Bianca Jubiläum Band 9

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MAMI, NIMM DOCH DEN! von MOLLIE MOLAY

Wird der gut aussehende Drew Leslie davon überzeugen können, dass sie einen Mann und viel Liebe in ihrem Leben braucht? Im ganzen Ort werden Wetten abgeschlossen. Am gespanntesten sind Leslies Söhne Jeremy und Tim; schließlich war es ihre Idee, dass Drew ihr neuer Daddy werden soll …


DU BIST MEIN HAUPTGEWINN! von BRENDA HARLEN

Hauptgewinn für Single-Mom Lauryn? Für eine Fernsehshow renoviert der sexy Handwerker Ryder Wallace ihr Haus - und schafft es dabei, auch die Mauer um ihr Herz einzureißen. Aber meint der berüchtigte Playboy es wirklich zum ersten Mal im Leben ernst, oder spielt er bloß mit ihr?


BABYSITTER GESUCHT – DADDY GEFUNDEN von SHIRLEY JUMP

Dalton hat der alleinerziehenden Mutter Ellie versprochen, zwei Tage lang auf ihr Baby aufzupassen. Aber keinen Tag länger, denn die Rolle des Ersatz-Daddys steht ihm nicht! Doch je häufiger Dalton sie sieht, desto mehr sehnt er sich nach einer zärtlichen Liebesnacht mit Ellie …



  • Erscheinungstag 12.09.2026
  • Bandnummer 9
  • ISBN / Artikelnummer 9783751538473
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Mollie Molay, Brenda Harlen, Shirley Jump

BIANCA JUBILÄUM BAND 9

Mollie Molay

PROLOG

„Und was machen wir jetzt, Jeremy? In der ganzen Gegend hier gibt es keinen einzigen Mann, der den Mut hat, es mit Mom aufzunehmen.“

„Stimmt“, bestätigte eine nachdenkliche Kinderstimme. „Ich schätze, da bleibt uns nur noch eins. Wir suchen uns einen Dad aus und kidnappen ihn einfach. Dann halten wir ihn so lange gefangen, bis ihm nichts anderes mehr übrigbleibt, als Mom einen Heiratsantrag zu machen.“

„Wow! Das ist ja eine Wahnsinnsidee!“

„Und ob. Allerdings gibt es da noch ein Problem. Wie bringen wir Mom dazu, ‚ja‘ zu sagen? Sie behauptet doch immer, dass die Männer aus der Umgebung nicht einmal das Pulver wert sind, das man braucht, um sie zur Hölle zu schicken.“

„Denkt sie das etwa auch von uns?“

„Blödsinn. Überlege doch mal, Tim. Ich bin zehn, und du bist gerade acht geworden. Wir zählen nicht.“

„Und wo bekommen wir jetzt jemanden her?“

„Keine Ahnung. Aber nächste Woche findet das Stadtfest statt. Dann kommen viele Touristen. Vielleicht ist ja zufällig ein passender dabei.“

Leslie Chambers war gerade rechtzeitig aus der Tür ihres kleinen Ladens getreten, in dem sie tagsüber die meiste Zeit damit verbrachte, kunstvolle Quiltarbeiten anzufertigen, um das Ende des angeregten Gesprächs ihrer Söhne mitzubekommen. Sie atmete dreimal tief durch, dann packte sie die beiden entschlossen am Kragen und zog sie ins Haus, um ihnen wieder einmal tüchtig die Leviten zu lesen.

1. KAPITEL

Er stammte aus einem kleinen Dorf im Westen von Pennsylvania. Dort hatte er die ersten siebzehn Jahre seines Lebens verbracht – ein eintöniges Leben ohne nennenswerte Höhepunkte. Um ihn herum hatte es nichts gegeben als Landwirtschaft und Langeweile.

Für einen Jungen, der sich nichts sehnlicher wünschte, als endlich ein Mann zu werden und seiner Sehnsucht nach der weiten Welt nachzugeben, war das wenig. Er konnte es nicht erwarten, dem unscheinbaren Dorf den Rücken zu kehren und Felder und Weideland hinter sich zu lassen. Als er dann endlich genug Geld zusammen hatte, um auf eigenen Füßen stehen zu können, zog er fort von seiner Tante und seinem Onkel, die sich um ihn gekümmert hatten, nachdem seine Eltern bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren. Da er sich bei den beiden niemals richtig zu Hause gefühlt hatte, fiel ihm der Abschied allerdings leicht.

Von dem Tag an, als er auf sich allein gestellt war, gab es keine Langeweile mehr. Sein Leben war das reinste Abenteuer, und er zog unermüdlich von Ort zu Ort. Erst seit einiger Zeit spukte ihm ein merkwürdiger Gedanke im Kopf herum. Er konnte ihn nicht genau definieren. Noch nicht. Es war, als wäre er auf der Suche nach irgendetwas. Manchmal glaubte er ganz fest daran, irgendwann einmal einen Schatz zu finden.

Drew hing noch seinen Gedanken nach, als er in einiger Entfernung eine junge Frau bemerkte, die ihm in eiligem Galopp entgegenritt.

Obwohl sie einander nie vorgestellt worden waren, wusste er sofort, dass es sich um die neue Bürgermeisterin von Calico handeln musste. Sie war die einzige gewesen, die sich für den verantwortungsvollen Posten zur Verfügung gestellt hatte. Das aufbrausende Temperament dieser Frau war bis über die Grenzen von Calico hinaus bekannt, und wenn es um Männer ging, besaß sie angeblich ein Herz aus Eis.

Als die junge Frau – sie mochte so Anfang Dreißig sein – jetzt auf seiner Höhe war, brachte sie ihr Pferd mit einem entschlossenen Ruck zum Stehen. Ihr rotbraunes Haar glänzte in der heißen Mittagssonne, und über den hohen Wangenknochen war die makellose Haut leicht gerötet. Ein erregtes Funkeln in ihren Augen ließ keinen Zweifel daran, dass ihr plötzliches Auftauchen von äußerster Dringlichkeit sein musste.

Drew blieb ebenfalls stehen und musterte unverhohlen die außergewöhnliche Erscheinung.

Wie auch der Rest der Bevölkerung von Calico war sie nach der Mode des vorigen Jahrhunderts gekleidet. Sie trug ein Westernkleid, dessen weiter Rock mehr von ihrer weiblichen Figur verbarg, als er preisgab. Bei dem rasanten Haltemanöver wurde allerdings eine enganliegende Jeans darunter sichtbar, die auf seltsame Art und Weise zwei völlig verschiedene Welten miteinander verband.

Die kleine Stadt im Wilden Westen hatte sich in den vergangenen Jahren in eine Art Touristenattraktion verwandelt. Hier schien die Zeit stehengeblieben zu sein, und jedermann wollte die ‚Geisterstadt‘, wie sie genannt wurde, sehen.

„Ich brauche Ihre Hilfe“, erklärte die Frau, ohne zu grüßen.

„Sind Sie immer so direkt?“, fragte Drew trocken und schob seinen alten Texashut aus der Stirn in den Nacken. Er blinzelte in ihre Richtung und war von dem kühlen abweisenden Ausdruck ihrer Augen beeindruckt. „Wissen Sie“, fuhr er gelassen fort, „ich habe es mir zum Prinzip gemacht, mich immer zuerst nach den Namen der Leute zu erkundigen, mit denen ich ins Geschäft kommen möchte.“

Leslie Chambers atmete tief durch. Wenn sie diesen Mann nicht so dringend gebraucht hätte, hätte sie ihn spätestens jetzt zum Teufel gejagt. Genauso wie sie es mit der übrigen männlichen Bevölkerung der nachgebauten Silberminenstadt auch getan hatte. Doch diesmal musste sie behutsamer vorgehen. Sie hatte ein Anliegen, das keinen Aufschub duldete. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als sich höflich vorzustellen und sich für ihr ungehobeltes Benehmen zu entschuldigen, wenn sie nicht riskieren wollte, dass er sie abblitzen ließ.

„Entschuldigen Sie bitte. Ich war wohl etwas voreilig. Mein Name ist Leslie Chambers. Mir gehört der kleine Laden am Ende der Straße.“ Sie wischte sich die staubige Hand an ihrem weiten Rock ab und streckte sie dem gutaussehenden Fremden entgegen.

