Das Abenteuer, das man Liebe nennt

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Der Archäologe Ben Maddox gilt als skrupelloser Schatzjäger, dem die Wissenschaft egal ist: Das weiß Ava genau, und trotzdem kann sie ihm nicht widerstehen, als er an der Uni ihre Nähe sucht. Seine funkelnden Blicke versprechen ihr aufregende Abenteuer und sinnliche Nächte! Sie ahnt nicht, warum Ben sie so heiß umwirbt und sie zugleich verlockt, mit ihm in der kalifornischen Wüste nach einem legendären Edelstein zu suchen: aus Leidenschaft – aber auch, weil sie ein Teil seines infamen Racheplans ist …


  • Erscheinungstag 03.03.2026
  • Bandnummer 052026
  • ISBN / Artikelnummer 9783751541701
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Penny Roberts

Das Abenteuer, das man Liebe nennt

PROLOG

„Was schreibst du denn da? Lass doch mal sehen!“ Ruby versuchte, über die Schulter ihrer Freundin Ava einen Blick in das Scrapbook zu erhaschen, an dem sie alle nun schon seit Wochen arbeiteten.

Sie alle, das waren Ruby, Ava und ihre besten Freundinnen Harper und Seraphina. Sie waren fünfzehn Jahre alt und wohnten in der Elm Street, einer ruhigen Sackgasse am Rand des Örtchens Willowbrook.

Ava klappte das Album zu, wobei sie ihren Finger zwischen die Seiten steckte, um sie nicht zu verschlagen. „Nicht gucken“, tadelte sie. „Wir waren uns doch einig, dass jeder erst seinen Eintrag fertig macht, bevor wir uns am Ende das ganze Buch zusammen ansehen.“

Das Scrapbook war Rubys Idee gewesen. Sie hatte vorgeschlagen, dass sie darin ihre Wünsche und Träume für die Ewigkeit festhalten sollten, um später, als Erwachsene, zu sehen, was daraus geworden war.

Ihre Freundinnen waren gleich begeistert von der Idee gewesen.

„Wir wissen doch eh alle, was du werden willst“, sagte Harper, die gerade über die Leiter in das Baumhaus, das ihre Väter vor Jahren am Waldrand für sie gebaut hatten, geklettert kam. Sie schürzte die Lippen und machte laute Knutschgeräusche. „Natürlich Billy Johnsons Frau!“

Ava lief rot an. „Unsinn“, murmelte sie. „Billy geht mit Amber Harsten. Und mein Traum für die Zukunft ist es auch nicht, irgendjemandes Frau zu werden.“ Sie seufzte. „Ich will Abenteuer erleben wie Tiffany Temple, die Heldin aus meiner Lieblingsromanreihe. Die ist Archäologin und superschlau und braucht keinen Billy Johnson, um glücklich zu sein.“

„Dafür müsstest du aber studieren“, gab Seraphina zu bedenken. „Glaubst du, deine Eltern könnten dir das bezahlen?“

Ava zuckte mit den Schultern. „Vielleicht? Und wenn nicht, dann werde ich das schon irgendwie allein hinbekommen. Aber jetzt stört mich nicht länger, sonst kriege ich meinen Eintrag nie fertig.“ Sie klappte das Buch wieder auf, tippte sich mit der Rückseite des Stifts gegen die Lippen und schrieb weiter …

1. KAPITEL

Zehn Jahre später

Der alte Baum stand noch. Knorrig und vernarbt ragte er wie ein stummer Zeuge der Vergangenheit über ihnen auf. Das Baumhaus, in dem Ava und ihre Freundinnen so viele fröhliche Sommertage verbracht hatten, war nach all der Zeit überraschend gut erhalten. Die dicken Äste trugen es noch immer, und obwohl die Leiter, die nach oben führte, ein paarmal bedenklich gewackelt hatte und die Holzbohlen unter ihrem Gewicht knarrten, hatte die Hütte die Jahre besser überstanden als ihre Freundschaft.

Ava unterdrückte ein Seufzen. Alles hier rief nostalgische Erinnerungen in ihr hervor. Erinnerungen an bessere Zeiten, als die Dinge noch einfach und unkompliziert gewesen waren.

