Bianca Extra Band 160

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SINNLICHE NÄCHTE – KLEINES GEHEIMNIS von CATHERINE MANN

Gabbys Geheimnis ist in Gefahr! Sie ist mit ihrer kleinen Tochter Bella beruflich nach Bronco gezogen, wo Rancher Ryan Taylor lebt – der nicht weiß, dass er Bellas Daddy ist. Gabby muss ihm die süßen Folge einer Liebesnacht vor zwei Jahren gestehen, bevor es zu spät ist …

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  • Erscheinungstag 04.04.2026
  • Bandnummer 160
  • ISBN / Artikelnummer 9783751538336
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Catherine Mann, Sasha Summers, Christine Rimmer, Jules Bennett

BIANCA EXTRA BAND 160

Catherine Mann

1. KAPITEL

„Hast du schon mit Bellas Vater Kontakt aufgenommen?“

Gabrielle Hammond verschluckte sich fast an ihrem Burger, als ihre Freundin Rylee ihr diese unerwartete Frage stellte. Sie griff nach ihrem Wasserglas und hoffte inständig, dass keiner der anderen Gäste im Gemstone Diner sie gehört hatte. Zum Glück war es ziemlich voll und laut.

Nach zwei hastigen Schlucken legte Gabby einen Finger auf die Lippen. Ihre zweijährige Tochter noch zu klein und zu sehr mit ihren Pommes beschäftigt, um dem Gespräch zu folgen.

„Noch nicht. Und ich möchte auch noch ein bisschen damit warten, bis wir uns etwas mehr eingelebt haben. Der Umzug allein war schon eine riesige Veränderung für Bella.“

Gabby hatte lange nachgedacht, bevor sie ihre Beförderung angenommen hatte. Für diesen Aufstieg innerhalb der Firma hatte sie von Tennessee nach Montana umziehen müssen, aber andererseits war damit eine Gehaltsverbesserung verbunden, die sie einfach nicht ausschlagen konnte. Als alleinerziehende Mutter brauchte sie das Geld für Bella. Dass das Zentrum ihres neuen Vertriebsgebietes ausgerechnet in der Heimatstadt des Vaters ihres Kindes lag, hatte die Sache nicht einfacher gemacht – und bescherte Gabby noch immer schlaflose Nächte.

Rylee rührte in ihrem Zitronenwasser. „Verstehe. Aber denk dran, Bronco ist eine Kleinstadt. Auch die Leute, die auf den Ranchen weiter draußen arbeiten, kommen regelmäßig in die Stadt. Ich werde dein Geheimnis natürlich für mich behalten, aber früher oder später wird es Klatsch darüber geben, wie sehr deine Kleine einem gewissen Rancher ähnelt.“

Gabby war durchaus bewusst, dass sie das Schicksal herausforderte, indem sie ausgerechnet nach Bronco gezogen war. Aber sie hatte auch das Gefühl, dass das Jobangebot ein Zeichen war. Ein Zeichen, dass sie noch einen letzten Versuch starten sollte, den leiblichen Vater ihrer Tochter von deren Existenz in Kenntnis zu setzen.

Sie hatte Ryan Taylor auf einer Messe in Las Vegas kennengelernt, wo sie den Stand ihrer Firma betreute – und zwar genau einen Tag, nachdem ihr Verlobter mit ihr Schluss gemacht hatte. Nein, er hatte nicht nur mit ihr Schluss gemacht. Er hatte sie mit vagen Andeutungen, es gäbe etwas Wichtiges zu besprechen, glauben lassen, er würde ihr einen Heiratsantrag machen – um ihr dann zu eröffnen, dass es aus sei.

Am nächsten Tag war sie dennoch zur Arbeit angetreten, aber immer, wenn es am Stand gerade ruhig war, war sie in Tränen ausgebrochen. Dann hatte Ryan sie angesprochen und mit ein paar schlechten Witzen zum Lachen gebracht. Danach hatte er sie zum Essen eingeladen. Und da ein Abendessen mit einem attraktiven Rancher immer noch besser war als ein Abend allein in einem Hotelzimmer, hatte sie seine Einladung angenommen. Danach hatte eins zum anderen geführt und sie hatten eine heiße, leidenschaftliche und unglaublich intensive Woche verbracht.

Als danach ihre Periode ausgeblieben war, hatte sie es auf den Stress geschoben – schließlich hatten sie verhütet. Und als ihr klar geworden war, dass sie schwanger war, war sie schon im dritten Monat gewesen – in Panik, aber auch ein wenig aufgeregt.

Das Kind war zweifellos von Ryan, denn ihr Verlobter und sie hatten wegen seines Auslandsaufenthalts schon ewig nicht mehr miteinander geschlafen, bevor er mit ihr Schluss gemacht hatte.

Gabby spielte mit ihrer Serviette. „Ich will es ja gar nicht vor ihm geheim halten, Rylee. Als ich damals erfahren habe, dass ich schwanger bin, habe ich sofort versucht, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Aber er hat mich geghosted. Ich habe ihn angerufen und bekam nur jemanden in der Firma an den Apparat, der sagte, er wäre nicht zu sprechen. Ich habe ihn in den sozialen Medien gesucht und ihm eine Nachricht geschickt. Schließlich habe ich ihm sogar einen Brief geschrieben, dass es sich um einen Notfall handelt und er mich anrufen soll. Aber er hat sich nie gemeldet.“

Für Gabby war das Antwort genug gewesen. Finanziell war sie abgesichert, sie brauchte keinen Mann, um ein Kind großzuziehen. Jetzt waren sie, Bella und ihr Mini Australian Shepherd Elsie eine glückliche Familie.

Rylee nahm ihre Hand und drückte sie. „Es tut mir leid. Ich wollte dich nicht stressen. Wir kennen uns noch nicht lange, aber ich habe das Gefühl, als wären wir schon ewig befreundet.“

„Ja, das geht mir auch so.“

Ihre neue Freundschaft mit Rylee Parker war nach ihrem Umzug nach Montana wie ein Willkommensgeschenk gewesen. Sie drückte ihrerseits Rylees Hand.

„Ich werde schon einen Weg finden, es ihm zu sagen. Wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist. Noch habe ich ja nicht mal alle Kartons ausgepackt.“

Rylee hob eine Augenbraue. „Klingt überzeugend. Und kein bisschen, als ob du Zeit schindest.“

Gabby lachte. „Ich weiß. Aber ich will es ihm auch nicht am Telefon sagen. Wenn ich ihn überhaupt an die Strippe bekommen würde. Er hat ja nicht mal auf E-Mails geantwortet. Und ich werde auf keinen Fall unangemeldet vor seiner Tür stehen.“

„Das würde auch nicht gehen“, sagte Rylee. Als Marketingdirektorin des Bronco Convention Centers kannte sie so gut wie jeden in der Stadt. „Taylor Beef ist eine große Firma. Sie haben viele Angestellte, einige davon sind Familienmitglieder. Da wäre es mit Privatsphäre nicht weit her. Und ob du einfach so aufs Ranchgelände der Triple T Ranch fahren kannst, ist auch fraglich. Die Taylors sind eine der reichsten und bekanntesten Rancherfamilien hier.“

Gabby seufzte. „Am besten mache ich einfach einen Geschäftstermin mit ihm aus. Schließlich hat er sich auf der Messe damals auch für unsere Produkte interessiert.“

„Weißt du denn schon, was du sagen willst?“

„Nicht wirklich. Es gibt wohl keine behutsame Art. Am besten komme ich gleich zur Sache.“

Rylee nickte verständnisvoll. „Ja, das wird das Beste sein. Tut mir leid, wenn ich zu viel frage.“

„Nein, alles gut! Es ist wirklich toll, jemanden zu haben, mit dem ich das mal durchsprechen kann. Ich bin dir wirklich unendlich dankbar – auch dafür, dass du manchmal auf Bella aufpasst. Du hast schon so viel für mich getan, seit wir hergezogen sind. Und Bella kann gar nicht genug von dir bekommen.“

Sie strich ihrer Tochter über das seidige braune Haar.

