständig zu folgen.“

Ty war perplex. „Du machst Witze“, murmelte er, obwohl ihr Tonfall nicht darauf hindeutete. „Oder versuchst du vielleicht, ironisch zu sein? Du kennst doch die Gegebenheiten …“

„Du weißt genau, was ich meine“, schnitt sie ihm das Wort ab.

„Ganz sicher nicht. Und vergiss bitte nicht, dass du es warst, die mich heute Abend sehen wollte. Es wird interessant sein, zu hören, wie du mir erklärst, warum ich dir nicht folgen soll, wenn du selbst mich zu diesem Treffen aufforderst.“

Shannen funkelte ihn zornig an.

Ty grinste und konnte der Versuchung nicht widerstehen, sie noch wütender zu machen. „Sicher müsstest du mich mit einem Punkt dafür belohnen, wenn ich erwidere, dass ich meine Arbeit zu erledigen habe und du deine Rolle als Kandidatin zu spielen hast?“

„Das geht weit über jeden Job oder jede Rolle hinaus, und das weißt du. Ich habe bemerkt, wie du mich ansiehst. Du starrst mich die ganze Zeit an und filmst mich fast immer. Versuch erst gar nicht, es zu leugnen.“

„Ah, zusätzlich zu deinen vielen anderen reizenden Eigenschaften bist du auch noch paranoid … mein kleines Mädchen“, fügte er spitz hinzu.

Sie sprang sofort darauf an. „Ich bin nicht dein kleines Mädchen, du … du …“

„Herablassender, selbstgerechter Schuft?“, schlug er vor. „Oh ja, daran erinnere ich mich, Shannen. Ich erinnere mich an alles. Aber ich war nicht sicher, dass du das tust. Zumindest bis ich heute Abend deine Nachricht erhalten habe.“

„Du dachtest, dass ich mich nicht an dich erinnere?“ Einen Moment lang wirkte Shannen wirklich überrascht, aber dann wurde sie schnell wieder feindselig. „Nun, das habe ich – und ganz offensichtlich passt die Beschreibung immer noch auf dich. Du bist immer noch herablassend, immer noch selbstgerecht und immer noch ein Schuft!“

„Wie willst du das wissen? Das ist das erste Mal, dass wir miteinander reden, seit …“

„Jemand wie du ändert sich nie. Ich weiß, ich kann …“

Sie hielt abrupt inne, als er näher kam.

„Du kannst was?“ Er stand jetzt direkt vor ihr und überragte sie.

Er nahm ihren mit Salzwasser und Sonnencreme vermischten, verführerischen Duft wahr. „Du kannst was?“, fragte er heiser.

Sie schluckte. „Ich … ich habe es vergessen.“

„Wir wäre es dann damit? Du kannst beweisen, dass du kein kleines Mädchen mehr bist?“

Ty neigte ganz langsam den Kopf, machte aber keinen Versuch, sie mit den Händen festzuhalten oder ihr den Weg zu versperren.

Shannen hätte ganz leicht einen Schritt zur Seite machen, ihn wegschieben können oder ihn auch einfach auffordern können, Abstand zu halten. Aber stattdessen hob sie ganz langsam die Arme und legte sie ihm um den Nacken. Dann sahen sie sich lange in die Augen. Er beobachtete, dass ihre Lider leicht flatterten, als er mit seinem Mund ihre Lippen berührte.

Was als leichte, zaghafte Liebkosung begann, entwickelte sich schnell zu etwas ganz anderem. Der folgende Kuss war heiß und leidenschaftlich. Ty murmelte ein paar unverständliche Worte, als sie die Lippen teilte.

Shannen überließ sich ganz seinem Kuss, den er vertiefte. Er spürte ihre Hingabe, schob sein Knie zwischen ihre Oberschenkel und presste sie an sich. Begierig strich er über ihren Körper, als wolle er sich jede Kurve einprägen.

Je länger der Kuss dauerte, desto leidenschaftlicher wurde er, und Ty spürte sein wachsendes Verlangen. Er sank mit Shannen auf den Boden und legte sie auf sich. Geschickt öffnete er mit einer Hand den Verschluss ihres im Nacken von einem Träger gehaltenen Tops und entblößte ihre Brüste. Als er eine der weichen Rundungen mit der Hand umfasste, stöhnte er vor Lust.

Doch innerhalb eines Sekundenbruchteils lag er plötzlich allein im Sand. Shannen hatte sich blitzschnell von ihm gelöst und war aufgesprungen.

„Nein!“, rief sie und nestelte am Verschluss ihres Tops herum, den er so mühelos geöffnet hatte. Da sie sich aber weit weniger geschickt anstellte, hielt sie schließlich den Träger einfach mit der Hand fest.