Zehn Jahre waren ins Land gestrichen, seit sie Willowbrook verlassen hatte.

Zehn Jahre, in denen viel passiert war.

Und nun standen sie sich wieder gegenüber, und es war kein fröhliches Wiedersehen.

Denn Ruby war tot.

Bei ihrer Trauerfeier hatten sie sich gestern zum ersten Mal alle wiedergetroffen. Es war steif und förmlich gewesen, ganz anders als früher. Aber vermutlich war das nicht allzu erstaunlich angesichts der Tatsache, dass sie sich zehn Jahre nicht mehr gesehen hatten und nun am Grab ihrer Freundin standen. Und wenn man bedachte, dass sie im Streit auseinandergegangen waren.

Ava konnte sich inzwischen kaum noch daran erinnern, warum sie sich derart in die Haare geraten waren, dass ihre Freundschaft daran zerbrochen war. Es konnte nichts Wichtiges gewesen sein, doch es hatte so vieles zerstört.

Heute, bei der Testamentseröffnung, zu der sie alle – sehr zu ihrer Überraschung – eingeladen worden waren, hatte es sich nicht besser verhalten.

„Ich verstehe nicht, warum sie das von uns verlangt“, sagte Seraphina leise. Sie hielt das alte Scrapbook in den Händen, das Ruby all die Jahre aufbewahrt hatte. Das Buch, in dem sie ihre Wünsche und Träume für die Zukunft niedergeschrieben hatten. Damals, als sie noch jung und voller Hoffnung gewesen waren.

Ava zuckte mit den Schultern. „Es stand doch in ihrem Testament. Sie wollte uns an unsere Träume erinnern.“

Was hatte sie damals nicht alles vorgehabt? Avas Traum war es gewesen, Archäologin zu werden, Reisen an die entlegensten Orte der Welt zu machen, um dort Abenteuer zu erleben und Geschichte zu schreiben.

Und was war daraus geworden?

Seufzend strich sie sich eine Strähne zurück hinters Ohr. Sie war Archäologin geworden, zumindest das hatte sie geschafft. Von der Erfüllung ihrer anderen Träume aber könnte sie kaum weiter entfernt sein.

Und nun war sie hier, in Willowbrook, und ihre verstorbene Freundin hielt ihr mit ihrem letzten Willen den Spiegel vor.

Harper war die Letzte, die das Baumhaus betrat. Obwohl sie aussah, als wäre sie gerade auf dem Weg zu einer Modenshow auf der New York Fashion Week, konnte sie die dunklen Ringe unter ihren Augen doch nicht ganz verbergen.

Nun, zumindest hatte Harper geschafft, woran Ruby, Seraphina und sie selbst gescheitert waren: Ihr großer Traum – Modedesignerin zu werden – hatte sich erfüllt. Vermutlich sollte Ava sich für ihre Freundin freuen, doch sie konnte das Gefühl von Neid nicht ganz unterdrücken.

Nicht zum ersten Mal fragte sie sich, was sie eigentlich hier machte. Sicher, sie hatte Ruby die letzte Ehre erweisen wollen. Immerhin war sie die Einzige gewesen, mit der jede von ihnen über die Jahre weiter Kontakt gehalten hatte.

Aber das hier? Das Scrapbook? Das Baumhaus? Warum tat sie sich das an?

Seraphina öffnete das Buch, dessen leicht vergilbtes Papier leise knisterte. Mitten auf die erste Seite war eine Fotografie geklebt, die sie alle vier zeigte, wie sie mit Zahnspangengrinsen in die Kamera strahlten.

„Schaut“, sagte Seraphina und strich mit dem Finger über Rubys verschnörkelte Handschrift, die auf der zweiten Seite zu lesen war.

Ich will Astronautin werden und ins Weltall fliegen.

„Dummerweise hat ihre Krankheit ihr einen Strich durch die Rechnung gemacht“, bemerkte Harper nüchtern.

Die Stille, die sich im Baumhaus ausbreitete, war bedrückend. Nicht nur Ruby hatte es nicht geschafft, ihre Träume zu erreichen. Aber die Gründe für das Scheitern der anderen waren bei Weitem nicht so überzeugend.