„Ich liebe Kinder einfach“, sagte Rylee. „Und ich habe immer gedacht, dass ich mit dreißig schon längst verheiratet wäre und selber welche hätte, aber das schaffe ich wohl nicht mehr. Zum Glück sorgen meine Arbeit und meine Freunde dafür, dass mir nie langweilig wird. Aber …“

Bella fegte – wieder einmal – ihren Trinklernbecher vom Tischchen des Hochstuhls auf den Boden. Das war derzeit ihre Lieblingsbeschäftigung, wenn sie nicht gerade Wände mit Wachsmalstiften verzierte.

„Momentchen“, sagte Gabby und beugte sich hinunter, um den Plastikbecher aufzuheben, der allerdings unter den Tisch gerollt war.

Sie ließ sich vom Stuhl gleiten, ging in die Hocke und verschwand unter dem rot karierten Tischtuch, bis sie den Henkel der Tasse ertastet hatte.

„Ähm, Gabby …“, hörte sie Rylee gedämpft sagen.

„Einen Moment, ich hab sie gleich.“

„Pssst, Gabby“, sagte Rylee erneut, diesmal etwas eindringlicher.

Gabby arbeitete sich langsam wieder unter dem Tisch hervor und versuchte, dabei nicht ihre Hose schmutzig und sich selbst lächerlich zu machen. Sie hatte nach einem Kundentermin keine Zeit gehabt, sich umzuziehen, und trug noch immer ihren Hosenanzug und die Bluse mit dem Firmenlogo. Die Hose saß schon im Stehen figurbetont, in der Hocke spannte sie vermutlich ziemlich über ihrem Po.

Schließlich stand sie wieder, stellte den Becher auf den Tisch und strich sich die Hose glatt. Geschafft – bis zum nächsten Mal.

„Alles klar, Rylee, was gibt’s so Dringendes?“

Die blauen Augen ihrer Freundin wirkten ein wenig panisch, ihre Hand zuckte und sie machte seltsame Kopfbewegungen. Als Gabby sie nur weiter fragend anblickte, deutete sie schließlich direkt auf die Tür.

„Dreh dich um.“

Eine dumpfe Vorahnung überkam Gabby, als sie langsam den Kopf wandte – und ihr Blick direkt auf ihn fiel. Sofort bekam sie ein flaues Gefühl im Magen. Offenbar hatte das Schicksal es eilig. Und die Kleinstadt Bronco war gerade noch ein bisschen kleiner geworden.

Denn es war Ryan Taylor höchstpersönlich, der gerade den Diner betrat.

Ryan Taylor hoffte, dass seine Abhol-Bestellung fertig war, denn er hatte keine Zeit, an diesem sowieso schon vollgepackten Samstag in einem vollen Diner auf sein Essen zu warten. Er vermisste die Tage, wo er zusammen mit seinen fünf Geschwistern an den Wochenenden über die Ranch geritten war, um Rinderherden umzuweiden oder Zäune zu kontrollieren. In letzter Zeit trug er viel zu häufig einen Anzug und saß hinter seinem Schreibtisch im Büro. Aber so war es nun mal bei Taylor Beef. Das Familienerbe musste weitergeführt werden. Das, was er am meisten daran liebte – das Land – war eng mit dem Geschäft verknüpft. Wenn er das eine behalten wollte, musste er sich mit dem anderen auseinandersetzen. Also aß er hauptsächlich Take-out und saß bis spätabends im Büro.

Wenigstens gab es am Abholtresen keine lange Schlange, obwohl alle Tische im Diner besetzt waren. Das Essen hier war erstklassig und frisch zubereitet, und das zu einem vernünftigen Preis. Lächelnd und mit einem großzügigen Trinkgeld bezahlte er die beiden Pappbehälter – einen für sich und einen für seine persönliche Assistentin. Allein bei dem Gedanken an sein Grillsandwich, den Coleslaw und den Heidelbeerkuchen zum Nachtisch in seiner Bestellung lief ihm das Wasser im Mund zusammen.

Er drehte sich auf dem Absatz um und eilte wieder zum Ausgang – doch dann hielt er inne, als ihm ein vertrauter Duft von Geißblatt in die Nase stieg. Jedes Mal, wenn er diesen Duft in den vergangenen zweieinhalb Jahren irgendwo gerochen hatte, hatte er eine wohlige Gänsehaut bekommen und an seine unvergessliche Affäre mit Gabrielle Hammond denken müssen.

Doch Gabrielle war in Nashville. Sie waren sich einig gewesen, dass es nur eine Affäre war. Er war zu seiner Situationship mit seiner guten Freundin Nora zurückgekehrt, mit der mal zusammen war und mal nicht.

Gerade nicht.

Natürlich war die Sache mit Gabby Schnee von gestern – nicht mehr als eine schöne Erinnerung. Dennoch blieb er kurz stehen und blickte in die Richtung, aus der der blumige Duft kam.

Und dann sah er sie. Aber das konnte nicht sein. Nicht hier, nicht nach so langer Zeit. Die attraktive Frau mit dem welligen braunen Haar war sicherlich nur jemand, der Gabrielle Hammond unglaublich ähnlich sah.

Oder ein Produkt seiner Einbildung. Beziehungsweise seiner mitternächtlichen Fantasien.

Doch auch, als er mehrmals blinzelte, sah er sie weiter vor sich.

Alles an ihr – von den femininen Kurven bis hin zu ihrem klassisch schön geschnittenen Gesicht – war ihm vertraut. Er erinnerte sich nur zu gut an ihre braunen Augen mit den langen Wimpern, die voller Lebensfreude waren. Ihre Ausstrahlung verdankte sie nicht Make-up oder auffallender Kleidung, sondern ihrer Natürlichkeit. Sie zog ihn magisch an. Heute genauso wie damals.

Er umfasste seine beiden Pappschachteln fester und trat an ihren Tisch. So überrascht, wie sie ihn anstarrte, erkannte sie ihn auch. Als er näherkam, bemerkte er, dass ihre Überraschung eher wie Panik wirkte. Warum? Das kam ihm ein wenig übertrieben vor. Sicher, sie hatten eine leidenschaftliche Woche miteinander verbracht und es hatte auch irgendwie zwischen ihnen gefunkt, aber es war dennoch nur eine Affäre gewesen. Mehr nicht. Oder?

Er blieb an dem Ecktisch stehen und warf einen kurzen Blick auf ihre Begleitung, eine rothaarige Frau, die nach einem Kindertrinkbecher griff und ihn einem süßen Kleinkind reichte, das sich gerade Pommes in den Mund stopfte.

Dann ließ er die Mutter und Tochter links liegen und wandte sich wieder ihr zu.

„Gabrielle?“

Sie lächelte verkrampft. „Hallo, Ryan.“

Also erkannte sie ihn. Es wäre auch ziemlich peinlich gewesen, wenn nicht.

„Was machst du denn hier in Bronco?“

„Meinen Job. Mir wurde eine Beförderung angeboten, aber dafür musste ich herziehen. Ich bin erst seit vier Wochen hier.“ Sie trat von einem Fuß auf den anderen und wirkte nervös. „Kennst du meine Freundin Rylee Parker? Und das hier ist Bella.“

Sie starrte ihn so unverwandt an, dass er schon dachte, er hätte etwas zwischen den Zähnen.

„Süßes Kind.“

Er nickte Rylee zu, bevor er sich wieder Gabrielle zuwandte. Oder Gabby, wie sie lieber genannt wurde. Das hatte sie ihm bei einem Abendessen auf ihrem Hotelzimmer verraten, während sie spielerisch Essen von seinem Teller genascht hatte.

Er drängte die Erinnerung zurück. Sicher, er hatte mehr als einmal von ihr geträumt, aber gerade hatte er gar nicht die Zeit für eine Reise in die Vergangenheit. Er musste zurück ins Büro.