Ty war ebenfalls aufgestanden. „Lass mich dir damit helfen.“

Sie wich vor ihm zurück, als ob er gefährlich wäre. „Geh weg! Ich habe dir gesagt, dass du dich von mir fernhalten sollst.“

„Ja, das hast du.“ Er lächelte sarkastisch. „Aber deine Botschaft war – hm, wie kann ich es taktvoll ausdrücken? – nicht ganz eindeutig.“

Sie wurde knallrot vor Verlegenheit. „Du bist eine Ratte!“

„Ich bin schon übler beschimpft worden.“ Er fuhr sich durch die dunklen Haare. „Noch etwas?“

„Ich weiß nicht, was du hier machst oder wer du vorgibst zu sein und warum. Aber ich traue dir nicht!“

„Danke.“ Er lachte leise. „Lass mich das Kompliment zurückgeben. Ich traue dir auch nicht.“

Shannen drehte sich um und marschierte in die entgegengesetzte Richtung. Mit der einen Hand hielt sie den Träger ihres Tops fest, mit der anderen schob sie Kletterpflanzen zur Seite, die ihr den Weg versperrten.

Ty sah ihr nach, bis sie aus seinem Blickfeld verschwunden war.

2. KAPITEL

„Glaubst du, dass wir heute Baumpost bekommen haben? Oder dass der schmierige Bobby heute kommt, um uns neue Anweisungen zu geben?“, fragte Cortnee während ihrer Aerobic-Übungen, die sie täglich am Strand vorführte. Heute trug sie dabei ihren winzigsten Bikini, ein Exemplar in leuchtendem Pink.

Konrad, Rico und Jed lungerten am Strand herum und sahen Cortnee zu. Die Zwillinge waren ebenfalls in der Nähe. Lauren flocht sich einen Zopf, Shannen befestigte Bänder an drei Bambusstäben, die als Angelruten dienen sollten.

„Ich habe vorhin im Baum nach Post gesehen, aber es war keine da“, berichtete Shannen. „Warum geht nicht einer von euch Jungs jetzt noch einmal nachschauen?“

„Später“, sagte Jed.

„Und wir haben fast keine Köder mehr“, fuhr Shannen fort. „Jemand sollte den Strand nach ein paar Muscheln absuchen. Das ist der beste Köder, den es auf der Insel gibt.“

„Später“, murmelte Rico.

„Ich dachte ja nur, dass noch jemand hier etwas von den täglichen Erledigungen übernehmen will. Nur so zur Abwechslung“, meinte Shannen.

„Erinnert ihr euch, wie diese Idioten von der anderen Gruppe rohe Muscheln gegessen haben, statt sie als Köder zu verwenden?“ Konrad grinste hämisch. „Mann, ging es denen schlecht! Als sie zum Tauziehen antreten mussten, fielen sie auf die Schnauze.“

„Unsere Gruppe hat bisher jeden Wettkampf gewonnen und die anderen gezwungen, sich gegenseitig abzuwählen, bis keiner von ihnen mehr auf der Insel war.“ Jed ließ träge den Sand durch seine Finger rieseln.

„Wir konnten uns so lange einmütig behaupten, weil wir alle Wettkämpfe gewonnen haben. Und das ist hauptsächlich dir zu verdanken, Jed“, bemerkte Lauren voller Bewunderung.

Jed nickte. „Das stimmt.“

„Du hast vergessen hinzuzufügen, dass du das allein nicht geschafft hättest“, korrigierte Shannen. „Hast du vergessen, dass wir ein Team sind?“

„Jed hat keinen Teamgeist. Er will den Ruhm mit niemand teilen!“, rief Cortnee. „Er glaubt wirklich, dass er alles besser kann als die anderen.“

Jed wollte etwas erwidern, aber Rico kam ihm zuvor. Er seufzte so schwer, dass er die Aufmerksamkeit der Kameraleute auf sich zog. „Ich vermisse die andere Gruppe nicht, aber ich muss sagen, dass ich Keri und Lucy aus unserem Team vermisse.“ Wieder seufzte er. „Ich fühle mich wirklich mit ihnen verbunden. Sie gehörten wahrscheinlich zu den besten Freunden, die ich je hatte.“

„Du hast, ohne mit der Wimper zu zucken, gegen sie gestimmt“, erklärte Shannen kühl.

„Das ist nicht wahr“, protestierte Rico. „Es hat vielleicht so ausgesehen, weil ich meinen Schmerz so gut verborgen habe. Aber ich habe mir selbst große Vorwürfe gemacht, weil ich mit euch diese unheilvolle Allianz eingegangen bin. Ihr habt dafür gesorgt, dass ich mich gegen meine Freunde wende!“

Mit leidender Miene starrte Rico in die Kamera und schmollte, als der Kameramann plötzlich einen Schwenk auf Shannen machte, die sich vollkommen darauf konzentrierte, Köder an den Angeln zu befestigen.

„Schwenk zum bösen Zwilling. Schön, Ty“, flüsterte Reggie Ellis, der Kameraassistent, Ty zu, der Shannen filmte. „Das macht sich gut. Sie wirkt völlig ungerührt von Ricos Seelenqual. Als ob sie sich erinnerte, dass Rico der Erste gewesen war, der vorgeschlagen hatte, ‚die Intriganten Keri und Lucy aus dem Spiel zu wählen, weil sie sich gegen uns verbündet haben‘. Die Zuschauer werden das ganz sicher noch im Kopf haben.“

„Rico möchte den Talentsuchern offenbar beweisen, dass er mehr kann als singen und tanzen“, bemerkte Ty trocken.

