Bianca Jubiläum Band 6

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ZWEI HERZEN UND VIER PFOTEN von TERESA HILL

Seit Simon seiner Tochter einen Border-Collie-Welpen geschenkt hat, herrscht in der Villa des Millionärs das reinste Chaos. Nur die hinreißende Hundesitterin Audrey schafft es, den Racker zu bändigen. Der Liebe hat sie leider abgeschworen … Kann der sexy Single-Dad sie das vergessen lassen?

DER COP, DAS HUNDEBABY UND ICH von CARA COLTER

Cop Oliver hat sich nach einer Enttäuschung ins Dörfchen Kettle Bend zurückgezogen. Als er einem Hundebaby das Leben rettet, feiern ihn alle als Helden. Besonders Sarah McDougall will ihn ins Rampenlicht ziehen, was ihm gar nicht gefällt. Dafür aber Sarahs warmherzige Art, ihr Charme und ihre Schönheit …

HÖCHSTGEBOT LIEBE von CHRISTYNE BUTLER

Hundedame Daisy duldet keine Frau in der Nähe ihres Herrchens – außer Priscilla Lennox. Dabei passt der lässige Dean gar nicht zu der Hollywood-Schönheit, die im verschlafenen Destiny eine Junggesellen-Versteigerung für den guten Zweck organisiert. Aber Daisy weiß es instinktiv besser …


Leseprobe

Teresa Hill, Cara Colter, Christyne Butler

BIANCA JUBILÄUM BAND 6

Teresa Hill

1. KAPITEL

„In dieser Ausstaffierung siehst du wie eine Nonne aus!“

Resigniert drehte Audrey Graham sich zu ihrer Freundin Marion um.

„Danke“, antwortete Audrey trocken.

Marion warf ihr einen aufmunternden Blick zu, und Audrey seufzte. Ohne die wunderbare Marion Givens hätte sie die vergangenen Monate nicht überlebt.

Erneut schaute sie in den Spiegel. Ihre Kleidung hatte in der Tat eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Ornat – einem Designer-Ornat, wenn es so etwas überhaupt gab.

„Obwohl – mit diesem Gesicht bist du viel zu hübsch für eine Nonne“, fuhr Marion fort, der man beim besten Willen nicht ansehen konnte, ob sie sechzig oder siebzig Jahre alt war. „Wenn man dich allerdings nur von hinten sieht …“

Stirnrunzelnd betrachtete Audrey ihr Spiegelbild.

Ihr langes braunes Haar hatte sie vor sechs Wochen abschneiden lassen, weil sie das Gefühl hatte, unbedingt etwas verändern zu müssen. Sie wollte anders aussehen – in jeder Beziehung. Die kurzen Haare waren lockiger und hüpften munter bei jedem Schritt auf und ab. Irgendwie hatte sie sich ihre Frisur ganz anders vorgestellt. Trotzdem fand sie sich ganz ansehnlich. Zumindest an manchen Tagen.

Es war nur gut, wenn sie heute absolut nicht sexy wirkte.

Vorsichtshalber hatte sie an diesem Morgen kein Make-up aufgelegt – nur einen Hauch von Lippenstift und ein wenig Mascara. Sie sah aus wie …

Audrey wusste es nicht. Jedenfalls nicht wie sonst. Jünger, als sie gedacht hatte. Aber auch das war nicht ihre Absicht gewesen.

Sie wollte vor allem unauffällig sein.

„Nonnen sollen doch ein sehr friedliches Leben führen.“ Sie griff nach ihrer Handtasche und dem Autoschlüssel. „Das würde mir schon gefallen. Im Moment stehe ich nämlich Todesängste aus. Das ist mein erstes Vorstellungsgespräch seit fast zwanzig Jahren.“

Ihr erstes und bisher einziges Bewerbungsgespräch hatte sie mit neunzehn gehabt. Damals hatte sie sich in einer Kneipe vorgestellt, wo die Kellnerinnen knappe Tops und sehr kurze Röckchen trugen. Dafür war das Trinkgeld sehr gut. Eigentlich war sie für den Job zu jung gewesen, doch sie hatte ihn trotzdem bekommen.

Jetzt ging sie auf die Vierzig zu – meine Güte, wie die Zeit verflog! – und zeigte so wenig Haut wie möglich.

Es wird Zeit, Audrey.

„Ich glaube nicht, dass sich an Einstellungsgesprächen so viel geändert hat“, versuchte Marion sie zu ermutigen.

„Bist du sicher, dass er wirklich jemanden braucht? Du hast das doch nicht etwa bloß eingefädelt, um mir einen Gefallen zu tun?“

„Ganz und gar nicht. Er sucht wirklich jemanden. Als ich ihn neulich getroffen habe, klang er wirklich ganz verzweifelt. Das will etwas heißen bei einem Mann wie ihm. Und vergiss nicht, dass sein Haus sehr günstig liegt.“

Nur fünf Häuserblocks von Audreys Tochter entfernt.

Im Moment herrschte zwischen ihnen zwar Funkstille, aber …

Nicht im Traum hatte Audrey jemals daran gedacht, Andie so nahe zu sein. Die Apartments in der Gegend waren nämlich viel zu teuer, als dass sie sich eins hätte leisten können.

„Okay.“ Audrey warf einen Blick auf ihre Uhr. Es wurde Zeit.

„Entspann dich“, riet Marion ihr. „Atme tief durch. Er ist zwar ein bisschen ruppig, aber kein Menschenfresser. Er hat’s nur immer eilig. Verschwende nicht seine Zeit. Rede nicht um den heißen Brei herum. Das kann er auf den Tod nicht ausstehen. Er mag es auch nicht, wenn man ihm nach dem Mund redet.“

„Mag er denn irgendetwas?“, fragte Audrey, die jetzt noch nervöser geworden war.

„Seine Ruhe. Und für die sollst du sorgen.“ Marion musterte sie von oben bis unten. „Vielleicht ist das Kleid doch keine so schlechte Idee gewesen.“

Krampfhaft umklammerte Audrey das Steuer ihres Wagens.

Sie fuhr nicht gern in diesen Stadtteil. Den ehemaligen Nachbarn womöglich über den Weg zu laufen, wäre ihr sehr peinlich. Aber ihre Tochter wohnte hier, und die würde sie nur zu gern wiedersehen.

Andie lebte zurzeit bei ihrem Vater, aber Audrey wusste von Richard, dass er nicht sonderlich daran interessiert war, Daddy zu spielen. Irgendwann würde auch Andie das merken. Ob sie dann zu ihrer Mutter zurückkam?

Audrey rechnete fest damit. Die Zeit und die Nähe arbeiteten für sie. Das hoffte sie jedenfalls. Und sie wollte in ihrer Nähe sein, wenn es soweit war. Deshalb musste sie diesen Job unbedingt bekommen.

Beim Einbiegen in die Maple Street riss sie das Steuer vor Nervosität so heftig herum, dass der Wagen fast aus der Spur geriet.

Tief einatmen, befahl sie sich. Du bist eine andere Frau geworden, Audrey. Nicht mehr so verletzt. Nicht mehr so wütend. Nicht mehr so selbstzerstörerisch.

Ihr Herzklopfen ließ nur unwesentlich nach.

Unter neunzehn Jahre ihres Lebens hatte sie im vergangenen Herbst in einem Anfall von Wut und Verzweiflung kurzerhand einen Schlussstrich gezogen. Es war gar nicht so schlecht gewesen. Ihre Ehe war recht gut, anfangs sogar glücklich gewesen – ebenso wie das Familienleben.

Und dann hatte ihr Mann sie verlassen.

Neunzehn Jahre, im Handumdrehen zunichtegemacht. Es war, als hätte es diese Zeit nie gegeben. Schlaflose Nächte und tränenreiche Tage hatten aus ihr ein Häufchen Elend gemacht. Ihr Mann hatte sie und ihre gemeinsame Tochter verlassen.

Audrey schloss die Augen und atmete tief durch.