„Drew McClain“, erwiderte er und nahm ihre Hand. „Aber das wussten Sie sicher schon. Sonst hätten Sie mich ja wohl kaum erwartet.“

Stirnrunzelnd betrachtete Leslie den Fremden von Kopf bis Fuß. Ihr entgingen weder das dichte braune Haar noch die staubigen Cowboystiefel, und erst als sie das amüsierte Lächeln bemerkte, mit dem er sie beobachtete, errötete sie. Automatisch kämpfte sie gegen das seltsame Gefühl an, das dieser große, athletische Mann mit dem sonnengebräunten Gesicht in ihr auslöste. Trotz seiner gelassenen Haltung ging eine natürliche Autorität von ihm aus, die Leslie verunsicherte. Sie hatte das Gefühl, dass er ihre intimsten Gedanken lesen konnte, und das verstehende Lächeln um seinen Mund bestätigte diese Vermutung. Wäre sie nicht in einer Zwangslage gewesen, hätte sie ihr Pferd wortlos gewendet und ihn stehenlassen.

„Sie haben recht. Ich habe Sie erwartet, weil der Sheriff Ihr Kommen angekündigt hat. Sie werden also von jetzt an als Hilfssheriff für die Sicherheit in Calico sorgen?“

„Ja, zumindest vorübergehend. Bis das Stadtfest vorbei ist.“ Er sah sie fragend an. Was wollte sie eigentlich von ihm?

„Sehr gut“, entgegnete sie und zwang sich zu einem Lächeln. „Ich brauche Ihre Hilfe in einer bestimmten Angelegenheit. Sie werden doch bestimmt mindestens eine Woche hierbleiben, oder?“

„Eine Woche?“ Nachdenklich holte Drew einen Zahnstocher aus seiner Westentasche. „Offen gestanden wollte ich meinen Aufenthalt hier nicht unnötig ausdehnen. Wieso muss es gleich eine Woche sein?“

„Das werden Sie gleich erfahren, Mr. McClain.“ Sie deutete mit der Hand in Richtung Saloon, wo einige Männer Leslies Verhandlungen mit Drew beobachteten. „Könnten wir vielleicht irgendwo hingehen, wo wir ungestörter sind? Lassen Sie uns dort drüben ins Café gehen und einen Kaffee trinken.“

„Wie Sie wünschen, Madam“, erwiderte er, und sein sehnsüchtiger Blick Richtung Saloon ließ keinen Zweifel daran, dass er ein anderes Getränk vorgezogen hätte.

„Nun, was kann ich für Sie tun?“, fragte Drew, nachdem sie an einem kleinen Tisch im Café Platz genommen hatten. Er ließ drei Stücke Zucker in seine Tasse fallen und sah Leslie erwartungsvoll an. „Ich liebe heiße süße Getränke, genauso, wie ich alles andere liebe, was heiß und süß ist“, fuhr er vieldeutig fort, als sie immer noch schwieg. Er wusste selbst, wie anzüglich seine Bemerkung war, doch irgendetwas in ihm zwang ihn dazu, in dieser attraktiven Frau nicht nur die Bürgermeisterin zu sehen. Er hatte so eine Ahnung, dass dort unter diesem harten Kern eine echte Frau mit leidenschaftlichen Gefühlen verborgen war.

„Wenn Sie mich abschrecken wollen, müssen Sie sich schon etwas anderes einfallen lassen“, kommentierte sie verächtlich. „Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie solche Bemerkungen in Zukunft unterlassen würden. Hier geht es ums Geschäft.“

„Also gut. Ich höre.“

„Ich brauche einen Babysitter“, erklärte sie geradeheraus. „Für meine beiden Jungs“, fügte sie nach einer kurzen Pause erklärend hinzu.

„Einen Babysitter?“, wiederholte Drew ungläubig und verschluckte sich prompt an seinem Kaffee. „Hey, Lady, ich befürchte, da sind Sie bei mir falsch. Meinen Sie nicht, dass eine Frau für diesen Job besser geeignet wäre?“

„Auf gar keinen Fall“, erwiderte sie energisch. „Nach allem, was ich mit diesen Jungs in der letzten Zeit durchgemacht habe, bin ich fest davon überzeugt, dass mir nur noch jemand helfen kann, vor dem sie großen Respekt haben. Und wer sonst sollte das sein, wenn nicht der Mann, der für Gesetz und Ordnung eintritt.“

Drew lächelte sie beinahe mitleidig an, während er sich den Kaffee vom Kinn wischte, den er gerade vor Schreck verschüttet hatte. Was immer die Jungen angestellt haben mochten, sie waren mit Sicherheit nicht schlimmer als er selbst in diesem Alter. Wie oft hatte man ihn ermahnt, ein anständiger Junge zu sein und sich von allem fernzuhalten, was nach Ärger aussah. Ersteres hatte er problemlos befolgt. Er war immer aufrichtig und anständig gewesen. Letzteres hatte ihm jedoch mit zunehmendem Alter häufig sehr zu schaffen gemacht.

Außerdem schien die junge Frau, die ihm da gegenübersaß, zu den Menschen zu gehören, die den Ärger geradezu anzogen. Das zornige Funkeln in ihren grünen Augen faszinierte ihn. Er war kein Mann, der Problemen aus dem Weg ging, aber Babysitten war nicht unbedingt das, wozu er sich berufen fühlte. Wenn er sich überhaupt dazu entschloss, ihr weiter zuzuhören, tat er es aus purer Neugier. Je wütender sie wurde, desto schöner fand er sie.

Eins war sicher. Bei der Mutter konnten die beiden Jungen keine normalen Kinder sein.

„Warum erzählen Sie mir nicht einfach, was los ist“, forderte er sie schließlich höflich auf und beschloss, ihr fünf Minuten zu geben, bevor er sich bedauernd zurückziehen würde.

Leslie atmete tief durch und überlegte kurz, wo sie anfangen sollte. Zu berichten gab es wahrlich genug. Nur den neuesten Plan ihrer beiden Söhne würde sie geflissentlich für sich behalten. Sie fürchtete, dass Drew sonst möglicherweise fluchtartig das Café verlassen könnte.

„Seit die Ferien vor zwei Wochen begonnen haben ist bei uns die Hölle los.“

Drew, der sich Kaffee hatte nachschenken lassen, ließ weitere Zuckerstückchen in seine Tasse gleiten und zog gespannt die Augenbrauen hoch.

„Darf ich fragen, wie alt Ihre Söhne sind?“

„Jeremy ist zehn und Tim acht Jahre alt.“

Drew atmete erleichtert auf. In diesem Alter konnten sie wohl noch nichts allzu Gesetzwidriges angestellt haben, außer dass sie vielleicht ein paar Cent für Süßigkeiten stibitzt hatten.

„Jeremy und Tim sind einfach eine Katastrophe. Sie werden kaum glauben, wozu die beiden in der Lage sind.“

„Na, dann erzählen Sie mal.“ Drew setzte seine Kaffeetasse ab und lehnte sich lässig zurück.

„Sie haben beispielsweise Häute von Klapperschlangen gesammelt, um sie an Touristen zu verkaufen.“

„Hoffentlich nicht von lebenden Klapperschlangen“, meinte er und versuchte, ein Lächeln zu verbergen.

„Nein. Aber wundern würde es mich nicht. Sie schleppen alles an, was sich bewegt. Sie spielen mit sämtlichen Tieren, die sie entdecken können. Ich finde, die Wüste ist ein ziemlich gefährlicher Spielplatz für kleine Jungen. Schließlich gibt es dort auch lebende Klapperschlangen und wer weiß, was sonst noch alles.“

Drew nickte zustimmend. Auch er mochte keine Klapperschlangen. Dennoch schloss er aus ihrer Erzählung, dass Jeremy und Tim wohl eher kleine Abenteurer als echte Desperados waren.

„Letzte Woche haben sie mein Auto genommen und sind damit in den Graben gefahren. Wir mussten einen Abschleppwagen holen, um es wieder herauszuziehen.“

„Ich finde, es gibt Schlimmeres“, bemerkte Drew schmunzelnd. Er dachte daran, wie er sich seinerzeit den Wagen seines Onkels „geborgt“ hatte, was ihm allerdings eine gehörige Tracht Prügel eingebracht hatte.