„Ja, er macht sich gut mit seiner heuchlerischen Tour“, meinte Reggie. „Er hat diese scheinheilige Art, die gut bei den Leuten ankommt. Für das Überleben im Showgeschäft ist das ein ganz wichtiger Charakterzug.“

Shannen, die jetzt alle Köder befestigt hatte, sah hoch und bemerkte, dass Ty sie filmte. Sie warf ihm einen vernichtenden Blick zu, bevor sie in die andere Richtung schaute.

„Es hat den Anschein, als ob sie liebend gern dich als Köder aufspießen würde.“ Reggie lachte schallend. „Für jemand, der sich für diese Show beworben hat, hasst sie die Kameras wirklich sehr. Ich glaube, allmählich kann ich die Zwillinge allein dadurch auseinanderhalten. Lauren schenkt den Kameras keine Beachtung, aber Shannen wirkt, als würde sie am liebsten auf sie losgehen.“

„Du hast das also auch bemerkt?“, fragte Ty.

Reggie nickte. „Und wir sind nicht die Einzigen, die sich darüber wundern. Ich war gestern Abend im Internet, wo eine Debatte im Gang ist, warum sich die Zwillinge überhaupt für diese Show beworben haben. Besonders Shannen, die ständig genervt zu sein scheint.“

„Erinnerst du dich an die Bänder mit ihren Interviews? Beide Zwillinge meinten, dass sie es aus Jux gemacht hätten“, sagte Ty. Er fügte nicht hinzu, dass er diese Aussage stark anzweifelte. Vor neun Jahren hatte sich Shannen sehr zielstrebig verhalten. Und jetzt, da er sie Tag für Tag vor der Linse hatte, hatte sich der Eindruck verstärkt, dass sie selten etwas unüberlegt tat. Aber ihr leidenschaftlicher Kuss gestern Nacht war impulsiv und ganz ohne Kalkül gewesen. Ty kämpfte gegen sein aufsteigendes Verlangen an.

„Vielleicht hat Lauren es nur aus Jux getan, aber Shannen scheint mir gar nicht der Typ dafür zu sein. Sie kann andere mit Blicken regelrecht durchbohren.“ Reggie lachte leise. „Ty, schnell, nimm Cortnee ins Visier. Sie steht mit dem Rücken zu uns und macht ihre Rumpfbeugen. Jeder Zuschauer wird das zu schätzen wissen.“

„Ich überlasse dir das Vergnügen, sie zu filmen, Reggie. Ich weiß, dass du einer ihrer größten Fans bist. Ich behalte die Zwillinge und Konrad im Auge. Es sieht so aus, als ob sie angeln gehen.“

Shannen, Lauren und Konrad, die alle eine primitive Angelrute aus Bambus in der Hand hielten, liefen forsch in die Fluten des Ozeans. Die Kamera auf der Schulter, blieb Ty ihnen dicht auf den Fersen.

„Meinst du nicht, wir sollten das Boot nehmen und weiter hinausrudern?“, fragte Lauren, als ihr das Wasser bis zu den Knien reichte. „Dort werden wir eher einen Fisch an die Angel bekommen.“

„Ja, aber dann haben wir auch den Spaß, mit den Haien um die Wette zu schwimmen, wenn der alte, undichte Kahn sinkt“, knurrte Konrad. „Erinnerst du dich, wie die beiden aus der anderen Gruppe mit dem Boot untergegangen sind? Und an die anschließende dramatische Rettung, weil sie nicht schwimmen konnten? Ich wette, Bobby und Clark Garrett hätten es lieber gesehen, wenn die beiden ertrunken wären. Und jetzt behaupten sie, das Boot wäre repariert, aber das kaufe ich ihnen nicht ab. Sie hoffen immer noch auf eine höhere Einschaltquote durch einen verhängnisvollen Unfall.“

„Dann lass uns hier unser Glück versuchen“, schlug Lauren vor und brachte ihre Angel in Position. „Oh, schaut nicht hin, aber wir werden wieder gefilmt. Ich war sicher, dass die ganze Crew wegen Cortnee am Strand bleiben würde. Macht sie nicht nach den Rumpfbeugen ihre Hampelmann-Übungen? Keiner der Männer will sich das entgehen lassen.“

„Es verliert seinen Reiz, wenn man es jeden Tag sieht.“ Konrad zuckte die Achseln. „Mir ist es jedenfalls lieber, mit euch beiden zu fischen, auch wenn ich immer noch nicht weiß, wer von euch wer ist.“

„Konrad, wie galant!“ Lauren lächelte süß.

Shannen drehte den Kopf und sah Ty weniger als einen halben Meter hinter sich stehen. Sie wirbelte die Angel zu ihm herum, sodass ihm der Muschelköder um die Ohren flog.