Ava schaute zum Fenster des Baumhauses hinaus in den Wald. Sie erinnerte sich an die langen Sommernächte, in denen sie hier mit den anderen gesessen und davon geträumt hatte, die Welt zu entdecken. Damals war alles möglich gewesen. Heute fühlte es sich an, als wäre das eine Ewigkeit her.

Doch Rubys letzter Wunsch war es gewesen, dass sie sich gemeinsam noch einmal hier, am Ort ihrer Kindheit, dieses verflixte Scrapbook anschauten und – sollten sie es bisher nicht geschafft haben – noch einmal versuchten, ihre Träume zu verwirklichen.

„Also“, sagte Harper seufzend und legte ihren Mantel auf dem grob geschnitzten Tisch in der Ecke ab. „Worauf warten wir noch? Bringen wir es hinter uns.“

Ava nickte. Zumindest diesen Teil ihres letzten Wunsches konnte sie Ruby erfüllen. Was den anderen betraf, bei dem es darum ging, ihre geplatzten Träume zu verwirklichen, war sie sich nicht so sicher.

Doch sie würde es zumindest versuchen.

Für Ruby.

Und auch für sich selbst.

***

Zwei Monate später

Goldenes Licht sickerte durch das rechteckige Sprossenfenster direkt unter der Decke und tauchte den winzigen Raum in ein Spiel aus Licht und Schatten. Staubpartikel schienen bewegungslos in der Luft zu schweben, und abgesehen vom Ticken der Uhr über der Tür war nur das Kratzen von Avas Stift auf dem Papier zu hören.

Als sie sich aufsetzte, war sie nach Stunden des gebeugten Sitzens so verspannt, dass jeder einzelne Wirbel erst wieder in seine richtige Position rutschen zu müssen schien. Sie streckte sich und seufzte erleichtert, als der Schmerz ein wenig nachließ. Inzwischen war es schon fünfzehn Uhr. Sie legte den Stift auf den letzten von einem Stapel von Aufsätzen, die sie in den vergangenen Tagen gelesen, zusammengefasst und mit einem Notenvorschlag versehen hatte. Wenn sie hiermit fertig war, wollte sie in ihrem ganzen Leben nie wieder etwas über die Korrosion antiker Metalle in feuchten Böden lesen.

Nicht, dass der Professor auf ihre Wünsche Rücksicht nehmen würde.

Seufzend machte sie sich wieder an die Arbeit. Ein Aufsatz noch, dann hatte sie es endlich geschafft. Sie drehte eine Strähne, die sich aus dem Zopf gelöst hatte, um den Zeigefinger der linken Hand, während sie sich mit der rechten weiterhin Notizen machte.

Sie war gerade fertig geworden, als sich die Tür zum Korridor mit einem Knarren öffnete. Es war nicht nötig, aufzublicken – sie wusste auch so, dass es Professor Thornton war. Niemand sonst verirrte sich in diese winzige Abstellkammer, die sie ihr Büro nannte. Wozu auch? Inzwischen erinnerte sich vermutlich niemand mehr daran, dass sie existierte. Wer war sie denn schon? Die kleine Assistentin des Professors, mehr nicht.

„Ava“, sagte Thornton, und in seiner Stimme klang, wie immer, eine subtile Schärfe mit. „Sind Sie endlich mit den Aufsätzen fertig?“

Ava holte tief Luft, zwang ein Lächeln auf ihre Lippen und sah auf. Thorntons Statur war nicht übermäßig beeindruckend, er war weder besonders groß noch besonders klein. Nicht muskulös, aber auch nicht schmächtig. Es war nicht sein äußeres Erscheinungsbild, mit dem er es schaffte, mühelos klarzustellen, wer das Sagen hatte.

Er war ein Mann, der mit der Selbstverständlichkeit von Macht und Autorität durch die altehrwürdigen Flure der Universität von Berkeley schritt. Er brauchte keine lauten Worte, um einem das Gefühl gegeben, absolut und vollkommen wertlos und unter seinem Niveau zu sein. Seit Ava als Assistentin für ihn arbeitete, hatte er es irgendwie geschafft, Stück für Stück ihr Selbstbewusstsein zum Bröckeln zu bringen.