Denk nicht länger darüber nach. Du bist eine andere geworden.

Am Ende des Häuserblocks bog sie ab und erreichte den älteren, gediegeneren Teil von Highland Park mit den prachtvollen Villen. Hier also wohnte … residierte Simon Collier.

Wow!

Anders als seine Nachbarn hatte er keine hohe Mauer um sein Anwesen gezogen.

Das zweistöckige Haus, ein beeindruckendes schiefergraues Gebäude, stand auf einem weitläufigen Grundstück, das hier und da ein bisschen … ungepflegt wirkte.

Sie fuhr über die gewundene Auffahrt und parkte vor der Garage, die vier Fahrzeugen Platz bot, stieg aus und schaute auf ihre Uhr.

Genau zur rechten Zeit. Sie war sogar zwei Minuten zu früh.

Um Punkt sieben Uhr öffnete sich eines der Garagentore. Neben einem schnittigen schwarzen Lexus Cabrio stand ein Mann in einem eleganten dunklen Anzug, weißem Hemd, blauer Krawatte und blitzblank geputzten Schuhen.

Das musste Simon Collier sein.

Irgendwie beunruhigend, dass er genau um sieben Uhr wie ein Magier aus dem Dunkel der Garage auftauchte.

Ein perfekter Auftritt.

Unwillkürlich musste sie lächeln, obwohl ihr fast ein wenig übel war. Während sie auf ihn zuging, redete sie sich ein, er sei ein wichtiger Klient ihres Exmannes, der zum Abendessen zu ihnen nach Hause kam und dem sie das Gefühl vermitteln musste, herzlich willkommen zu sein.

Sie streckte die Hand mit den perfekt manikürten Fingernägeln aus – der einzige Schönheitstick, den sie sich noch leistete. „Mr. Collier? Ich bin Audrey Graham. Schön, Sie kennenzulernen.“

Er ergriff ihre Hand. Ihre direkte Art schien ihm zu gefallen. Offenbar kannte Marion ihn tatsächlich recht gut.

Trotzdem fiel es Audrey schwer, nicht nervös zu werden.

Ihre Augen gewöhnten sich an das Dämmerlicht in der Garage, und sie stellte fest, dass der Mann atemberaubend gut aussah.

Der Anzug war für seinen muskulösen Körper maßgeschneidert. Er hatte ein angenehmes Gesicht und einen zupackenden Händedruck, als er ihre Hand einen Moment lang festhielt, ehe er sie wieder losließ. Sein dichtes pechschwarzes Haar war makellos gekämmt. Kleine Lachfältchen umrahmten seine dunklen Augen, und er hatte ein einnehmendes Lächeln. Er schaffte es, gleichzeitig elegant, verwöhnt und dennoch durch und durch männlich auszusehen.

Sie hatte ihn für älter gehalten. Je mehr sich ihre Augen an das Dämmerlicht gewöhnten, umso jünger und besser sah er aus.

Audrey war perplex. In dieser schwerreichen Gegend hatte sie eher mit einem kahlköpfigen Sechzigjährigen als Villenbesitzer gerechnet statt mit solch einem Prachtexemplar von Mann.

Ein kahlköpfiger Sechzigjähriger mit einem Bierbauch wäre ihr allerdings auch recht gewesen. Vielleicht wäre das sogar besser gewesen …

„Miss Graham, Sie sind überpünktlich. Sehr schön. Leider habe ich heute Morgen nur wenig Zeit, aber das ist meistens der Fall. Wir sollten rasch zur Sache kommen.“

„Natürlich.“

„Momentan habe ich drei Probleme, Audrey. Darf ich Audrey sagen?“

„Bitte.“

„Gut. Nennen Sie mich Simon. Wie gesagt, drei Probleme. Ich mag keine Probleme. Zu meinem Job gehört es, Probleme zu lösen – und jetzt habe ich gleich drei davon.“

„Das tut mir leid.“ Was hätte sie auch sonst erwidern sollen?

„Das braucht es nicht. Ich zähle auf Sie, dass Sie sie lösen. Ihnen ist klar, dass Sie in meinem Haus leben müssen?“

„Ja.“

„Ausgezeichnet. Mein erstes Problem ist der Garten. Marion hat mir erzählt, dass Sie den schönsten Garten in ganz Mill Creek hatten.“

„Ich …“ Was antwortete man nun darauf? Sie entschied sich für: „Einigen schien er gefallen zu haben.“

„Sie hat mir die Adresse genannt. Ich bin neulich vorbeigefahren, um einen Blick darauf zu werfen. Nicht überladen, nicht zu … ordentlich. Groß und grün, selbst schon zu dieser Jahreszeit. Könnten Sie so etwas hier auch hinbekommen?“

„Klar. Aber Sie sollten wissen, dass ich keine gelernte Gärtnerin bin.“

„Das ist mir egal.“ Mit einer ausladenden Handbewegung deutete er über das Grundstück, während er sich in Bewegung setzte. Audrey folgte ihm. „Ich habe es bereits mit drei Landschaftsarchitekten versucht. Deren Pläne haben mir nicht gefallen. Die haben meine Zeit verschwendet. Sie haben Ihren Garten selbst geplant, gestaltet und gepflegt?“

„Ja.“

„Gut. So was Ähnliches möchte ich auch haben. Etwas ganz Normales. Nur keinen Firlefanz. Und verschonen Sie mich mit Einzelheiten. Ich möchte, dass Sie selbstständig arbeiten. Zeigen Sie mir einen Plan, machen Sie mir einen vernünftigen Kostenvoranschlag, und dann tun Sie, was Sie für nötig halten. Einverstanden?“

„Ja.“ Die Vorstellung, dass drei Landschaftsgärtner nicht in der Lage gewesen waren, seine Wünsche zu erfüllen, machte ihr Angst. Und jetzt erwartete er von ihr, dass sie alles zu seiner Zufriedenheit erledigte, obwohl sie gar keine Ausbildung hatte?

Außerdem flößte ihr seine bestimmende Art ein wenig Angst ein.

Er klang nicht unfreundlich … aber so, als erwarte er, dass jede seiner Bitte umgehend erfüllt wurde.

Als er unvermittelt stehen blieb, verlor sie beinahe das Gleichgewicht beim Versuch, ihn nicht anzurempeln. Rasch packte er sie beim Arm. „Entschuldigung.“ Er lächelte flüchtig, ließ sie sofort wieder los und trat einen Schritt beiseite.

Aus nächster Nähe betrachtet sah er sogar noch jünger aus.

Vielleicht lag es an den Lachfältchen in seinen Augenwinkeln, die ihn älter erscheinen ließen.

War er überhaupt schon vierzig?

Plötzlich hatte Audrey das unangenehme Gefühl, man könnte ihr jedes ihrer achtunddreißig Jahre ansehen, und einmal mehr wünschte sie sich, dass er bereits sechzig und kahlköpfig wäre.

Er zeigte mit dem Finger zu Boden. Nur wenige Zentimeter vor ihren Füßen tat sich ein großes Loch im Rasen auf.

„Das ist mein zweites Problem“, erklärte er.

„Ein Loch im Rasen?“ Verwirrt schaute sie ihn an.

„Sie sind überall. Auf dem ganzen Grundstück. Sie müssen aufpassen, wenn Sie über den Rasen laufen, dass Sie sich nicht die Knochen brechen. Wie der letzte Gärtner. Er versucht gerade, mich zu verklagen. Noch so eine Sache, für die ich überhaupt keine Zeit habe.“

„Oh.“ Audrey sah sich um. „Ich passe schon auf. Haben Sie Probleme mit Tieren?“

„Mit einem Hund.“ Er sprach es aus, als sei es etwas Bösartiges. „Er buddelt überall.“

Audrey verbiss sich ein Grinsen. Ein Hund konnte einen Mann seines Formats aus der Ruhe bringen? Also war er doch menschlich.