Gabby kramte in ihrer Tasche und zog eine Firmen-Visitenkarte heraus. „Hier sind meine Kontaktdaten. Sie sind schon auf dem neuesten Stand.“

Fühlte sie sich auch noch zu ihm hingezogen? Oder war das nur professionelle Höflichkeit? Sie trug keinen Ehering.

Aber darüber konnte er später nachdenken. Jetzt musste er wieder an die Arbeit und etwas essen, bevor das nächste Meeting anstand.

Er stellte seine Schachteln auf ihren Tisch und steckte die Visitenkarte ein. „Na, dann störe ich die Damen mal nicht länger beim Essen. Freut mich, Sie kennengelernt zu haben, Rylee. Und Sie auch, Miss Bella.“

Er zwinkerte dem Kleinkind zu und tippte an seinen Hut, dann nahm er seine Schachteln vom Tisch.

„Bye-bye.“ Das kleine Mädchen strahlte ihn mit ihrem ketchupverschmierten Gesicht an und winkte. Sie war wirklich süß.

„Wiedersehen“, sagte Gabby leise. „Ich freue mich auf deinen Anruf.“

Den ganzen Weg bis zu seinem Auto verfolgte ihn ihre Stimme. Ihr Klang hatte dieselbe Wirkung auf ihn wie damals. Beruhigend. Zeitlos. Natürlich.

Die Erinnerung daran, wie sehr er sich zu ihr hingezogen gefühlt hatte, war nicht übertrieben gewesen.

Wenn er ehrlich war, hatte er in den zweieinhalb Jahren nach ihrer Affäre nicht nur an Gabby gedacht, wenn er Geißblatt roch. Sondern viel öfter. Er hatte sogar darüber nachgedacht, Kontakt zu ihr aufzunehmen.

Nicht, dass er an einer festen Beziehung interessiert gewesen wäre – auch wenn sein Vater ihm immer damit in den Ohren lag, er solle eine Familie gründen. In letzter Zeit drängte er Ryan geradezu dazu, Nora zu heiraten. Er schien einfach nicht verstehen zu wollen, dass sie meist nur dann zusammen waren, wenn einer von ihnen jemanden als Begleitung für eine Veranstaltung brauchte. Aber dadurch waren sie oft Arm in Arm auf Pressefotos zu sehen, was die Heiratspläne ihrer Eltern ungemein beflügelte.

Denn die waren hauptsächlich daran interessiert, ihre beiden reichen und einflussreichen Familien miteinander zu verschmelzen. Aus denselben Verhältnissen zu stammen war eine gute Grundlage für eine Ehe – jedenfalls nach Meinung seiner Eltern. Ryan hatte schon oft versucht, seinen Vater davon abzubringen, ihn ständig zu einer Ehe mit Nora zu drängen, doch der hatte nur abgewinkt. Seiner Meinung nach konnte man jemanden heiraten und dann trotzdem noch woanders seinen Spaß haben.

Für Ryan kam das überhaupt nicht infrage. Er wünschte sich mehr von einer Ehe als eine Geschäftsbeziehung, so wie sie seine Eltern hatten. Wenn so eine „gute Grundlage“ aussah, wollte Ryan lieber Single bleiben.

Und da er gerade Single war, hielt ihn nichts davon ab, Gabby zu kontaktieren. Schließlich hatte sie das Schicksal direkt in seine Heimatstadt geführt.

Gabby ließ sich langsam auf ihren Stuhl sinken und griff nach ihrem Wasserglas. Ihr Mund war trocken und ihr Puls raste. Natürlich hatte sie sich innerlich darauf vorbereitet, Ryan gegenüberzutreten. Aber Ryans erste Begegnung mit seinem Kind hatte sie völlig erschüttert, obwohl sie nur so kurz gewesen war. Ihre Hände zitterten noch immer.

Noch hatte das Schicksal ihr eine kleine Atempause gewährt, da er dachte, Bella wäre Rylees Kind. Aber dieses Missverständnis würde nicht lange anhalten.

Rylee lehnte sich zurück und atmete langsam aus. „Oh. Wow. Das war …“

„Peinlich? Unangenehm? Nervenzerreißend?“

„Alles drei?“

Gabby lachte kurz. „Wenigstens dachte er, Bella wäre dein Kind. Ich will mir gar nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn er darauf gekommen wäre, dass …“

„Geht es dir gut?“, fragte Rylee besorgt.

„Meine Nerven flattern ein bisschen, aber das wird schon wieder. Wenigstens muss ich mir jetzt keine Gedanken mehr darüber machen, wie ich ihn erreiche. Danke, dass du mitgespielt hast, als er dachte, Bella wäre deine Tochter.“

„Jederzeit, Liebes. So eine Eröffnung mitten in einem vollen Restaurant wäre die Hölle.“

Als ein Kellner vorbeikam, senkte Rylee die Stimme. „Du wirst den richtigen Zeitpunkt finden. Ganz bestimmt.“

„Ich hoffe, du hast recht.“ Gabby knüllte ihre Serviette zusammen und legte sie neben ihren Teller. Ihren Burger hatte sie nur zur Hälfte gegessen, aber sie hatte keinen Appetit mehr.

Rylee lächelte aufmunternd. „Wollen wir uns die Reste einpacken lassen und in den Park gehen? Es ist ziemlich mild draußen. Bella wird die frische Luft guttun.“

„Park? Pielen?“, quietschte Bella und klatschte in die Hände.

Ihre Freude erinnerte Gabby erneut daran, wie klein ihre Wohnung war. Sie hatte nur einen winzigen Garten und die kinderlosen Single-Nachbarn ermahnten sie ständig, leise zu sein. Sie konnte ihrer Tochter keinen Vater geben und keinen großen Garten zum Spielen, aber heute konnte sie mit ihr die Sonne genießen.

„Dann auf in den Park“, sagte sie ein wenig zittrig.

Auch wenn sie sich gerade am liebsten im Bett verkrochen und die Decke über den Kopf gezogen hätte, würde sie immer alles tun, damit ihre Tochter glücklich war. Und dazu gehörte auch, dem reichen und mächtigen Ryan Taylor gegenüberzutreten.

2. KAPITEL

Der Frühling, wenn die Natur aus dem eisigen Griff des Winters erwachte, war Ryans Lieblingsjahreszeit in Montana. Auch wenn die Temperaturen nachts noch ziemlich absanken, spürte man doch täglich, dass es wärmer wurde.

Dieses Land, seine Heimat, lag ihm im Blut. Ein abendlicher Ausritt mit seinen Brüdern lenkte ihn immer schnell von seinen Gedankenspiralen ab. Damals, wenn er und seine Geschwister vor der Anspannung zwischen ihren Eltern geflohen waren, wie heute, wo er sich seit der unerwarteten Begegnung mit Gabrielle Hammond einfach nicht mehr hatte konzentrieren können.

Diese gemeinsamen Ausritte waren wie ein Initiationsritus gewesen. Sobald einer von ihnen alt genug war, allein auf einem Pferd zu sitzen, wurde er mitgenommen. Ryan erinnerte sich noch gut an den Abend, als sie die Jüngste – Eloise – auf ein Pony gesetzt hatten, als ein Streit zwischen ihren Eltern besonders ausgeartet war. Ihr Vater hatte sich geweigert, ihrer Mutter ein eigenes Scheckbuch oder eine Kreditkarte zuzugestehen, und bestand darauf, ihr monatlich Geld auszuzahlen, über das sie ein Kassenbuch führen musste.

Ryan ließ sein Pferd im Schritt gehen und genoss das Panorama, das sich vor ihm ausbreitete, wobei sich seine Anspannung spürbar verflüchtigte. Das Ranchhaus, ein fast tausend Quadratmeter umfassendes, mehrstöckiges Blockhaus, blieb hinter ihnen zurück. Dieses „Zuhause“ hatte zwölf Zwei-Zimmer-Suiten mit jeweils eigenem Bad, sodass die Familie auf der Ranch zusammenleben konnte und trotzdem jeder Privatsphäre hatte. Einige seiner Geschwister wohnten noch dort, andere, wie auch er, hatten sich im selben Blockhausstil eigene Häuser auf dem Land gebaut.