Leslies Stimme wurde härter, als sie fortfuhr. „Und was halten Sie davon, dass die beiden letzte Woche beim Nachbarn ein Kalb ‚ausgeliehen‘ haben, um darauf zu reiten? Sie wollten für das Rodeo am Wochenende trainieren.“ Leslie schwieg einen Augenblick, um die Bedeutung ihrer Worte erst einmal sacken zu lassen.

„Seien Sie froh, dass sie keinen richtigen Stier genommen haben. Ich finde, für Jungs in dem Alter ist das alles völlig normal.“

„Das ist noch nicht alles“, winkte sie ab, bevor er weiterreden konnte. „Als sie das Kalb wieder zurückbrachten, haben sie vergessen, das Gatter wieder zu schließen. Sämtliche Tiere liefen frei in der Stadt herum und haben alles Mögliche zertrampelt. Da war vielleicht eine Panik.“

„Hat es Verletzte gegeben?“, fragte Drew ein wenig ernster.

„Nicht direkt. Außer einem verstauchten Daumen und ein paar Kratzern ist nichts passiert.“ Leslie holte tief Luft und sah ihn herausfordernd an. „Ach ja, einige Fensterscheiben mussten noch dran glauben. Ich musste anschließend nicht nur für den ganzen Schaden aufkommen, sondern habe mir auch noch die Beschwerden der Leute anhören müssen.“

Drew lachte schallend. „Wenn Sie wüssten, wie gut ich die Kinder verstehen kann. Jeder Junge in dem Alter träumt davon, beim Zirkus zu sein oder an einem Rodeo teilzunehmen.“

„Das ist keine Entschuldigung.“ Sie sah ihn wütend an. „Finden Sie denn nicht, dass es an der Zeit wäre, den Jungs beizubringen, dass es Grenzen gibt?“ Nach einer kurzen Pause fügte sie geheimnisvoll hinzu: „Im Augenblick planen sie übrigens, jemanden zu kidnappen.“

„Kidnappen?“ Drew schob die leere Kaffeetasse von sich. „Das ist allerdings schon etwas anderes“, meinte er ernst. „Gibt es denn hier in der Gegend jemanden, der so wohlhabend ist, dass es sich lohnt, ein Lösegeld zu erpressen?“

„Von Lösegeld war nicht die Rede“, entgegnete Leslie und errötete bei dem Gedanken daran, wozu diese geplante Entführung dienen sollte.

„Dann kann ich auch hierin nichts besonders Ungesetzliches entdecken. Es ist nicht mehr als ein Dumme-Jungen-Streich.“

„Aber aus so etwas kann leicht etwas Ungesetzliches werden“, beharrte sie und ballte die Hände zu Fäusten.

„Für mich ist diese Entführungsgeschichte das Witzigste, was ich je gehört habe.“

„Um ganz ehrlich zu sein, nach allem, was Sheriff Carrey über Sie erzählt hat, hatte ich ein wenig mehr als alberne Kommentare von Ihnen erwartet“, entgegnete sie frostig.

Drew sah sie nachdenklich an. Das war sie also, die „Eislady“, von der die Leute sich hier erzählten. Er wusste nicht allzu viel über sie, aber er hatte gehört, dass es in der kleinen Stadt nicht einen einzigen Mann geben sollte, an dem sie auch nur das geringste Interesse hatte. Es wäre interessant herauszubekommen, wo ihre Abneigung gegen das starke Geschlecht herrührte. Leider würde es wahrscheinlich viel zu lange dauern. Und er war nicht gewillt, seine kostbare Zeit zu opfern.

Drew war ein Vagabund. Er hielt es nicht lange an einem Ort aus. Und das letzte, was er sich wünschte, war, sich mit zwei abenteuerlustigen Jungen herumzuplagen. Er musste zusehen, dass er so schnell wie möglich von hier wegkam, denn er spürte deutlich, dass die Anziehungskraft, die diese Frau auf ihn auswirkte, immer stärker wurde.

„Tut mir leid, Mrs. Chambers. Wir können nicht ins Geschäft kommen. Zum einen habe ich bereits einen Job, und zum anderen kann ich nicht besonders gut mit Kindern umgehen.“

„Ist das Ihr letztes Wort?“ Leslie kniff die Augen zusammen.

„Sheriff Carrey, der zufällig ein guter Freund von mir ist, hat mich gebeten, in Calico so lange den Hilfssheriff zu spielen, bis das Stadtfest vorüber ist. Ich habe ihm zuliebe den Job angenommen, obwohl ich weiß, dass das Ganze nur eine Riesenshow ist. Trotzdem werde ich meinen Auftrag mit der gebührenden Ernsthaftigkeit ausführen.“

Leslies durchdringender Blick ließ ihm regelrecht die Nackenhaare zu Berge stehen. „Ihnen ist doch wohl klar, dass ich als Bürgermeisterin von Calico das Recht habe, Sie damit zu beauftragen, auf meine Kinder aufzupassen.“

Drew erwiderte ihren eisigen Blick, ohne mit einer Wimper zu zucken. Hatte er jemals so etwas wie Sympathie für diese Frau empfunden, so war diese jetzt wie weggeblasen. Es war an der Zeit, dieses unerfreuliche Zwischenspiel zu beenden. Er war kein Babysitter. Und damit Schluss.

„Damit wir uns richtig verstehen, Mrs. Chambers. Ich lasse mir keine Befehle erteilen – von niemandem. Als mir zum letzten Mal jemand etwas befohlen hat, was ich nicht wollte, war ich vierundzwanzig Stunden später zweitausend Meilen entfernt.“

„Soll das eine Drohung sein, Mr. McClain?“

„Nein, Madam.“ Er warf eine Fünf-Dollar-Note auf den Tisch und beugte sich dichter zu ihr hinüber. „Es ist ein Versprechen.“

Mit einer solchen Reaktion hatte Leslie nicht gerechnet. Doch als Drew auf dem Absatz kehrtmachte und das Café verließ, blickte sie ihm trotz ihrer Enttäuschung bewundernd nach. Sie war es nicht gewöhnt, dass Männer so mit ihr umsprangen.

Plötzlich wurde Leslie sich der Stille bewusst, die in dem Café herrschte. Sie sah sich um. Sämtliche Gäste starrten sie an. Sie hatten jedes Wort mitgehört. Sogar Maddie Hanks, die Inhaberin des Cafés und eine gute Freundin von ihr, sah sie fassungslos an. Bemerkte Leslie so etwas wie Schadenfreude in ihrem Blick? Leslie straffte die Schultern und sah den Kellner, der soeben das Geld vom Tisch nahm, kühl an. Der Mann wurde rot bis über beide Ohren.

Frank Holliday, der Inhaber von Calicos einzigem Frisiersalon, war der erste, der sich wieder seinem Teller zuwandte, jedoch nicht, ohne vorher eine spaßige Bemerkung zu seinem Tischnachbarn Herb Strawberry, dem Herausgeber der Lokalzeitung gemacht zu haben.

Warum musste es ausgerechnet Herb sein? Leslie rutschte das Herz eine Etage tiefer. Warum ausgerechnet der Mann, dessen Einladungen zum Tanzen sie schon unzählige Male abgelehnt hatte? Und wieso Frank Holliday, der ihr gerade an diesem Morgen gute Ratschläge hinsichtlich des Bürgermeisteramtes hatte geben wollen, und den sie so barsch zurückgewiesen hatte.

In kürzester Zeit würde die ganze Stadt wissen, dass sie Drew McClain vergebens gebeten hatte, sich um ihre Söhne zu kümmern. Und es würde ein Triumph für die meisten Bewohner sein, dass Drew sie so abweisend behandelt hatte. Leslie ärgerte sich über sich selbst. Warum hatte sie ihr Temperament nicht zügeln können? Wieso musste sie sich dieser Blamage aussetzen? Jetzt konnte sie nur noch versuchen, wenigstens teilweise ihr Gesicht zu wahren. Ohne eine Miene zu verziehen, bestellte sie eine weitere Tasse Kaffee und blieb sitzen. Sie dachte ja gar nicht daran, fluchtartig den Raum zu verlassen, obwohl ihr genau danach jetzt der Sinn stand.

Auch wenn sie jetzt zweifellos zum Gespött von Calico werden würde, musste sie in erster Linie weiterhin an ihr vorrangiges Problem denken. Sie hatte immer noch niemanden für die Kinder. Stattdessen sah sie im Geiste schon die Schlagzeilen vor sich: Bürgermeisterin findet ihren Meister oder würden sie sogar wagen, Eislady schreiben?