„Tyrannisiert von einem Hund.“ Es zuckte um seine Mundwinkel. „Ich weiß, wie lächerlich das klingt. Aber so ist es nun mal. Ich hasse den Hund. Der Hund hasst mich. Seit Wochen führen wir einen Krieg gegeneinander, den der Köter zu gewinnen scheint. Sie ahnen nicht, wie schwer es mir fällt, das zuzugeben …“

„Oh doch“, entgegnete Audrey verständnisvoll.

„Marion hat mir auch erzählt, dass Sie einen wohlerzogenen Hund haben.“

„Wir hatten eine wundervolle Hündin. Sie ist vor zwei Jahren gestorben.“

„Hat sie nichts in ihrem gepflegten Garten verbuddelt?“

„Sie hatte eine kleine Ecke, wo sie ihre Knochen vergraben durfte. Wären Sie damit einverstanden? Eine abgelegene Stelle, wo das Tier so etwas dürfte?“

Er seufzte. „Wenn es unbedingt nötig ist.“

„Ich denke schon.“

„Na gut“, antwortete er resigniert, als habe er soeben einen Vertrag unterschrieben, der ihn eine Million Dollar kostete. „Der Hund gehört meiner fünfjährigen Tochter Peyton. Sie liebt ihn mehr als mich – zurzeit jedenfalls. Mit dem Hund habe ich mir ihre Liebe zu kaufen versucht. Zugegeben, ich bin nicht stolz darauf, aber eine Zeit lang hat es funktioniert. Sie kommt jetzt gerne zu mir. Das Problem ist: Ihre Mutter erlaubt die Besuche nur am Wochenende. Aber der Hund ist die ganze Zeit hier. Ihre Mutter will ihn nicht bei sich zu Hause haben. Ich glaube, meine Exfrau will mich damit nur noch mehr quälen. Übrigens sehr erfolgreich, denn dieser Köter hat verheerende Schäden angerichtet.“

„Das tut mir leid.“ Erstaunlich, wie freimütig er über seine Schwächen sprach – das Mädchen, das er liebte, und die Frau, die ihm zusetzte. Die meisten Männer hätten das nicht getan, sondern sich als unbesiegbar dargestellt. Nun gut, da war etwas Einschüchterndes in seinem Auftreten, aber Audrey fand es auf merkwürdige Weise amüsant. Doch trotz allem schien er davon überzeugt zu sein, am Ende als Sieger aus dem Kampf hervorzugehen. Aus allen Kämpfen, die er auszufechten hatte.

Mal abgesehen von dem mit einem Hund.

„Er ist die ganze Zeit um mich herum“, beklagte er sich. „Gräbt Löcher. Frisst meine Socken. Hat meine Lieblingsschuhe angeknabbert, bellt rund um die Uhr und ist alles in allem eine ziemliche Plage. Ich glaube, er ist noch nicht mal stubenrein.“

Audrey nickte und hoffte, genauso ernst auszusehen, wie er das Problem nahm. „Haben Sie es mal mit einer Hundeschule versucht?“

„Drei Mal.“ Er schaute sie frustriert an.

Und sie hatten seine Zeit genauso verschwendet wie die bedauernswerten Gärtner. Wie mochte Simon Collier wohl reagieren, wenn er wirklich verärgert war? Wenn er es mit einem richtigen Problem zu tun bekam?

„Ich bin auch keine Hundetrainerin …“, begann Audrey.

Er warf ihr einen Blick zu, der dreierlei zu sagen schien: erstens: Das weiß ich schon. Zweitens: Darüber haben wir schon geredet, und es ist mir egal, ob Sie eine entsprechende Ausbildung haben. Drittens: Ich möchte mich nicht wiederholen.

„Gut. Ich soll also auch den Hund erziehen“, sagte Audrey ergeben.

Er nickte, zweifellos froh darüber, dass er sich nicht zu wiederholen brauchte und sie nicht noch mehr von seiner kostbaren Zeit verschwendete.

„Außerdem frisst er auch die Büsche an.“ Er zeigte auf eine bedauernswerte Azalee, offenbar das jüngste Opfer des Hundes. „Er frisst Ranken, Blumen … einfach alles. Oder er reißt die Pflanzen aus der Erde und vergräbt sie anderswo. Das müssen Sie auch unterbinden.“

„Hat der Hund auch einen Namen?“, wollte Audrey wissen.

„Wie ich ihn nenne, möchte ich Ihnen lieber nicht sagen“, antwortete er trocken.

Audrey musste grinsen. Ob er doch jünger war, als er aussah? Achtunddreißig? Sechsunddreißig?

Plötzlich kam sie sich ganz alt vor und beneidetet ihn um sein Selbstbewusstsein, seinen Einfluss, seinen Reichtum und die Sicherheit, die ihn wie eine Aura umgaben. Sie schienen zu sagen: Ich bin auf nichts und niemanden angewiesen. Meine Zukunft liegt allein in meiner Hand.

Es war die Art von Sicherheit, die einem niemand nehmen konnte.

Wie mochte sie sich wohl anfühlen?

„Wie nennt Ihre Tochter den Hund denn?“, versuchte sie es erneut.

Angewidert verzog er das Gesicht, ehe er antwortete. „Tinkerbell ist sein voller Name.“

Wieder musste Audrey sich das Lachen verbeißen.

Seine Lippen wurden eine schmale Linie. „Wir haben uns auf Tink geeinigt. Angesichts seines Charakters scheint uns dieser Name besser zu passen.“

Audrey traute sich nicht, etwas zu erwidern.

„Wahrscheinlich muss ich Sie beide erst miteinander bekannt machen, ehe Sie Ihre Zustimmung geben.“ Erwartungsvoll schaute er sie an.

Vielleicht hoffte er, dass sie auf ein Kennenlernen verzichtete? Sollte sie sich darauf einlassen? Brauchte sie den Job wirklich so dringend? Leider ja.

Noch ehe sie etwas erwidern konnte, ergriff er erneut das Wort. „Meine geschäftlichen Erfahrungen sagen mir, dass ich Ihnen den Job erst noch auf andere Weise schmackhaft machen sollte, ehe Sie den Hund kennenlernen. Soll ich Ihnen das Apartment zeigen?“

„Bitte.“

Er hob den Arm und zeigte in die Richtung, aus der sie gekommen waren. „Dann kann ich Ihnen auch noch gleich von meinem dritten Problem erzählen. Meine Haushälterin. Miss Bee. Ich bete sie an.“

„Wirklich?“ Er mochte jemanden! Was für eine Überraschung.

„Ja.“ Einen Moment lang sah es so aus, als wollte er wirklich lächeln. „Man hat Ihnen vielleicht erzählt, dass ich … schwierig bin. Fordernd. Uneinsichtig. Dass keine Frau es mit mir aushalten könnte. Das stimmt aber nicht. Miss Bee und ich kommen ausgezeichnet miteinander aus.“

Die Leute redeten also über Simon Collier, und das gefiel ihm offensichtlich nicht. Audrey überlegte, ob sie ihm verraten sollte, dass sie nichts auf Klatsch gab.

Obwohl sie ihn gerade erst zehn Minuten kannte, war sie bereits davon überzeugt, dass es keine Frau an seiner Seite leicht haben würde. Sie hatte bereits herausgefunden, dass er sehr anspruchsvoll war, geradezu perfektionistisch veranlagt, und wohl schon im Kindergarten den Ruf weghatte, nicht gerade ein anpassungsfähiger Spielpartner zu sein.

Vermutlich kennzeichnete das auch sein Verhältnis zu Frauen. Er wollte die Macht, und sie sollten sich unterwerfen.

In einer solchen Beziehung hatte Audrey auch einmal gelebt – und was war nun aus ihr geworden?

Aber hier ging es um ihn und Miss Bee.

„Das freut mich für Sie beide“, meinte Audrey.