„Du wirkst abgelenkt“, bemerkte Daniel, als sie den Weg verließen und er sein Pferd neben ihm gehen ließ. „Gibt’s Probleme in der Firma?“

„Nein, es ist was Privates“, erwiderte Ryan. „Ich habe heute jemanden aus der Vergangenheit getroffen.“

„Eine Frau?“, mutmaßte Daniel.

Ryan vertraute seinen Geschwistern vollkommen. „Ja, wir hatten vor zwei Jahren eine Affäre am Ende einer Messe und haben uns danach nie wiedergesehen.“

„Heißt das, dass es zwischen dir und Nora aus ist?“

„Nora und ich waren nie ein richtiges Paar“, erinnerte Ryan ihn. „Auch wenn Dad das gern will.“

Seth lachte trocken. „Weiß Nora das auch?“

Ryan nickte. „Ja. Wir wollen beide nur unsere Ruhe und dass unsere Eltern uns nicht unter Druck setzen. Du weißt, wie Dad sein kann, wenn er unbedingt etwas will.“

Seine Brüder seufzten gleichzeitig. Die autoritäre Art ihres Vaters hatte schon toxische Züge. Seine Schwestern ließen sich deshalb nur selten bei Familientreffen blicken, auch wenn sie in Bronco wohnten.

„Willst du mit dieser Frau dann da weitermachen, wo ihr aufgehört habt?“

Ryan verzog das Gesicht. „Sie heißt Gabrielle Hammond. Und wir hatten nicht nur Sex, wenn du das meinst. Wir haben die ganze Woche miteinander verbracht.“

Und der Gesprächsstoff war ihnen nicht ausgegangen – von Ranching und Tieren über Bücher und Lieblingsfilme bis hin zu Musik und Reisevorlieben.

Als sie ins offene Gelände kamen, ließ Daniel sein Pferd antraben, und seine Brüder folgten.

„Und was hast du jetzt vor?“

„Keine Ahnung. Deshalb wollte ich ja beim Ausritt einen klaren Kopf bekommen. Sie ist eine attraktive Frau, witzig, offen, warmherzig …“

Es hatte wirklich gefunkt zwischen ihnen – warum also sollten sie die Beziehung nicht wieder aufnehmen?

„Ich habe überlegt, ob ich sie einladen und ihr anbieten soll, ihr die Stadt zu zeigen. Sie ist erst vor vier Wochen hierhergezogen.“

Was sein Vater davon hielt, war ihm egal, aber die Meinung seiner Brüder war ihm wichtig.

Daniel runzelte die Stirn. „Und nach all der Zeit hat sie dich jetzt wieder kontaktiert, nachdem sie hergezogen ist?“

„Vorsicht“, bemerkte Seth. „Du klingst schon wie Dad.“

„Wow“, sagte Ryan lachend, als sie das andere Ende vom Feld erreichten und auf einen Waldweg einbogen. „Das war gemein. Und um die Frage zu beantworten: Nein, ich bin ihr zufällig im Diner begegnet.“

Daniel nickte bedächtig. „Aber sie wusste bestimmt, dass du hier wohnst. Nur weil Dad ein Idiot ist, heißt das nicht, dass er immer falschliegt. Unsere Vermögensverhältnisse sind kein Geheimnis. Aber wenn sie nicht nur darauf aus ist, ist es ja kein Problem.“

„Genau“, bestätigte Ryan. „Wenn es so sein sollte, wird es sich ganz von selbst herausstellen. Nicht wahr, Seth?“

„Allerdings. Das spricht natürlich für Nora, wenn du mich fragst: Bei ihr kannst du ganz sicher sein, dass sie nicht hinter unserem Geld her ist.“

Ryan warf seinem Bruder einen sarkastischen Blick zu. „Und natürlich würde sich eine Frau auch allein deshalb für mich interessieren.“

Daniel hob eine Hand. „Schon gut, schon gut. Mach einfach. Ruf sie an.“

Zwar hatte Ryan nur gesagt, dass er ihr die Stadt zeigen wollte, aber Daniel hatte natürlich recht: Er würde Gabby um ein Date bitten, wenn er vom Ausritt wieder zu Hause war. Zum Glück hatte er ihre Visitenkarte mit ihrer privaten Handynummer.

Gabby saß im Schneidersitz neben dem Kinderbett ihrer Tochter, dankbar, dass Bella endlich eingeschlafen war. Heute Abend brauchte sie wirklich ein bisschen Zeit für sich.

Die Begegnung mit Ryan hatte sie ganz schön durcheinandergebracht. Sie war ihm schon ein paar Mal in der Stadt über den Weg gelaufen und hatte sich dann immer schnell verdrückt, sodass sie ihn nur von Weitem gesehen hatte. Doch heute war er ihr so nah gewesen, dass sie die silberfarbenen Sprenkel in seinen blauen Augen erkennen konnte – Augen, die denen ihrer Tochter so ähnlich waren.

Zärtlich zog sie die verrutschte Decke wieder über Bellas Schultern. Wie oft hatte sie nächtelang neben ihrem Bett gesessen und es nicht gewagt, einzuschlafen, aus Angst, es könne ihr etwas passieren. Alleinerziehend zu sein war manchmal eine Herausforderung, aber Bella war ihr Ein und Alles.

Am Anfang war es schwer gewesen. Sie hatte sich Sorgen ums Geld gemacht, darüber, dass Bella ohne Vater aufwuchs – und darum, wer sich um sie kümmern würde, wenn Gabby etwas zustieß. Sie war ein Einzelkind, das ihren Vater nie gekannt hatte – und ihre Mutter war gestorben, als Gabby gerade die Highschool abgeschlossen hatte. Früher hatte sie diese Leere einfach mit Arbeit gefüllt, aber das ging jetzt nicht mehr.

Wieder kehrten ihre Gedanken zu Ryan zurück. Vielleicht wollte er von Bella gar nichts wissen? Allein der Gedanke verletzte sie zutiefst.

Ihr Handy, das neben ihr auf dem Fußboden lag, vibrierte und eine unbekannte Nummer erschien im Display. Vermutlich ein Kunde, auch wenn es dafür schon ein bisschen spät war.

Sie stand leise auf und schlich auf Zehenspitzen nach draußen. Als sie im Flur angekommen war, hatte der Anrufer aufgelegt.

Tut mir leid, dass ich Ihren Anruf verpasst habe, textete sie. Wen wollten Sie sprechen?

Sie ging leise den schmalen Flur entlang zur Hintertür, die sich zu einem winzigen eingezäunten Garten hin öffnete. Ihr Mini-Aussie Elsie musste sowieso noch einmal raus, bevor sie ins Bett ging. Gabby nahm sich eine dicke Strickjacke von der Garderobe und trat in die kühle Nacht hinaus, und Elsie schoss wie ein Rennpferd an ihr vorbei nach draußen. Drinnen benahm sie sich zum Glück gut, doch sie brauchte wirklich mehr Platz, als dieser winzige Garten ihr bieten konnte.

Gabby ließ sich auf einen der Plastikstühle sinken und schaute auf ihr Handy.

Hier ist Ryan Taylor, und ich wollte Gabby sprechen.

Gabbys Magen verkrampfte sich. Sie hatte ihm zwar ihre Karte gegeben, aber sie hatte nicht damit gerechnet, dass er sich wirklich melden würde.

Ich hoffe, du hast mir keine Karte mit einer falschen Nummer gegeben. Es wäre wirklich peinlich, wenn das hier die Nummer einer Tankstelle wäre, schrieb Ryan weiter.