Leslie wusste, dass man sie allgemein so nannte, aber sie hatte es wohlweislich ignoriert. Dennoch verletzte sie die Meinung der Leute zutiefst. Mit gespielter Gelassenheit leerte sie ihre Tasse, erhob sich ruhig und ging offensichtlich mit der gewohnten Selbstsicherheit zur Tür. Diese hatte sich noch nicht ganz hinter ihr geschlossen, als im Café eine angeregte Unterhaltung laut wurde.

„Anscheinend hat die Eislady ihren Typ gefunden“, stellte Herb Strawberry verächtlich fest. „Wurde aber auch höchste Zeit.“

„Wetten, dass der neue Sheriff den Eisblock zum Schmelzen bringt“, stimmte Frank Holliday zu. „Er wird nicht einmal eine Woche dazu brauchen.“

„Die Wette gilt.“

„Okay. Ich setze eine Rasur und einen Haarschnitt umsonst. Es wird keine Woche dauern, und sie frisst ihm aus der Hand.“

„Eine Rasur und ein Haarschnitt? Mir wären zwanzig Dollar lieber“, entgegnete Herb.

„Na gut, meinetwegen. Ich halte mit. Endlich ist hier mal was los. Vielleicht sollten wir McClain fragen, ob er mitmacht.“

„Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist, Frank. Soviel ich gehört habe, ist McClain ein Ehrenmann. Wir können ihn ja später am Gewinn beteiligen.“

„Wahrscheinlich hast du recht. Komm, wir gehen in mein Geschäft und eröffnen dort ein Wettbüro.“

2. KAPITEL

Die Explosion erschütterte das gesamte Gefängnisgebäude. Der Spiegel, der über dem Waschbecken an der Wand hing, fiel klirrend zu Boden und zersplitterte, und die Fensterscheiben vibrierten. Drew wusste nicht, wie ihm geschah. Danach herrschte wieder absolute Ruhe.

„Was zum Teufel …“, stieß er hervor, schnappte sein Gewehr, band das Pistolenhalfter um und stürzte hinaus auf die Straße.

Maddie Hanks, die Bratpfanne noch in der Hand, Frank Holliday, der gerade seinen Frisiersalon öffnen wollte, Elias Broome, der soeben die kleine Poststelle betreten wollte, – sie alle blieben wie vom Donner gerührt stehen.

Plötzlich – wie auf ein geheimes Kommando – stürmten sie in die Richtung, aus der die Explosion gekommen war. Drew lief vorneweg, auf die riesige Rauchwolke zu, die sich langsam zum Himmel erhob.

Maddie beeilte sich, Drew einzuholen. „Das war bestimmt wieder so ein verrückter Tourist, der den Eingang zu einer Mine freisprengen wollte, um nach Silber zu suchen“, keuchte sie.

„Das glaube ich nicht“, entgegnete Drew skeptisch. „Zum Sprengen braucht man eine Genehmigung. Mir ist nicht bekannt, dass jemand eine beantragt hätte.“

„Es wäre nicht das erste Mal, dass irgendein Wahnsinniger versucht, an die stillgelegten Minen zu gelangen“, meinte Maddie nun völlig außer Atem. „Doc Parsons hat jedes Jahr alle Hände voll zu tun, um die Verletzten zu verarzten.“

Drew konnte jetzt erkennen, dass der Qualm hinter einem der Häuser hervorkam. Hoffentlich war niemand verletzt. Wie hatte das nur geschehen können? War Maddies Vermutung vielleicht doch richtig?

Als der Qualm sich endlich verzog, tauchten drei Gestalten aus dem undurchdringlichen Nebel auf. Erst als die kleine Menschenmenge auf wenige Meter herangekommen war, hatte das Rätselraten ein Ende.

Leslie Chambers, die zwei kleine schluchzende Jungen am Kragen gepackt hielt, blieb direkt vor Drew stehen. Bereits an ihrer Körperhaltung konnte man deutlich erkennen, wie wütend sie war.

Drew ahnte, was vorgefallen war. Er fluchte leise vor sich hin. Sein schlimmster Alptraum wurde in diesem Augenblick wahr. Jetzt hatte er ein paar Kinder am Hals, und er wusste genau, dass er – solange er in Calico blieb – für deren Schutz verantwortlich war.

Drew wollte gerade etwas sagen, doch Leslie kam ihm zuvor. „Nun, Mr. Sheriff, meinen Sie nicht, dass dieser neuerliche Streich Ihre Beachtung verdient?“ Sie sah ihre Söhne wütend an und richtete anschließend ihren funkelnden Blick auf Drew. „Halten Sie es jetzt endlich für nötig, etwas zu unternehmen?“

Leslie schüttelte die beiden Jungen, deren Schluchzen langsam verebbte. „Es ist ein wahres Wunder, dass ihnen nichts passiert ist. Der Schuppen hinter meinem Haus ist allerdings nicht so glimpflich davon gekommen.“ Es war offensichtlich, dass sie ihre Sorge um die Kinder hinter dieser Schimpftirade verbarg, doch plötzlich hielt sie inne. Sie erinnerte sich nur zu gut an Drews Auftritt im Café. Wenn diese Situation sich hier und jetzt wiederholte – vor den Augen der halben Stadt – nicht auszudenken! Sie musste sich also beherrschen.

Bevor Leslie sich den nächsten Schritt überlegt hatte, bemerkte sie, dass Drew offensichtlich nicht einmal Zeit gehabt hatte, sich anzuziehen. Er hatte sich in der Eile ein Handtuch um die Schultern geworfen und stand jetzt halbnackt vor ihr, sodass sie nur ihre Hand hätte ausstrecken müssen, um ihn zu berühren. Kleine Rinnsale von Wasser liefen über seinen kräftigen Oberkörper, auf dem sich die noch feuchten Brusthaare kräuselten, hinab in den Hosenbund, den er noch nicht einmal zugeknöpft hatte. Leslie wurde heiß und kalt. Hastig hob sie den Blick und sah ihm ins Gesicht, wo sie noch Reste von Rasierschaum entdeckte. Auch das braune Haar schimmerte feucht in der aufgehenden Sonne.

Leslie konnte sich nicht erinnern, jemals zuvor einem Mann begegnet zu sein, der so attraktiv war wie Drew McClain. Ein seltsames Gefühl, das sie schon beinahe vergessen hatte, machte sich in einem ganz bestimmten Teil ihres Körpers breit. Hoffentlich merkte niemand, was in ihr vorging. Ein rascher Blick in Drews Augen machte ihr jedoch klar, dass er Bescheid wusste.

Auch ihm war nicht bewusst gewesen, dass er nur sehr notdürftig bekleidet durch die halbe Stadt gelaufen war – barfuß, ohne Hemd, mit halboffener Hose … Und Leslies offensichtliche Reaktion auf ihn trug nicht gerade dazu bei, die Angelegenheit zu entschärfen. Im Gegenteil, ihre Reaktion auf ihn brachte sein Blut in Wallung. Es war unbeschreiblich, welche Gefühle sie in diesen wenigen Sekunden in ihm ausgelöst hatte.

Drew riss sich zusammen. Er murmelte eine Entschuldigung wegen seines Äußeren, knöpfte seine Hosen zu, zog den Reißverschluss hoch und schloss den Gürtel. Er hatte sich in seinem ganzen Leben nicht so nackt gefühlt wie in diesem Moment.

Ein winziger Schnitt, den er sich kurz zuvor beim Rasieren zugefügt hatte, als der Lärm der Explosion ihn so sehr erschreckt hatte, dass ihm die Klinge abgerutscht war, fing zu allem Überfluss auch noch an zu brennen.

Leslie starrte ihn schweigend an. Sein Anblick verwirrte sie. Doch auch wenn eine Zerstreuung ihr gelegentlich ganz willkommen war, musste sie ja nicht gleich in Form eines Mannes auftreten, dessen erotischer Ausstrahlung man sich praktisch nicht entziehen konnte. Noch dazu, wenn sie ausgerechnet diesen Mann, der ihr am Tag zuvor seine Unterstützung so ausdrücklich verweigert hatte, nun noch einmal um Hilfe bitten musste.