„Oh, tut mir leid.“ Sie kicherte.

„Dir tut lediglich leid, dass du dein Ziel verfehlt hast.“ Ty machte die Kamera aus. „Du wolltest mir den Köder ins Gesicht schleudern. Aber das ist misslungen, Shannen“, fügte er hinzu, wobei er ihren Namen betonte.

„Bist du sicher, dass ich Shannen bin?“ Sie wirkte, als wolle sie zu einem erneuten Angriff ansetzen. „Woher weißt du, dass ich nicht Lauren bin?“

„Das könnte nämlich sehr gut sein“, mischte sich jetzt Lauren ein.

„Ihr beiden reizt die Zwillingsmasche ganz schön aus“, bemerkte Konrad anerkennend. „Kein Wunder. Zwei Menschen, die genau gleich aussehen – das bringt einen ganz schön durcheinander. Wenn ich einen Zwillingsbruder hätte, der mir aufs Haar gliche, könnte mich niemand identifizieren, und ich würde nicht überführt werden.“

„Für den Fall, dass wir uns entscheiden, eine kriminelle Laufbahn einzuschlagen, werden wir uns das merken, Konrad“, sagte Shannen.

„Ich habe kein Problem damit, die Zwillinge auseinanderzuhalten“, warf Ty ein und ging auf Shannon zu. „Das ist ohne Zweifel Shannen.“ Er wusste, dass sie sich dazu zwingen würde, nicht wieder den Rückzug anzutreten, weil sie das als taktischen Fehler ansehen würde.

Er behielt recht. Sie hielt die Stellung.

„Du kennst doch die Regeln? Die Crew darf in keiner Weise mit uns in Verbindung treten.“ Shannen umklammerte die Angel und blieb trotz des starken Wellengangs fast unbewegt stehen. „Du musst unsichtbar bleiben. Also, halt den Mund und drehe, Tynan.“

„Wer soll wissen, dass ich das nicht tue? Vom Strand aus wird es so aussehen, als ob ich euch filme.“

„Woher weißt du seinen Namen, Shannen?“, fragte Lauren verblüfft. „Niemand von der Crew ist uns vorgestellt worden. Clark und Bobby sagten, wir sollten sie als Teil der Kamera betrachten und vergessen, dass sie Menschen sind.“

„Was bei den beiden nicht allzu schwer ist“, spottete Shannen.

„Du bist der Frage ausgewichen, Shannen.“ Konrad betrachtete sie neugierig. „Woher kennst du seinen Namen?“

„Vielleicht war es einfach Eingebung. Habe ich recht, Shannen?“ Tys nichtssagender Ton stand in auffälligem Kontrast zu seinem aufreizenden Lächeln.

„Tatsächlich, das hast du. Ich habe in einem Buch über Namen gelesen, dass Tynan ‚herablassender, selbstgerechter Schuft‘ bedeutet.“ Shannen sah ihn an und hielt seinem Blick stand. „Und ganz offensichtlich passt der Name.“

„Wenn Cortnee hier wäre, würde sie sofort fragen, was ihr Name bedeutet.“ Zur Verblüffung aller lachte Konrad.

„Das allererste Mal, dass Konrad gelacht hat, und du hattest die Kamera nicht an, Tynan“, schimpfte Shannen. „Du machst deinen Job nicht gut. Das sollte ich dem schmierigen Bobby stecken, wenn er das nächste Mal vorbeikommt, damit er es Clark berichten kann. Dann wirst du gefeuert.“

„Aber das wirst du nicht tun, oder?“ Ty beugte sich etwas hinunter, um sich die Reste des Muschelköders von seiner nackten Schulter zu wischen. Wie die anderen Kameraleute trug er während der langen Drehtage in der Sonne nur selten ein Hemd. Er war muskulös und braun gebrannt.

Shannen sah schnell wieder weg und starrte stattdessen auf die Wellen.

„Woher weißt du, dass meine Schwester dich nicht verraten wird?“, fragte Lauren, die erst Ty und dann Shannen ansah.

„Weil ich das gleiche Buch gelesen habe wie sie, und demnach Shannen ‚keine Petze sein‘ bedeutet.“

„Ein Biest, aber keine Petze“, fügte Konrad an.

Lauren stampfte mit dem Fuß auf. „Meine Schwester ist kein Biest! Du wirst dich sofort bei Shannen entschuldigen, Konrad.“

„Das muss er nicht. Ich bin schon mit schlimmeren Ausdrücken bedacht worden.“ Shannen sah verstohlen zu Ty. „Es macht mir nichts aus.“

„Ich bin sicher, wer auch immer dich beschimpft hat, bedauert es aufrichtig, Shannen“, sagte Ty ruhig.