Wieso musste er immer noch so witzig und charmant wie damals sein? Natürlich wollte sie um Bellas willen, dass er ein wunderbarer Mann war. Aber für ihre Gefühle war das eher kontraproduktiv.

Sie atmete tief durch und drückte auf Wiederwahl.

Er nahm beim ersten Klingeln ab. „Haben Sie Diesel?“

Sie lachte leise, doch ihre Stimme zitterte ein wenig, so nervös war sie. „Natürlich. Möchten Sie den Wagen gleich waschen lassen, während Sie tanken?“

„Danke, dass du mich zurückgerufen hast.“

Seine tiefe Stimme wärmte sie durchs Telefon. Hier draußen im Dunkeln war sie ganz allein mit ihm.

Bis auf Elsie natürlich, die gerade mitten in dem winzigen Garten ein Loch buddelte. Gabby brachte es nicht übers Herz, es ihr zu verbieten. Manchmal musste man seine Frustration einfach an etwas abarbeiten.

„Also die Bürozeiten sind schon vorbei, Ryan, aber wir können gern einen Termin abmachen, um übers Geschäft zu sprechen“, sagte sie.

Auf keinen Fall würde sie Bella am Telefon erwähnen.

„Ich rufe nicht geschäftlich an“, sagte er, dann zögerte er so lange, dass sie sich schon fragte, ob er überhaupt weiterreden würde. „Ich wollte nur wissen, ob du vielleicht Zeit hättest, morgen Abend mit mir essen zu gehen.“

Gabby richtete sich auf. Elsie buddelte schneller.

Essen gehen? Wie bei einem Date?

Wenn er das meinte, war er zweieinhalb Jahre zu spät dran. Sie wollte nicht mal daran denken, wie viel ihr ein solcher Anruf damals bedeutet hätte – nach ihrer Affäre, aber bevor sie wusste, dass sie schwanger war. Und selbst danach.

Aber das war vorbei. Nur das Heute zählte. Fieberhaft dachte sie über ihre Antwort nach. Sie konnte schlecht mit Bella zum Abendessen auftauchen. Und Rylee hatte morgen schon etwas anderes vor.

„Danke, aber morgen Abend kann ich leider nicht.“

Wenn Gabby arbeitete, ging Bella in einen Hort, doch der bot keine Abendbetreuung an.

„Wann hättest du denn Zeit?“, fragte er geschmeidig.

Nun ja, sie musste sowieso mit ihm sprechen. Bald. Es ließ sich nicht mehr vermeiden, ihm mitzuteilen, dass er eine Tochter hatte.

„Vielleicht könnten wir uns diese Woche zum Mittagessen treffen? In meiner Mittagspause?“

„Also sagst du nicht direkt Nein. Das ist ein gutes Zeichen. Leider habe ich die ganze Woche Meetings und bin auch noch auf einer kurzen Geschäftsreise. Wie wäre es Freitagabend? Zum Abendessen?“

Doch wieder Abendessen. Gabby kaute auf ihrem Daumen herum. Was sollte sie antworten?

Schließlich sagte er: „Nur Abendessen, mehr nicht. Um der alten Zeiten willen.“

Es sei denn, sie wollte mehr.

Das musste er nicht extra sagen. Nach der Woche, die sie miteinander verbracht hatten, war das auch so klar.

Aber auch wenn er den Grund ihrer Zusage missverstehen würde – sie musste sich mit ihm treffen. Sie mussten reden. Zwar wäre ihr ein etwas weniger öffentlicher Ort für das Gespräch lieber gewesen, aber andererseits würden sie dort vielleicht beide etwas gemäßigter reagieren, falls es zu einem Streit kam.

Wenn Rylee Zeit hatte, auf Bella aufzupassen, war ein Abendessen in einem Restaurant gar keine schlechte Gelegenheit.

„Ich muss schauen, ob ich es einrichten kann. Ich sag dir Bescheid. Ich würde wirklich gern mit dir sprechen.“

„Gut.“ Sein freudiger Ton war schmeichelhaft. „Wenn du zusagst, hole ich dich um sechs ab.“

„Ich fahre selbst“, sagte sie hastig.

Auf keinen Fall wollte sie, dass er Bella in ihrer Wohnung sah und Fragen stellte, bevor sie alles erklären konnte.

„Schick mir einfach die Adresse vom Restaurant, dann komme ich dorthin.“

„Ich freue mich drauf. Gute Nacht, Gabby.“

Ihr Herz schlug heftig, und sie rief sich ins Gedächtnis, dass das kein Date war. Es würde niemals ein Date sein. Diese Chance war längst vertan. Wenn sie ihm nicht wichtig genug gewesen war, um sich vor zwei Jahren bei ihr zu melden, als es ihr am meisten bedeutet hätte, dann war sie nicht mehr an ihm interessiert. Es gab nichts mehr zu tun, als zu besprechen, welche Rolle er in Zukunft in Bellas Leben spielen wollte.

Es war nur ein Abendessen. Keine große Sache. Hatte er nicht genau das bei dem Ausritt seinen Brüdern gesagt?

Weshalb also hatte Ryan die ganze letzte Woche immer wieder an Gabby gedacht und sich auf diesen Abend mit ihr gefreut? Sich gefragt, ob sie ihn versetzen würde? Ihre Ansage, dass sie selbst fahren würde, hielt ihn auf Abstand, das war nicht zu leugnen.

Damit sie sich wohlfühlte, hatte er nicht das teuerste Restaurant am Platze gewählt, sondern das Pastabilities, einen gehobenen Italiener.

Als er das Lokal betrat, wartete Gabby bereits im Eingangsbereich. Sie hatte sich umgezogen. Statt eines Hosenanzugs trug sie ein langes Baumwollkleid, knöchelhohe Stiefel und eine Jeansjacke. Das safrangelbe Kleid betonte die hellen Strähnen in ihrem braunen Haar, das in leichten Wellen ihre Schultern umspielte. Unwillkürlich ballte er die Hände zu Fäusten, weil er sich ihre weichen Strähnen zu gern um die Finger gewickelt hätte, um herauszufinden, ob sie so seidig waren, wie er sie in Erinnerung hatte.

„Hallo“, sagte er, als er auf sie zuging. „Ich hoffe, du hast nicht zu lange gewartet.“

„Du bist früh dran.“ Sie lächelte verhalten und trat nervös von einem Fuß auf den anderen. „Ich war nur noch ein bisschen früher.“

Hatte sie sich so sehr auf das Treffen gefreut wie er?

„Ehrlich gesagt, hatte ich Sorge, du würdest mich versetzen.“

Sie hob eine Augenbraue. „Das wäre unhöflich gewesen. Man ghostet doch niemanden.“

Ihr Tonfall bei diesen Worten war seltsam. Aber er sprach weiter und nahm ihren Ellenbogen. „Stimmt. Aber ich war trotzdem in Sorge.“

Eine Kellnerin führte sie zu dem Tisch, den er bestellt hatte – wie auf Wunsch in einer ruhigen Ecke weiter hinten. Auf allen Tischen standen Windlichter mit großen Glaszylindern, was den Raum in ein stimmungsvolles Licht tauchte.

Er rückte Gabby einen Stuhl zurecht und als dabei ihr Haar über seine Hand strich, brachte das die Erinnerung zurück. Ja, ihr Haar war immer noch so seidig wie damals.

„Danke.“

„Hast du hier schon einmal gegessen?“

„Hier ist es immer voll.“ Sie deutete auf die voll besetzten Tische um sie herum. „Eine so kurzfristige Reservierung bekommt man hier nicht, wenn man nicht gerade Taylor heißt.“

„Touché. Ich hoffe, es schmeckt dir. Ich kann die Rippchen in Chiantisoße empfehlen. Sie verwenden nur lokales Rindfleisch“, bemerkte er grinsend.

„Tja, das ist Pech, denn ich bin Vegetarierin geworden, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben. Was sagst du dazu?“

Das Funkeln in ihren Augen wurde von den Windlichtern noch verstärkt.