„Wie ich Ihnen schon zuvor sagte, Mr. McClain“, fing Leslie schließlich an, „werden Sie nicht umhinkönnen, sich diese beiden hier vorzuknöpfen. Ich habe es immer wieder versucht, aber – wie man sieht – ohne Erfolg.“

Drew antwortete nicht sofort. Zuerst beruhigte er die Leute, die ihm zu der Unglücksstelle gefolgt waren. Dann wandte er sich wieder Leslie zu. „Erzählen Sie mir erst einmal, was hier überhaupt passiert ist.“

„Was passiert ist?“, schrie Leslie fassungslos. „Ja, reicht Ihnen das, was sie hier sehen, denn nicht als Erklärung? Wenn Sie auf mich gehört und von Anfang an ein Auge auf die Jungen geworfen hätten, wäre uns das hier zumindest erspart geblieben.“

„Sie hat recht“, meldete sich eine Stimme aus der Menge zu Wort. Es war ganz still geworden, da niemand etwas von der Unterhaltung verpassen wollte. „Die beiden Jungs sind wirklich eine Plage. Und wenn sie tatsächlich für die Explosion verantwortlich sind, ist es Ihre Pflicht als Hilfssheriff, etwas zu unternehmen.“

„Ist das deine einzige Sorge, Paul?“, wandte Maddie sich an den Sprecher. „Solltest du dich nicht zuallererst einmal fragen, ob jemand verletzt worden ist?“

Paul Stevens, der in Calico eine Metzgerei besaß, schaute Maddie beschämt an. „Aber es ist doch offensichtlich, dass die Kinder unverletzt sind“, verteidigte er sich. „Und sie haben unverschämtes Glück gehabt.“ Das Murmeln, das jetzt laut wurde, bestätigte seine Worte.

Drew überhörte die Einwände der Menge und wandte sich Maddie zu. „Keine Sorge“, sagte er beruhigend. „Ich kümmere mich um die Angelegenheit.“

Drew war so erleichtert darüber, dass niemand zu Schaden gekommen war, dass er beschloss, die Jungen soweit als möglich zu verschonen. Doch ganz ungeschoren durften sie auch nicht davonkommen. Er wollte ihnen zumindest klarmachen, dass dieses „Verbrechen“ hätte ins Auge gehen können. „Ihr kommt mit mir“, forderte er die Jungen auf, während er sich den letzten Rest Rasierschaum vom Kinn wischte.

„Was wollen Sie denn mit uns tun?“, flüsterte Tim sichtlich eingeschüchtert.

„Ja, was werden Sie mit ihnen tun?“, fragte auch Leslie, längst nicht mehr so angetan von ihrer ursprünglichen Überzeugung, dass die Kinder eine starke Hand brauchten.

„Ganz einfach“, erklärte Drew und begann, die beiden vor sich herzuschieben. „Ich werde sie verhören.“

„Verhören?“, wiederholte Leslie verständnislos. „Sie wissen doch alles. Die beiden haben im Graben hinter meinem Laden eine Stange Dynamit gefunden und damit gespielt. Und ehrlich gesagt reicht es mir langsam“, fuhr sie fort. „Ich garantiere Ihnen, das war ihr letzter Streich.“

„Es muss alles seine Ordnung haben, Frau Bürgermeisterin“, entgegnete Drew und hielt die Jungen fest. „Jeder ist solange unschuldig, bis seine Schuld bewiesen ist. Ich werde mir anhören, was die beiden zu sagen haben, bevor ich mir eine Strafe überlege. Eines versichere ich Ihnen, wenn sie wirklich schuldig sind, werden sie den heutigen Tag nie mehr vergessen.“

„Also gut, einverstanden. Aber ganz gleich, was Sie jetzt mit ihnen anstellen, sehen sie zu, dass es in ihrem Gedächtnis haften bleibt. Ich habe diesen Sommer jeden Babysitter, den ich auftreiben konnte, ausprobiert, weil ich mich tagsüber um den Laden kümmern muss, aber keiner von ihnen hat es länger als einen oder zwei Tage ausgehalten.“ Ihre ehrliche Verzweiflung stimmte Drew milder. Er nickte ihr kurz zu und verschwand dann mit den Kindern in Richtung Gefängnis, ehe Leslie doch noch einen Rückzieher machen konnte.

Was glaubte sie eigentlich, was er mit den Jungen anstellen wollte? Hielt sie ihn für ein Ungeheuer? Nur zu schade, dass die beiden keinen Vater hatten, der ihnen erklärte, dass es bestimmte Grenzen gab, die jeder einzuhalten hatte – auch kleine Jungen.

Auch er, Drew, hätte gern einen solchen Vater gehabt. Doch er war noch klein gewesen, als seine Eltern starben. Von da an lebte er bei der Familie seiner Tante, der Schwester seines Vaters, die selbst fünf Kinder hatte, die jünger waren als er. Viel Zeit und Zuneigung blieb dabei nicht für ihn übrig. Da war es mehr als verständlich, dass Drew so schnell wie möglich sein eigenes Leben führen und tun und lassen wollte, was ihm gefiel.

„Oh Maddie, hoffentlich habe ich keinen Fehler gemacht“, sagte Leslie zu der älteren Frau, nachdem alle anderen verschwunden waren. „Drew sah so ärgerlich aus. Hoffentlich bestraft er sie nicht zu hart.“

„Mach dir keine Sorgen, meine Liebe“, tröstete Maddie sie. „Drew ist ein guter Freund des Sheriffs, und der hätte ihn nicht darum gebeten, uns auszuhelfen, wenn er nicht ein prima Kerl wäre. Drew tut deinen Kindern garantiert nichts Schlimmes. Er wird lediglich versuchen, ihnen ein wenig Vernunft beizubringen.“

„Ich bin mit meinem Latein am Ende, Maddie. Das war ihr schlimmster Streich. Glaubst du, dass Drew darauf besteht, sie dem Jugendrichter vorzuführen?“

„Unsinn“, entgegnete Maddie lächelnd. „Er wird ihnen die Leviten lesen und sie dann gehen lassen.“

„Na, das wird sie wohl kaum sonderlich beeindrucken. Wie oft habe ich das schon selbst getan.“ Leslie seufzte. „Ich glaube, ich gehe besser nachsehen, was los ist.“

Drew zog sich gerade ein Hemd über, als Leslie das Gefängnis betrat. Suchend sah sie sich nach ihren Söhnen um, bis sie die beiden schließlich aneinandergekuschelt auf einer Pritsche in einer der Zellen bemerkte.

„Sie haben sie tatsächlich eingesperrt?“, fragte sie.

„Natürlich“, bestätigte Drew, während er sich das Hemd in die Jeans steckte. „Ich bin hier für Recht und Ordnung verantwortlich. Haben Sie das vergessen?“ Drew deutete einladend zu einem Holzstuhl auf der anderen Seite des Schreibtisches. „Setzen Sie sich doch. Sie können selbstverständlich bei dem Verhör dabei sein.“

Beim Klang seiner harten Stimme wurde Leslie sehr ungemütlich zumute. Sicher, sie ärgerte sich über Jeremy und Tim, aber sie hätte nie geglaubt, dass Drew so weit gehen würde. „Sie werden sie doch nicht dem Jugendrichter vorführen“, fragte sie ängstlich.

„Nun, das ist ein interessanter Gedanke … Aber ich denke, darauf werde ich verzichten“, sagte er nachdenklich. „Habe ich es eigentlich richtig in Erinnerung, Frau Bürgermeisterin, dass Sie selbst mich vor wenigen Minuten noch gebeten haben, den Kindern Respekt einzuflößen?“

„Ich weiß, Sie haben ja recht. Ich hätte es allerdings niemals für möglich gehalten, dass sie die beiden gleich einsperren wie zwei Schwerverbrecher.“

Drew betrachtete Leslie einen Augenblick, zuckte mit den Achseln und ging zur Zellentür, um sie zu öffnen. „Die Tür war nicht abgeschlossen“, meinte er gelassen. „Und die beiden wussten, dass sie jederzeit herausspazieren konnten, nicht wahr, Jungs.“

Die Kinder nickten einträchtig. Jeremy hatte seinen Cowboyhut tief in die Stirn gezogen und blickte ängstlich zu Drew hinüber, während Tims Haare wild zu Berge standen. Zwei Tränen rollten über das schmutzige Kindergesicht. Wie angewurzelt blieben sie beide auf der Pritsche sitzen.