„Und mir ist das ganz sicher egal“, erwiderte sie. „Das ist Schnee von gestern.“

„Ich habe einen Fisch gefangen!“, schrie Lauren plötzlich und hielt ihre zuckende Angel höher. „Ich wette, es ist ein sehr großer Fisch. Helft mir!“

Tynan filmte nun Lauren, die heftig mit ihrer Angel kämpfte. Konrad kam ihr zu Hilfe, hielt die Leine fest und zog den zappelnden Fisch aus dem Wasser.

„Halt ihn fest!“, rief Lauren.

Konrad griff mit beiden Händen nach dem großen Fisch.

„Ich denke, solange der Fisch noch lebt, mache ich die Kamera aus“, meinte Ty.

„Ist dir nicht wohl dabei, Ty?“, spottete Shannen. „Du scheinst keinerlei Skrupel gehabt zu haben, uns dabei zu filmen, wie wir bei diesem Superwettkampf vor ein paar Wochen Schlangenblut trinken mussten.“

„Die Szene mit dem Schlangenblut war auf eine grässliche Weise sexy, um eine TV-Kritik zu zitieren“, meinte Ty. „Aber niemand wird es in irgendeiner Weise sexy finden, wenn Konrad dem Fisch eins auf den Kopf gibt.“

„Das ist widerlich!“, schimpfte Shannen.

Ty fragte sich, ob sie damit ihn, das Schlangenblut oder den Fisch meinte.

„Der Fisch ist tot“, verkündete Konrad.

Ty schaltete die Kamera wieder an.

„Dieser Fisch würde eine ausreichende Mahlzeit für zwei Leute abgeben, vielleicht auch für drei, aber wenn wir ihn auf sechs Portionen verteilen, wird jeder nur ein paar Bissen bekommen“, sagte Konrad. „Also, lasst uns das nicht tun.“

„Es ist nur fair, ihn auch mit den anderen zu teilen“, beharrte Lauren.

„Wir können sie überstimmen.“ Konrad drehte sich zu Shannen. „Zwei gegen einen.“

„Mein Magen ist ganz auf deiner Seite, aber mein Gewissen sagt mir, dass Lauren recht hat.“ Shannen seufzte.

„Gewissen? Komplett idiotisch“, meckerte Konrad, als sie zum Strand zurückgingen.

Cortnee kreischte laut vor Freude über den Fisch. Abwechselnd umarmte sie Konrad und die Zwillinge.

Rico und Jed versuchten glücklich auszusehen, wirkten aber nicht besonders überzeugend.

„Ihr Lächeln ist so furchtbar aufgesetzt“, meinte Shannen leise. „Sie wollen Helden sein, aber wenn man den ganzen Tag nur am Strand liegt, fängt man nun wirklich nichts.“

„Ich habe dir gesagt, dass es blöd ist, den Fisch zu teilen“, stichelte Konrad.

Ty bemerkte, dass Reggie näher kam, um die Gruppe zu filmen, und schaltete seine Kamera aus. „Shannen“, flüsterte er.

„Rede nicht mit mir“, warnte sie ihn.

Ty schenkte ihrer Warnung keine Beachtung. „Triff dich heute Abend mit mir. Am selben Ort und zur selben Zeit wie gestern.“

„Nein!“ Shannen wirkte alarmiert. „Ich kann nicht! Ich …“, murmelte sie total verunsichert.

„Sei dort“, sagte Ty und ging dann weg.

„Shannen, was ist los?“, rief Lauren.

Shannen sah hoch und registrierte, dass Reggie sie filmte.

Lauren starrte sie verwirrt an. „Du machst keinen glücklichen Eindruck, Schwesterherz.“

„Vielleicht ist sie neidisch, weil sie den Fisch nicht gefangen hat“, mokierte sich Jed.

„Vielleicht bin ich nicht besonders glücklich, weil ich davon ausgehe, dass du dich mit Ruhm bekleckern und kochen willst“, konterte Shannen. „Und den Fisch ungenießbar machen wirst.“

„Ich bin ein verdammt guter Koch“, protestierte Jed. „Ich habe sogar ein selbst erfundenes Rezept zu dem Kochbuch ‚Living off the Land‘ beigesteuert.“

„Was war es? Wie man aus einer streunenden Katze Barbecue macht?“ Konrad kicherte.

„Es war ein Elch-Schmortopf“, warf Jed verächtlich ein. „Und …“

„Was auch immer“, mischte sich Cortnee ein. „Du kommst nicht einmal in die Nähe dieses Fischs!“

„Es sind ihm bisher lediglich ein paar Missgeschicke unterlaufen“, versuchte Lauren Frieden zu stiften.

„Du meinst Katastrophen“, korrigierte Rico.

„Ich habe nie eine schlechte Mahlzeit zubereitet“, versicherte Jed beleidigt. „Ihr seid nur ein Haufen ganz heikler Esser.“

„Jed hat schon bewiesen, dass er nicht kochen kann“, erklärte Shannen entschieden. „Ich stimme dafür, dass er den Fisch nicht zubereitet.“

„Ich auch“, sagte Rico.

„Ich auch“, warf Konrad ein.

„Ich auch“, meinte Cortnee.