Er lächelte ironisch. „Sie ist seit zehn Jahren bei mir. Viel länger, als meine Ehe gedauert hat als. Wir verstehen uns ausgezeichnet. Sie ist genau, umsichtig, ordnungsliebend. Sie führt mein Haus mit vollkommener Präzision. Alles in diesen vier Wänden ist ihr Wirkungsbereich. Sie dürfen ihr nicht widersprechen oder sich in ihre Angelegenheit mischen. Ich könnte mir ein Leben ohne sie nicht vorstellen. Ich möchte es auch gar nicht.“

„Natürlich“, sagte Audrey.

Was hatte sie mit seiner Vorliebe für seine Haushälterin zu tun?

„Leider hasst Miss Bee den Hund. Vermutlich noch mehr als ich“, fuhr er fort.

„Oh.“

„Sie hat gedroht zu kündigen, falls ich ihn nicht abschaffe. Ich habe schon mal überlegt, ob ich Peyton nicht erzählen soll, der Hund sei auf Nimmerwiedersehen verschwunden oder von einem Auto überfahren worden. Aber dann würde sie weinen, und das mag ich nicht. Ich will aber auch nicht auf Miss Bee verzichten.“

„Verstehe.“

„Ich habe ihr versprochen, jemanden zu finden, der sich um den Hund kümmert, damit sie nichts mehr mit ihm zu tun hat. Nur so konnte ich sie zum Bleiben überreden. Und nun kommen Sie ins Spiel. Sie werden darauf achten, dass der Hund Miss Bee nicht in die Quere kommt. Deshalb brauche ich jemanden, der hier im Haus wohnt.“

Sie gingen an der Garage vorbei, und er führte sie über eine seitlich am Haus gelegene Treppe in die erste Etage. Er öffnete die Tür und trat beiseite, damit sie als Erste hineingehen konnte.

Die Wohnung war L-förmig geschnitten und geschmackvoll, wenn auch spärlich möbliert. Sie bestand aus einem Wohnzimmer, einer Essecke und einer kleinen Küche. Offenbar hatte Miss Bee sich kürzlich hier zu schaffen gemacht, denn die Räume blitzten vor Sauberkeit. Der Parkettboden glänzte ebenso wie die Arbeitsflächen und Armaturen in der Küche.

Die Wände waren in einem fröhlichen Hellgelb gestrichen, und eine große Fensterfront gewährte einen Blick in den Garten.

Audrey schaute ins Schlafzimmer. Das Bad lag praktischerweise direkt daneben.

„Die vorherigen Besitzer hatten einen Sohn, der hier wohnte, als er nicht länger zu Hause leben wollte“, erklärte Simon. „Gefällt es Ihnen?“

„Es ist perfekt“, versicherte Audrey.

Wäre sie auf sich allein gestellt, hätte sie sich so etwas gar nicht leisten können.

„Also – sind Sie in der Lage, sich um den Garten zu kümmern und den Hund von Miss Bee fernzuhalten?“

Darüber brauchte sie gar nicht lange nachzudenken; schließlich wollte sie in der Nähe ihrer Tochter wohnen. Also holte sie tief Luft und antwortete mit fester Stimme: „Davon bin ich überzeugt.“

„Ausgezeichnet.“ Er nannte ihr die Summe, die er ihr zahlen wollte und die ihr angesichts der Tatsache, dass sie keine Miete zahlen musste, ausgesprochen fair erschien. „Wann können Sie anfangen?“

„Wann würde es Ihnen denn passen?“

„Am liebsten ab sofort – aber Sie müssen ja erst einmal Ihre Sachen hierher bringen. Wäre Ihnen morgen recht?“

„Brauchen Sie keine Referenzen oder Zeugnisse?“

Er schüttelte den Kopf. „Marion hat Sie empfohlen. Das reicht mir.“

Audrey zögerte. „Hat sie Ihnen auch erzählt … ich meine, wissen Sie …“

„Dass Sie einer ihrer Schützlinge sind? Dass Sie ein paar Probleme hatten und Ihr Leben wieder auf die Reihe kriegen wollen? Und dass Sie eine Weile bei ihr gewohnt haben?“

„Ja.“ Er hatte sich wirklich gründlich erkundigt.

„Waren Sie mal im Gefängnis?“, wollte er wissen.

„Nein.“

„Marion würde Sie nicht bei sich wohnen lassen, wenn Sie nicht clean wären oder … nun ja, die Einzelheiten gehen mich ja nichts an. Ich brauche nur jemanden, der sich um meine drei Probleme kümmert. Wollen Sie das für mich tun?“

„Ja.“

„Prima.“ Er drückte ihr die Wohnungsschlüssel in die Hand, drehte sich um und ging die Treppe hinunter. Dabei redete er noch immer mit ihr.

Audrey eilte ihm hinterher.

„Machen Sie sich selbst mit Miss Bee bekannt. Sie ist in der Küche und wartet auf Sie. Sie wird Sie über alles informieren.“

„Danke. Das ist nett.“

„Ich danke Ihnen. Sie werden mein Leben einfacher machen.“

Audrey nickte.

„Der Hund müsste jeden Moment zurück sein. Wir haben eine Hundesitterin engagiert in der Hoffnung, diese Woche irgendwie überstehen zu können. Ja, da kommen sie.“

Audrey folgte ihm die Treppe hinunter und blieb neben ihm stehen, als eine junge Frau in Shorts und T-Shirt die Auffahrt hinaufkam. Sie zog einen langhaarigen Hund mit schwarz-weiß geflecktem Fell hinter sich her, der etwa ein halbes Jahr alt war. Rastlos lief er hin und her und machte den Eindruck, als würde er am liebsten sofort den nächsten Spaziergang machen. Mit dem aufgerissenen Maul sah er aus, als ob er grinste.

Er war richtig süß.

Die junge Frau sagte „Guten Morgen, Mr. Collier“, und wollte ihm die Leine übergeben. Aber er deutete auf Audrey.

Aufgeregt wedelte der Hund mit dem Schwanz. Dann richtete er sich bellend auf und stemmte die Vorderpfoten gegen Audreys Schenkel. Glücklicherweise reichte er ihr nicht bis ans Gesicht, um es abzulecken.

Simon Collier schnitt eine Grimasse. „Jetzt wissen Sie, was ich meine.“ Dann verabschiedete er die junge Frau.

Lächelnd packte Audrey die Pfoten und stellte den Hund zurück auf die Erde, ehe sie sich hinkniete, um Simon Colliers Nemesis auf Augenhöhe zu begegnen.

„Guten Tag, Tink.“

Tinks Grinsen wurde noch breiter. Der Hund legte seine zottige Pfote auf Audreys Knie und begann, ihr die Wange zu lecken.

Simon ließ einen angewiderten Laut hören.

„Wir werden gute Freunde sein“, flüsterte Audrey dem Hund ins Ohr und hoffte, dass es stimmte. Schließlich hing ihr neuer Job davon ab.

Sie erhob sich. Freudig tänzelte Tink um sie herum, ohne jedoch an ihr hochzuspringen, was sie als Zeichen von Intelligenz interpretierte. Außerdem schien er ihr gefallen zu wollen.

„Sie haben doch hoffentlich nicht Ihre Meinung geändert?“, erkundigte Simon sich besorgt, nachdem die Hundeausführerin verschwunden war.

„Nein, aber warum um alles in der Welt haben Sie ausgerechnet einen Border Collie gekauft?“

„Weil meine Tochter ihn süß fand und die Frau, von der wir ihn haben, uns versichert hat, dass er ein kluger Hund ist – obwohl ich das noch nicht gemerkt habe. Warum?“ Irritiert schaute er sie an. „Sind Border Collies nicht gut?“

„Nicht, wenn Sie einen Hütehund wollen, der den ganzen Tag in Bewegung ist“, erklärte Audrey.