„Dazu sage ich, dass jeder essen kann, was ihm schmeckt und dann mehr für mich übrig bleibt.“

„Sehr diplomatisch, besonders für einen Rindfleischerzeuger“, erwiderte sie lachend.

Er tippte auf die Speisekarte. „Dann nimmst du also die gegrillte Aubergine?“

Sie zog die Nase kraus. „Nein, ich nehme die Rippchen.“

Ihre Antwort ließ ihn laut auflachen, und er hörte erst auf, als die Kellnerin Wasser und eine Flasche Wein brachte – die er ebenfalls vorbestellt hatte.

Doch sie trank nur von dem Wasser und ignorierte den Wein. „Möchtest du einen anderen Wein?“, fragte er.

„Nein, keinen Alkohol für mich, danke. Ich brauche einen klaren Kopf. Und ich fahre.“

„Ich kann dich nach Hause bringen. Ganz ohne Hintergedanken. Pfadfinderehrenwort.“ Er legte zwei Finger auf sein Herz.

„Warst du wirklich bei den Pfadfindern?“

„Nein“, gab er zu. „Aber ich bin ein Ehrenmann.“

Etwas, das er nicht deuten konnte, blitzte in ihren Augen auf, doch dann wurde ihr Gesichtsausdruck wieder neutral. Er hatte ihre gemeinsame Woche vor zweieinhalb Jahren sehr genossen. Sie hatten viel Spaß gehabt. Sie hatte ihm von ihrem Ex-Freund erzählt, der sie gerade verlassen hatte, und dass sie sich deshalb nicht auf etwas Ernstes einlassen wollte – was ihm perfekt in die Hände spielte, aber immerhin ihr Wunsch gewesen war.

Sie strich mit der Fingerspitze um den Rand ihres Wasserglases.

„Was hat sich bei dir so getan, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben?“, fragte sie.

„Arbeit, Arbeit, Arbeit“, erwiderte er.

Dann wurde ihm klar, dass er ihr etwas mehr bieten musste, wenn er wollte, dass sie sich entspannte.

„Nach unserer Woche habe ich einige Zeit im Ausland gearbeitet, wo ich die Übernahme einer Firma betreut habe, die mein Vater gekauft hat.“

„Erzähl mir mehr“, sagte sie, wobei sie weiter über den Glasrand strich. War sie nervös? „Das klingt spannend.“

„Es war ein wichtiger strategischer Schritt, um den europäischen Markt zu erobern“, sagte er und dachte daran, wie ungern er die Zeit mit Gabby damals beendet hatte. Doch nachdem er dann immer mehr in Arbeit versunken war, hatte er eingesehen, dass er keine Zeit für eine Beziehung hatte, schon gar nicht für eine auf Distanz. „Es war sehr viel Stress, aber ich habe auch viel gelernt.“

„Dann warst du also erfolgreich?“

Sie nahm den Finger vom Glasrand.

„Ja, wir haben jetzt in Europa einen Marktanteil.“

Ein Misserfolg hatte gar nicht zur Debatte gestanden. Der europäische Markt gab Ryan eine Möglichkeit, sich unabhängig von seinem Vater einen Namen zu machen und seine eigenen Entscheidungen zu treffen. Deshalb hatte er alles gegeben.

Sicher, er hatte immer mal wieder an Gabby gedacht, hatte sogar überlegt, ob er sie anrufen sollte. Aber letztendlich waren sie sich einig gewesen: Sie hatte sich nur mit ihm eingelassen, um darüber hinwegzukommen, dass ihr Ex-Freund sich von ihr getrennt hatte. Und er war nicht der Richtige für eine Beziehung. Er war jemand, der Affären hatte. Also waren sie beide ihrer Wege gegangen.

Gabby spielte nervös mit ihrer Kette.

„Dann bist du oft auf Geschäftsreisen?“, fragte sie.

„Das kommt vor, aber hier in Bronco ist mein Zuhause.“

Sie blinzelte ein paar Mal. „Ich bin nur neugierig. Du hast damals nicht viel von dir erzählt. Also jedenfalls nicht über dein Leben. Ich ja auch nicht. Außerdem hatten wir gar nicht so viel Zeit für Gespräche.“

Sie lächelte kokett.

Bei der Erinnerung an das, was sie stattdessen getan hatten, wurde ihm ganz warm.

„Ich hoffe, dass wir uns jetzt besser kennenlernen können, wo das Schicksal schon dafür gesorgt hat, dass wir in derselben Stadt wohnen.“

Sie biss sich auf die Unterlippe. „Ja, da gibt es einiges zu erzählen. Es ist viel passiert in den letzten zwei Jahren.“

„Und das Wichtigste wäre: Bist du mit jemandem zusammen?“

Es war ihm selbst unheimlich, wie wichtig ihm die Antwort war. Aber darum ging es ja bei diesem Abendessen – er wollte dort weitermachen, wo sie in Nashville aufgehört hatten. Hoffentlich verstand sie seine Frage auch so.

„Nein, dazu hatte ich gar keine Zeit. Und du?“

Erleichterung machte sich in ihm breit. „Ich date, aber nichts Ernstes. Meine Eltern wollen unbedingt, dass ich heirate. Deshalb habe ich eine lockere Beziehung mit einer Frau, die auch von ihren Eltern gedrängt wird. Hauptsächlich sehen wir uns, wenn es irgendwelche Anlässe gibt, wo man nicht so gern allein auftaucht. Derzeit läuft aber nichts mit ihr. Wir passen nicht wirklich zusammen.“

„Wieso nicht?“

Ihr Interesse machte ihm Hoffnung. „Versteh mich nicht falsch, sie ist eine tolle Frau. Attraktiv, erfolgreich, ehrgeizig. Wir hatten ein paar Probleme mit Ehrlichkeit und Vertrauen. Aber da ist einfach nicht mehr zwischen uns. Keine echte Verbindung.“

Nicht so wie bei ihm und Gabby in Nashville.

Aber noch schien sie nicht überzeugt zu sein. Im Gegenteil, sie wirkte immer noch nervös. Bisher hatte fast nur er geredet.

„Wie sieht’s bei dir aus?“, fragte er. „Was hast du alles gemacht seit Nashville?“

Sie blickte ihm nicht in die Augen. „Oh, ich hatte alle Hände voll zu tun. Mehr als jemals zuvor.“

Neugierig lehnte er sich zu ihr. „Im Job? Das freut mich, dass deine Firma solchen Erfolg hat.“

„Nein, nicht im Job.“ Sie griff nach ihrer Stoffserviette und drehte sie so fest zwischen ihren Fingern, dass ihre Knöchel weiß hervortraten. „Ich habe ein Kind großgezogen. Dein Kind.“

3. KAPITEL

Gabby hielt den Atem an, während sie auf Ryans Reaktion wartete. Das Blut rauschte in ihren Ohren und das Herz schlug ihr bis zum Hals. Sie hatte nicht vorgehabt, so mit der Tür ins Haus zu fallen, aber seine Bemerkung über Nora und die Probleme mit Ehrlichkeit und Vertrauen hatten ihr ein schlechtes Gewissen beschert.

In den letzten zwei Jahren hatte Gabby dieses Gespräch mit Ryan so oft gedanklich durchgespielt, aber in keiner der Versionen war es so wie jetzt verlaufen. Es war nicht gerade hilfreich, dass Ryan in Jeans und dem Sportjackett zum Anbeißen aussah. Sein Stetson lag auf dem dritten Stuhl. Er erinnerte sie daran, wie er ihn ihr damals aufgesetzt hatte. Da war sie nackt gewesen. Genau wie er.

Aber das war eine halbe Ewigkeit her. Sie musste sich darauf konzentrieren, wie sie hier weitermachte, ohne in einem Restaurant voller Stadtbewohner eine Szene zu verursachen. Ryans schockiertes Schweigen und sein starrer Blick bewegten sie dazu, selbst etwas zu sagen.