„Werden hier die ersten Risse in der bislang unverbrüchlichen Allianz sichtbar?“, fragte der wie immer lächelnde Bobby Dixon, der ein paar Meter von der Gruppe entfernt am Strand stand und in die Kamera blickte.

„Die sechs Kandidaten, die seit dem ersten Tag der Show zusammengehalten haben, werden heute Abend einen aus ihrer eigenen Gruppe von der Insel schicken müssen. Welche neuen Allianzen werden sich bilden, wenn nur noch fünf und schließlich nur noch vier Kandidaten gegeneinander antreten werden? Wer hat das Zeug zum Sieger?“

Etwas später versammelten sich die sechs Teilnehmer um das Feuer und aßen den Fisch, den die Zwillinge zubereitet hatten.

„Das war wirklich großartig“, übertrieb Rico und rieb sich den Bauch. „Wenn das Essen in dem Lokal, das eurer Familie gehört, ebenso gut ist, werde ich dort hingehen, sobald wir die Insel verlassen haben.“

„Shannen und ich kochen schon, seit wir auf der Highschool waren“, sagte Lauren. „Natürlich ist das zu Hause viel einfacher als hier.“

„Ich habe immer noch Hunger“, jammerte Cortnee. „Nur ein paar Happen Fisch und einen Löffel pappigen Reis zu bekommen, das ist die reinste Hungerkur.“

„Ich habe den Reis gekocht. Er war nicht pappig, er war gut“, protestierte Jed.

Lauren stimmte ihm hastig zu.

„Oh, schaut mal, wer da kommt.“ Shannen hatte Bobby Dixon, der seine makellos gebügelte Khakihose und ein Safarihemd trug, entdeckt.

„Er sieht die ganze Zeit so frisch und sauber aus. Ich kann das kaum aushalten.“ Cortnee stöhnte. „Wie lange ist es her, dass wir unter einer heißen Dusche standen? Sich die Haare im Meer waschen zu müssen ist wirklich schlimm.“

„Wäre es nicht faszinierend, den schmierigen Bobby einmal weniger adrett zu erleben?“ Shannen grinste. „Das würde mich sogar davon ablenken, dass ich hier die ganze Zeit Hunger habe.“

„Ja, aber das wird nie passieren.“ Rico seufzte verärgert. „Solange wir auf der Insel sind, werden wir hungrig sein und Bobby wird sauber bleiben. Du weißt doch, dass seine Sachen jeden Tag im Camp der Crew gewaschen und gebügelt werden. Und irgendwie scheint der Kerl nie zu schwitzen, egal, wie heiß es ist.“

„Ich frage mich, ob der Mann überhaupt ein Mensch ist“, murmelte Shannen. „Seine Grübchen sehen aus wie eine Computeranimation.“

„Ich wette, der schmierige Bobby würde ins Schwitzen kommen, wenn wir ihn mit Fischabfällen bekleckern.“ Konrad starrte schlecht gelaunt auf die Konservenbüchse mit den Fischabfällen.

„Hallo, alle miteinander.“ Bobby lächelte in die Kamera und trat auf die Gruppe zu. „Heute gibt es keine Baumpost. Ich informiere euch persönlich über den nächsten Wettkampf.“

„Gib Acht, Bobby. Sie haben den pubertären Plan ausgeheckt, dich mit Fischabfällen zu bekleckern!“, rief Jed.

Konrad runzelte verärgert die Stirn. „Weiß jemand, wovon dieser Depp redet?“

Die anderen schüttelten den Kopf.

„Ich weiß, dass Jed eine Ratte ist.“ Cortnee rümpfte die Nase. „Und wenn er nicht jeden Wettkampf gewonnen hätte, hätte ich ihn schon von der Insel gewählt.“

„Davon kannst du ja träumen, aber das wird nie passieren.“ Jed brachte seinen durchtrainierten Körper vor der Kamera in Position. „Und denk dran, dass wir ab jetzt kein Team mehr sind.“

„Jed hat recht“, meinte Bobby. „Jeder spielt ab jetzt nur für sich. Der heutige Wettkampf ist ein Ruderbootrennen. Jeder von euch wird zum Boot der Crew und wieder zurück rudern.“ Er zeigte auf das große Boot, das fast hundert Meter weiter draußen auf der See festgemacht hatte. „Wer die schnellste Zeit hat, gewinnt und kann bei der Abstimmung heute Abend nicht von der Insel verbannt werden.“

„Habe ich schon erwähnt, dass ich in der Rudermannschaft der Schule war?“ Jed machte seine Aufwärmübungen. „Und dass ich mit dem Kajak Wildwasserfahrten auf dem Colorado River gemacht habe?“

„Kajakfahren ist etwas für Weichlinge“, spottete Shannen. „Lauren und ich haben Wildwasserfahrten mit Gummi-Entchen gemacht.“ Sie bemerkte, dass Ty und Reggie hinter den Kameras leise lachten, tat aber so, als hätte sie es nicht gesehen. Stattdessen drehte sie sich zu Cortnee und Rico um, die sich ebenfalls über ihren Scherz amüsierten. Nur Lauren lächelte nicht. „Bist du in Ordnung, Lauren?“, fragte Shannen besorgt. Lauren wirkte so mürrisch. War sie über irgendetwas verärgert?