Er erstarrte. „Soll ich jetzt etwa eine Herde Schafe kaufen, damit er zufrieden ist?“

Audrey lachte. „Natürlich nicht. Aber diese Rasse hat viel Energie. Deshalb erscheint er Ihnen so zerstörerisch. Dabei langweilt er sich nur. Er braucht eine Beschäftigung.“

Simon runzelte die Stirn. „Was macht er denn sonst noch, außer Schafe zu hüten?“

„Training. Ab sofort werde ich mit Tink jeden Morgen spazieren gehen. Und abends vielleicht auch, falls es nötig ist. Dann wird er so müde sein, dass er keine Probleme mehr machen kann.“

„Das ist alles? Er muss nur müde genug sein, um keine Schwierigkeiten zu machen?“

„Auf Dauer dürfte das Ihr Problem lösen. Die Frau, von der Sie ihn gekauft haben, hat recht – diese Rasse ist sehr klug.“

„Der hier nicht“, widersprach Simon.

Audrey lachte und streichelte den Hund, der wieder an ihr hochgesprungen war.

„Sehen Sie“, meinte Simon.

Audrey versetzte dem Hund einen leichten Stoß. „Aus, Tink.“

Sofort ließ der Hund von ihr ab und blieb erwartungsvoll vor ihr stehen.

„Guter Hund“, lobte Audrey. Schade, dass sie kein Leckerli für ihn hatte.

„Er ist ganz und gar nicht intelligent“, beharrte Simon.

„Jedenfalls ist er clever genug, um zu spüren, dass Sie ihn nicht mögen.“

„Dann ist er ein Genie“, blaffte Simon.

Audrey grinste. „Und mittlerweile weiß Tink bestimmt auch schon, wie er Sie ärgern kann.“

Ungläubig schaute Simon sie an. „Sie wollen mir erzählen, dass ich mich auf Psychospielchen mit dem Hund eingelassen habe?“

Audrey blickte ihn nur schweigend an.

„Und Sie glauben, dass dieser kleine Teufel gewinnt, wie?“ Simon Collier sah aus, als habe sie ihn soeben zutiefst beleidigt.

„Ich sage nur, dass der Hund die Spannung zwischen Ihnen beiden spürt, und das hilft in dieser Situation überhaupt nicht. Versuchen Sie, das Leittier zu sein. Wie wäre es damit?“ Audrey hoffte, dass sie ihn mit ihren Bemerkungen nicht gegen sich aufbrachte. Sonst wäre die Stelle weg, ehe sie sie überhaupt angetreten hätte.

„Und wie würde sich das Leittier in einer solchen Situation verhalten?“, wollte er wissen.

„Das Leittier würde an einem solchen Kampf gar kein Interesse zeigen …“

„Sie wollen, dass ich einem Kampf aus dem Weg gehe?“, fragte er ungläubig.

„Wahrscheinlich sehen Sie es als Zeitverschwendung an, mit dem Tier Psychospiele zu machen. Es ist unter Ihrer Würde. Wäre es für Sie eher eine Herausforderung, wenn Sie ein Land erobern müssten?“

Er schaute sie an, als sähe er sie zum ersten Mal und stellte fest, dass sie es durchaus wert war, beachtet zu werden.

Um Himmels willen! War er etwa wütend? Hatte sie etwas Falsches gesagt?

Schließlich erwiderte er mit gekonnter Arroganz: „Ich muss keine Länder erobern.“

Dann brach er in schallendes Gelächter aus, und Audrey atmete auf.

„Ich glaube, wir werden gut zusammenarbeiten, Audrey. Wir sehen uns am Freitagabend, wenn ich zurückkomme.“

Er betrat die Garage, stieg in den schnittigen schwarzen Lexus, fuhr aus der Garage, rollte über die Auffahrt und verschwand.

Der Hund stellte sich auf die Hinterbeine und begann zu winseln. Offenbar glaubte er, Audreys ungeteilte Aufmerksamkeit zu verdienen.

Verflixt, dachte sie.

Worauf hatte sie sich bloß eingelassen?

2. KAPITEL

Simon konnte ihr Bild nicht aus dem Kopf bekommen, obwohl sie dieses … Kleid getragen hatte, das ihren Körper von oben bis unten verhüllte. Eine Schande, eine solche Figur so zu verstecken, überlegte er.

Während der Fahrt griff er zu seinem Handy und rief Marion an.

„Du hast mir verschwiegen, wie großartig sie ist“, begann er.

Sie lachte. „Seit wann brauchst du mich oder sonst jemanden, der dir erzählt, dass eine Frau großartig ist?“

Simon legte das Telefon beiseite und schaltete die Freisprechanlage ein. „So was kann ich im Moment überhaupt nicht gebrauchen. Mir sitzt noch die letzte Frau im Nacken, die ich in mein Leben gelassen habe.“

„Du bist der Letzte, den Audrey Graham in ihrem Leben haben möchte, das kann ich dir versichern. Mit anderen Worten, was sie angeht, bist du auf der sicheren Seite.“

„Und warum sollte sie mich nicht wollen? Ich bin eine tolle Partie.“ Wie jeder wohlhabende Mann. Reich, Single und unter vierzig waren zusätzliche Pluspunkte. Es war nicht sein Ego, das ihm das einflüsterte. Es war einfach die Wahrheit. Es gab immer Frauen, die sich einen Mann mit Geld angeln wollten, und Simon hatte es im Übermaß.

„Ich pflege nicht über das Privatleben anderer Menschen zu reden, Simon. Das weißt du. Aber ich bin mir sicher, Audrey würde sich in deiner Gegenwart sehr viel wohler fühlen, wenn du wüsstest, dass sie sich gerade von einem Mann getrennt hat und keinen anderen mehr haben will. Am allerwenigsten einen wie dich.“

„Was soll denn das heißen – ‚wie ich‘? Ich bin ausgeglichen und umgänglich …“

„Oh ja. Das sind genau die Begriffe, die mir einfallen, wenn ich an dich denke“, entgegnete Marion. „Obwohl ich sagen muss, dass du besser gelaunt bist als sonst. Ist alles in Ordnung mit dir?“

„Das geht vorbei, keine Sorge.“

Die Aussicht, dass jemand den Hund zähmte, Peyton glücklich machte, Miss Bee zufriedenstellte und dafür sorgte, dass sie nicht kündigte, war so beruhigend, dass Simon sorgenfrei in die Zukunft schaute.

Oder lag seine gute Laune daran, dass er soeben eine fantastisch aussehende dunkelhaarige Frau kennengelernt hatte, die keine Angst vor ihm hatte und ihm auf Augenhöhe begegnete?

Es gab nicht viele Frauen, die sich das trauten. Oder, die ihn zum Lachen bringen konnten – so wie sie es getan hatte.

„Ich brauche jemanden für den Hund und den Garten.“ Er sagte es so, als müsste er sich selbst mehr daran erinnern als Marion.

„Und genau so jemanden habe ich für dich gefunden“, ergänzte sie.

„Du willst mich doch nicht etwa mit ihr verkuppeln?“

Miss Bee war vermutlich die einzige Frau auf der Welt, die glücklich an seiner Seite leben konnte. Er hatte sich damit abgefunden und war zufrieden damit.

Unter solchen Bedingungen war das Leben viel einfacher.

„Und selbst wenn – es wäre sinnlos. Ich habe dir ja schon gesagt, dass sie momentan nicht auf der Suche nach einem Mann ist.“

Schade, dachte Simon. Ihm gefielen Frauen, die sich nicht von ihm einschüchtern ließen und ihm hin und wieder mal sagten, wo es langging.

Vor allem im Bett.

Audrey konnte noch immer nicht glauben, dass sie es geschafft hatte.

Sie hatte einen Job! Inklusive einer Wohnung ganz in der Nähe ihrer Tochter. Wie aufregend.

Der erste Schritt auf dem Weg zurück in das Leben ihrer Tochter.

Nicht einmal das bevorstehende Treffen mit der Angst einflößenden Miss Bee konnte ihr den Tag vermiesen.

Und Miss Bee war in der Tat Angst einflößend – kalt wie ein Eiszapfen, zusammengekniffene Augen, lattendürr, kerzengerade und noch herrischer als ihr Arbeitgeber, falls das überhaupt möglich war.