„Ich hätte dich früher eingeweiht, aber du hast mich ja geghosted, als ich versuchte, dich nach unserer Zeit in Nashville zu erreichen.“

„Dich geghosted?“

Er hob eine Augenbraue, runzelte dann die Stirn. „Wie kommst du denn darauf?“

Es klang aufrichtig, fast entrüstet – aber das ergab keinen Sinn. Dass er es leugnete, ließ ihren Ärger wieder aufflackern, der seit ihrer Schwangerschaft in ihr vergraben war.

„Ich habe versucht, dich in den sozialen Medien zu kontaktieren. Ich habe die Nummer angerufen, die du mir gegeben hast. Und ich habe dir Briefe geschrieben. Echte, auf Papier. Aber es kam keine Antwort von dir. Was hätte ich machen sollen? Ein Flugzeug chartern, das mit einem Banner mit der Aufschrift ‚Ruf mich an‘ über Taylor Beef kreist?“

Je länger sie darüber sprach, wie komplett er sie ignoriert hatte, desto ärgerlicher wurde sie. Wieso hatte er sie gezwungen, ihm etwas so Wichtiges so spät und auf diesem Wege mitzuteilen?

„Wann hast du mich kontaktiert?“, fragte er mit zusammengekniffenen Augen.

„Gleich, nachdem ich erfahren habe, dass ich schwanger bin. Ich dachte, dass du ein Recht darauf hast, es zu erfahren. Das denke ich immer noch, sonst würden wir nicht hier sitzen.“

„Also hast du mich ein paar Monate nach Nashville zu erreichen versucht?“ Er rieb sich mit einer Hand den Nacken und wartete, bis ein Kellner am Nebentisch fertig war, dann fügte er hinzu: „Ich war in Europa wegen des Projektes, von dem ich dir erzählt habe.“

„Aber doch nicht auf einer einsamen Insel?“, fragte sie sarkastisch.

„Warte“, unterbrach er sie. „Lass mich ausreden. Während ich weg war, wurden meine Social-Media-Accounts gehackt. Ich habe alle geschlossen und neue eröffnet. Vielleicht gingen deine Nachrichten an diese Fake-Profile?“

Sie nahm sich Zeit, darüber nachzudenken. „Das könnte sein. Aber das erklärt noch nicht die Anrufe und Briefe, von denen du nichts mitbekommen hast. Ich hatte die Nummer und Adresse von deinem Büro. Die wurden ja wohl nicht gehackt.“

Er schüttelte den Kopf. „Ich habe nie eine Nachricht oder einen Brief von dir erhalten.“

Das war alles? Er wollte es einfach leugnen? „Aber ich habe mir das nicht ausgedacht.“

Ein Muskel an seinem Kiefer zuckte. „Aber dann hast du es zwei Jahre lang nicht mehr versucht. Wieso gerade jetzt?“

Sie atmete langsam ein und aus, um ihren Ärger zu kontrollieren. Was wollte er damit sagen?

„Du musst dich schon entscheiden, ob du sauer bist, weil ich dir nicht früher Bescheid gesagt habe oder weil ich es dir jetzt sage. Und was ist mit der ‚Verbindung‘ von der du damals immer gesprochen hast? So stark kann die ja nicht gewesen sein, wenn du mich in all der Zeit nicht einmal kontaktiert hast.“

Als sie seinem Blick selbstbewusst standhielt, seufzte er schließlich. „Stimmt auch wieder. Also sind wir quitt?“

Sie zwang sich zu einem Lächeln, obwohl ihr Magen immer noch rebellierte. „Wir sind quitt.“

Er nickte. „Wann kann ich meine Tochter denn kennenlernen?“

„Das hast du schon.“

Sie beobachtete seinen Gesichtsausdruck, als er an das Zufallstreffen vor einer Woche dachte und sich dabei das Kinn rieb. Plötzlich wirkte er misstrauisch.

„Wir haben verhütet. Wie kann ich sicher sein, dass ich ihr Vater bin?“

Autsch. Die Frage verletzte sie, war aber natürlich berechtigt. Sie hatte ihm zwar erzählt, dass sie mit ihrem Ex monatelang nicht mehr geschlafen hatte, bevor er mit ihr Schluss gemacht hatte, aber das war für ihn kein Beweis. Weil er ihr nicht vertraute. Obwohl sie ihn am liebsten angebrüllt hätte, beherrschte sie sich. Es ging um Bella und was für sie das Beste war.

„Du warst der einzige Mann, mit dem ich zu der Zeit zusammen war.“

„Du verstehst sicher, dass ich das gern sicherer wüsste. Schließlich hatte sich dein Ex erst am Tag vor unserem Kennenlernen von dir getrennt. Was würdest du sagen, wenn ich auf einen Vaterschaftstest bestehe?“

Ein absolut vernünftiger Vorschlag. „Sehr gern. Ich bin mir zu hundert Prozent sicher, dass er deine Vaterschaft bestätigen wird.“

Er nickte kühl. „Dann lass uns das so schnell wie möglich machen.“

Das war nicht gerade die Antwort, auf die sie gehofft hatte, aber immerhin wusste er nun endlich Bescheid. Sie hatte das Beste aus einer furchtbar unangenehmen Situation gemacht und konnte nur hoffen, dass er sich etwas zugänglicher zeigen würde, wenn seine Vaterschaft feststand. Dass er im Leben seiner Tochter die Vaterrolle einnehmen wollte und Bella in ihm einen Vater fand, der den Namen auch verdiente.

Denn ganz gleich, wie reich und einflussreich er sein mochte, um ihrer Tochter willen würde sie es jederzeit mit ihm aufnehmen.

Ryan saß auf seinem verglasten Balkon in seinem Haus auf der Triple T Ranch und starrte in den Nachthimmel. Die Sterne schienen hier heller, weil es kaum Lichtverschmutzung gab, und normalerweise verschaffte ihm der majestätische Anblick immer etwas Ruhe und inneren Frieden.

Beides konnte er heute Nacht dringend gebrauchen. Ganz gleich, was bei dem Vaterschaftstest herauskam, es würde ihn verletzen. Entweder hatte er die ersten zwei Jahre im Leben seines Kindes komplett verpasst – oder Gabby hatte ihn heute Abend belogen und versucht, ihm das Kind eines anderen Mannes unterzujubeln.

Er schwenkte den Whisky in seinem Glas und stellte ihn dann unberührt auf den Tisch. Er brauchte einen klaren Kopf.

Wenigstens hatte sie ihm die Neuigkeit noch mitgeteilt, bevor sie bestellt hatten. So hatten sie das Restaurant schnell wieder verlassen können und waren nach Hause gefahren – jeder in seinem eigenen Auto.

Wenigstens musste er dort seine Gefühle nicht unter Kontrolle halten. Er war heftig aufs Gas gestiegen und die Landstraße entlanggebrettert, um so schnell wie möglich nach Hause zu kommen, wo er sich normalerweise wie in einem sicheren Hafen fühlte.

Aber nicht mal das funktionierte heute Abend.

Er nahm sein Handy und ging seine Nachrichten durch. Eine war von Seth.

Dad hat irgendwas vor. Ruf mich an, wenn du kurz Zeit hast.

Kurz darauf folgte eine Sprachnachricht von seiner Mutter. Sie klang ein wenig beschwipst. „Ruf mich an, wenn du kannst. Es ist nicht so wichtig. Na ja, doch, irgendwie schon. Ich will nur kurz mit dir reden.“

Es war schwer, bei seiner Mutter herauszuhören, wie wichtig es wirklich war, weil sie ihre Wünsche immer unterdrückte, um den häuslichen Frieden nicht zu gefährden.