„Sicher.“ Lauren lächelte zaghaft. „Ich bin okay.“

„He, Jed, da du so sicher bist, dass du gewinnst, hast du wohl nichts dagegen, wenn wir fünf Verlierer vor dir an den Start gehen?“ Konrad war ungewöhnlich entgegenkommend. „Das erhöht die Spannung.“

„Ich habe nichts dagegen, obwohl ich nicht für Spannung garantieren kann, weil schon jetzt klar ist, dass ich siegen werde“, meinte Jed.

„Ja?“ Von einem Moment zum anderen veränderte sich Konrads Gesichtsausdruck. Er griff unvermittelt nach der Büchse mit den Fischresten und warf sie nach Bobby.

Der Moderator war dank Jed allerdings auf der Hut und sprang zur Seite. „Das war unpassend, Konrad!“, schimpfte er. Seine Sachen waren jedoch makellos sauber geblieben. „Du kannst bestraft werden für …“

„Für einen kleinen Spaß?“, mischte sich Shannen ein. „Wo bleibt dein Sinn für Humor, Bobby?“

Die Fernsehcrew kicherte. Bobby Dixon, der sich wie eine Primadonna aufführte, wenn er nicht gefilmt wurde, hatte sich mit diesem Verhalten offenbar keine Freunde gemacht.

„Die Kleine hat die richtige Einstellung“, sagte Heidi. „Sie lässt sich von niemandem etwas gefallen.“

„Das hat sie noch nie“, murmelte Ty sarkastisch und fügte schnell hinzu: „Seit sie auf der Insel ist.“

Ty und noch zwei weitere Kameraleute blieben für die Aufnahmen am Strand, während Reggie und Paul das Geschehen vom Boot der Crew aus filmten. Bobby war mit einer riesigen Stoppuhr ebenfalls auf dem Boot, um die Zeiten zu nehmen.

Cortnee, die als Erste ins Rennen gegangen war, ließ sich hinterher einfach in den Sand fallen. „Ich bin so erschöpft, dass ich ohnmächtig werden könnte.“

Dann war Rico an der Reihe, gefolgt von Lauren und Shannen.

„Das war die Hölle“, stöhnte Shannen nach ihrer Ruderpartie und setzte sich zwischen Rico und Lauren. „Ich habe Blasen an den Händen und bin total am Ende. Ganz zu schweigen davon, dass ich hungriger bin denn je.“ Sie sah in die Kamera und Ty in die Augen. „Ich werde auf jeden Fall sofort nach der Abstimmung ins Bett gehen.“

Ganz langsam schüttelte Ty den Kopf. Lautlos formte er das Wort „heute Abend“ und registrierte ihr Erstaunen. Ganz offensichtlich hatte sie nicht erwartet, dass er so ungeniert mit ihr in Kontakt treten würde.

Aber niemand außer ihr bemerkte es, denn alle anderen konzentrierten sich auf Konrad, der gerade das Ruderboot ins Wasser schob.

„Ich sagte, dass ich heute Abend sofort ins Bett gehe“, sagte Shannen. Sie zog eine Grimasse. „Und sonst nirgendwohin.“

„Ihr Mädchen hättet euch so verhalten sollen wie Konrad“, bemerkte Jed, der Konrad beobachtete. „Auch ihr hättet euch Zeit lassen sollen. Er weiß, dass ich ohnehin gewinnen werde, also wozu sich anstrengen?“ Er stolzierte zum Ufer, um auf Konrads Rückkehr zu warten.

„Ich hasse Jed.“ Cortnee sah ihm grimmig hinterher. „Er hält sich für den Größten. Wisst ihr, dass er sowohl mit Keri als auch mit Lucy geschlafen hat? Sie haben beide versucht, ihn auf ihre Seite zu ziehen. Ich wollte euch das schon länger erzählen. Aber bis jetzt glaubte ich, die Zeit sei noch nicht reif dafür.“

„Er hat mit beiden geschlafen?“ Lauren schnappte nach Luft. „Bist du sicher?“

„Ich habe alles gehört.“ Cortnee schauderte. „Sie waren draußen neben dem Zelt auf der Seite, wo mein provisorisches Bett steht. Und ich habe einen ganz leichten Schlaf.“

„Hörst du auch, wenn einer von uns nachts nach draußen geht, um, nun …?“ Shannen war nicht so freimütig wie sonst.

„Ja, ich habe gehört, wie du oder deine Schwester gestern Nacht aufgestanden seid, um …“ Cortnee lachte. „Wir sind doch unter uns und können offen reden.“

„Ich kann nicht glauben, dass Jed Keri und Lucy so benutzt hat“, sagte Lauren. „Wenn er das getan hätte, hätte er sich statt mit uns mit ihnen verbündet. Und das hat er nicht getan. Er hielt zu uns. Du musst das falsch interpretiert haben, Cortnee.“

„Ich weiß genau, was ich gehört habe“, beharrte Cortnee. „Das kannst du mir glauben.“

„Der Mann ist ein Widerling.“ Shannen machte ein finsteres Gesicht.