Sie gewährte Audrey nur einen kurzen Aufenthalt in ihrer makellos aufgeräumten Küche – lange genug, um ihre Sozialversicherungsnummer aufzuschreiben, ihrem Hass auf den Hund Ausdruck zu verleihen und Audrey auf ihre Pflichten hinzuweisen, die sie so diskret durchzuführen habe, dass sich weder der Hausherr noch Miss Bee dadurch gestört fühlten.

Außerdem sollte Audrey nicht einmal im Traum daran denken, einem Mann wie Simon Collier möglicherweise schöne Augen zu machen.

Audrey versuchte Miss Bee zu beruhigen und versicherte ihr, dass sie momentan derlei Probleme in ihrem Leben überhaupt nicht gebrauchen könne, hatte am Ende aber das Gefühl, dass die Haushälterin alles andere als beruhigt war.

„Puh!“, stieß sie hervor, als sie der Küche entkommen und in die Sicherheit des Gartens zurückgekehrt war.

Auf dem Weg zu ihrem Auto kam Tink, der im Schatten eines Baumes gedöst hatte, herbeigelaufen und sprang an ihr hoch, als wollte er sie bitten, ihn nicht mit Miss Bee allein zu lassen. Dabei bellte er aufgeregt und versuchte ihr das Gesicht zu lecken.

Audrey bemühte sich um ein strenges Gesicht. „Aus!“, rief sie und schob den Hund beiseite, sodass er auf allen vieren landete. Dann kniete sie sich neben ihn und streichelte ihm über den hübschen schwarzen Kopf.

„Ich muss gehen, aber ich bin bald wieder da“, versprach sie ihm. „Und wenn ich wiederkomme, werden wir beide Freunde werden.“

Er jaulte, als ob er verstanden hätte, dass sie ihn allein ließ.

„Mein Baby“, sagte sie bedauernd. Nur zu gut wusste sie, wie es sich anfühlte, allein und ungeliebt zu sein. „Ich muss meine Sachen holen. Ich bringe dir auch ein paar Leckerlis mit und komme so schnell wie möglich zurück.“

Sie drückte ihm einen Kuss auf den Kopf und erhob sich.

Wie verrückt begann Tink zu bellen. Sofort erschien Miss Bee an der Tür, um den Hund zur Ordnung zu rufen. Als sie Audrey bemerkte, richtete sich ihr Zorn auf sie.

„Sie sind ja noch hier“, stellte sie fest.

Sie sah aus, als sei sie beleidigt, weil Audrey nicht schnell genug verschwunden war. Kerzengerade stand sie an der Tür und wirkte von Sekunde zu Sekunde verärgerter. „Würden Sie dieses Ding da bitte zum Schweigen bringen? Oder besser noch: Beachten Sie ihn erst wieder morgen, wenn Sie die Verantwortung für ihn übernommen haben.“

Audrey bemühte sich, ruhig zu bleiben. „Eigentlich wollte ich einen Spaziergang mit ihm machen. Da kann er sich austoben, und Sie haben Ihre Ruhe. Wäre doch auch schön für Sie. Ich schätze, ich bin um neun Uhr wieder hier.“

Miss Bee musterte sie verächtlich, und Audrey fragte sich, ob Miss Bee überhaupt irgendetwas schön finden konnte. Sie machte auf dem Absatz kehrt, trat ins Haus und schlug die Tür hinter sich zu.

Audrey seufzte und holte die Hundeleine, die an einem Haken in der Garage hing, während Tink fröhlich um sie herumsprang. Offenbar ahnte er, dass es jetzt Gassi ging.

Weil Tink so heftig an der Leine zerrte, entschloss Audrey sich, zu joggen, damit der Hund nicht glaubte, er zöge sie und bestimme die Route.

Nachdem sie eine Weile über die Hauptstraße gelaufen waren, bogen sie in die Straße ein, in der Audrey gewohnt hatte. Sie kamen an ihrem ehemaligen Haus vorbei, und das Herz schlug ihr nicht nur wegen der körperlichen Anstrengung bis zum Hals. Einige Meter weiter lag Maple & Vine, die Lieblingseisdiele ihrer Tochter. Da es in der Nachbarschaft eine Menge Hunde gab, hatte der Ladenbesitzer eine große Schüssel mit Wasser vor sein Schaufenster gestellt. Während Tink seine Schnauze in das kühle Nass steckte, hörte Audrey plötzlich eine vertraute Stimme. „Mom?“

Audrey fuhr herum. Mit einem Schokoladeneis in der Hand verließ Andie den Laden. Entgeistert starrte sie ihre Mutter an. Neben ihr stand ihr Freund Jake Elliott, der so viele von Audreys peinlichen Auftritten mitbekommen hatte.

„Was machst du denn hier?“, fragte Andie vorwurfsvoll.

„Ich … ähm …“ Sie hatte sich diese Situation mehr als tausend Mal vorgestellt, aber jetzt, wo sie eingetreten war, fehlten ihr die Worte. Sie schaute ihrer Tochter fest in die Augen und antwortete: „Ich habe einen Job in Highland Park bekommen. Ich werde demnächst hier wohnen.“

Andie sah schockiert aus. Tränen stiegen ihr in die Augen, und sie trat einen Schritt zurück, als sei Audrey ihr zu nahe gekommen.

„Wie kannst du mir so etwas antun?“, fragte Andie mit Tränen in den Augen. „Hast du mein Leben nicht schon genug ruiniert?“

Audrey wusste nicht, was sie darauf antworten sollte, aber Tink rettete die Situation. Vielleicht hatte er die Anspannung zwischen ihr und Andie gespürt und beschlossen, sich auf Audreys Seite zu stellen.

Er knurrte Andie und Jake an.

„Nein, Tink“, befahl Audrey streng. Er sah sie an, als sei sie zu dumm, um zu verstehen, dass er sie verteidigte.

„Ist schon gut“, versicherte Audrey ihm. „Es ist alles in Ordnung.“ Das Knurren verstummte, aber vorsichtshalber blieb er neben ihr stehen, um eingreifen zu können, wenn es nötig sein sollte.

„Du glaubst also, dass du dich in mein Leben zurückdrängen kannst? Einfach so?“, wollte Andie wissen.

Nein. Sie wollte nur in ihrer Nähe wohnen und die Hoffnung nicht aufgeben, dass sich etwas ändern könnte. Dass Andie sie brauchen würde.

„Ich führe nur den Hund aus, Andie. Ich habe nicht damit gerechnet, dir zu begegnen. Wie auch? Wir haben uns ja zwei Monate lang nicht gesehen.“

„Aber hier? Warum ausgerechnet hier? Wo ich wohne!“ Andie schüttelte den Kopf. „Das wird nicht funktionieren. Egal, was du tust. Es wird nicht funktionieren.“

Dann machte sie auf dem Absatz kehrt und lief davon. Jake blieb einen Moment lang unschlüssig stehen, als wollte er etwas sagen. Dann ließ auch er sie wortlos stehen.

Wütend bellte Tink hinter den beiden her.

„Nein, Tink“, beschwichtigte Audrey ihn. „Das ist mein Baby. Mein kleines Mädchen.“

Sie sah Andie nach, die in ihren Wagen stieg und losfuhr. Mutlos sank sie auf eine Bank vor der Eisdiele, den Hund im Arm. Er winselte kläglich, weil er nicht wusste, was los war und so gern geholfen hätte.

Andie zitterte noch immer am ganzen Körper, als sie in die Einfahrt des Hauses einbog, in dem sie mit ihrem Vater lebte. Vergeblich hatte Jake sie zu beruhigen versucht und gebeten, mit zu ihm zu kommen, wo sie über alles reden wollten, aber sie hatte abgelehnt. Er hätte ihr ohnehin nicht helfen können.

Solche Dinge regelte man sowieso besser alleine. Wenn es darauf ankam, konnte man sich doch auf niemanden verlassen.