Sie hatte sich so viel mehr von dieser Position erhofft. Nach ihrem Abschluss in Archäologie und Anthropologie hatte sie geglaubt, dies wäre der nächste große Schritt. In Wahrheit aber verbrachte sie ihre Tage seitdem damit, Professor Thorntons Korrekturen zu erledigen, seine Arbeit zu ordnen und Botengänge für ihn zu übernehmen, während ihre eigenen Interessen zunehmend in den Hintergrund gedrängt wurden.

Aber irgendwie schaffte sie es nie, sich gegen ihn durchzusetzen. Ganz gleich, wie sehr sie sich auch bemühte. Immer, wenn sie auch nur andeutete, dass sie mit dem Status Quo unzufrieden war, kam Thornton mit einer präzise formulierten Spitze daher, die sie sogleich wieder auf ihren Platz verwies.

„Gerade eben“, beantwortete sie seine Frage und deutete mit einem Kopfnicken auf den Stapel mit Arbeiten.

„Gut“, sagte er knapp, durchquerte den Raum und kam vor Avas Schreibtisch zum Stehen. Mit den Fingerspitzen hob er die oberste Seite der zuletzt von ihr korrigierten Hausarbeit an, ehe er sie wieder fallen ließ und Ava direkt ansah. „Den Rest werde ich selbst erledigen. Für Sie habe ich etwas anderes zu tun.“

Ava unterdrückte ein Seufzen. Sie wusste, was jetzt kam. Es war immer dasselbe: Irgendeine Aufgabe, die so banal war, dass es sie innerlich regelrecht zum Kochen brachte. Ihre Tätigkeit für den Professor hatte nichts, aber auch gar nichts mit der Arbeit zu tun, von der sie immer geträumt hatte. Abenteuer, sich mit bedeutender Forschung zu befassen oder vielleicht sogar selbst Entdeckungen zu machen? Davon war sie so weit entfernt wie nur irgend möglich.

Thornton zog eine handgeschriebene Liste aus der Jackentasche seines Tweedjacketts. „Beschaffen Sie mir diese Dokumente aus dem Sonderarchiv der Bibliothek – und zwar zeitnah. Diese Informationen sind von größter Relevanz für meine Arbeit, seien Sie also gründlich.“

Seine Arbeit.

Ihr Anteil an seinen Forschungen wurde schlichtweg unter den Teppich gekehrt. Dennoch schluckte Ava den scharfen Kommentar hinunter, der ihr auf der Zunge lag. Es würde ohnehin nichts bringen. Sie fühlte sich wie die sprichwörtliche Fliege, gefangen in dem Netz, das er um sie herum gesponnen hatte – erst vorsichtig, dann immer enger, bis sie irgendwann keine Energie mehr aufgebracht hatte, gegen ihn aufzubegehren.

Früher hätte sie sich eine solche Behandlung nicht gefallen gelassen. Die alte Ava hätte ihn gefragt, warum er diese Aufgabe nicht selbst übernahm oder wenigstens ab und an zeigte, dass er ihre Expertise zu schätzen wusste. Aber ihr Kampfgeist war irgendwann einfach erloschen – oder vielmehr, er war erstickt worden von Thorntons ständigen Herabsetzungen.

Stattdessen sagte sie schlicht: „In Ordnung.“

Thornton ließ seinen kalten Blick einen Moment länger auf ihr ruhen, so als versuchte er abzuschätzen, ob sie tatsächlich so widerstandlos war, wie sie sich gab. „Schön“, sagte er schließlich, nahm den Stapel mit Aufsätzen und wandte sich ab, um zur Tür zu gehen. „Ich erwarte die Dokumente dann spätestens um sechs auf meinem Tisch. Und Ava?“

Sie schluckte. „Ja?“

„Lassen Sie mich nicht warten.“

Er ging, und die Tür fiel mit einem leisen Klicken ins Schloss. Ava saß noch einen Moment lang reglos da, die Liste in der Hand, und starrte auf die geschlossene Tür. Ein Teil von ihr wollte den Zettel einfach zerknüllen, sie in den Papierkorb werfen, das Büro verlassen und nie wieder zurückkommen.

Doch die Realität sah leider komplizierter aus.