„Ich hatte eigentlich die Absicht, von Mann zu Mann mit ihnen zu reden, sobald ich mit dem Anziehen fertig wäre. Aber wenn Sie die beiden mit nach Hause nehmen wollen, können sie selbstverständlich gehen. Entscheiden Sie sich, Gnädigste.“

Leslie zögerte. Ein Gespräch von Mann zu Mann? Aber die beiden waren doch noch Kinder.

Drew und die Jungen tauschten Blicke – eine stille Unterhaltung zwischen Männern, die eine Frau offensichtlich nicht verstehen konnte. Dass sie das Gefängnis nicht sofort verlassen hatten, nachdem Drew die Tür geöffnet hatte, bewies, dass sie ihn als Autorität akzeptierten und bereit waren, für ihr Vergehen geradezustehen.

Drew McClain kannte die Kinder nicht so gut wie sie. Sie wusste, dass sie immer schnell bereit waren, sich zu entschuldigen und sie, Leslie, mit guten Vorsätzen zu besänftigen versuchten. Die guten Vorsätze waren jedoch nie von langer Dauer. Im Handumdrehen schlitterten die beiden jedes Mal ins nächste Abenteuer. Aber vielleicht konnte ein echter Sheriff ja mehr als eine Mutter bewirken. Und vielleicht hätten die Einwohner von Calico auf diese Weise wenigstens ein paar Tage Ruhe vor den beiden.

„Also gut“, stimmte Leslie schließlich zu. „Ich lasse die Jungen hier. Versuchen Sie Ihr Glück, denn auf mich hören sie sowieso nicht.“

Nachdem Leslie das Gefängnis verlassen hatte, betrat Drew die Zelle und setzte sich den Jungen gegenüber auf die zweite Pritsche.

„Also gut Jungs. Dann wollen wir mit dem Verhör anfangen. Zuerst sagt ihr mir eure vollen Namen.“

„Ich heiße Jeremy Chambers“, begann Jeremy ein wenig unbehaglich.

„Und du bist älter als dein Bruder?“

„Ja, ich bin zehn.“

„Und du?“, wandte er sich an Tim.

„Timothy Chambers, Sir. Ich bin acht.“

„Alt genug, um es besser zu wissen. Hat euer Dad euch denn nicht beigebracht, was man darf und was man nicht darf?“

„Wir haben keinen Dad“, antwortete Jeremy für seinen Bruder. „Er ist von uns weggegangen, als wir noch ganz klein waren. Unsere Eltern haben sich scheiden lassen.“

Drew fühlte so etwas wie Mitleid mit den Kindern. Seit Jahren lebten sie in dem Bewusstsein, von ihrem Vater im Stich gelassen worden zu sein. Trost wäre in dieser Situation wohl eher angebracht als Zurechtweisungen. Doch die Gefahr, in die sie sich gebracht hatten, zwang ihn, sie härter anzupacken.

„Trotzdem müsstet ihr selbst Verstand genug haben, um zu sehen, dass ihr eurer Mutter nichts als Scherereien macht und dass sämtliche Bewohner von Calico in euch die reinste Landplage sehen. Und dieses Mal seid ihr wirklich zu weit gegangen. Ihr hättet euch und andere umbringen können.“

„Wir haben die alte Stange Dynamit gefunden“, erklärte Jeremy. „Und ich habe mich gefragt, was passiert, wenn …“

Drews hochgezogene Augenbrauen brachten Jeremy zum Schweigen. „Rede weiter“, forderte Drew ihn auf. „Was habt ihr dann gemacht?“

„Wir haben Steine auf die Stange geworfen um zu sehen, ob sie explodiert.“

„Wessen Idee war das?“

„Meine“, gab Jeremy mit gesenktem Blick zu. „Tim kann nichts dafür. Er macht mir immer nur alles nach.“

„Hast du dir noch nie überlegt, dass du dir und anderen mit deinen verrückten Ideen schaden könntest?“

„Nein, Sir. Aber es wurde doch niemand verletzt, oder?“, fügte er hoffnungsvoll hinzu.

Drew betrachtete ihn ernst. „Du hast recht, wie durch ein Wunder wurde niemand verletzt.“ Er machte eine kurze Pause, um den Kindern Zeit zu geben, den Sinn seiner Worte zu begreifen, bevor er fortfuhr. „Habt ihr eigentlich aus dieser Dummheit, die ihr heute gemacht habt, irgendetwas gelernt?“

Tim nickte begeistert. „Ja. Wir dürfen nie mehr wieder Steine auf Dynamitstangen werfen.“

„Und was macht ihr, wenn ihr wieder einmal eine Stange findet?“

„Dann kommen wir sofort zu Ihnen und geben Ihnen die Stange“, meinte Jeremy dienstbeflissen.

„Richtig“, erwiderte Drew. „Und was habt ihr noch gelernt?“

„Dass wir versuchen müssen, nicht mehr in Schwierigkeiten zu geraten“, antwortete Tim, dem die Unterhaltung Spaß zu machen begann.

„Wieder richtig“, entgegnete Drew, ohne jedoch die geringste Hoffnung, dass sich die beiden danach richten würden. „Ihr habt euch des groben Unfugs schuldig gemacht. Normalerweise stehen darauf sechs Monate Gefängnis.“ Es fiel ihm schwer, nicht zu lächeln, als er die Betroffenheit der Kinder sah.

„Ich würde allerdings sagen, dass ihr beide jetzt erst einmal nach Hause geht und saubere Sachen anzieht. Und sorgt dafür, dass ich euch nicht noch einmal hierher bringen muss. Habt ihr mich verstanden.“

„Aber wollen Sie uns denn gar nicht bestrafen?“, fragte Tim verblüfft. „Mom denkt sich immer etwas aus, das wir machen müssen.“ Er zuckte zusammen, als Jeremy ihm unsanft mit dem Ellbogen in die Rippen stieß.

Wieder musste Drew sich zwingen, ernst zu bleiben. „Keine Angst, ihr werdet eure gerechte Strafe schon bekommen. Aber erst einmal geht ihr jetzt nach Hause und bleibt dort, bis ihr meine ausdrückliche Erlaubnis bekommt, wegzugehen. Ich erwarte, dass ihr euch zur Verfügung haltet. Ich komme nachher vorbei, um euch mitzuteilen, welche Strafe mir angemessen erscheint. Und nun ab mit euch.“

„Jawohl, Sir.“ Jeremy rannte auf den Ausgang zu, Tim direkt auf seinen Fersen.

Drew blieb allein zurück und schmunzelte vor sich hin. Wie ähnlich ihm diese Kinder doch waren. Wenn die Lage, in die sie sich gebracht hatten, nicht so gefährlich gewesen wäre, wäre er während des „Verhörs“ in schallendes Gelächter ausgebrochen. Er wusste aus eigener Erfahrung, dass alles Reden wenig Einfluss auf die Jungen haben würde. Seine Worte würden nur so lange in ihren Köpfen haften bleiben, bis sie der nächsten abenteuerlichen Idee Platz machten. Leslie Chambers konnte einem wahrhaftig leidtun. Es würde nicht lange dauern, bis die beiden wieder hier vor ihm sitzen würden.

Drew seufzte. Leslie Chambers. Während er sich mit den Kindern unterhalten hatte, hatte er kaum an sie gedacht. Doch jetzt tauchte sie wieder vor seinem geistigen Auge auf – die funkelnden grünen Augen, das rotbraune Haar, das ihn an einen Sonnenuntergang erinnerte, der schlanke, durchtrainierte Körper, von dem jeder Mann sich nur wünschen konnte, ihn in den Armen zu halten. Voraussetzung war allerdings, dass der entsprechende Mann nicht wie er, Drew, ein Vagabundenleben führte.

Drew wusste nicht, warum Leslie geschieden war. Er konnte sich allerdings sehr gut vorstellen, dass sie eine Frau war, die auf Beständigkeit setzte. Sie machte nicht den Eindruck, als würde sie sich aus einer Laune heraus zu einem so schwerwiegenden Entschluss hinreißen lassen.