Es war ihr Leben. Es waren ihre Probleme.

Wie konnte ihre Mutter es bloß wagen, hier aufzutauchen, zumal sich die Nachbarn nach dem, was im vergangenen Herbst geschehen war, immer noch das Maul zerrissen?

Jetzt wollte sie auch noch in ihrer Nähe wohnen! Andie konnte es kaum fassen.

Sie stieg aus und schlug die Wagentür zu. Zornig wischte sie sich die Tränen aus dem Gesicht. Das Auto ihres Vaters stand nicht in der Einfahrt; er war also wie meistens nicht zu Hause. Dafür stand das Auto seiner geradezu peinlich jungen und rotzfrechen blonden Freundin vor der Tür.

Na toll!

Wären ihre Eltern doch bloß zwei Jahre länger zusammengeblieben. Dann wäre sie ohnehin aufs College gegangen und hätte mit all dem nichts mehr zu tun gehabt. Andie konnte es kaum erwarten, von zu Hause wegzukommen.

Wie sollte sie es noch ein weiteres Jahr aushalten, mit ihm und seiner Barbie – wie Andie sie heimlich nannte.

Und jetzt wohnte auch noch ihre Mutter praktisch um die Ecke … Es war die Hölle.

Sie betrat das Haus und knallte geräuschvoll die Tür ins Schloss. Auf dem Weg zu ihrem Zimmer stieß sie mit der neuen Liebe ihres Vaters zusammen. Barbie trug einen Morgenmantel, Pantoffel und grüne Schmiere im Gesicht.

Sie gab einen missbilligenden Laut von sich. „Ich dachte, es wäre Richard“, erklärte sie.

„Um diese Zeit? Machst du Witze? Wann ist er das letzte Mal im Hellen nach Hause gekommen? Er muss ziemlich viel arbeiten, um all das Zeug zu kaufen, was du brauchst … dein neues Auto, deine Heimsauna.“

Barbie warf ihr ein honigsüßes Lächeln zu, das so viel sagte wie Mich wirst du so schnell nicht los oder Ich halte länger durch als du, du wirst schon sehen.

Andie redete sich ein, dass es ihr gleichgültig sei. Sie ging in ihr Zimmer, ließ sich aufs Bett fallen und rief ihren Vater an.

„Bitte sei da“, flüsterte sie. „Nur dieses eine Mal.“

Seine Sekretärin meldete sich – und war sogar bereit, Andie durchzustellen, damit sie mit ihrem Vater reden konnte.

„Dad“, jammerte Andie, sobald ihr Vater sich meldete. „Es ist etwas Schreckliches passiert. Ich bin Mom vor der Eisdiele begegnet. Sie hat mir erzählt, dass sie nach Highland Park zieht.“

Er lachte. „Andie, das kann sich deine Mutter doch gar nicht leisten. Es sei denn …“

Sie hat jemanden gefunden, der ihr das Geld dafür gibt.

Doch er musste den Satz nicht beenden. Andie wusste auch so, was er sagen wollte. Highland Park war eine der teuersten Wohngegenden in der Stadt.

„Sie sagt, sie hätte einen Job.“

„Was denn? Sie hat doch gar nichts gelernt.“

„Ich weiß“, seufzte Andie.

Was bedeutete das? Dass ihre Mutter sie angelogen hatte? Das wäre nichts Neues.

„Ich will nicht, dass sie hier ist“, murrte Andie. „Es ist gerade ein wenig Gras über die Sache gewachsen, und ich möchte das alles nicht noch mal durchmachen. Kannst du sie nicht anrufen und sie bitten, dass sie verschwinden soll? Sag ihr, wenn sie mich wirklich liebt, dann geht sie wieder.“

„Ich … warte mal, Andie. Da kommt gerade ein Gespräch auf der anderen Leitung, auf das ich gewartet habe. Ich muss rangehen …“

„Daddy, bitte!“

„Tut mir leid.“

„Bitte ruf sie an. Versprich mir, dass du es tust. Bitte …“

Die Leitung wurde getrennt.

Andie drückte auf die Aus-Taste und musste sich zusammenreißen, das Telefon nicht gegen die Wand zu schleudern.

Natürlich erwartete er einen wichtigen Anruf.

Es ging ja nur um ihr Leben, das ihre Mutter zu ruinieren drohte. Aber er musste telefonieren. Eigentlich keine Überraschung. Sie konnte von Glück sagen, wenn er ihr täglich fünf Minuten seiner kostbaren Zeit widmete – wenn überhaupt. Eigentlich war er genauso selten daheim wie vor der Trennung ihrer Eltern.

Mal tauchte er auf, dann verschwand er wieder, machte sein eigenes Ding, und jetzt hatte er seine Barbie, mit der er seine knapp bemessene Freizeit verbrachte.

Sie war wirklich ganz auf sich allein gestellt.

Nachdem Audrey den Hund wieder abgeliefert hatte, war sie zu Marion gefahren, um ihre paar Habseligkeiten zusammenzusuchen. Sie besaß nicht viel.

Vor drei Monaten hatte sie das gemeinsame Haus verlassen – nur mit einem Koffer und einem Rucksack mit Sachen, die man für eine Nacht brauchte. Und damit war sie vor zwei Monaten bei Marion aufgetaucht. Was sie sonst noch hatte, passte in zwei Umzugskisten, die bereits im Wagen waren. Sie zog den Reißverschluss ihres Koffers zu und sah sich in dem winzigen Gästehaus um, das für einige Zeit ihr Zuhause gewesen war. Plötzlich hatte sie das Gefühl, in Panik zu geraten.

„Ganz ruhig“, beschwichtigte Marion sie und legte einen Arm um ihre Hüfte. „Es wird Zeit für etwas Neues, und du schaffst das schon.“

„Schön, dass jemand so denkt.“ Sie legte den Kopf an Marions Schulter. Die Frau war zwar nur einen Meter fünfzig groß, aber voller Energie.

„Wie kann ich dir nur jemals für alles danken?“ Audrey spürte einen Kloß in der Kehle.

„Das ist gar nicht nötig. Wirklich nicht. Das habe ich dir schon beim Einzug gesagt. Ich hatte dich gerne bei mir, und ich werde dich auch weiterhin unterstützen. Du bist jederzeit willkommen. Ich wäre sogar beleidigt, wenn du dich nicht hin und wieder meldest. Aber jetzt ist es Zeit, dich aus dem Nest zu werfen, mein Liebes. Du musst dein Leben weiterleben. Ich kenne mich aus in diesen Dingen, weißt du? Und ich habe immer recht. Du bist so weit.“

Audrey musste sich zusammenreißen, um nicht in Tränen auszubrechen. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich noch mal eine zweite Chance bekomme. Außer von dir …“

„Ach, wenn du dich revanchieren willst, wirst du bestimmt jemanden finden, dem du auf die Füße helfen kannst. Das wäre für mich das schönste Dankeschön.“

„Das werde ich“, versprach Audrey und warf einen sehnsüchtigen Blick auf das Eisenbett mit der geblümten Decke, auf die Seidenvorhänge und die Kochnische, die kaum größer war als eine Besenkammer. Ihr Zufluchtsort, als es ihr wirklich schlecht gegangen war. „Ich werde diesen Ort vermissen. Ich vermisse ihn jetzt schon.“

Marion strahlte sie an. „Du bist bereit für etwas Neues. Was hältst du eigentlich von Simon?“

„Nun ja, er ist weder sechzig noch kahlköpfig.“

Marion lachte schallend. „Wie um alles in der Welt kommst du darauf, dass Simon sechzig und kahlköpfig sein könnte?“

„Ich weiß nicht. Du hast mir immer erzählt, wie erfolgreich und wohlhabend er ist. Da habe ich einfach angenommen, dass er nicht …“ So attraktiv ist. Audrey hoffte, dass sie bei dem Gedanken nicht rot wurde.