Ava war nicht nur gefangen in den Erwartungen des Professors, sondern auch in ihren eigenen. Sie hatte sich diesen Weg ausgesucht, war diesen Kompromiss eingegangen, in der Hoffnung, dass es irgendwann besser werden würde. Und ein Teil von ihr hoffte noch immer darauf. Denn sich einzugestehen, dass es zwecklos war, würde bedeuten, dass sie die letzten Jahre ihres Lebens vergeudet hatte.

Sie seufzte tief und spürte die angestaute Frustration in ihrer Brust aufwallen. Wann war sie zu dieser Person geworden, die Aufgaben übernahm, ohne sie zu hinterfragen? Die Abenteuer und Forschung gegen Routine und Gehorsam eingetauscht hatte? Der Sommer vor vier Jahren, in dem sie ihren Abschluss gefeiert hatte, schien so weit weg zu sein wie ein Traum, den man am nächsten Morgen kaum noch greifen konnte.

Mit einem resignierten Blick auf die Liste stand sie auf, griff sich ihre Tasche und schlang sich den Tragegurt über die Schulter. Die Universitätsbibliothek lag am anderen Ende des Campus. Wenn die Dokumente pünktlich um sechs auf Thorntons Schreibtisch sein sollten, musste sie sich besser auf den Weg machen.

Als sie das Büro verließ, wehte ihr ein kühler Windstoß entgegen. Der Herbst war gekommen, schneller als erwartet, und sie zog den Mantel enger um sich.

Für Ende September war die Luft bereits reichlich kalt, als Ava kurz darauf die Stufen der alten Fakultät hinabstieg. Das goldene Licht, das durch das dichte Blätterdach der Bäume brach, hatte einiges von seiner Wärme eingebüßt. Laub raschelte unter ihren Schritten, während sie über das Campusgelände schritt.

Die Bibliothek, die sie wie so oft ansteuerte, wirkte an diesem späten Nachmittag noch imposanter als sonst. Die sinkende Sonne spiegelte sich in den hohen Fenstern und tauchte die steinernen Mauern in ein orangerotes Licht. Doch Ava nahm das alles nur am Rande wahr. Ihre Gedanken kreisten um die Liste in ihrer Tasche, um Thornton und um den sich immer enger zuziehende Knoten der Unzufriedenheit in ihrer Brust.

Wie sollte es weitergehen? Wollte sie wirklich auf Dauer all die Dinge für den Professor erledigen, für die dieser sich zu schade war?

Sie ging schneller, ohne es zu merken, die Schultern leicht nach vorn gebeugt, den Blick auf den gepflasterten Weg gerichtet. Es war das dritte Mal in dieser Woche, dass Thornton sie zur Bibliothek schickte, dabei war es gerade einmal Mittwoch.

Seufzend überquerte sie den von hohen, altehrwürdigen Eichen umgebenen Vorplatz der Bibliothek. Er war mit großen, hellen Steinplatten gepflastert, und in regelmäßigen Abständen waren Steinbänke und Tische angeordnet, die gern von den Studenten genutzt wurden, um bei schönem Wetter im Freien zu arbeiten.

Eine breite Treppe mit flachen Stufen führte zu dem riesigen Portal mit Eichentüren hinauf, und während Ava hinaufschritt, spielte sie mit dem Gedanken, einfach umzukehren oder sich am besten gleich auf den Heimweg zu machen. Sollte Professor Thornton doch bleiben, wo der Pfeffer wuchs! Doch in dem Moment, als sie die Tür erreichte, wurde diese von einem Mann geöffnet, der das Gebäude verließ – und Ava ging wie ferngesteuert weiter.

Sie trat in die kühle Stille des Foyers, von dem aus vier Gänge in die verschiedenen Bereiche der Bibliothek führten. Ava ging durch die Doppelflügeltür direkt geradeaus, wo sich auch der Informationsschalter befand.

Ihr eigentliches Ziel war das Sonderarchiv, ein kleiner abgeschiedener Raum im hinteren Teil des Gebäudes, den nur wenige betreten durften. Deshalb musste sie auch zunächst die Schlüsselkarte besorgen, die ihr die Türen auf ihrem Weg öffnen würde.