Maddie ging zu einer Gruppe von Männern hinüber, die sich vor dem Saloon angeregt unterhielten. „Na, habt ihr nichts Besseres zu tun, als hier herumzustehen und zu tratschen?“

„Sag uns doch deine Meinung, Maddie. Wir haben uns gerade über unsere Wette von gestern unterhalten. Leslie hat nicht mehr sehr viele Stimmen auf ihrer Seite. Die meisten von uns glauben, dass Drew McClain sie und die Kinder zähmen wird.“

„Das ist doch wohl nicht euer Ernst“, meinte Maddie unwillig. „Leslie ist eine Frau mit Rückgrat, und intelligent ist sie obendrein.“

„Der Hilfssheriff auch“, bemerkte Elias lachend. „Deshalb wette ich auf ihn. Ich habe die Einsätze sogar erhöht. Du hast Leslie doch hoffentlich nichts von unserem kleinen Spielchen verraten?“

„Nein. Aber was meinst du damit, wenn du sagst, dass du die Einsätze erhöht hast?“, murrte Maddie. „Da ich beinahe die einzige bin, die für Leslie gestimmt hat, sollte ich doch wohl ein Wörtchen mitzureden haben.“

„Nein“, entgegnete Elias. „Es ist beschlossene Sache. Aber noch hast du die Möglichkeit auszusteigen.“

„Ich bleibe dabei“, erwiderte Maddie finster. „Ihr habt ja alle keine Ahnung, wozu eine Frau in der Lage ist. Der Schuss könnte ebenso gut nach hinten losgehen. Ihr werdet schon sehen.“

Nachdem Drew den beiden Jungen genügend Zeit gelassen hatte, über ihre Sünden nachzudenken, machte er sich auf den Weg zu Leslies kleinem Laden, um die Bestrafung mit ihnen zu besprechen.

Die Unruhe in der Stadt hatte sich gelegt, die kleinen Geschäfte und die Post hatten inzwischen geöffnet, und die Touristen spazierten wie gewöhnlich durch die Straßen. Drew tippte an seinen Westernhut, wenn er die Damen grüßte, und nickte Peter Lord, dem neuen Apotheker zu, als er an dessen Geschäft vorbeikam.

Schließlich öffnete Drew die Tür zu Leslies Laden. Alles roch nach Sauberkeit und nach den vielen verschiedenen Stoffen, die auf den Regalen gestapelt lagen. Garnrollen, Nadeln, Rahmen, alles was man für Quiltarbeiten benötigte, war reichlich vorhanden. Die kleineren Artikel lagen in einem gläsernen Schaukasten. Einige wertvolle alte Stoffe waren zur Dekoration an der Wand befestigt, während die neuen Stoffe fein säuberlich auf Theken ausgelegt waren. Auf einem Holzständer befanden sich zahlreiche Arbeitsmuster und Bücher.

Leslie saß vornübergebeugt über ihrer neuesten Arbeit. Sie lauschte auf die leise Musik aus dem CD-Player und machte geduldig winzige Stiche. Sie hatte sich in der Zwischenzeit umgezogen. Das selbstgeschneiderte Kleid mit dem enganliegenden Oberteil, ganz nach der Mode des vorigen Jahrhunderts, betonte die tadellose Figur, und das frische Band, das sie in den französischen Zopf eingeflochten hatte, war farblich perfekt auf die Kleidung abgestimmt. Leslie arbeitete schnell und ruhig, doch ihre bewegten Züge sprachen Bände. Sie war keineswegs so gelassen, wie es nach außen hin den Anschein hatte.

Drew konnte den Blick nur schwer von ihr lösen, um sich nach den Kindern umzusehen, die schließlich der eigentliche Anlass seines Besuches waren. Er räusperte sich. Hatte er nichts Wichtigeres zu tun, als wie ein dummer Schuljunge hübsche Frauen anzustarren?

Leslie sah von ihrer Arbeit hoch, da sie sich beobachtet fühlte. Sie hätte viel darum gegeben, seine Gedanken lesen zu können, doch sie hatte keine Idee, was sich hinter seiner gerunzelten Stirn verbarg.

„Hallo“, begrüßte sie ihn und zwang sich zu einem Lächeln, denn schließlich hatte er ihr einen Gefallen getan. Dann stand sie auf und strich automatisch den langen Rock glatt.

„Ich bin gekommen, um mit Jeremy und Tim über ihre Strafe zu reden. Wir hatten es so abgemacht.“

„Ja, natürlich“, antwortete sie. „Danke, dass Sie sich um die beiden gekümmert haben.“

„Gern geschehen“, entgegnete er und wich ihrem besorgten Blick aus. „Hier verbringen Sie also Ihre Zeit“, wechselte er das Thema.

„Ja, wenn ich nicht gerade damit beschäftigt bin, meinen Söhnen aus der Klemme zu helfen. Übrigens, was Sie den Kindern erzählt haben, muss einen ungeheuren Eindruck auf sie gemacht haben. Sie waren, seit sie zu Hause sind, so still und nachdenklich wie nie zuvor. Ich bin Ihnen wirklich sehr dankbar. Sie können sich nicht vorstellen, was für Sorgen ich mir oft mache.“

„Wenn Kinder still sind, wird es höchste Zeit, sich zu fragen, was sie gerade anstellen“, bemerkte Drew trocken. „Wo sind die beiden denn jetzt?“

„Sie sind hinter dem Haus und sammeln die Reste von dem Schuppen zusammen.“ Leslie ging zur Hintertür. Hoffentlich hatte Drew unrecht. Sie waren wirklich ganz erstaunlich still.

Leslie rief nach den Jungen, und zu ihrer großen Erleichterung kamen die beiden sofort herein.

„Hallo, Jungs, hier bin ich – wie versprochen“, begann Drew und blickte in zwei erwartungsvolle junge Gesichter. „Wollt ihr hören, welche Strafe ich mir für euch ausgedacht habe?“

Die beiden nickten und tauschten einen kurzen Blick mit Leslie, die nicht weniger gespannt war.

„Erstens entschuldigt ihr euch bei sämtlichen Bewohnern von Calico, die euch in der nächsten Zeit über den Weg laufen, für den Ärger, den ihr gemacht habt.“

Leslie sah bei seinen Worten äußerst zufrieden aus. Die Jungen machten dagegen eher den Eindruck, als hätten sie in eine Zitrone gebissen.

„Zweitens“, fuhr Drew fort, „fegt ihr eine Woche lang jede Zufahrt in der ganzen Stadt.“

„Was ist das für eine Art von Strafe?“, fragte Leslie neugierig.

„So etwas nennt man Dienst an der Gemeinschaft. Ich würde sagen, dass die beiden es den Bewohnern von Calico schuldig sind.“

Leslie nickte zustimmend. „Ich denke, das ist eine angemessene Strafe.“

„Ach ja, und da ist noch etwas. Ihr werdet den Schuppen hinter dem Laden wieder aufbauen.“

„Aber wie sollen wir das machen“, fragte Jeremy, der sich schon über die so milde ausgefallene Bestrafung gefreut hatte.

„Ganz einfach“, erwiderte Drew. „Mit Holz, Hammer, Nägeln und sehr viel Arbeit. Diese Arbeit wird euch so in Anspruch nehmen, dass ihr nicht mehr auf dumme Gedanken kommt.“

„Ich glaube nicht, dass die Jungen den Schuppen aufbauen können“, schaltete Leslie sich nun ein. „Er ist ja vollkommen zerstört. Sie wüssten nicht einmal, wo sie anfangen sollen. Das ist eine Arbeit für einen erwachsenen Mann.“

„Kein Problem“, erwiderte Drew, „dann werde ich ihnen eben helfen.“

Leslie sah ihn überrascht an, und wenn Drew ehrlich gegenüber sich selbst war, musste er zugeben, dass er selbst von seinem Angebot nicht weniger überrascht war.

Wieso hatte er das getan? War es, weil Leslie ihm für seine Hilfe gedankt hatte, eine Hilfe, die Pflicht eines jeden Sheriffs war? War es die Art und Weise, wie sie über ihre Arbeit gebeugt dagesessen hatte, mit dem wunderschönen rotbraunen Zopf, der mit einem blauen Band verziert war, das so perfekt zu ihrem Kleid passte? Oder war es die plötzliche Erkenntnis, dass sie eine faszinierende Frau war, auch wenn sie sich aufbrausend und ungestüm gab? Suchte er vielleicht nur einen Grund, in ihrer Nähe zu sein?

Eislady sei verflucht, dachte er, als er sich mit den Kindern für den nächsten Tag verabredete. Er war weit genug herumgekommen, um beurteilen zu können, ob er eine heißblütige Frau vor sich hatte oder nicht. Und in diesem speziellen Fall war er ganz sicher.