„Wie alt ist er denn nun wirklich?“, wollte sie wissen. Es war die erste Frage, die ihr in den Sinn kam. Über sein gutes Aussehen wollte sie lieber gar nicht erst reden.

„Keine Ahnung. Ich kenne ihn schon, seitdem er ein Junge war.“

„War er schon immer so … dominant?“

„Ja. Er weiß stets, was er will und wie er es bekommen kann. Geschäftlich, meine ich.“

Audrey wurde ein wenig nervös. „Marion, du hast doch nicht etwa daran gedacht, mich mit Simon Collier zu verkuppeln?“

„Natürlich nicht.“

Audrey nahm ihren Rucksack und den Rollkoffer zur Hand.

Sie verließen das Haus. Marion verschloss die Tür. „Schau nicht zurück“, riet sie Audrey. „Nur nach vorn. Es ist die einzige Möglichkeit, sein Ziel zu erreichen.“

Erneut war Audrey zum Heulen zumute. „Ich habe Andie heute getroffen.“

„Wirklich?“ Sie wusste, wie viel Audrey das bedeutete.

Audrey starrte auf den Weg, der um das Haus herumführte. Marion folgte ihr zu ihrem Wagen. „Nur ein paar Straßen von Simon entfernt. Sie war wütend, als ich ihr erzählte, dass ich in der Nähe arbeiten und wohnen würde.“

„Das ist doch keine Überraschung. Du wusstest doch, dass du deiner Tochter früher oder später über den Weg laufen würdest, wenn du erst mal in ihrer Nähe wohnst. Gib ihr Zeit. Es wird sich schon alles regeln.“

„Das hoffe ich. Etwas anderes bleibt mir ja nicht übrig.“

Marion verdrehte die Augen. „Sie ist ein Teenager. Die ändern stündlich ihre Meinung und machen aus jeder Kleinigkeit ein Drama.“

„Was ich gemacht habe, war keine Kleinigkeit.“

„Ich weiß, aber du bist noch immer ihre Mutter. Ein Mädchen in diesem Alter braucht seine Mutter. Und sie muss lernen, zu verzeihen. Glaub mir, ich habe recht. Und ich habe auch recht, was dich angeht. Glaub wenigstens mir, wenn du dir selbst im Moment noch nicht glauben kannst.“

„Ich versuch’s“, versprach Audrey.

Sie öffnete die Wagentür und hievte das Gepäck auf den Rücksitz. In dem Moment klingelte ihr Handy.

„Es ist Richard.“ Sie verzog das Gesicht, als sie die Nummer auf dem Display erkannte.

„Lass dich nur nicht einschüchtern. Der Mann ist an alledem nicht schuldlos.“

Audrey holte tief Luft, ehe sie das Gespräch entgegennahm. „Hallo, Richard.“

„Was höre ich da für einen Unsinn über dich, Audrey? Du ziehst nach Highland Park?“ Er sprach so laut, dass Marion jedes Wort mitbekam.

„Es stimmt. Ich werde dort wohnen. Ich habe dort einen Job gefunden.“

Er lachte. „Ich kann mir vorstellen, was du in einer Gegend wie Highland Park tust.“

Audrey musste sich zusammenreißen. Mit dieser Unterhaltung hätte sie rechnen können. Andie wollte sie nicht in ihrer Nähe haben. Offensichtlich hatte sie Richard gebeten, ihr das auszureden.

Eine Weile hörte sie schweigend zu. Schließlich konnte sie es nicht länger ertragen und unterbrach ihn: „Sag ihr, dass es mir leidtut. Aber ich bleibe.“

Richard schalt sie selbstsüchtig, unverantwortlich und eine schlechte Mutter. Noch während er sie anbrüllte, beendete sie das Gespräch.

Marion stand stumm vor ihr, obwohl sie sichtlich vor Wut kochte.

„Du hast ihn gehört. Andie hat ihn gebeten, mich zum Weggehen zu überreden.“

Marion nickte bedächtig. So besonnen kann sie nur reagieren, weil sie nicht das durchgemacht hat, was ich durchmachen musste, dachte Audrey. „Das Überraschende ist, dass Richard sich tatsächlich die Zeit genommen hat, ihr zuzuhören und zu tun, worum sie ihn gebeten hat.“

„Das Gleiche habe ich auch gerade gedacht.“ Marion legte eine Hand auf Audreys. „Und ich verrate dir ein kleines Geheimnis, damit es dir wieder besser geht. Falls du jemals den Wunsch danach verspüren solltest – Simon könnte deinen Ex-Mann mit einer Handbewegung kaltstellen. In geschäftlicher Hinsicht, meine ich. Also, wenn es wieder mal ganz schlimm mit ihm wird – denk an meine Worte.“

Audrey lachte. Die Vorstellung, dass jemand Richard kaltstellen konnte, gefiel ihr.

„Wenn unsere Tochter nicht in eineinhalb Jahren aufs College gehen würde, könnte ich glatt in Versuchung geraten“, meinte sie. „Und was soll ich jetzt tun?“

„Hab Vertrauen, Audrey. Sei selbstbewusst und selbstsicher. Glaube an das, was du tust und was dir wichtig ist. Deine Tochter zum Beispiel. Und dass du alles daransetzt, euer Verhältnis wieder in Ordnung zu bringen.“

Audrey beugte sich zu Marion hinunter und umarmte sie. „Warum bist du nur so klug?“

„Weil ich selber eine Menge Fehler gemacht habe. Man muss nur aus ihnen lernen – so wie du. Das ist der Trick.“ Marion ließ sie los und lächelte ihr zu. „Und jetzt geh und hol dir deine Tochter zurück.“

Simon Colliers Haus lag im Dunkeln, als Audrey in die Auffahrt bog. Sie stellte den Wagen an der Treppe ab, die zu ihrer Wohnung führte. Kaum hatte sie den ersten Karton aus dem Kofferraum geholt, wurde die Haustür geöffnet. Miss Bee steckte den Kopf heraus, und Tink bellte wie verrückt.

„Überpünktlich“, stellte Miss Bee überrascht und auch ein bisschen zufrieden fest. Offenbar war sie es nicht gewohnt, dass jemand zu früh zur Arbeit erschien. Und es war kurz vor neun Uhr.

„Sie können den Hund hinauslassen. Ich kümmere mich jetzt um ihn.“

Zwei Sekunden später war Tink bei ihr und sprang aufgeregt um sie herum. Offenbar war er über ihre Rückkehr außer sich vor Freude.

Audrey stellte die Kiste ab und kniete sich hin, um ihn zu begrüßen. Er stemmte sich mit den Vorderfüßen auf ihre Oberschenkel. Lachend legte sie die Arme um ihn, während er sich mit dem Kopf an ihre Brust kuschelte. Sein warmer Atem blies ihr übers Gesicht, und er begann sie abzulecken.

„Ist ja schon gut“, beschwichtigte Audrey ihn. „Schön, dass du dich so freust …“ Unvermittelt brach sie in Tränen aus.

Tink sprang zu Boden und schaute sie verwirrt an. Dann legte er den Kopf zur Seite und begann zu jaulen. Es klang, als weinte er mit ihr.

„Es ist alles in Ordnung“, versicherte Audrey ihm. „Es ist nur schon so lange her, dass jemand so glücklich war, mich zu sehen. Du bist so süß. Ziemlich wild, aber sehr süß.“

Sie streichelte sein schwarz-weißes Fell, saß neben ihm und genoss das Glücksgefühl, das von ihm auszugehen...

Autor

Cara Colter

Cara Colter hat Journalismus studiert und lebt in Britisch Columbia, im Westen Kanadas. Sie und ihr Ehemann Rob teilen ihr ausgedehntes Grundstück mit elf Pferden. Sie haben drei erwachsene Kinder und einen Enkel. Cara Colter liest und gärtnert gern, aber am liebsten erkundet die begeisterte Reiterin auf ihrer gescheckten Stute...

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Christyne Butler
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