Hinter der Theke an der Information saß Clara, eine alte Bekannte von ihr, die zur selben Zeit wie sie ihren Abschluss gemacht hatte. Als sie Ava bemerkte, schüttelte sie den Kopf. „Lässt der Alte dich schon wieder die ganze Arbeit für ihn erledigen?“

Resigniert zuckte Ava mit den Schultern. „Du weißt ja, wie er ist. Gibst du mir bitte den Schlüssel fürs Sonderarchiv?“

Clara nickte, öffnete eine Schublade und holte eine Keycard daraus hervor. „Dir brauche ich wohl nicht zu erklären, wie es läuft.“

„Wohl kaum.“

Sie ging die steinerne Treppe hinter der Information hinauf, als plötzlich jemand aus dem Schatten einer Ecke direkt vor ihr auftauchte. Sie war so in Gedanken versunken, dass sie den Zusammenstoß nicht kommen sah und direkt in die Person, die ihr entgegenkam, hineinlief.

Ein dumpfer Aufprall, dann flogen auch schon Papiere und Dokumente durch die Luft.

„Oh Gott!“, stieß Ava entsetzt hervor. „Das tut mir so leid, ich habe Sie überhaupt nicht gesehen!“

Der Mann, mit dem sie zusammengestoßen war, kniete bereits am Boden und sammelte die Unterlagen auf, die er fallen lassen hatte. Ava bückte sich ebenfalls, um ihm zu helfen. Ihre Finger streiften den kühlen Marmor des Bodens, als sie hektisch einige Blätter zusammenraffte.

„Ist schon gut“, sagte der Mann, ohne aufzublicken. „Ich bin manchmal so zerstreut – da ist es ein glattes Wunder, dass so etwas nicht schon viel früher passiert ist.“ Er klang nicht verärgert, eher ein wenig amüsiert. Und als er aufblickte, stockte ihr der Atem. Der Fremde hatte eine bemerkenswerte Erscheinung. Dunkles Haar umrahmte sein Gesicht in leicht zerzausten Wellen. Die hohen Wangenknochen, der markante Kiefer und die ausdrucksstarken braunen Augen verliehen ihm ein fast schon geheimnisvolles Aussehen. Ava konnte außerdem nicht umhin, seine breiten Schultern und die muskulösen Oberarme zu bewundern, die den Stoff seines hellblauen Hemds spannten, dessen Ärmel er bis zu den Ellbogen aufgerollt hatte. Außerdem bemerkte sie ein auffälliges Medaillon in Form einer antiken Münze, das er an einem Lederband um den Hals trug.

„… etwas getan?“

Ava blinzelte. „Was?“

Er lachte leise. „Ich habe gefragt, ob Sie sich bei unserem Zusammenstoß etwas getan haben.“

„Nein, nein.“ Sie schüttelte den Kopf. „Es ist alles in Ordnung. Warum fragen Sie?“

„Nun, Sie haben mich eine ganze Weile einfach nur gedankenverloren angestarrt, da dachte ich …“

Oh, nein!

Hastig reichte Ava ihm eine Handvoll Papiere. „Hier“, sagte sie, als er nicht schnell genug reagierte, um sie entgegenzunehmen.

Um Himmels willen, wie unglaublich peinlich! Sie konnte nicht fassen, dass sie ihn wirklich angestarrt hatte wie ein Teenager seinen ersten Schwarm. Sie wollte am liebsten im Erdboden versinken, aber natürlich hatte sie nicht so viel Glück.

Sie griff nach einem weiteren Blatt, das auf dem Boden lag, merkte aber sofort, dass dieses anders war. Es fühlte sich rau an, wie altes, handgeschöpftes Papier. Außerdem war es auf eine Art und Weise vergilbt, die dafür sprach, dass es schon viele Jahrzehnte, wenn nicht gar Jahrhunderte alt war.

Autor

Penny Roberts

Hinter Penny Roberts steht eigentlich ein Ehepaar, das eines ganz gewiss gemeinsam hat: die Liebe zum Schreiben. Schon früh hatten beide immer nur Bücher im Kopf, und daran hat sich auch bis heute nichts geändert. Und auch wenn der Pfad nicht immer ohne Stolpersteine und Hindernisse war – bereut haben...

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