Als Nächstes hörte er Nora. „Hey, deine Mutter hat sich bei mir gemeldet wegen irgendeines Zusammentreffens? Ich habe geantwortet, dass ich erst mit dir reden will. Melde dich, wenn du Zeit hast.“

Es überraschte Ryan nicht, dass die nächste Nachricht von seinem Vater kam. „Deine Mutter plant nächste Woche eine Dinnerparty und möchte, dass alle ihre Kinder kommen. Bring Nora mit, hörst du?“

Also war sein Vater schon wieder dabei, sie zu verkuppeln, und das nicht mal subtil. Ryan löschte die Nachricht. Er wollte lieber mit seiner Mutter reden. Imogen hatte nicht viel zu sagen in ihrer Familie. Ihr Vater kontrollierte alles vom Geld bis hin zu seiner Frau. Ryan hatte sie mal gefragt, warum sie sich damit abfand, aber sie hatte nur gemeint, dass sie sich mit dem Leben, das sie führte, abgefunden hätte. Außerdem täte eine Mutter alles für das Glück ihrer Kinder …

Der Gedanke brachte ihn zu seinem ursprünglichen Problem zurück. Hatten seine Brüder recht? War Gabby hinter seinem Geld her – wenn auch nur wegen ihres Kindes? Den Gedanken fand er furchtbar, schon allein, weil er damit wie sein Vater dachte.

Er konnte sich nicht so in Gabby getäuscht haben, oder? Er hatte sie wirklich gemocht und sich auf das Date mit ihr heute gefreut. In der Hoffnung, dass mehr daraus würde.

Aber ihre Geschichte mit den Briefen, die sie angeblich geschrieben hatte, klang schräg. Außerdem hatten sie verhütet. Andererseits – wenn sie wirklich log, war sie sehr überzeugend gewesen.

Vielleicht hatte sie sich ja selbst belogen? Sie war am Boden zerstört gewesen wegen der Trennung von ihrem Ex. Vielleicht war es leichter für sie gewesen, zu glauben, das Kind wäre von ihm als von einem Mann, der sie so verletzt hatte?

Das konnte schon sein.

Aber es gab auch noch eine ganz andere Möglichkeit: Sie sagte die Wahrheit. Das Kind war von ihm. Sie hatte wirklich versucht, ihn zu erreichen.

Seine Angestellten waren doch wohl hoffentlich nicht wirklich so inkompetent? Oder war es Absicht gewesen, dass ihre Nachrichten nicht weitergegeben worden waren? Das wäre ja sogar noch schlimmer.

Dennoch – zwei Jahre waren seitdem vergangen. Sie hätte es immer wieder versuchen müssen. Wenn er wirklich der Vater war, hatte er zwei kostbare Jahre mit seinem Kind verloren!

Bei dem Gedanken stieg wieder Ärger in ihm auf und er dachte an die kurze Begegnung mit dem Kind. Viel war ihm leider nicht im Gedächtnis geblieben, weil er so auf Gabby fokussiert gewesen war. Sie war süß gewesen, die Kleine. Zerzauste Haare und ein großes Lächeln. An die Augenfarbe konnte er sich leider nicht erinnern, und das machte ihn ganz fertig.

Er musste Gewissheit haben. So schnell wie möglich. Gleich morgen früh würde er seine Hausärztin kontaktieren, um herauszufinden, wie man am schnellsten zu den Ergebnissen eines Vaterschaftstests kam.

Gabbys Hände zitterten, als sie den Schlüssel ins Schloss ihrer Eingangstür steckte. Die Heimfahrt hatte sich ewig hingezogen, weil es auf der Landstraße einen Stau wegen eines Unfalls gegeben hatte. Sie hielt kurz inne und legte ihre Stirn gegen die Tür, neben der Bellas winzige Wanderstiefel standen. Gabby konnte direkt ihre kleine Hand in ihrer fühlen. Bella liebte es, mit ihr und Elsie auf dem schmalen Wanderpfad zu laufen, der in der Nähe ihres Apartmentkomplexes begann.

Gabby spürte einen Kloß im Hals. Ihre eigene Mutter war auf einem Parkplatz von einem Auto überfahren worden, als sie Gabbys Kuchen für die Highschool-Abschlussparty abholen wollte. Da Gabby da schon achtzehn gewesen war, hatte sie von einem Moment auf den anderen allein dagestanden – mit der Aufgabe, eine Beerdigung zu organisieren und ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Eigentlich hatte sie vorgehabt, bei ihrer Mom zu wohnen, während sie aufs College ging und sich ab und zu etwas dazuzuverdienen. Stattdessen hatte sie einen Vollzeitjob als Kellnerin angenommen und ein Online-College absolviert. Es war nicht leicht gewesen, aber so hatte sie kaum Zeit gehabt, zu trauern oder sich einsam zu fühlen.

Dennoch war ihr dadurch jetzt ständig bewusst, wie verletzlich Bella war. Ihr Vater musste sie anerkennen, damit sie jemanden hatte, falls Gabby etwas zustieß. Und er sollte eine positive, liebevolle Präsenz in ihrem Leben sein.

Erst jetzt wurde ihr so richtig klar, was alles auf dem Spiel stand, und ihr wurde richtig schlecht. Doch Selbstmitleid brachte nichts. Sie drehte den Schlüssel herum und öffnete die Tür.

„Ich bin wieder da“, rief sie leise.

Sie streifte im Flur die Schuhe ab und ging dann leise ins Wohnzimmer, wo Rylee mit Elsie auf der Couch saß und eine alte Liebeskomödie schaute. Der Ton war so leise gedreht, dass fast nichts zu hören war.

Der Babymonitor lag auf dem Tisch und auf dem Display war Bella in ihrem Bettchen zu sehen, die ihr Lieblingsplüschtier Kitty-Kitty im Arm hielt und selig schlief.

Rylee klopfte neben sich auf die Couch. „Wie ist es gelaufen?“

„Na ja, es war keine komplette Katastrophe“, erwiderte Gabby, während sie die Jeansjacke abstreifte und sich seufzend auf die Couch sinken ließ.

„Das klingt ja nicht so toll.“ Rylee verzog das Gesicht. „Möchtest du ein Glas Wein?“

Sie goss ihnen beiden ein. Da Rylee im selben Apartmentkomplex wohnte, konnte sie zu Fuß nach Hause gehen.

Gabby war dankbar, nach dem anstrengenden Abend noch mit jemandem reden zu können. „Er besteht auf einen Vaterschaftstest“, sagte sie.

Ihre Stimme zitterte dabei, aber sie schaffte es, nicht in Tränen auszubrechen. Elsie jaulte leise auf und krabbelte auf ihren Schoß. Dankbar vergrub Gabby die Finger in ihrem weichen Fell.

„Das war wohl zu erwarten bei dem Hintergrund“, seufzte Rylee.

„An seinem Geld bin ich nicht interessiert“, sagte Gabby. „Und es nervt mich, dass die Leute das zuerst denken werden. Wir kommen gut alleine klar.“

„Das weiß ich doch.“ Rylee streichelte ihren Arm. „Aber er nicht.“

„Außerdem hat er behauptet, keine meiner Nachrichten bekommen zu haben. Nicht mal die Briefe.“

„Aber hattest du die nicht sogar per Einschreiben geschickt?“

Gabby nickte. „Mist. Das habe ich vorhin gar nicht erwähnt.“

„Du hattest ja auch anderes im Kopf. Und wie geht es jetzt weiter?“

„Wir machen den Vaterschaftstest.“ Wieder seufzte Gabby und kuschelte sich tiefer in die weichen Kissen, während auf dem Bildschirm das glückliche Paar heiratete, bevor der Abspann einsetzte. „Ich kann ihn ja verstehen, aber es ist trotzdem irgendwie beschämend. Ich hätte nie gedacht, dass mir mal so was passiert.“

„Wenn er schwarz auf weiß sieht, dass er der Vater ist, wird er schon die Kurve kriegen“, sagte Rylee tröstend. „Und falls nicht, hast du immer noch mich.“

Gabby musste lachen und wäre gleichzeitig fast doch noch in Tränen ausgebrochen. Sie umarmte ihre Freundin und drückte sie fest an sich.

Autor

Sasha Summers
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