„Und er hat nur deshalb nicht die Seiten gewechselt, weil wir fünf die stärkere Gruppe waren“, schaltete sich Rico ein. „Zu dumm, dass wir ihn jetzt am Hals haben. Er wird jeden Wettkampf gewinnen und damit bei jeder Abstimmung immun gegen eine Abwahl sein. Und wir werden einer nach dem anderen die Insel verlassen müssen.“

„Wir haben einen Pakt mit dem Teufel geschlossen und müssen jetzt dafür bezahlen.“ Shannen warf Ty einen Blick zu. „Grandma sagt immer, wer sich mit dem Teufel einlässt, fährt zur Hölle.“

Ty grinste breit. Shannen drehte sich weg.

Konrad, der nach seiner ausgedehnten Ruderpartie ausgesprochen fröhlich wirkte, gesellte sich jetzt zu ihnen. „Heute Abend wählen wir Jed von der Insel. Alle damit einverstanden?“

„Wenn das nur möglich wäre!“ Shannen bewegte vorsichtig ihre schmerzenden Arme. „Aber Jed wird die beste Zeit haben, und deshalb werden wir gar nicht gegen ihn stimmen können. Wir fünf werden einen von uns wegschicken müssen.“

„Dann macht mal eure Ohren weit auf.“ Konrad neigte den Kopf zur Seite. „Ich glaube, ich höre etwas.“

„Ich höre nichts.“ Lauren sah sich um. „Nicht einmal das Geschrei der Affen.“

Nur eine Sekunde später durchdrang ein gellender Schrei die Stille. Alle drehten ihre Köpfe in Richtung Ozean.

„Jetzt hat definitiv jemand geschrien“, sagte Shannen trocken und drehte sich zu Konrad. „Ist etwa ein Skorpion bei Jed an Bord?“

„Es sieht so aus, als ob Jed versucht, mit den Händen Wasser aus dem Boot zu schöpfen.“ Cortnee war verwirrt. „Warum rudert er nicht?“

„Zu dumm, dass er keinen Eimer hat“, sagte Konrad und brach dann überraschend in schallendes Gelächter aus.

„Das Boot sinkt!“, rief Rico. „Schaut nur!“

„Der arme Jed!“, schrie Lauren.

„Ja, der arme, arme Jed.“ Konrad lachte noch lauter. „Nur gut, dass unser großer Abenteurer so ein guter Schwimmer ist, nicht wahr?“

„Sehr gut“, stimmte Shannen zu. „Denn das Ruderboot ist jetzt Geschichte. Nun, Konrad hatte ja gesagt, dass der Kahn undicht ist.“

Alle hatten den Blick auf Jed gerichtet, der weit entfernt im Meer schwamm.

„Da fällt mir etwas ein“, erklärte Cortnee. „Da das Ruderboot untergegangen ist, wird nicht Jed, sondern einer von uns die schnellste Zeit haben und heute immun gegen eine Abwahl sein.“

„Ich nicht“, erwiderte Konrad. „Ich war wirklich langsam.“

„Wir haben es bemerkt“, stellte Shannen fest. „Und zwischendurch haben wir dich auch kaum entdecken können, so krumm hast du im Boot gesessen. Du hast eine interessante Art zu rudern, Konrad. Und du hast anscheinend auch eine prophetische Ader.“

„Danke, Ma’am.“ Konrad verneigte sich.

Später wurde der klatschnasse Jed dann vom Beiboot der Crew zurück an den Strand gebracht. Er stieß wutentbrannt Beschuldigungen aus, dass er sabotiert worden wäre, und forderte, mit einem neuen Boot noch einmal antreten zu dürfen.

Die Kameraleute filmten seinen Auftritt. Jed drohte damit, die Show, den Sender und jeden auf der Insel zu verklagen. Vor allem Konrad, falls der zum Schluss das Spiel gewinnen würde.

Bobby Dixon blieb unbewegt. „Sorry, Jed. Laut den Spielregeln ist es nicht erlaubt, einen Wettkampf zu wiederholen. Es gibt keinen Hinweis, dass das Boot manipuliert worden ist. Die Kameras hatten es die ganze Zeit im Bild.“

„Die Kameras waren auf das Boot, aber nicht auf Konrad gerichtet!“, ereiferte sich Jed. „Er hat irgendetwas mit dem Boot angestellt. Er hat betrogen!“

„Es ist offenbar schwierig für dich, nicht der Gewinner zu sein, Jed. Aber das musst du wie jeder ...

Autor

Barbara Boswell

Barbara Boswell war als Krankenschwester tätig, bis sie sich ganz der Kindererziehung widmete. Sie begann 1983 zu schreiben und veröffentlichte 22 Romane.

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