3. KAPITEL

Mit gemischten Gefühlen betrat Drew das Rathaus – ein altes, morsches Gebäude – über dessen Eingang ein Schild mit der Aufschrift „Rathaus, Calico, Kalifornien, 1880“ prangte. Leslie Chambers hatte ihm ausrichten lassen, dass sie ihn zu sehen wünschte, und obwohl er die attraktive Bürgermeisterin mit ihrer couragierten und schlagfertigen Art äußerst anziehend fand, gefiel es ihm keineswegs, dass sie ihn herumkommandierte.

Das erste, was Drew ins Auge fiel, als er den kleinen Rathaussaal betrat, waren zwei riesige Flaggen, eine amerikanische und daneben die von Kalifornien mit dem obligatorischen Bären darauf. Im Gegensatz zu dem verwitterten äußeren Erscheinungsbild des Hauses, das genau den Vorstellungen von einer ‚Geisterstadt‘ entsprach, war die Inneneinrichtung überraschend gut in Schuss. Alles roch nach frisch verarbeitetem Holz und Farbe. Neue Pinienbänke standen vor einer Theke in Reih und Glied.

Das Geräusch leiser Schritte riss Drew aus seinen Betrachtungen. Leslie tauchte hinter ihm auf. Auch diesmal war sie ganz nach der nicht gerade körperbetonten Mode des neunzehnten Jahrhunderts gekleidet, und Drew konnte nicht anders, als sich vorzustellen, wie sie wohl in enganliegenden Jeans und T-Shirt aussehen mochte.

„Sie haben mich herbestellt“, sagte er gelassen, obwohl er die Vorstellung, ihre weiblichen Rundungen nicht nur erahnen zu müssen, äußerst erregend fand. „Was auch immer Sie von mir wollen, machen Sie es bitte kurz. Ich habe zu tun.“

Leslie sah ihm forschend ins Gesicht. Natürlich wusste sie, dass er log. Calico war ein verschlafenes Nest, und die Touristensaison lief gerade erst an. Egal. Er hatte offensichtlich keine Lust, sich länger als nötig mit ihr zu unterhalten. Auch gut.

Als sie nicht sofort antwortete, sah Drew sich erneut im Zimmer um. „Von wo wollen sie denn die Amtsgeschäfte leiten?“, fragte er.

„Von dort drüben.“ Leslie deutete auf einen hohen Stuhl, der auf der anderen Seite der Theke stand. An der Wand dahinter hing ein gigantisches Gemälde mit einer üppigen halbnackten Schönheit, deren intimste Stellen lediglich von einem hauchdünnen Schal bedeckt waren.

„Ihr Platz ist hinter der Theke?“, fragte Drew verblüfft.

„Wieso nicht? Dann kann ich zumindest sicher sein, dass mir jeder zuhört.“

Drew war sich dessen längst nicht so sicher. An sich war der Gedanke nicht schlecht. Doch sobald alle etwas zu trinken hatten, würden sie nur noch Augen für das Bild haben.

„Vielleicht haben Sie recht“, meinte er skeptisch. „Und eines muss man Ihnen lassen. Das Rathaus ist wunderbar geworden.“

„Und alle haben freiwillig bei der Gestaltung mitgeholfen“, berichtete Leslie stolz.

„Freiwillig?“ Drew sah sie ungläubig an. Er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass auch nur einer der Männer, denen er bisher in Calico begegnet war, aus freien Stücken seine Mitarbeit anbieten würde.

„Ja, freiwillig“, erwiderte Leslie zuckersüß. „Sie hatten die Wahl, entweder selbst mit Hand anzulegen oder die Stadt bei der Finanzierung der Renovierungsarbeiten zu unterstützen.“

„Und das nennen Sie freiwillig?“, grinste Drew. „Ich würde es eher Erpressung nennen.“

Leslie lächelte schelmisch.

„Wenn Sie so weitermachen, Frau Bürgermeisterin, werden die Einwohner von Calico es sich demnächst vielleicht doch noch anders überlegen und lieber auf das verzichten, was man allgemeinhin unter Recht und Ordnung versteht. Bislang sind sie doch auch ohne Bürgermeister ausgekommen.“

„Sie haben aber eingesehen, dass es bei der ständig wachsenden Zahl der Touristen so nicht weitergeht. Deshalb wurde ich ja auch gewählt. Und es war meine Idee, den Sheriff um einen Hilfssheriff zu bitten. Bisher hatten wir nämlich keinen.“

Also war Leslie diejenige, der er sein Amt hier zu verdanken hatte. Kein Wunder, ihre Kinder waren ja auch die einzigen in der Gegend, die ständig Ärger machten. Seltsam, dass die Wahl ausgerechnet auf ihn gefallen war. Während er ihrem forschenden Blick standhielt, dachte er darüber nach, ob er froh darüber sein sollte oder nicht.

„Und was wollen Sie jetzt von mir?“ kam Drew schließlich zum eigentlichen Thema.

„Morgen Abend findet unsere erste Gemeindeversammlung hier im Rathaus statt“, entgegnete sie.

„Und was habe ich damit zu tun?“

„Ich wollte sicher sein, dass Sie zu der Versammlung kommen und zwar ordentlicher als es Ihre Art ist.“

„Ordentlicher? Was soll das denn heißen?“ Drew vergewisserte sich hastig, ob er wieder vergessen hatte, seine Hose zu schließen.

„Erstens sind Sie nicht rasiert.“

„Genau das wollte ich eben tun, als ich Ihre Nachricht bekam“, entgegnete Drew ärgerlich.

„Außerdem sollten Sie sich etwas Vernünftiges anziehen.“

„Könnten Sie mir freundlicherweise erklären, was es an meiner Kleidung auszusetzen gibt?“

„Im Prinzip nichts“, beantwortete Leslie seine Frage. „Zumindest nicht, wenn man im zwanzigsten Jahrhundert lebt. Aber wir hier in Calico befinden uns schließlich im neunzehnten Jahrhundert.“ Missbilligend betrachtete sie seine enge verwaschene Jeans und das kurzärmelige T-Shirt, das sich über dem muskulösen Oberkörper spannte, um dann doch hastig den Kopf zu Boden zu senken, als sie merkte, dass der Anblick dieses athletischen männlichen Körpers ihre Hormone gewaltig durcheinanderbrachte.

Wie ein Vertreter des Gesetzes sah dieser Mann beim besten Willen nicht aus.

„Als Bürgermeisterin bestehe ich darauf, dass jeder hier die Rolle spielt, die ihm zugedacht ist, und sich entsprechend kleidet. Solange Sie der Hilfssheriff von Calico sind, erwarte ich, dass Sie ein Kostüm tragen.“ Bevor Drew auch nur ein Wort sagen konnte, redete sie hastig weiter. „Ich würde sagen, eine Levis Jeans mit einem breiten Ledergürtel und einer riesigen Westernschnalle wäre genau das Richtige. Dazu ein kariertes Baumwollhemd und ein schwarzes Tuch um den Hals. Ich möchte, dass Sie aussehen, als lebten Sie im Jahre 1881.“

„Was möchten Sie?“, fragte Drew mit einer leisen Drohung, die Leslie jedoch geflissentlich überhörte.

„Sie haben mich schon richtig verstanden“, erwiderte sie gereizt. „Und diese Socken sind auch unpassend“, fügte sie noch hinzu und deutete auf seine Sportsocken.

„Das ist doch wohl der Gipfel“, stieß Drew kaum hörbar zwischen den Zähnen hervor, ohne Leslie jedoch auch nur eine Sekunde aus den A...

Autor

Brenda Harlen

Brenda ist eine ehemalige Rechtsanwältin, die einst das Privileg hatte vor dem obersten Gerichtshof von Kanada vorzusprechen. Vor fünf Jahren gab sie ihre Anwaltskanzlei auf um sich um ihre Kinder zu kümmern und insgeheim ihren Traum von einem selbst geschriebenen Buch zu verwirklichen. Sie schrieb sich in einem Liebesroman Schreibkurs...

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Shirley Jump

Shirley Jump wuchs in einer idyllischen Kleinstadt in Massachusetts auf, wo ihr besonders das starke Gemeinschaftsgefühl imponierte, das sie in fast jeden ihrer Romane einfließen lässt. Lange Zeit arbeitete sie als Journalistin und TV-Moderatorin, doch um mehr Zeit bei ihren Kindern verbringen zu können, beschloss sie, Liebesgeschichten zu schreiben. Schon...

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